was in der Tiefe des Menschlichen überhaupt, als sein metaphysisches
Grundwesen, ruht, so unterscheiden sie sich von der Masse der Menschen
weniger durch eine Wesens_verschiedenheit_, als vielmehr durch eine
_Wesensenthüllung_, durch eine göttliche Nacktheit,--während der
Mensch der Masse tausend über sein wahres Wesen gebreitete Schichten
trägt, die alle der Welt und Lebensoberfläche angehören und sich
hier und da bis zur Undurchdringlichkeit verhärten. »Wenn der grosse
Denker die Menschen verachtet, so verachtet er ihre Faulheit: denn
ihrethalben erscheinen sie als Fabrikware.-- --Der Mensch, welcher
nicht zur Masse gehören will, braucht nur aufzuhören, gegen sich
bequem zu sein« (Schopenhauer als Erzieher 4). Daher ist liebevolle
Erziehung und Bemühung um Alle die Folge dieser Anschauungsweise, die
im tiefsten Sinn Alle gleichstellt, weil sie den metaphysischen Kern in
jeder Schale ehrt; sie entfernt sich darum von nichts so weit als von
Nietzsches späteren Forderungen der Sklaverei und Tyrannei.
Ist aber wie in Nietzsches späterer Philosophie dieser metaphysische
Hintergrund zerstört, löst sich das übersinnliche Sein in das
unendliche Werden des Wirklichen auf, so vermag sich der Einzelne über
die Masse nur durch einen Wesensunterschied zu erheben, der einem
höchsten Gradesunterschied gleichkommt: indem er die Quintessenz
dieses Werdeprocesses repräsentirt, umfasst er denselben möglichst
in seiner Totalität, während der Mensch der Masse ihn nur blind und
bruchstückweise zu erleben und in sich darzustellen weiss. Dieser
Einzelne wäre gewissermassen als der Einziges imstande, der langen
Entwicklung, die sich Geschichte nennt, einen Sinn zu geben; er
selbst wäre nicht wie der Schopenhauerische Mensch geschaffen aus
übersinnlichem Stoff, aber dafür wäre er durch und durch Schöpfer
und als solcher imstande, der Welt jene Bedeutsamkeit der Dinge zu
ersetzen, an die der Metaphysiker glaubt. Anstatt vieler einander
ebenbürtiger Einzelner, die sich wie ein gleichmässig hoher
zusammenhängender Bergrücken über dem Menschengetriebe erheben, gibt
es daher in Nietzsches letzter Philosophie nur den grossen Einsamen,
der sich als Gipfel des Ganzen darstellt; nach oben hin ist er noch
viel einsamer als sie, denn er ist als Abschluss der Entwicklung das
höchste Exemplar der Gattung, nach unten aber ist er viel härter und
herrischer als sie, denn die Masse und das Leben bedeuten an sich, oder
metaphysisch, nichts; er muss ihnen erst bis an seinen Gipfel hinan
eine bestimmte Rangordnung verleihen. Es ist leicht begreiflich, warum
erst mit ihm der Geniecultus ins Ungeheure wächst, denn in Ermangelung
der metaphysischen Deutung, durch die der Schopenhauerische Mensch von
vornherein in eine höhere Ordnung der Dinge erhoben wird, kann Er nur
durch das Mittel des Ungeheuren überzeugen.
Folgendes sind die vier Gedanken der ersten philosophischen Periode
Nietzsches, womit er sich, wenn auch in stets veränderter Auffassung
bis zuletzt beschäftigt hat: es sind das Dionysische, die Decadenz, das
Unzeitgemässe, der Geniecultus. Wie wir ihn selbst, so werden wir auch
sie immer wiederfinden, und in demselben Maasse, als er sich selbst
immer persönlicher in seiner Philosophie zum Ausdruck bringt, gestaltet
er auch sie immer charakteristischer. Betrachtet man seine Gedanken in
ihrem Wechsel und ihrer Mannigfaltigkeit, dann erscheinen sie fast
unübersehbar und allzu complicirt; versucht man hingegen aus ihnen
herauszuschälen, was sich im Wechsel stets gleich bleibt, dann erstaunt
man über die Einfachheit und Beständigkeit seiner Probleme. »Immer ein
Anderer und immer Derselbe!« konnte Nietzsche von sich sagen.
Dass die Wagner-Schopenhauerische Weltanschauung eine so tiefe
Bedeutung für Nietzsche gewann, dass er später noch nach allen Kämpfen
und von ganz entgegengesetzten Richtungen seines Geisteslebens aus
sich wieder ihren Grundgedanken annäherte, zeigt, wie sehr dieselbe
seiner ganzen Natur entgegenkam, wie sehr sich in ihr aussprach, was in
ihm schlummerte. Aus seinem Philologenthum in dieses Philosophenthum
erhoben, fühlte er sich ohne Zweifel einem Gefangenen gleich, von dem
die Ketten fallen. Waren doch vorher seine besten Kräfte gebunden
gewesen; jetzt durfte er aufathmen, jetzt wurde Alles in ihm befreit.
Seine künstlerischen Instincte schwelgten in den Offenbarungen der
Wagner'schen Musik; seine starke Veranlagung zu religiösen und
moralischen Exaltationen genoss in der metaphysischen Ausdeutung dieser
Kunst eine beständige Möglichkeit der Erhebung. Sein umfassendes
gründliches Wissen diente der neuen Weltanschauung, die sich in seiner
Auffassung des Griechenthums wiederspiegelte. Da in Wagners Person
das Kunstgenie Thatsache geworden, in ihm gleichsam der »erlösende
Heiland« gegeben war, so fiel Nietzsche die Stellung des Erkennenden,
des wissenschaftlichen Vermittlers, zu: damit blieb er in der Aufgabe
des Philosophen. Aber die gewonnene Erkenntniss selbst bildete nur
den Anlass zur vollen Entfaltung seiner künstlerischen und religiösen
Eigenart, und eben dies bezeichnet ihren Werth für seinen Geist.
Wonach er sich schon während seiner philologischen Studien gesehnt
hatte, als er dem Leben der alten Philosophen nachforschte, das war
hier zur Wahrheit geworden: das Denken ein Erleben, die Erkenntniss
ein Mitarbeiten und Mitschaffen an der neuen Cultur; im Gedanken
durften alle Seelenkräfte Zusammenwirken: er forderte den ganzen
Menschen. Nietzsche gibt nur dem befreienden Entzücken Ausdruck, das
er hier genoss, wenn er am Schluss seines »Sokrates und die klassische
Philologie« in die Worte ausbricht: »Ach! Es ist der Zauber dieser
Kämpfe, dass, wer sie schaut, sie auch kämpfen muss!«
Und wie seine einzelnen Geistesanlagen sich jetzt freier ausleben
und entwickeln durften, so bot diese Periode in Nietzsches Leben
auch jenem tiefsten, fast weiblichen Bedürfnisse seines Inneren nach
persönlicher Anbetung, nach Aufblick, volle Befriedigung, das sich
später so schmerzlich an sich selbst befriedigen musste. Mochte die
Wagner-Schopenhauerische Philosophie, ihrer ganzen Anschauungsweise
nach, ihm ein noch so tiefes Glück gewähren, so war doch das
Werthvollste für ihn hier das persönliche Verhältniss zu Wagner, der
unbedingte Aufblick zu ihm. Seine Begeisterung entzündete sich darin
an einer ausser ihm stehenden Persönlichkeit, in der er gleichsam
das Ideal seines eigenen Wesens verkörpert zu sehen glaubte. Das
Glück eines solchen Glaubens breitet über die Gedanken der ersten
philosophischen Schriften Nietzsches etwas Gesundes, beinahe Naives,
das von der Eigenart seiner späteren Werke scharf absticht. Es ist,
als sähe man ihn erst an dem Bilde seines Meisters Wagner und dessen
Philosophen Schopenhauer sich selbst begreifen und errathen. Denn
mit instinctiver Scheu weist er noch jene Kunst zurück, sein eigenes
Selbst in bewusster Weise zum »Object und Experiment des Erkennenden«
zu machen, die Kunst, an der er später so gross und so krank werden
sollte. »Wie kann sich der Mensch kennen? Er ist eine dunkle und
verhüllte Sache; und wenn der Hase sieben Häute hat, so kann der Mensch
sich siebenmal siebzig abziehen und wird doch nicht sagen können »das
bist du nun wirklich, das ist nicht mehr Schaale«. Zudem ist es ein
quälerisches gefährliches Beginnen, sich selbst derartig anzugraben
und in den Schacht seines Wesens auf dem nächsten Wege gewaltsam
hinabzusteigen. Wie leicht beschädigt er sich dabei so, dass kein Arzt
ihn heilen kann« (Schopenhauer als Erzieher 7). Und deshalb ruft er der
Jugend, die nach Einsicht in ihr eigenes Selbst begehrt, die Worte zu:
»was hat deine Seele hinangezogen, was hat sie beherrscht und zugleich
beglückt? Stelle dir die Reihe dieser verehrten Gegenstände vor dir
auf, und vielleicht ergeben sie dir-- -- --ein Gesetz, das Grundgesetz
deines eigentlichen Selbst. Vergleiche diese Gegenstände, sieh,-- --
--wie sie eine Stufenleiter bilden, auf welcher du bis jetzt zu dir
selbst hingeklettert bist; denn dein wahres Wesen liegt nicht tief
verborgen in dir, sondern unermesslich hoch über dir -- -- --.« (A. a.
O.)
Mit einer Offenheit, die ihm später während der Zeit peinlichster
Selbstanalyse ganz abhanden kam, legt er die Motive bloss, aus denen
es ihn von Anfang an inbrünstig nach einer solchen Jüngerschaft
verlangt habe--nach einem überlegenen »Wegweiser zugleich und
Zuchtmeister« (Schopenhauer als Erzieher 14): »-- --darf ich ein wenig
bei einer Vorstellung verweilen, welche in meiner Jugend so häufig
und so dringend war, wie kaum eine andre. Wenn ich früher recht nach
Herzenslust in Wünschen ausschweifte, dachte ich mir, dass mir die
schreckliche Bemühung und Verpflichtung, mich selbst zu erziehen,
durch das Schicksal abgenommen würde: dadurch dass ich zur rechten
Zeit einen Philosophen zum Erzieher fände, einen wahren Philosophen,
dem man ohne weiteres Besinnen gehorchen könnte, weil man ihm mehr
vertrauen würde als sich selbst.« (Schopenhauer als Erzieher 8 f.) Es
ist interessant, zu beobachten, wie er zu diesem Zwecke hinter dem
Denker Schopenhauer einen Idealmenschen Schopenhauer zu entdecken
sucht,[6] und wie er Wagner gegenüber von einer tiefen Verwandtschaft
ihrer beiderseitigen Naturen ausgeht. In der That überrascht die
Uebereinstimmung der von ihm geschilderten natürlichen und geistigen
Anlagen Wagners mit der »Vielstimmigkeit« seiner eigenen Anlagen, wie
sie im ersten Theil dieses Buches dargelegt ist. So sagt er in »Richard
Wagner in Bayreuth« (13): »Jeder seiner Triebe strebte ins Ungemessene,
alle daseinsfreudigen Begabungen wollten sich einzeln losreissen und
für sich befriedigen; je grösser ihre Fülle, um so grösser war der
Tumult, um so feindseliger ihre Kreuzung«.
Dann, beim Eintritt der »geistigen und sittlichen« Mannbarkeit
Wagners, gelangt diese »Vielheit« zum Zusammenschluss und zugleich
zu einer eigentümlichen »Spaltung in sich«. »Seine Natur erscheint
in furchtbarer Weise vereinfacht, in zwei Triebe oder Sphären
auseinandergerissen. Zu unterst wühlt ein heftiger Wille in jäher
Strömung, der gleichsam auf allen Wegen, Höhlen und Schluchten ans
Licht will und nach Macht verlangt. (10.)-- -- -- -- -- --Der gesammte
Strom stürzte sich bald in dieses, bald in jenes Thal und bohrte in
die dunkelsten Schluchten:--in der Nacht dieses halb unterirdischen
Wühlens erschien ein Stern hoch über ihm-- --« (12.) »Wir thun einen
Blick in die _andere_ Sphäre Wagners. Es ist die eigenste Urerfahrung,
welche Wagner in sich selbst erlebt und wie ein religiöses Geheimniss
verehrt:-- -- --jene wundervolle Erfahrung und Erkenntniss, dass
die eine Sphäre seines Wesens der andern treu blieb,-- -- --die
schöpferische, schuldlose lichtere Sphäre der dunkelen, unbändigen,
tyrannischen.« (13.)
»Im Verhalten der beiden tiefsten Kräfte zu einander, in der Hingebung
der einen an die andere, lag die grosse Nothwendigkeit, durch welche er
allein ganz und er selbst bleiben konnte.« (13.)
Gegen den Schluss der Schrift sucht Nietzsche auch die Musik Wagners
aus dieser ihm selbst so verwandten Eigenart heraus zu begreifen, indem
er das musikalische Genie Wagners als eine Art Wiederspieglung von
dessen seelischen Zuständen auffasste:
»-- --wie seine Musik sich mit einer gewissen Grausamkeit des
Entschlusses dem Gange des Dramas, der wie das Schicksal unerbittlich
ist, unterwirft, während die feurige Seele dieser Kunst darnach lechzt,
einmal ohne alle Zügel in der Freiheit und Wildniss umherzuschweifen.«
(82.)
»Ueber allen den tönenden Individuen und dem Kampfe ihrer
Leidenschaften, über dem ganzen Strudel von Gegensätzen, schwebt,--
--ein übermächtiger symphonischer Verstand, welcher aus dem Kriege
fortwährend die Eintracht gebiert.« (79.)
»Nie ist Wagner mehr Wagner, als wenn die Schwierigkeiten sich
verzehnfachen und er in ganz grossen Verhältnissen mit der Lust des
Gesetzgebers walten kann. Ungestüme, widerstrebende Massen zu einfachen
Rhythmen bändigen, durch eine verwirrende Mannigfaltigkeit von
Ansprüchen und Begehrungen Einen Willen durchführen«--. (80.)
Aber gerade diese Verwandtschaft ihrer beiderseitigen Naturen musste
Nietzsche schliesslich zu einer Weiterentwicklung seines Geistes
auf einsamen Bahnen führen, sie musste ihn irgend wann einmal von
Wagner losreissen. Sobald Nietzsche in dieser Periode den Höhepunkt
erreicht hat, ist auch schon der erste Schritt vorgezeichnet, der ihn
unvermeidlich abwärts führen musste. Es erscheint als eine völlige
Verkehrung des Sachverhalts, wenn er später in seinem ungerechten
Büchlein »Der Fall Wagner« behauptet: »Mein grösstes. Erlebniss war
eine _Genesung_. Wagner gehört bloss zu meinen Krankheiten.« (Vorwort.)
Denn in das Krankhafte geht seine Entwicklung erst lange nach seinem
Bruch mit Wagner, ja man kann von seiner Wagnerperiode in gewissem
Sinne sagen, dass sie zu seinen überwundenen Gesundheiten gehört habe.
Trotzdem aber darf man das Wahre in seiner Behauptung nicht überhören:
dass er nämlich damals seinen eigenen Höhepunkt noch nicht erreicht
habe, wie gesund und glücklich er auch zu jener Zeit gewesen sei.
Diese Gesundheit hätte er sich nur erhalten können um den Preis der
Grösse. Um aus dem Jünger ein Meister zu werden, musste er erst in sein
Selbst einkehren; da aber seine Natur mit zwingender Nothwendigkeit
nach einer Jüngerschaft im religiösen Sinne verlangte, so blieb nur die
eine Möglichkeit, Jünger und Meister in sich selbst zu vereinigen,--
sei es auch, um daran zu leiden, sei es auch, um an einer krankhaften
Verschmelzung Beider zu Grunde zu gehen. Von seinem Weg zur Grösse
gilt Zarathustras Wort: »Gipfel und Abgrund--das ist jetzt in Eins
beschlossen!«
Man hat dem Abfall Nietzsches von Wagner die verschiedenartigsten
Deutungen gegeben, man hat ihn aus rein idealen
Beweggründen--unwiderstehlichem Wahrheitsdrang--und auch aus
menschlichen-allzumenschlichen Motiven zu erklären gesucht. In
Wirklichkeit kreuzte sich aber wohl beides darin in ganz ähnlicher
Weise, wie dies schon in der allerersten Wandlung Nietzsches, in seiner
Abwendung vom Glauben, der Fall gewesen war; gerade der Umstand, dass
er volles Genügen, Seelenfrieden und eine Geistesheimat gefunden hatte,
dass ihm Wagners Weltanschauung so weich und glatt anlag wie eine
»gesunde Haut«, kitzelte ihn, sie sich abzustreifen, Hess ihm sein
»Ueberglück als Ungemach« erscheinen, Hess ihn »verwundet werden von
seinem Glück«. Auf diese Art der Entstehungseiner freigeisterischen
Richtung findet seine »Vermuthung über den Ursprung der Freigeisterei«
überhaupt (Menschliches, Allzumenschliches I 232) Anwendung, die durch
allzu starke Empfindungsseligkeit in der gegebenen Weltanschauung
erzeugt werde: »Ebenso wie die Gletscher zunehmen, wenn in den
Aequatorialgegenden die Sonne mit grösserer Gluth als früher auf
die Meere niederbrennt, so mag auch wohl eine sehr starke, um sich
greifende Freigeisterei Zeugniss dafür sein, dass irgendwo die Gluth
der Empfindung ausserordentlich gewachsen ist.«
Erst in der selbstgewollten, selbstgesuchten Peinigung wuchs seinem
Geist die streitbare, harte Rüstung, mit der gewappnet er dann gegen
seine alten Ideale zu Felde zog. Gewiss empfand er es als eine
Befreiung, sich mit dem Verzicht auf Erhebendes und Schönes zugleich
aus einer letzten Abhängigkeit loszulösen; aber dennoch stellte diese
Selbstbefreiung einen Act der Entsagung dar; er litt unter ihr, wie man
unter Wunden leidet, auch wenn man sie sich selbst geschlagen hat.
Der Bruch vollzog sich endgiltig und für Wagner völlig unerwartet,
als dieser mit seiner Parsifal-Dichtung bei katholisirenden Tendenzen
angelangt--war, während Nietzsches Geistesentwicklung in einer jähen
Wandlung sich der positivistischen Philosophie der Engländer und
Franzosen zugewandt hatte. Der Abfall Nietzsches von Wagner bedeutete
aber nicht nur eine Trennung der Geister, sondern zerriss zugleich ein
Verhältniss, in welchem sich beide so nahe gestanden hatten, wie nur
der Sohn dem Vater, der Bruder dem Bruder nahe steht. Ganz vergessen,
ganz verschmerzen konnte es wohl keiner von ihnen. Noch im Herbst 1882,
ein halbes Jahr vor dem Tode Wagners, wurde während der Bayreuther
Festspiele,--der Erstaufführung des Parsifal--, der Versuch gemacht,
Nietzsche vor dem Meister zu erwähnen. Nietzsche weilte damals in der
Nähe, in dem thüringischen Dörfchen Tautenburg bei Dornburg, und seine
alte Freundin Fräulein von Meysenbug meinte, obschon mit Unrecht, dass
im Fall des Gelingens Nietzsche zu bewegen gewesen wäre, nach Bayreuth
zu kommen und Sich mit Wagner zu versöhnen. Indessen der Versuch
misslang; Wagner verliess in grosser Erregung das Zimmer und verbot,
den Namen jemals wieder vor ihm auszusprechen. Aus ungefähr derselben
Zeit stammt folgender in Facsimile wiedergegebene Brief Nietzsches, der
seine eigene Stellung in dem Bruch mit Wagner beredt genug schildert:
[Illustration]
[Illustration]
[Illustration]
[Illustration]
Wenn ich diese kurze Schilderung lese, dann sehe ich ihn selbst vor
mir, wie er, während einer gemeinsamen Reise von Italien her durch die
Schweiz, mit mir das Gut Triebschen bei Luzern besuchte, den Ort, an
welchem er mit Wagner unvergessliche Zeiten verlebt hatte. Lange, lange
sass er dort schweigend am Seeufer, in schwere Erinnerungen versunken;
dann, mit dem Stock im feuchten Sande zeichnend, sprach er mit leiser
Stimme von jenen vergangenen Zeiten. Und als er aufblickte, da weinte
er.
Mit seiner innern und äussern Loslösung von dem Wagnerthum und der
Philosophie Schopenhauers fällt Nietzsches schwerstes körperliches
Leiden zusammen. So lebte er damals, körperlich wie geistig, unter
Stürmen und Schmerzen, die ihn in die Nähe »leiblichen wie seelischen
Todes« brachten. Seine Krankheit war zum Ausbruch gekommen in
den Jahren gesteigertster Productivität, allzu vielseitiger und
aufreibender Beschäftigung mit wissenschaftlichen Untersuchungen,
philosophischen Problemen, mit der geistigen Bewegung der Gegenwart,
der Kunst Wagners und mit der Musik selbst. Es ist gewiss nicht
zufällig, dass auch der letzte, verhängnissvolle Ausbruch seines
Kopfleidens am Ende der Achtziger Jahre ebenfalls auf eine Periode
ungeheurer geistiger Schaffenskraft und Regsamkeit folgte. Wenn
er sich am gesundesten und rüstigsten, in der Vollkraft seiner
Leistungsfähigkeit fühlte, dann kam er stets der Krankheit am nächsten;
und die Zeiten unfreiwilliger Müsse und Ruhe waren es, die ihm immer
wieder Erholung brachten und die Katastrophe noch aufhielten.
Dieser Vorgang spiegelt rein körperlich etwas von jenem eigenthümlich
pathologischen Zuge der »Uebergesundheit« seines Geisteslebens wieder,
welche in Krankheitszustände überzuströmen pflegte, nachdem sie ihren
Höhepunkt erreicht hatte. Aus ihnen rang er sich aber mit der zähen
Kraft seiner ungeheuren Natur stets wieder zur Gesundheit durch.
Solange er noch die Schmerzen bezwang und die volle Arbeitskraft
in sich fühlte, konnte selbst das Leiden seiner lebensvollen
Unverwüstlichkeit und Selbstbehauptung noch nichts anhaben. Noch am 12.
Mai 1878 schreibt er im Ton getrosten Muthwillens in einem Briefe aus
Basel: »Die Gesundheit schwankend und gefährlich, aber--fast hätte ich
gesagt: was geht mich meine Gesundheit an?«
Aber dann folgt, am 14. December 1878, die Hindeutung auf den
voraussichtlich nothwendigen Rücktritt von der Professur: »Mein
Zustand ist eine Thierquälerei und Vorhölle, ich kanns nicht leugnen.
_Wahrscheinlich_ hört es mit meiner akademischen Thätigkeit auf,
_vielleicht_ mit der Thätigkeit überhaupt, _möglicherweise_ mit--
--u. s. w.« Und dann die bittere Klage: »Es scheint mir nichts mehr
zu helfen, die Schmerzen waren gar zu toll.-- -- --Immer heisst es:
Ertrage! Entsage! Ach, man bekommt die Geduld auch satt. Wir haben die
Geduld zur Geduld nöthig!«
Endlich, im Tone stiller Ergebung, ein Brief aus Genf, vom 15. Mai 1879:
»Mir geht es nicht gut, aber ich bin ein alter routinirter
Leidtragender und werde meine Bürde weiterschleppen,--aber _nicht_
mehr lange, so hoffe ich!«
Bald darauf legte er seine Professur nieder, und auf immer umfing
ihn die Einsamkeit, Der Verzicht auf seine Lehrthätigkeit fiel
ihm schwer,--war es doch im Grunde der Verzicht auf jede fernere
strengwissenschaftliche Arbeit. Kopf und Augen,--er nennt sich selbst
einen »Kranken, der jetzt leider auch ein Sieben-Achtel-Blinder
ist, und nicht mehr lesen kann, ausser mit Schmerzen und auf ein
Viertelstündchen« (Brief an Rée)--, hinderten ihn nunmehr dauernd an
einem stofflichen Ausbau seiner Gedanken durch ausgebreitete Studien.
Wie umfangreich und vielseitig er seine Forschungen angelegt hatte,
zeigt die grosse Mannigfaltigkeit seiner an der Universität und am
Pädagogium zu Basel gehaltenen Vorlesungen.
Allerdings beschränkte er sich damals noch auf die Erforschung des
Hellenenthums und blieb philosophisch in den Fesseln eines bestimmten
metaphysischen Systems gebunden. Aber seine spätere Selbstbefreiung vom
Zwang dieses Systems hätte unter andern Gesundheitsverhältnissen um so
günstiger wirken müssen. Das Culturbild des griechischen Lebens, aus
dem er damals mit den Augen des Metaphysikers die tiefsten Grundzüge
des Weltbildes und Menschenlebens herauszulesen meinte, würde sich
ihm, auf dem Wege wissenschaftlicher Weiterarbeit, allmählig zu einem
Totalbilde der Weltentwicklung erweitert haben. In der Genialität
seiner feinen Anempfindung und künstlerischen Nachgestaltungskraft
war er geradezu prädestinirt zu geschichtsphilosophischen Leistungen
im Grossen. Sein Drang zum Produciren wäre dadurch gehindert worden,
sich allzusehr ins Subjective zu verlieren; empfand er es doch oftmals
selbst, dass, je beflügelter, drängender und leidenschaftlicher
geartet die Gedanken sind, desto umfassender und strenger der Stoff
sein müsse, an dem sie gebunden, von dem sie beherrscht werden. Daher
begegnen wir in seinen Werken bis zuletzt immer wieder erneuten
fruchtlosen Anstrengungen, sich nach aussen hin auszubreiten und sein
Denken wissenschaftlich zu begründen,--es ist etwas vom vergeblichen
Flügelschlagen eines gefangenen Adlers darin. Er war durch seine
Gesundheit _genöthigt_, sich selbst zum Stoff seiner Gedanken zu
nehmen, sein eignes Ich seinem philosophischen Weltbilde unterzulegen
und dieses aus dem eignen Innern herauszuspinnen. Vielleicht hätte
er im andern Falle etwas so ganz Eigenartiges,--und daher so ganz
Einzigartiges, nicht geleistet. Aber trotzdem vermag man nicht
ohne das tiefste Bedauern auf diesen Wendepunkt in Nietzsches
Schicksal zurückzublicken,--auf diesen unheimlichen _Zwang_ zur
Selbstvereinsamung und Selbstabschliessung,--man vermag sich dem Gefühl
nicht zu entziehen, dass er hier an einer Grösse, die ihm Vorbehalten
war, _vorübergeht_.
An dieser Stelle wird es um Nietzsche Nacht. Seine bisherigen Ideale,
seine Gesundheit, seine Arbeitskraft, sein Wirkungskreis,--Alles, was
seinem Leben Licht und Glanz und Wärme gegeben hatte, entschwand ihm
eins nach dem andern. Es war ein ungeheurer Zusammenbruch, unter dessen
Trümmern er wie begraben wurde. Es begannen seine »_Dunkel-Zeiten_.«
(S. Der Wanderer u. sein Schatten 191.)
Die jetzt folgenden Schriften sind nicht, wie die bisherigen, aus
einer Fülle herausgeschöpft, die in ihm angesammelt und bereit lag,
von einem Ziel aus verfasst, das er erreicht zu haben glaubte,--sie
erzählen vielmehr davon, wie er sich in seiner Nacht orientirt und
langsam vorwärts tastet, sie sind die qualvollen, kampfvollen, endlich
sieghaften Schritte nach einem dunklen Ziele hin.