So lag hinter aller theoretischen Uebereinstimmung der Freunde eine

um so tiefere Verschiedenheit des Empfindens unter der Gedankenhülle

verborgen. Was durchaus der natürliche Ausdruck der geistigen Eigenart

des Einen war, war für den Andern der volle Gegensatz der seinigen;

aber eben darum Beiden dasselbe Ideal. Nietzsche schätzte und

überschätzte an Rée, was ihm selbst am schwersten fiel, weil eben für

ihn in einem solchen Selbstzwang wieder die innere Bedeutung seiner

Wandlung lag: »Mein lieber Freund und Vollender!« nennt er ihn deshalb

in einem Briefe, »wie sollte ich es auch aushalten, ohne von Zeit zu

Zeit meine eigene Natur gleichsam in einem gereinigten Metall und

in einer erhöhtem Form zu sehen,--ich, der ich selber Bruchstück--

-- --bin und durch selten, selten gute Minuten in das bessere Land

hinausschaue, wo die ganzen und vollständigen Naturen wandeln!«

Aber diese von sich selbst absehende Hingebung ist nur der Weg, auf

dem er sich innerhalb einer neuen Weltanschauung zu einem eigenen

neuen Selbst durchringt; es ist nur der leidende Zustand, in dem er

den aufgenommenen fremden Geistessamen zu seinem eignen lebensvollen

Originalgeist umschafft und ausgestaltet. Es sind wie immer die

Geburtswehen, die seine neue Schöpfung begleiten und es ihm verbürgen,

dass er sich mit; seinem ganzen Wesen und allen seinen Kräften in ihr;

ausleben und erneuern wird.

Die Geschichte also, wie Nietzsche sich in dieser Wandlung entwickelt

und sie wieder verlässt, ist wesentlich eine Geschichte seines

innern Erlebens, seiner Seelenkämpfe. In den hierhergehörigen

Werken,--von seinem Erstgeborenen und Schmerzenskinde »Menschliches,

Allzumenschliches« an, bis hinein in die tiefbewegte freudige Stimmung

der »Fröhlichen Wissenschaft«, die gewissermassen schon der folgenden

Geistesperiode angehört, liegt diese Entwicklung vor uns ausgebreitet.

In ihnen allen hat er in einer Reihe von Aphorismensammlungen das »Bild

und Ideal des Freigeistes« aufrichten wollen, des freien Geistes in

seinen Gedanken über alle Gebiete des Wissens und des Lebens und noch

mehr in der Fülle seiner Gedankenerlebnisse selbst. Die Grundstimmung,

aus der ein jedes dieser Bücher hervorgegangen ist, prägt sich

jedesmal als das eigentlich Charakteristische an demselben schon im

Titel aus. Niemals sind Nietzsches Titel zufällig, indifferent oder

abstractem Stoff entnommen, sie sind ganz und gar Bilder innerer

Vorgänge, ganz und gar Symbole. So fasste er auch den Grundinhalt

seiner einsamen Denkerexistenz am Schluss der Siebzigerjahre in

wenigen Worten zusammen, als er auf das Titelblatt des zweiten Werkes

schrieb: »Der Wanderer und sein Schatten« (Chemnitz 1880, Ernst

Schmeitzner). Aus der Hitze der ersten, leidenschaftlichen Kämpfe ist

er hier in die Einsamkeit seiner selbst eingekehrt; aus dem Krieger

wurde ein Wanderer, der statt feindseliger Angriffe auf die verlassene

Geistesheimath nunmehr das Land seiner freiwilligen Verbannung danach

durchforscht, ob der steinige Boden sich nicht anbauen lasse, ob nicht

auch er irgendwo seine fette Erdkrume besitze. Der laute Zwiespalt

mit dem Gegner hat sich in die Stille eines Zwiegesprächs mit sich

selbst aufgelöst: der Einsame hört seinen eigenen Gedanken zu wie

einer mehrstimmigen Unterhaltung, er lebt in ihrer Gesellschaft wie

unter ihrem ihn überall hin begleitenden Schatten. Noch erscheinen

sie ihm düster, einförmig und gespenstisch, ja, so hoch und drohend

emporgewachsen, wie es Schattengebilde nur sind, wenn die Sonne im

Untergang steht. Aber nicht lange mehr, denn seine Nähe streift ihnen

allmählich alles Schattenhafte ab: was Gedanke war und farblose

Theorie, das erhält Klang und Blick, Gestalt und Leben. Ist dies

doch der innere Process seiner Aneignung und Umschaffung des Neuen

und Ungewohnten: dass er ihm Leben einhaucht, dass er ihm zu voller

Lebensfülle verhilft. Man möchte sagen: Nietzsche wählt sich die

düstersten Gedankenschatten aus, um sie mit seinem eigenen Blut zu

nähren, um sie, sei es auch unter Wunden und Verlusten, zuletzt dennoch

zu seinem eigenen lebendigen Selbst verwandelt zu sehen, zu seinem

Doppel-Selbst.

In dem Maasse als die Gedanken, mit denen er sich umgiebt, von dem

ganzen Reichthum seines Wesens in sich aufnehmen, in dem Maasse als

sie sich langsam mit der ganzen wunderbaren Kraft und Gluth desselben

sättigen, wird die Stimmung immer gehobener und getroster. Man fühlt:

hier geht Nietzsche Schritt um Schritt den Weg zu sich selbst, beginnt

heimisch zu werden in seiner neuen »Haut«, beginnt sich in seiner

Eigenart auszuleben, ihm ist wie einem Wanderer, der nach harter

Mühsal endlich nach Hause kommt. Er will nicht mehr dasselbe Ziel des

Denkens erreichen, wie sein Genosse Paul Rée, er will _das Seine_:

dies hört man sogar schon aus Briefen heraus, in denen er immer noch

den Theoretiker bewundert: »Immer mehr bewundere ich übrigens, wie gut

gewappnet Ihre Darstellung nach der logischen Seite ist. Ja, so etwas

kann ich nicht machen; höchstens ein bischen seufzen oder singen,--aber

beweisen, dass es Einem wohl im Kopfe wird, das können Sie, und daran

ist hundertmal mehr gelegen.«

In solchem »Singen und Seufzen« hatte sich gerade die eigene Genialität

seinem Bewusstsein aufgedrängt, als die Gabe zu den herrlichsten

Klagegesängen und Siegeshymnen, die jemals eine Gedankenschlacht

begleiteten, als die Schöpfergabe, auch noch den nüchternsten, den

hässlichsten Gedanken in innere Musik umzusetzen. Lebte doch der

Musiker in ihm sich nicht mehr auf eigene Kosten aus, er ging mit auf,

ein Einzelton, in der neuen grossen Melodie des Ganzen.

Und dies giebt in der That seinen Werken und Gedanken zu dieser Zeit

noch eine ganz besondere Bedeutung: die neue Einheitlichkeit, die

sein Wesen dadurch gewonnen hat, dass alle seine Triebe und Talente

allmählich dem einen grossen Ziele des Erkennens dienstbar gemacht

worden sind. Der Künstler, der Dichter, der Musiker Nietzsche, anfangs

gewaltsam zurückgedrängt und unterdrückt, beginnt wieder sich Gehör

zu verschaffen, aber unterthan dem Denker in ihm und dessen Zielen;--

--dies hat ihn dazu befähigt, von seinen neuen Wahrheiten in einer

Weise zu »singen und zu seufzen« die ihn zum ersten Stilisten der

Gegenwart erhoben haben.[11] Seinen Stil auf Ursachen und Bedingungen

hin prüfen ist daher mehr, als die blosse Ausdrucksform seiner Gedanken

untersuchen: es bedeutet, Nietzsche in seinem innersten Grundwesen

belauschen. Denn der Stil dieser Werke ist entstanden durch die

opferwillige und begeisterte Verschwendung grosser künstlerischer

Talente zu Gunsten des strengen Erkennens,--durch das Bestreben, _nur_

dieses strenge Erkennen und nichts als dieses auszusprechen, aber

nicht in abstracter Allgemeinheit, sondern in individualisirtester

Nüancirung,--so wie es sich in allen Regungen einer ergriffenen und

erschütterten Seele wiederspiegelt. Die lebendigste Innerlichkeit und

Fülle hatte Nietzsche schon in den Werken seiner ersten Geistesperiode

in vollendete Form zu giessen verstanden,--aber erst jetzt lernte er,

sie mit der Schärfe und Kälte nüchternen Denkens zu verbinden: wie ein

goldener Ring umschliesst dieses die Lebensfülle in einem jeden seiner

Aphorismen und verleiht ihnen gerade hierdurch ihren eigenthümlichen

Zauber. So schuf Nietzsche gewissermaassen einen _neuen Stil_ in der

Philosophie, die bis dahin nur den Ton des Wissenschafters oder die

dichterische Rede des Enthusiasten vernommen hatte: er schuf den Stil

des _Charakteristischen_, der den Gedanken nicht nur als solchen,

sondern mit dem ganzen Stimmungsreichthum seiner seelischen Resonanz

ausspricht, mit all den feinen und geheimen Gefühlsbeziehungen, die ein

Wort, ein Gedanke weckt. Durch diese Eigenart meistert Nietzsche nicht

nur die Sprache, sondern hebt zugleich über die Grenze sprachlicher

Unzulänglichkeit hinaus, indem er durch die Stimmung miterklingen

lässt, was sonst im Worte stumm bleibt.

In keines Andern Geist aber konnte das bloss Gedachte so völlig zu

etwas wirklich Erlebtem werden, wie in Nietzsches Geist, denn keines

Andern Leben ging je so völlig darin auf, mit dem ganzen innern

Menschen am Denken schöpferisch zu werden. Seine Gedanken hoben sich

nicht, wie es gewöhnlich der Fall ist, vom wirklichen Leben und dessen

Ereignissen _ab_: sie _machten_ vielmehr das eigentliche und einzige

Lebensereigniss dieses Einsamen _aus_. Und dem gegenüber erschien ihm

auch der lebensvollste Ausdruck, den er für sie fand, noch blass und

leblos: »Ach, was seid ihr doch, ihr meine geschriebenen und gemalten

Gedanken!« so klagt er in dem schönen Schluss-Aphorismus von

»Jenseits von Gut und Böse« (296). »Es ist nicht lange her, da wart ihr

noch so bunt, jung und boshaft, voller Stacheln und geheimer Würzen,

dass ihr mich niesen und lachen machtet--und jetzt?-- -- --Welche

Sachen schreiben und malen wir denn ab, wir Mandarinen mit chinesischem

Pinsel, wir Verewiger der Dinge, welche sich schreiben _lassen_, was

vermögen wir denn allein abzumalen? Ach, immer nur Das, was eben welk

werden will und anfängt, sich zu verriechen! Ach, immer nur abziehende

und erschöpfte Gewitter und gelbe späte Gefühle! Ach, immer nur Vogel,

die sich müde flogen und verflogen und sich nun mit der Hand haschen

lassen,--mit _unserer_ Hand!--Und nur euer _Nachmittag_ ist es, ihr

meine geschriebenen und gemalten Gedanken, für den allein ich Farben

habe, viel Farben vielleicht, viel bunte Zärtlichkeiten und fünfzig

Gelbs und Brauns und Grüns und Roths:--aber Niemand erräth mir daraus,

wie ihr in eurem Morgen aussahet, ihr plötzlichen Funken und Wunder

meiner Einsamkeit, ihr meine alten, geliebten-- -- --_schlimmen_ Gedanken!«

Es gehört ganz wesentlich dazu, dass man sich Nietzsche bei

seinen stillen und einsamen Wanderungen vorstelle, ein paar

Aphorismen mit sich herumtragend als das Resultat langer stummer

Selbstunterhaltung,--nicht über den Schreibtisch gebückt, nicht mit der

Feder in der Hand:

»Ich schreib nicht mit der Hand allein:

Der Fuss will stets mit Schreiber sein.«

singt er in der Fröhlichen Wissenschaft (Scherz, List und Rache 52).

Gebirge und Meer umgeben ihn bei seinen Gedanken-Wandelungen als der

wirkungsvolle Hintergrund für die Gestalt dieses Einsamen. Am Hafen

von Genua träumte er seine Träume, sah eine neue Welt am verhüllten

Horizont empordämmern in der Morgenröthe und fand das Wort seines

Zarathustra (II 5): »-- --aus dem Überflüsse heraus ist es schön

hinaus zu blicken auf ferne Meere.« Im Engadiner Gebirge aber erkannte

er sich selbst wie in einer Wiederspiegelung von Kälte und Gluth,

aus deren Mischung alle seine Kämpfe und Wandlungen hervorgegangen

waren. »In mancher Natur-Gegend entdecken wir uns selber wieder, mit

angenehmem Grausen; es ist die schönste Doppelgängerei,« sagt er davon

(Der Wanderer und sein Schatten 338), »-- -- --in dem gesammten--

-- -- Charakter dieser Hochebene, welche sich ohne Furcht neben die

Schrecknisse des ewigen Schnees hingelagert hat, hier, wo Italien

und Finnland zum Bunde zusammengekommen sind und die Heimath aller

silbernen Farbentöne der Natur zu sein scheint: Von diesem Ort mit

seinen »kleinen, abgelegenen Seen,« aus denen ihn »die Einsamkeit

selber mit ihren Augen anzusehen schien,« sagt er auch in einem Briefe:

»Seine Natur ist der meinigen verwandt, wir wundem uns nicht über

einander, sondern sind vertraulich zusammen.«

Aeusserlich betrachtet, hatte ihn allerdings sein Kopf- und Augenleiden

gezwungen, rein aphoristisch zu arbeiten, aber auch seiner geistigen

Eigenart entsprach es immer mehr, seine Gedanken nicht in der

fortlaufenden Kette vor sich zu sehen, wie man sie, systematisch

arbeitend, auf dem Papier fixirt, sondern ihnen zuzuhören wie in einem

Gespräch zu Zweien, einem immer wieder abgebrochenen und immer wieder

aufgenommenen, von Einzelheiten ausgehenden Dialog,--der seinen »Ohren

für Unerhörtes« (Also sprach Zarathustra I 25), vernehmbar wurde gleich

gesprochenem Wort.

»Schreiben kann ich nicht, obschon ich es herzlich gern thun möchte,«

schreibt er auf einer Postkarte (Januar 1881 aus Italien). »Ach, die

_Augen_! Ich weiss mir damit gar nicht mehr zu helfen, sie halten mich

förmlich _mit Gewalt ferne_ von der Wissenschaft--und was habe ich

ausserdem! Nun, die Ohren! könnte man sagen.« Aber mit diesem Lauschen

und Horchen nahm er es sehr genau, und es giebt keinen Satz in seinen

Büchern, auf den nicht Anwendung findet, was er einmal in einem seiner

Briefe schreibt: »Ich bin immer von sehr feinen Sprachdingen occupirt;

die letzte Entscheidung über den Text zwingt zum scrupulösesten »Hören«

von Wort und Satz. Die Bildhauer nennen diese letzte Arbeit: ad unguem.«

Als Nietzsche im Jahre 1881 sein drittes Werk auf positivistischer

Grundlage, die »_Morgenröthe_« (Chemnitz 1881, Ernst Schmeitzner),

vollendete, da war in ihm der Process einer Verlebendigung und

Individualisirung der aufgenommenen Theorien schon vollkommen

zum Abschluss gelangt Dieses Werk und in ebenso hohem Grade das

nächstfolgende erscheinen mir daher als die bedeutendsten und

gehaltvollsten seiner mittleren Geistesperiode. Denn in ihnen ist

es ihm gelungen, praktisch den übertriebenen Intellektualismus zu

überwinden, dem er sich in »Menschliches, Allzumenschliches« noch

ohne Weiteres in freiwilliger Selbstmarterung unterworfen hatte,--

es ist ihm gelungen, denselben innerlich und individuell zu ergänzen

und menschlich zu vertiefen, ohne die wissenschaftliche Grundlage,

auf die er sich gestellt hatte, unter den Füssen zu verlieren,--ohne

die Strenge der Erkenntnissmethode zu lockern, mit der er seinen

Problemen nachging. Nietzsches eigene Natur hatte ihm geholfen,

die Einseitigkeiten und Härten seiner praktischen Philosophie zu

widerlegen, und einen lebensvolleren Typus des Erkennenden aus

den Gedankenkämpfen der letzten Jahre herauszugestalten. Denn die

Unterordnung des Affektlebens unter das Denken hatte sich, wie wir

sahen, in Nietzsche vermöge einer so gewaltigen inneren Hingebung an

das Wahrheitsideal vollzogen, dass gerade dadurch ihm die _Bedeutung

des Affectlebens für das Denken aufgehen musste_. Unmerklich verschob

sich ihm damit der Hauptaccent von dem rein intellectuellen Vorgang

auf die Macht des Gefühls, die sich in den Dienst auch noch der

nüchternsten und hässlichsten Wahrheiten zu stellen vermag, bloss weil

sie _Wahrheiten_ sind. So beginnt denn schon wieder an Stelle der

Verstandeskraft die Seelenkraft zu dem zu werden, was den Rang des

Denkers als Menschen bestimmt. Und es ist leicht zu sehen, wie auf

diesem Wege allmählich der Werth einer ganz neuen Denkweise Nietzsche

aufgehen musste,--einer allem Verstandesmässigen überhaupt abholden

Philosophie.

In keinem seiner Bücher lassen sich so sehr wie in der »Morgenröthe«

die feinen Uebergänge und Gedankenverbindungen nachweisen, die von

seiner positivistischen Geistesperiode in die darauf folgende einer

mystischen Willensphilosophie hinüberleiten. Der _Uebergang_ von

einem Alten zu einem Neuen macht, ähnlich wie im »Menschlichen,

Allzumenschlichen«, den hohen Reiz und Werth des Buches aus. Aber

in ganz entgegengesetzter Weise wie dort, wo wir _theoretisch_ der

vollendeten Thatsache eines Gesinnungswechsels gegenüberstehen, in den

sich das leidende Gefühl erst allmählich hineinzufinden sucht. Hier

dagegen wird jede Möglichkeit einer _Theorien-Aenderung_ noch mit

Heftigkeit zurückgewiesen als »Versuchungen des wissenschaftlichen

Menschen«, während die Seele schon begehrlich und tastend ihre

Fühlhörner immer wieder nach dem Verbotenen ausstreckt, wie sehr

der Verstand es ihr auch verwehrt. So sind es Aeusserungen leisen

Schwankens, einzelne Ausbrüche tief erregten Seelenlebens, denen wir

ahnungsvoll das Zukünftige entnehmen, weil sie in diesem Gemüthszustand

eine ungewollte Naivetät und Unmittelbarkeit besitzen, die Nietzsche

sonst vollständig abgeht. Hier _verräth_ er sich fortwährend, ohne

es zu ahnen, indem er den Anlass zu jeder »Versuchung« prüft und

tadelt,--er entblösst das Geheime und Verborgene seines Innenlebens,

sodass wir zu sehen glauben, wie sein vergangenes und sein zukünftiges

Selbst mit einander hinter dem Rücken der scheinbar unangetasteten

Verstandesphilosophie das Bekenntniss heimlichen Höffens und Verlangens

austauschen. In der Auflehnung gegen dieses heimliche Hoffen und

Verlangen ruft er sich in dem Aphorismus »Nicht die Leidenschaft zum

Argument der Wahrheit machen!« (Morgenröthe 543) die Worte zu: »Oh,

ihr-- -- --edlen Schwärmer, ich kenne euch!-- -- -- -- --Bis zum Hass

gegen die Kritik, die Wissenschaft, die Vernunft treibt ihr es!--

-- --Farbige Bilder, wo Vernunftgründe noth thäten! Gluth und Macht

der Ausdrücke!-- -- --Ihr versteht euch darauf, zu beleuchten und zu

verdunkeln, und mit Licht zu verdunkeln!-- -- -- -- --Wie dürstet ihr

darnach, Menschen in diesem Zustande --es ist der der Lasterhaftigkeit

des Intellectes --zu finden und an ihrem Brande eure Flammen zu

entzünden!-- -- --« Erst in Nietzsches letzter Philosophie begreift

man ganz, wie sehr er selbst es ist, an den er die Mahnung richtet:

»Nichts wäre verkehrter, als abwarten wollen, was die Wissenschaft über

die ersten und letzten Dinge einmal endgültig feststellen wird,--

-- --Der Trieb, auf diesem Gebiete durchaus _nur Sicherheiten_ haben

zu wollen, ist ein _religiöser Nachtrieb_, nichts Besseres,--« (Der

Wanderer und sein Schatten 16).

Aber inmitten zahlreicher derartiger Auflehnungen gegen sich selbst,

bricht dann auch vereinzelt der Ueberdruss durch an der strengen

Selbstbescheidung des Verstandes-Erkennens und an--»der Tyrannei

des Wahren«:--»ich wüsste nicht, warum die Alleinherrschaft und

Allmacht der Wahrheit zu wünschen wäre;-- -- -- --man muss sich

von ihr im Unwahren ab und zu _erholen_ können,--sonst wird sie uns

langweilig,--« (Morgenröthe 507). Und sehnsüchtig ruft er sogar den

von ihm geschmähten Künstlern zu: »Oh, wollten doch die Dichter wieder

werden, was sie einstmals gewesen sein sollen:--_Seher_, die uns Etwas

von dem _Möglichen_ erzählen! Wollten sie uns von den _zukünftigen

Tugenden_ Etwas vorausempfinden lassen! Oder von Tugenden, die nie auf

Erden sein werden, obschon sie irgendwo in der Welt sein könnten,--von

purpurnglühenden Sternbildern und ganzen Milchstrassen des Schönen! Wo

seid ihr, ihr Astronomen des Ideals?« (Morgenröthe 551).

So sehen wir in der »Morgenröthe« nicht nur, wie er gegen die heimlich

in ihm aufsteigenden Gelüste ankämpft, sondern wie er ihnen auch

schon nachgiebt, in der hingegebenen Sehnsucht nach etwas Neuem, in

der Ahnung eines vor ihm aufsteigenden Erkerintnisszieles. Beides

ist in charakteristischer Weise mit einander vermischt, insofern ja

die höchste Gluth der Seele, die Nietzsche für ein Erkenntnissideal

aufwendet, bei ihm stets den bereits beginnenden Niedergang desselben

Ideals anzeigt, dem er sich zur Zeit der Unbeirrtesten Ueberzeugung

von dessen Wahrheit und Nothwendigkeit nur mit Widerstreben gefügt

hatte. Dies ist die »Sonnenbahn der Idee«, wie er sie selbst auf Grund

eigener Erfahrung geschildert hat: »Wenn eine Idee am Horizonte eben

aufgeht, ist gewöhnlich die Temperatur der Seele dabei sehr kalt.

Erst allmählich entwickelt die Idee ihre Wärme, und am heissesten ist

diese-- --, wenn der Glaube an die Idee schon wieder im Sinken ist.«

(Der Wanderer und sein Schatten 207.) Sich selbst aber charakterisirt

er in derselben Schrift (331) mit den Worten: »Jene Personen, welche

langsam beginnen und schwer in einer Sache heimisch werden, haben

nachher mitunter die Eigenschaft der stätigen Beschleunigung,--sodass

zuletzt Niemand weiss, wohin der Strom sie noch reissen kann.«

Die Macht der langsam und schwer, aber um so verhängnissvoller und

unwiderstehlicher entzündeten Innerlichkeit,-- diese überschäumende

Fülle, musste ihn schliesslich dem Positivismus entfremden und zu neuen

Gedankenfernen führen. Schon sieht er im vollsten Gegensatz zur früher

verherrlichten »Affectlosigkeit« sein Ideal darin, dass der Erkennende

»der Mensch Eines hohen Gefühls, die Verkörperung einer einzigen

grossen Stimmung« sei; es soll ihm »eben Das der gewöhnliche Zustand«

sein, »was bisher als die mit Schauder empfundene Ausnahme hier und da

einmal in unseren Seelen eintrat: eine fortwährende Bewegung zwischen

hoch und tief und das Gefühl von hoch und tief, ein beständiges

Wie-auf-Treppen-steigen und zugleich Wie-auf-Wolken-ruhen«. (Fröhliche

Wissenschaft 288.) Vor einem solchen »Erkennenden« steht jetzt als

Lockung" was ihm ehemals als Gefahr galt: »Einmal den Boden verlieren!

Schweben! Irren! Toll sein!« (Fröhliche Wissenschaft 46.) Und in der

»Morgenröthe« (271) heisst es unter der Ueberschrift »Feststimmung«:

»Gerade für jene Menschen, welche am hitzigsten nach Macht streben, ist

es unbeschreiblich angenehm, sich _überwältigt_ zu fühlen! Plötzlich

und tief in ein Gefühl, wie in einen Strudel hinabzusinken! Sich die

Zügel aus der Hand reissen zu lassen, und einer Bewegung wer weiss

wohin? zuzusehen!«

In einer solchen Feststimmung des Ueberflusses und Ueberschusses,

langsam aus den nüchternsten Erkenntnissen herausgeschöpft und

angesammelt,--in einem solchen Zauber der Ausspannung und Erholung

nach langem Arbeitstag, gleitet Nietzsche in eine Welt der Mystik

hinein. In einer solchen Selbstüberwältigung besiegt der eigene

Sieg den Sieger. Es ist das »_Glück des Gegensatzes_«, das er darin

sucht, des Gegensatzes zum Kühlen, Strengen, Verstandesmässigen der

positivistischen Denkweise: die Erkenntniss neu gegründet auf die

begeisterten Eingebungen des Gefühls, des Affectlebens, und unterthan

gemacht dem Schaffensdrang des Willens.

Diese »Morgenröthe« ist kein blasses, kaltes, rückwärts leuchtendes

Aufklärungslicht mehr,--hinter ihr erhebt sich schon eine wärmende,

lebenzeugende Sonne, und während er selbst noch im grauen Zwielicht

der Dämmerung dasteht, sind seine Augen schon sehnsüchtig auf diesen

hellen verheissenden Schein am Horizont gerichtet. »Es gibt so viele

Morgenröthen, die noch nicht geleuchtet haben!« schrieb er mit den

Worten des Rig-veda als Motto auf das Titelblatt, ohne dass er noch

zu glauben wagte, er selbst sei berufen, ein solches Leuchten am

Himmel der Erkenntniss zu entzünden, Das Buch enthält »Gedanken über

die moralischen Vorurtheile«, wie dem Titel ergänzend beigefügt ist,

und damit will es scheinbar noch dem zersetzenden, negirenden Geiste

der vorhergehenden Werke angehören; aber darüber schwebt schon ein

träumender, hoffender Geist, der zwar nur hier und da vollen Ausdruck

findet, aber schweigend sinnt, wie es zu ermöglichen wäre, aus allen

_Vorurtheilen_ heraus zu neuen _Werthurtheilen_ zu gelangen, wie es

möglich wäre, zum Schöpfer neuer Werthe zu werden. »Wenn endlich auch

alle Bräuche und Sitten vernichtet sind, auf welche die Macht der

Götter, der Priester und Erlöser sich stützt, wenn also die Moral

im alten Sinne gestorben sein wird: dann kommt--ja was kommt dann?«

(Morgenröthe 96.)

Der Sturz, der Abbruch des Alten ist eben kein Ende mehr, vielmehr ein

Ausblick, ein Anfang und ein Appell an alle besten Geisteskräfte. »Es

kommt eben noch etwas,--die Hauptsache kommt noch!« verspricht die

Morgenröthe und wird immer heller und röther.

Ein Jahr nach Veröffentlichung der »Morgenröthe« schrieb Nietzsche denn

auch zum ersten Mal wieder über neue philosophische Hoffnungen und

Fempläne:

Friedrich Nietzsche in seinen Werken · 第 8 / 18 段