So zieht sich durch das ganze Werk hindurch, was schon der Titel

charakteristisch andeutet: die Gedankenarbeit der Zerstörung, die

rücksichtslose Blosslegung der »Allzumenschlichkeit« dessen, was bisher

heilig, ewig, übermenschlich hiess. Um zu sehen, mit welcher schroffen

Einseitigkeit und Uebertreibung sich Nietzsche hier gegen sich selbst

wandte, lohnt es die Mühe, seinen nunmehrigen Anschauungen in Bezug

auf diejenigen vier Punkte nachzugehen, die in seiner vorhergehenden

philosophischen Periode eine entgegengesetzte Deutung erfahren hatten:

in Bezug auf die Bedeutung des »Dionysischen«, des »Dekadenz-Begriffs«,

des »Unzeitgemässen«, und des »Geniecultus«. An Stelle des Dionysos

steht hier der früher so viel geschmähte Sokrates als Schirmherr und

Tempelhüter des neuen Wahrheitstempels da. »Wenn Alles gut geht, wird

die Zeit kommen, da man, um sich sittlich-vernünftig zu fördern, lieber

die Memorabilien des Sokrates in die Hand nimmt, als die Bibel, und

wo Montaigne und Horaz als Vorläufer und Wegweiser zum Verständniss

des einfachsten und unvergänglichsten Mittler-Weisen, des Sokrates,

benuzt werden. Zu ihm führen die Strassen der verschiedendsten

philosophischen Lebensweisen zurück, welche im Grunde die Lebensweisen

der verschiedenen Temperamente sind, festgestellt durch Vernunft

und Gewohnheit und allesammt mit ihrer Spitze hin nach der Freude

am Leben und am eignen Selbst gerichtet.-- -- --« (Der Wanderer

und sein Schatten 86). Dieser Sieg des Sokratischen, der Vernunft

und weisen Leidenschaftslosigkeit, über das Dionysische, über die

Affectsteigerung und den selbstvergessenen Lebensrausch, gipfelt in

dem Satz, dass »der wissenschaftliche Mensch die Weiterentwickelung

des künstlerischen« (Menschliches, Allzumenschliches I 222), und

alles dessen sei, was auf dem Rausch anstatt auf der Einsicht beruht,

denn: »an sich ist-- --der Künstler schon ein zurückbleibendes

Wesen.« (Menschliches, Allzumenschliches I 159). Daher bedeutete für

Griechenland das Aufkommen des sokratischen Geistes einen _ungeheuren

Fortschritt_. »Die Formen aus der Fremde entlehnen, nicht schaffen,

aber zum schönsten Schein umbilden--das ist griechisch: nachahmen,

nicht zum Gebrauch, sondern zur künstlerischen Täuschung,-- --

--ordnen, verschönern, verflachen--so geht es fort von Homer bis

zu den Sophisten des dritten und vierten Jahrhunderts der neuen

Zeitrechnung, welche ganz Aussenseite, pomphaftes Wort, begeisterte

Gebärde sind und sich an lauter ausgehöhlte, schein-, klang- und

effect-lüsterne Seelen wenden.--Und nun würdige man die Grösse jener

Ausnahme Griechen, welche die _Wissenschaft_ schufen. Wer von ihnen

erzählt, erzählt die heldenhafteste Geschichte des menschlichen

Geistes!« (Menschliches, Allzumenschliches II 221; Vergleiche auch

Morgenröthe 544 über das damalige »Jauchzen über die neue Erfindung

des _vernünftigen_ Denkens.») Die _Abkunft alles Gefühlsmässigen_

von _Urtheilen_ und _ursprünglichen Gedankenschlüssen_ wird deshalb

Denen entgegengestellt, die dem Affectleben als dem höchsten Leben das

Wort reden. »--Gefühle sind nichts Letztes, Ursprüngliches, hinter

den Gefühlen stehen Urtheile und Werthschätzungen, welche in der Form

von Gefühlen uns vererbt sind. _Die Inspiration, die aus dem Gefühle

stammt, ist das Enkelkind eines Urtheils--und oft eines falschen!--und

jedenfalls nicht deines eigenen! Seinem Gefühle vertrauen--das heisst

seinem Grossvater und seiner Grossmutter und deren Grosseltern

mehr gehöre hen als den Göttern, die in uns sind: unserer Vernunft

und unserer Erfahrung._« (Morgenröthe 35). Die »edlen Schwärmer«,

welche die Unterordnung des Fühlens unter das vernünftige Denken zu

verhindern suchen, verführen dadurch zu einer »_Lasterhaftigkeit

des Intellectes._« (Morgenröthe 543). »_Diesen schwärmerischen

Trunkenbolden_ verdankt die Menschheit viel Übles:-- -- --Zu alledem

pflanzen jene Schwärmer mit allen ihren Kräften den Glauben _an den

Rausch als an das Leben im Leben_: einen furchtbaren Glauben! _Wie

die Wilden jetzt schnell durch das »Feuerwasser« verdorben werden und

zu Grunde gehen, so ist die Menschheit_-- -- --_langsam und gründlich

durch die geistigen Feuerwässer trunken machender Gefühle_-- --

--_verdorben worden:_« (Morgenröthe 50).-- -- --daran denken sie

nicht, dass die _Erkenntniss_ auch der hässlichsten Wirklichkeit schön

ist,-- -- --Das Glück der Erkennenden mehrt die Schönheit der Welt-- --

--;-- --zwei so grundverschiedene Menschen, wie Plato und Aristoteles,

kamen in dem überein, was _das höchste Glück_ ausmache,-- --: sie

fanden es im _Erkennen_, in der Thätigkeit eines wohlgeübten findenden

und erfindenden _Verstandes_ (_nicht_ etwa in der »Intuition,« _nicht_

in der Vision, und ebenfalls _nicht_ im Schaffen,--)--« (Morgenröthe

550). Damit fällt der bisherige Genie-Cultus:[9] »Ach, um den

wohlfeilen Ruhm des »Genie's«! Wie schnell ist sein Thron errichtet,

seine Anbetung zum Brauch geworden! Immer noch liegt man vor der Kraft

auf den Knieen--nach alter _Sclaven-Gewohnheit_ --und doch ist,

wenn der Grad von _Verehrungswürdigkeit_ festgestellt werden soll,

nur _der Grad der Vernunft in der Kraft_ entscheidend. (Morgenröthe

548).--Es ist die Zeit angebrochen für die strengen und schlichten

Geister, die übermässige Verherrlichung der künstlerischen Genialität

steht der »fortschreitenden Vermännlichung der Menschheit« entgegen.

(Menschliches, Allzumenschliches I 147). Scheinbar kämpft das Genie

wohl für »die höhere Würde und Bedeutung des Menschen«, es »will sich

die glänzenden, tiefsinnigen Deutungen des Lebens durchaus nicht

nehmen lassen und wehrt sich gegen nüchterne, schlichte Methoden

und Resultate«, anstatt zurückzutreten gegenüber der höherstehenden

»wissenschaftlichen Hingebung an das Wahre in jeder Gestalt, erscheine

diese auch noch so schlicht«. (Menschliches, Allzumenschliches I 146).

Wenn man die sogenannte »Inspiration« untersucht, so zeigt sich, dass

nicht so sehr das Wunder einer zeugenden Phantasie, sondern ebenfalls

nur die »Urtheilskraft« sichtend, ordnend, wählend, das Kunstwerk

erzeugt,--»wie man jetzt aus den Notizbüchern Beethoven's ersieht,

dass er die herrlichsten Melodien allmählich zusammengetragen und aus

vielfachen Ansätzen gewissermaassen ausgelesen hat.-- -- -- -- --die

künstlerische Improvisation steht tief im Verhältniss zum ernst und

mühevoll erlesenen Kunstgedanken«. (Menschliches, Allzumenschliches

I 155) Daher ist Genie in viel höherem Grade _erlernbar_, als meist

angenommen wird: »Redet nur nicht von Begabung, angeborenen Talenten!

Es sind grosse Männer aller Art zu nennen, welche wenig begabt waren.

Aber sie _bekamen_ Grösse, wurden »Genie's«,-- -- --: sie hatten Alle

jenen tüchtigen Handwerker-Ernst, welcher erst lernt, die Theile

vollkommen zu bilden, bis er es wagt, ein grosses Ganzes zu machen;

sie gaben sich Zeit dazu, weil sie mehr Lust am Gutmachen des Kleinen,

Nebensächlichen hatten, als an dem Effecte eines blendenden Ganzen.«

(Menschliches, Allzumenschliches I 163). Der Drang, das Wunder der

Genialität zu erklären und herabzusetzen, ist hier, wo es in Nietzsches

Gedanken dem Wagner-Wunder gilt, ebenso stark, wie später, in seiner

letzten Geistesperiode, der Drang, dem Genie--diesmal dem _eigenen_

Genie--das Wort zu sprechen und es auf das höchste zu glorificiren.

Hier erscheint ihm sogar jede wahrhafte Grösse als ein Verhängniss,

weil sie »_viele schwächere Kräfte_ und _Keime zu erdrücken_« sucht,

während es nur gerecht und wünschenswerth sei, dass nicht nur einzelne

Grosse leben, sondern dass ebenfalls den »_schwächeren und zarteren

Naturen auch Luft und Licht gegönnt_« (Menschliches, Allzumenschliches

I 158) werde. »Das Vorurtheil zu Gunsten der Grösse: Die Menschen

überschätzen ersichtlich alles Grosse und Hervorstechende.-- -- --Die

extremen Naturen erregen viel zu sehr die Aufmerksamkeit; aber es ist

auch eine viel geringere Cultur nöthig, um von ihnen sich fesseln zu

lassen.« (Menschliches, Allzumenschliches I 260).

Er findet nicht Worte genug, um den Hochmuth derer zu geissein,

die sich von der Allgemeinheit ausgenommen wissen wollen: »es ist

Phantasterei, von sich zu glauben, dass man eine Meile Wegs voraus

sei und dass die gesammte Menschheit _unsere_ Strasse ziehe. Man

soll der hochmüthigen Vereinsamung nicht so leicht das Wort reden«

(Menschliches, Allzumenschliches I 375). Denn diese Phantasterei

beruht meistens auf einer eitlen Selbsttäuschung über die Motive

unseres Thuns und Lassens; der wahre Denker weiss, dass eine so

starke Betonung der Rangunterschiede unter den Menschen unberechtigt

ist, und dass das Menschliche, selbst in seinen edelsten und höchsten

Regungen, noch ein »Allzumenschliches« bleibt. Kraft dieser Einsicht

ist er imstande, sich mit allen Uebrigen auf Eine Stufe zu stellen und

sich gerade dadurch denkend über sein eignes unzulängliches Wesen zu

erheben. »Vielleicht, dass es eine Zukunft giebt, wo dieser Muth des

Denkens so angewachsen sein wird, dass er als der äusserste Hochmuth

sich _über_ den Menschen und Dingen fühlt,--wo der Weise als der am

meisten Muthige _sich selber_ und das Dasein am meisten _unter sich_

sieht?« (Morgenröthe 551). Deshalb besitzt der Weise die Neigung,

die menschlichen Handlungen auf ihre Allzumenschlichkeit zu prüfen:

»Man wird selten irren, wenn man extreme Handlungen auf Eitelkeit,

mittelmässige auf Gewöhnung und kleinliche auf Furcht zurückführt.«

(Menschliches, Allzumenschliches 174). Die Bedeutung der Eitelkeit als

eines Hauptmotivs der menschlichen Handlungen wird immer neu betont und

erwogen,--wie ihr auch in _Rées_ Buch ein besonderes Capitel gewidmet

war. »Wer die Eitelkeit bei sich leugnet, besitzt sie gewöhnlich in so

brutaler Form, dass er instinctiv vor ihr das Auge schliesst, um sich

nicht verachten zu müssen.« (Menschliches, Allzumenschliches II 38).

»Wie arm wäre der menschliche Geist ohne die Eitelkeit!« (Menschliches,

Allzumenschliches I 79). Die Eitelkeit, das »menschliche Ding an sich.«

(Menschliches, Allzumenschliches II 46). »Die ärgste Pest könnte der

Menschheit nicht so schaden, als wenn eines Tages die Eitelkeit aus

ihr entschwände.« (Der Wanderer und sein Schatten 285). Denn auch

das, was wir uns gewöhnt haben, für Kraftgefühl und Machtbewusstsein

inneren höchsten Werthes anzusehen, ist meistens nur ein Ausfluss

der Eitelkeit, sich hervorzuthun. Der Mensch will für mehr gelten,

als er eigentlich seiner Kraft nach zu gelten berechtigt ist. »Er

merkt zeitig, dass nicht Das, was er _ist_, sondern Das, was er gilt,

ihn trägt oder niederwirft: hier ist der Ursprung der _Eitelkeit_.«

(Der Wanderer und sein Schatten 181. »Die Eitelkeit als die grosse

Nützlichkeit.«),--wo Nietzsche den _Mächtigen_ gleichsetzt mit dem

Eitlen, Listigen, Klugen, der die eigne Furchtsamkeit und Wehrlosigkeit

dadurch verbirgt, dass er sich Ansehen verschafft. Die einschlägigen

Aussprüche stehen im schärfsten Gegensatz zu seiner spätem

Anschauung der Sklaven- und Herrennaturen, sowie der ursprünglichen

Gemeinwesen. (Vergl. auch den Aphorismus »Eitelkeit als Nachtrieb des

ungesellschaftlichen Zustandes« in Der Wanderer und sein Schatten 31.)

Die Eitelkeit schwindet in dem Maasse, als sich der höher stehende

Mensch der Gleichheit oder doch der Aehnlichkeit menschlicher Motive

bewusst wird und sich selbst in der ihn allen Andern gleichstellenden

»Allzumenschlichkeit« seiner Triebe erkennt.

Der einzige wahrhaft werthbestimmende Unterschied zwischen den Menschen

liegt ausschliesslich in der Art und dem Grade ihres intellectuellen

Vermögens; die Menschen _veredeln_ heisst demnach nichts anderes, als

_Einsicht_ unter sie tragen. Selbst das, was vom moralischen Standpunkt

aus als _böse_ bezeichnet wird, erweist sich meistens als bedingt durch

geistige Verkümmerung und Verrohung. »Viele Handlungen werden böse

genannt und sind nur dumm, weil der Grad der Intelligenz, welcher sich

für sie entschied, sehr niedrig war.« (Menschliches, Allzumenschliches

I 107). Die Unfähigkeit, den Schaden oder das Weh, welches man Andern

zufügt, richtig zu taxiren, lässt den sogenannten Verbrecher, den in

seiner Geistesentwickelung Zurückgebliebenen, als besonders grausam

und herzlos erscheinen. »Ob der Einzelne den Kampf um das Leben so

kämpft, dass die Menschen ihn _gut_, oder so, dass sie ihn _böse_

nennen, darüber entscheidet das Maass und die Beschaffenheit seines

Intellects.« (Menschliches. Allzumenschliches I 104). »Die Menschen,

welche jetzt grausam sind, müssen uns als Stufen _früherer Culturen_

gelten,------. Es sind _zurückgebliebene_ Menschen, deren Gehirn, durch

alle möglichen Zufälle im Verlaufe der Vererbung, nicht so zart und

vielseitig fortgebildet worden ist.« (Menschliches, Allzumenschliches I

43). Es sind die Menschen des Niedergangs. Je vorgeschrittener aber ein

Mensch, desto mehr verfeinert, mildert, ja verdünnt sich gewissermassen

die rohe Instinctkraft der ursprünglichen Leidenschaften, aus der noch

die Handlungen des Zurückgebliebenen quellen.--»Gute Handlungen sind

sublimirte böse; böse Handlungen sind vergröberte, verdummte, gute.

-- -- --Die Grade der Urtheilsfähigkeit entscheiden, wohin Jemand

sich-- -- --hinziehen lässt.-- -- -- --Ja, in einem bestimmten Sinne

sind auch jetzt noch _alle_ Handlungen dumm, denn der höchste Grad von

menschlicher Intelligenz-- -- --wird sicherlich noch überboten werden:

und dann-- -- --wird der erste Versuch gemacht, ob die Menschheit aus

einer moralischen sich in eine _weise Menschheit umwandeln könne_«.

(Menschliches, All-zurnenschliches I 107). Ihr Merkzeichen aber wird

sein, dass in den Menschen »der gewaltthätige Instinct schwächer«,

»die Gerechtigkeit in Allen grösser« wird, »Gewalt und Sclaverei«

aufhört. (Menschliches, Allzumenschliches I 452). Beneidenswerth

sind Diejenigen, in denen sich durch generationenlange Gewöhnung

ein milder, mitleidsvoller und liebevoller Sinn vererbt hat: »_Die

Herkunft von guten Ahnen macht den ächten Geburtsadel aus; eine

einzige Unterbrechung in jener Kette, Ein böser Vorfallr also hebt

den Geburtsadel auf. Man soll Jeden, welcher von seinem Adel redet,

fragen: hast du keinen gewaltthätigen, habsüchtigen, ausschweifenden,

boshaften, grausamen Menschen unter deinen Vorfahren_? Kann er darauf

in gutem Wissen und Gewissen mit Nein antworten, so bewerbe man sich

um seine Freundschaft. (Menschliches, Allzumenschliches I 456). »Das

beste Mittel, jeden Tag gut zu beginnen, ist: beim Erwachen daran

zu denken, ob man nicht wenigstens einem Menschen an diesem Tage

eine Freude machen könne. Wenn dies als ein Ersatz für die religiöse

Gewöhnung gelten dürfte, so hätten die Menschen einen Vortheil bei

dieser Aenderung.« Und diese Verherrlichung der zarten und mitleidigen

Regungen auf Kosten nicht nur der brutalen Roheit, sondern auch der

begeisterten Leidenschaft des religiösen oder künstlerischen Rausches

klingt aus in der schönen Begründung der Religionslosigkeit: »Es ist

nicht genug Liebe und Güte in der Welt, um noch davon an eingebildete

Wesen wegschenken zu dürfen.« (Menschliches, Allzumenschlichen

1129).[10]

Wir werden später sehen, wie stark sich Nietzsches letzte Philosophie

gegen diese Auffassung der Mitleids Moral und der Abschwächung des

Instinctlebens richtet, Und wie ihm nur derjenige der höchststehende

Mensch heissen wird, der die ganze Fülle der leidenschaftlichen

Triebe und Instincte in sich birgt,--also der »böse« Mensch. Noch ist

ihm aber ausserhalb der Güte und Selbstlosigkeit kein Menschenwerth

denkbar, weil nur diese die Ueberwindung der thierischen Vergangenheit

darstellen.

Deshalb sollte man den Weisen allein zugleich gut nennen, nicht

weil er anders geartet ist als der Unweise, sondern weil die

ursprüngliche menschliche Beschaffenheit in ihm vergeistigt und

dadurch »die Wildheit in seinen Anlagen besänftigt« worden ist

(Menschliches, Allzumenschliches I 56). »Die volle Entschiedenheit

des Denkens und Forschens, also die Freigeisterei, zur Eigenschaft

des Charakters geworden, macht im Handeln massig: denn sie schwächt

die Begehrlichkeit« (Ebendaselbst 464). »Dabei verschwindet immer

mehr-- -- --die übermässige Erregbarkeit des Gemüthes. Er (der

Weise) geht zuletzt wie ein Naturforscher unter Pflanzen, so unter

Menschen herum und nimmt sich selber als ein Phänomen wahr, welches

nur seinen erkennenden Trieb stark anregt« (Ebendaselbst 254). Alle

menschliche Grösse beruht auf einer Verfeinerung des Instinctmässigen;

der höchste Mensch entsteht durch das Abstreifen des Thierischen,

als ein »Nicht-mehr-Thier«, rein negativ gedacht; er ist als das

»dialektische und vernünftige Wesen« das »Ueber-Thier« (Menschliches,

Allzumenschliches I 40), in dem sich »eine neue Gewohnheit, die des

Begreifens, Nicht-Liebens, Nicht-Hassens, Ueberschauens« allmählich

anpflanzen kann (Ebendaselbst 107).

Ein »Ueber-Mensch« hingegen, als ein Wesen von _positiven_ neuen

und höheren Eigenschaften, galt Nietzsche damals als vollendete

Phantasterei und seine Erfindung als der stärkste Beweis menschlicher

Eitelkeit. »Es müsste geistigere Geschöpfe geben, als die Menschen

sind, blos um den Humor ganz auszukosten, der darin liegt, dass der

Mensch sich für den Zweck des ganzen Weltendaseins ansieht, und die

Menschheit sich ernstlich nur mit Aussicht auf eine Welt-Mission

zufrieden giebt« (Der Wanderer und sein Schatten 14). »Ehemals suchte

man zum Gefühl der Herrlichkeit des Menschen zu kommen, indem man auf

seine göttliche _Abkunft_ hinzeigte: diess ist jetzt ein verbotener

Weg geworden, denn an seiner Thür steht der Affe, nebst anderem

greulichen Gethier, und fletscht verständnissvoll die Zähne, wie um zu

sagen: nicht weiter in dieser Richtung! So versucht man es jetzt in

der entgegengesetzten Richtung: der Weg, _wohin_ die Menschheit geht,

soll zum Beweise ihrer Herrlichkeit-- -- --dienen. Ach, auch damit

ist es Nichts!-- -- -- -- --Wie hoch die Menschheit sich entwickelt

haben möge--und vielleicht wird sie am Ende gar tiefer, als am Anfang

stehen!--es giebt für sie keinen Übergang in eine höhere Ordnung,

so wenig die Ameise und der Ohrwurm am Ende ihrer »Erdenbahn« zur

Gottverwandtschaft und Ewigkeit emporsteigen. Das Werden schleppt

das Gewesensein hinter sich her: warum sollte es von diesem ewigen

Schauspiele eine Ausnahme geben! Fort mit solchen Sentimentalitäten!«

(Morgenröthe 49). Vermöchte ein Mensch das Leben ganz zu erkennen,

so müsste er »am Werthe des Lebens verzweifeln; gelänge es ihm, das

Gesammtbewusstsein der Menschheit in sich zu fassen und zu empfinden,

er würde mit einem Fluche gegen das Dasein zusammenbrechen,--denn

die Menschheit hat im Ganzen _keine_ Ziele, folglich kann der

Mensch-- -- --nicht darin seinen Trost und Halt finden, sondern seine

Verzweiflung« (Menschliches, Allzumenschliches I 33). Daher lautet

»der erste Grundsatz des neuen Lebens«: »man soll das Leben auf das

Sicherste, Beweisbarste hin einrichten: nicht wie bisher auf das

Entfernteste, Unbestimmteste, Horizont-Wolkenhafteste hin« (Der

Wanderer und sein Schatten 310). Man soll wieder »zum guten Nachbar

der nächsten Dinge« (Der Wanderer und sein Schatten 16) werden und,

anstatt im »Unzeitgemässen« der fernsten Vergangenheit und Zukunft zu

schwelgen, die höchsten Erkenntnissgedanken der eigenen Zeit in sich

verkörpern. Denn es ist der Menschheit nunmehr, anstelle all jener

phantastischen Ziele, »die Erkenntnis der Wahrheit als das einzige

ungeheure Ziel«' (Morgenröthe 45) vor Augen zu stellen. »Dem Lichte

zu--deine letzte Bewegung; ein Jauchzen der Erkenntniss--dein letzter

Laut« (Menschliches, Allzumenschliches I 292). Es ist möglich, dass

ein solcher überhandnehmender Intellectualismus ihr Glück und ihre

Lebensfähigkeit beeinträchtigt, dass er also in einem gewissen Sinne

ein »Decadenz-Symptom« ist,--aber hier deckt sich der Begriff der

Decadenz mit dem der edelsten Grösse: »Vielleicht selbst, dass die

Menschheit an dieser Leidenschaft der Erkenntniss zu Grunde geht!-- --

--Sind die Liebe und der Tod nicht Geschwister?-- --wir wollen Alle

lieber den Untergang der Menschheit, als den Rückgang der Erkenntniss!«

(Morgenröthe 429). Ein solcher »Tragödien-Ausgang der Erkenntniss«

(Morgenröthe 45) wäre gerechtfertigt, denn für sie ist kein Opfer zu

gross: »Fiat veritas, pereatvita!« Dieses Wort fasste damals Nietzsches

Erkenntnissideal zusammen,-- dasselbe Wort, gegen das er sich noch

kurz zuvor mit der grössten Erbitterung gewendet hatte, und das er nur

wenige Jahre später wieder ebenso heftig bekämpfen sollte, so dass die

_Umkehrung_ desselben als die Quintessenz sowohl seiner ursprünglichen

als auch seiner späteren Lehre gelten kann. Das _Lebenwollen_ um jeden

Preis, auch um den Preis der Lebenserkenntniss, --das ist die »neue

Lehre«, die Nietzsche später jener Lebensmüdigkeit entgegenstellte,

deren Einsicht in der Werthlosigkeit alles Geschaffenen gipfelt: »In

der Reife--des Lebens und des Verstandes überkommt den Menschen das

Gefühl, dass sein Vater Unrecht hatte, ihn zu zeugen« (Menschliches,

Allzumenschliches I 386); denn »Jeder Glaube an Werth und Würdigkeit

des Lebens beruht auf unreinem Denken« (Ebendaselbst 33).

Verfolgt man Nietzsches Gedanken in dieser Gruppe von Werken, so

kann man deutlich herausempfinden, unter welchem inneren Zwange er

sie zu immer schroffem Consequenzen zuspitzte, und mit welchem Grade

von Selbstüberwindung dies jedesmal geschah. Aber gerade infolge des

_Gegensatzes_, in dem diese Erkenntnissrichtung zu seinem innersten

Bedürfen und Verlangen stand, wurde die Erkenntniss der Wahrheit für

ihn zu einem _Ideal_,--gewann sie für ihn die Bedeutung einer höheren,

von ihm selbst unterschiedenen, ihm schlechthin überlegenen Macht. Der

Zwang, dem er sich damit unterwarf, befähigte ihn ihr gegenüber zu

einem enthusiastischen,--fast _religiösen_ Verhalten und ermöglichte

ihm jene 'religiös motivirte _Selbstspaltung_, deren Nietzsche

bedurfte,--jene Selbstspaltung, durch die der Erkennende auf sein

eigenes Wesen und dessen Regungen und Triebe herabblicken kann wie auf

ein _zweites_ Wesen. Indem er sich so gleichsam der Wahrheit als einer

Idealmacht _opferte_, gelangte er zu einer Affect-Entladung religiöser

Art, die eine viel intensivere Gluth in ihm erzeugen musste, als sie

sich jemals an einer warmen, kampflosen Befriedigung seiner innern

Wünsche und Neigungen hätte entzünden können. So erscheint in dieser

Periode, paradox genug, sein ganzer Kampf _wider den Rausch_, seine

ganze Verherrlichung der Affectlosigkeit lediglich als ein Versuch,

sich durch diese Selbstvergewaltigung zu berauschen.

Daher vollzog er seine Wandlung in einem äussersten Extrem; ja man

könnte sagen: die Energie, mit welcher er sich zu einem lauten,

rückhaltlosen »Ja!« der neuen Denkweise gegenüber aufrafft, stelle nur

den Gewaltact eines »Nein!« dar, mit dem er seine eigne Natur und ihre

tiefsten Bedürfnisse zu unterjochen strebt. Jene »vorurteilslose Kälte

und Ruhe des Erkennenden«, sein Ideal in dieser Geistesperiode, begriff

für ihn eine Art sublimer Selbstfolterung in sich, und er ertrug sie

nur, indem er dabei die Leiden seines Seelenlebens entschlossen als

eine Krankheit auffasste, als eine von den »Krankheiten, in denen

Eisumschläge noth thun« (Menschliches, Allzumenschliches I 38),--und

auch wohl thun,--denn »die scharfe Kälte ist so gut ein Reizmittel als

ein hoher Wärmegrad«.

Deshalb tritt seine Uebereinstimmung mit R^es Gedankenrichtung nirgends

so vollständig zu Tage als gerade in dem Erstlingswerk »Menschliches,

Allzumenschliches«, zu einer Zeit also, wo er am schwersten unter

seiner Trennung von Wagner und dessen Metaphysik litt. Daher Hess

er sich in seinem übertriebenen Intellectualismus vielfach von der

persönlichen Eigenart Rées leiten. Er formte sich auf Grund derselben

ein ganz bestimmtes Idealbild, das ihm zur Richtschnur diente: die

Ueberlegenheit des Denkers über den Menschen, die Nichtachtung aller

Schätzungen, welche dem Affectleben entspringen, die unbedingte und

rückhaltlose Hingabe an die wissenschaftliche Forschung erstand vor ihm

als ein _neuer und höherer Typus des erkennenden Menschen_ und verlieh

seiner Philosophie ihr eigenthümliches Gepräge.

Im Bedürfniss, die rein wissenschaftlichen Gedanken, die er dem

Positivismus entnahm, in einer menschlichen Form verkörpert zu

denken, verfing er sich im Bild einer einzelnen, ganz bestimmten

Persönlichkeit, die ihm selbst durchaus entgegengesetzt war, und

marterte sich damit, die Züge dieses Bildes noch zu verschärfen. Dass

er immer wieder zu seiner Entwickelung der Selbstverneinung, zu seiner

Geistessteigerung der freiwilligen Schmerzen bedurfte, erklärt auch

hier den scheinbaren Widerspruch, dass er, um seine Selbständigkeit

aus dem Bannkreise Wagners und der Metaphysik zu retten, sich wieder

unter fremden Bann stellte, sein Selbst aufzugeben suchte. Denn weder

im Charakter der philosophischen Richtung noch in dem des persönlichen

Verhältnisses lag eine Veranlassung dazu; die Gründe blieben vielmehr

rein innerlicher Natur. Sie allein trieben ihn zum engen Anschluss an

einen Andern und dessen Gedanken; sietrieben ihn, gleichsam aus einem

»Collectivgeist« (Menschliches, Allzumenschliches I 180) heraus zu

denken und zu schaffen. In diesem Sinne konnte er bei Uebersendung

seines »Menschlichen, Allzumenschlichen« dem Freunde schreiben: »Ihnen

gehört's,--den Andern wird's geschenkt!« und gleich darauf hinzufügen:

»Alle meine Freunde sind jetzt einmüthig, dass mein Buch von Ihnen

geschrieben sei und herstamme: weshalb ich zu dieser neuen Vaterschaft

gratulire! Es lebe der Réealismus!«

Es stellte sich eben zwischen den beiden Freunden eine eigenthümliche

Art der Ergänzung heraus, die derjenigen ganz entgegengesetzt war,

welche einst zwischen Nietzsche und Wagner bestanden hatte. Für

Wagner, als das Kunstgenie, musste Nietzsche der Denker und Erkennende

sein, der wissenschaftliche Vermittler der neuen Kunstcultur. Jetzt

hingegen war in Rée der Theoetiker gegeben, und Nietzsche ergänzte

ihn dadurch, dass er die praktischen Consequenzen der Theorien zog und

ihre innere Bedeutung für Cultur und Leben festzustellen suchte. An

diesem Punkt, bei der Frage nach dem Werth, schied sich die geistige

Eigenart der Freunde. So hörte der Eine da auf, wo der Andere anfing.

Rée, als Denker von schroffer Einseitigkeit, liess sich durch solche

Fragen nicht beeinflussen; ihm ging der künstlerische, philosophische,

religiöse Geistesreichthum Nietzsches ganz ab, dagegen war er von

Beiden der schärfere Kopf. Mit Staunen und Interesse sah er, wie

seiae fest und sauber gesponaenen Gedankenfäden sich unter Nietzsches

Zauberhänden in lebendige frischblühende Ranken verwandelten. Für

Nietzsches Werke ist es charakteristisch, dass selbst ihre Irrthümer

und Fehler noch eine Fülle von Anregung enthalten, die ihre allgemeine

Bedeutung erhöht, selbst wo jene ihren wissenschaftlichen Werth

verringern. Im Gegensatz dazu ist es für Rées Schriften bezeichnend,

dass sie mehr Mängel als Fehler besitzen; dies drückt wohl am klarsten

aus der Schlusssatz des kurzen Vorwortes zum »Ursprung der moralischen

Empfindungen«: »In dieser Schrift sind Lücken, aber Lücken sind

besser, als Lückenbüsser«! Nietzsches geniale Vielseitigkeit hingegen

erschliesst neue Einblicke gerade in Gebiete, zu denen der Logik der

Schlüssel fehlt, in denen diese sich gezwungen sieht, dem Wissen seine

Lücken zu lassen.

Während für Nietzsche die leidenschaftliche Verschmelzung des

Gedankenlebens mit dem gesammten Innenleben charakteristisch war,

bildete einen Grundzug von Rées geistigem Wesen die schroffe und

bis zum Aeussersten gehende Scheidung von Denken und Empfinden.

Nietzsches Genialität entsprang dem lebensvollen Feuer hinter seinen

Gedanken, welches sie in einem so herrlichen Lichte ausstrablen

liess, wie sie es auf dem Wege der logischen Einsicht allein nicht

hätten gewinnen können; Rées Geistesstärke beruhte auf der kalten

Unbeeinflussbarkeit des Logischen durch das Psychische, auf der

Schärfe und klaren Strenge seines wissenschaftlichen Denkens. Seine

Gefahr lag in der Einseitigkeit und Abgeschlossenheit dieses Denkens,

in einem Mangel an jener weitgehenden und feinen Witterung, die mehr

Verständniss als Verstand verlangt; Nietzsches Gefahr lag gerade

in seiner unbegrenzten Anempfindungsfähigkeit und der Abhängigkeit

seiner Verständeseinsichten von allen Regungen und Erregungen seines

Gemüths. Selbst da, wo seine jeweilige Denkweise momentan mit geheimen

Wünschen und Herzenstrieben in Widerspruch zu gerathen schien,

schöpfte er doch seine höchste Erkenntnisskraft aus dem wilden Kampf

und Widerstreit mit solchen Wünschen und Trieben. Rées Geistesart

hingegen schien selbst dann noch jede Betheiligung des Gemüthslebens an

Erkenntnissfragen auszuschliessen, wenn einmal das Erkenntnissresultat

seinem individuellen Empfinden entsprach. Denn der Denker in ihm

blickte überlegen und fremd auf den Menschen in ihm herab und saugte

demselben dadurch gewissermaassen einen Theil seiner Energie aus,

und mit der Energie den Egoismus. An dessen Stelle gab es in diesem

Charakter nichts als eine tiefe, lautere, unbegrenzte Güte des Wesens,

deren Aeusserungen in einem interessanten und ergreifenden Gegensatz

standen zu der kalten Nüchternheit und Härte seines Denkens. Nietzsche

aber besass umgekehrt jene hochfliegende Selbstliebe, die sich selbst

so lange in ihre Erkenntnissideale hinein verlegt, bis sie sich fast

mit ihnen verwechselt und der Welt mit der Begeisterung des Apostels

und Bekehrers gegenübertritt.

Friedrich Nietzsche in seinen Werken · 第 7 / 18 段