So mystisch-geheimnissvoll diese Zarathustra-Figur auch in ihrer

Weltbedeutung gefasst ist, sö streng logisch schliesst sie sich

doch in ihrer Gestaltung an Nietzsches Ausführungen über das

Wesen des Genialen, des Willensfreien und des Atavistischen, als

des Zukunftbedingenden, an. Die Betrachtung dieser Theorien hat

gezeigt, dass sie alle auf die mögliche Erschaffung eines Ueberwesens

hinzielen; und es ist interessant zu verfolgen, wie früh schon sich

in Nietzsche verwandte Gedanken geregt haben, die sich später,

aus seiner ersten philosophischen Periode herübergenommen, durch

seine positivistische Weltanschauung hindurchgearbeitet haben, um

schliesslich in seiner letzten Philosophie zu neuem Leben erweckt

zu werden. Das Genie der Ethik und Aesthetik umfasst bereits bei

Schopenhauer Sinn und Wesensgrund der ganzen Welt und Menschheit

und thutdies in einem jeden solchen Genius gleichwertig aufs neue,

aber Sinn und Wesensgrund bedeuten bei diesem das hindurchleuchtende

ewige Sein, das metaphysische Ding an sich, ganz losgelöst von der

thatsächlichen Entwickelungsgeschichte von Welt und Menschheit.

Nietzsche aber, der von diesen metaphysischen Vorstellungen absieht,

braucht das Auftreten des Genius in einem einzigen, isolirten

Ueberwesen, das eine Mehrzahl von seinesgleichen ausschliesst und

die thatsächlich gegebene Erscheinung von Welt und Menschheit in

sich begreift. In »Menschliches, Allzumenschliches« (II 185) sagt

er noch im Hinblick auf den Schopenhauerischen Gedanken, den er in

positivistischem Sinne modificirt: »Wenn Genialität, nach Schopenhauers

Beobachtung, in der zusammenhängenden und lebendigen Erinnerung an

das Selbst-Erlebte besteht, so möchte im Streben nach Erkenntniss des

gesammten historischen Gewordenseins-- -- --ein Streben nach Genialität

der Menschheit im Ganzen zu erkennen sein. Die vollendet gedachte

Historie wäre kosmisches Selbstbewusstsein.« Dazu stelle man auch die

nachfolgenden Aeusserungen in der »fröhlichen Wissenschaft«, so (34)

den Aphorismus _Historia abscondita_: »Jeder grosse Mensch hat eine

rückwirkende Kraft: alle Geschichte wird um seinetwillen wieder auf die

Wage gestellt, und tausend Geheimnisse der Vergangenheit kriechen aus

ihren Schlupfwinkeln--hinein in _seine_ Sonne.« Ferner (337): »-- --

--wer die Geschichte der Menschen insgesammt als _eigene_ _Geschichte_

zu fühlen weiss, der empfindet in einer ungeheuren Verallgemeinerung

allen jenen Gram des Kranken, der an die Gesundheit, des Greises, der

an den Jugendtraum denkt, des Liebenden, der der Geliebten beraubt

wird, des Märtyrers, dem sein Ideal zu Grunde geht, des Helden am Abend

der Schlacht, welche Nichts entschieden hat und doch ihm Wunden und

den Verlust des Freundes brachte--; aber diese ungeheure Summe von

?Gram aller Art tragen, tragen können und nun doch noch der Held sein,

der beim Anbruch eines zweiten Schlachttages die Morgenröthe und sein

Glück begrüsst, als der Mensch eines Horizontes von Jahrtausenden vor

sich und hinter sich, als der Erbe aller Vornehmheit, alles vergangenen

Geistes und der verpflichtete Erbe, als der Adeligste aller alten

Edlen und zugleich der Erstling eines neuen Adels, dessen Gleichen

noch keine Zeit sah und träumte: diess Alles auf seine Seele nehmen,

Aeltestes, Neuestes, Verluste, Hoffnungen, Eroberungen, Siege der

Menschheit: diess Alles endlich in Einer Seele haben und in Ein Gefühl

zusammendrängen:--diess müsste doch ein Glück ergeben, das bisher der

Mensch noch nicht kannte,--eines Gottes Glück voller Macht und Liebe,

voller Thränen und voll Lachens, ein Glück, welches, wie die Sonne am

Abend, ? fortwährend aus seinem unerschöpflichen Reichthume wegschenkt

und in's Meer schüttet und, wie sie, sich erst dann am reichsten fühlt,

wenn auch der ärmste Fischer noch mit goldenem Ruder rudert! Dieses

göttliche Gefühl hiesse dann--Menschlichkeit!«

Aber die menschliche Genialität wird für Nietzsche in immer geringerem

Grade durch das Erkennen oder das erworbene Nachempfinden des

historisch Gewordenen ausgelöst, denn die Fülle des Gewordenen liegt

im Menschen selbst bereit und kann durch tiefere Selbstversenkung

hervorgeholt und zum Bewusstsein gebracht werden. Schon in

»Menschliches, Allzumenschliches« (I 14) weist er auf die Eigenschaft

des Affektes, hin, rückwirkend Schlummerndes in uns zu wecken, das

vergangenen Zuständen angehört: »Alle _stärkeren_ Stimmungen bringen

ein Miterklingen verwandter Empfindungen und Stimmungen mit sich; sie

wühlen gleichsam das Gedächtniss auf.« Aber nicht nur hinsichtlich der

individuellen Vergangenheit mit ihren Affekten, sondern gleichzeitig

auch dessen, was sich an Gedanken und Empfindungen im Laufe der

Menschheits-Entwicklung abgesetzt hat,--denn der Einzelne ist ein

Erzeugniss derselben und enthält ihre verschiedenen Stufen noch

fortdauernd in sich. Hierauf ist in der »fröhlichen Wissenschaft« (54)

Bezug genommen, in dem Aphorismus »_Das Bewusstsein vom Scheine_«: »Wie

wundervoll und neu und zugleich wie schauerlich und ironisch fühle ich

mich mit meiner Erkenntniss zum gesammten Dasein gestellt! Ich habe für

mich _entdeckt_, dass die alte Mensch- und Thierheit, ja die gesammte

Urzeit und Vergangenheit alles empfindenden Seins in mir fortdichtet,

fortliebt, forthasst, fortschliesst,--ich bin plötzlich mitten in

diesem Traume erwacht, aber nur zum Bewusstsein, dass ich eben träume

und dass ich weiterträumen _muss_, um nicht zu Grunde zu gehen: wie

der Nachtwandler weiterträumen muss, um nicht hinabzustürzen. Was

ist mir jetzt »Schein«! Wahrlich nicht der Gegensatz irgend eines

Wesens,--was weiss ich von irgend welchem Wesen auszusagen, als eben

nur die Prädikate seines Scheines! Wahrlich nicht eine todte Maske,

die man einem unbekannten aufsetzen und auch wohl abnehmen könnte!

Schein ist für mich das Wirkende und Lebende selber, das soweit in

seiner Selbstverspottung geht, mich fühlen zu lassen, dass hier Schein

und Irrlicht und Geistertanz und nichts Mehr ist,--dass unter allen

diesen Träumenden auch ich, der »Erkennende«, meinen Tanz tanze, dass

der Erkennende ein Mittel ist, den irdischen Tanz in die Länge zu

ziehen und insofern zu den Festordnern des Daseins gehört, und dass die

erhabene Consequenz und Verbundenheit aller Erkenntnisse vielleicht das

höchste Mittel ist und sein wird, die Allgemeinheit der Träumerei und

die Allverständlichkeit aller dieser Träumenden unter einander und eben

damit _die Dauer des Traumes aufrecht zu erhalten_.«

Hier hat Nietzsche schon die Wendung gemacht, die den Uebergang zu

seiner späteren Mystik bildet. In dieser ist die Welt ihm zu einer

Fiktion des Erkennenden geworden, der, wenn er, wie aus nachtwandelndem

Traume, zum Bewusstsein der Fiktion erwacht, sich wohl als Herr und

Schöpfer fühlen kann, der den Sinn dieses Scheines, dieses Traumes

gebieterisch bestimmt. Umgestaltet durch die mystische Vorstellung,

dass das Erwachen aus dem Traume des Alllebens zugleich zu einer

schöpferischen welterlösenden That wird, kehrt derselbe Gedanke

später in wundervoll dichterischer Einkleidung in dem Lied der »alten

Brumm-Glocke« (Also sprach Zarathustra III 110 f.) wieder, die in

tiefer Mitternacht den beginnenden Tag des Erwachenden durch zwölf

Schläge verkündet:

_Eins_!

Oh Mensch! gieb Acht!

_Zwei_!

Was spricht die tiefe Mitternacht?

_Drei_!

»Ich schlief, ich schlief--,

_Vier_!

»Aus tiefem Traum bin ich erwacht:--

_Fünf_!

»Die Welt ist tief,

_Sechs_!

»Und tiefer als der Tag gedacht.

_Sieben_!

»Tief ist ihr Weh--,

_Acht_!

»Lust--tiefer noch als Herzeleid:

_Neun_!

»Weh spricht: Vergeh!

_Zehn_!

»Doch alle Lust will Ewigkeit--,

_Elf_!

»--will tiefe, tiefe Ewigkeit!

_Zwölf_!

Die schliessliche Ausgestaltung dieser Vorstellungen enthält wiederum

starke Anklänge an Nietzsches Schopenhauerische Periode und an

die indische Philosophie, jedoch immer mit der charakteristischen

Modifikation, dass das Endziel sowie der dahin führende Weg, anstatt im

_Lebenserlöschen_, in der _Lebenssteigerung_ zu suchen sei. Aber wie

sehr sich trotzdem diese beiden Gefühlsauffassungen des Daseinsproblems

einander nähern, ergiebt sich nicht zum wenigsten daraus, dass,

nach neuerer Auffassung, selbst die indische Lebensabkehr, dieser

extremste Ausdruck der weltverneinenden Philosophie, eigentlich

nicht die Befreiung vom Leben anstrebt, sondern nur die Erlösung

vom Immer-wieder-sterben-müssen infolge der Seelenwanderung. Es ist

schliesslich nichts als eine andere Form der Todesfurcht, die in den

übrigen Religionen das Motiv des Unsterblichkeitsglaubens abgegeben

hat;--es ist eine Furcht, deren Beschwichtigung ebenso wohl erreicht

werden kann durch ein Aufgehobensein in die Lebensewigkeit, bei voller

Identificirung des Einzelnen mit der Kraft und Fülle des Lebensganzen,

als auch durch ein Abstreifen und Verflüchtigen aller Lebenstriebe, mit

denen Tod, Erlöschen, Vergehen unabtrennbar verknüpft sind.[10]

Aber der Reiz, den für Nietzsche eine mystische Auslegung von

Traumzuständen und die Auffassung des Weltbewusstseins als eines

Traumbewusstseins besass, hatte noch einen persönlichen Grund. In der

That handelte es sich dabei für ihn um mehr als nur um ein Gleichniss

oder Analogon,--denn er war überzeugt, dass speciell in den Zuständen

des Rausches und Traumes eine Fülle von Vergangenheit im Menschen

zur Gegenwart wieder erweckt werden könne. Träume spielten stets

eine grosse Rolle in seinem Leben und Denken, und in seinen letzten

Jahren entnahm er ihnen oft, wie einer Räthsellösung, den Inhalt

seiner Lehre. In dieser Weise verwendet er zum Beispiel den in »Also

sprach Zarathustra« (II 80 ff.) erzählten Traum, den er im Herbst

1882 in Leipzig gehabt hatte; er wurde nicht müde, ihn deutend mit

sich herumzutragen. Eine geistreiche oder dem Gefühl des Träumenden

glücklich angepasste Interpretation konnte ihn dann beglücken und

förmlich erlösen. So erklärt es sich, dass er schon früh sich mit

diesem Gegenstände beschäftigt hat, aber indem er noch gewagte

Deutungen abwies, wie er sie später bevorzugte. Er hat über ihn an

verschiedenen Stellen von »Menschliches, Allzumenschliches« gesprochen.

(Ivlan vergleiche beispielsweise den Aphorismus I 12 »_Traum und

Kultur_« und 113 »_Logik der Traumes_«.) Dort meint er noch, dass

die Verworrenheit und das Ungeordnete der Vorstellungen im Traume, der

Mangel an Klarheit und Logik und an richtigem Kausalzusammenhang, der

im Schläfe unsere Art zu urtheilen und zu schliessen kennzeichne, an

die Zustände der frühesten Menschheit erinnern, die, ebenso wie noch

heute die Wilden, _auch im Wachen_ so verfahren habe, wie wir jetzt

im Traume. In der »Morgenröthe« hingegen spricht er schon nicht mehr

von einer derartigen Analogie, sondern geradezu von der möglichen

Reproducirung eines Stückes Vergangenheit im Traume. Und in der

»fröhlichen Wissenschaft« steigert sich ihm hier und da der Traum

schon zu einem positiven Abbild des Lebens und der Weltvergangenheit im

Einzelmenschen. Von hier war es nur noch ein Schritt zu einem dritten

Gedanken, der die beiden vorhergehenden zusammenfasste: den einen, dass

im Traume die Vergangenheit reproducirt werde,--den anderen, dass das

Weltganze und die Lebensentwickelung philosophisch einer Traumfiktion

zu vergleichen sei,--aus deren Verbindung sich dann ergab, dass der

Traum, unter gewissen Umständen, die Wiederbelebung alles gewesenen

Lebens sei,--das Leben hinwiederum in seinem tiefsten Wesen ein Traum,

dessen Sinn und Bedeutung wir, als Erwachende, zu bestimmen haben.

Das Nämliche gilt von allen dem Traume verwandten Zuständen, von

allen, die tief genug hinabführen könnten in das Chaotische, Dunkle,

Unergründliche des Lebens-Untergrundes,--nicht nur der gewesenen

Menschheit, sondern noch unter diese hinab bis zu Dem, woraus auch

sie erst geworden ist. Denn der friedliche Traum reicht hierfür nicht

aus; es bedarf eines viel wirklicheren und selbst furchtbareren

Erlebens: das Chaos aufwühlender Leidenschaften und orgiastischer

Dionysos-Zustände,-- --ja, _der Wahnsinn selbst_, als ein Zurücksinken

in die Unentwirrbarkeit aller Gefühle und Vorstellungen, erschien

ihm als der letzte Weg zu den in uns ruhenden Urtiefen vergangener

Menschheitsschichten.

Schon früh hatte er über die Bedeutung des Wahnsinns als einer

möglichen Erkenntnissquelle gegrübelt, und über den Sinn, der darin

gelegen haben möge, dass die Alten ihn als ein Zeichen der Erwählung

ansahen. In der »fröhlichen Wissenschaft« sagt er in Bezug darauf:

»Nur wer schreckt--führt«, und in der »Morgenröthe« (312) stehen die

folgenden, merkwürdigen Worte, die an seine spätere Vorstellung eines

die gesammte Menschheits-Vergangenheit verkörpernden Zukunftsgenius

erinnern: »In den Ausbrüchen der Leidenschaft und im Phantasiren

des Traumes und des Irrsinns entdeckt der Mensch seine und der

Menschheit Vorgeschichte wieder:-- -- --; sein Gedächtniss _greift

einmal weit genug rückwärts_, während sein civilisirter Zustand sich

aus dem Vergessen dieser Urerfahrungen, also aus dem Nachlassen

jenes Gedächtnisses entwickelt. Wer als ein Vergesslicher höchster

Gattung allem Diesen immerdar sehr fern geblieben ist, _versteht

die Menschen nicht_.« Damals wünschte jedoch Nietzsche, selbst ein

solcher »Vergesslicher« zu sein, da er die menschliche Grösse noch im

»affektlosen Erkennenden« suchte und in dem, was »von der Vernunft

geboren« ist. Damals nannte er es noch eine grausige Verwirrung

ehemaliger Zeiten, dass ihnen von neuen grossen Erkenntnissen der

Wahnsinn so oft unabtrennbar erschienen sei: »-- --wenn--trotzdem

neue und abweichende Gedanken, Werthschätzungen, Triebe immer

wieder herausbrachen, so geschah diess unter einer schauderhaften

Geleitschaft: fast überall ist es der Wahnsinn, welcher dem neuen

Gedanken den Weg bahnt, welcher den Bann eines verehrten Brauches

und Aberglaubens bricht. Begreift ihr es, wesshalb es der Wahnsinn

sein musste? Etwas in Stimme? und Gebärde so Grausenhaftes und

Unberechenbares-- -- --? Etwas, das so sichtbar das Zeichen völliger

Unfreiwilligkeit trug,-- -- --, das den Wahnsinnigen dergestalt

als Maske und Schallrohr einer Gottheit zu kennzeichnen schien?--

-- --Gehen wir noch einen Schritt weiter: allen jenen überlegenen

Menschen, welche es unwiderstehlich dahin zog, das Joch irgend

einer Sittlichkeit zu brechen und neue Gesetze zu geben, blieb,

_wenn sie nicht wirklich wahnsinnig waren_, Nichts übrig, als sich

wahnsinnig zu machen oder zu stellen-- -- --. »Wie macht man sich

wahnsinnig, wenn man es nicht ist-- -- --?« diesem entsetzlichen

Gedankengange haben fast alle bedeutenden Menschen der älteren

Civilisation nachgehangen;-- -- --Wer wagt es, einen Blick in die

Wildniss bitterster und überflüssigster Seelennöthe zu thun, in

welchen wahrscheinlich gerade die fruchtbarsten Menschen aller Zeiten

geschmachtet haben! Jene Seufzer der Einsamen und Verstörten zu hören:

»Ach, so gebt doch Wahnsinn, ihr Himmlischen! Wahnsinn, dass ich

endlich an mich selber glaube! Gebt Delirien und Zuckungen, plötzliche

Lichter und Finsternisse, schreckt mich mit Frost und Gluth, wie sie

kein Sterblicher noch empfand, mit Getöse und umgehenden Gestalten,

lasst mich heulen und winseln und wie ein Thier kriechen: nur dass ich

bei mir selber Glauben finde! Der Zweifel frisst mich auf, ich habe

das Gesetz getödtet, das Gesetz ängstigt mich wie ein Leichnam einen

Lebendigen; wenn ich nicht mehr bin als das Gesetz, so bin ich der

Verworfenste von Allen.-- -- -- --.« (Morgenröthe 14.)

Wie in der »Morgenröthe« so oft gerade Gedanken, die schon heimlich

auf Nietzsche zu wirken begonnen hatten, erklärt oder widerlegt

werden, so zeigt auch diese Schilderung, in welcher Weise ihm später

Rauschzustände als Beweise besonderer Erwählung galten. Er ging

aus von der Trostlosigkeit und dem Grauenhaften alles Bestehenden,

von einem Zerrbilde der Wirklichkeit, das aus einer Karikirung des

Positivismus in ihm entstanden war, und wollte an dessen Stelle

ein Neues und Herrliches _schaffen_. Aber da dieses Geschaffene

ganz ausschliesslich auf ihm beruhte, so stand und fiel es mit

seiner eigenen Zuversicht,--an sich war es ja gar nicht vorhanden.

Tausendfältig müssen daher die Zweifel, die ihn quälten, gewesen

sein, sobald die Stimmung auch nur auf einen Augenblick sank;

unerbittlich das Verlangen, in dieser schwankenden, zweifelnden

Menschlichkeit sich selbst von einem selbstsicheren, ewiggewissen

Wesen, Nietzsche za unterscheiden von Zarathustra. Mochte dann jenem

auch das Schauerlichste als Loos im zeitlich gegebenen Selbstuntergang

zufallen,--für diesen blieb es ein Zeichen der Erwählung und Erhöhung;

mochte jener im Zustande des Schauerlich-Chaotischen selbst bis zu

seiner Thierwerdung hinabsteigen müssen,--für diesen war es nur der

Ausdruck des Allumfassens, das auch das Niederste und Tiefste in

sich aufnimmt. In diesem Sinne heisst es in der »Götzen-Dämmerung«

(13) vom Philosophen höchsten Ranges, dass er eine Art Verbindung

von Thier und Gott sei, und ein verwandter Gedanke liegt auch in dem

Ausspruch über den Erkennenden als Schöpfer-Philosophen (Jenseits

von Gut und Böse 101): »Heute möchte sich ein Erkennender leicht als

Thierwerdung Gottes fühlen.« Ja, diese Maske des Niedersten könnte vor

den Menschen die passendste Darstellungsform des Höchsten sein, denn

in ihr beschämt er sie nicht und verbirgt auf wirksame Weise seinen

Glanz: »Sollte nicht erst der _Gegensatz_ die rechte Verkleidung sein,

in der die Scham eines Gottes einhergienge?« (Jenseits von Gut und

Böse 40). Hierin tritt uns der letzte Versuch des Sich-Verbergens bei

Nietzsche entgegen, ein letztes Mal sein Verlangen nach der Maske.

Scheinbar soll sie den Gott in ein allzumenschliches Gewand hüllen,

während ihr in Wahrheit das erschütternde Bedürfniss zu Grunde liegt,

das furchtbare Schicksal, das Nietzsches Menschengeist drohte, ins

Göttliche umzudeuten, um es zu ertragen. In dem Aphorismus »_Hier ist

die Aussicht frei_« (Götzen-Dämmerung IX 46) giebt er eine Andeutung,

dass es Grösse der Seele sein könne, »_dem Unwürdigsten_« ohne

Furcht entgegenzugehen: »Ein Weib, das liebt, opfert seine Ehre; ein

Erkennender, welcher »liebt«, opfert vielleicht seine Menschlichkeit;

ein Gott, welcher liebte, ward Jude ...«

So sehen wir die Selbstopferung und Selbstvergewaltigung, die gewollte

Qual der Zwiespältigkeit nicht nur gesteigert bis hinauf in das

Geistigste, sondern auch hineingetragen bis in das Persönlichste.

Immer deutlicher spitzt sich der ganze Gedankengang zu in einer

selbstvernichtenden _That_, durch welche, in persönlichem Handeln

und Erdulden, die Erlösung vollendet wird. Liess es sich deutlich

verfolgen, wie Nietzsches Innenleben sich in seiner Zukunftslehre

in philosophischen Formen ausspricht, so sind wir hier an den Punkt

gelangt, wo seine Philosophie sich in ein allerpersönlichstes Erleben

zurückverwandelt,--entsprechend dem Wort: »ich trinke die Flammen

in mich zurück, die aus mir brechen« (Also sprach Zarathustra II

35). Und waren die Grundzüge seines Denkens nur Linien, die sich,

anstatt zu einem abstrakten System, zu den ungeheuren Umrissen einer

Gottes-Gestalt, einer mystischen Selbst-Apotheose, zusammenschlcssen,

so schlägt jetzt die Beseligung der Selbstvergöttlichung um in die

_rein menschliche Lebenstragödie_. Zarathustras erlösende Weltthat

ist zugleich Nietzsches Untergang, Zarathustras göttliches Recht der

Lebensdeutung und der Umwerthung aller Werthe wird nur um den Preis

erlangt, einzugehen in jenen Urgrund des Lebens, der sich in Nietzsches

Menschendasein darstellt als die dunkle Tiefe des Wahnsinns. »Wer

aber meiner Art ist«, sagt Zarathustra (III 2), »der entgeht einer

solchen Stunde nicht: der Stunde, die zu ihm redet: »Jetzo erst gehst

du deinen Weg der Grösse! Gipfel und Abgrund--das ist jetzt in Eins

beschlossen!« Das Grauen Zarathustras vor diesem unergründlichen

Versinken, vor diesem »Abgrunds-Gedanken«, ist daher zugleich

Nietzsches Grauen vor seinem persönlichen Schicksal; ununterscheidbar

verschmilzt beides, in der Dichtung, die ja nichts ist als die

Schilderung des verklärten Nietzsche-Lebens, des Ueber-Nietzschethums.

»Also rief mir Alles in Zeichen zu: »es ist Zeit!« Aber ich--hörte

nicht: bis endlich mein Abgrund sich rührte und mein Gedanke mich biss.

Ach, abgründlicher Gedanke, der du _mein_ Gedanke bist! Wann finde

ich die Stärke, dich graben zu hören und nicht mehr zu zittern? Bis

zur Kehle hinauf klopft mir das Herz, wenn ich dich graben höre! Dein

Schweigen noch will mich würgen, du abgründlich Schweigender! Noch

wagte ich niemals, dich _herauf_ zü rufen: genug schon, dass ich dich

mit mir--trug!« (Also sprach Zarathustra III 16). Dieser erschütternden

Worte muss man eingedenk sein, wenn man in Nietzsches Dichtung die

Beschreibung der »stillsten Stunde« liest, in der ihm das Leben selbst

befiehlt, seinen Gedanken zu erleben und zu verkünden,--das lachende

selbstselige Leben, welches über das Leid des Einzelnen hinweglacht,

weil es in seiner eigenen Fülle Seligkeit ist:

»Bis in die Zehen hinein erschrickt er, darob, dass ihm der Boden

weicht und der Traum beginnt. Dieses sage ich euch zum Gleichniss.

Gestern, zur stillsten Stunde, wich mir der Boden: der Traum begann.

Der Zeiger rückte, die Uhr meines Lebens holte Athem--, nie hörte ich

solche Stille um mich: also dass mein Herz erschrak. Dann sprach es

ohne Stimme zu mir: »_Du weisst es, Zarathustra_?«--Und ich schrie

vor Schrecken bei diesem Flüstern, und das Blut wich aus meinem

Gesichte:-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --Da geschah

ein Lachen um mich. Wehe, wie diess Lachen mir die Eingeweide zerriss

und das Herz aufschlitzte!-- -- -- -- -- -- --Und wieder lachte es und

floh: dann wurde es stille um mich wie mit einer zwiefachen Stille. Ich

aber lag am Boden, und der Schweiss floss mir von den Gliedern.-- -- --

--« Also sprach Zarathustra II 97 ff.

Hieran schliesst sich (III 92 ff.) das Kapitel »Der Genesende«:

»Eines Morgens,-- -- --, sprang Zarathustra von seinem Lager auf wie

ein Toller, schrie mit furchtbarer Stimme und gebärdete sich, als _ob

noch Einer_[11] auf dem Lager läge, der nicht davon aufstehn wolle;--

-- -- -- -- --Zarathustra aber redete diese Worte:

Herauf, abgründlicher Gedanke, aus meiner Tiefe! Ich bin dein Hahn und

Morgen-Grauen, verschlafener Wurm: auf! auf! Meine Stimme soll dich

schon wach krähen!

Knüpfe die Fessel deiner Ohren los: horche! Denn ich will dich hören!

Auf! Auf! Hier ist Donners genug, _dass auch Gräber horchen lernen_![12]

Und wische den Schlaf und alles Blöde, Blinde aus deinen Augen! Höre

mich auch mit deinen Augen: meine Stimme ist ein Heilmittel noch für

Blindgeborne.

Und bist du erst wach, sollst du mir ewig wach bleiben. Nicht ist

das _meine_ Art, Urgrossmütter aus dem Schlafe wecken, dass ich sie

heisse--weiterschlafen![13]

Du regst dich, dehnst dich, röchelst? Auf! Auf! Nicht röcheln--reden

sollst du mir! Zarathustra ruft dich, der Gottlose!

Ich, Zarathustra, der Fürsprecher des Lebens, der Fürsprecher

des Leidens, der Fürsprecher des Kreises-- dich rufe ich, meinen

abgründlichsten Gedanken!

Heil mir! Du kommst--ich höre dich! Mein Abgrund _redet_, meine letzte

Tiefe habe ich an's Licht gestülpt!

Heil mir! Heran! Gieb die Hand-- --ha! lass! Haha!-- --Ekel, Ekel,

Ekel-- -- --wehe mir!«

Friedrich Nietzsche in seinen Werken · 第 16 / 18 段