2. Des Nebelberges König.

Es waren einmal Dorfkinder auf Nachthütung im Walde, die Nacht war kalt

und neblicht, so daß auch am Feuer die erstarrte Hand nicht mehr warm

werden wollte. Da sagte eins der Mädchen, das einen aufgeweckten Geist

hatte: ich will lieber ein Stück Weges laufen, das wird mir mehr Wärme

geben als das Sitzen am Feuer. Mit diesen Worten sprang es auf und lief

davon. Die andern lachten hinter ihr her und sagten: sie wird wohl bald

zurück kommen! Aber der kleine Flüchtling kam nicht zurück. Als die

Morgenröthe schon am Himmel stand, fingen sie an das verschwundene

Mädchen zu rufen, erhielten aber von keiner Seite her eine Antwort. Die

Kinder meinten nun, sie müsse wohl in's Dorf gegangen sein. Als man aber

heim kam, war die Vermißte nirgends zu finden. Die Aeltern gingen in den

Wald, ihre Tochter zu suchen; umsonst aber strichen sie über einen

halben Tag lang von einem Flecke zum andern, sie fanden keine Spur von

ihr. Da dachten sie mit Schrecken daran, daß wilde Thiere das Mädchen

getödtet haben könnten. Sorgenvoll und betrübt gingen sie gegen Abend

wieder nach Hause.

Das verloren gegangene Kind war schon eine Strecke weit von den übrigen

abgekommen, als es an eine Bergspitze gelangte, auf der ein kleines

Feuer brannte, weiter konnte es durch den dichten Nebel nichts sehen.

Das Kind dachte, seine Gefährten seien da am Feuer, kletterte den Berg

hinan und sah, daß ein graubärtiger einäugiger Mann ausgestreckt am

Feuer lag und es mit einem Eisenstecken schürte. Das Kind erschrack und

wollte zurück, aber der Alte hatte es schon bemerkt und rief in strengem

Tone: »Bleibe stehen, oder ich werfe den Eisenstecken nach dir! Zwar

habe ich nur ein einziges Auge, aber das ist eben so sicher wie die

Hand, so daß ich niemals mein Ziel verfehle!« -- Das Kind blieb zitternd

stehen. Der Alte hieß es näher kommen, und als das Mädchen furchtsam

zögerte, stand er auf, nahm es bei der Hand und sagte: »Komm und wärme

dich!« Das Mädchen mußte nun wohl, wenn auch zitternd und bebend,

mitgehen. Der Alte nahm Weißbrot aus seinem Schultersack und gab es dem

Kinde zu essen. Dann klopfte er mit dem Eisenstecken auf den Rasen und

alsbald standen zwei hübsche Mädchen am Feuer, als wären sie aus der

Erde hervorgewachsen. Es dauerte nicht lange, so hatten sich die Kinder

miteinander befreundet, spielten und trieben Kurzweil am Feuer, der Alte

aber hatte das Auge geschlossen, als schliefe er.

Als die Morgenröthe heraufstieg, trat ein altes Mütterchen heran und

sprach zum Dorfkinde: Heute mußt du bei unseren Kindern zu Gast bleiben

und auch die nächste Nacht hier schlafen, dann schicke ich dich wieder

nach Hause. -- Obwohl sich nun das Dorfkind anfangs geängstigt hatte, so

war es dort bald mit den andern Kindern so bekannt geworden, daß es

weder Furcht noch Heimweh mehr empfand. Der Tag verging ihnen spielend,

und Abends wurden die Kinder miteinander zur Ruhe gelegt. Den andern

Morgen aber kam ein junges Frauenzimmer und sprach zum Dorfkinde: »Du

mußt heute nach Hause gehen, denn deine Eltern haben deinetwegen großen

Kummer, sie glauben du seist gestorben.« Mit diesen Worten führte sie

das Kind an der Hand, bis sie aus dem Walde heraus kamen. Dann sagte die

Führerin: Von dem, was du gestern und vorige Nacht gehört und gesehen

hast, darfst du kein Wörtchen zu Hause reden, sage nur, du habest dich

im Walde verirrt. Darauf gab sie dem Kinde eine kleine silberne Spange

und sagte: Wenn dich die Lust anwandeln sollte, wieder einmal zu uns zu

Gast zu kommen, so hauche nur auf diese Spange, so findest du schon den

Weg zu uns!« Das Kind steckte die Spange in die Tasche und dachte auf

dem Wege zum Dorfe daran, was wohl die Eltern von der Sache halten

würden, da sie ihnen die Wahrheit nicht gestehen dürfe. In der Dorfgasse

gingen zwei Männer an ihr vorüber, welche sie nicht kannte. Als sie in

des Vaters Hofthor trat, schien ihr der Ort gänzlich fremd; wo vorher

nichts gestanden hatte, da wuchsen jetzt Aepfelbäume, an denen schöne

Früchte hingen. Auch das Haus erschien ihr fremd. Da trat ein fremder

Mann aus der Thür, schüttelte wie verwundert den Kopf und sagte, so daß

das Mädchen auf dem Hofe es hörte: »Ein fremdes Dorfmädchen ist auf

unserem Hofe.« Das Mädchen erschien die Sache wie ein Traum, doch trat

sie einige Schritte näher, bis sie an die Thürschwelle kam. Als sie in's

Zimmer hineinsah, erblickte sie den Vater, der auf der Ofenbank saß;

eine fremde Frau und ein junger Mann saßen neben ihm, aber dem Vater

waren Bart und Haupthaar ganz grau geworden. »Guten Morgen, Vater!«

sagte die Tochter, »wo ist die Mutter?« -- »Die Mutter, die Mutter?«

rief die fremde Frau zusammenfahrend. »Hilf Gott! bist du der verlorenen

Tiu Geist, oder bist du ein lebendiges Geschöpf wie wir? Ist es denn

möglich, daß unser liebes Kind, das uns vor sieben Jahren verstarb, zum

zweiten Male in's Leben zurück kommt?« Tiu konnte aus dieser Rede nicht

klug werden. Da erhob sich die fremde Frau von der Bank, streifte Tiu's

Hemdärmel auf, fand auf der Handwurzel eine kleine Brandnarbe und rief

dann aus, das Mädchen umhalsend: »Unsere Tiu, unser für todt beweintes

Kind, das vor sieben Jahren im Walde verloren ging.« »Das kann ja nicht

sein,« erwiderte Tiu, »ich bin nur eine Nacht und einen Tag von euch weg

gewesen, oder zwei Nächte und einen Tag«[4].

Jetzt gab es beiderseits genug sich zu wundern; Tiu sah nun deutlich,

daß sie länger weg gewesen war als sie selbst glaubte, denn sie war

jetzt schon etwas größer als ihre Mutter, und Vater und Mutter waren

gealtert. Gern hätte sie den Eltern erzählt, was ihr begegnet war,

allein sie durfte ja nicht. Endlich sagte sie, ich hatte mich verirrt

und war unter fremde Leute gerathen. Der Eltern Freude über ihr

wiedergefundenes Kind war so groß, daß sie nicht weiter nachforschten,

wo es denn gewesen sei.

Den andern Abend aber, als Vater und Mutter schlafen gegangen waren,

ließ es der Tiu keine Ruhe mehr, sie zog die Spange aus der Tasche und

hauchte darauf, um Auskunft darüber zu erlangen, was für ein wundersames

Ereigniß sich mit ihr zugetragen. Alsbald fand sie sich wieder am Feuer

auf dem Berge, und auch der einäugige Alte war wieder da. -- »Lieber

alter Papa!« bat Tiu, »gieb mir Auskunft darüber, was mit mir

vorgegangen ist.« Der Alte erwiderte lachend: »Plappern ist

Weibersache!« klopfte mit seinem Stecken auf den Rasen, und das junge

Frauenzimmer, welches Tiu nach Hause geleitet und ihr die Spange

geschenkt hatte, stand vor ihr. Sie nahm Tiu bei der Hand und führte sie

einige Schritte vom Feuer weg; dort sagte sie: Da du dir zu Hause nichts

hast merken lassen, will ich dir mehr verrathen. Der alte Papa am Feuer

ist des Nebelberges König, die alte Mutter, welche du die erste Nacht

gesehen hast, ist die Rasenmutter[5], und wir sind ihre Töchter. Ich

will dir jetzt eine noch schönere bunte Spange geben, sage zu Hause, du

habest sie gefunden. Willst du uns sehen, so hauche nur wieder auf die

Spange. Heute darf ich dir nichts weiter sagen, aber sei verschwiegen,

so wirst du künftig mehr von uns zu hören bekommen. Jetzt geh' nach

Hause, ehe die Eltern aus dem Schlafe erwachen.

Als sie am Morgen erwachte, hielt sie das in der Nacht Geschehene für

einen Traum, aber die schöne Spange auf ihrer Brust bewies ihr, daß sie

nicht geträumt hatte. Indeß war ihr das Leben im Dorfe so fremd

geworden, daß sie häufig Abends, wenn die Eltern schlafen gegangen

waren, auf ihre Spange hauchte und sich dadurch, wie sie wünschte, auf

den Nebelberg versetzte. Am Tage war sie meist verdrießlich, weil sie

sich nach ihrem nächtlichen Glücke sehnte und somit wenig Ruhe hatte.

Als der Herbst kam, fanden sich viele Freier ein; aber sie wies sie ab,

endlich vor Weihnacht wurde mit dem jungen Manne, welchen sie bei ihrer

Rückkehr auf des Vaters Hofe gesehen hatte, Branntwein[6] getrunken.

Der Bräutigam blieb als Schwiegersohn im Hause, denn die Eltern waren

beide schon betagt.

Im nächsten Jahre brachte Tiu ein Töchterchen zur Welt, es war ein sehr

schönes Kind, konnte aber doch der Mutter Herz nicht ausfüllen. Sie

sehnte sich stets nach dem Nebelberge zurück und wäre gern hingezogen,

wenn sie das Kind hätte allein lassen können. Als aber die Tochter

sieben Jahr alt geworden war, kam eine Nacht, wo die Mutter ihr

Verlangen nicht mehr zurückdrängen konnte, sie hauchte auf die Spange

und sah sich auf den Nebelberg versetzt. Der Rasenmutter Töchter kamen

ihr mit Freudengeschrei entgegen. »Warum bist du so lange weg

geblieben?« fragten sie. Tiu sagte mit thränenden Augen, daß es ihr

nicht möglich gewesen sei zu kommen, wiewohl ihr das Herz großes

Verlangen danach getragen habe. Des Nebelberges König muß uns helfen,

sagten darauf die Mädchen und baten Tiu, nach zwei Wochen wieder zu

kommen und ihr Töchterchen mitzubringen. Tiu versprach es zu thun, wenn

es möglich wäre.

Als aber die Zeit herangekommen war, schlief das Kind so ruhig an des

Vaters Seite, daß die Frau nicht das Herz hatte, es mit sich zu nehmen,

sie ging deßhalb, indem sie sich der Spange bediente, allein. Der alte

König des Nebelberges lag beim Scheine des Feuers am Boden, und sagte

als er Tiu erblickte: »Du bist heute zur unglücklichen Stunde ohne dein

Kind hergekommen, und es wird dir große Qual daraus erwachsen. Doch

kannst du zu guter Letzt noch eine vergnügte Nacht feiern, ehe deine

Leidenstage beginnen.« Bei diesen Worten klopfte er mit dem Eisenstecken

auf den Rasen, und sofort erschienen der Rasenmutter Töchter, nahmen Tiu

mit sich und feierten ein schönes Fest miteinander.

Inzwischen war daheim der Mann erwacht und als er die Frau nicht im

Bette fand, stand er auf und suchte sie auf dem Hofe. Auch hier fand er

keine Spur der Verschwundenen. Da entbrannte im Manne der Zorn, denn er

glaubte die Frau sei irgendwo auf bösen Wegen, darum legte er sich nicht

wieder hin, sondern ging sofort zu einem Weisen des Dorfes, ihm den Fall

zu erzählen, und ihn um Rath fragen. Als der Weise sich aus einem

Weinglase Aufschluß verschafft hatte, sagte er: »Mit deinem Weibe steht

es nicht wie es sein soll, sie geht des Nachts als Wärwolf[7] um, und

hat das gewiß schon lange getrieben, nur daß du es bis heute nicht

bemerkt hast. Wenn sie nach Hause kommt, mußt du sie sogleich vor

Gericht stellen.«

Der Mann fand, als er nach Hause kam, die Frau an der Seite des Kindes

ruhig im Bette schlafen, er weckte sie indeß nicht, um sie über ihren

nächtlichen Gang auszufragen, sondern ging vor Gericht, wie der Weise

gewollt hatte. Die Frau wurde vorgefordert. Sie weigerte sich Auskunft

darüber zu geben, wo sie vergangene Nacht gewesen sei, wollte auch nicht

gestehen, wo sie früher als Kind sieben Jahre lang sich verborgen

gehalten, und sagte nur: Meine Seele ist schuldlos, mehr kann ich nicht

sagen. Auch später wollte sie ihr Geheimniß nicht verrathen, so daß

endlich der Spruch gefällt wurde: das Weib ist eine Hexe, ein Wärwolf

und sonstige Uebelthäterin, deßhalb muß sie den Feuertod sterben. Es

wurde dann ein großer Scheiterhaufen errichtet, an welchen man das arme

Weib festband, worauf er angezündet wurde. Als aber die Flamme eben

aufloderte, fiel so dichter Nebel, daß man die Hand vor Augen nicht

sehen konnte[8]. Als später die Sonnenstrahlen den Nebel aufsogen, fand

man den Scheiterhaufen noch unversehrt, das Weib aber war nirgends zu

finden, es war als ob sie im Nebel zerflossen wäre. -- Des Nebelberges

König hatte sie gerettet.

Wiewohl nun Tiu jetzt auf dem Nebelberge gute Tage hatte, so fand ihr

Herz doch keinen Frieden, sondern sehnte sich nach dem zurückgebliebenen

Kinde. Hätte ich mein Töchterlein hier -- so seufzte sie oft -- dann

könnte ich glücklich leben, so aber ist das halbe Herz immer bei dem

Kinde im Dorfe, und die andere Hälfte lebt in Trauer. Des Nebelberges

König errieth ihre geheimen Gedanken und ließ einst bei Nacht das

Töchterlein aus dem Dorfe zur Mutter bringen. Da waren beide, Mutter und

Tochter, vollkommen glücklich und sehnten sich nach nichts mehr. Die

Dorfleute und der Mann glaubten, daß die, in einen Wärwolf verwandelte

Frau das Kind bei Nacht fortgenommen habe. Der Mann freite eine andere

Frau, aber weder seine eigene Wirthschaft noch die der anderen Höfe

nahmen so guten Fortgang wie sonst; allsommerlich litten sie Schaden

durch Dürre, das Getreide und Gras verdarben, weil der erfrischende

Nachtthau nicht auf den Strich fiel, den die Leute bewohnten. Des

Nebelberges König war zornig darüber, daß sie sein Pflegekind hatten

umbringen wollen.

[Fußnote 4: Sterblichen im Elfen- oder Feenlande verfließt die Zeit,

ihnen unbewußt, mit reißender Geschwindigkeit. S. Köhler's Anm. zu Bd.

1, S. 364. L.]

[Fußnote 5: Vgl. Bd. 1, S. 89 Anm. und S. 104 Anm., sowie S. 30. An

letzterer Stelle heißen die im Mondschein badenden Jungfrauen der

Waldelfen und der »Rasenmutter Töchter«. Wenn in unserem Märchen der

König des Nebelberges der Gemahl der Rasenmutter heißt, so möchte eine

ursprüngliche Identität desselben mit den »Waldelfen« angenommen werden

können. L.]

[Fußnote 6: S. Bd. 1, S. 83 Anm. 2. L.]

[Fußnote 7: Ehstn. liba hunt, eigentlich läufische Wölfin, soll nach

dem Aberglauben das neunte Junge eines Wolfes sein, besonders gefräßig

und gefährlich, mit spitzer Schnauze, welches die Thiere von hinten

anfällt und ihnen das Eingeweide herausreißt (Wiedemann,

Ehstnisch-Deutsches Wörterb. S. V). Hier ist es offenbar Wärwolf, d. h.

Mannwolf. Vgl. über diesen Aberglauben _Rußwurm_ Eibofolke S. 360. L.]

[Fußnote 8: Wörtlich: Daß man nicht vor seinen Füßen sehen konnte. L.]

Ehstnische Märchen. Zweite Hälfte · 第 3 / 22 题