seine Worte aus der »Fröhlichen Wissenschaft« (166)--dass wir »_Immer
in unserer Gesellschaft« bleiben_, auch wo wir wähnen, Fremdes
aufzunehmen: »Alles, was meiner Art ist, in Natur und Geschichte, redet
zu mir, lobt mich, treibt mich vorwärts, tröstet mich--: das Andere
höre ich nicht oder vergesse es gleich.« »_Grenze unseres Hörsinns_:
Man hört nur die Fragen, auf welche man im Stande ist, eine Antwort
zu finden.« (Ebendaselbst 196.) »Wie gross auch die Habsucht meiner
Erkenntniss ist: ich kann aus den Dingen nichts Anderes herausnehmen,
als was mir schon gehört,-- das Besitzthum Anderer bleibt in den Dingen
zurück.« (Ebendaselbst 242.)
Bei einer so willkürlichen Behandlung des Materials zu Gunsten seiner
philosophischen Hypothesen entfernte er sich viel weiter von sachlicher
Beobachtung und Begründung, wurde er viel subjektiver bestimmt in
seinen Schlüssen und Folgerungen, als in den Jahren, wo er sich noch
bewusst auf das innerlich Erlebte beschränkte. Jetzt wurde aus dem
innerlich Bedeutsamen das nach Aussen hin Bestimmende und Gesetzgebende
und er selber der »grosse Gewalt-Herr«, der »gewitzte Unhold, der mit
seiner Gnade und Ungnade alles Vergangene zwänge und zwängte: bis es
ihm Brücke würde und Vorzeichen und Herold und Hahnenschrei.« (Also
sprach Zarathustra III 74.)
Für Nietzsches seelisches Problem handelt es sich von vornherein
weniger darum, den Gegensatz zwischen Herren-Moral und Sklaven-Moral
geschichtlich richtig zu fixiren, als um Feststellung der Thatsache,
dass der Mensch, so wie er bis heute von unten herauf geworden ist,
_beide_ Gegensätze in sich trägt, dass er das leidende Resultat einer
solchen Instinkt-Widersprüchlichkeit, einer solchen Einverleibung von
Doppel-Werthungen ist. Wenn wir uns Nietzsches Decadenz-Schilderung
entsinnen, so finden wir in ihr den Menschen als geborene Herren-Natur,
d. h. in ursprünglich ungezähmter Kraft und Wildheit, aber geknechtet
und zum gehorchenden Sklaven gemacht durch den socialen Zwang, durch
die Thatsache der beginnenden Kultur selbst. Alle Kultur als solche
beruht für Nietzsche auf einem solchen Krankmachen, Sklavischmachen
des Menschen, und ausdrücklich bemerkt er, dass ohne diesen Vorgang,
ohne gewaltsam gegen sich selbst gekehrt zu werden, die menschliche
Seele »flach« und »dünn« geblieben wäre. Seine ursprüngliche
Herren-Natur ist noch nichts als ein herrliches Thier-Exemplar und zur
Weiterentwickelung erst befähigt durch die _Wunden_, die ihrer Kraft
beigebracht werden,--denn in der Qual dieser Wunden muss sie lernen,
sich selbst zu zerfleischen, sich an sich selbst zu rächen, ihre
Ohnmacht in nach Innen gekehrten Leidenschaften auszulassen: _alles
dies ausschliesslich auf dem Boden des sklavischen Ressentiment_.
»Das Wesentliche,-- -- --wie es scheint, ist, nochmals gesagt, dass
lange und in Einer Richtung _gehorcht_ werde: dabei kommt-- --auf
die Dauer immer Etwas heraus, dessentwillen es sich lohnt, auf
Erden zu leben.« (Jenseits von Gut und Böse 188.) Nun gilt dieser
Decadenz-Zustand Nietzsche allerdings nicht nur als überwindbar,
sondern geradezu als die nothwendige Voraussetzung für den daraus zu
züchtenden willenslangen, affektstarken, selbstsicheren Menschen,
aber man beachte wohl: Dieser vollendete Mensch mit seiner vertieften
und individualisirten Herren-Natur soli keineswegs seinem naiven
Egoismus leben, nicht die Vorurtheile und Sklavenketten abstreifen, um
sich Selbstzweck zu sein, sondern er soll zum Erstling einer höheren
Menschengattung werden und für ihre Neugeburt sich opfern, denn, wie
wir gesehen, stellte ja für Nietzsche der Gipfel der Entwickelung den
Untergang der Menschheit dar, indem diese nur der Uebergang zu etwas
Höherem, eine Brücke, ein Mittel ist. Je grösser daher ein Mensch
ist, je mehr Genie, je mehr Gipfel in einem jeden Sinne, um so mehr
ist er auch ein Ende, eine Selbstvergeudung, ein Ausströmen letzter
Kräfte,--»zum Vernichten bereit im Siegen!« (Also sprach Zarathustra
III 91.) Er soll »etwas Vollkommenes, zu-Ende-Gerathenes,
Glückliches, Mächtiges, Triumphirendes«, nur werden, damit er »zu
Neuem, zu noch Schwererem, Fernerem bereit« sei, »wie ein Bogen, den
alle Noth immer nur noch straffer anzieht«, (Zur Genealogie der Moral
I 12) ein Bogen, dessen Pfeil nach dem Uebermenschen zielt. So wird er
denn zu einem Kampfplatze widerstrebender und einander bekriegender
Triebe, aus deren schmerzlicher Fülle allein alle Entwickelung
hervorgeht; es zeigt sich in ihm wieder jenes Durcheinander von
Herrschenwollen und Dienen müssen, von Vergewaltigung des Einen durch
den Andren,--woraus einst alle Kultur geworden, und woraus nun eine
Ueber-Kultur als letzte und höchste Schöpfung entstehen soll. Er ist
kein Friedvoller und sich selbst Geniessender, sondern ein Kämpfender
und Selbst-Untergang. Er wiederholt also _in sich_ und auf Grund
seiner vollkommen individualisirten und geistesfreien Persönlichkeit
genau dasselbe, was einst auf die Menschheit _von Aussen her_, durch
Knechtung, als ein aufgezwungenes Erziehungsmittel wirkte,--wir
finden in ihm wieder »diese heimliche Selbst-Vergewaltigung, diese
Künstler-Grausamkeit, diese Lust, sich selbst als einem schweren
widerstrebenden leidenden Stoffe eine Form zu geben, einen Willen, eine
Kritik, einen Widerspruch, eine Verachtung, ein Nein einzubrennen,
diese unheimliche und entsetzlich-lustvolle Arbeit einer mit sich
selbst willig-zwiespältigen Seele, welche sich leiden macht, aus Lust
am Leidenmachen. (Zur Genealogie der Moral II 18.) Denn gerade die
vollendetste und umfassendste Seele muss am klarsten und unwid erruf
lichsten das Grundgesetz des Lebens in sich zum Ausdruck bringen,
welches heisst: »Ich bin das, _was sich immer selber überwinden muss_«.
(Also sprach Zarathustra II 49.)
Es ist nicht zu verkennen, wie sehr Nietzsche seinen eignen
Seelenzustand diesen Theorien untergelegt, wie stark er sein eignes
Wesen in ihnen wiedergespiegelt, und wie er endlich dem tiefsten
Bedürfniss desselben das Grundgesetz des Lebens selbst entnommen
hat. Seine leidvolle »Seelen-Vielspältigkeit«, seine gewaltsame
»Zweispaltung« in einen sich opfernden, anbetenden und in einen
beherrschenden, vergöttlichten Wesenstheil liegt seinem gesammten Bilde
der Menschheitsentwickelung zu Grunde. Ueberall, wo er von Herren- und
Sklaven-Naturen spricht, muss man dessen eingedenk bleiben, dass er
von sich selbst spricht, getrieben von der Sehnsucht einer leidenden
und unharmonischen Natur nach ihrem Wesens-Gegensatz und von dem
Verlangen, zu einem solchen als zu seinem Gott aufblicken zu können.
Sein eigenes Ich schildert er, wenn er vom Sklaven sagt: »sein Geist
liebt Schlupfwinkel, Schleichwege und Hinterthüren, alles Versteckte
muthet ihn an als _seine_ Welt, _seine_ Sicherheit, _sein_ Labsal«;
(Zur Genealogie der Moral I 10)--und er beschreibt sein Gegenbild in
der handelnden, frohen, instinktsicheren, unbekümmerten Herren-Natur,
dem ursprünglichen Thatenmenschen. Aber indem er das Eine die
Voraussetzung des Andren sein lässt, indem er die Menschen-Natur als
solche zu dem Schauplatz macht, auf dem sich diese beiden Gegensätze
immer wieder treffen, um sich gegenseitig zu überwinden, fasst er sie
als _Entwickelungsstufen innerhalb desselben Wesens_, die, historisch
betrachtet, Gegensätze bleiben, sich aber im Einzelwesen, psychologisch
betrachtet, als eine _Wesenstheilung innerhalb des entwickelungsfähigen
Menschen erweisen_. Daher ist seine Auffassung des geschichtlichen
Kampfes zwischen Herren- und Sklaven-Naturen in seiner ganzen Bedeutung
nichts als eine vergröberte Illustration dessen, was im höchsten
Einzelmenschen vorgeht, des grausamen Seelenprozesses, durch den dieser
sich in Opfergott und Opferthier spalten muss.
Erst jetzt lässt sich feststellen, was eigentlich Nietzsches
»Umwerthung aller Werthe«, aller bisherigen Moralund Idealauffassungen
bedeutet, und wie sie sich zum _asketischen Ideal_ verhält, in
dem jetzt alle religiösen und moralischen Ideale für Nietzsche
zusammengefasst sind. Diese Umwerthung aller Werthe beginnt allerdings
damit, dass sie jeglicher Askese den Krieg erklärt,--beginnt mit
einer Heiligsprechung des »Allzumenschlichen« im Menschen, das
bisher geschmäht und unterdrückt wurde, weil das Natürliche und
Sinnliche dem Ueber-natürlichen und Uebersinnlichen im Wege stand,
an das man als an eine unumstösslich gegebene Thatsache glaubte.
Nietzsches Zukunftsphilosoph aber glaubt nicht langer, dass irgend
ein Uebermenschenthum _gegeben_ sei, es müsste denn erst _geschaffen_
werden durch den Menschen selbst, und dazu verfügt er ja über kein
andres Material als über die elementare Lebenskraft der Natur, wie
sie ist. Es gilt also nicht mehr, das Diesseits in ein höheres
Jenseits möglichst restlos zu verflüchtigen, sondern die ganze Fülle
eines reichen, ungeahnt herrlichen Jenseits mitten aus dem Diesseits
hervorzulocken.[6] Daher giebt er den verachteten, gefürchteten,
misshandelten Trieben, den Leidenschaften des »natürlichen« noch von
keiner Moral zurechtgestutzten Menschen ihr Existenzrecht wieder. Mit
der Ueberzeugung, dass es nicht auf eine Scheidung von guten und bösen
Kräften ankomme, sondern auf eine Stärkung und äusserste Steigerung der
Lebenskraft überhaupt, damit das Leben aus sich selbst heraus seinen
höchsten Zweck verwirklichen könne, ist es gegeben, »dass dem Menschen
sein Bösestes nöthig ist zu seinem Besten,--dass alles Böseste seine
beste _Kraft_ ist und der härteste Stein dem höchsten Schaffenden;
und dass der Mensch besser _und_ böser werden muss«. (Also sprach
Zarathustra III 97.)
Als ein Fürsprecher des Lebens soll der Mensch sich in seiner Tugend
ausgeben, preisgeben, verschwenden; aber indem er sein eigenes Selbst
zu seiner Tugend umtauft, soll er sie zu einer Machtfülle in sich
steigern, die ihn endlich zersprengt gleich einem zu engen Gefäss:
er soll sie nur besitzen, um von ihr besessen zu werden. Zu einem so
kraftquellenden Uebermaass anwachsend, verschlingt sie endlich ihn und
seinen Einzelwillen in der Gluth und Empfindung des Ganzen,--wandelt
sie sich ihm zur Brücke, auf welcher er dem Untergange zuschreitet:
»Der Mensch ist Etwas, das überwunden werden muss: und darum sollst
du deine Tugenden lieben,--denn du wirst an ihnen zu Grunde gehen«.
(Ebendaselbst I 47.) »Ich liebe Den, dessen Seele übervoll ist, so dass
er sich selber vergisst, und alle Dinge in ihm sind: so werden alle
Dinge sein Untergang.« (Ebendaselbst I 14.)
So gleichbedeutend hiernach _egoistische Kraftauslebung_ und _Tugend_
im ersten Augenblick erscheinen mögen, so tief bleiben sie doch in
Wahrheit von einander geschieden. Wohl ist der Werthunterschied
zwischen den menschlichen Kräften und Eigenschaften, den alle Moral
als einen qualitativen auffasst, im Grunde völlig ins Quantitative
verlegt, aber die willige und begeisterte Hingabe an diese das
Selbst zerstörende Kraftsteigerung begreift darum nicht minder
einen Werthunterschied der Gesinnung in sich. Die Verwerflichkeit
der Gesinnung wird betont, wenn es heisst, dass nicht das Böse der
Menschengrösse schlimmster Feind sei, sondern -dass sein Bösestes so
gar klein ist! Ach dass sein Bestes so gar klein ist!« (Ebendaselbst
III 97.) Das _Uebermaass_ ist der Weg _zum Uebermenschlichen_, deshalb
geht diesem der Ruf voran: »Wo ist doch der Blitz, der euch mit
seiner Zunge lecke? Wo ist der Wahnsinn, mit dem ihr geimpft werden
müsstet?--Seht, ich lehre euch den Übermenschen: der ist dieser Blitz,
der ist dieser Wahnsinn!--« (Ebendaselbst I 11.)
Daher darf man den Weg, den Nietzsche zur Erreichung seines
Idealzieles wählt, nicht mit diesem Ziele selbst verwechseln; er
betrachtet die Herrschaft der »furchtbaren Instinkte« nur als ein
Mittel, dessen er für den höchsten Endzweck bedarf. Ganz mit Unrecht
und in grobem Missverständniss ist ihm vorgeworfen worden, sein
»Uebermensch« trage statt der Züge eines Jesus die eines Cesare
Borgia, oder sonst eines lasterhaften Unmenschen. In Wahrheit ist der
»Unmensch« dem »Uebermenschen« nicht Vorbild, sondern nur Sockel;
er stellt sozusagen den unbehauenen Granitblock dar, der gefordert
wird, um auf demselben eine Götterstatue aufzurichten. Und diese
Götterstatue des Uebermenschen-Ideals ist in Art und Wesen nicht nur
von ihm verschieden, sondern ihm geradezu entgegengesetzt. Dabei
wird der Gegensatz so tief und scharf gefasst, wie es selbst in
der asketischesten Moral nicht der Fall ist. Alle Moral strebt nur
eine Verbesserung und Verschönerung des Menschlichen an, während
Nietzsche davon ausgeht, dass eine ganz neue Species, eine Ueberart,
geschaffen werden müsse. Was bisher als ein Uebergang von Niederem zu
Höherem galt, unter Beibehaltung des charakteristisch Menschlichen
im Idealbilde, das fasst Nietzsche als einen vollständigen Bruch,
als den Kampf sich befehdender Gegensätze auf; was bisher nur ein
Gradesunterschied zwischen dem »natürlichen« und dem »moralischen«
Menschen innerhalb des beiden gemeinsamen Menschsems war, das wird bei
Nietzsche zu einem absoluten Wesensgegensatz zwischen dem Naturmenschen
und dem Uebeimenschen. Deshalb kann man sagen: Betrachtet man den
_Moral-Weg_, den Nietzsche einschlägt, so ist für denselben allerdings
das Anti-Asketische bezeichnend, indem er nicht dem steilen und
steinigen Pfade der Selbstentsagung gleicht, sondern mitten in eine
tropische Wildniss unbekümmerten Selbstgenusses führt. Fasst man
hingegen Nietzsches _Moral-Ziel_ genauer ins Auge, so erweist es sich
als völlig asketischer Natur, indem es den Menschen nicht nur erheben,
sondern vollständig über ihn hinausgehen, ihn nicht nur läutern,
sondern ihn vollständig aufheben will. Einerseits also bekämpft
Nietzsche die übliche Moral wegen ihres asketischen Grund Charakters,
wegen ihrer Geringachtung und Verdammung der untermenschlichen
Begierden, denen er, als der Kraftquelle im Menschen, so hohen Werth
zuspricht; "andrerseits aber bekämpft er die herrschende Moral nicht
minder heftig in dem, worin sie ihm nicht asketisch genug ist. Er
wendet sich grundsätzlich gegen ihren optimistischen Glauben, als ob
auf dem Wege einer bestimmten Läuterung der Mensch einem Idealziele
nahegebracht werden könne; denn der Mensch ist nach Nietzsches Meinung
unfähig hierzu, und daher beruht alle sogenannte Veredelung auf einer
blossen Schwächung der elementaren Lebenskraft. »Nackt hatte ich
einst Beide gesehn, den grössten Menschen und den kleinsten Menschen:
allzuähnlich einander,--allzumenschlich auch den Grössten noch!« (Also
sprach Zarathustra III 98.) Der Versuch aller Moral, das Menschenwesen
einem Idealwesen anzuähneln, ergiebt nur eine unwirkliche Nachahmung
auf Kosten der wirklichen Kraft, und alle moralische Umwandlung ist
deshalb nur eine Art von ästhetischer Verschleierung des geschwächten,
aber sonst völlig unveränderten menschlichen Wesens. »Wie? Ein grosser
Mann? Ich sehe immer nur den Schauspieler seines eignen Ideals.«
(Jenseits von Gut und Böse 97.) »Ich suchte nach grossen Menschen, ich
fand immer nur die _Affen_ ihres Ideals.« (Götzen-Dämmerung I 39.)
Aus dieser pessimistischen Auffassung des Menschlichen entspringt
der extrem-asketische Grundzug, den das Idealziel in Nietzsches
Philosophie erhält; dasselbe ist nur erreichbar durch den Untergang
des Menschen. Und dieser Grundzug tritt in der Folge um so extremer
hervor, je prinzipieller Nietzsche alles Asketische zu verleugnen und
auszumerzen bemüht ist. Je ausschliesslicher am Anfang die Steigerung
der egoistischen Kraft gefordert wird, desto ungeheurer erscheint am
Ende der Entwickelung die Forderung, das eigene Selbst aufzugeben,
damit Raum für den Uebermenschen geschafft werde. Hiess es zuerst: Der
Mensch ist Etwas, das böse, wild und grausam werden muss, so heisst es
schliesslich: »Der Mensch ist Etwas, das überwunden werden muss«,--alle
erlangte Grausamkeit und Wildheit ist letzten Endes nur dazu da, um
sich gegen den Menschen selbst zu kehren und ihn zu vernichten.
So unversöhnlich fallen die beiden Seiten von Nietzsches Ethik
auseinander, die er in ein und demselben Gebot zusammenfasst,--in
dem ersten und einzigen Moralgesetz, das in die neuen Werthtafeln
eingegraben wird: »Werdet hart!« (Also sprach Zarathustra III 90 =
Götzen-Dämmerung, Schluss.) Aus dem Wort: »Werdet hart!« blickt in der
That deutlich das Doppelantlitz der Nietzsche-Moral, mit seinen Zügen
voll tyrannischer Grausamkeit und asketischer Entsagung. Denn hart
werden bedeutet einmal die Widerstandskraft gegen alle weichen und
wohlwollenden Regungen, die Versteinerung im egoistischen Selbstgenuss,
kurz: Härte gegen Andere, guten Willen zur Ausübung herrischer Macht;
das andere Mal aber bedeutet es die Härte gegen sich selbst, als den
Untergehenden, der zermalmt werden muss,--es bedeutet: Euch adelt die
Härte in demselben Sinne, wie sie den Stein adelt, den der Künstler
zu einem hohen Kunstwerk verarbeiten will. Alles dürft ihr, nur Eines
nicht, nicht nachgeben, nicht zerbröckeln während seiner Arbeit, sonst
ist all euer Menschliches, wie hoch es auch in den Augen der alten
Moral dastehen mag, nur noch gut für den Kehrichthaufen, den man
hinwreg fegt; es ist Abfall und verdorbenes Material. Einer solchen
Bestimmung gegenüber erscheint als das Verwerflichste die ängstliche
Weichlichkeit des Gefühls, die zagende Bedenklichkeit angesichts des
Furchtbaren, des Entscheidenden. Denn, so singt Zarathustra, der
Zukunftsschöpfer, »--zum Menschen treibt er mich stets von Neuem, mein
inbrünstiger Schaffens-Wille; so treibt's den Hammer hin zum Steine.
Ach, ihr Menschen, im Steine schläft mir ein Bild, das Bild meiner
Bilder! Ach, dass es im härtesten, hässlichsten Steine schlafen muss!
Nun wüthet mein Hammer grausam gegen sein Gefängniss. Vom Steine
stäuben Stücke: was schiert mich das?« (Also sprach Zarathustra II 8.)
Hiermit stehen wir vor dem Räthsel und Geheimniss in den
Lehren Nietzsches,--vor der Frage: Wie denn die Entstehung des
Uebermenschlichen aus dem Unmenschlichen überhaupt möglich sei, wenn
Beide als unversöhnliche Gegensätze zu denken sind. Die Beantwortung
dieser Frage erinnert unwillkürlich an ein altes moralisches
Heilrezept, welches ungefähr so lautet: »Um einen Fehler loszuwerden,
gebe man ihm nach und übertreibe ihn so lange, bis er durch seine
Uebertreibung und sein Uebermaass abschreckend wirkt.« Das moralische
Heilrezept, das Nietzsche für die Menschheit schrieb, weil er für
sich selbst kein probateres wusste, besitzt eine gewisse Aehnlichkeit
damit. Er wollte in der That den Menschen durch die Entfesselung aller
wildesten Triebe in einen Zustand bringen, in dem der egoistische
Selbstgenuss durch das Uebermaass und die Uebertreibung zu einem
_Leiden am eignen Selbst_ wird. Aus der Qual eines solchen Leidens
heraus sollte dann eine grenzenlose übermächtige Sehnsucht nach dem
_eignen Gegensatz_ erwachsen,--die Sehnsucht des Starken, Unmässigen,
Heftigen nach dem Zarten, Maassvollen, Milden; die Sehnsucht der
Hässlichkeit und dunklen Begierde nach der Schönheit und lichten
Reinheit,--die Sehnsucht des gequälten, von seinen wilden Trieben
besessenen Menschen nach seinem Gott. Nietzsche hielt es für möglich,
dass aus einem solchen Gemüthszustand thatsächlich dessen Gegensatz
durch die Uebergewalt eines Affektes hervorbrechen könne. So
erscheint ihm einmal der Grossmüthige »als ein Mensch des äussersten
Rachedurstes, dem eine Befriedigung sich in der Nähe zeigt und der
sie so reichlich, gründlich und bis zum letzten Tropfen _schon in der
Vorstellung_ austrinkt, dass ein ungeheurer schneller Ekel dieser
schnellen Ausschweifung folgt,--er erhebt sich nunmehr »über sich«,
wie man sagt, und verzeiht seinem Feinde, ja segnet und ehrt ihn. Mit
dieser Vergewaltigung seiner selber, mit dieser Verhöhnung seines
eben noch so mächtigen Rachetriebes giebt er aber nur dem neuen
Triebe nach.« (Die fröhliche Wissenschaft 49.) Die Grundbedingung für
eine solche Darstellung des scheinbar Uebermenschlichen durch das
eigne Selbst ist aber, dass dieses die wilde Kraft seines qualvollen
Uebermaasses bewahre,--dass es sie nicht schwäche, zügele, massige,
»läutere«, um den Gegensätzen ihre schmerzliche Spannung zu nehmen.
Je höher hinauf, zu den zartesten ßlüthen des Schönen und Göttlichen
es gelangen will, desto tiefer hinab in das schwärzeste Erdreich, in
sein Unmenschliches, Untermenschliches muss es die Wurzeln seiner
Kraft senken. Dadurch wird freilich das Uebermenschliche, das der
Mensch erzeugt, zur Darstellung eines blossen, göttlichen Scheines,
sozusagen eines Momentbildes, nicht zu der seines wirklichen, eignen
Wesens, --aber nur in dieser Weise ist es überhaupt realisirbar. Da
keine allmähliche Entwickelung, kein Uebergang die Gegensätze einander
nähert, da sie sich vielmehr gerade kraft ihrer Gegensätzlichkeit
bedingen und erzeugen, so bleibt ewig ein unüberbrückbarer Abgrund
zwischen ihnen bestehen; auf der einen Seite die bis zum Furchtbaren
gesteigerte, bis zum Chaotischen aufgewühlte Lebenswirklichkeit der
menschlichen Triebe,--auf der andren Seite ein blosses Scheinbild, eine
leichte Wesenswiderspiegelung, gewissermaassen eine göttliche _Maske_,
der gar keine selbständige Wirklichkeit innewohnt. Und somit Hesse sich
gegen diese Theorie Nietzsches im »allerhöchsten Grade derselbe Vorwurf
erheben, den er der üblichen Moralauffassung macht, nämlich, dass
es genüge, den Menschen einem vorgehaltenen Idealbilde anzuähneln:
der Vorwurf, dass nur eine ästhetische Verschleierung, nicht aber
eine durchgreifende Umwandlung erzielt werde, dass also der Mensch zu
einem blossen »Schauspieler seines Ideals« herabsinke. Wir begegnen
hier genau derselben Erscheinung, die uns an Nietzsches Stellung
zum Asketischen überraschte: was Nietzsche am grundsätzlichsten
zu bekämpfen scheint, das nimmt er schliesslich selbst am
grundsätzlichsten in seine Theorien auf,--aber nur in den äussersten
Consequenzen und im extremsten Sinn. Was er auf seinem Wege als Mittel
zum Zweck am entschiedensten verwirft, das benutzt er schliesslich,
um es seinem Endzweck, seinem Ziele selbst einzuverleiben. Ja, man
kann überall da, wo Nietzsche irgend etwas mit ganz besonderem Hasse
verfolgt upd erniedrigt, mit Sicherheit annehmen, dass es irgendwie
tief--tief im Herzen seiner eigenen Philosophie oder seines eigenen
Lebens steckt. Dies gilt sowohl von Personen wie von Theorien.
Meistens giebt Nietzsche in solchen Fällen selber zu, dass der
von ihm bekämpfte Gegenstand eine Art von Werth besessen habe
als Moment der Entwickelung zu seiner neuen Auffassung hin. Im
vorliegenden Falle gesteht er: der Mensch habe seine _Fähigkeit_
zur Ueber-menschen-Darstellung erst allmählich gewonnen durch seine
Entwickelung innerhalb der herrschenden Moral, Kunst und Religion.