[2] Vergleiche dagegen in Menschliches, Allzumenschliches I 147

Nietzsches Protest gegen »_die Kunst als Todtenbeschwörerin_«, weil sie

die Gegenwart durch die Vorstellungskreise des Vergangenen beeinflussen

will. »Sie flicht,-- -- --, ein Band um verschiedene Zeitalter und

macht deren Geister wiederkehren. Zwar ist es nur ein Scheinleben

wie über Gräbern, welches hierdurch entsteht,« doch wirkt dasselbe

schädlich und rückbildend. Die »Todtenerwecker« und »Todtenbeschwörer«

dieser Art betrachtete Nietzsche als »eitle Menschen«, denn sie

»schätzen ein Stück Vergangenheit von dem Augenblick an höher, von dem

an sie es nachzuempfinden vermögen«. (Morgenröthe I 59.) Wir müssen, so

meinte er, dem Gefühlsüberschwang möglichst entgegenwirken, der uns in

verschiedenster Art von aller vergangenen Kultur allmählich überkommen

ist; sich darin gehen lassen, käme einer Annäherung an Wahnsinn und

Krankheit gleich: »-- -- --die ganze Last unsrer Kultur ist so gross

geworden, dass eine Ueberreizung der Nerven- und Denkkräfte die

allgemeine Gefahr ist, ja dass die kultivirten Klassen der europäischen

Länder durchweg neurotisch sind und fast jede ihrer grösseren Familien

in einem Gliede dem Irrsinn nahe gerückt ist.-- -- --dennoch macht sich

eine _Verminderung_ jener Spannung des Gefühls, jener niederdrückenden

Kultur-Last nöthig,-- -- -- --wir müssen den Geist der Wissenschaft

beschwören, welcher kälter und skeptischer macht-- -- -- -- -- --«.

(Menschliches, Allzumenschliches I 244.) »Wird dieser Forderung der

höheren Kultur nicht genügt, so ist fast mit Sicherheit vorherzusagen,

welchen Verlauf diemenschliche Entwicklung nehmen wird: das Interesse

am Wahren hörtauf, je weniger es Lust gewährt; die Illusion, der

Irrthum, die Phantastik erkämpfen sich-- -- --ihren ehemals behaupteten

Boden: der Ruin der Wissenschaften, das Zurücksinken in Barbarei ist

die nächste Folge.« (I 251.)

[3] Siehe z. B. in »Der Wanderer und sein Schatten«. »Die

demokratischen Einrichtungen sind Quarantäne-Anstalten gegen die alte

Pest tyrannenhafter Gelüste. (289.)--Unmöglichkeit fürderhin, dass die

Fruchtfelder der Kultur wieder über Nacht von wilden und sinnlosen

Bergwässern zerstört werden! Steindämme und Schutzmauern gegen

Barbaren, gegen Seuchen, gegen _leibliche und geistige Verknechtung_!«

(275). Ferner in Menschliches, Allzumenschliches: »-- --die wildesten

Kräfte brechen Bahn,-- -- --damit später eine mildere Gesittung hier

ihr Haus aufschlage. Die schrecklichen Energien--Das, was man das Böse

nennt--sind die cyklopischen Architekten und Wegebauer der Humanität(I

246),« bis »die guten, nützlichen Triebe, die Gewohnheiten des edleren

Gemüthes so sicher und allgemein geworden, dass es-- -- --keiner

Härten und Gewaltsamkeiten als mächtigster Bindemittel zwischen

Mensch und Mensch, Volk und Volk« bedarf. (I 245.) Gerade wie später

ist für Nietzsche der gewaltthätige Mensch ein Zurückgebliebener und

Atavist, aber eben darum ein auszurottender Rest, kein Führer in die

Zukunft. »Der unangenehme Charakter, der-- -- -- --, gegen abweichende

Meinungen gewaltthätig und aufbrausend ist, zeigt an, dass er einer

früheren Stufe der Kultur zugehört, also ein Ueberbleibsel ist: denn

die Art, in welcher er mit den Menschen verkehrt, war die rechte und

zutreffende für die Zustände eines Faustrecht-Zeitalters; er ist ein

_zurückgebliebener_ Mensch. Ein anderer Charakter, welcher reich an

Mitfreude ist, überall Freunde gewinnt, _alles Wachsende und Werdende

liebevoll empfindet_,--kein Vorrecht, das Wahre allein zu erkennen,

beansprucht, sondern voll eines bescheidenen Misstrauens ist,--das ist

ein vorwegnehmender Mensch, welcher einer höheren Kultur der Menschen

entgegenstrebt. Der unangenehme Charakter stammt aus den Zeiten, wo die

rohen Fundamente des menschlichen Verkehrs erst zu bauen waren; der

andere lebt auf deren _höchsten Stockwerken, möglichst entfernt von

dem wilden Thier_, welches in den Kellern, unter den Fundamenten der

Kultur, eingeschlossen wüthet und heult.« (I 614.)

[4] So sagt er in Menschliches, Allzumenschliches (I 237): »Die

italienische Renaissance barg in sich alle die positiven Gewalten,

welchen man die _moderne Kultur_ verdankt: also _Befreiung des

Gedankens, Missachtung der Autoritäten. Sieg der Bildung über den

Dünkel der Abkunft, Begeisterung für die Wissenschaft_.«

Ebenso entgegengesetzt war seine Auffassung von Napoleons Genie und

Thatendrang, wie eine Stelle desselben Werkes zeigt (I 164): »--

--Es ist jedenfalls ein gefährliches Anzeichen, wenn den Menschen

jener Schauder vor sich selbst überfällt, sei es nun jener berühmte

Cäsaren-Schauder oder der-- --Genie Schauder;-- --so dass er zu

schwanken und sich für etwas Uebermenschliches zu halten beginnt.--

-- -- -- --In einzelnen seltenen Fällen mag dieses Stück Wahnsinn

wohl auch das Mittel gewesen sein, durch welches eine solche nach

allen Seiten hin excessive Natur fest zusammengehalten wurde: auch

im Leben der Individuen haben die Wahnvorstellungen häufig den Werth

von Heilmitteln, welche an sich Gifte sind; doch zeigt sich endlich,

bei jedem »Genie«, das an seine Göttlichkeit glaubt, das Gift in dem

Grade, als das »Genie« alt wird: man möge sich zum Beispiel Napoleon's

erinnern, dessen Wesensicherlich gerade durch seinen Glauben an sich

und seinen Stern und durch die aus ihm fliessende Verachtung der

Menschen zu der mächtigen Einheit zusammenwuchs, welche ihn aus allen

modernen Menschen heraushebt, bis endlich aber dieser selbe Glaube in

einen fast wahnsinnigen Fatalismus übergieng, ihn seines Schnell- und

Scharfblickes beraubte und die Ursache seines Unterganges wurde.«

In der Morgenröthe (549) führt er den rücksichtslosen Egoismus des

Thatendranges in Napoleon auf dessen epileptische Krankheitsdisposition

zurück, anstatt, wie später, auf die ausbrechende »Uebergesundheit«

dessen, der alle Gewaltinstinkte einer vergangenen Kultur im Leibe hat.

[5] Gegenüber Nietzsches späterer Verachtung des jüdischen Charakters

lese man in der _Morgenröthe_ (205) seinen Aphorismus »_Vom Volke

Israel_«: »-- --Wohin soll auch diese Fülle angesammelter grosser

Eindrücke,-- -- --, diese Fülle von Leidenschaften, Tugenden,

Entschlüssen, Entsagungen, Kämpfen, Siegen aller Art,--wohin soll

sie sich ausströmen, wenn nicht zuletzt in grosse geistige Menschen

und Werkel Dann, wenn die Juden auf solche Edelsteine und goldene

Gefässe als ihr Werk hinzuweisen haben, wie sie die europäischen

Völker kürzerer und weniger tiefer Erfahrung nicht hervorzubringen

vermögen--,-- -- -- --dann wird jener siebente Tag wieder einmal da

sein, an dem der alte Judengott sich-- -- --, seiner Schöpfung und

seines auserwählten Volkes _freuen_ darf,--und wir Alle, Alle wollen

uns mit ihm freun!«

[6] Für diesen Zustand einer freien Auslebung der Individualität

hat Nietzsche in seiner Zarathustra-Dichtung, die man das Hohe Lied

modernen Individualismus nennen könnte, die schönsten Worte gefunden.

Als besonders charakteristisch können die nachfolgenden Aussprüche

gelten:

»Wenn ihr Eines Willens Wollende seid, und diese Wende aller Noth euch

Nothwendigkeit heisst: da ist der Ursprung eurer Tugend.

Wahrlich, ein neues Gutes und Böses ist sie! Wahrlich, ein neues tiefes

Rauschen und eines neuen Quelles Stimme!-- -- -- -- Bleibt mir der

Erde treu, meine Brüder, mit der Macht eurer Tugend!-- -- -- Lasst sie

nicht davon fliegen vom Irdischen und mit den Flügeln gegen ewige Wände

schlagen! Ach, es gab immer so viel verflogene Tugend!

Führt, gleich mir, die verflogene Tugend zur Erde zurück--ja,

zurück zu Leib und Leben: dass sie der Erde ihren Sinn gebe, einen

Menschen-Sinn!-- -- -- --

Tausend Pfade giebt es, die nie noch gegangen sind; tausend

Gesundheiten und verborgene Eilande des Lebens. Unerschöpft und

unentdeckt ist immer noch Mensch und Menschen-Erde.« (I 109 f.)

-- --»Willst du den Weg zu dir selber suchen?-- -- -- --

-- -- --So zeige mir dein Recht und deine Kraft dazu!-- -- -- --

Frei nennst du dich? Deinen herrschenden Gedanken will ich hören und

nicht, dass du einem Joche entronnen bist.-- -- -- --

Frei wovon? Was schiert das Zarathustra! Hell aber soll mir dein Auge

künden: frei wozu?

Kannst du dir selber dein Böses und dein Gutes geben und deinen Willen

über dich aufhängen wie ein Gesetz?-- -- --« (I 87 f.)

»-- --Dass euer Selbst in der Handlung sei, wie die Mutter im Kinde

ist: das sei mir euer Wort von Tugend!« (II 21.)

»Es ist euer liebstes Selbst, eure Tugend.« (II 18.)

»--von Grund aus liebt man nur sein Kind und Werk; und wo grosse Liebe

zu sich selber ist, da ist sie der Schwangerschaft Wahrzeichen: so fand

ich's.« (III 14.)

»Mein Bruder, wenn du eine Tugend hast, und es deine Tugend ist, so

hast du sie mit Niemandem gemeinsam. So sprich und stammle: »-- -- -- --

Nicht will ich es als eines Gottes Gesetz, nicht will ich es als eine

Menschen-Satzung und Nothdurft:-- -- --

Aber dieser Vogel baute bei mir sich das Nest: darum liebe und herze

ich ihn,--nun sitzt er bei mir auf seinen goldnen Eiern.«-- --

Einst hattest du Leidenschaften und nanntest sie böse. Aber jetzt hast

du nur noch deine Tugenden: die wuchsen aus deinen Leidenschaften.

Du legtest dein höchstes Ziel diesen Leidenschaften ans Herz: da wurden

sie deine Tugenden und Freudenschaften.

Und ob du aus dem Geschlechte der Jähzornigen wärest oder aus dem der

Wollüstigen oder der Glaubens-Wüthigen oder der Rachsüchtigen:

Am Ende wurden alle deine Leidenschaften zu Tugenden und alle deine

Teufel zu Engeln.« (I 45 f.)

[7] Musik nach Schopenhauer gefasst als das tönende Abbild des Dinges

an sich.

[8] Ein verwandter Gedanke klingt in der »fröhlichen Wissenschaft«

(84) an, wenn Nietzsche die Wirkung der orgiastischen Culte darin

sieht, dass die Menschen besänftigt und von ihren Leidenschaften

befreit wurden, indem »man den Taumel und die Ausgelassenheit ihrer

Affekte aufs Höchste trieb, also den Rasenden toll, den Rachsüchtigen

rachetrunken machte:--alle orgiastischen Culte wollen die ferocia einer

Gottheit auf Ein Mal entladen und zur Orgie machen, damit sie hinterher

sich freier und ruhiger fühle«.

[9] Im Zusammenhänge dieser Gedanken lese man die Schilderung der

ewigen Wiederkunft in Also sprach Zarathustra (III 9 ff.) »Vom Gesicht

und Räthsel«.

»Siehe diesen Thorweg!-- -- --: der hat zwei Gesichter. Zwei Wege

kommen hier zusammen: die gieng noch Niemand zu Ende.

Diese lange Gasse zurück: die währt eine Ewigkeit. Und jene lange Gasse

hinaus--das ist eine andre Ewigkeit.

Sie widersprechen sich, diese Wege; sie stossen sich gerade vor den

Kopf:--und hier, an diesem Thorwege, ist es, wo sie zusammen kommen.

Der Name des Thorwegs steht oben geschrieben: »Augenblick.«

Aber wer Einen von ihnen weiter gienge--und immer weiter und immer

ferner: glaubst du,--dass diese Wege sich ewig widersprechen?«-- -- --

Muss nicht, was laufen kann von allen Dingen, schon einmal diese Gasse

gelaufen sein? Muss nicht, was geschehn kann vonallen Dingen, schon

einmal geschehn, gethan, vorübergelaufen sein?

Und wenn Alles schon dagewesen ist: was hältst du--von diesem

Augenblick? Muss auch dieser Thorweg nicht schon--dagewesen sein?

Und sind nicht solchermaassen fest alle Dinge verknotet, dass dieser

Augenblick alle kommenden Dinge nach sich zieht? _Also_--sich selber

noch?

Denn, was laufen _kann_ von allen Dingen: auch in dieser langen Gasse

_hinaus_--_muss_ es einmal noch laufen!--

Und diese langsame Spinne, die im Mondscheine kriecht, und dieser

Mondschein selber, und ich und du im Thorwege, zusammenflüsternd, von

ewigen Dingen flüsternd--müssen wir nicht Alle schon dagewesen sein?

--und wiederkommen und in jener anderen Gasse laufen, hinaus, vor uns,

in dieser langen schaurigen Gasse--müssen wir nicht ewig wiederkommen?--

Also redete ich, und immer leiser: denn ich fürchtete mich vor meinen

eignen Gedanken und Hintergedanken.-- -- --

Hieran schliesst die Erzählung vom heulenden Hunde, der für einen

Menschen um Hilfe ruft. Dem Menschen, einem jungen Hirten, ist eine

Schlange in den Schlund gekrochen und hat sich dort festgebissen.

»Meine Hand riss die Schlange und riss:--umsonst! sie riss die Schlange

nicht aus dem Schlunde. Da schrie es aus mir: »Beiss zu! Beiss zu! Den

Kopf ab! Beiss zu!«--so schrie es aus mir, mein Grauen, mein Hass, mein

Ekel, mein Erbarmen, all mein Gutes und Schlimmes schrie mit Einem

Schrei aus mir.-- -- --

--Der Hirt aber biss, wie mein Schrei ihm rieth; er biss mit gutem

Bisse! Weit weg spie er den Kopf der Schlange--: und sprang empor.--

Nicht mehr Hirt, nicht mehr Mensch,--ein Verwandelter, ein

Umleuchteter, welcher _lachte_! Niemals noch auf Erden lachte je ein

Mensch, wie ei lachte!

Oh meine Brüder, ich hörte ein Lachen, das keines Menschen Lachen

war,----und nun frisst ein Durst an mir, eine Sehnsucht, die nimmer

stille wird.«

Die Schlange der im Kreise verlaufenden ewigen Wiederkehr ist es, von

der Zarathustra den Menschen erlöst, indem er ihr den Kopf abbeisst:

indem er das Sinnlose und Grauenhafte an ihr aufhebt und den Menschen

zu ihrem Herrn macht--zum Verwandelten, Umleuchteten, lachenden

Uebermenschen:

»So rathet mir doch das Räthsel, das ich damals schaute, so deutet mir

doch das Gesicht des Einsamsten!

Denn ein Gesicht war's und ein Vorhersehn:--_was_ sah ich damals im

Gleichnisse? Und wer ist, der einst noch kommen muss?«

Vgl. (III 96): »-- --wie jenes Unthier mir in den Schlund kroch und

mich würgte! Aber ich biss ihm den Kopf ab und spie ihn weg von mir.«

[10] Der Zufall wollte, dass eines der vermuthlich letzten

wissenschaftlichen Werke, mit denen Nietzsche sich ganz eingehend

beschäftigt hat, dasjenige eines Schopenhauerianers strengster

Observanz über indische Philosophie war, und dieses ihn dem Ideenkreis

seiner eigenen ehemaligen Weltanschauung noch einmal nahe brachte.

Es ist das vortreffliche Buch von _Paul Deussen_ »_Das System des

Vedanta nach den Brahma-Sûtra's des Bâdarâyana und dem Commentare

des Çankara über dieselben_.« (Leipzig, Brockhaus 1883), in dem der

Verfasser seinen Gegenstand zwar objektiv darstellt und interpretirt,

ihn aber zugleich von seinem eigenen Standpunkte aus beurtheilt. Es ist

unmöglich, in Nietzsches seit 1883 verfassten Schriften den Einfluss

dieses Büches zu verkennen, besonders hinsichtlich der Vergöttlichung

des Schöpfer-Philosophen und dessen Gleichsetzung mit dem höchsten,

allesumfassenden Lebensprinzip, sowie hinsichtlich der Vorstellung,

dass dieser das Nacheinander alles Gewordenen gewissermaassen in einem

seelischen Nebeneinander in sich enthalte, in einer räumlichen anstatt

einer zeitlichen Seelenwanderung. Manchmal ist man versucht, wenn man

die zerstreuten Ausführungen Nietzsches über einzelne Seelenzustände in

ihrer halb mystischen Bedeutung zusammenhält, »Atman« und »Brahman« zur

Erklärung an den Rand zu schreiben.

[11] Nietzsche--Zarathustra.

[12] Die Gräber des Vergangenen, alles Gewesenen.

[13] Im Gegensatz zum blossen Erforschen und gedanklichen Erkennen des

Vergangenen durch die Wissenschaft, die Nichts zu erlösen vermag.

[14] Unverhüllter noch spiegelt sich dieser Gemüthszustand in den um

dieselbe Zeit (Herbst 1888) entstandenen und hinter dem vierten Theile

von »Also sprach Zarathustra« gedruckten »Dionysos Dithyramben«.

Besonders bezeichnend sind u. a. die nachfolgenden Verse (5 ff.):

Jetzt--einsam

mit dir,

_zwiesam im eignen Wissen_,

_zwischen hundert Spiegeln_

_vor dir selber falsch_,

_zwischen hundert Erinnerungen_

_ungewiss_,

an jeder Wunde müd,

an jedem Froste kalt,

in eignen Stricken gewürgt,

_Selbstkenner!_

_Selbsthenker!_

Ein Kranker nun,

der an Schlangengift krank ist;

ein Gefangner nun,

der das härteste Loos zog:

im eignen Schachte

gebückt arbeitend,

_in dich selber eingehöhlt_,

_dich selber an grabend_,

_unbehülflich_,

_steif_,

_ein Leichnam_--,

-- -- -- -- -- -- -- -- -- --

-- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Lauernd,

kauernd,

Einer, der schon nicht mehr aufrecht steht!

_Du verwächst mir noch mit deinem Grabe_,

_verwachsener Geist!_...

DIE BRIEFE

Erster Briefe

An Lou von Salome

[Leipzig, vermutlich 16. September 1882]

Meine liebe Lou, Ihr Gedanke einer Reduktion der philosophischen

Systeme auf Personal-Akten ihrer Urheber ist recht ein Gedanke aus

dem »Geschwistergehirn«: ich selber habe in Basel in diesem Sinne

Geschichte der alten Philosophie erzählt und sagte gern meinen

Zuhörern: »Dies System ist widerlegt und tot--aber die Person dahinter

ist unwiderlegbar, die Person ist gar nicht tot zu machen.«--Zum

Beispiel Plato.

Ich lege heute einen Brief des Professor Jacob Burckhardt bei, den Sie

ja einmal kennenlernen wollten. Auch er hat etwas Unwiderlegbares in

seiner Persönlichkeit; aber da er ein ganzer eigentlicher Historiker

ist (der Erste unter allen lebenden), so hat er gerade daran, an dieser

ewig ihm einverleibten Art und Person, kein Genügen, er möchte gar zu

gerne einmal aus andern Augen sehen, zum Beispiel, wie der seltsame

Brief verrät, aus den meinigen. Übrigens glaubt er an einen baldigen

und plötzlichen Tod, durch Schlagfluß, nach Art seiner Familie;

vielleicht möchte er mich gerne als Nachfolger in seiner Professur?--

Aber über mein Leben ist schon verfügt.--

Inzwischen hat der Prof. Riedel hier, der Präsident des deutschen

Musik-Vereins, für meine »heroische Musik« (ich meine Ihr

»Lebens-Gebet«) Feuer gefangen--er will es durchaus haben, und es ist

nicht unmöglich, daß er es für seinen herrlichen Chor (einen der ersten

Deutschlands, »der Riedelsche Verein« genannt) zurecht macht. Das

wäre so ein kleines Weglein, auf dem wir beide zusammen zur Nachwelt

gelangten--andre Wege vorbehalten.--

Was Ihre »Charakteristik meiner selber« betrifft, welche wahr ist,

wie Sie schreiben: so fielen mir meine Verschen aus der »Fröhlichen

Wissenschaft« ein--[II, 22] mit der Überschrift »Bitte«. Erraten

Sie, meine liebe Lou, um was ich bitte?--Aber Pilatus sagt: »Was ist

Wahrheit!«--

Gestern nachmittag war ich glücklich; der Himmel war blau, die Luft

mild und rein, ich war in Rosenthal, wohin mich Carmen-Musik lockte.

Da saß ich drei Stunden, trank den zweiten Cognac dieses Jahres,

zur Erinnerung an den ersten (ha! wie häßlich er schmeckte!) und

dachte in aller Unschuld und Bosheit darüber nach, ob ich nicht

irgendwelche Anlage zur Verrücktheit hätte. Ich sagte schließlich nein.

Dann begann die Carmen-Musik, und ich ging für eine halbe Stunde unter

in Tränen und Klopfen des Herzens.--Wenn Sie aber dies lesen, werden

Sie schließlich sagen: ja! und eine Note zur »Charakteristik meiner

selber« machen.--

Kommen Sie doch recht, recht bald nach Leipzig! Warum denn erst am 2.

Oktober? Adieu,

Zweiter Briefe

An Lou von Salome: 16-07-1882.

Nun, meine liebe Freundin, bis jetzt steht Alles gut, und Sonnabend

über 8 Tage sehen wir uns wieder. Vielleicht ist mein letzter Brief an

Sie nicht in Ihre Hände gelangt? Ich schrieb ihn Sonntag vor 14 Tagen.

Was Bayreuth betriff, so bin ich zufrieden damit, nicht dort sein zu

müssen; und doch, wenn ich ganz geisterhaft in Ihrer Nähe sein könnte,

dies und jenes in Ihr Ohr raunend, so sollte mir sogar die Musik zum

Parsifal erträglich sein (sonst ist sie mir nicht erträglich.) Ich

möchte, daß Sie vorher noch meine kleine Schrift »Richard Wagner in

Bayreuth« lesen; Freund Ree besitzt sie wohl. Ich habe so viel in

Bezug auf diesen Mann und seine Kunst erlebt--es war eine ganze lange

Passion: ich finde kein anderes Wort dafür.

Die letzten geschriebenen Worte Wagner's an mich stehen in einem

schönen Widmungs-Exemplare des Parsifal »Meinem theuren Freunde

Friedrich Nietzsche. Richard Wagner, Ober-Kirchenrath. Genau zu

gleicher Zeit traf, von mir gesendet, bei ihm mein Buch »Menschliches

Allzumenschliches« ein--und damit war Alles klar, aber auch Alles zu

Ende.

Ich habe viel an Sie gedacht und im Geiste so mancherlei des

Erhebenden, Rührenden und Heiteren mit Ihnen getheilt, daß ich wie mit

meiner verehrten Freundin verbunden gelebt habe. Wenn Sie wüßten, wie

neu und fremdartig mir alten Einsiedler das vorkommt!--Wie oft habe ich

über mich lachen müssen! Was Bayreuth betrifft, so bin ich zufrieden

damit, nicht dort sein zu müssen; und doch, wenn ich ganz geisterhaft

in Ihrer Nähe sein könnte, dies und jenes in Ihr Ohr raunend, so sollte

mir sogar die Musik zum Parsifal erträglich sein (sonst ist sie mir

nicht erträglich.)

Und wie glücklich bin ich, meine geliebte Freundin Lou, jetzt in Bezug

auf uns Beide denken zu dürfen »Alles im Anfang und doch Alles klar!«

Vertrauen Sie mir! Vertrauen wir uns! Mit den herzlichsten Wünschen für

Ihre Reise Ihr Freund Nietzsche.

Dritter Briefe

Tautenburg bei Dornburg Thüringen.

3. Juli 1882

Meine liebe Freundin,

Nun ist der Himmel über mir hell! Gestern Mittags gieng es bei mir

zu wie als ob Geburtstag wäre: Sie sandten Ihre Zusage, das schönste

Geschenk, das mir jetzt Jemand hätte machen können--meine Schwester

sandte Kirschen, Teubner sandte die drei ersten Druckbogen der

»fröhlichen Wissenschaft«; und zu alledem war gerade der allerletzte

Theil des Manuscriptes fertig geworden und damit das Werk von 6

Jahren (1876-1882), meine ganze »Freigeisterei«! Oh welche Jahre!

Welche Qualen aller Art, welche Vereinsamungen und Lebens-Überdrüsse!

Und gegen Alles das, gleichsam gegen _Tod und_ Leben, habe ich mir

diese meine Arznei gebraut, diese meine Gedanken mit ihrem kleinen

kleinen Streifen _unbewölkten Himmels_ über sich:--oh liebe Freundin,

so oft ich an das Alles denke, bin ich erschüttert und gerührt und

weiß nicht, wie das doch hat gelingen können: Selbst-Mitleid und das

Gefühl des Sieges erfüllen mich ganz. Denn es ist ein Sieg, und ein

vollständiger--denn sogar meine Gesundheit des Leibes ist wieder, ich

weiß nicht woher, zum Vorschein gekommen, und Jedermann sagt mir, ich

sähe jünger aus als je. Der Himmel behüte mich vor Thorheiten!--Aber

von jetzt ab, wo Sie mich berathen werden, werde ich gut berathen sein

und brauche mich nicht zu fürchten.--

Was den _Winter_ betrifft, so habe ich _ernstlich_ und _ausschließlich_

an Wien gedacht: die Winterpläne meiner Schwester sind ganz unabhängig

von den meinigen, es giebt dabei _keine_ Nebengedanken. Der Süden

Europa's ist mir jetzt aus dem Sinn gerückt. Ich will nicht mehr einsam

sein und wieder lernen, Mensch zu werden. Ah, an _diesem_ Pensum habe

ich fast Alles noch zu lernen!--

Nehmen Sie meinen Dank, liebe Freundin! Es wird _Alles_ gut, wie Sie es

gesagt haben.

Unserem Rée das Herzlichste!

Ganz _Ihr_ F.N.

Friedrich Nietzsche in seinen Werken · 第 18 / 18 段