»Als ich allein weiter ging,« bekennt er viele Jahre später

(Einführende Vorrede zum zweiten Bande von »Menschliches,

Allzumenschliches«) von dieser Zeit, »zitterte ich: nicht lange

darauf, und ich war krank, mehr als krank, nämlich müde, aus der

unaufhaltsamen Enttäuschung über Alles, was uns modernen Menschen

zur Begeisterung übrig blieb-- --«. Aber nicht als einen Klagenden

sehen wir ihn sich durch die Trümmer hindurchkämpfen,--und mit Recht

bezeichnet er dies als den Reiz jener Schriften: »dass hier ein

Leidender und Entbehrender redet, wie als ob er _nicht_ ein Leidender

und Entbehrender sei.« (Ebendaselbst.)

Immer wieder wird er zu einem Neu-Schaffenden und Neu-Entdeckenden.

Tief unter die Trümmerwelt steigt er hinab, er untergräbt und

unterwühlt noch ihre letzten Fundamente und späht mit nachtgewöhntem

Auge nach den verborgenen Schätzen und Heimlichkeiten des Erdinnern

aus. Ein zweiter Trophonius, listig aus-und einschlüpfend, weiss er

auch aus der Tiefe noch Aufschluss zu geben über die Welt da droben

und ihr Räthsel zu deuten. So sehen wir ihn: »einen Unterirdischen, an

der Arbeit, einen Bohrenden, Grabenden, Untergrabenden,-- --wie er

langsam, besonnen, mit sanfter Unerbittlichkeit vorwärts kommt, ohne

dass die Noth sich allzusehr, verriethe, welche jede lange Entbehrung

von Licht und Luft mit sich bringt.« Und darüber kommt uns jene

zuversichtliche Frage, mit der er selbst auf diese Jahre zurückblickte,

und die die Betrachtung seiner ferneren Entwicklungsgeschichte uns

beantworten soll: »--Scheint es nicht, dass-- -- --er vielleicht seine

eigne lange Finsterniss haben will, sein Unverständliches, Verborgenes,

Rätselhaftes, weil er weiss, was er auch haben wird: seinen eignen

Morgen, seine-eigne Erlösung, seine eigne Morgenröte?...« (Einführende

Vorrede zur neuen Ausgabe der »Morgenröte«.)

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Mit solchen Gefühlen von Selbstmitleid und Selbstbewunderung blickte

Nietzsche auf die Geistesperiode zurück, vor welcher wir nunmehr

stehen. Wir sehen: das Charakterische sind von vornherein die

Kämpfe und Wunden, die es ihn kostete, sich die neue Weltanschauung

anzueignen; es ist das tiefe Erkranken an ihr, aus dem er sich

alsdann seine neue Gesundheit schuf. Seine Originalität musste sich

daher zunächst viel weniger in den Einsichten und Theorien selbst

aussprechen, die sich ihm damals erschlossen, als vielmehr in der

Kraft, mit der er sich vom alten Ideal losriss, um sie erfassen

zu können. Er gelangte eben nicht wie die Meisten zum Bewusstsein

erhöhter Selbständigkeit und eigenster Geistesthätigkeit auf Grund

einer intellectuellen Entwicklung, die uns gleichgiltig und kalt

stimmt gegenüber den verlassenen unreiferen Gedanken. Er gelangte dazu

nur durch eine gewaltsame Empörung gegen das Ehemalige, wobei die

intellectuellen Gründe den Gesinnungswechsel weniger bedingten als

begleiteten. Daher sehen wir anfänglich immer, dass Nietzsche die neuen

Gedanken in einer gewissen Unselbständigkeit so hinnimmt, wie er sie

gerade vorfindet,--dass er sie zunächst wieder kritiklos empfängt; denn

seine ganze Kraft ist inzwischen vollständig in Anspruch genommen von

den allerinnerlichsten Erlebnissen, und die neuen Theorien als solche

bilden,--um einen Lieblingsausdruck von Nietzsche zu gebrauchen,--nur

eine vorläufige »Vordergrundsphilosophie«, während im verborgenen

Hintergründe, den Kämpfen des Seelenlebens, sich der eigentlich

entscheidende Process abspielt.

Je fester er mit dem Alten verwachsen ist, je gewaltsamer der Sprung

ins Neue eine vollständige Entwurzelung aus dem heimischen Geistesboden

verlangt, desto tiefer ist die innere Bedeutung der Wandlung. So

kann man in gewissem Sinne sagen, dass gerade die scheinbare innere

Unselbständigkeit, mit welcher Nietzsche sich einer fremden Denkweise

vorläufig hingiebt, eine Kraft heroischester Selbständigkeit verbürgt.

Während die theuersten Gedanken ihn heimlocken, überlässt er sich

wehrlos Gedankenkreisen, denen gegenüber er sich noch als Fremdling,

ja insgeheim noch als Gegner fühlt,--aber mit jenem schönen Wort im

Herzen: »Ein Sieg und eine eroberte Schanze sind nicht mehr deine

Angelegenheit, sondern die der Wahrheit,--aber auch deine Niederlage

ist nicht mehr deine Angelegenheit.« (Morgenröthe 370 »Inwiefern der

Denker seinen Feind liebt.«)

Man muss dies im Auge behalten, wenn man Nietzsches unvermitteltem

Gesinnungswechsel gerecht werden und die Entstehung seines

positivistischen Erstlingswerkes begreifen will,--dieses Werkes,

welches so überraschend und unerwartet seinem Geiste entsprang. Erst

im Jahre 1876 war die letzte der »Unzeitgemässen Betrachtungen«,

das in überströmender Begeisterung geschriebene Büchlein »Richard

Wagner in Bayreuth«, erschienen, und schon in dem Winter 1876/1877

entstand die erste seiner Aphorismensammlungen: _Menschliches,

Allzumenschliches_. Ein Buch für freie Geister. (Dem Andenken

Voltaire's geweiht zur Gedächtniss-Feier seines Todestages, des 30.

Mai 1778) nebst einem Anhang: Vermischte Meinungen und Sprüche.

(Verlag von Ernst Schmeitzner, Chemnitz, 1878.) Von keinem Buche gilt

mit grösserm Recht das Wort, das er über die Werke dieser Periode

schrieb: »Meine Schriften reden _nur_ von meinen _Ueberwindungen_:

ich bin darin, mit Allem, was mir feind war.-- -- --Einsam nunmehr,--

--nahm ich-- --Partei _gegen_ mich und _für_ Alles, was gerade mir

wehe that und hart fiel«. (Einführende Vorrede zur Neuen Ausgabe von

Menschliches, Allzumenschliches II, VIII.) Jenes Werk spiegelt den

damaligen Zustand seines Geistes so deutlich wieder, dass es zwei

völlig von einander verschiedene Bestandtheile zu enthalten scheint:

einerseits den noch unselbständigen Positivisten Nietzsche, der uns

in den neu übernommenen Theorien fast nichts Eigenes giebt, sondern

uns nur darüber orientirt, wo er sich jetzt befindet,--in welche

neue »Haut« er sich fast passiv hat kleiden lassen; andererseits

den Kämpfer und Dulder Nietzsche, der sich entschlossen von den

ehemaligen Idealen losringt und uns in diesem Kampfe eine ergreifende

Fülle des originalsten Gedankenlebens durch die Inbrunst offenbart,

mit welcher er sich gegen sein eigenes altes Selbst wehrt und sich

selbst verwundet. Hieraus erklärt sich auch die Leidenschaftlichkeit

und Rücksichtslosigkeit der Angriffe, die er gegen Wagner und dessen

Ansichten richtet. Niemand ist weniger fähig zu ruhig abwägender

Gerechtigkeit als der, welcher seinen Ueberzeugungswechsel gerade

vollzieht,--und dies nicht aus rein intellectuellen Gründen, sondern

selber aus der Tiefe des »Menschlichen, Allzumenschlichen« seiner

eigenen Natur heraus. Keinen Gedanken schleudern wir so weit, so

heftig von uns fort, als denjenigen, von dem wir uns soeben erst in

schmerzlichem Widerstreit getrennt haben, und vor dem wir noch verletzt

und erschüttert, voll geheimer Wunden, die unser Stolz verbirgt,

dastehen: es ist Hass darin als ein Nachklang unvergesslicher Liebe.

Durchaus bezeichnend für das Jähe und Innerliche der Wandlung

Nietzsches ist es, dass sie auch diesmal ihren Ausgang von einem

_persönlichen Verhältniss_ nahm. Wie der bitterste Stachel im Kampf

gegen das alte Erkenntnissideal ein Freundschaftsbruch war, so

verkörperte sich für Nietzsche auch der neue Erkenntnisstypus wiederum

in einer Persönlichkeit. Je leidensvoller die Einsamkeit, in welche

der Freundschaftsbruch ihn zurückwarf, desto mehr Innigkeit gewann

Nietzsches Beziehung zu Paul Rée, denn »für einen solchen Einsamen ist

der Freund ein köstlicherer Gedanke als für die Vielsamen,« wie er Rée

einmal schreibt. (31. October 1880, aus Italien.)

War sein Verhältniss zu Richard Wagner durch die Ausschliesslichkeit

gekennzeichnet, mit der Nietzsche in ihm aufging und zu ihm aufsah:

durch seine _Jüngerschaft_,--so bildet sein Freundschaftsbund mit Rée

mehr eine geistige _Genossenschaft_, die selbst dadurch nicht behindert

wurde, dass die Freunde fern von einander lebten, und Rée nur zeitweise

seinen Wohnsitz in Westpreussen verlassen konnte, um mit Nietzsche an

verschiedenen Orten zusammenzutreffen. Schon am 19. November 1877 klagt

Nietzsche von Basel aus, wo er noch im Kreise von Gesinnungsgenossen

lebte, über diese Entfernung, welche ihn, infolge einer Erkrankung

Rées, für längere Zeit vom Freunde getrennt hielt:

»Möge ich bald von Ihnen, mein Freund, hören, dass die bösen

Krankheitsgeister ganz von Ihnen gewichen sind; dann bliebe mir für Ihr

neues Lebensjahr nichts zu wünschen übrig, als dass Sie bleiben, der

Sie sind und dass Sie mir bleiben, der Sie im letzten Jahre waren,--

-- -- -- -- -- -- --ich muss Ihnen doch sagen, dass ich in meinem

Leben noch nicht so viel Annehmlichkeiten von der Freundschaft gehabt

habe, wie durch Sie in diesem Jahre, gar nicht von dem zu reden,

was ich von Ihnen gelernt habe. Wenn ich von Ihren Studien höre, so

wässert mir immer der Mund nach Ihrem Umgänge; wir sind geschaffen

dafür, uns gut zu verständigen, ich glaube, wir finden uns immer auf

dem halben Wege schon, wie gute Nachbarn, die immer zur gleichen Zeit

den Einfall haben, sich zu besuchen, und sich auf der Grenze ihrer

Besitzungen einander entgegenzukommen. Vielleicht steht es ein wenig

mehr in Ihrer Gewalt, als in meiner, die grosse räumliche Entfernung

zu überwinden; darf ich in dieser Beziehung für das neue Jahr hoffen?

Ich selber bin gar zu elend und gebrechlich daran, als dass ich nicht

um die beste Freude, die es giebt, bitten dürfte, selbst wenn die Bitte

unbescheiden ist--ein gutes Gespräch unter uns über menschliche Dinge,

ein persönliches Gespräch, nicht ein briefliches, zu dem ich immer

untauglicher werde.«-- -- -- -- --

Je mehr Nietzsches körperliches Leiden ihn in die Einsamkeit zwang,

je einsiedlerischer, fern von allen Menschen, er leben musste, um

dieses Leiden ertragen zu können, desto sehnsüchtiger verlangt er

nach dem Freunde, der seine Einsamkeit zur »Zweisamkeit« machen

solle: »Zehnmal täglich wünsche ich bei Ihnen, mit Ihnen zu sein.«

(Brief aus Basel, December 1878.) »Immer knüpfe ich im Geist meine

Zukunft mit der Ihrigen zusammen.« (Aus Genf, Mai 1879.) »Viele

Wünsche habe ich aufgeben müssen, aber noch niemals _den_, mit Ihnen

zusammenzuleben,--mein »Garten Epikurs.«« (Aus Naumburg, den letzten

October 1879.)

Die heftigen Schmerzen und Anfälle, unter denen Nietzsche litt, weckten

damals Todesgedanken in ihm, und diese geben einem jeden Wiedersehen

eine besonders tief empfundene Bedeutung. »Wie viel Freude haben Sie

min gemacht, mein lieber, ausserordentlich lieber Freund!« ruft er

nach einem solchen aus. »Also ich habe Sie noch einmal gesehen und so

gefunden, wie mein Herz mir die; Erinnerung bewahrt hatte; wie ein

beständiger, angenehmer Rausch wars, diese Tage hindurch. Ich gestehe

Ihnen, ich hoffe nicht mehr auf ein Wiedersehn, die Erschütterung

meiner Gesundheit ist zu tief, die Qual zu anhaltend, was nützt mir

alle Selbstüberwindung und Geduld! Ja, in Sorrentiner Zeiten gab es

noch zu hoffen, aber das ist vorbei. So preise ich denn, Sie gehabt zu

haben, mein herzlich geliebter Freund.«-- -- --

Die beiden Freunde gelangten in diesen Jahren zu um so

übereinstimmenderen Ansichten, als ihre Studien vielfach gemeinsame

waren. Rée vermittelte Nietzsche meistens die Bücher, deren er

bedurfte, las dem Augenleidenden vor und lebte mit ihm in einem

ständigen, theils brieflichen, theils persönlichen Verkehr und

Gedankenaustausch.

»Mein geliebter Freund!« schreibt Nietzsche nach einer

etwas länger währenden Trennung, »Für unser Zusammensein,--

falls ich dieses Glück doch noch erleben sollte, ist

viel in mir präparirt. Auch ein Kistchen Bücher steht

für jenen Augenblick bereit, Réealia betitelt, es sind

gute Sachen darunter, über die Sie sich freuen werden.

Können Sie mir ein lehrreiches Buch, womöglich englischer

Abkunft,[7] aber ins Deutsche übersetzt und mit mit gutem,

grossem Druck zusenden?--Ich lebe ganz ohne Bücher, als

Sieben-Achtel-Blinder, aber ich nehme gern die verbotene

Frucht aus Ihrer Hand.--Es lebe das Gewissen, weil es

nun eine Historie haben wird und mein Freund an ihm zum

Historiker geworden ist! Glück und Heil auf Ihren Wegen. Von

Herzen Ihnen nahe

Ihr

Friedrich Nietzsche.

So schreibt er dem Freunde immer wieder, in verschiedenen Wendungen:

»Bei allem Guten, das Sie thun oder Vorhaben, wird auch für mich der

Tisch gedeckt und mein Appetit ist sehr lebendig nach _Réealismus_, das

wissen Sie!«

So wurde denn der Réealismus die ursprüngliche Form, in der Nietzsche

den philosophischen Realismus in sich aufnahm und den alten Idealismus

begrub. Schon das anonym erschienene kleine Erstlingswerk Rées (Berlin,

Carl Duncker, 1875), dessen »_Psychologische Beobachtungen_«--

Sentenzen im Geist und Stil La Rochefoucaulds-- schätzte Nietzsche

nicht nur, sondern er überschätzte es sogar, wie ein noch jetzt

erhaltener Brief an den Verfasser bekundet. Rées Lieblingsautoren

wurden nun auch die seinigen: die französischen Aphoristiker, die

La Rochefoucauld, La Bruyère, Vauvenargues, Chamfort, beeinflussten

um diese Zeit ausserordentlich Nietzsches Stil und Denken. Von den

philosophischen Schriftstellern Frankreichs bevorzugte er mit Rée,

Pascal und Voltaire, von den Novellisten Stendhal und Mérimée. Von

ungleich tieferer Bedeutung war jedoch für ihn Rées zweites Werk »_Der

Ursprung der moralischen Empfindungen_« (Chemnitz, Ernst Schmeitzner,

1877)[8], das für die nächste Zeit gewissermassen Nietzsches

positivistisches Glaubensbekenntnis bildete. Dadurch wurde er zu

den englischen Positivisten gefühlt, an die Rée sich angeschlossen

hatte, und die auch Nietzsche bald allen ähnlichen deutschen Werken

vorzog. Die Hauptanziehungskraft, die der Positivismus auf ihn

ausübte, lag vornehmlich in der Beantwortung jener einen Frage, die

Rée in seinem Buch behandelte, der Frage nach der Entstehung des

moralischen Phänomens. Für Rée fiel sie zusammen mit der Frage

_nach den Gründen der Sanction_ altruistischer Empfindungen; seine

Untersuchungen richteten sich hauptsächlich gegen die ethischen Systeme

der bisherigen Metaphysik. Da nun die Ethik Wagners und Schopenhauers

auf dem Altruismus und dessen metaphysischem Gefühlswerth fusst, so

musste Nietzsche gerade in Rées Buch die geeignetesten Waffen zu seinem

Kampf gegen die verlassene Weltanschauung finden. »Der Ursprung der

moralischen Empfindungen« wurde der eigentliche Gegenstand seiner

Forschung, und man kann sein Erstlingswerk kurz als den Versuch

bezeichnen, zur vollen Einsicht in die Nichtigkeit seiner ehemaligen

Ideale zu gelangen durch die Einsicht in ihre _Entstehungsgeschichte_.

Auf diesem Wege wird sein gesammtes Philosophiren zu einer Analyse und

Geschichte menschlicher Vorurtheile und Irrthümer; der Metaphysiker

wird zum Psychologen und Historiker und stellt sich auf den Boden

eines nüchternen und consequenten Positivismus. Er schloss sich aufs

Engste der englischen positivistischen Schule an in ihrer bekannten

Zurückführung der moralischen Werthurtheile und Phänomene auf den

_Nutzen_, die _Gewohnheit_ und das _Vergessen_ der ursprünglichen

Nützlichkeitsgründe; es bedarf daher keiner besonderen Erläuterung

seiner Theorien; es genügt auf die Richtung hinzuweisen, welcher er

sie entnahm. Man vergleiche Stellen wie die folgende in »Menschliches,

Allzumenschliches«: »Die Geschichte der-- -- --moralischen Empfindungen

verläuft in folgenden Hauptphasen. Zuerst nennt man einzelne Handlungen

gut oder böse ohne alle Rücksicht auf deren Motive, sondern allein

der nützlichen oder schädlichen Folgen wegen. Bald aber vergisst man

die Herkunft dieser Bezeichnungen und wähnt, dass den Handlungen

an sich, ohne Rücksicht auf deren Folgen, die Eigenschaft »gut«

oder »böse« innewohne.« (I 39). »Wie wenig moralisch sähe die

Welt ohne die Vergesslichkeit aus! Ein Dichter könnte sagen, dass

Gott die Vergesslichkeit als Thürhüterin an die Tempelschwelle

der Menschenwürde hingelagert habe.« (I 92). Den Weg, auf dem die

sogenannte Moralität der Handlungen entstanden ist, kann man mit den

Worten bezeichnen:«--_jetzt_ aus Gewohnheit, Vererbung und Anerziehung,

_ursprünglich_, weil (es)--_nützlicher_ und _ehrebringender_ ist.«

(II 26). Ferner, Der Wanderer und sein Schatten (40): »Die Bedeutung

des Vergessens in der moralischen Empfindung: Die selben Handlungen,

welche innerhalb der ursprünglichen Gesellschaft zuerst die Absicht auf

gemeinsamen Nutzen eingab, sind später von anderen Generationen auf

andere Motive hin gethan worden: aus Furcht oder Ehrfurcht vor Denen,

die sie forderten und anempfablen, oder aus Gewohnheit, weil man sie

von Kindheit an um sich hatte thun sehen, oder aus Wohlwollen, weil

ihre Ausübung überall Freude und zustimmende Gesichter schuf, oder

aus Eitelkeit, weil sie gelobt wurden. Solche Handlungen, an denen

das Grundmotiv, das der Nützlichkeit, _vergessen_ worden ist, heissen

dann _moralische_.« »Der Inhalt unseres Gewissens ist Alles, was in

den Jahren der Kindheit von uns ohne Grund regelmässig _gefordert_

wurde« (52), indem dem einzelnen Menschen das, was in der Geschichte

der Menschheit in der bezeichneten Weise entstanden ist, überliefert

wird als eine Summe religiös sanctionirter und festgeprägter

Pflichtbegriffe. »Die Sitte respräsentirt die Erfahrungen früherer

Menschen über das vermeintlich Nützliche und Schädliche,--aber _das

Gefühl für die Sitte_ (Sittlichkeit) bezieht sich nicht auf jene

Erfahrungen als solche, sondern auf das Alter, die Heiligkeit, die

Indiscutabilität der Sitte.« (Morgenröthe 19).

Friedrich Nietzsche in seinen Werken · 第 6 / 18 段