Das Bild des Wahnsinns steht am Ende der Philosophie Nietzsches als

eine grelle und furchtbare Illustration zu den erkenntnisstheoretischen

Ausführungen, von denen er in seiner Zukunftsphilosophie ausgeht. Denn

den Ausgangspunkt bildete die Auflösung alles Intellektuellen durch

die Herrschaft des Chaotisch-Triebartigen, das jenem Grundlage und

Sinn ist,--die Folgerung aber der Erkenntnisstheorie Nietzsches läuft

hinaus auf den Untergang des Erkennenden zum Behufe der Erfassung

einer höchsten Lebensoffenbarung, auf das »mit Wahnsinn sollst du

geimpft werden« alles Verstandeserkennens. In ergreifender Weise

mischen sich die Ahnung des ihm bevorstehenden persönlichen Schicksals

und die mystische Auffassung des Geisteslebens und seiner Bedeutung

überhaupt in den Worten Zarathustras (II 33): »Geist ist das Leben,

das selber ins Leben schneidet: an der eignen Qual mehrt es sich das

eigne Wissen,--wusstet ihr das schon? Und des Geistes Glück ist diess:

gesalbt zu sein und durch Thränen geweiht zum Opferthier,--wusstet ihr

das schon? _Und die Blindheit des Blinden und sein Suchen und Tappen

soll noch von der Macht der Sonne zeugen, in die er schaute_,--wusstet

ihr das schon?«

So sollte der Wahnsinn noch zeugen von der Macht der Lebenswahrheit, an

deren Glanz der Menschengeist erblindet. Denn kein Verstand führt in

die Tiefe der Lebensfülle selbst hinein,--nicht hineinklettern lässt es

sich in diese Fülle, Stufe um Stufe, Gedanke um Gedanke: »Und wenn dir

nunmehr alle Leitern fehlen, so musst du verstehen, _noch auf deinen

eigenen Kopf zu steigen_: wie wolltest du anders aufwärts steigen?--

-- -- -- --Du aber, oh Zarathustra, wolltest aller Dinge Grund schaun

und Hintergrund: so musst du schon über dich selber steigen,--hinan,

hinauf, bis du auch deine Sterne noch _unter_ dir hast!« (Also sprach

Zarathustra III 2 f.)

Hiermit scheint ein Ende erreicht und die Entwickelung des Ganzen

nothwendig abgeschlossen zu sein: der unersättliche leidenschaftliche

Drang, der diesen Geist trieb und steigerte, hat ihn zuletzt aufgezehrt

und in sich zurückverschlungen. Für uns, die Draussenstehenden,

umnachtet ihn von jetzt an völliges Dunkel, tritt er ein in eine

Welt allerindividuellsten inneren Erlebens, vor der die Gedanken,

die ihn begleiteten, Halt machen müssen: ein tief erschütterndes

Schweigen breitet sich für uns darüber aus. Aber nicht nur _können_

wir seinem Geiste in die letzte Verwandlung hinein nicht mehr folgen,

welche er mit Darangabe seiner selbst erreicht, wir _sollen_ ihm auch

nicht folgen: darin eben ruht ihm der Beweis seiner Wahrheit, die

völlig eins geworden ist mit allen Geheimnissen und Verborgenheiten

seiner Innerlichkeit. In seine letzte Einsamkeit hat er sich vor uns

zurückgezogen und die Pforte hinter sich geschlossen. An ihrem Eingang

aber leuchten uns die Worte entgegen: -nun ist deine letzte Zuflucht

worden, was bisher deine _letzte Gefahr_ hiess! das muss nun dein

bester Muth sein, dass es hinter dir keinen Weg mehr giebt!-- --hier

soll dir Keiner nachschleichen! Dein Fuss selber löschte hinter dir den

Weg aus, und über ihm steht geschrieben: Unmöglichkeit.« (Also sprach

Zarathustra III 2.)

Und als einzige Kunde, dass auch noch hinter dieser Pforte eine uns

unzugängliche Welt der Geisteswandlungen liegt, verhallt von innen

her leise die Klage: »Ach, meinen härtesten Weg muss ich hinan! Ach,

ich begann meine einsamste Wanderung!-- -- --Eben begann meine letzte

Einsamkeit. Ach, diese schwarze traurige See unter mir! Ach, diese

schwangere nächtliche Verdrossenheit! Ach, Schicksal und See! Zu euch

muss ich nun _hinab_ steigen!-- -- --tiefer hinab in den Schmerz als

ich jemals stieg, bis hinein in seine schwärzeste Fluth! So will es

mein Schicksal: Wohlan! ich bin bereit.

Woher kommen die höchsten Berge? so fragte ich einst. Da lernte ich,

dass sie aus dem Meere kommen. Diess Zeugniss ist in ihr Gestein

geschrieben und in die Wände ihrer Gipfel. _Aus dem Tiefsten muss das

Höchste zu seiner Höhe kommen_.--« (III 2 ff.)

So sind Tiefe und Höhe, Abgrund des Wahnsinns und Gipfel des

Wahrheitssinns ineinander verschlungen: »Vor meinem höchsten Berge

stehe ich : _darum_ muss ich erst tiefer hinab als ich jemals stieg«

(III 3). Und so feiert die höchste Selbstvergöttlichung erst ihren

vollen mystischen Sieg in der tiefsten Vernichtung, im Erliegen und

Untergang des Erkennenden. Von den beiden symbolischen Thieren, die um

Zarathustra sind, der Schlange der Erkenntniss und Klugheit und dem

Adler des aufstrebenden königlichen Stolzes, bleibt nur dieser ihm

treu: »Möchte ich klüger sein! Möchte ich klug von Grund aus sein,

gleich meiner Schlange! Aber Unmögliches bitte ich da: so bitte ich

denn meinen Stolz, dass er immer mit meiner Klugheit gehe! Und wenn

mich einst meine Klugheit verlässt:-- --möge mein Stolz dann noch mit

meiner Thorheit fliegen!

--Also begann Zarathustra's Untergang.« (I 26.)

So entschwindet uns Nietzsches Geist in einem Geheimniss von Untergang

und Erhebung: in einer von Adlern umflogenen Dunkelheit.

Es liegt hierin etwas Rührendes und Ergreifendes, wie in der Rückkehr

eines müden Kindes in seine ursprüngliche Glaubensheimat, in der

es noch keines Verstandes bedurfte, um der höchsten Segnungen und

Offenbarungen theilhaftig zu werden. Nachdem der Geist alle Kreise

durchlaufen und alle Möglichkeiten erschöpft hat, ohne Genüge zu

finden, erkauft er sie sich endlich mit dem höchsten Opfer, der

Opferung seiner selbst. Wir werden an jenes im zweiten Abschnitt

(S. 49) erwähnte Wort Nietzsches erinnert: »wenn Alles durchlaufen

ist,--wohin läuft man alsdann? wie? müsste man nicht wieder beim

Glauben anlangen? Vielleicht bei einem katholischen Glauben? _In jedem

Fall könnte der Kreis wahrscheinlicher sein, als der Stillstand_.«

In der That beschreibt er in seiner Selbstwiederholung einen Kreis.

Und es ist interessant, dass, in dem Maasse als er sich seinem

ursprünglichen Ausgangspunkt nähert, und der Verstand als solcher

bedeutungslos erscheint gegenüber einem mystischen _glaubenheischenden_

Ueberwesen, seine Philosophie immer absolutere und reaktionärere

Züge annimmt, indem er dem eigenen ehemaligen Individualismus die

Wiederherstellung einer absolut geltenden Tradition entgegensetzt

und die Selbstvergottung in religiösen Absolutismus ausmünden lässt.

Es ist deshalb so interessant, weil dieser Verlauf, trotz seiner

pathologischen Voraussetzungen, psychologisch etwas geradezu Typisches

hat: Wenn der religiöse Trieb, vom freien Denken genöthigt, sich streng

individuell auszuleben, sich zuletzt, wie bei Nietzsche, aus dem

eigenen Selbst etwas Göttliches erschafft, dann erzwingt er sich damit

sofort wieder die absolutesten und reaktionärsten Machtbefugnisse, die

je einem objektiv gedachten Gotte zustanden,--bis er den Verstand

selbst, dessen Erkenntnissdrang ihm ursprünglich die Richtung gab,

_absetzt_ und ihm jeden ferneren Einspruch abschneidet. Aus dem

Menschen soll der Gott erstehen, auch wenn der Mensch dies erst durch

eine Rückkehr zu Kindheit und Unmündigkeit ermöglichen müsste. Erst in

dieser Zweitheilung, die er um jeden Preis in sich vollzieht, feiert er

seine Erlösung und mystische Selbstvereinigung im Glauben:

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Um Mittag war's, da wurde Eins zu Zwei....

Nun feiern wir, vereinten Siegs gewiss,

Das Fest der Feste:

Freund Zarathustra kam, der Gast der Gäste!

Nun lacht die Welt, der grause Vorhang riss,

Die Hochzeit kam für Licht und Finsterniss

wie es, am Schlüsse von »Jenseits von Gut und Böse«, in dem

wundervollen Nachgesang »Aus hohen Bergen« heisst.

Das persönliche Schicksal Nietzsches fügt sich, als Schlussstein,

diesem ganzen Gedankengebäude derartig ein, dass man nicht an dem

Einflüsse zweifeln kann, den seine trüben Vorahnungen auf die

Gestaltung seiner Zukunftsphilosophie gehabt haben. Mit gewaltiger

Hand hat er das, was ihn erwartete, hereingezwungen in den Plan des

Ganzen und dienstbar gemacht dem letzten Geheimsinn seiner Philosophie.

Von hier aus hat er, rückwärts blickend, zum ersten Mal sein Leben

und Denken in dem Wechsel seiner Wandlungen als Ganzes überschaut und

dem Werdegang seines Selbst nachträglich einen einheitlichen Sinn von

mystischer Bedeutung untergelegt,--gerade so wie der Schöpfer-Philosoph

dies in Bezug auf das Lebensganze der Menschheit thut. So ward er sich

selbst zum deutenden Gott, der, wenn auch ein wenig gewaltsam, alle

vergangenen Dinge zum Besten, d. h. zum höchsten Endziel, wendet.

»Das Vergangene zukunftdeutend« zu machen, ist jetzt sein Wahlspruch,

also das gerade Gegentheil dessen, was er vordem, inmitten seiner

Wandlungen, angestrebt hatte, nämlich: das Vergangene immer wieder

rasch abzustossen, um es möglichst vollkommen von einer immer neuen

Zukunft zu trennen.

Hierin ist auch schon der starke Einfluss seiner früheren Standpunkte

auf die Gedanken seiner Zukunftsphilosophie begründet. Ehemals sah er

den Beweis geistiger Unabhängigkeit in der Fähigkeit, sich stets wieder

von den ergriffenen Wahrheiten loslösen zu können, und es erschien

ihm daher unwesentlich, ob er im Ergreifen derselben sich an Andere

angelehnt hatte. Jetzt fordert seine allumfassende Unabhängigkeit,

dass in allen vergangenen und widerlegten Gedanken sein eigenes Selbst

und dessen Sinn festgehalten werde,--aber deshalb dürfen sie nunmehr

auch nur von diesem Selbst allein, nicht von Anderen, angeregt worden

sein. Daher hat man Nietzsches letzten Werken gegenüber, in denen

er anscheinend am unabhängigsten ein eigenes System errichtet, so

häufig die Empfindung, als stehe er mit rückwärts gewendetem Blick

und Antlitz da, als nähere er sich wieder den verlassenen Stätten

seiner alten Wandlungen, während er sich doch in der Selbstständigkeit

seiner ganz individuell gewonnenen Hypothesen am weitesten von ihnen

entfernt. Die Lösung dieses Widerspruches liegt darin, dass er

seinen früheren Ueberzeugungen nur dasjenige entnimmt, worin sein

individuelles Wesen, sein verborgenes Wollen zum Ausdruck kommt,

dasjenige, was diesem leidenschaftlichen Geiste in allen, andern

Denkern entnommenen Theorien im Grunde nur als unbewusster Vorwand, als

unwillkürliche Gelegenheitsursache für seine innere Entwickelung hatte

dienen müssen. Am Ende der Entwickelung angelangt, fasst er sich in

cler Einheitlichkeit seines ganzen Innenlebens zusammen, durchschaut

und überschaut er dasselbe und betont nun die allen Wandlungen zu

Grunde liegende Einheitlichkeit ebenso nachdrücklich, wie er ehemals

ausschliesslich seine Wandlungsfähigkeit betont hatte. Wie jemand, der

im Begriff steht, eine Reise anzutreten, von der es eine Wiederkehr

nicht mehr giebt, wie jemand, der Abschied nehmen will und dazu Alles

um sich sammelt, was einst sein Eigen war, so sehen wir Nietzsche

jetzt das Seine zurücksammeln aus den verschiedenen Geistesphasen, die

er durchlaufen hat. Er unternimmt ein »Abschätzen des Erreichten und

Gewollten, eine _Summirung_ des Lebens« (Götzen-Dämmerung IX 36), mit

dem Bewusstsein: »Es kehrt nur zurück, es kommt mir endlich heim--mein

eigen Selbst, und was von ihm lange in der Fremde war und zerstreut

unter alle Dinge und Zufälle.« (Also sprach Zarathustra III 1.)

Dies machte ihn ungerecht gegen seine ehemaligen Genossen und deren

Ueberzeugungen; er _wollte_ vergessen, wie oft sie die Richtung seines

Denkens bestimmt hatten: »Man soll die Gerüste wegnehmen, wenn das

Haus gebaut ist« (Der Wanderer und sein Schatten 335). Das ist die

»_Moral für Häuserbauer_«, so dachte er und ignorirte, dass es für

seinen Bau je der Gerüste bedurft hatte. Diese Ungerechtigkeit ist

also jener früheren gerade entgegengesetzt, die dem leidenschaftlichen

Wechsel der Gedanken entsprang, der Energie, mit der er jedesmal die

abgelöste Gedankenhaut vernichtete. Jetzt will er nicht mehr daran

glauben, dass eine ihm fremde Haut ihm je habe fest anwachsen können.

Dem Positivismus gegenüber spricht sich diese Ungerechtigkeit ganz

besonders in der Vorrede seines Buches »Zur Genealogie der Moral« sowie

an vereinzelten Stellen der übrigen Werke aus,--Wagner gegenüber in

der kleinen Schrift »Der Fall Wagner«. Die letztere fordert zu einem

interessanten Vergleich auf zwischen der Art, wie Wagner in ihr, und

wie er in »Menschliches, Allzumenschliches« bekämpft wird, zwischen dem

Hass, mit dem er damals das Wagnerthum von sich schleuderte, und dem

Hass, mit dem er jetzt sich ihm wieder nähert, um daraus sein geistiges

Eigenthum herauszuholen, ohne seine Selbständigkeit preiszugeben.

Zuletzt führte ihn sein Verlangen, schon von Anfang an als selbständig

und einheitlich zu gelten, so weit, dass er, in der Vorrede (vom

September 1886) zu dem zweiten Bande der zweiten Auflage von

»Menschliches, Allzumenschliches« (1), erklärte, alle seine früheren

Schriften seien »_zurückzudatiren_«, sie redeten _nur_ von dem,

was er zur Zeit ihrer Entstehung bereits _überwunden_, was bereits

_hinter_ ihm gelegen; der Autor, der überlegen über ihnen gestanden,

habe sich in einer absichtlichen Verkleidung gezeigt. So soll die

vierte Unzeitgemässe Betrachtung »Richard Wagner in Bayreuth« in ihrer

Verherrlichung Wagners nur »eine Huldigung und Dankbarkeit gegen

ein Stück Vergangenheit« gewesen sein, und auch die positivistischen

Schriften sollen in ihrem Eingehen auf Rées Anschauungen nur die

nachträgliche Darstellung eines bereits Ueberlebten geben. Auf diesen

Versuch Nietzsches, den Sinn seiner Werke umzuprägen, sie gleichsam

mit einer neuen Jahreszahl zu überprägen, lässt sich sein eigenes Wort

anwenden (Vorrede, vom Frühling 1886, zum ersten Bande der zweiten

Auflage von »Menschliches, Allzumenschliches« 1): »Vielleicht, dass

man mir in diesem Betrachte mancherlei »Kunst«, mancherlei feinere

Falschmünzerei vorrücken könnte«. Es gehörte auch dies mit zu den

vielen Maskirungen dieses Einsiedlers, dass er sich endlich eine

Maske zuschrieb, die er nie getragen; aber begreiflich ist es und

verzeihlich, meinte er doch auch hier in seinem Herzen mit jener

Maske nur _sich selbst_, d. h. den Menschen Nietzsche, im Gegensätze

zu Zarathustra, als dem mystischen Ueber-Nietzsche. Der menschliche

Nietzsche konnte ja dann freilich bei seiner jedesmaligen Wandlung

nichts von seinem eigenen Maskencharakter wissen,--das vermochte nur

der Ueber-Nietzsche, den Nietzsche hinterher von Anbeginn in sich

geahnt und empfunden haben wollte. Somit wäre der Ueber-Nietzsche

nichts als eine mystische Interpretirung des innersten Wesens und

Verlangens Nietzsches, jenes verborgenen »Grundwillens«, der,

wie wir sahen, ihm selbst völlig unbewusst, die Theorien Anderer

zurechtschnitt, um sich in ihnen schliesslich mit voller Kraft selber

durchzusetzen.

Im Herbst 1888, nach Vollendung des ersten Buches der »_Umwerthung

aller Werthe_« (»des Willens zur Macht«), das noch nicht veröffentlicht

worden ist, glaubte Nietzsche sein Werk, wenigstens vorläufig,

abgeschlossen zu haben. Denn die »Götzen-Dämmerung«, deren Vorrede

vom 30. September 1888 datirt ist, ist augenscheinlich aus einer

Stimmung des Fertiggewordenseins und des Wartens auf das Letzte

heraus geschrieben worden. In bezeichnenderweise lautete ihr erster

Titel »Müssiggang eines Psychologen«, und in dem Vorwort nennt er sie

geradezu »eine Erholung«. Sie ist indessen ein überaus interessanter

Müssiggang, weil sie eines von denjenigen Büchern Nietzsches ist,

in denen er sich am öftesten selber verräth und aus dem Geheimen

seiner Seele plaudert. In dieser Beziehung ähnelt sie, obschon

stofflich viel unbedeutender, dem »Menschlichen, Allzumenschlichen«

und der »Morgenröthe«. Legt Nietzsche in dem ersten dieser beiden

Werke etwas von seinem Innenleben bloss durch die Art, wie er sich

mit einer plötzlichen, aber endgiltig vollzogenen Wandlung seelisch

abfindet,--und lässt er uns in dem zweiten dadurch einen Blick in sein

Inneres thun, dass er neu auftauchende Wünsche und Gedanken analysirt

und bekämpft, bevor er sich von ihnen in seine neue Philosophie

fortreissen lässt, so wird in der »Götzen-Dämmerung« ein völlig

verschiedener Gemüthszustand zum Verräther an ihm: der nachzitternde

Affekt eines ungeheuren Vollbringens, eine Erschöpfung, in die sich die

Erwartung des Kommenden mischt.[14] In dieser Erschütterung sehen wir

ihn aus der »Götzen-Dämmerung« gleichsam in die eigene Geistesdämmerung

hinübergleiten.

Dieselbe Stimmung kennzeichnet auch den bereits im Jahre 1885

entstandenen vierten und letzten Theil der Zarathustra-Dichtung,

der aber erst 1891 allgemein zugänglich gemacht worden ist. Aus

seinen Seiten klingt das Lachen des Uebermenschen, doch hier und

da schon schrill und in unheimlichen Dissonanzen. Diese letzten

Reden Zarathustras sind, rein persönlich betrachtet, vielleicht

das Ergreifendste, das Nietzsche geschrieben, weil sie ihn als den

Untergehenden zeigen, der seinen Untergang hinter einem Lachen

verbirgt. Durch diesen Ausgang erst wird uns in seiner ganzen

Grossartigkeit der unversöhnliche Widerspruch klar, der darin lag,

dass Nietzsche seine Zukunftsphilosophie mit einer »fröhlichen

Wissenschaft« einleitete, dass er sie eine frohe Botschaft nannte,

dazu bestimmt, das Leben in seiner ganzen Kraft, Fülle und Ewigkeit

für immer zu rechtfertigen,--und dass er als ihren höchsten Gedanken

die _ewige Wiederkunft_ des Lebens aufstellte. Erst jetzt erkennen

wir völlig den sieghaften Optimismus, der über seinen letzten Werken

ruht, wie das rührende Lächeln eines Kindes, der aber als Kehrseite

das Antlitz eines Helden zeigt, der seine von Grauen entstellten

Züge verhüllt. »Ist alles Weinen nicht ein Klagen? Und alles Klagen

nicht ein Anklagen? Also redest du zu dir selber, und darum willst

du, oh meine Seele, lieber lächeln, als dein Leid ausschütten«, singt

Zarathustra (Also sprach Zarathustra III 104), und daher geht er einher

als »der scharlachne Prinz jedes Übermuths« (Dionysos-Dithyramben 7).

Diese Krone des Lachenden, diese Rosenkranz-Krone: ich selber setzte

mir diese Krone auf, ich selber sprach heilig mein Gelächter.« (Also

sprach Zarathustra IV 87.)

Das Grosse ist: er wusste, dass er unterging, und doch schied

er--lachenden Mundes, »rosenumkränzt«--das Leben entschuldigend,

rechtfertigend, verklärend--. In dionysischen Dithyramben klang sein

Geistesleben aus, und was sie in ihrem Jubel übertönen sollten, war ein

Schmerzensschrei. Sie sind die letzte Vergewaltigung Nietzsches durch

Zarathustra.

Nietzsche hat einmal das paradoxe Wort ausgesprochen: »Lachen heisst:

schadenfroh sein, aber mit gutem Gewissen« (Fröhliche Wissenschaft

200). Eine solche überlegene Schadenfreude, die des eigenen Schadens

froh zu werden, ja, ihn sich selbst zuzufügen imstande ist, geht als

ein heroischer Selbstwiderspruch und ein heroisches Lachen durch

Nietzsches ganzes Leben und Leiden. In der gewaltigen Seelenkraft aber,

durch die er sich so hoch über sich selbst zu stellen vermochte, lag,

psychologisch betrachtet, für ihn eine innere Berechtigung, sich als

mystisches Doppelwesen anzusehen, und liegt für uns der tiefste Sinn

und Werth seiner Werke.

Denn auch uns tönt ein erschütternder Doppelklang aus seinem Lachen

entgegen: das Gelächter eines Irrenden--und das Lächeln des

Ueberwinders.

[1] Vergl. hierzu die folgenden Aeusserungen Nietzsches in den Werken

seiner vorhergehenden Periode:

»Zwischen den sorgsam erschlossenen Wahrheiten und solchen »geahnten«

Dingen bleibt unüberbrückbar die Kluft, dass jene dem Intellekt, diese

dem Bedürfniss verdankt werden.-- -- -- --man hat nur den inneren

Wunsch, dass es so sein möge,--also dass das Beseligende auch das

Wahre sei. Dieser Wunsch verleitet uns, schlechte Gründe als gute

einzukaufen« (Menschliches, Allzumenschliches I 131). Sich davon

_verleiten lassen_ oder nicht,--das bestimmte damals für ihn geradezu

die Rangordnung der Menschen. »Was ist mir-- --Feinheit und Genie,

wenn der Mensch-- --schlaffe Gefühle im Glauben und Urtheilen bei

sich duldet, wenn _das Verlangen nach Gewissheit_ ihm nicht als die

innerste Begierde und tiefste Noth gilt,--als Das, was die höheren

Menschen von den niederen scheidet!« (Die Fröhliche Wissenschaft

2). Und in der Morgenröthe (497) rühmt er noch als Kennzeichen _der

wahren Grösse_ des Denkers, im Gegensatz zu der temperamentvollen

Genialität, »das _reine, reinmachende Auge_, das nicht aus ihrem

Temperament und Charakter gewachsen scheint,« sondern unbeeinflusst

von diesen die Dinge widerspiegelt. »Hätte es nicht allezeit eine

Ueberzahl von Menschen gegeben, welche die Zucht ihres Kopfes--ihre

»Vernünftigkeit«--als ihren Stolz, ihre Verpflichtung, ihre Tugend

fühlten, welche durch alles Phantasiren und Ausschweifen des Denkens

beleidigt oder beschämt wurden,-- -- --: so wäre die Menschheit längst

zu Grunde gegangen! Ueber ihr schwebte und schwebt fortwährend als

ihre grösste Gefahr der ausbrechende _Irrsinn_--das heisst eben das

Ausbrechen des Beliebens im Empfinden, Sehen und Hören, der Genuss in

der Zuchtlosigkeit des Kopfes, die Freude am Menschen-Unverstande.

Nicht die Wahrheit und Gewissheit ist der Gegensatz der Welt des

Irrsinnigen, sondern die Allgemeinheit und Allverbindlichkeit eines

Glaubens, kurz das Nicht-Beliebige im Urtheilen. Und die grösste

Arbeit der Menschen bisher war die, über sehr viele Dinge mit einander

übereinzustimmen und sich ein Gesetz der Uebereinstimmung aufzulegen--

-- -- -- --schon das langsame Tempo, welches er (der Allerweltsglaube)

-- -- --verlangt,-- -- -- --macht Künstler und Dichter zu

Ueberläufern:--diese ungeduldigen Geister sind es, in denen eine

förmliche Lust am Irrsinn ausbricht, weil der Irrsinn ein so fröhliches

Tempo hat!« (Die Fröhliche Wissenschaft 76). Und man meint, er richte

sich gegen sein eigenes späteres Selbst, wenn er den Künstlern und

Frauen jene Unwissenschaftlichkeit des Geistes vorwirft, die sich

von allen Hypothesen fanatisiren lasse, welche »den Eindruck des

Geistreichen, Hinreissenden, _Belebenden, Kräftigenden_ machen.« Gleich

ihnen wollen die Meisten »stark fortgerissen werden, um dadurch selber

einen _Kraftzuwachs_ zu erlangen«, nur wenige »haben jenes sachliche

Interesse, das von persönlichen Vortheilen, auch von dem des erwähnten

Kraftzuwachses absieht. Auf jene bei Weitem überwiegende Classe wird

überall dort gerechnet, wo der Denker sich als Genie benimmt und

bezeichnet, also wüe ein höheres Wesen dreinschaut, welchem Autorität

zukommt. Insofern das Genie jener Art die Glut der Ueberzeugungen

unterhält und Misstrauen gegen den vorsichtigen und bescheidenen Sinn

der Wissenschaft weckt, ist es ein Feind der Wahrheit,--wenn es sich

auch noch so sehr für deren Freier halten sollte.« (Menschliches,

Allzumenschliches I 635.)

Friedrich Nietzsche in seinen Werken · 第 17 / 18 段