»Nun, liebste Freundin, Sie haben immer für mich ein gutes
Wort in Bereitschaft, es macht mir grosse Freude, Ihnen
zu gefallen. Die fürchterliche Existenz der Entsagung,
welche ich führen muss und welche so hart ist, wie je eine
asketische Lebenseinschnürung, hat einige Trostmittel,
die mir das Leben immer noch schätzenswerter machen als
das Nichtsein. Einige grosse Perspectiven des geistig
sittlichen Horizonts sind meine mächtigste Lebensquelle. Ich
bin so froh darüber, dass gerade auf diesem Boden unsere
Freundschaft ihre Wurzeln und Hoffnungen treibt. Niemand
kann so von Herzen sich über Alles freuen, was von Ihnen
gethan und geplant wird!
Treulich Ihr Freund
F. N.«
Und kurz darauf ruft er am Schlüsse eines anderen Briefes aus:
»Auch ich habe jetzt Morgenröthen um mich, und keine gedruckten!
Was ich nie mehr glaubte,-- -- -- --das erscheint mir jetzt als
möglich,--als die goldene Morgenröthe am Horizonte all' meines
zukünftigen Lebens-- -- --.«
Diese Stimmung, die mit der Gewalt der Sehnsucht eine neue Geisteswelt
fern am Horizont heraufbeschwor, damit sie Ersatz böte für alles, was
Zweifel und Kritik zerstört hatten, klingt am deutlichsten durch in den
Schlussworten der »Morgenröthe«, in denen Nietzsche seine kritische und
negirende Denkrichtung selber als einen _Wegweiser_ zu neuen Idealen
aufzufassen sucht:
»Warum doch gerade in dieser Richtung, dorthin, wo bisher alle Sonnen
der Menschheit _untergegangen_ sind? Wird man vielleicht uns einstmals
nachsagen, dass auch wir, _nach Westen steuernd, ein Indien zu
erreichen hofften_,--dass aber unser Loos war, an der Unendlichkeit zu
scheitern? Oder, meine Brüder? Oder--? (Morgenröthe, Schluss.)
Als Nietzsche im Jahre 1882 seine »Fröhliche Wissenschaft« vollendete,
da war ihm sein Indien bereits zur Gewissheit geworden: er glaubte
gelandet zu sein an den Küsten einer fremden, noch namenlosen,
ungeheuren Welt, von der nichts anderes bekannt sei, als dass sie
jenseits alles dessen liegen müsse, was von Gedanken angefochten,
von Gedanken zerstört werden kann. Ein weites, scheinbar uferloses
Meer zwischen ihm und jeder Möglichkeit einer erneuten begrifflichen
Kritik,--jenseits aller Kritik meinte er festen Boden gefasst zu haben.
Der übermüthige Jubel dieser Gewissheit klingt in den Versen wieder,
die er in das Widmungs-Exemplar seiner »Fröhlichen Wissenschaft«
schrieb:
»Freundin, sprach Columbus, traue
Keinem Genuesen mehr!
Immer starrt er in das Blaue
Fernstes zieht ihn allzusehr!
Wen er liebt, den lockt er gerne
Weit hinaus in Raum und Zeit,--
Üeber uns glänzt Stern bei Sterne
Um uns braust die Ewigkeit.«
Aber er irrte sich in Bezug auf die völlige Neuheit und Jenseitigkeit
des Landes,--es war der umgekehrte Irrthum des Columbus, der, das
Alte suchend, das Neue fand. Denn Nietzsche war in der That, ohne
es zu bemerken, nach einer Weltumseglung von der entgegengesetzten
Seite an die Küste eben desjenigen Landes zurückgelangt, von welchem
er ursprünglich ausgegangen, und welches er für immer im Rücken
gelassen zu haben glaubte, als er sich von der Metaphysik abwandte.
Wir werden es an allen Werken seiner letzten Geistesperiode erkennen,
in wiefern sie wieder aus jenem alten Boden hervorgewachsen sind,
wenn auch in ihrem Wachsthum und ihrer Eigenart beeinflusst durch
die Erfahrungen der letzten Jahre. Unstreitig hatte ein Hauptwerth
der positivistischen Denkrichtung für Nietzsche darin gelegen, dass
sie ihm wenigstens innerhalb gewisser Grenzen wirklich Spielraum für
alle diese Stimmungs-Uebergänge und Gefühlsschwankungen zu bieten
vermochte und ihn dadurch eine Zeit lang festhielt. Sie schlug ihn
nicht in Fesseln, wie es die Metaphysik nothwendig gethan hatte,
sondern wies ihm nur eine Wegerichtung; sie bürdete ihm nicht ein
Erkenntnisssystem auf, sondern gab ihm im wesentlichen nur eine neue
Erkenntnissmethode an die Hand. Darum war auch seine Emancipation von
ihr keine so gewaltsame und plötzliche wie seine Wagnerwandlung, sie
war, anstatt eines Fesselsprengens, ein allmähliches Sich-Verfliegen
und Sich-Verlaufen,--»all mein Wandern und Bergsteigen: eine Noth
war's nur und ein Behelf des Unbeholfenen:--_fliegen_ allein will
mein ganzer Wille!« (Also sprach Zarathustra III 19.) »Ich habe gehen
gelernt: seitdem lasse ich mich laufen!« (I 54.) Aber wohl vollzog sie
sich ebenso unaufhaltsam und unwiderruflich, wie die vorhergehende
Wandlung. Denn über die rein empiristische Betrachtungsweise seiner
Probleme, über die principielle Beschränkung auf das Erfahrungsgebiet,
musste Nietzsche irgend wann einmal wieder hinaus; einer Philosophie
der »letzten und höchsten Dinge« in irgend einer Form konnte er, der
ganzen Art seines Geistes nach, nicht dauernd entsagen. Es konnte
sich im Grunde nur darum handeln, auf welchem stillen. Seitenweg er
sich wieder dorthin zurückschleichen würde,--wo die Götter und die
Uebermenschen hausen.
Nietzsche schreibt einmal an Rée:
»Ach, liebster, guter Freund, mit dem schmerzlichsten Bedauern lese
ich-- -- --die Nachricht Ihres Krankseins. Was soll aus uns werden,
wenn wir in unseren besten Jahren so elend dahinwelken?-- -- --_Will
uns das Schicksal ein schönes Greisenalter aufsparen, weil unsere
Denkweise diesem am natürlichsten, wie eine gesunde Haut, anliegt?_
Aber müssten wir da nicht zu lange warten? Die Gefahr wäre, dass wir
die Geduld verlören--.«
Er verlor sie völlig. »Schon krümmt und bricht sich mir die Haut!«
sang er gleich darauf in einem schlechten Versehen der »Fröhlichen
Wissenschaft«, und unter der »Greisenhaut« des »affectlosen
Erkennenden« regte sich machtvoll jener Verjüngungsdrang, aus welchem
heraus Nietzsche noch in seinem Untergange eine Apotheose des Lebens,
des ewigen Lebens, schrieb.
Das Schicksal brauchte ihm kein Greisenalter auf-zusparen--.
Aber als die Basis der neuen Lehre, die er verkünden wollte, als
das einzige zuverlässige Fundament, auf dem sie errichtet werden
könnte, dachte sich Nietzsche damals doch noch eine wissenschaftliche
Begründung. Gerade in dieser Zeit des Ueberganges sehen wir ihn
daher von dem lebhaftesten Verlangen ergriffen, sich grossen
zusammenhängenden Forschungen widmen zu dürfen, denen er seit langen
Jahren hatte entsagen müssen. Mit nimmermüdem Interesse und Antheil
verfolgte er die Studien, welche Rée seit 1878 unternommen hatte, um
durch sie die Grundgedanken seines ersten moralphilosophischen Buches
zu erweitern und zu erhärten. Als dieser 1881 Nietzsche mittheilte,
dass er sein neues Werk noch vor Ablauf des Jahres zu vollenden hoffe,
empfing er die beglückte Antwort: »Dieses selbe Jahr soll nun auch das
Werk ans Licht bringen, an dem ich im Bilde des Zusammenhanges und
der goldenen Kette meine arme, stückweise Philosophie vergessen darf!
Welches herrliche Jahr 1881!«
Die in Frage stehende Schrift: »Die Entstehung des Gewissens« (Berlin
1885) wurde jedoch erst vier Jahre später völlig beendigt, nachdem
Nietzsche inzwischen längst den letzten Rest seiner »Freigeisterei« von
sich abgestreift und die abgelegte Haut auch schon mit der gewöhnlichen
Energie verbrannt hatte. Aber durch den regen Antheil, den er so
lange an Rées Studien zu jenem Buche genommen, hat es eine bestimmte
Bedeutung für sein Gedankenleben gewonnen. Doch stützt er sich jetzt
nicht in demselben Sinne auf »Die Entstehung des Gewissens«, wie er
sich einst in »Menschliches, Allzumenschliches« auf den »Ursprung der
moralischen Empfindungen« gestützt hatte. Darauf beruht überhaupt
ein Unterschied zwischen der letzten Geistesperiode Nietzsches und
der vorhergehenden positivistischen, dass er sich nicht mehr darauf
beschränkt, einzelne gegebene Theorien in ihrer inneren Bedeutsamkeit
zum Ausdruck zu bringen, sondern dass er sich der kühnsten Entwickelung
eines eigenen Systems hingiebt, dass er aus dem Aphoristischen,
Vereinzelten hinausstrebt. Hatte die »freigeisterische« Richtung ihn
dazu angetrieben, ihre Erkenntnisse in tiefstem Erleben und Empfinden
zu verinnerlichen, so drängte nun die leidenschaftliche Gewalt dieses
inneren Erlebens ihrerseits nach Entlastung in bestimmten Gedanken und
Theorien; sie drängte danach, sich in neue geschlossene Weltbilder
umzusetzen.
Im Sommer 1882 wurde Nietzsche dadurch zu dem Entschlüsse geführt,
sich während einer Reihe von Jahren demjenigen Studium zu widmen,
das ihm für den systematischen Ausbau seiner »Zukunftsphilosophie«
unentbehrlich zu sein schien, dem Studium der Naturwissenschaften. Er
wollte zu diesem Zwecke sein Leben im Süden aufgeben, um in Paris,
Wien oder München Vorlesungen zu hören. Zehn Jahre lang sollte jede
schriftstellerische Thätigkeit eingestellt werden, bis das Neue in ihm
nicht nur völlig ausgereift, sondern auch auf wissenschaftlichem Wege
als richtig erwiesen wäre.
Etwas später als Nietzsche fühlte auch Rée das Bedürfniss, sich mit
den Naturwissenschaften auseinanderzusetzen, die ihnen Beiden bisher
fremd geblieben waren. Er jedoch wünschte sie nicht als Material zum
Ausbau eigener philosophischer Hypothesen heranzuziehen, sondern
hatte, nach Vollendung seines Buches, das Verlangen, neue Gedanken frei
auf sich wirken zu lassen und völlig aus seinem engeren Specialgebiete
herauszutreten. So wandte er sich denn der Medicin zu, studirte noch
einmal, und machte sein Staatsexamen als praktischer Arzt, mit der
Absicht, sich längere Zeit der Psychiatrie zu widmen und auf diesem
Umwege zu den Geisteswissenschaften zurückzukehren, Niemals standen
sich die Freunde geistig ferner als damals, wo sie scheinbar noch
einmal Dasselbe zu erstreben schienen: sie waren an den einander
entgegengesetzten Polen ihres Wesens und Geistes angelangt.[12] Das
spricht sich bezeichnend auch darin aus, dass die geplanten zehn
Jahre des Schweigens für Nietzsche gerade diejenigen seiner grössten
Productivität wurden, während Rée bis jetzt den Punkt noch nicht
erreicht hat, auf dem sein altes Schaffen und sein neues Wissen in Eins
verschmelzen und ihn zu neuer erhöhter Selbstthätigkeit anregen müssen.
Nietzsche war durch sein Kopfleiden an der Ausführung seiner
Entschlüsse gehindert worden; schon der anbrechende Winter 1882 fand
ihn wieder in seiner Einsiedlerklause zu Genua. Doch auch bei besserer
Gesundheit wäre das Vorhaben nicht ausführbar gewesen. Denn Nietzsche
befand sich nicht mehr in jenem abwartenden Zustande, in welchem
der Geist noch Fremdes aufnehmen, sich störenden Einsichten willig
unterordnen kann; er war schon viel zu stark productiv erregt, um
noch von irgend etwas berührt zu werden, das ihn in seinem Drange zu
schaffen hätte aufhalten können. Während er zur Entfesselung seiner
Schaffenskraft einer ersten Befruchtung von aussen her bedurfte, sei
es selbst unter Schmerzen und Selbstüberwindung, während er sich einer
solchen fremden Erkenntniss gegenüber hingebend verhielt, in der
Inbrunst der Verschmelzung mit ihr sein Selbst preisgab, erscheint
er--einmal befruchtet--um so unzugänglicher und unbeeinflussbarer. Er
ist ganz benommen vom eigenen Zustand und von Dem, was Leben in ihm
gewinnen will. Richtet sich aber seine Aufmerksamkeit nach aussen, so
geschieht es nur noch, um für das Leben, das aus ihm geboren werden
soll, um jeden Preis Raum zu schaffen, keineswegs aber, um seine
Existenzbedingungen noch einmal zu prüfen und in Frage zu stellen.
Der ihm durch seinen körperlichen Zustand zum zweiten Mal aufgezwungene
Verzicht auf umfassende wissenschaftliche Studien führte dieses Mal
zu dem entgegengesetzten Resultat wie zur Zeit seines Wagnerbruches
und seiner positivistischen Periode. Damals war er die Veranlassung,
dass Nietzsche, anstatt neue Theorien zu begründen, die von Anderen
aufgenommenen innerlich auszuschöpfen und in ihren Seelenwirkungen
festzustellen suchte. Jetzt hingegen wird er dadurch verleitet, die
ihm fehlende theoretische Grundlage gewissermassen hinzuzudichten.
Hierin liegt geradezu ein Grundzug der letzten Philosophie Nietzsches:
das Bedürfniss, sich systematisch auszubreiten, als gelte es, den
verschiedensten Wissensgebieten die Beweise für die Richtigkeit seines
schöpferischen Gedankens zu entnehmen, in Wahrheit jedoch nur ein
gewaltsames Raumschaffen für denselben: ein so souveränes Ausleben
seiner Innerlichkeit, dass sich ihm unwillkürlich das ganze Weltbild zu
einer Wiege seiner Schöpfung umgestaltet.
Dementsprechend gewinnen von jetzt an alle seine Lehren, so paradox
dies klingen mag, einen um so persönlicheren Charakter, je
allgemeiner gefasst sie erscheinen, je allgemeingiltigere Bedeutung
sie beanspruchen. Zuletzt verbirgt sich ihr Hauptkern unter so
vielen Schalen, ihr letzter Geheimsinn unter so vielen Masken, dass
die Theorien, in denen er zum Ausdruck kommt, fast nur noch Bilder
und Symbole inneren Erlebens sind. Endlich fehlt jeder Wille zur
Uebereinstimmung und zur Verständigung mit Anderen,--»Mein Urtheil
ist mein Urtheil: dazu hat nicht leicht auch ein Anderer das Recht«
(Jenseits von Gut und Böse 43)--und doch wird gleichzeitig dieses
Urtheil zum Weltgesetz decretirt, zu einem Befehl an die ganze
Menschheit. Denn so vollständig verschmilzt für Nietzsche zum Schlüsse
innere Eingebung und Aussen-Offenbarung, dass er in seinem Innenleben
das Weltganze zu umfassen wähnt, und sein Geist in mystischer Weise
den Inbegriff des Seienden in sich zu enthalten, aus sich zu gebären
glaubt.« Für mich--wie gäbe es ein Ausser-mir? Es gibt kein Aussen!«
(Also sprach Zarathustra III 95.)
Entsprechend dem Umstande, dass Nietzsches letzte Schaffensperiode ganz
und gar in der philosophischen Ausdeutung seines eigenen Seelenlebens
besteht, nennt er »Die fröhliche Wissenschaft«, das Werk, welches
sie einleitet, in einem seiner Briefe »das Persönlichste unter
meinen Büchern«, und klagt noch kurz vor dem Druck der »Fröhlichen
Wissenschaft« in einem anderen Briefe: »Das Manuscript erweist sich
seltsamer Weise als unedirbar. Das kommt vom Princip des mihi ipsi
scribo!«
In der That hat er wohl niemals so völlig für sich selbst
geschrieben, als zu jener Zeit, wo er im Begriffe stand, seiner
ganzen Weltbetrachtung sein eigenes Selbst unterzulegen, Alles aus
seinem eigenen Selbst heraus zu erklären. So ist die Mystik der neuen
Grundlehren Nietzsches wohl schon hier enthalten, aber noch verborgen
im rein persönlichen Element, aus dem sie hervorging. In Folge dessen
bilden diese Aphorismen Monologe, monologischer gemeint als sonst
irgend etwas in Nietzsches Werken, gleichsam halblaute >Zwischenreden«,
ja oft nur gedacht als ein stummes geistiges Mienenspiel, das weit mehr
verstecken als verrathen soll. Die Gedanken der »Zukunftsphilosophie«
reden schon daraus zu uns, aber sie umgeben uns noch gleich
verschleierten Gestalten, deren Blick dunkel und räthselhaft auf uns
ruht, und dies nicht, weil sie, wie in der »Morgenröthe«, nur Ahnungen
zum Ausdrücke bringen und noch der festen Züge und sicheren Umrisse
entbehren, sondern weil ihnen mit Absicht ein Schleier übergeworfen und
Schweigsamkeit anbefohlen wurde. Mit dem Finger an der Lippe scheint
Nietzsche hier vor uns zu stehen, und gerade daraus entnehmen wir, dass
er uns Viel, dass er uns Alles zu bekennen wünscht.
Aber es wird ihm schwer, ohne Rückhalt davon zu sprechen, weil
auch in diesem Falle sein Selbstbekenntniss zugleich wieder ein
Schmerzensbekenntniss ist. Und in einem viel tieferen, viel
schmerzvolleren Sinn als bisher führt uns diesmal die Philosophie
Nietzsches hinein in die verborgenen Leiden und Qualen seines Erlebens,
sodass, im Vergleiche hierzu, selbst die harten Kämpfe und Entsagungen
seiner positivistischen Periode uns harmlos und gefahrlos Vorkommen
werden. Auf den ersten Blick erscheint dies als ein Widerspruch, da
Nietzsches letzte Philosophie gerade aus dem Drange he'rvorgegangen
ist, an Stelle der ihm widerstrebenden positivistischen Theorien eine
Weltanschauung aufzubauen, die seinem innersten Verlangen völlig
entspräche. Insofern beginnt er in der That seine letzte Wandlung
unter Jauchzen und Frohlocken. Aber man darf nicht vergessen, dass
diese äusserste Selbsteinkehr, dieser Versuch, das Weltbild aus seinem
Eigenbild zu construiren, Nietzsches_ Leiden an sich selbst zu Tage_
treten lässt, aus dem sein tiefster Wesensgrund besteht. Bisher hat er
in seinen Erkenntnisswandlungen diesem Leiden an sich selbst dadurch
zu entrinnen gesucht, dass er den einen Theil seines Selbst durch
den anderen quälte und tyrannisirte, aber bei allen Wandlungen des
theoretischen Menschen blieb unverwandelt und sich ewig gleich der
praktische Mensch mit seinen inneren Nöthen. Jetzt erst, wo Nietzsche
sich nicht mehr zwingt und kasteit, jetzt erst, wo er seiner Sehnsucht
freie Worte giebt, begreift man ganz, in welcher Qual er lebte, hört
man endlich den Schrei nach _Erlösung von sich selbst_,--nach seinem
_Wesens-Gegensatz_, nach vollständiger und endgiltiger Verwandlung,
Umwandlung,-- nicht einzelner Erkenntnisse nur, sondern des ganzen, des
innersten Menschen. Man sieht förmlich, wie er hier, in Verzweiflung,
aus sich selbst heraus und nach aussen greift, nach einem erlösenden
Ideal, welches er aus einem solchen Wesens-Gegensatz zu formen sucht.
Daher liess sich voraussehen: sobald Nietzsche seinen Seeleninhalt
frei zum Weltinhalt umschuf, sobald er seinem intimsten Erleben
die Weltgesetze entnahm, musste seine Philosophie ein tragisches
Weltbild zeichnen: die Menschheit musste von ihm aufgefasst werden
als eine an sich selbst leidende, an ihrer eigenen Entwicklung
hoffnungslos krankende Zwittergattung, deren Daseinsberechtigung gar
nicht in ihr selbst, sondern in einer schlechthin anderen, höheren,
Uebermenschen-Gattung liege, zu der sie nur eine Brücke bilden solle.
Das Endziel der Menschheit sei Untergang und Selbstaufopferung zu
Gunsten dieses ihr entgegengesetzten Ideals.
Erst am Eingang zu Nietzsches letzter Philosophie wird daher völlig
klar, bis zu welchem Grade es der religiöse Grundtrieb ist, der sein
Wesen und Erkennen stets beherrschte. Seine verschiedenen Philosophien
sind ihm ebensoviele Gott-Surrogate, die ihm helfen sollen, ein
mystisches Gott-Ideal ausser seiner selbst entbehren zu können. Seine
letzten Lehren enthalten nun das Eingeständniss, dass er dies nicht
vermag. Und gerade deshalb stossen wir in seinen letzten Werken
wieder auf eine so leidenschaftliche Bekämpfung der Religion, des
Gottesglaubens und des Erlösungsbedürfnisses, weil er sich ihnen so
gefährlich nähert. Hier spricht aus ihm ein Hass der Angst und der
Liebe, mit dem er sich seine eigene Gottesstärke einreden, seine
menschliche Hilflosigkeit ausreden möchte. Denn wir werden sehen,
kraft welcher Selbsttäuschung und geheimen List Nietzsche endlich den
tragischen Conflict seines Lebens löst,--den Conflict, des Gottes zu
bedürfen und dennoch den Gott leugnen zu müssen. Zuerst gestaltet
er mit sehnsuchtstrunkener Phantasie, in Träumen und Verzückungen,
visionengleich, das mystische Uebermenschen-Ideal, und dann, um
sich vor sich selbst zu retten, sucht er, mit einem ungeheuren
Sprung, sich mit demselben zu identificiren. So wird er zuletzt zu
einer Doppelgestalt, halb kranker, leidender Mensch, halb erlöster,
lachender Uebermensch. Das Eine ist er als Geschöpf, das Andere
als Schöpfer, das Eine als Wirklichkeit, das Andere als mystisch
gedachte Ueberwirklichkeit. Oft aber, während man seinen Reden darüber
zuhört, empfindet man mit Grauen, dass er als Gegenstand der Anbetung
hinstellt, was in Wahrheit auch für ihn nicht vorhanden ist, und man
gedenkt seines Wortes, »-- -- --wer weiss, ob sich nicht bisher in
allen grossen Fällen eben das Gleiche begab: dass die Menge einen Gott
anbetete,--und dass der »Gott« nur ein armes Opferthier war!« (Jenseits
von Gut und Böse 269.)
»Das Opferthier als Gott« ist wahrlich ein Titel, der über der
letzten Philosophie Nietzsches stehen könnte und am deutlichsten den
inneren Widerspruch enthüllt, der in ihr liegt,--jene Exaltation
von Schmerz und Wonne, in der beide ununterscheidbar in einander
fliessen. Wir haben vorher gesehen, inwiefern es eine Feststimmung
war, in der Nietzsche in seine letzte Geisteswandlung hinüberglitt,--
eine Feierstimmung träumenden Rausches und Ueberflusses: wir sehen
jetzt den Punkt, an welchem die Gewalt der inneren Erregung in den
Schmerz überschlägt. Er war in jener ganzen Zeit, selbst in seinem
Alltagsleben, erfüllt von einer Stimmung äusserster seelischer
Ueberwältigung, in der man sogar der Ausgelassenheit fähig ist, aber
nur weil alle Nerven beben, in der man leicht bis zum Scherzen und
Lachen gelangt, aber nur mit zitternden Lippen. Bedurfte es doch
jedesmal für Nietzsche einer solchen Verschlingung von Wonne und Weh,
von Begeisterung und Leiden, um ihn einer geistigen Wiedergeburt
entgegenzuführen. Sein Glück musste erst zum »Ueberglück«, und in
diesem Uebermass zum eigenen Gegner und Gegensatz geworden sein;
Frieden und Heimatgefühl, wo er sie einmal innerhalb eines gewonnenen
Erkenntnissgebietes mühsam errungen hatte, mussten ihn erst zu
Selbstverwundung und Selbstvertreibung gereizt haben, damit sein Geist
in sich selber schwelgen und sich in neuen Schöpfungen entlasten konnte.
Es ist dafür bezeichnend, dass er sein Werk, im Jauchzen seines
Herzens, die frohe Botschaft, »Die fröhliche Wissenschaft« nannte,
zugleich aber über den Schluss-Aphorismus desselben die düsteren
Räthselworte setzte: »Incipit tragoedia!«
Dieser Verbindung von tiefer Erschütterung und spielendem Uebermuth,
von Tragik und Heiterkeit, welche für die ganze Gruppe der letzten
Werke charakteristisch ist, entspricht es auch, dass die »Fröhliche
Wissenschaft«, im schärfsten Gegensatz zu dem dunkeln Geheimniss
der Schlussworte, ein »Vorspiel« in Versen besitzt: »Scherz, List
und Rache.« Hier begegnen uns zum ersten Mal Verse in Nietzsches
Schriften,--sie mehren sich aber in dem Maasse, als er seinem
persönlichen Untergang zuzuschreiten glaubt. In Gesängen klingt sein
Geist aus. Die Verse sind überraschend verschieden an Werth, zum
Theil vollendet: Gedanken, die an ihrer eigenen Schönheit und Fülle
sich zu Gedichten wandelten;--zum Theil von einer so wunderlichen
Unvollkommenheit, wie sie nur die Laune des Muthwillens vom Zaune
bricht. Ueber ihnen allen aber ruht etwas seltsam Ergreifendes: Sind
es doch Blumen, die sich ein Einsamer auf den Leidensweg streut, der
seiner harrt, um den Schein zu erwecken, dass es ein Freudenweg sei.
Frisch gebrochenen Rosen gleichen sie, auf die sein Fuss treten will,
während er schon beschäftigt ist, in seinen leidvollsten Erkenntnissen
seinem Haupte die Dornenkrone zu flechten.
Sie klingen wie ein Präludium zu dem erschütternden Schauspiel seiner
höchsten Erhebung und seines Unterganges. Von diesem Schauspiel hebt
auch die Philosophie Nietzsches den Vorhang nicht ganz. Was sie uns
zeigt, ist nur, gleich einem Bilde auf diesem Vorhang, ein buntes
Blumengewinde, aus dem, halb versteckt, die Worte gross und traurig
hervorleuchten:
»Incipit tragoedia!«
[1] Die philologischen Arbeiten Nietzsches sind: _Zur Geschichte
der Theognideischen Spruchsammlung_, im Rheinischen Museum, Bd. 22;
_Beiträge zur Kritik der griechischen Lyriker, I. Der Danae Klage von
Simonides_, im Rhein. Mus., Bd. 23; _De Laertii Diogenis Fontibus_,
im Rhein. Mus., Bd. 23 und 24; _Analecta Laertiana_, im Rhein. Mus.,
Bd. 25; _Beiträge zur Quellenkunde und Kritik des Laertius Diogenes_,
Gratulationsschrift des Pädagogiums zu Basel. Basel 1870.--_Certamen
quod dicitur Homeri et Hesiodi e codice Florentino post H. Stephanum
denuo_ ed. F. N., in den Acta societatis philologae Lipsiensis ed.
Fr. Ritschl, Vol. I; dazu der florentinische Tractat über _Homer und
Hesiod_, ihr Geschlecht und ihren Wettkampf, im Rhein. Mus, Bd. 25
und 28. Auch rührt das »Registerheft« zu den ersten 24 Bänden des
Rheinischen Museums (1842-1869) von ihm her, das er nach Ritschls
Disposition zusammenstellte.