[2] Er hat so gelesen, wie er es einmal »gut lesen« nennt: »--das

heisst langsam, tief, vor- und rücksichtig, mit Hintergedanken,

mit offen gelassenen Thüren, mit zarten Fingern und Augen lesen--«

(Einführende Vorrede zur neuen Ausgabe der Morgenröthe 11.)

[3] Dieses Buch erregte bei seinem Erscheinen das lebhafteste

Missfallen der philologischen Zunft; hatte der Verfasser es doch

gewagt, seinen Ausführungen nicht nur die Lehren des verpönten

Philosophen Arthur Schopenhauer, sondern auch die künstlerischen

Anschauungen des damals noch ebenso geschmähten »Zukunftsmusikers«

Richard Wagner zu Grunde zu legen. Ein junger philologischer

Heisssporn, Ulrich v. Wilamowitz-Möllendorf, der jetzt zu den

hervorragenden Vertretern der classischen Philologie in Deutschland

gehört, machte sich in nicht besonders glücklicher und geschmackvoller

Weise zum Sprachrohr zünftiger Einseitigkeit. Ohne der Eigenart des

Nietzscheschen Buches irgendwie gerecht zu werden, griff er es in der

Broschüre »Zukunftsphilologie! eine erwidrung auf F. N.'s »gebürt der

tragödie«, Berlin 1872, von einem beschränkt philologischen Standpunkte

auf das heftigste an. Für den Angegriffenen traten in die Schranken

derjenige, an den vor Allen das Buch gerichtet war, Richard Wagner,

der Künstler, in einem in der »Norddeutschen Allgemeinen Zeitung« vom

23. Juni 1872 abgedruckten offenen Briefe an Friedrich Nietzsche,

und Erwin Rohde, der bereits damals von seiner tiefen Kenntnis des

griechischen Alterthums die vollgiltigsten Proben abgelegt hatte.

In der ausgezeichnet geschriebenen Streitschrift: »Afterphilologie.

Sendschreiben eines Philologen an Richard Wagner«, Leipzig 1872,

stellte er sich auf den von dem Gegner gewählten Boden und wies die

von diesem gemachten Einwände und Beschuldigungen zurück, worauf v.

Wilamowitz dann noch mit einer Duplik, »Zukunftsphilologie! Zweites

Stück, eine erwidrung auf die rettungsversuche für F. N.'s »gebürt der

tragödie«, Berlin 1873, antwortete.

[4] Vergleiche die einführende Vorrede zur Neuen Ausgabe des zweiten

Bandes von Menschliches, Allzumenschliches, wo es IV heisst: »--was ich

gegen die »historische Krankheit« gesagt habe, das sagte ich als Einer,

der von ihr langsam, mühsam genesen lernte-- -- --.

[5] Vorwort V: »Auch soll-- --nicht verschwiegen werden,-- -- -- --dass

ich nur, sofern ich Zögling älterer Zeiten, zumal der griechischen

bin, über mich als ein Kind dieser jetzigen Zeit zu so unzeitgemässen

Erfahrungen komme.«

[6] Vgl. Schopenhauer als Erzieher 19: »ich ahnte, in ihm jenen

Erzieher und Philosophen gefunden zu haben, den ich so lange suchte.

Zwar nur als Buch: und das war ein grosser Mangel. Um so mehr strengte

ich mich an, durch das Buch hindurch zu sehen und mir den lebendigen

Menschen vorzustellen, dessen grosses Testament ich zu lesen hatte,

und der nur solche zu seinen Erben zu machen verhiess, welche mehr

sein wollten und konnten als nur seine Leser: nämlich seine Söhne und

Zöglinge.

[7] Nietzsche lebte damals in einer Bewunderung der englischen

Gelehrten und Philosophen, die später in ihr Gegentheil umschlug; in

Menschliches, Allzumenschliches II 184 nennt er sie noch die »ganzen,

vollen und füllenden Naturen«, und in einem Briefe an Rée nennt er die

englischen Philosophen der Gegenwart, »den einzig gut philosophischen

Umgang, den es jetzt giebt«. Dementsprechend ist das Einzige, was

er in dieser Periode an seinem ehemaligen Meister Schopenhauer noch

hochschätzt: »sein harter Thatsachen-Sinn, sein guter Wille zu

Helligkeit und Vernunft, der ihn oft so englisch--erscheinen lässt.«

(Fröhliche Wissenschaft 99.)

[8] Erwähnt wird es von Nietzsche in »Menschliches, Allzumenschliches«

I 37.

[9] Vergleiche Menschliches, Allzumenschliches die Aphorismen über

»Cultus des Genius' aus Eitelkeit« (162) und »Gefahr und Gewinn im

Cultus des Genius'.« (164).

[10] Dieser Besitz von »Liebe und Güte« als der heilsamsten Kräuter und

Kräfte im Verkehre der Menschen (Menschliches, Allzumenschliches I 48)

ist noch mehr werth als die gepriesene grosse einzelne Aufopferung;

noch »mächtiger an der Cultur gebaut«, hat jenes immerwährende

freundliche Wohlwollen, das des Lebens »_Behagen_« schafft.

(Menschliches, Allzumenschliches I 49)

[11] Vergleiche die folgenden Aphorismen, die Nietzsche mir einmal

aufschrieb:

_Zur Lehre vom Stil._

1.

Das Erste, was noth thut, ist Leben: der Stil soll _leben_.

2.

Der Stil soll _dir_ angemessen sein in Hinsicht auf eine ganz bestimmte

Person, der du dich mittheilen willst. (Gesetz der _doppelten

Relation_.)

3.

Man muss erst genau wissen: »so und so würde ich das sprechen und

_vortragen_«--bevor man schreiben darf. Schreiben muss eine Nachahmung

sein.

4.

Weil dem Schreibenden viele _Mittel_ des Vortragenden _fehlen_, so

muss er im Allgemeinen eine _sehr ausdrucksvolle_ Art von Vortrag

zum Vorbild haben: das Abbild davon, das Geschriebene, wird schon

nothwendig viel blässer ausfallen.

5.

Der Reichthum an Leben verräth sich durch _Reichthum an Gebärden_. Man

muss alles, Länge und Kürze der Sätze, die Interpunctionen, die Wahl

der Worte, die Pausen, die Reihenfolge der Argumente--als Gebärden

empfinden _lernen_.

6.

Vorsicht vor der Periode! Zur Periode haben nur die Menschen ein Recht,

die einen langen Athem auch im Sprechen haben. Bei den meisten ist die

Periode eine Affectation.

7.

Der Stil soll beweisen, dass man an seine Gedanken _glaubt_, und sie

nicht nur denkt, sondern _empfindet_.

8.

Je abstracter die Wahrheit ist, die man lehren will, um so mehr muss

man erst die _Sinne_ zu ihr verführen.

9.

Der Tact des guten Prosaikers in der Wahl seiner Mittel besteht darin,

dicht an die Poesie heranzutreten, aber _niemals_ zu ihr überzutreten.

10.

Es ist nicht artig und klug, seinem Leser die leichteren Einwände

vorwegzunehmen. Es ist sehr artig und _sehr klug_, seinem Leser

zu überlassen, die letzte Quintessenz unserer Weisheit _selber

auszusprechen_.

[12] Siehe in der »Fröhlichen Wissenschaft« (279) unter der

Ueberschrift »Sternen-Freundschaft« die schönen Worte, mit denen

Nietzsche damals von dieser geistigen Genossenschaft Abschied nahm.

III. ABSCHNITT.

DAS "SYSTEM NIETZSCHE"

MOTTO:

»Schaffen wollt ihr noch die Welt,

vor der ihr knien könnt.«

(Also sprach Zarathustra II. 47).

Geist? Was ist mir Geist! Was ist mir Erkenntniss! Ich

schätze nichts als _Antriebe_,--und ich möchte schwören,

dass wir darin unser Gemeinsames haben. Sehen Sie doch durch

diese Phase _hindurch_, in der ich seit einigen Jahren

gelebt habe,--sehen Sie _dahinter_! Lassen _Sie_ sich nicht

über mich täuschen--glauben doch nicht, dass »der Freigeist«

mein Ideal ist!! _Ich bin_-- -- --Verzeihung! Liebste Lou!

F. N.

In dieser geheimnissvollen Weise bricht der vorstehende Brief

Nietzsches ab, den er in der Zeit zwischen der Veröffentlichung der

»Fröhlichen Wissenschaft« und derjenigen seiner mystischen Dichtung

»Also sprach Zarathustra« geschrieben hat. In den wenigen Zeilen sind

bereits die wesentlichsten Züge der letzten Philosophie Nietzsches

angedeutet: auf dem Gebiet der Logik die principielle Abkehr von dem

bisherigen reinlogischen Erkenntnissideal, von der theoretischen

Strenge der verstandesmassigen »Freigeisterei«; auf dem Gebiet der

Ethik, anstatt der bisherigen negirenden Kritik, die Verlegung der

Wahrheitsbegründung in die Welt der seelischen Antriebe, als der Quelle

einer neuen Werthung und Abschätzung aller Dinge; ferner eine Art von

_Rückkehr_ zu Nietzsches erster philosophischer Entwicklungsphase,

die vor seinem positivistischen Freigeisterthum liegt,--nämlich zur

Metaphysik der Wagner-Schopenhauerischen _Aesthetik_ und ihrer Lehre

vom übermenschlichen Genie. Und hierauf endlich gründet sich, als

auf den Kempunkt der neuen Zukunftsphilosophie, _das Mysterium einer

ungeheuren Selbst-Apotheose_, das er in dem zögernden Wort »Ich

bin«--sich noch scheut auszusprechen.

Nietzsches letzte Geistesperiode umfasst fünf Werke: Die vierbändige

Dichtung »_Also sprach Zarathustra_« (I und II 1883; III 1884,

Chemnitz, Ernst Schmeitzner; IV 1891, Leipzig, C. G. Naumann);

_Jenseits von Gut und Böse_, Vorspiel einer Philosophie der Zukunft

(1886, Leipzig, C. G. Naumann; 2. Auflage 1891); _Zur Genealogie

der Moral_, eine Streitschrift (1887, Leipzig, C. G. Naumann); _Der

Fall Wagner_, ein Musikanten-Problem (1888, Leipzig, C. G. Naumann);

endlich die kleine Aphorismen-Sammlung _Götzen-Dämmerung_ oder _Wie

man mit dem Hammer philosophirt_ (1889, Leipzig, C. G. Naumann).

Wir können hier aber nicht dem Gange seines philosophischen Denkens

Schritt für Schritt an der Hand jener Werke folgen, da sie nicht, wie

die der vorhergehenden Periode, ebensoviele Entwicklungsstufen seines

Gedankens darstellen, sondern zum ersten Mal alle dazu bestimmt sind,

der Darlegung eines _Systems_ zu dienen, wenn auch nur eines Systems,

das mehr auf ihrer Gesammtstimmung als auf der klaren Einheitlichkeit

begrifflicher Deduction beruht. Der aphoristische Charakter, den seine

Bücher auch hier bewahren, erscheint daher in diesem Fall als ein

unleugbarer Mangel der Form seiner Darstellung, nicht, wie bisher,

als ein eigenthümlicher Vorzug derselben. Was Nietzsche durch seine

vollendete Meisterschaft in der aphoristischen Form gelang: einen

jeden Gedanken in seiner seelischen Bedeutsamkeit voll auszuschöpfen

und mit allen seinen feinen inneren Nebenbeziehungen wiederzugeben, das

reicht nicht aus für die systematische Begründung eigener Theorien,

sondern löst sie hier und da in ein geistreiches Spiel mit blendenden

Hypothesen auf. Nietzsche wurde sowohl durch sein Augenleiden als

auch durch seine Gewöhnung an sprunghaftes Denken dazu gezwungen, im

Allgemeinen an seiner alten Schreibweise festzuhalten, aber immer

wieder macht er,--sowohl in Jenseits von Gut und Böse, als auch in

der Genealogie der Moral,--den Versuch, über das Rein--Aphoristische

hinauszukommen, seine Gedanken systematisch zu ordnen und vorzutragen,

weil das, was ihm vorschwebt, ein einheitliches Ganzes geworden ist.

Daher finden wir auch hier zum ersten Mal bei ihm eine Art

von _Erkenntnisstheorie_, einen Ansatz dazu, sich mit den

erkenntnisstheoretischen Problemen auseinanderzusetzen, nachdem

er ihnen bisher immer aus dem Wege gegangen war, wie er überhaupt

gern jedes Problem mied, dem sich nur auf rein begrifflichem Wege

beikommen lässt. Jetzt erst bleibt er nicht mehr ohne Weiteres bei der

praktischen Philosophie stehen, sondern hält es für nothwendig, auf

die Mittel hinzuweisen, mit denen er sich das erkenntnisstheoretische

Pförtchen aufgebrochen habe, durch das er zu seinen Hypothesen

gelangt. Ziemlich ausführliche Bemerkungen darüber finden sich an den

verschiedensten Stellen seiner Werke zerstreut. Es erscheint aber

höchst charakteristisch, dass sie sich erst jetzt finden, wo er der

Welt des Abstrakt-Logischen principielle Feindschaft erklärt und fest

entschlossen ist, alle schwierigen Begriffsknoten, auf die er stossen

könnte, mit einem Schwerthieb zu zerhauen: er befasst sich mit der

Erkenntnisstheorie eben nur, um sie über den Haufen zu werfen.

Zur Zeit seines Wagnerthums war Nietzsche als Jünger Schopenhauers

diesem seinem Meister in der bekannten Interpretirung und Modificirung

Kants gefolgt, laut welcher die Fragen nach den höchsten und letzten

Dingen ihre Beantwortung finden, zwar nicht durch den Verstand, sondern

durch die höchsten Eingebungen und Erleuchtungen des Willenslebens.

Später stimmte Nietzsche, unter heftigem Protest gegen diese Annahme

der Schopenhauerischen Metaphysik, der strengen Selbstbescheidung der

Erfahrungswissenschaft zu, welche sich mit dem Verstandeserkennen auf

den ihm zugänglichen Gebieten begnügt. Aber Nietzsche hielt diese

Zustimmung nur so lange aufrecht, als er mit Hilfe eines fanatischen

Intellektualismus sich aus dem bescheidenen Verstandeserkennen ein ihn

begeisterndes Wahrheitsideal zu schaffen vermochte, dem sich sein Wille

und Seelenleben blind unterwarf. Sobald sein Fanatismus sich erschöpft

hatte, sobald seine Begeisterung die intellektuellen Ziele und Werthe

nicht mehr in so über-schwänglich-idealer Beleuchtung sah, wurde er

derselben überhaupt überdrüssig und verlangte nach neuen Idealen. In

diesem Verlangen ging ihm nun innerhalb des Positivismus eine Einsicht

auf, die er bisher nicht beachtet hatte: nämlich die Einsicht in die

Relativität alles Denkens, die Zurückführung alles Verstandeserkennens

auf die rein praktische Grundlage des menschlichen Trieblebens, dem es

entstammt und von dem es dauernd abhängig ist.

Diesem Wege, der ihm von seinen eigenen philosophischen Genossen

vorgezeichnet war, brauchte er nur mit gewohnter Exaltation zu folgen,

um schliesslich zu seiner ursprünglichen Schätzung der Affekte

zürückzugelangen. Denn was für die Andern nur eine natürliche

Consequenz war, welche die moderne Erkenntnisstheorie zieht, und welche

die Methode und die Resultate der Erfahrungswissenschaft als solche gar

nicht berührt, daraus entnahm Nietzsche den Anstoss zu einem völligen

Gesinnungswechsel. Mit derselben äussersten Uebertreibung und demselben

Fanatismus, mit denen er das streng begriffliche Denken als höchstes

Wahrheitsideal angebetet hatte, verhöhnt er es jetzt als etwas Geringes

und Niedriges gegenüber den Trieben, die es in Wahrheit regieren.

Was sich inzwischen verändert hat, ist zwar nur seine _Stimmung_, nur

seine _Gefühlsauffassung_ der Sachlage, aber eben dies besagt für

Nietzsche Alles: es veisst ihn allmählich fort zu immer weitergehenden

Folgerungen und wird so schliesslich zum Ausgangspunkt für eine neue

Weltanschauung.

Dieser Verlauf ist typisch für die Entstehung aller Grundgedanken

in Nietzsches »Zukunftsphifosophie-«; ihm werden wir in seiner

Erkenntnisstheorie wie in seiner Morallehre, in seiner Äesthetik wie

in seiner letzten Mystik wieder begegnen und stets dieselben drei

Entwicklungsstufen daran wahrnehmen: zuerst das Anknüpfen an einzelne

letzte Consequenzen der modernen Erfahrungswissenschaft, dann ein

Umschlagen seiner Gemüthsstimmung in der Auffassung solcher Ergebnisse,

ihre Zuspitzung und Uebertreibung bis aufs Aeusserste, und endlich,

daraus fliessend, seine eigenen, neuen Theorien.

Hinsichtlich dieser sind aber zwei Seiten zu unterscheiden,

einestheils ihr thatsächlicher philosophischer Gehalt, anderntheils

Nietzsches rein seelische Wieder-Spiegelung in ihnen, indem er sich

in seinen Gedanken den Ausdruck für sein tiefstes Wesen schafft.

Diese Selbstwiederspiegelung führt uns zu dem Bilde Nietzsches

zurück, wie es im ersten Theile dieser Arbeit entworfen ist.

Der Gedankengehalt aber der neuen Lehre erweist sich als eine

kunstvolle Verbindung der beiden philosophischen Phasen in Nietzsches

Geistesentwicklung,--als ein Muster von zwei verschiedenen mit

genialer Hand ineinandergeflochtenen Geweben: der Schopenhauerischen

Willenslehre und der Entwicklungslehre der Positivistem

Für Nietzsches Erkenntnisstheorie, mit ihrer Bekämpfung der Bedeutung

des Logischen und ihrer Zurückführung desselben auf das schlechthin

Unlogische, kommt am meisten in Betracht sein Buch »Jenseits von

Gut und Böse«, das in einzelnen Abschnitten ebensogut heissen

könnte: »Jenseits von Wahr und Falsch«. Denn hier erörtert er am

ausführlichsten die _Unberechtigung der Werthgegensätze_ »wahr und

unwahr«, die mit der Einsicht in ihren Ursprung nicht minder hinfällig

werden, wie die Werthgegensätze »gut und böse«. »Das Problem vom Werthe

der Wahrheit trat vor uns hin,-- -- --Was in uns will eigentlich »»zur

Wahrheit««?-- -- --Gesetzt, wir wollen Wahrheit: _warum nicht lieber

Unwahrheit?_-- --« (1.) »Ja, was zwingt uns überhaupt zur Annahme,

dass es einen wesenhaften Gegensatz von »wahr« und »falsch« giebt?

Genügt es nicht, Stufen der Scheinbark eit anzunehmen-- --?« (34.) »In

welcher seltsamen Vereinfachung und Fälschung lebt der Mensch!-- -- --

erst auf diesem nunmehr festen und granitnen Grunde von Unwissenheit

durfte sich--die Wissenschaft erheben, der Wille zum Wissen auf dem

Grunde eines viel gewaltigeren Willens, des Willens zum Nicht-wissen,

zum Ungewissen, zum Unwahren! Nicht als sein Gegensatz, sondern--als

seine Verfeinerung«! (24.) Das »Bewusstsein« ist nicht »in irgend

einem entscheidenden Sinne dem Instinktiven _entgegengesetzt_,--das

meiste bewusste Denken eines Philosophen ist durch seine Instinkte

heimlich geführt und in bestimmte Bahnen gezwungen.« (3.) Alle Logik

ist letzten Endes nichts anderes als eine blosse »Zeichen-Convention«

(Götzen-Dämmerung III 3), alles Denken eine Art von »Zeichensprache

der Affekte«, da »wir zu keiner anderen »Realität« hinab oder hinauf

können als gerade zur Realität unserer Triebe--denn Denken ist nur ein

Verhalten dieser Triebe zu einander.« (Jenseits von Gut und Böse 36).

Und daraus folgt denn schon: »-- --_je mehr_ Affekte wir über eine

Sache zu Worte kommen lassen, _je mehr_ Augen, verschiedne Augen wir

uns für dieselbe Sache einzusetzen wissen, um so vollständiger wird

unser »Begriff« dieser Sache, unsre »Objektivität« sein. Den Willen

aber überhaupt eliminiren, die Affekte sammt und sonders aushängen,

gesetzt, dass wir dies vermöchten: wie? hiesse das nicht den Intellekt

_castriren_?... (Zur Genealogie der Moral III 12).

Hier ist der Punkt, an welchem Nietzsches Auffassung plötzlich von

seiner ehemaligen abweicht und ihn zu der entgegengesetzten führt.

Hat er früher davor gewarnt, irgend einem Affekt zu trauen, weil

derselbe doch nur das »Enkelkind« alter vergessener und wahrscheinlich

irrthümlicher Urtheilsschlüsse sei, so beruft er sich jetzt auf die

uralte Gefühlsgrundlage, der alle Urtheilsschlüsse entstammen, und

degradirt diese so zu unselbständigen, abhängigen »Enkelkindern« des

Gefühls. Für beide Auffassungen findet er die gesuchte Begründung

noch in der positivistischen Weltanschauung, aber was dort friedlich

neben einander besteht,--die Relativität des Denkens und diejenige

des Affektlebens,-- --das trennt sich für ihn in zwei unversöhnliche

Gegensätze: auf der einen Seite steht der bis auf die Spitze getriebene

Intellektualismus, dem er sich bis dahin hingegeben, und durch den

er alles Leben dem Denken, alles Gemüth dem Verstände unterthan

machen wollte,--auf der anderen Seite eine ebenfalls auf das Höchste

gesteigerte Gefühlsexaltation, die sich für ihre lange Unterdrückung

rächt und in ihrem Lebensüberschwang sich nur genug thun kann in einem

fanatischen: »fiat vita, pereat veritas!«

Darum heisst es weiter: »Die Falschheit eines Urtheils ist uns noch

kein Einwand gegen ein Urtheil;-- --Die Frage ist, wie weit es

lebenfördernd, lebenerhaltend -- --ist;-- -- --Verzichtleisten auf

falsche Urtheile (wäre) ein Verzichtleisten auf Leben, eine Verneinung

des Lebens.« (Jenseits von Gut und Böse 4.) »Bei allem Werthe, der

dem Wahren, dem Wahrhaftigen,-- --zukommen mag: es wäre möglich,

dass dem Scheine, dem Willen zur Täuschung, und der Begierde ein

für alles Leben höherer und grundsätzlicherer Werth zugeschrieben

werden müsste. Es wäre sogar noch möglich, dass, _was_ den Werth

jener guten und verehrten Dinge ausmacht, gerade darin bestünde, mit

jenen schlimmen, scheinbar entgegengesetzten Dingen auf verfängliche

Weise verwandt, verknüpft, verhäkelt, vielleicht gar wesensgleich zu

sein.« (Jenseits von Gut und Böse 2.) »-- -- --wir sind von Grund

aus, von Alters her--_ans Lügen gewöhnt_. Oder, um es tugendhafter

und heuchlerischer, kurz angenehmer auszudrücken: man ist viel mehr

Künstler als man weiss.« (Ebendaselbst 192.) Und das Lebenerhaltendere

der Lüge ist es, das den Künstler hoch über den wissenschaftlichen

Menschen und dessen Wahrheitsforschung stellt. »--die Kunst, in der

gerade die Lüge sich heiligt, der Wille zur Täuschung das gute Gewissen

zur Seite hat,« (Zur Genealogie der Moral III 25), ist es auch, um

derentwillen jetzt plötzlich wieder die ehemals so geschmähten

Metaphysiker weit vornehmer und schätzenswerther erscheinen, als

die »Wirklichkeits-Philosophaster«, mit ihrer Genügsamkeit und

»Lappenhaftigkeit«. (Jenseits von Gut und Böse 10.)

An dieser erneuten Verherrlichung des Künstlerthums und selbst

der Metaphysik erkennt man, wie weit Nietzsche schon zu einem

neuen, entgegengesetzten Typus des Erkennenden durchgedrungen

ist, und wie weit er sich bereits von den positivistischen

»Wirklichkeits-Philosophastern« entfernt hat. Denn was diese als

eine unvermeidliche _Zugabe_ zum erkennenden Denken betrachten

und im Erkenntnissakt nach Möglichkeit zu _reduciren_ suchen: die

Abhängig-keitdes Denkens vom menschlichen Triebleben,--das gerade

bedarf, nach Nietzsche der höchstmöglichen Steigerung. Die Einsicht

in die Relativität alles Denkens, in die engen Grenzen, die der

Wahrheitserkenntniss gezogen sind, dien! ihm ausschliesslich zur

Proklamirung einer neuen Grenzenlosigkeit des Erkennens, die

demselben den absoluten Charakter wiedergeben soll. Weil Nietzsche

der absoluten Ideale bedurfte, um sie anbeten und an ihnen seine

Hingebung ausleben zu können, suchte er, sobald sein logisches

Wahrheitsideal allzu bescheiden zusammenschrumpfte, Abhilfe in

dessen Gegensatz, im Maasslosen des gesteigerten Affektlebens.

Ist er vorher davon ausgegangen, das Wahrheitsstreben von einer

letzten Illusion zu befreien, indem er es als relativ auffasste, so

öffnet er sich nun einen neuen Zugang zu neuen Illusionen: durch

Verlegung des Erkenntnissgebietes in das der Gefühlserregungen und

Willenseingebungen. Damit sind alle zurückhaltenden, einschränkenden

Dämme niedergerissen und rückhaltlos darf das Affektleben darüber

hinfluthen. Nirgends Gewissheit oder überall Gewissheit, das kommt

hier beinahe auf dasselbe hinaus; wo der Gedanke alle selbständigen

Erkenntnissrechte eingebüsst hat, da schweift er, als Spielzeug und

Werkzeug der ihn regierenden verborgenen Triebe bis in die fernsten

Fernen, bis in die tiefsten Tiefen. Ist Nietzsche ursprünglich aus

dem geheimnissvoll schimmernden Zaubergarten der Metaphysik in die

nüchterne Verstandeswelt empirischer Forschung eingetreten, so verliert

er sich jetzt in den Irrgarten einer Wildniss, die, ungelichtet

und undurchdringlich, diese Verstandeswelt umgiebt. Gerade der

Umstand, dass in ihr noch keine Wege gebahnt sind, dem Denken noch

keine Richtung gewiesen ist,--dass Alles in ihr noch herrenlos und

gesetzlos ist, und der Willensmachtspruch Raum hat für jegliches

Schaffen,--gerade dies Abenteuerlich-Gefährliche ist ihm Bürgschaft

für den richtigen Weg, denn es erscheint als die Richtung mitten ins

Innere des Lebens, mitten in seine Urkräfte hinein. »Räthsel-Trunkene,

Zwielicht-Frohe« nennt daher Zarathustra seine Jünger, »deren Seele mit

Flöten zu jedem Irr-Schlunde gelockt wird:--denn nicht wollt ihr mit

_feiger Hand einem Faden nachtasten_; und, wo ihr _errathen_ könnt, da

hasst ihr es, zu _erschliessen_.« (Also sprach Zarathustra III 6 f.)

»Auch im Erkennen fühle ich nur meines Willens Zunge und Werde-Lust

(Ebendaselbst II 8); »Werk- und Spielzeuge sind Sinn und Geist!«

(Ebendaselbst I 43), denn das Leben spricht: »Auch du, Erkennender,

bist nur ein Pfad und Fusstapfen meines Willens: wahrlich, mein Wille

zur Macht wandelt auch auf den Füssen deines Willens zur Wahrheit!«

(Ebendaselbst II 50)

Friedrich Nietzsche in seinen Werken · 第 10 / 18 段