Es waren einmal Dorfkinder auf Nachthütung im Walde, die Nacht war kalt
und neblicht, so daß auch am Feuer die erstarrte Hand nicht mehr warm
werden wollte. Da sagte eins der Mädchen, das einen aufgeweckten Geist
hatte: ich will lieber ein Stück Weges laufen, das wird mir mehr Wärme
geben als das Sitzen am Feuer. Mit diesen Worten sprang es auf und lief
davon. Die andern lachten hinter ihr her und sagten: sie wird wohl bald
zurück kommen! Aber der kleine Flüchtling kam nicht zurück. Als die
Morgenröthe schon am Himmel stand, fingen sie an das verschwundene
Mädchen zu rufen, erhielten aber von keiner Seite her eine Antwort. Die
Kinder meinten nun, sie müsse wohl in's Dorf gegangen sein. Als man aber
heim kam, war die Vermißte nirgends zu finden. Die Aeltern gingen in den
Wald, ihre Tochter zu suchen; umsonst aber strichen sie über einen
halben Tag lang von einem Flecke zum andern, sie fanden keine Spur von
ihr. Da dachten sie mit Schrecken daran, daß wilde Thiere das Mädchen
getödtet haben könnten. Sorgenvoll und betrübt gingen sie gegen Abend
wieder nach Hause.
Das verloren gegangene Kind war schon eine Strecke weit von den übrigen
abgekommen, als es an eine Bergspitze gelangte, auf der ein kleines
Feuer brannte, weiter konnte es durch den dichten Nebel nichts sehen.
Das Kind dachte, seine Gefährten seien da am Feuer, kletterte den Berg
hinan und sah, daß ein graubärtiger einäugiger Mann ausgestreckt am
Feuer lag und es mit einem Eisenstecken schürte. Das Kind erschrack und
wollte zurück, aber der Alte hatte es schon bemerkt und rief in strengem
Tone: »Bleibe stehen, oder ich werfe den Eisenstecken nach dir! Zwar
habe ich nur ein einziges Auge, aber das ist eben so sicher wie die
Hand, so daß ich niemals mein Ziel verfehle!« -- Das Kind blieb zitternd
stehen. Der Alte hieß es näher kommen, und als das Mädchen furchtsam
zögerte, stand er auf, nahm es bei der Hand und sagte: »Komm und wärme
dich!« Das Mädchen mußte nun wohl, wenn auch zitternd und bebend,
mitgehen. Der Alte nahm Weißbrot aus seinem Schultersack und gab es dem
Kinde zu essen. Dann klopfte er mit dem Eisenstecken auf den Rasen und
alsbald standen zwei hübsche Mädchen am Feuer, als wären sie aus der
Erde hervorgewachsen. Es dauerte nicht lange, so hatten sich die Kinder
miteinander befreundet, spielten und trieben Kurzweil am Feuer, der Alte
aber hatte das Auge geschlossen, als schliefe er.
Als die Morgenröthe heraufstieg, trat ein altes Mütterchen heran und
sprach zum Dorfkinde: Heute mußt du bei unseren Kindern zu Gast bleiben
und auch die nächste Nacht hier schlafen, dann schicke ich dich wieder
nach Hause. -- Obwohl sich nun das Dorfkind anfangs geängstigt hatte, so
war es dort bald mit den andern Kindern so bekannt geworden, daß es
weder Furcht noch Heimweh mehr empfand. Der Tag verging ihnen spielend,
und Abends wurden die Kinder miteinander zur Ruhe gelegt. Den andern
Morgen aber kam ein junges Frauenzimmer und sprach zum Dorfkinde: »Du
mußt heute nach Hause gehen, denn deine Eltern haben deinetwegen großen
Kummer, sie glauben du seist gestorben.« Mit diesen Worten führte sie
das Kind an der Hand, bis sie aus dem Walde heraus kamen. Dann sagte die
Führerin: Von dem, was du gestern und vorige Nacht gehört und gesehen
hast, darfst du kein Wörtchen zu Hause reden, sage nur, du habest dich
im Walde verirrt. Darauf gab sie dem Kinde eine kleine silberne Spange
und sagte: Wenn dich die Lust anwandeln sollte, wieder einmal zu uns zu
Gast zu kommen, so hauche nur auf diese Spange, so findest du schon den
Weg zu uns!« Das Kind steckte die Spange in die Tasche und dachte auf
dem Wege zum Dorfe daran, was wohl die Eltern von der Sache halten
würden, da sie ihnen die Wahrheit nicht gestehen dürfe. In der Dorfgasse
gingen zwei Männer an ihr vorüber, welche sie nicht kannte. Als sie in
des Vaters Hofthor trat, schien ihr der Ort gänzlich fremd; wo vorher
nichts gestanden hatte, da wuchsen jetzt Aepfelbäume, an denen schöne
Früchte hingen. Auch das Haus erschien ihr fremd. Da trat ein fremder
Mann aus der Thür, schüttelte wie verwundert den Kopf und sagte, so daß
das Mädchen auf dem Hofe es hörte: »Ein fremdes Dorfmädchen ist auf
unserem Hofe.« Das Mädchen erschien die Sache wie ein Traum, doch trat
sie einige Schritte näher, bis sie an die Thürschwelle kam. Als sie in's
Zimmer hineinsah, erblickte sie den Vater, der auf der Ofenbank saß;
eine fremde Frau und ein junger Mann saßen neben ihm, aber dem Vater
waren Bart und Haupthaar ganz grau geworden. »Guten Morgen, Vater!«
sagte die Tochter, »wo ist die Mutter?« -- »Die Mutter, die Mutter?«
rief die fremde Frau zusammenfahrend. »Hilf Gott! bist du der verlorenen
Tiu Geist, oder bist du ein lebendiges Geschöpf wie wir? Ist es denn
möglich, daß unser liebes Kind, das uns vor sieben Jahren verstarb, zum
zweiten Male in's Leben zurück kommt?« Tiu konnte aus dieser Rede nicht
klug werden. Da erhob sich die fremde Frau von der Bank, streifte Tiu's
Hemdärmel auf, fand auf der Handwurzel eine kleine Brandnarbe und rief
dann aus, das Mädchen umhalsend: »Unsere Tiu, unser für todt beweintes
Kind, das vor sieben Jahren im Walde verloren ging.« »Das kann ja nicht
sein,« erwiderte Tiu, »ich bin nur eine Nacht und einen Tag von euch weg
gewesen, oder zwei Nächte und einen Tag«[4].
Jetzt gab es beiderseits genug sich zu wundern; Tiu sah nun deutlich,
daß sie länger weg gewesen war als sie selbst glaubte, denn sie war
jetzt schon etwas größer als ihre Mutter, und Vater und Mutter waren
gealtert. Gern hätte sie den Eltern erzählt, was ihr begegnet war,
allein sie durfte ja nicht. Endlich sagte sie, ich hatte mich verirrt
und war unter fremde Leute gerathen. Der Eltern Freude über ihr
wiedergefundenes Kind war so groß, daß sie nicht weiter nachforschten,
wo es denn gewesen sei.
Den andern Abend aber, als Vater und Mutter schlafen gegangen waren,
ließ es der Tiu keine Ruhe mehr, sie zog die Spange aus der Tasche und
hauchte darauf, um Auskunft darüber zu erlangen, was für ein wundersames
Ereigniß sich mit ihr zugetragen. Alsbald fand sie sich wieder am Feuer
auf dem Berge, und auch der einäugige Alte war wieder da. -- »Lieber
alter Papa!« bat Tiu, »gieb mir Auskunft darüber, was mit mir
vorgegangen ist.« Der Alte erwiderte lachend: »Plappern ist
Weibersache!« klopfte mit seinem Stecken auf den Rasen, und das junge
Frauenzimmer, welches Tiu nach Hause geleitet und ihr die Spange
geschenkt hatte, stand vor ihr. Sie nahm Tiu bei der Hand und führte sie
einige Schritte vom Feuer weg; dort sagte sie: Da du dir zu Hause nichts
hast merken lassen, will ich dir mehr verrathen. Der alte Papa am Feuer
ist des Nebelberges König, die alte Mutter, welche du die erste Nacht
gesehen hast, ist die Rasenmutter[5], und wir sind ihre Töchter. Ich
will dir jetzt eine noch schönere bunte Spange geben, sage zu Hause, du
habest sie gefunden. Willst du uns sehen, so hauche nur wieder auf die
Spange. Heute darf ich dir nichts weiter sagen, aber sei verschwiegen,
so wirst du künftig mehr von uns zu hören bekommen. Jetzt geh' nach
Hause, ehe die Eltern aus dem Schlafe erwachen.
Als sie am Morgen erwachte, hielt sie das in der Nacht Geschehene für
einen Traum, aber die schöne Spange auf ihrer Brust bewies ihr, daß sie
nicht geträumt hatte. Indeß war ihr das Leben im Dorfe so fremd
geworden, daß sie häufig Abends, wenn die Eltern schlafen gegangen
waren, auf ihre Spange hauchte und sich dadurch, wie sie wünschte, auf
den Nebelberg versetzte. Am Tage war sie meist verdrießlich, weil sie
sich nach ihrem nächtlichen Glücke sehnte und somit wenig Ruhe hatte.
Als der Herbst kam, fanden sich viele Freier ein; aber sie wies sie ab,
endlich vor Weihnacht wurde mit dem jungen Manne, welchen sie bei ihrer
Rückkehr auf des Vaters Hofe gesehen hatte, Branntwein[6] getrunken.
Der Bräutigam blieb als Schwiegersohn im Hause, denn die Eltern waren
beide schon betagt.
Im nächsten Jahre brachte Tiu ein Töchterchen zur Welt, es war ein sehr
schönes Kind, konnte aber doch der Mutter Herz nicht ausfüllen. Sie
sehnte sich stets nach dem Nebelberge zurück und wäre gern hingezogen,
wenn sie das Kind hätte allein lassen können. Als aber die Tochter
sieben Jahr alt geworden war, kam eine Nacht, wo die Mutter ihr
Verlangen nicht mehr zurückdrängen konnte, sie hauchte auf die Spange
und sah sich auf den Nebelberg versetzt. Der Rasenmutter Töchter kamen
ihr mit Freudengeschrei entgegen. »Warum bist du so lange weg
geblieben?« fragten sie. Tiu sagte mit thränenden Augen, daß es ihr
nicht möglich gewesen sei zu kommen, wiewohl ihr das Herz großes
Verlangen danach getragen habe. Des Nebelberges König muß uns helfen,
sagten darauf die Mädchen und baten Tiu, nach zwei Wochen wieder zu
kommen und ihr Töchterchen mitzubringen. Tiu versprach es zu thun, wenn
es möglich wäre.
Als aber die Zeit herangekommen war, schlief das Kind so ruhig an des
Vaters Seite, daß die Frau nicht das Herz hatte, es mit sich zu nehmen,
sie ging deßhalb, indem sie sich der Spange bediente, allein. Der alte
König des Nebelberges lag beim Scheine des Feuers am Boden, und sagte
als er Tiu erblickte: »Du bist heute zur unglücklichen Stunde ohne dein
Kind hergekommen, und es wird dir große Qual daraus erwachsen. Doch
kannst du zu guter Letzt noch eine vergnügte Nacht feiern, ehe deine
Leidenstage beginnen.« Bei diesen Worten klopfte er mit dem Eisenstecken
auf den Rasen, und sofort erschienen der Rasenmutter Töchter, nahmen Tiu
mit sich und feierten ein schönes Fest miteinander.
Inzwischen war daheim der Mann erwacht und als er die Frau nicht im
Bette fand, stand er auf und suchte sie auf dem Hofe. Auch hier fand er
keine Spur der Verschwundenen. Da entbrannte im Manne der Zorn, denn er
glaubte die Frau sei irgendwo auf bösen Wegen, darum legte er sich nicht
wieder hin, sondern ging sofort zu einem Weisen des Dorfes, ihm den Fall
zu erzählen, und ihn um Rath fragen. Als der Weise sich aus einem
Weinglase Aufschluß verschafft hatte, sagte er: »Mit deinem Weibe steht
es nicht wie es sein soll, sie geht des Nachts als Wärwolf[7] um, und
hat das gewiß schon lange getrieben, nur daß du es bis heute nicht
bemerkt hast. Wenn sie nach Hause kommt, mußt du sie sogleich vor
Gericht stellen.«
Der Mann fand, als er nach Hause kam, die Frau an der Seite des Kindes
ruhig im Bette schlafen, er weckte sie indeß nicht, um sie über ihren
nächtlichen Gang auszufragen, sondern ging vor Gericht, wie der Weise
gewollt hatte. Die Frau wurde vorgefordert. Sie weigerte sich Auskunft
darüber zu geben, wo sie vergangene Nacht gewesen sei, wollte auch nicht
gestehen, wo sie früher als Kind sieben Jahre lang sich verborgen
gehalten, und sagte nur: Meine Seele ist schuldlos, mehr kann ich nicht
sagen. Auch später wollte sie ihr Geheimniß nicht verrathen, so daß
endlich der Spruch gefällt wurde: das Weib ist eine Hexe, ein Wärwolf
und sonstige Uebelthäterin, deßhalb muß sie den Feuertod sterben. Es
wurde dann ein großer Scheiterhaufen errichtet, an welchen man das arme
Weib festband, worauf er angezündet wurde. Als aber die Flamme eben
aufloderte, fiel so dichter Nebel, daß man die Hand vor Augen nicht
sehen konnte[8]. Als später die Sonnenstrahlen den Nebel aufsogen, fand
man den Scheiterhaufen noch unversehrt, das Weib aber war nirgends zu
finden, es war als ob sie im Nebel zerflossen wäre. -- Des Nebelberges
König hatte sie gerettet.
Wiewohl nun Tiu jetzt auf dem Nebelberge gute Tage hatte, so fand ihr
Herz doch keinen Frieden, sondern sehnte sich nach dem zurückgebliebenen
Kinde. Hätte ich mein Töchterlein hier -- so seufzte sie oft -- dann
könnte ich glücklich leben, so aber ist das halbe Herz immer bei dem
Kinde im Dorfe, und die andere Hälfte lebt in Trauer. Des Nebelberges
König errieth ihre geheimen Gedanken und ließ einst bei Nacht das
Töchterlein aus dem Dorfe zur Mutter bringen. Da waren beide, Mutter und
Tochter, vollkommen glücklich und sehnten sich nach nichts mehr. Die
Dorfleute und der Mann glaubten, daß die, in einen Wärwolf verwandelte
Frau das Kind bei Nacht fortgenommen habe. Der Mann freite eine andere
Frau, aber weder seine eigene Wirthschaft noch die der anderen Höfe
nahmen so guten Fortgang wie sonst; allsommerlich litten sie Schaden
durch Dürre, das Getreide und Gras verdarben, weil der erfrischende
Nachtthau nicht auf den Strich fiel, den die Leute bewohnten. Des
Nebelberges König war zornig darüber, daß sie sein Pflegekind hatten
umbringen wollen.
[Fußnote 4: Sterblichen im Elfen- oder Feenlande verfließt die Zeit,
ihnen unbewußt, mit reißender Geschwindigkeit. S. Köhler's Anm. zu Bd.
1, S. 364. L.]
[Fußnote 5: Vgl. Bd. 1, S. 89 Anm. und S. 104 Anm., sowie S. 30. An
letzterer Stelle heißen die im Mondschein badenden Jungfrauen der
Waldelfen und der »Rasenmutter Töchter«. Wenn in unserem Märchen der
König des Nebelberges der Gemahl der Rasenmutter heißt, so möchte eine
ursprüngliche Identität desselben mit den »Waldelfen« angenommen werden
können. L.]
[Fußnote 6: S. Bd. 1, S. 83 Anm. 2. L.]
[Fußnote 7: Ehstn. liba hunt, eigentlich läufische Wölfin, soll nach
dem Aberglauben das neunte Junge eines Wolfes sein, besonders gefräßig
und gefährlich, mit spitzer Schnauze, welches die Thiere von hinten
anfällt und ihnen das Eingeweide herausreißt (Wiedemann,
Ehstnisch-Deutsches Wörterb. S. V). Hier ist es offenbar Wärwolf, d. h.
Mannwolf. Vgl. über diesen Aberglauben _Rußwurm_ Eibofolke S. 360. L.]
[Fußnote 8: Wörtlich: Daß man nicht vor seinen Füßen sehen konnte. L.]