Nietzsche, der so lange Zeit hindurch, zur Beschwichtigung und

Zügelung seyier tieferregten Innerlichkeit und ihres Affektlebens,

eine kalte und nüchterne Denkweise benutzt hatte, erfuhr nun an sich

selber, was er früher einmal vorahnend und warnend, in »Menschliches,

Allzumenschliches (II 275), geschildert: »Hat man seinen Geist

verwendet, um über die Maasslosigkeit der Affekte Herr zu werden,

so geschieht es vielleicht mit dem leidigen Erfolge, dass man die

Maasslosigkeit auf den Geist überträgt und fürderhin im Denken und

Erkennenwollen ausschweift.[1] In einem solchen Verlangen wild

auszuschweifen, schafft er sich einen neuen Wahlspruch:»Nichts

ist wahr, Alles ist erlaubt!« (Zur Genealogie der Moral III. 24.)

und preist den Werth der Täuschung, der willkürlichen Fiktion, des

Unlogischen und »Unwahren«, als der im Grunde lebenfördernden,

willensteigernden Mächte. In der Vorstellung, dass ja in dem gesammten

Weltbilde, so wie wir es um uns aufgebaut haben, wir selbst als die

Schöpfer mit unserer psychischen Eigenart drinstecken, und dass unser

Erkennen letzten Endes doch nichts ist als eine »Anmenschlichung der

Dinge«, schwelgt er so lange, bis das Weltganze sich ihm zu einem

Traumbilde verflüchtigt, das sich der Einzelne willkürlich ersonnen

hat. »Warum dürfte die Welt, _die uns etwas angeht_--, nicht eine

Fiktion sein?« fragt er sich (Jenseits von Gut und Böse 34), mit dem

Hintergedanken: _und also durch einen Gewaltakt umzuschaffen sein_?

Hierauf bezieht sich ein kurzes interessantes Kapitel in der

»Götzen-Dämmerung« (IV), dessen Absicht aber nur im Zusammenhang mit

den übrigen zerstreuten Bemerkungen Nietzsches über diesen Gegenstand

ganz verständlich wird. Es ist überschrieben: »Wie die »wahre Welt«

endlich zur Fabel wurde. Geschichte eines Irrthums.« und enthält eine

Skizzirung des philosophischen Entwicklungsganges von den Alten bis zu

uns. Die alte Philosophie fasste schon, wenn auch erst in naiver Weise,

den Erkennenden und sein Weltbild, die Person und die Wahrheit, als

identisch; sie gipfelte in der Umschreibung des Satzes: »ich, Plato,

_bin_ die Wahrheit.« »Die wahre Welt«, im Gegensatz zur unwahren,

scheinbaren, in der die Unweisen leben, ist, »erreichbar für den

Weisen,--lebt in ihr, _er ist sie_.« Im Christenthum trennt sich die

Idee der »wahren Welt« fortschreitend von der Persönlichkeit, indem

sie sich entmenschlicht und sublimirt, als Zukunftsverheissung, als

Versprechen über den Menschen auffliegt. Endlich, durch eine Reihe

von metaphysischen Systemen hindurch, verblasst sie bei Kant zu einem

blossen Schatten, »unerreichbar, unbeweisbar, unversprechbar,«--bis sie

sich, mit der endgiltigen Abkehr von aller Metaphysik, völlig zu Nichts

verflüchtigt: »Grauer Morgen. Erstes Gähnen der Vernunft. Hahnenschrei

des Positivismus.« Damit steigt die bisher, als scheinbar und unwahr

gescholtene Welt im Preise, weil sie die einzig übrigbleibende ist:

»Heller Tag; Frühstück; Rückkehr des bon sens und der Heiterkeit;

Schamröthe Plato's; Teufelslärm aller freien Geister.« Aber mit der

Einsicht in die Entstehung der Fabel von der »wahren Welt« haben wir

zugleich die Entstehungsweise des Weltbildes unserer Erkenntniss

überhaupt eingesehen. Jetzt, wo der Glaube an eine mystische »wahre«

Welt hinter der scheinbaren, durch Täuschung und Irrthum entstandenen,

uns nicht mehr tröstet, was bleibt uns noch übrig? »Mit der wahren

Welt haben wir auch die scheinbare abgeschafft,« die ja nur als

deren Gegensatz möglich war. Wieder ist der Mensch auf sich selbst

zurückgeworfen als auf den _Selbstschöpfer aller Dinge_. Wieder ist die

alte Fassung: »Ich, Plato, bin die Welt,« möglich geworden und steht

als letzte Weisheit am Anfang aller Philosophie, nun aber nicht mehr in

der naiven, noch ungebrochenen Identificirung von Person und Wahrheit,

von Subjekt und Objekt, sondern als klar bewusste und gewollte

Schöpferthat Dessen, der sich selbst als den Weltenträger erkannt hat.

»Ich, Nietzsche-Zarathustra, bin die Welt, sie ist, weil ich bin,

sie ist, wie ich will.« Dieses Ergebniss wird nur angedeutet in den

geheimnissvollen Schlussworten: »_Mittag; Augenblick des kürzesten

Schattens; Ende des längsten Irrthums. Höhepunkt der Menschheit;

Incipit Zarathustra_.«

Hier lässt es sich schon deutlich verfolgen, wie sich neue und ins

Mystische überschlagende Gedanken Nietzsches mit Elementen mischen

und verknüpfen, die er noch der modernen Erkenntnisstheorie entnimmt.

Und damit ist bereits der Punkt erreicht, von dem aus sich seine

neue Lehre aufbaut, und bei dem es sich nicht mehr um eine blosse

Gefühlsübertreibung gewisser allgemeingiltiger Einsichten handelt. Denn

aus der Thatsache der Begrenztheit und Relativität alles menschlichen

Erkennens, und aus der der Priorität des menschlichen Trieblebens

gegenüber demselben formt sich ihm unvermerkt der neue Typus des

Philosophen: das überlebensgrosse Bild eines Einzelnen, dessen

Gewaltwille über wahr und unahr entscheidet, und in dessen Hand das

Verstandeserkennen der Menschen ein blosses Spielzeug ist. Man könnte

sagen: dasjenige, was den Geist zu strenger Selbstbescheidung zwingt,

was ihn von allen Seiten bedingt und beeinflusst, das personificirt

sich Nietzsche unter dem Bilde einer zügellosen Allmacht, die er

auf einen übermenschlichen Einzelnen überträgt. Ja, in ihm sollen

alle Triebe und Kräfte alles Menschenthums dermaassen entfesselt

und gesteigert gedacht werden, dass die Quintessenz des Lebens, der

Kraft-Extract des Ganzen, in ihm gleichsam Person geworden ist, sodass

er auch die Erkenntnissnormen umzuprägen und zu verrücken im Stande

wäre. Doch geschieht dies nicht in einem Act der Contemplation, sondern

in einer schöpferischen That, als Handlung und Befehl, der an die Welt

ergeht. »--_Die eigentlichen Philosophen aber sind Befehlende und

Gesetzgeber_: sie sagen »_so soll_ es sein!« sie bestimmen erst das

Wohin? und Wozu? des Menschen-- --,--sie greifen mit schöpferischer

Hand nach der Zukunft-- --. Ihr »Erkennen« ist _Schaffen_, ihr

Schaffen ist eine Gesetzgebung, ihr Wille zur Wahrheit ist--_Wille zur

Macht_.« (Jenseits von Gut und Böse 211.) Ihre Philosophie »schafft

immer die Welt nach ihrem Bilde, sie kann nicht anders; Philosophie

ist dieser tyrannische Trieb selbst, der geistigste Wille zur Macht,

zur »Schaffung der Welt«, zur causa prima« (Ebendaselbst 9). Die

»cäsarischen Züchter und Gewaltmenschen der Cultur« (Ebendaselbst 207)

sind es, mit deren Erläuterung und Beschreibung sich Nietzsches ganze

Zukunftsphilosophie beschäftigt, ja, in deren Bilde ihr gesammter

Inhalt besteht. In seiner Erkenntnisstheorie wird ihnen nur der Boden

bereitet, in seiner Ethik und Aesthetik wachsen sie aus diesem Boden

immer höher hinauf in eine religiöse Mystik, in der Gott, Welt und

Mensch zu einem einzigen ungeheuren Ueberwesen verschmelzen.

Es ist leicht zu sehen, inwiefern sich Nietzsche mit dem Bilde dieses

Schöpfer-Philosophen seinen ehemaligen metaphysischen Anschauungen

nähert, wie er aber dieselben zugleich durch seine späteren

wissenschaftlichen Theorien zu modificiren sucht. Die »idealen«

Wahrheiten der Metaphysik mit ihren erhebenden und tröstenden Deutungen

des Welträthsels nimmt er nicht wieder auf, aber indem er überhaupt

mit der Möglichkeit einer »Wahrheit« aufräumt, indem er die Skepsis

in das Gebiet des Erkennens hineinträgt und sich auf den Standpunkt

»Alles ist unwahr« stellt, schafft er sich Raum, um einen _Ersatz_

für jene verlorenen idealen Wahrheiten und Trostgründe herzustellen.

Durch einen Machtspruch, durch einen Willensakt wird in die Dinge die

Bedeutung hineingelegt, die sie an sich selbst nicht haben; aus dem

Wahrheits-_Entdecker_, als welcher der Philosoph bisher galt, ist er

gewissermassen zum Wahrheits-_Erfinder_ geworden, zu einem Ȇberreichen

des Willens« (Jenseits von Gut und Böse 212), der zwar Unwahrheiten und

Täuschungen ausspricht, aber dessen schöpferischer Wille sie wahr, d.

h. zu überzeugenden Wirklichkeiten, zu machen weiss. »Wer seinen Willen

nicht in die Dinge zu legen weiss, der legt wenigstens einen _Sinn_

noch hinein« (Götzen-Dämmerung, Sprüche und Pfeile 18). Damit kehrt er

sich gegen die Metaphysiker, aber wie sie nimmt er sich das Recht zu

einer Umdeutung und Umschaffung der Dinge auf Grund der über die blosse

Verstandeskraft hinausgehenden Eingebungen des Gemüths.

In dieser persönlich gedachten Ueberlegenheit des Affektlebens über das

Verstandesleben, in welcher schliesslich der Wahrheitsgehalt einer

Erkenntniss als unwesentlich erachtet wird gegenüber ihrem Willens- und

Gefühlsgehalt, spiegelt sich rückhaltlos Nietzsches Geistesart, sein

innerstes Wesen und Sehnen wieder. Nach dem langen Zwang im Dienste des

strengen Wahrheitserkennens war dies eine Reaktion, deren Seligkeit

ihn in einen Taumel der Mystik hineinriss. Seine eigene Seele gibt

er jenem übermenschengrossen Schöpfer-Philosophen, in dem des Lebens

Fülle und Ueberfülle sich drängt und schöpferisch nach Entlastung

durch den Gedanken verlangt,--es ist der »tropische« Mensch, auf den

die Worte passen, die wir bereits im ersten Theile dieses Buches auf

Nietzsches tieferregtes Innenleben angewendet haben: »die umfänglichste

Seele, welche am weitesten in sich laufen und irren und schweifen

kann;-- -- --die sich selber fliehende, die sich selber im weitesten

Kreise einholt; die weiseste Seele, welcher die Narrheit am süssesten

zuredet: die sich selber bebendste, in der alle Dinge ihr Strömen und

Wiederströmen und Ebbe und Fluth haben« (Also sprach Zarathustra III

82).

Aber noch weiter geht diese unwillkürliche und gewaltsame Reaktion

gegen die vorhergehende Geistesperiode, und geht die unbewusste

Selbstwiderspiegelung in den Theorien, bis hinein in das persönlichste

Empfinden Nietzsches. Denn in ihnen treffen wir auch auf jenen

unheimlichen Zug in Nietzsches Seelenleben, wonach er sich nur in

der Selbstopferung und Selbstvergewaltigung befriedigte und seiner

Exaltation genug that. Wie er sich zuvor zur Unterwerfung unter die

Forderungen eines strengen Intellektualismus gezwungen hatte, so zwingt

er jetzt umgekehrt den Verstand, den Trieb zu rein intellektuellem

Erkennen, unter den Machtwillen der Affekte. Hatte er zuvor seinen

seelischen Menschen vergewaltigt, so vergewaltigt er jetzt den

erkennenden Menschen in sich. Er ruht nicht eher, als bis der Triumph

des entfesselten Lebenswillens zu einer Selbstverhöhnung des Verstandes

wird: in unheimlicher Weise resultirt schliesslich die höchste

Erkenntniss aus einer Selbstpreisgebung alles logischen Erkennens,--der

Denker wird »heimlich durch seine Grausamkeit gelockt und vorwärts

gedrängt, durch jene gefährlichen Schauder der _gegen sich selbst_

gewendeten Grausamkeit«.--er muss als »Künstler und Verklärer der

Grausamkeit« walten (Jenseits von Gut und Böse 229). Der menschliche

Geist taucht zuletzt freiwillig hinab in seine Vernichtung, denn nur so

empfängt er die höchste Offenbarung,--er taucht hinab ins Grenzenlose,

Maasslose, das über ihm zusammenschlägt, denn nur so erfüllt er

sein Ziel. Wir werden in der ganzen letzten Philosophie Nietzsches,

in der Ethik wie in der Aesthetik, den durchgehenden Grundgedanken

wiederfinden: _dass der Untergang durch das Uebermass_ die Bedingung

einer höchsten Neuschöpfung sei, und daher mündet auch Nietzsches

Erkenntnisstheorie in eine Art schauerlich--persönlicher Mystik aus, in

der die Begriffe Wahn und Wahrheit unlöslich verkettet sind, und das

»Uebermenschliche« daher kommt als ein Blitz, der den Geist treffen und

tödten, als ein Wahnsinn, mit dem sein Wahrheitssinn geimpft werden

soll: »Wollte ich doch, sie hätten einen Wahnsinn, an dem sie zu Grunde

gingen!-- -- --Wahrlich ich wollte, ihr Wahnsinn hiesse Wahrheit!--

--Und des Geistes Glück ist diess: gesalbt zu sein und durch Thränen

geweiht zum Opferthier,--wusstet ihr das schon? Und die Blindheit des

Blinden und sein Suchen und Tappen soll noch von der Macht der Sonne

zeugen, in die er schaute,--wusstet ihr das schon?« (Also sprach

Zarathustra II 33).

Aber dieses letzte Mysterium kann uns, wie das ganze Bild des

Schöpfer-Philosophen überhaupt, nur fortschreitend, in der Ethik

und Aesthetik Nietzsches, völlig deutlich werden, indem es, von den

abstrakten Grundlinien aus, stets körperhaftere Züge gewinnt, bis es

endlich, als eine mystische Wesensverklärung Nietzsches selber, in

seiner persönlichen Einzelgestalt vor unseren Augen steht.

Dass erst die Ethik der Erkenntnisstheorie ihre rechte Erläuterung

und Begründung giebt, erhellt schon aus dem Charakter des Erkennenden

als des wahren Trägers des Lebenswillens,--des Erkennenden als des

Handelnden und Schaffenden. Es gilt daher im höchsten Grade von

Nietzsches Philosophie, was er von den Systemen der Philosophen

überhaupt aussagt: »dass die moralischen-- --Absichten-- --den

eigentlichen Lebenskeim ausmachten, aus dem jedesmal die ganze Pflanze

gewachsen ist« (Jenseits von Gut und Böse 6). Dieser enge Zusammenhang

des Philosophen mit dem Leben als solchem und mit dessen menschlichsten

und persönlichsten Zwecken soll ihn am entschiedensten von allen Denen

trennen, die das Leben anfeinden oder pessimistisch ansehen. Er soll

der geborene Lebens-Apologet sein und seine Philosophie eo ipso eine

Lebens-Apotheose, denn zu sich selbst kann das Leben nur immer wieder

»Ja« sagen. In Wirklichkeit jedoch ist fast immer das Gegentheil der

Fall gewesen (Götzen-Dämmerung II I). »Über das Leben haben zu allen

Zeiten die Weisesten gleich geurtheilt: _es taugt nichts_.... Immer und

überall hat man aus ihrem Munde denselben Klang gehört,--einen Klang

voll Zweifel, voll Schwermuth, voll Müdigkeit am Leben, voll Widerstand

gegen das Leben.« War doch dieser geschwächte Lebenswille eine Folge

der Verfeinerung und Sublimirung ihres menschlich-thierischen Wesens,

der intellektuellen und beschaulichen Eigenart ihrer Natur,--war

es doch, nach Nietzsches ehemaliger Auffassung, gewissermaassen

zugleich ihr _Adelszeichen_, das sie von den geistig rohen Menschen,

vom _Pöbel_, unterschied und zu ihrer Führerrolle berechtigte. Hier

hat sich nun die Auffassung dahin verändert, dass nicht mehr auf

die Lebensdurchgeistigung, sondern auf die Lebensschwächung der

Nachdruck gelegt wird. Die Menschen des Geistes erscheinen nunmehr als

die Kranken und Entnervten, als die _Niedergangstypen_ eines jeden

Zeitalters. Der von Nietzsche so geliebte und verherrlichte Philosoph,

der bei den Griechen die Lehre von der Herrschaft der Vernunft über

die Naturinstinkte vertrat, Sokrates, wandelt sich ihm damit wieder

zu der gefährlichen und geschmähten Versucher-Gestalt, die er für

Nietzsche zur Zeit der Schopenhauerischen Periode war. Sokrates, der

Hässliche, Missgestaltete unter den vornehmen, wohlgebildeten Griechen,

trat unter ihnen auf als der erste grosse Decadent, er corrumpirte

und verschnitt den ursprünglichen hellenischen Lebensinstinkt, indem

er ihn der Vernunftlehre unterwarf (Vergleiche Götzen-Dämmerung II

»Das Problem des Sokrates«). Darin ist er das Urbild aller Denker,

die das Leben durch das Denken meistern wollen, aber wie sie Alle

beweist er damit Nichts gegen das Leben, sondern nur Etwas gegen das

Denken. Denn wenn auch bisher alle Philosophen zur Missachtung des

Daseins, zur Erschlaffung der lebenerhaltenden Instinkte beigetragen

haben, so spricht sich darin nicht eine Wahrheit hinsichtlich des also

geringgeschätzten Lebens aus, sondern nur der Widerspruch, in den sie

mit sich selber gerathen sind, als das charakteristische Symptom eines

Krankheitszustandes. Es lehrt nur, dass die Menschen des überwiegenden

Intellekts sich von der Lebensquelle, die auch ihrem Intellekt erst

Nahrung zuführt, abgekehrt haben, dass sie Abgelebte, Müde, Spätlinge

niedergehender Culturen sind, dass sie in sich nicht mehr die

sieghafte, heilende, umformende Kraft besitzen, welche über die Schäden

und Lücken des Daseins triumphirt und dasselbe zu höherer Entwicklung

weiterführt. Ihnen allen gilt daher die argwöhnische Frage: »Waren sie

vielleicht allesammt auf den Beinen nicht mehr fest? spät? wackelig?

ddcadents? Erschiene die Weisheit vielleicht auf Erden als Rabe, den

ein kleiner Geruch von Aas begeistert?...« (Götzen-Dämmerung II 1.)

Aber nicht nur ihnen gilt diese Frage, denn sie repräsentiren nur die

äusserste Spitze dessen, worin die ganze Entwicklung der Menschheit

gipfelt. Der stumpfen und dumpfen Einheitlichkeit seines ursprünglichen

Thierbewusstseins entrissen, ist der Mensch durch die Weiterbildung

seiner Geistesfähigkeiten in Zwiespalt mit dem Naturgrund gerathen,

in dem seine Kraft wurzelt. Er ist damit zu einer Halbheit, zu

einem Zwitterding geworden, das ersichtlich seine Erklärung und

Daseinsberechtigung nicht aus sich selber schöpfen kann,--? er ist

der verkörperte Uebergang zu Etwas, das noch nicht entdeckt, noch

nicht geschaffen ist, und als ein solcher Uebergang ist der Mensch das

krankhafteste,--»das noch nicht _festgestellte_ Thier.« (Jenseits von

Gut und Böse 62). So haftet der Decadenz-Charakter dem Menschenthum als

solchem an und nicht nur einer einzelnen Form, einem einzelnen Gebiet

desselben.

Wir finden demnach die ersten Anfänge der Decadenz, des Niederganges

ungebrochenen Lebens, schon im Entstehen aller Cultur,--da wo sich die

wilde Bestie Mensch, das »menschliche Raubthier«, durch den ersten

socialen Zwang in seiner ungezügelten Freiheit beengt fühlt. »Jene

furchtbaren Bollwerke, mit denen sich die staatliche Organisation gegen

die alten Instinkte der Freiheit schützte-- -- --brachten zu Wege,

dass alle jene Instinkte des wilden freien schweifenden Menschen sich

rückwärts, sich _gegen den Menschen selbst_ wandten.« »Alle Instinkte,

welche sich nicht nach Aussen entladen, _wenden sich nach Innen_--

ist das, was ich die _Verinnerlichung_ des Menschen nenne: damit

wächst erst das an den Menschen heran, was man später seine »Seele«

nennt. Die ganze innere Welt, ursprünglich dünn wie zwischen zwei

Häute eingespannt, hat Tiefe, Breite, Höhe bekommen, als die Entladung

des Menschen _nach Aussen_ gehemmt worden ist.« »Der Mensch, der

sich, aus Mangel an äusseren Feinden und Widerständen, eingezwängt in

eine drückende Enge und Regelmässigkeit der Sitte, ungeduldig selbst

zerriss, verfolgte, annagte, aufstörte, misshandelte, dies an den

Gitterstangen seines Käfigs sich wund stossende Thier,-- -- --. Mit

ihm aber war die grösste und unheimlichste Erkrankung eingeleitet, von

welcher die Menschheit bis heute nicht genesen ist, das Leiden des

Menschen--_an sich_: als die Folge einer gewaltsamen Abtrennung von

der thierischen Vergangenheit, einer Kriegserklärung gegen die alten

Instinkte, auf denen bis dahin seine Kraft, Lust und Furchtbarkeit

beruhte.« (Zur Genealogie der Moral II 16.)

Wenn dementsprechend die Krankhaftigkeit des Menschen gewissermaassen

sein Normalzustand, seine specifisch menschliche Natur selbst ist,

und die Begriffe Erkrankung und Entwicklung als nahezu identisch

gefasst werden, so müssen wir natürlich auch am _Ausgang_ einer

langen culturellen Entwicklung wieder der nämlichen Decadenz als

Resultat begegnen. Sie hat nur das Aussehen verändert. Es sind die

Zeiten langer friedlicher Gewöhnung, in denen sie in ihrer neuen Form

auftritt, Zeiten, in denen das strenge Zusammenhalten, die harte Zucht

und Unterordnung der Einzelnen nicht mehr als nothwendig erscheinen,

sondern die Mittel zu einer sorgloseren und volleren Selbstauslebung

reichlich vorhanden sind. Die starre Gleichförmigkeit, zu der durch

eine Jahrhunderte währende Schulung Alle herangezüchtet worden sind,

beginnt sich aufzulösen und dem Spiel des Individuellen Platz zu

machen. »Die Variation, sei es als Abartung (in's Höhere, Feinere,

Seltnere), sei es als Entartung und Monstrosität, ist plötzlich in der

grössten Fülle und Pracht auf dem Schauplatz, der Einzelne wagt einzeln

zu sein und sich abzuheben.« »Lauter neue Wozu's, lauter neue Womit's,

keine gemeinsamen Formeln mehr, Missverständniss und Missachtung mit

einander im Bunde, der Verfall, Verderb und die höchsten Begierden

schauerlich verknotet, das Genie der Rasse aus allen Füllhörnern des

Guten und Schlimmen überquellend, ein verhängnissvolles Zugleich von

Frühling und Herbst.« (Jenseits von Gut und Böse 262.)

Wenn in der zuerst geschilderten ursprünglichen Decadenzform die

Leidenschaften des Menschen sich gegen ihn selbst wenden, ihn bedrohen

und zerfleischen, weil er sich nicht nach Aussen hin entladen, nicht

wehren kann,--so gerathen sie jetzt aus dem entgegengesetzten Grunde

in einen gleichen Innenkrieg miteinander, weil keine Verhältnisse

mehr vorhanden sind, gegen die der Mensch sich zu wehren hätte,

nichts, was seine Kriegskraft nach Aussen hin abzuziehen vermöchte.

Im zahmen Frieden des geordneten Lebens hat der inzwischen so stark

verinnerlichte Mensch nur noch sich selbst zum Kampfplatz seiner

ungeberdigen Triebe. Sobald diese sich zu regen anfangen, beginnt er

wiederum, an sich zu leiden, »Dank den wild gegeneinander gewendeten,

gleichsam explodirenden Egoismen«, die sein überaus complicirt

gewordenes Wesen in sich begreift, und durch die es allmälig alle

Geschlossenheit der Persönlichkeit wieder einbüsst. In diesem Stadium

bildet der Mensch das Endglied einer einzigen ungeheuer langen

Entwicklungskette, deren einzelne Ringe ihm alle einverleibt sind,

als die Summe der gesammten allmälig angezüchteten intellektuellen,

moralischen und socialen »Menschlichkeit« nebst sämmtlichen nur allzu

lebendigen Instinkterinnerungen an die zurückliegende Thierheit.

Aber wenn diese beiden Formen der Decadenz mit Nothwendigkeit der

menschlichen Natur entspringen und unumgängliche Durchgangsphasen für

deren Weiterbildung zu etwas Höherem sind, so gibt es daneben noch eine

dritte Art der Decadenz, welche die geschilderten Krankheitszustände

unheilbar zu machen und die Möglichkeit einer Wiedergenesung zu

verhindern droht. Das ist die falsche Weltdeutung, die unrichtige

Lebensauffassung, die durch jenes Leiden und jene Krankheit gezeitigt

wird. Es ist die Aufforderung zur Askese in gleichviel welcher Form,

zur Abkehr vom Leben und seinen Schmerzen, zur Hingebung an die

Müdigkeit, die als Folge des immerwährenden »Krieges der man ist«

auftritt. Ein solches asketisches Ideal predigen nicht nur alle

Religionen und Moralen, sondern auch jeder Intellektualismus, der das

Denken auf Kosten des Lebens unterstützt und das Ideal der »Wahrheit«

dem Ideal einer möglichsten Lebenssteigerung entgegensetzt. Das wahre

Heilmittel für diese um sich greifende Corruption bestände gerade in

der vollen Hinwendung zum Leben, damit aus dem chaotischen Reichthum

durcheinander ringender Gegensätze eine neue höhere Gesundheit geboren

werde.

Friedrich Nietzsche in seinen Werken · 第 11 / 18 段