Erst indem diese ihn an die Möglichkeit seiner Wesensveredelung

glauben liess, lehrte sie ihn »so sehr Kunst, Oberfläche,

Farbenspiel-- --werden, dass man an seinem Anblicke nicht mehr leidet«;

(Jenseits von Gut und Böse 59) sie hat »uns die Schätzung des Helden,

der in jedem von allen diesen Alltagsmenschen verborgen ist, und

die Kunst gelehrt, wie man sich selber als Held, aus der Ferne und

gleichsam vereinfacht und verklärt ansehen könne,--die Kunst, sich vor

sich selber »in Scene zu setzen«. So allein kommen wir über einige

niedrige Details an uns hinweg!« (Die fröhliche Wissenschaft 78.) Der

Unterschied zwischen dem bisherigen Menschen und dem von Nietzsche

angestrebten bestände demnach darin, dass letzterer sich nicht dem

Glauben hingiebt, sein Wesen habe sich umgewandelt und verändert,

seitdem er moralische, künstlerische und religiöse Züge in sich

entwickelt; er bleibt sich dessen bewusst, dass er sozusagen nur als

Dichter oder Schauspieler schafft, wenn er das Ideale zur Erscheinung

bringt Aber diese Einsicht darf ihm erst kommen, wenn er das von

Nietzsche vorausgesetzte Kraftmaass erreicht hat, wenn er »stark genug,

hart genug, Künstler genug geworden ist«. Sonst würde er die Wahrheit

nicht ertragen, dass sein Wesen unabänderlich, sein übermenschliches

Ideal nur ein geschautes Bild, sein höchstes sittliches Werk nur ein

_Kunstwerk_ ist. So ist es zu verstehen, wenn Nietzsche sagt: »--

--man könnte die homines religiosi mit unter die Künstler rechnen,

als ihren _höchsten_ Rang.« (Jenseits von Gut und Böse 59.) Denn das

künstlerische Prinzip ist es, aus dem die lebendigen höchsten ethischen

und religiösen Werthunterschiede fliessen, und Nietzsches »Jenseits

von Gut und Böse«, wie auch sein »Jenseits von wahr und falsch«, macht

Halt vor dem »Jenseits von schön und hässlich« und dringt nicht bis zu

diesem durch. Der Uebermensch ist nur möglich und begreiflich als das

_Kunstwerk des Menschen_. Und wollen wir uns davon ein Bild machen,

so giebt es dafür vielleicht kein besseres, als das von Nietzsche in

seiner »Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik« gebrauchte,

wenn er vom Verhältniss des Dionysischen zum Apollinischen in der

Kunstschöpfung redet. Er vergleicht dort die apollinischen Visionen,

welche aus dem orgiastischen Kraftleben des Dionysischen entstanden

sind, jener bekannten optischen Erscheinung, bei welcher durch das

Hineinstarren ins volle Gluthmeer der Sonne dunkle farbige Flecken

gleichsam als Heilmittel vor unseren geblendeten Augen erzeugt

werden, indem er das Phänomen in seiner Umkehrung benutzt: durch das

Hinabtauchen in das schmerzvolle Dunkel entfesselten Uebermaasses, sich

selbst verschlingender Urkräfte ersteht vor uns in gleicher Heilwirkung

ein zartes strablendes Lichtbild des Uebermenschlichen. Und wie in der

griechischen Tragödie, auf die Nietzsche sein Gleichniss anwendet, die

apollinischen Lichtbilder, d. h. die Heldengestalten der hellenischen

Bühne, im Grunde nur Masken des Einen Gottes Dionysos waren, so

verkörpert auch dieses im Ueberdrang des Schöpferischen erzeugte Bild

des Uebermenschen im Grunde nur einen göttlichen Schein, ein Symbol

im künstlerischen Sinn. Hinter ihm, abgründig tief und in »purpurner

Finsterniss«, ruht das dionysische Sein selber, die Elementargewalt des

Lebens, deren es zu seiner Erzeugung immer wieder von neuem bedarf.

So sehen wir, dass in Nietzsches Philosophie die Ethik unmerklich in

die Aesthetik überfliesst,--in eine Art von religiöser Aesthetik,--und

dass die Lehre vom Guten ermöglicht wird durch die Göttlichkeit des

Schönen. Die feine Grenze, auf der sich der Schein dem Sein vermählen

muss, um das Ideal zu gestalten, macht die Welt des Schönen und ihrer

phantastischen Selbsttäuschung zum »eigentlichen Mutterschooss idealer

und imaginativer Ereignisse«, zu denen der tiefste Impuls gerade

dadurch gegeben wird, dass sie ewig unrealisirbar bleiben, dass die

Sehnsucht ihnen keine wesenhafte Wahrheit und Wirklichkeit zu verleihen

vermag. Es ist derselbe Zustand, den Nietzsche schildert, wenn er

von einem Künstler sagt, er habe viel mehr »von seinem--Unvermögen,

als von seiner reichen Kraft.-- -- --eine ungeheure Lüsternheit nach

dieser Vision ist in seiner Seele zurückgeblieben, und aus ihr nimmt er

seine ebenso ungeheure Beredtsamkeit des Verlangens und Heisshungers.«

(Die fröhliche Wissenschaft 79.) Man muss sich also die Entstehung

des übermenschlichen Scheines, das Mysterium von der plötzlichen

Selbstentsagung und Selbstaufhebung, diese asketische Grundvorstellung,

auf welche Nietzsches Ethik hinausläuft,--als ein _ästhetisches

Phänomen_ denken, als eine so intensive Versenkung in die Qual des

Uebermaasses, dass aus ihr die Sehnsucht den Gegensatz als eine

geschaute und nachgelebte _Vision_ hervortreibt. »-- --von Niemandem

will ich so als von dir gerade Schönheit, du Gewaltiger:« heisst

es von dem starken, mit übermächtigen Affekten geladenen Menschen,

»aber gerade dem Helden ist das _Schöne_ aller Dinge Schwerstes.

Unerringbar ist das Schöne allem heftigen Willen.-- --Diess nämlich

ist das Geheimniss der Seele: erst, wenn sie der Held verlassen hat,

naht ihr, im _Traume_,--der Über-Held« (Uebermensch). (Also sprach

Zarathustra II 54 f.) In seligem Traume stammelt sie dann: --ein

Schatten kam zu mir--aller Dinge Stillstes und Leichtestes kam--zu

mir! Des Übermenschen Schönheit kam zu mir als Schatten.« (II 8.) Denn

»Alles Göttliche läuft auf zarten Füssen!«--»Was wäre denn schön, wenn

nicht erst der Widerspruch sich selbst zum Bewusstsein gekommen wäre,

wenn nicht erst das Hässliche zu sich selbst gesagt hätte: ich bin

hässlich?« In der Hässlichkeit jenes chaotischen Uebermaasses, bis

zu welchem der Mensch seine wildesten Kräfte entfesseln soll, bricht

er zuletzt den Stab über sich selbst, als über den von Wesensgrund

aus hässlichen. »Ein _Hass_ springt da hervor:-- --Er hasst da

aus dem tiefsten Instinkte der Gattung heraus; in diesem Hass ist

Schauder, Vorsicht, Tiefe, Fernblick,--es ist der tiefste Hass, den

es giebt. Um seinetwillen ist die Kunst _tief_....« (Götzen-Dämmerung

IX 20.) Sie ist tief, weil sie durch diesen Hass dem Menschen die

grenzenlose Sehnsucht nach dem Schönen lehrt und so die Erzeugung des

schönen Scheines aus der entfesselten Ueberfülle des wirklichen Seins

ermöglicht; sie ist tief, weil sie einen ungeheuren Idealisirungsdrang

weckt und den Menschenwillen durch die Vision der Schönheit zur

»Zeugung« reizt, sodass er in leidenschaftlicher Begeisterung sich

seinem eigenen Wesensgegensatz vermählt. So wird die zügellose Kraft

bis zum höchsten Uebermaass nur gesteigert, um in einen Rauschzustand

der Begeisterung überzuströmen, der die. Bedingung zur schöpferischen

Erzeugung des Schönen ist. »Das Wesentliche am Rausch ist das Gefühl

der Kraftsteigerung und Fülle. Aus diesem Gefühle giebt man an die

Dinge ab, man _zwingt_ sie von uns zu nehmen, man vergewaltigt

sie,--man heisst diesen Vorgang _Idealisiren_.« (Götzen-Dämmerung IX

8.) »Man bereichert in diesem Zustande Alles aus seiner eignen Fülle:

was man sieht, was man will, man sieht es geschwellt, gedrängt, stark,

überladen mit Kraft. Der Mensch dieses Zustandes verwandelt die Dinge,

bis sie seine Macht wiederspiegeln,-- --. Dies Verwandeln-_müssen_ in's

Vollkommne ist--Kunst.« (Ebendaselbst IX 9.)

Trägt Nietzsches Ethik einen vorwiegend ästhetisirenden Charakter,

indem die Verwandlung ins Vollkommne nur einen schönen Schein

ergiebt, so nähert sich dafür seine Aesthetik sehr stark dem

Religiös-Symbolischen, insofern sie aus dem Drang entsteht, die

Menschen und Dinge zu _vergöttlichen_, sie ins Gotthafte aufzulösen,

um sie zu ertragen. Ueber diesen psychischen Vorgang hat Nietzsche

nicht bloss eine Theorie aufgestellt und in zerstreuten Aphorismen

angedeutet, sondern er hat auch den Versuch gemacht, selbst das

grundlegende Erstlingswerk zu schaffen, in dem jene hohe Schöpferthat

des Menschen, die Erzeugung des Uebermenschlichen,--zum ersten

Mal vollbracht wird. Dieses Werk ist seine Dichtung »Also sprach

Zarathustra«. Die Zarathustra-Gestalt, als eine Selbstverklärung

Nietzsches, als eine Widerspiegelung und Verwandlung seiner Wesensfülle

in einem gottartigen Lichtbilde, soll ein vollständiges Analogon

bilden zu der von ihm geträumten Entstehung des Uebermenschlichen aus

dem Menschlichen. Zarathustra ist sozusagen der Nietzsche-Uebermensch,

er ist der »Ueber-Nietzsche«. Infolgedessen trägt das Werk einen

täuschenden Doppel-Charakter: es ist einerseits eine Dichtung in rein

ästhetischem Sinn und kann als solche von rein ästhetischem Standpunkt

aus verstanden und beurtheilt werden; andererseits aber will es nur in

einem rein-mystischen Sinn Dichtung sein,--im Sinn eines religiösen

Schöpfungsaktes, in dem die höchste Forderung der Ethik Nietzsches zum

ersten Mal ihre Erfüllung findet. Daraus erklärt es sich, dass das

Zarathustra-Werk das am besten missverstandene unter allen Büchern

Nietzsches geblieben ist, um so mehr, als meistens angenommen worden

ist, es enthalte in dichterischer Form eine _Popularisirung_ dessen,

was die übrigen Schriften in strengerer philosophischer Form geben. In

Wahrheit aber ist es das am wenigsten populär gemeinte seiner Werke;

denn wenn es bei Nietzsche jemals eine »esoterische« Philosophie

gab, die Niemandem völlig zugänglich werden sollte, so liegt sie

hier, und dem gegenüber gehört Alles, was er sonst geschrieben, dem

mehr exoterischen Theil seiner Lehre an. Daher erschliesst sich das

tiefste Verständniss des »Zarathustra« weniger auf dem Wege der

Nietzsche-Philosophie, als auf dem der Nietzsche-Psychologie, indem man

den verborgenen Seelenregungen nachspürt, die Nietzsches ethische und

religiöse Vorstellungen bedingen und seiner seltsamen Mystik zu Grunde

liegen. Dann zeigt es sich, dass die Theorien Nietzsches alle aus dem

Bedürfniss der eigenen Selbsterlösung geflossen sind,--aus dem Sehnen,

seiner tief bewegten und leidvollen Innerlichkeit jenen Halt zü geben,

den der Gläubige in seinem Gott besitzt. Dieses gewaltige Wünschen und

Verlangen erzwang sich schliesslich Befriedigung: es schuf den Gott

oder doch ein gotthaftes Ueberwesen, in dem das Gegenbild des eigenen

Wesens veräusserlicht und verklärt wurde. Die Doppelgestalt, die

Nietzsche sich damit selbst gab, und in der er sich als einen »Zweiten«

anschaute, ist in seinem Zarathustra verkörpert, wandelt in ihm

gleichsam auf eigenen Füssen. Seltsam schimmert an einzelnen Stellen

der Dichtung das heimliche Eingeständniss durch, dass Zarathustra

keine eigene Wesenswahrheit habe, sondern nur ein Dichtergeschöpf

sei, und selbst ein Dichter und Erdichtender: »--was sagte dir einst

Zarathustra? Dass die Dichter zuviel lügen?--Aber auch Zarathustra

ist ein Dichter.« (II 68.) Doch es liegt ja schon in Nietzsches

Auffassung des höchsten Ideals, dass der Schein das Recht hat, sich

als Sein und Wesen zu geben,--ja, dass alle höchste Wahrheit in der

_Scheinwirkung_, im Effekt auf Andere besteht. Der Mensch, in seiner

mystischen Wesenswandlung, sucht ganz und gar zu einem lockenden,

sehnsuchtweckenden und erziehenden Scheinbilde zu werden, dem nichts

Hochgeartetes zu widerstehen vermag. Von ihm gilt das Wort: »Wer von

Grund aus Lehrer ist, nimmt alle Dinge nur in Bezug auf seine Schüler

ernst,--sogar sich selbst.« (Jenseits von Gut und Böse 63.)

Damit ist in bewusster Weise eine Rechtfertigung der »heiligen

Täuschung« gegeben, und nicht umsonst sagt Nietzsche wiederholt, dass

es das Problem von der »pia fraus« sei, dem er am längsten und tiefsten

nachgegangen. Auch die Redlichkeit, als eine verhältnissmässig späte

Tugend des modernen Wahrheitsmenschen, hat der grosse »Unzeitgemässe«,

der frei über die Tugenden aller Kulturen verfügt, in sich zu

überwinden um seiner Zwecke willen, die ein weiches Gewissen nicht

vertragen. In bezeichnenderweise steht schon in der »fröhlichen

Wissenschaft« (159): »Wer jetzt unbeugsam ist, dem macht seine

Redlichkeit oft Gewissensbisse: denn die Unbeugsamkeit ist die Tugend

eines anderen Zeitalters, als die Redlichkeit.« Zu Zarathustra aber

spricht der kluge Bucklichte, der ihm zuhört und ihm seine Gedanken

abliest: »--warum redet Zarathustra anders zu seinen Schülern--als

zu sich selber?« (II 91.) Und Zarathustra selber ruft diesen zu:

»Wahrlich, ich rathe euch: geht fort von mir und wehrt euch gegen

Zarathustra! Und besser noch: schämt euch seiner! _Vielleicht betrog er

euch_.-- -- -- --Ihr verehrt mich; aber wie, wenn eure Verehrung eines

Tages umfällt? Hütet euch, dass euch nicht eine Bildsäule erschlage!«

(I 111.)

Je vollständiger aber nach dieser Seite hin alle Wirklichkeit und

Wahrheit entschwan, je bewusster das Ideal als Scheinbild gedacht

wurde, desto grösser Nietzsches Verlangen, ihm _religiös_ eine Wahrheit

zuzugestehen, es zu einer mystischen Selbstvergottung zu machen. Und

hier sehen wir, wie sein Gedanke einen wunderlichen Kreis um sich

selbst beschreibt: um der asketischen Selbstvernichtung aller Moral zu

entgehen, löst er das moralische Phänomen in ein ästhetisches auf, in

dem die Grundnatur des Menschen neben seiner ästhetischen Lichtgestalt

unverändert bestehen bleibt; um aber dieser Lichtgestalt eine positive

Bedeutung zu verleihen, erhebt er sie ins Mystische, Religiöse und

ist dann, um diesen lichten Gegensatz herauszubringen, gezwungen, die

wirkliche menschliche Grundnatur möglichst dunkel und leidvoll zu

malen. Damit das erlösende Ueberwesen glaubhaft würde, mussten die

Gegensätze möglichst verschärft, musste es vom natürlich-menschlichen

Wesen möglichst unterschieden werden. Jeder vermittelnde Uebergang

hätte die mystische Illusion zerstört und den Menschen auf sich

selbst zurückgeworfen; das Ueberwesen wäre dann zu einer blossen

Wesensentwickelung in ihm selbst geworden. Die Schatten mussten auf

der einen--der menschlichen--Seite in demselben Maasse vertieft

werden, als auf der anderen--der übermenschlichen--das Licht heller

hervortreten und den Glauben erzwingen sollte, dass es völlig anderer

Art sei. So entstand die Lehre, dass zur Erzeugung des Uebermenschen

der Unmensch nöthig sei, und dass nur aus dem Uebermaass der wildesten

Begierden die sich selbst preisgebende Sehnsucht nach dem eigenen

Gegensatz hervorgehe. Gegen diese mystische Gottschöpfung lässt sich

derselbe Vorwurf richten, den Nietzsche der _christlich-asketischen

Gottschöpfung_ gemacht hat: es sei in ihr des Menschen _Wille_ gewesen,

»ein Ideal aufzurichten -- -- -- --, um angesichts desselben seiner

absoluten Unwürdigkeit handgreiflich gewiss zu sein.« Und dann: »Dies

Alles ist interessant bis zum Übermaass, aber auch von einer schwarzen

düsteren entnervenden Traurigkeit,-- -- -- --. Hier ist _Krankheit_,

es ist kein Zweifel, die furchtbarste Krankheit, die bis jetzt im

Menschen gewüthet hat:--und wer es noch zu hören vermag-- -- --wie in

dieser Nacht von Marter und Widersinn der Schrei Liebe, der Schrei des

sehnsüchtigsten Entzückens, der Erlösung in der _Liebe_ geklungen hat,

der wendet sich ab, von einem unbesieglichen Grausen erfasst.... Im

Menschen ist so viel Entsetzliches!...« (Zur Genealogie der Moral II

22.)

Dieser Zug zum Asketischen und Mystischen, der sich, inmitten des

Kampfes wider das Asketische und Mystische, so stark als der geheime

Grundzug der Philosophie Nietzsches ausweist, zeigt am deutlichsten

die Rückwendung zu seiner ersten philosophischen Weltanschauung,

der Schopenhauerisch-Wagnerischen. Aber indem er sich im Prinzip

gegen alle bisherige Mystik und Askese auflehnt, giebt er in nicht

geringerem Grade dem Einflüsse nach, den die Erfahrungswissenschaft

und die positivistische Theorie auf ihn ausgeübt haben,--und

so treten denn auch hier die beiden Hauptlinien seiner letzten

Philosophie unverkennbar hervor. Die mystische und asketische

Bedeutung des Aesthetischen ist in seinem System keine geringere

als in dem Schopenhauers; bei Beiden fällt sie zusammen mit dem

tiefsten ethischen und religiösen Erleben, und nicht umsonst greift

Nietzsche, um diese Bedeutung zu erläutern, auf Gedanken und Bilder

seiner »Geburt der Tragödie« zurück. Aber bei Schopenhauer wird das

ästhetische Schauen aufgefasst als ein mystischer Durchblick in den

metaphysischen Hintergrund der Dinge, in das Wesen des »Dinges

an sich«, und setzt deshalb die Beschwichtigung des gesammten

Seelenlebens, gewissermaassen die Abstreifung alles Irdischen, voraus.

Bei Nietzsche hingegen, wo der metaphysische Hintergrund fehlt, und

wo es gilt, dafür einen Ersatz mitten aus dem Ueberschwang irdischer

Lebenskräfte heraus zu _schaffen_, ist die psychische Voraussetzung

die gerade _entgegengesetzte_: das Schöne soll das Willensleben im

Tiefsten erregen, es soll alle Kräfte entfesseln, »brünstig machen und

zur Zeugung reizen«, denn es handelt sich nicht um die metaphysische

Offenbarung von etwas ewig Seiendem, sondern um die mystische Schöpfung

von etwas nicht Vorhandenem; das »Mystische« bei Nietzsche ist

daher stets so viel wie ins Ungeheure und folglich Uebermenschliche

gesteigerte Lebenskraft. Genau aber so, wie bei Schopenhauer das

Ueberirdische aus der asketischen Vernichtung des Irdischen resultirt,

ist bei Nietzsche der mystische Lebensüberschwang nur möglich als

eine Folge des Unterganges alles Menschlichen und Gegebenen durch

das Uebermaass. Und hier liegt der Haupt-Berührungspunkt beider

Anschauungen: beide gehen durch das _Tragische_ in das Selige ihrer

Mystik ein. »Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik«[7]

hat sich verwandelt in eine Geburt der Tragödie aus dem Geiste des

Lebens. Das Leben, als »das, _was sich immer selber überwinden muss_«,

fordert immer wieder als Grundbedingung immer höherer Schöpfungen den

Untergang. Was tragisch erscheint vom Standpunkte dessen, der zu einem

solchen Untergang bestimmt ist, wird als Seligkeit unerschöpflicher

Lebensfülle empfunden vom Standpunkte des Daseins selbst oder dessen,

der sich mit diesem identificirt, über sich selbst siegt, indem

er es in sich bis zum Uebermaass steigert. In charakteristischer

Weise zeigt sich diese veränderte Auffassung des Tragischen in der

»Götzen-Dämmerung«, wo Nietzsche noch einmal sein altes Problem aus der

»Geburt der Tragödie«, die Bedeutung der dionysischen Mysterien und des

tragischen Gefühls der Griechen, bespricht. Ursprünglich war ihm der

dionysische Orgiasmus das Entladungsmittel der Affekte, wodurch die

für das Schauen der apollinischen Bilder erforderliche Seelenstille

hergestellt wurde,--jetzt ist er ihm der Schöpfungsakt des Lebens

selbst, das der Raserei und des Schmerzes bedarf, um aus ihnen heraus

das Lichte und Göttliche zu gestalten.[8] Ursprünglich war er ihm ein

Zeugniss für die--in Schopenhauerischem Sinne--tief pessimistische

Natur der Griechen, indem im Orgiasmus das Innerste des Lebens sich

als Dunkel, Schmerz und Chaos enthüllte; jetzt erscheint er ihm als

der lebensdurstige hellenische Instinkt, der sich nur im Uebermaass

genug thun konnte, und der auch noch in Schmerz, Tod und Chaos der

triumphirenden Unerschöpflichkeit des Lebens froh ward:-- -- -- --in

den dionysischen Mysterien-- -- --spricht sich die _Grundthatsache_

des hellenischen Instinkts aus--sein »Wille zum Leben«. _Was_ verbürgte

sich der Hellene mit diesen Mysterien? Das _ewige_ Leben, die ewige

Wiederkehr des Lebens; die Zukunft in der Vergangenheit verheissen und

geweiht; das triumphirende Ja zum Leben über Tod und Wandel hinaus;

-- -- -- -- -- --In der Mysterienlehre ist der _Schmerz_ heilig

gesprochen: die »Wehen der Gebärerin« heiligen den Schmerz überhaupt,--

-- --Damit es die ewige Lust des Schaffens giebt, damit der Wille

zum Leben sich ewig selbst bejaht, _muss_ es auch ewig die »Qual der

Gebärerin« geben.... Dies Alles bedeutet das Wort Dionysos:-- -- --«.

(Götzen-Dämmerung X 4.) »Dass alle Schönheit zur Zeugung reize« (IX

22), ist das Religiöse an der Kunst, denn diese lehrt das Vollkommene

schaffen. Die höchste, d. h. religiöseste Kunst ist die tragische,

denn in ihr zeugt der Künstler aus dem _Furchtbaren das Schöne_. »_Was

theilt der tragische Künstler von sich mit_? Ist es nicht gerade der

Zustand _ohne_ Furcht vor dem Furchtbaren und Fragwürdigen, das er

zeigt?-- -- -- --Die Tapferkeit und Freiheit des Gefühls vor einem

mächtigen Feinde, vor einem erhabenen Ungemach, vor einem Problem, das

Grauen erweckt--dieser _siegreiche_ Zustand ist es, den der tragische

Künstler auswählt, den er verherrlicht. Vor der Tragödie feiert das

Kriegerische in unserer Seele seine Saturnalien; wer Leid gewohnt ist,

wer Leid aufsucht, der _heroische_ Mensch preist mit der Tragödie sein

Dasein,--ihm allein kredenzt der Tragiker den Trunk dieser süssesten

Grausamkeit.--« (IX 24.)

»Die Psychologie des Orgiasmus als eines überströmenden Lebens- und

Kraftgefühls, innerhalb dessen selbst der Schmerz noch als Stimulans

wirkt, gab mir den Schlüssel zum Begriff des _tragischen_ Gefühls,--

--Das Jasagen zum Leben selbst noch in seinen fremdesten und härtesten

Problemen; der Wille zum Leben, im _Opfer_ seiner höchsten Typen der

eignen Unerschöpflichkeit frohwerdend--_das_ nannte ich dionysisch,

_das_ errieth ich als die Brücke zur Psychologie des _tragischen_

Dichters. _Nicht_ um von Schrecken und Mitleiden loszukommen,-- --

--: sondern um, über Schrecken und Mitleid hinaus, die ewige Lust

des Werdens _selbst zu sein_,--jene Lust, die auch noch die _Lust am

Vernichten_ in sich schliesst ...-- -- -- --« (X 5.)

Diese Auffassung des Tragischen und des durch dasselbe bedingten

Lebensgefühls machte es möglich, dass Nietzsche gerade bei seiner

Rückkehr zur Schopenhauerischen Philosophie des Pessimismus und

der Askese seine lebensfreudigste Lehre schuf,--seine Lehre von

der _ewigen Wiederkunft aller Dinge_. So sehr Nietzsches System

»philosophisch wie psychologisch einen asketischen Grundzug forderte,

ebensosehr erforderte es dessen Gegensatz, die Apotheose des Lebens,

denn in Ermanglung eines metaphysischen Glaubens gab es ja nichts

anderes als das leidende und leidvolle Leben selbst, das glorificirt

und vergöttlicht werden konnte. Nietzsches Lehre von der ewigen

Wiederkunft ist niemals genügend betont und gewürdigt worden, obwohl

sie gewissermaassen in seinem Gedankengebäude sowohl das Fundament,

als auch die Krönung bildet und diejenige Idee gewesen ist, von der

er bei der Conception seiner Zukunftsphilosophie ausgegangen ist,

und mit der er sie auch abschliesst. Wenn sie erst hier ihre Stelle

findet, so geschieht dies, weil sie nur im Zusammenhänge des Ganzen

verständlich wird, und weil in der That Nietzsches Logik, Ethik und

Aesthetik als Bausteine für die Wiederkunftslehre gelten müssen. Den

Gedanken einer möglichen Wiederkehr aller Dinge im ewigen Kreislauf

des Seins hat Nietzsche schon in der »fröhlichen Wissenschaft«, im

vorletzten Aphorismus des Buches »_Das grösste Schwergewicht_«, als

eine Vermuthung ausgesprochen: »Wie, wenn dir eines Tages oder Nachts,

ein Dämon in deine einsamste Einsamkeit nachschliche und dir sagte:

»Dieses Leben, wie du es jetzt lebst und gelebt hast, wirst du noch

einmal und noch unzählige Male leben müssen; und es wird nichts Neues

daran sein, sondern jeder Schmerz und jede Lust und jeder Gedanke und

Seufzer und alles unsäglich Kleine und Grosse deines Lebens muss dir

wiederkommen, und Alles in der selben Reihe und Folge--und ebenso diese

Spinne und dieses Mondlicht zwischen den Bäumen, und ebenso dieser

Augenblick und ich selber. Die ewige Sanduhr des Daseins wird immer

wieder umgedreht--und du mit ihr, Stäubchen vom Staube!«--Würdest du

dich nicht niederwerfen und mit den Zähnen knirschen und den Dämon

verfluchen, der so redete? Oder hast du einmal einen ungeheuren

Augenblick erlebt, wo du ihm antworten würdest: »du bist ein Gott

und nie hörte ich Göttlicheres!« Wenn jener Gedanke über dich Gewalt

bekäme, er würde dich, wie du bist, verwandeln und vielleicht

zermalmen; die Frage bei Allem und Jedem »willst du diess noch einmal

und noch unzählige Male?« würde als das grösste Schwergewicht auf

deinem Handeln liegen! Oder wie müsstest du dir selber und dem Leben

gut werden, um nach nichts _mehr zu verlangen_, als nach dieser letzten

ewigen Bestätigung und Besiegelung?--«

Friedrich Nietzsche in seinen Werken · 第 14 / 18 段