Hier tritt der Grundgedanke deutlich hervor--fast deutlicher und

unumwundener als irgendwann später, denn Nietzsche ertrug es

nicht, ganz über das zu schweigen, was seinen Geist erfüllte und

erregte. Aber es erschütterte ihn noch so sehr, von dieser neuen

Erkenntniss zu sprechen, dass er seinen Wiederkunftsgedanken ganz

unauffällig wie einen harmlosen Einfall zwischen andere Einfälle

hineinschob, so dass wer darüber hinliest, den Zusammenhang mit der

ernsten Schlussbetrachtung »_Incipit tragoedia_« nicht merkt,--»so

heimlich, dass alle Welt es überhört, dass alle Welt _uns_ überhört!«

(Einführende Vorrede zur neuen Ausgabe der Morgenröthe 5.) So steht er

denn da, inmitten der übrigen Gedanken, gerade als der Verhüllteste

unter den Verhüllten, und an dem feinen Maskenscherz, Etwas dadurch

am besten zu verstecken, dass man es offen und nackt hinstellt, hat

der an Heimlichkeiten so reiche und aller Heimlichkeit so frohe Geist

Nietzsches trotz aller tiefen Seelenbewegung seinen Spass gehabt.

Thatsächlich trug er sich schon damals mit jenem Gedanken wie mit

einem unentrinnbaren Verhängniss, das ihn »verwandeln und zermalmen«

wollte; er rang nach dem Muth, ihn siqh selbst und den Menschen als

unumstössliche Wahrheit in seiner ganzen Tragweite zu gestehen.

Unvergesslich sind mir die Stunden, in denen er ihn mir zuerst, als ein

Geheimniss, als Etwas, vor dessen Bewahrheitung und Bestätigung ihm

unsagbar graue, anvertraut hat: nur mit leiser Stimme und mit allen

Zeichen des tiefsten Entsetzens sprach er davon. Und er litt in der

That so tief am Leben, dass die Gewissheit der ewigen Lebenswiederkehr

für ihn etwas Grauenvolles haben musste. Die Quintessenz der

Wiederkunftslehre, die strablende Lebensapotheose, welche Nietzsche

nachmals aufstellte, bildet einen so tiefen Gegensatz zu seiner eigenen

qualvollen Lebensempfindung, dass sie uns anmuthet wie eine unheimliche

Maske.

Verkündiger einer Lehre zu werden, die nur in dem Maasse erträglich

ist," als die Liebe zum Leben überwiegt, die nur da erhebend zu

wirken vermag, wo der Gedanke des Menschen sich bis zur Vergötterung

des Lebens aufschwingt, das musste in Wahrheit einen furchtbaren

Widerspruch zu seinem innersten Empfinden bilden,--einen Widerspruch,

der ihn endlich zermalmt hat. Alles, was Nietzsche seit der Entstehung

seines Wiederkunfts-Gedankens gedacht, gefühlt, gelebt hat, entspringt

diesem Zwiespalt in seinem Inneren, bewegt sich zwischen dem »mit

knirschenden Zähnen dem Dämon der Lebensewigkeit fluchen« und der

Erwartung jenes »ungeheuren Augenblicks«, der zu den Worten die Kraft

giebt: »du bist ein Gott und nie hörte ich Göttlicheres!«

Je höher er sich, als Philosoph, zur vollen Exaltation der

Lebensverherrlichung erhob, je tiefer litt er, als Mensch, unter seiner

eigenen Lebenslehre. Dieser Seelenkampf, die wahre Quelle seiner ganzen

letzten Philosophie, den seine Bücher und Worte nur unvollkommen ahnen

lassen, klingt vielleicht am ergreifendsten durch in Nietzsches Musik

zu meinem »Hymnus an das Leben«, die er im Sommer 1882 componirte,

während er mit mir in Thüringen, bei Dornburg, weilte. Mitten in der

Arbeit an dieser Musik wurde er durch einen seiner Krankheitsanfälle

unterbrochen, und immer wieder wandelte sich ihm der »Gott« in den

»Dämon«, die Begeisterung für das Leben in die Qual am Leben. »Zu Bett.

Heftiger Anfall. _Ich verachte das Leben_. F. N.« So lautete einer der

Zettel, die er mir zuschickte, wenn er an sein Lager gefesselt war. Und

dieselbe Stimmung spricht sich in einem Briefe aus, den er kurz nach

Vollendung jener Composition schrieb:

»Meine liebe Lou,

Alles was Sie mir melden, thut mir sehr wohl. Uebrigens

_bedarf_ ich etwas des Wohlthuenden!

Mein Venediger Kunstrichter hat einen Brief über meine Musik

zu Ihrem Gedichte geschrieben; ich lege ihn bei--Sie werden

Ihre Nebengedanken dabei haben. _Es kostet mich immerfort

noch den grössten Entschluss, das Leben zu acceptiren. Ich

habe viel vor mir, auf mir_, hinter mir;-- -- -- -- -- -- --

_Vorwärts_------_und aufwärts_!-- --«

Damals war, wie gesagt, die Wiederkunfts-Idee für Nietzsche noch

keine Ueberzeugung geworden, sondern erst eine Befürchtung. Er hatte

die Absicht, ihre Verkündigung davon abhängig zu machen, ob und wie

weit sie sich wissenschaftlich werde begründen lassen. Wir wechselten

eine Reihe von Briefen über diesen Gegenstand, und immer ging aus

Nietzsches Aeusserungen die irrthümliche Meinung hervor, als sei es

möglich, auf Grund, physikalischer Studien und der Atomenlehre, eine

wissenschaftlich unverrückbare Basis dafür zu gewinnen. Damals war es,

wo er beschloss, an der Wiener oder Pariser Universität zehn Jahre

ausschliesslich Naturwissenschaften zu studiren. Erst nach Jahren

absoluten Schweigens wollte er dann, im Fall des gefürchteten Erfolges,

als der Lehrer der ewigen Wiederkunft unter die Menschen treten.

Es kam bekanntlich ganz anders. Innere und äussere Gründe machten

Nietzsche die geplante Arbeit unmöglich, trieben ihn wieder nach dem

Süden und in die Einsamkeit zurück; Das Jahrzehnt des Schweigens aber

wurde zum beredtesten und fruchtbarsten seines ganzen Lebens. Schon ein

oberflächliches Studium zeigte ihm bald, dass die wissenschaftliche

Fundamentirung der Wiederkunftslehre auf Grund der atomistischen

Theorie nicht durchführbar sei; er fand also seine Befürchtung, der

verhängnissvolle Gedanke werde sich unwiderleglich als richtig

beweisen lassen, nicht bestätigt und schien damit von der Aufgabe

seiner Verkündigung, von diesem mit Grauen erwarteten Schicksal

befreit zu sein. Aber nun trat etwas Eigenthümliches ein: weit davon

entfernt, sich durch die gewonnene Einsicht erlöst zu fühlen, verhielt

sich Nietzsche gerade entgegengesetzt dazu; von dem Augenblick an,

wo das gefürchtete Verhängniss von ihm zu weichen schien, nahm er es

entschlossen auf sich und trug seine Lehre unter die Menschen: in

dem Augenblick, wo seine bange Vermuthung unbeweisbar und unhaltbar

wird, erhärtet sie sich ihm, wie durch einen Zauberspruch, zu einer

unwiderlegbaren Ueberzeugung. Was wissenschaftlich erwiesene Wahrheit

werden sollte, nimmt den Charakter einer mystischen Offenbarung

an, und fürderhin giebt Nietzsche seiner Philosophie überhaupt als

endgiltige Grundlage, anstatt der wissenschaftlichen Basis, die innere

Eingebung--seine eigene persönliche Eingebung.

Was war es, das trotz des widerstrebenden Grauens auf der einen und

des mangelnden Beweises auf der anderen Seite einen so umwandelnden

Einfluss auf ihn ausübte? Erst die Lösung dieses Räthsels gewährt

uns einen Einblick in das verborgene Geistesleben Nietzsches, in die

Entstehungsursache seiner Theorien. Eine _neue tiefere Bedeutsamkeit

der Dinge_, ein neues Suchen und Fragen nach den letzten und höchsten

Problemen--dies alles, was Nietzsche als Metaphysiker gekannt, als

Empiriker aber schmerzlich vermisst hatte, das war es, was ihn in die

Mystik seiner Wiederkunftslehre hineintrieb. Mochte auch diese Lehre

mit neuen Seelenqualen für ihn verbunden sein, mochte sie ihn sogar

zermalmen, lieber nahm er das Leiden am Leben auf sich, als in der

Entgötterung und Entgeistung desselben zu beharren. Ausser mit diesem

Leiden konnte er mit allen anderen Leiden fertig werden,--ja er ertrug

sie nicht nur, sondern wusste noch seinen Geist an ihnen zu spornen und

zu stacheln, indem sie ihn lehrten, nach einem Sinn, nach dem tiefsten

Geheimsinn des Lebens unablässig zu suchen und zu forschen. »Hat man

sein _warum_? des Lebens, so verträgt man sich fast mit jedem _wie_?«

sagt Nietzsche in der »Götzen-Dämmerung« (I 12). Aber sein warum? als

die Grundsehnsuch seines Lebens, verlangte nach einer ausgiebigen

Beantwortung und vertrug keine Selbstbescheidung.

So begehrte der Philosoph in ihm auch hier nicht danach, von der Qual

einer gefürchteten Lehre errettet, sondern nur, an ihr fruchtbar, an

ihr zum Wissenden und Wahrseher zu werden,--und er begehrte dies so

inbrünstig, dass, selbst mit dem Hinfälligwerden der wissenschaftlichen

Beweisgründe, jener innere Grund Macht genug besass, um eine

schwankende Muthmaassung zu begeisterter Ueberzeugung zu steigern.

Daher wird auch der theoretische Umriss des Wiederkunfts-Gedankens

eigentlich niemals mit klaren Strichen gezeichnet; er bleibt blass

und undeutlich und tritt vollständig zurück hinter den praktischen

Folgerungen, den ethischen und religiösen Consequenzen, die Nietzsche

scheinbar aus ihm ableitet, während sie in Wirklichkeit die innere

Voraussetzung für ihn bilden.

In einem seiner frühesten Werke, in der zweiten der »Unzeitgemässen

Betrachtungen« (Vom Nutzen und Nachtheil der Historie für das

Leben), erwähnt Nietzsche einmal (23), vorübergehend, der

Wiederkehrs-Philosophie der Pythagoräer, als eines geeigneten Mittels,

um »jedes Factum in seiner genau gebildeten Eigenthümlichkeit und

Einzigkeit« zu unverlierbarer Bedeutung zu erheben, fügt aber hinzu,

dass eine solche Lehre in unserem Denken nicht eher Raum beanspruchen

könne, als bis die Astronomie wieder zu Astrologie geworden sei. Gewiss

sind ihm die theoretischen Schwierigkeiten einer modernen Neubelebung

dieser alten Idee in späteren Jahren nicht geringer erschienen, als

zur Zeit seines Glaubens an Schopenhauers Metaphysik. Aber eben diese

Metaphysik deutete ihm damals die Dinge des Lebens in erhebender

Weise und machte damit jede mystische Grübelei überflüssig. Das ewige

Sein hinter dem ungeheuren Werdeprozess der Erscheinungswelt, das

sich in einer jeden Gestaltung derselben objektivirt, gewissermaassen

durch eine jede, als ihr höherer Sinn, hindurchschimmert, Hess

nicht die Sehnsucht aufkommen, diesem Werdeprozess selbst, durch

eine ewige Wiederholung desselben im Kreislauf des Seins, eine über

das Ephemere hinausgehende Bedeutung zuzuschreiben. Erst später,

als Nietzsche vor einer metaphysischen Weiterklärung absah und

unwillkürlich nach einem Ersatz dafür verlangte, drängte sich ihm

jener Gedanke wieder auf. Scheinbar freilich schwächt derselbe den

Pessimismus der positivistischen Lebensauffassung um nichts ab,

ja, eher verschärft er ihn noch; denn die Sinnlosigkeit einer ins

Unendliche verlaufenden Werde-Linie erscheint wegen ihrer unzählbaren

verhüllten Zukunftsmöglichkeiten weniger niederdrückend, als eine stete

Wiederholung des Sinnlosen in sich selbst. Aber charakteristischer

Weise entsprang hieraus die neue Erlösungsphilosophie Nietzsches.

Gerade durch die Verschärfung des Niederdrückenden und Trostlosen, das

in einer nüchternen und kalten Betrachtungsweise des Lebens liegt,

gerade durch den harten Zwang, immer wieder zu einem solchen Leben

zurückkehren zu müssen, sollte der Menschengeist zu seiner höchsten

That angespornt werden: er sollte, gleichsam gepeitscht von Verdruss

und Grauen, rriit gewaltigem Willen dem sinnlosen Leben einen Sinn,

dem zufälligen Werdeprozess des Ganzen ein Ziel geben und damit die

thatsächlich nicht vorhandenen Lebenswerthe aus sich heraus erschaffen.

So kann man sagen, dass Nietzsche, anstatt sich vom Pessimismus

seiner »Freigeisterei« abzuwenden und zur tröstlicheren Metaphysik

zurückzukehren, diesen Pessimismus bis auf das Aeusserste

steigert,--dass er es aber nur thut, um den äussersten Ueberdruss und

Lebensschmerz als ein _Sprungbrett_ zu benutzen, von dem er sich in die

Tiefen seiner Mystik hinabstürzen will.

In der That schien der Wiederkunftsgedanke besonders dazu geeignet,

eine solche Wirkung auszuüben, insofern er sich auf das wirkliche Leben

eines jeden Einzelnen bezieht und sich nicht nur an das philosophirende

Denken, sondern mehr noch an den schaffenden Willen richtet. Dem

Lebensganzen, als einem sinnlosen und zufälligen Ganzen, denkend

gegenüber zu stehen, ist etwas Anderes, als es im Einzelleben immer

aufs neue sinnlos wiederholen zu müssen, ohne ihm jemals entrinnen

zu können;--damit gewinnt die rein abstrakte Betrachtungsweise eine

Richtung auf das Persönliche, und die philosophische Theorie wird

in das empfindliche lebendige Fleisch hineingedrückt, gleich einem

schmerzenden Sporn, der dazu antreiben soll, um jeden Preis eine neue

Hoffnung, einen neuen Lebenssinn, ein neues Lebensziel zu schaffen.

In Bezug auf diesen Optimismus ist Nietzsche's letzte Philosophie

das genaue Gegenbild seiner ersten philosophischen Weltanschauung,

der Schopenhauerischen Metaphysik mit ihrer Verherrlichung

des buddhistischen Ideals der Askese, der Willensverneinung

und Lebens-Abkehr. Die alte indische Lehre von einer ewigen

Wiedergeburt in der Seelenwanderung, als des Fluches, dem ein jeder

verfällt, der nicht bis zur Selbstverneinung durchgedrungen, ist

von Nietzsche geradezu umgekehrt worden. Nicht _Befreiung_ von dem

Wiederkunftszwange, sondern freudige _Bekehrung zu ihm_ ist das Ziel

des höchsten sittlichen Strebens, nicht Nirwana, sondern Sansära

der Name für das höchste Ideal. Diese Korrektur vom Pessimistischen

ins Optimistische ist der eigentliche Unterschied zwischen

Nietzsches ursprünglichem und späterem Denken und stellt in der

Entwickelung dieses einsamen Leidenden einen heldenmüthigen Sieg der

Selbstüberwindung dar. Philosophisch aber ist sie durch die dazwischen

liegende positivistische Geistesperiode Nietzsches vorbereitet

worden, in der dieser das Dasein allerdings erst recht pessimistisch

betrachten, zugleich aber sich auf die Lebenswirklichkeit beschränken

und allen metaphysischen Nebendeutungen derselben entsagen lernte.

Denn sein Optimismus folgt, als philosophische Lebenslehre, aus der

Betonung und Verewigung der Lebensthatsache selbst, als des obersten

Prinzips; durch den gewaltsam bis ins Mystische gesteigerten _Accent_,

den er ihr gab, schuf er sich ihre Vergöttlichung. In den Kreislauf des

Lebens unerbittlich verstrickt, auf ewig an ihn gebunden, müssen wir

»Ja« sagen lernen zu allen seinen Gestaltungen, um sie zu ertragen; nur

durch die Kraft und Freudigkeit eines solchen »Ja« versöhnen wir uns

mit dem Leben, indem wir uns mit ihm identificiren. Dann fühlen wir

uns als einen schöpferischen Theil seines Wesens, ja, als dieses Wesen

selbst in seiner unersättlichen überquellenden Macht und Fülle. Die

_auf Lebenskraft gegründete rückhaltlose Lebensliebe_ ist deshalb das

einzige heilige Moralgesetz des neuen Gesetzgebers; die bis zum Rausch

_entfesselte Lebens-Exaltation_ nimmt die Stelle ein der religiösen

_Erhebung_, ja, eines Gottes-Kultus.

Ueber diesen Umschlag von Pessimismus in Optimismus und über das neue

Ideal der Weltbejahung spricht sich Nietzsche, in »Jenseits von Gut und

Böse« (56), folgendermaassen aus: »Wer, gleich mir, mit irgend einer

räthselhaften Begierde sich lange darum bemüht hat, den Pessimismus

in die Tiefe zu denken und aus der halb christlichen, halb deutschen

Enge und Einfalt zu erlösen, mit der er sich diesem Jahrhundert zuletzt

dargestellt hat, nämlich in Gestalt der Schopenhauerischen Philosophie;

wer wirklich einmal-- -- --in die weltverneinendste aller möglichen

Denkweisen hinein und hinunter geblickt hat-- -- -- --, der hat

vielleicht ebendamit, ohne dass er es eigentlich wollte, sich die Augen

für das umgekehrte Ideal aufgemacht: für das Ideal des übermüthigsten,

lebendigsten und weltbejahendsten Menschen, der sich nicht nur mit dem,

was war und ist, abgefunden und vertragen gelernt hat, sondern es,

_so wie es war und ist_, wieder haben will, in alle Ewigkeit hinaus,

_unersättlich da capo_ rufend, nicht nur zu sich, sondern zum ganzen

Stücke und Schauspiele, und nicht nur zu einem Schauspiele, sondern im

Grunde zu Dem, der gerade dies Schauspiel nöthig hat--und nöthig macht:

weil er immer wieder sich nöthig hat--und nöthig macht-- --Wie? Und

dies wäre nicht--circulus vitiosus deus?«

In diesen Worten ist nicht nur angedeutet, wie ganz für Nietzsche der

Optimismus aus der Verschärfung und Uebertreibung des Pessimismus

hervorgesprungen ist, sondern auch inwiefern seiner neuen Philosophie

ein Charakter religiöser Erhebung eigen ist.

Der Mensch fühlt sich einerseits zum Weltganzen, zum Lebensganzen

mystisch erweitert, sodass sein eigener Untergang, sowie seine eigene

Lebenstragödie gar nicht mehr für ihn vorhanden ist,--und andererseits

wieder verleiht er diesem, an sich zufälligen und sinnlosen,

Lebensganzen eine Verpersönlichung und Vergeistigung, durch die es

zur Gottheit erhoben wird. Welt, Gott und Ich verschmelzen zu einem

einzigen Begriff, aus dem sich nun für das Einzelwesen ebenso gut, wie

aus irgend einer Metaphysik, Ethik oder Religion, ableiten lassen:

eine Norm des Handelns und eine höchste Anbetung. Den Hintergrund der

ganzen Vorstellung aber bildet der Gedanke, dass das Weltganze eine

Fiktion des Menschen sei, der es schafft und, in seinem Gottsein, d.

h. in seiner Wesenseinheit mit der Lebensfülle, es von sich und seinem

schöpferischen und wertheprägenden Willen abhängig weiss. So erklärt

sich das geheimnissvolle Wort in »Jenseits von Gut und Böse« (150): »Um

den Helden herum wird Alles zur Tragödie« (das heisst: der Mensch als

solcher ist gerade in seiner höchsten Entwickelung der Untergehende

und Geopferte), »um den Halbgott herum Alles zum Satyrspiel« (das

heisst: in seiner vollen Hingebung an das Lebensganze lächelt er als

ein Erhobener auf sein eigenes Schicksal herab); »und um Gott herum

wird Alles--wie? vielleicht zur »Welt«?--« (das heisst: durch die

vollkommene Identificirung des Menschen mit dem Leben wird nicht nur

er selbst versöhnt in das Lebensganze aufgenommen, sondern wird auch

dieses absolut in ihn hineingezogen, sodass er zum Gott wird, der die

Welt aus sich entlässt und im Weltschaffen unausgesetzt sein Wesen

äussert).

Und hier stossen wir wieder auf den Grundgedanken in Nietzsches

Philosophie, der die Wiederkunftslehre, wie alle seine Lehren, in

ihm hat entstehen lassen: auf jene ungeheure Vergöttlichung des

Schöpfer-Philosophen. In ihm ruhen Anfang und Ende dieser Philosophie,

und map kann sagen, dass auch der abstrakteste Zug des Systems ein

Versuch ist, seine gewaltigen Uebermenschen-Züge zu zeichnen. Wir

haben gesehen, dass er, sowohl innerhalb der Logik wie der Ethik, zu

einem Inbegriff des Lebensganzen erhoben wurde, als das Ueber-Genie,

das alles Andere in sich trägt. Wir haben ferner gesehen, wie, in

Nietzsches Aesthetik, seine Bedeutung ins Religiös-Mystische derart

zugespitzt wurde, dass er sich vom Bloss-Menschlichen unterschied und

als Gotteswesen das Menschenwesen mit umfasste. Aber erst auf Grund

der Wiederkunftslehre wächst Alles zu einer einzigen gigantischen

Gestalt zusammen, denn nur der Umstand, dass der Weltverlauf kein

_unendlicher_, sondern ein sich in seiner Begrenzung _stetig

wiederholender_ ist, macht es möglich, ein Ueberwesen zu construiren,

in dem der ganze Weltverlauf ruht und sich abschliesst. Nur durch ein

solches gewinnt derselbe endgiltig Sinn und Ziel und die _Richtung_

auf die erlösende Schöpfung des Uebermenschen,--nur so wird diese

letztere zu mehr als einer Hypothese,--wird sie zu einer _That_.

Daher sehen wir auch, dass Nietzsche diese seine fundamentalste und

zugleich mystischeste Lehre sozusagen nicht in seinem eigenen Namen

vorträgt, sondern in dem seines Zarathustra; nicht der Denker und

Mensch soll sie vortragen, sondern Der, dem Gewalt vergehen ist, sie

in beseligende Erlösung umzusetzen.[9] Streift aber Nietzsche je

einmal in seinen Aphorismen den Wiederkunfts-Gedanken, danm verstummt

er mit einer Geberde des Schreckens und der Ehrfurcht:--Aber was

rede ich da? Genug! Genug! An dieser Stelle geziemt mir nur Eins, zu

schweigen: ich vergriffe mich sonst an dem, was einem Jüngeren allein

freisteht, einem »Zukünftigeren«, einem Stärkeren, als ich bin,--was

allein _Zarathustra_ freisteht, _Zarathustra_ dem _Gottlosen_ ...« (Zur

Genealogie der Moral II 25.)

Und die seelische Bedeutung der Zarathustra-Gestalt für Nietzsches

Wesen selbst wird ebenfalls erst völlig deutlich hier, wo sie als

Träger der Wiederkunftslehre auftritt. Er glaubte sie in sich enthalten

wie ein mystisches Wesen, aber unterschieden von seiner natürlichen

und menschlichen Existenzform als Nietzsche. In seiner zufälligen

Zeiterscheinung, körperlich und geistig bedingt durch die Umstände

und Wechselfälle seines vorübergehenden Lebens, betrachtete Nietzsche

sich als einen »Dekadenten«, gleich den Anderen, nur wert und dazu

bestimmt unterzugehen. Aber andererseits hielt Nietzsche sich für das,

nothwendig krankhaft disponirte, Medium, durch welches die Ewigkeit

aller Zeiten sich ihrer selbst und ihres Sinnes bewusst wird,--für den

fleischgewordenen Menschheitsgenius selbst, in dem die Vergangenheit

der Gegenwart das Räthsel aller Zukunft löst. So glaubte er das in sich

zu verkörpern, was er als höchste Bedeutung menschlicher Dekadenzform

geschildert hatte: er fühlte sich krank in den Geburtswehen, die einem

übermenschlichen Wesen galten, er fühlte sich als einen Untergehenden

und Zerbrechenden zu Gunsten einer höchsten Neuschöpfung, welche die

Welt erlösen sollte:--»Dass der Schaffende selber das Kind sei, das

neu geboren werde, dazu muss er auch die Gebärerin sein wollen und der

Schmerz der Gebärerin.« (Also sprach Zarathustra II 7.)

Zarathustra ist also das Kind, sowie gleichzeitig der Gott Nietzsches,

sowohl die That oder Kunstschöpfung eines Einzelnen, als auch die

Zusammenfassung dieses Einzelmenschen mit der ganzen Linie Mensch,

mit dem _Menschheitssinn_ selbst. Er ist »Geschöpf und Schöpfer«,

der »Stärkere, Zukünftigere«, der die leidende menschliche

Nietzsche-Erscheinung überragt,--er ist der »Ueber-Nietzsche«. Aus

ihm spricht deshalb auch nicht das Erleben und Verstehen eines

Einzelnen, sondern das Menschheitsbewusstsein selbst von seinen

fernsten Ursprüngen an,-- --daher seine Worte: »Ich gehöre nicht zu

Denen, welche man nach ihrem Warum fragen darf. Ist denn mein Erleben

von Gestern? Das ist lange her, dass ich die Gründe meiner Meinungen

erlebte. Müsste ich nicht ein Fass sein von Gedächtniss, wenn ich auch

meine Gründe bei mir haben wollte?« (Also sprach Zarathustra II 68.)

So entsteht ein wundersames Gedankenspiel, in dem Nietzsche und sein

Zarathustra unablässig in einander überzugehen und sich wieder

von einander zu lösen scheinen. Vollständig durchsichtig wird dies

für den, der weiss, in wie vielen kleinen, rein persönlichen Zügen

Nietzsche sich selbst in seinen Zarathustra hineingeheimnisst hat, und

bis zu welch visionärer Verzückung sich ihm dieses ganze Mysterium

steigerte. Hieraus erklärt sich auch das unerhörte Selbstbewusstsein,

mit dem er von seinem Buche spricht, und das ihn einmal in die Worte

ausbrechen lässt: »ein Buch, so tief, so fremd, dass sechs Sätze daraus

verstanden, d. h. erlebt haben, in eine höhere Ordnung der Sterblichen

erhebt!«

War seine Zarathustra-Dichtung für ihn das Werk, durch das aus einem

Menschlichen ein Uebermenschliches herausgeboren wurde, so mag er

sein unveröffentlichtes, nur im ersten Theile vollendetes Hauptwerk

»Der Wille zur Macht« gewissermaassen als von der Zarathustra-Gestalt

geschaffen gedacht haben,--d. h. von einem Ewigen und Freien,

dem allein eine »Umwerthung aller Werthe« gelingen kann, weil er

ausser jeder Zeit und jedes Einflusses dasteht, als ein schlechthin

Unabhängiger, Alles in sich Begreifender und Umfassender. Nur so ist

Nietzsches Behauptung in der »Götzen-Dämmerung« (IX 51) zu verstehen:

»Ich habe der Menschheit das tiefste Buch gegeben, das sie besitzt,

meinen _Zarathustra: ich gebe ihr über kurzem das unabhängigste_.--«

Im ersten Falle soll das Uebermenschliche den Tiefen des

Nietzsche-Menschenthums entstiegen sein, im zweiten schwebt es bereits

frei schaffend über demselben.

Friedrich Nietzsche in seinen Werken · 第 15 / 18 段