Diese Worte sind der Antrittsvorlesung Nietzsches an der Baseler

Universität »Homer und die Klassische Philologie« (24) entnommen,

die (Basel 1869) nur für Freunde gedruckt worden ist. Zwei Jahre

später erschien (Basel 1871) eine andere kleine Schrift derselben

Geistesrichtung: »Sokrates und die griechische Tragödie«, welche

indessen fast vollständig, mit nur äusserlichen Umstellungen des

Gedankenzusammenhangs, in das 1872 veröffentlichte erste grössere

philosophische Werk Nietzsches: »Die Geburt der Tragödie aus dem

Geiste der Musik« (Leipzig, E. W. Fritsch, jetzt C. G. Naumann)[3]

aufgenommen worden ist. In diesen beiden Arbeiten baute Nietzsche seine

culturphilosophischen Ausführungen noch auf streng philologischer

Grundlage auf; und sie alle haben dazu beigetragen, seinen Namen unter

den philologischen Fachgenossen zu verbreiten. Dennoch bezeichnen sie

schon den Weg, den er, von seinem ursprünglichen Fachstudium aus, durch

Kunst und Geschichte hindurch, zurückgelegt hatte, um schliesslich

in die geschlossene Weltanschauung einer bestimmten Philosophie

einzutreten. Es war die Weltanschauung Richard Wagners, die Verknüpfung

seines Kunststrebens mit Schopenhauers Metaphysik. Wenn wir das Werk

aufschlagen, so befinden wir uns mitten im Bannkreis des Meisters von

Bayreuth.

Durch ihn erst vollzog sich für Nietzsche die volle Verschmelzung

von Philologenthum und Philosophenthum, wurde erst jenes Wort wahr,

womit er seinen »Homer und die klassische Philologie« schliesst, indem

er einen Ausspruch des Seneca umkehrt: »philosophia facta est quae

philologia fuit,« »damit soll ausgesprochen sein, dass alle und jede

philologische Thätigkeit umschlossen und eingehegt sein soll von einer

philosophischen Weltanschauung, in der alles Einzelne und Vereinzelte

als etwas Verwerfliches verdampft und nur das Ganze und Einheitliche

bestehen bleibt.«

Der Zauber, der Nietzsche auf Jahre hinaus zum Jünger Wagners

machte, erklärt sich namentlich daraus, dass Wagner innerhalb des

germanischen Lebens dasselbe Ideal einer Kunstcultur verwirklichen

wollte, welches Nietzsche innerhalb des griechischen Lebens als

Ideal aufgegangen war. Mit der Metaphysik Schopenhauers trat im

Grunde nichts anderes hinzu, als eine Steigerung dieses Ideals ins

Mystische, ins unergründlich Bedeutungsvolle,--gleichsam ein Accent,

den es durch die _metaphysische Interpretation_ alles Kunsterlebens

und Kunsterkennens noch erhielt. Diesen Accent empfindet man am

deutlichsten, wenn man den »Sokrates und die griechische Tragödie«

vergleicht mit der Ergänzung und Erweiterung, die derselbe in dem

Hauptwerk: »Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik«

erhalten hat. In diesem Buche sucht Nietzsche alle Kunstentwicklung

auf die Bethätigung zweier entgegengesetzter »Kunsttriebe der Natur«

zurückzuführen, die er nach den beiden Kunstgottheiten der Griechen

als das Dionysische und das Apollinische bezeichnet. Unter ersterem

versteht er das orgiastische Element, wie es sich in den wonnevollen

Verzückungen, in der Mischung von Schmerz und Lust, von Freude und

Entsetzen, in der selbstvergessenen Trunkenheit Dionysischer Feste

auslebte. In ihnen sind die gewöhnlichen Schranken und Grenzen des

Daseins vernichtet, scheint das Individuum wieder mit dem Naturganzen

zu verschmelzen; zerbrochen ist das Principium individuationis; »der

Weg zu den Müttern des Seins, zu dem innersten Kern der Dinge liegt

offen« (86). Näher gebracht wird uns das Wesen dieses Triebes durch

die physiologische Erscheinung des Rausches. Die ihm entsprechende

Kunst ist die Musik. Den Gegensatz bildet der formenbildende Trieb,

der in Apollo, dem Gott aller bildnerischen Kräfte, verkörpert ist. In

ihm vereinigt sich maassvolle Begrenzung, Freiheit von allen wilderen

Regungen und weisheitsvolle Ruhe. Er muss als der erhabene Ausdruck,

als »die Vergöttlichung des »Principii individuationis« (16) betrachtet

weiden, »dessen Gesetz das Individuum, d. h. die Einhaltung der Grenzen

desselben, das Maass im hellenischen Sinne ist« (17). Die Macht des

durch ihn symbolisirten Triebes offenbart sich physiologisch in dem

schönen Schein der Welt des Traumes. Seine Kunst ist die plastische des

Bildners.

In der Versöhnung und Verbindung dieser beiden sich anfänglich

bekämpfenden Triebe erkennt Nietzsche Ursprung und Wesen der attischen

Tragödie, die als die Frucht der Versöhnung der beiden widerstrebenden

Kunstgottheiten ebenso sehr dionysisches als apollinisches Kunstwerk

ist. Entstanden aus dem dithyrambischen Chor, der die Leiden des

Gottes feierte, ist sie ursprünglich nur Chor, dessen Sänger durch

die dionysische Erregung so verwandelt und verzaubert wurden, dass

sie sich selbst als Diener des Gottes, als Satyrn, empfanden und als

solche ihren Herrn und Meister Dionysos schauten. Mit dieser Vision,

die der Chor aus sich erzeugt, gelangt sein Zustand zu apollinischer

Vollendung. Das Drama als »die apollinische Versinnlichung dionysischer

Erkenntnisse und Wirkungen« ist vollständig. »Jene Chorpartien, mit

denen die Tragödie durchflochten ist, sind also gewissermassen der

Mutterschoss des eigentlichen Dramas« (41); sie sind das dionysische

Element desselben, während der Dialog den apollinischen Bestandteil

bildet. In ihm sprechen von der Scene aus die Helden des Dramas als die

apollinischen Erscheinungen, in denen sich der ursprüngliche tragische

Held Dionysos objectivirt, als blosse Masken, hinter denen allen die

Gottheit steckt.

Wir werden am Schlüsse unseres Buches sehen, in welch eigenthümlicher

Weise Nietzsche ganz zuletzt noch einmal auf diesen Gedanken

zurückgriff, indem er seine verschiedenen Entwicklungsperioden

und Gesinnungswandlungen so darzustellen versuchte, als seien sie

nicht unmittelbare Aeusserungen seines Geistes gewesen, sondern

gewissermaassen nur willkürlich vorgehaltene Masken, »apollinische

Scheinbilder«, hinter denen sein dionysisches Selbst, göttlich

überlegen, das ewig gleiche geblieben sei. Die Ursachen dieser

Selbsttäuschung werden wir am Schlüsse erkennen.

Die Bedeutung, die Nietzsche dem Dionysischen beimisst, ist

charakteristisch für seine ganze Geistesart: als Philolog hat er mit

seiner Deutung der Dionysoscultur einen neuen Zugang zur Welt der

Alten gesucht; als Philosoph hat er diese Deutung zur Grundlage seiner

ersten einheitlichen Weltanschauung gemacht; und über alle seine spätem

Wandlungen hinweg taucht sie noch in seiner letzten Schaffensperiode

wieder auf; verwandelt zwar, insofern ihr Zusammenhang mit der

Metaphysik Schopenhauers und Wagners zerrissen ist: aber sich doch

gleich geblieben in dem, worin schon damals seine eignen verborgenen

Seelenregungen nach einem Ausdruck suchten; verwandelt erscheint sie

zu Bildern und Symbolen seines letzten, einsamsten und innerlichsten

Erlebens. Und der Grund dafür ist, dass Nietzsche im Rausch des

Dionysischen etwas seiner eignen Natur Homogenes herausfühlte: jene

geheimnissvolle Wesenseinheit von Weh und Wonne, von Selbstverwundung

und Selbstvergötterung,--jenes Uebermass gesteigerten Gefühlslebens, in

welchem alle Gegensätze sich bedingen und verschlingen, und auf das wir

immer wieder zurückkommen werden.

Den schärfsten Contrast zum Dionysischen und der aus ihm geborenen

Kunstcultur bildet die Geistesrichtung des theoretischen, aller

Intuition entfremdeten Menschen, die auf den Namen des Sokrates

getauft wird. In der »Geburt der Tragödie« sucht Nietzsche die

Entwicklung dieser Geistesrichtung von Sokrates an durch die

Philosophie und Wissenschaft aller Jahrhunderte bis auf unsere Zeit

in grossen Zügen zu schildern. Mit Sokrates, dessen Vernunftlehre

sich gegen die ursprünglichen hellenischen Instincte kehrte, um

sie zu zügeln,--»schlägt der griechische Geschmack zu Gunsten der

Dialektik um«, und es beginnt jener Triumphzug des Theoretischen, das

durch Vernunft-Einsicht die letzten Gründe des Seins zu erforschen

und dasselbe corrigiren zu können vermeint. Diesem Optimismus hat

erst Kants Kritik ein Ende bereitet, indem sie auf die Grenzen des

theoretischen Erkennens hinwies und, wie Nietzsche später witzig

bemerkt, die Philosophie zu einer »Enthaltsamkeitslehre« reducirt, »die

gar nicht über die Schwelle hinwegkommt und sich peinlich, das Recht

zum Eintritt _verweigert_« (Jenseits von Gut und Böse 204). Dadurch

schaffte sie, nach Nietzsche, Raum für die Regeneration der Philosophie

durch Schopenhauer, der endlich einen Zugang zum unerforschten Sein

und zu dessen Umgestaltung auf dem Wege der intuitiven Erkenntniss

erschlossen habe.

In den Jahren 1873--1876 veröffentlichte Nietzsche im Geist und Sinn

seines vorhergehenden Werkes, unter dem Gesammttitel: »_Unzeitgemässe

Betrachtungen_«, vier kleinere Schriften,--bestimmt: »gegen die Zeit,

und dadurch auf die Zeit und hoffentlich zu Gunsten einer kommenden

Zeit«, zu wirken. Die erste derselben, die den Titel führte: »_David

Strauss, der Bekenner und der Schriftsteller_«, bestand in einer

vernichtenden Kritik des damals überaus gefeierten Buches »Der alte

und der neue Glaube«, und einer energischen Befehdung des einseitigen

Intellectualismus unserer modernen Bildung. Von dauernderem Interesse

ist die zweite höchst werthvolle Schrift: »_Vom Nutzen und Nachtheil

der Historie für das Leben_«, deren Grundgedanke in Nietzsches letzten

Werken, wenn auch modificirt, aber darum nicht weniger deutlich

wiederkehrt als seine Auffassung des Dionysischen. Das Wort Historie

bezeichnet hier den Begriff des Gedankenlebens, ganz allgemein gefasst,

im Gegensatz zum Instinctleben;--Erkennen des Vergangenen, Wissen

vom Gewesenen, im Gegensatz zur vollen Lebenskraft des Gegenwärtigen

und Werdenden. Die Schrift behandelt die Frage: »Wie ist das Wissen

dem Leben unterthan zu machen?« und präcisirt den Standpunkt des

Verfassers in dem Satze: »Nur soweit die Historie dem Leben dient,

wollen wir ihr dienen.« Sie dient ihm aber nur so lange, als gegenüber

den zersetzenden, belastenden und überall eindringenden Einflüssen des

Gedanklichen die wichtigste Seelenfunction im Menschen noch völlig

intact geblieben ist. »-- --die _plastische Kraft_ eines Menschen,

eines Volkes, einer Cultur,-- --ich meine jene Kraft, aus sich

heraus eigenartig zu wachsen, Vergangenes und Fremdes umzubilden und

einzuverleiben, Wunden auszuheilen, Verlorenes zu ersetzen, zerbrochene

Formen aus sich nachzuformen« (10). Sonst entsteht in uns ein Chaos

fremder, uns nur zugeströmter Reichthümer, die wir nicht zu bewältigen,

nicht zu assimiliren im Stande sind, und deren Mannigfaltigkeit

daher das Einheitliche und Organische unserer Persönlichkeit

schwer gefährdet. Wir werden dann zum passiven Schauplatz

durcheinanderwogender Kämpfe, in denen sich die verschiedensten

Gedanken, Stimmungen, Werthurtheile unaufhörlich befehden; wir leiden

unter den Siegen der Einen wie unter den Niederlagen der Andern, ohne

im Stande zu sein, unser Selbst zu ihrer Aller Herrn zu machen.

Hier findet sich zum ersten Mal eine Hindeutung auf Nietzsches so

viel besprochenen _Decadenzbegriff_, der in seinen späteren Werken

eine so grosse Rolle spielt. Nicht umsonst gemahnt uns diese erste

Beschreibung der Decadenzgefahr an die von uns gegebene Schilderung

seines eignen Seelenzustandes;--wir können hier schon den seelischen

Ursprung derselben deutlich erkennen: es ist die geheime Qual, die

es diesem leidenschaftlichen Geist verursachte, den steten Andrang

überwältigender Erkenntnisse und Gedankenströmungen auszuhalten,--

Gewalt, mit der all sein Denken und Wissen auf sein Innenleben

einwirkte, so dass die Fülle innerer einander widerstreitender

Erlebnisse die geschlossenen Grenzen der Persönlichkeit zu sprengen

drohte. Er sagt selbst im Vorwort (V) zu jener Schrift: »--Auch soll--

-- --nicht verschwiegen werden, dass ich die Erfahrungen, die mir

jene quälenden Empfindungen erregten, meistens aus mir selbst und

nur zur Vergleichung aus Anderen entnommen habe.«[4] Was er in sich

selbst vorfand, das wurde ihm zur allgemeinen Gefahr des ganzen

Zeitalters,--und steigerte sich später sogar zu einer Todesgefahr

für das ganze Menschenthum, die ihn zum Erlöser und Erretter

aufrief. Die Folge aber dieses Umstandes ist ein eigenthümlicher

Doppelsinn, der durch die ganze Schrift hindurch geht und einem

kundigen Nietzsche-Leser sofort auffällt: da nämlich dasjenige, was am

herrschenden Zeitgeist seine Bedenken hervorrief, doch etwas wesentlich

Anderes war als sein eigenes Seelenproblem, so wendet er sich ohne

Unterschied gegen zwei voneinander völlig verschiedene Dinge: Einmal

gegen die Verkümmerung eines vollen, reichen Seelenlebens durch den

erkältenden und lähmenden Einfluss einseitiger Verstandesbildung: »Der

moderne Mensch schleppt zuletzt eine ungeheure Menge von unverdaulichen

Wissenssteinen mit sich herum, die dann bei Gelegenheit ordentlich

im Leibe rumpeln, wie es im Märchen heisst« (36). »Im Inneren ruht

dann wohl die Empfindung jener Schlange gleich, die ganze Kaninchen

verschluckt hat und sich dann still gefasst in die Sonne legt und

alle Bewegungen ausser den nothwendigsten vermeidet.-- --Jeder, der

vorübergeht, hat nur den einen Wunsch, dass eine solche »Bildung«

nicht an Unverdaulichkeit zu Grunde gehe« (37).--Das andere Mal

aber gerade gegen die allzu heftige, aufreizende und aufrührerische

Einwirkung des Gedanklichen auf das psychische Leben, gegen den dadurch

hervorgerufenen Kampf zusammenhangloser wilder Triebkräfte.

Es ist ein Unterschied wie zwischen Seelenstumpfsinn und

Seelenwahnsinn. In Nietzsche selbst pflegten die abstractesten Gedanken

sich in Gemüthsmächte umzusetzen, die ihn mit unmittelbarer und

unberechenbarer Gewalt fortrissen. In dem von ihm gezeichneten Bilde

unseres Zeitalters mussten sich ihm daher die beiden entgegengesetzten

Wirkungen des Intellectuellen vermischen, und in Bezug auf die eine von

ihnen,--auf die chaotische Entfesselung des Seelenlebens,--verschmolzen

ihm in ähnlicher Weise zwei verschiedene Ursachen mit einander. Es

handelt sich nämlich nicht nur um die rein intellectuellen Einflüsse,

nicht nur um die Gefahr des Verstandesmässigen für das Instinctmässige,

sondern auch um die uns vererbten und einverleibten Einflüsse

längst verflossener Zeiten, die, einst einer intellectuellen Quelle

entsprungen, jetzt nur in der Form von Trieben und Gefühlsschätzungen

in uns leben.

Der geschlossenen Persönlichkeit droht also nicht nur die Gefahr, die

von aussen kommt, sondern auch diejenige, die sie in sich trägt, die

mit ihr geboren ist,--jene »Instinct-Widersprüchlichkeit«, die das

Erbe aller Spätlinge ist, denn--Spätlinge sind Mischlinge.

Die Ueberwindung des Nachtheils, den die »Historie« in diesem

Sinn,--erlernt oder erlebt,--bringen kann, liegt in der Hinwendung

auf das Unhistorische. Unter dem Unhistorischen versteht Nietzsche

die Rückkehr zum Unbewussten, zum Willen des Nichtwissens, zum

Horizont-Abschliessenden, ohne das es kein Leben gibt. »Jedes Lebendige

kann nur innerhalb eines Horizontes gesund, stark und fruchtbar

werden« (11),-- --»Das Unhistorische ist einer umhüllenden Atmosphäre

ähnlich, in der sich Leben allein erzeugt«.-- --Es ist wahr: erst

dadurch, dass der Mensch denkend, überdenkend, vergleichend, trennend,

zusammenschliessend jenes unhistorische Element einschränkt, erst

dadurch dass innerhalb jener umschliessenden Dunstwolke ein heller,

blitzender Lichtschein entsteht, also erst durch die Kraft, das

Vergangene zum Leben zu gebrauchen und aus dem Geschehenen wieder

Geschichte zu machen, wird der Mensch zum Menschen: aber in einem,

Uebermaasse von Historie hört der Mensch wieder auf« (12 f.). Seine

Kraft misst sich an dem Maass des Historischen, das er verträgt und

besiegt,--an der Kraft des Unhistorischen in ihm: »Je stärkere Wurzeln

die innere Natur eines Menschen hat, um so mehr wird er auch von der

Vergangenheit sich aneignen oder anzwingen; und dächte man sich die

mächtigste und ungeheuerste Natur, so wäre sie daran zu erkennen,

dass es für sie gar keine Grenze des historischen Sinnes geben würde,

an der sie überwuchernd und schädlich zu wirken vermöchte; alles

Vergangene, eigenes und fremdestes, würde sie an sich heran, in sich

hineinziehen und gleichsam zu Blut umschaffen. Das was eine solche

Natur nicht bezwingt, weiss sie zu vergessen; es ist nicht mehr da,

der Horizont ist geschlossen und ganz, und nichts vermag daran zu

erinnern, dass es noch jenseits desselben Menschen, Leidenschaften,

Lehren, Zwecke gibt.« (11) Ein solcher Geist treibt Historie auf alle

drei Weisen, auf die sie überhaupt getrieben werden kann, ohne ihr

nach irgend einer der drei Richtungen hin zu verfallen: er schaut sie

an als _Monumentalgeschichte_, indem er seinen Blick auf den grossen

Gestalten der Vorzeit ruhen lässt und sie auf sein Werk und sein

Wollen bezieht, ohne sich jedoch an sie zu verlieren: als begeisternde

Vorgänger und Genossen. Er vertieft sich in _antiquarische Geschichte_,

indem er alles Vergangene durchwandert! wie die Stätte seines eignen

Vorlebens,--wie Jemand, der die Stätte seiner eignen Kindheit betritt,

an welcher ihm auch das Geringste werthvoll und bedeutsam erscheint:--

--»--er versteht die Mauer, das gethürmte Thor, die Rathsverordnung,

das Volksfest wie ein ausgemaltes Tagebuch seiner Jugend und findet

sich selbst in diesem Allen, seine Kraft, seinen Fleiss, seine Lust,

sein Urtheil, seine Thorheit und Unart wieder. Hier Hess es sich leben,

sagt er sich, denn es lässt sich leben, hier wird es sich leben lassen,

denn wir sind zäh und nicht über Nacht umzubrechen. So blickt er, mit

diesem »Wir«, über das vergängliche wunderliche Einzelleben hinweg und

fühlt sich selbst als den Haus-, Geschlechts- und Stadtgeist« (28). Er

wird endlich drittens auch _kritisch_ auf die Geschichte blicken, um

zum Aufbau einer Zukunft eine Vergangenheit umzubrechen, und hierzu

bedarf er der grössten Lebenskraft, denn grösser als die Gefahr, ein

Schwärmer oder ein Sammler zu werden, ist die, ein Verneinender zu

bleiben. »Es ist immer ein gefährlicher, nämlich für das Leben selbst

gefährlicher Process:-- -- --Denn da wir nun einmal die Resultate

früherer Geschlechter sind,-- -- --ist (es) nicht möglich sich ganz

von dieser Kette zu lösen.-- --Wir bringen es im besten Falle zu

einem Widerstreite der ererbten, angestammten Natur und unserer

Erkenntniss,-- -- --wir pflanzen eine neue Gewöhnung, einen neuen

Instinct, eine zweite Natur an, so dass die erste Natur abdorrt. Es

ist ein Versuch, sich gleichsam a posteriori eine Vergangenheit zu

geben, aus der man stammen möchte, im Gegensatz zu der, aus der man

stammt-- -- --. Aber hier und da gelingt der Sieg doch, und es gibt--

-- -- -- --einen merkwürdigen Trost: nämlich zu wissen, dass auch

jene erste Natur irgend wann einmal eine zweite Natur war und dass

jede siegende zweite Natur zu einer ersten wird« (33 f.).--Man kann

diese drei Betrachtungsweisen der Historie in gewissem Sinne auf drei

Perioden von Nietzsches eigener Entwicklung anwenden, indem man mit

der antiquarischen, die dem Philologen zukommt, den Anfang macht,

darauf die monumentale Auffassung folgen lässt, die ihn veranlasst, als

Jünger zu Füssen grosser Meister zu sitzen, und endlich seine spätere

positivistische Periode als die kritische bezeichnet. Nachdem aber

Nietzsche auch diese letztere überwunden hatte, verschmolzen ihm alle

drei Standpunkte zu einem einzigen, auf dem, wie sich zeigen wird,

die in dieser Schrift enthaltenen Gedanken in geheimnissvoller und

ergreifender Weise wiederkehren sollten, in der extremen und paradoxen

Zuspitzung des Satzes: das Historische sei unterthan dem individuellen

Leben, dessen ständige Bedingung das Unhistorische ist.--Die starke

Natur, die er als zugleich historisch und unhistorisch beschreibt, ist

somit ein Erbe aller Vergangenheit und dadurch ungeheuer in der Fülle

des Erlebens, aber ein Erbe, der seinen Reichthum wahrhaft fruchtbar zu

machen weiss, weil er ihn wahrhaft besitzt, über ihn gebietet,--nicht

von ihm besessen und beherrscht wird. Ein solcher Erbe und Spätling

ist dann immer zugleich der _Erstling_ einer neuen Cultur und, als

Träger der Vergangenheit, ein Gestalter der Zukunft: der Reichthum, den

er ausstreut, trägt noch den künftigen Zeiten Früchte. Er ist einer

von den grossen »Unzeitgemässen«, welche in die fernste Vergangenheit

niedertauchen, in die fernste Zukunft hinausweisen, in ihrer Zeit aber

immer als Fremdlinge dastehen, obgleich in ihnen die Gegenwart ihre

höchste Kraft sammelt und ausgibt.

Hier liegt der erste Ansatz zu den Gedanken der letzten

Schaffensperiode Nietzsches: ein Einzelner der Genius der gesammten

Menschheit, allein, fähig, von der Gegenwart aus die Vergangenheit als

Ganzes zu deuten und damit auch die Zukunft, als fernstes Ganzes, bis

in alle Ewigkeit in ihrem Ziel und Sinn zu bestimmen.

Rein äusserlich betrachtet, reichen die Wurzeln dieser Anschauung

hinab bis zu Nietzsches Philologenthum, welches ihn dazu führte, sich

alter Culturen erkennend zu bemächtigen. Wissen und Sein waren seiner

geistigen Eigenart stets Eins: und so hiess für Nietzsche classischer

Philologe sein so viel als Grieche sein. Gewiss musste dies die ihn

quälende Instinctwidersprüchlichkeit, welche sich für ihn zum Gegensatz

von Antik und Modern zuspitzte, noch verstärken, gleichzeitig aber

auch die Mittel zu ihrer Bekämpfung enthalten, nämlich: durch die

Vergangenheit, der Gegenwart überlegen, die Zukunft bauen; aus einem

Mann der Zeit zu einem Spätling älterer Culturen und einem Erstling

neuer Cultur werden.[5]

Zweien solcher »Unzeitgemässen«,--das ist Vorzeitgemässen und

Zukunftgemässen, sind die beiden letzten von Nietzsches »Unzeitgemässen

Betrachtungen« geweiht: »_Schopenhauer als Erzieher_«, und »_Richard

Wagner in Bayreuth_«. In diesen beiden, mit überströmender Begeisterung

aufgerichteten, Standbildern des Genius wird es besonders klar, 'bis

zu welchem Grade die angestrebte Cultur des Unzeitgemässen in einem

Cultus des Genies gipfelte. Im Genie besitzt die Menschheit nicht nur

ihren Erzieher, ihren Führer, ihren Verkünder, sondern auch ihren

eigentlichen und ausschliesslichen Endzweck. Die Vorstellung von den

»erhabenen Einzelnen«, um derentwillen allein die übrige »Fabrikwaare

der Natur« vorhanden sei, ist einer von jenen Schopenhauerischen

Grundgedanken, die Nietzsche nie wieder losgelassen haben. Etwas

in seinem innersten Geist dürstete ebenso unersättlich nach der

ungeheuren Steigerung des Egoistischen in das Idealselbstische, das

darin liegt, als auch nach der dunklen Kehrseite dieses höchsten

Menschenlooses, nach dem »Einsamen« und »Heroischen«. In seiner

mittleren Schaffensperiode ging er scheinbar von dieser ursprünglichen

Genievorstellung ab, weil sie ihren metaphysischen Hintergrund

eingebüsst hatte, von dem allein der grosse »Einzelne« sich in

übermenschlicher Bedeutsamkeit abheben konnte,--wie eine Gestalt aus

der höheren und wahren Welt. Aber der Gedanke des Geniecultus barg

einen Ansatz zu dem, was Nietzsche, am Ende seiner Entwicklung, mit

einem Griff genialen Wahnsinns, dann wieder aus ihm gestaltet hat.

Denn zum Ersatz einer metaphysischen Deutung steigerte sich ihm der

_positive Lebenswerth_ des Genies noch so hoch über Schopenhauers

Auffassung desselben hinaus, dass diese letztere nur ein schwaches

Gegenbild zu der seinen bietet.

Solange nämlich der Geniecultus ein Cultus des Metaphysischen in der

menschlichen Physis blieb, erstreckte er sich auf eine fortlaufende

Reihe, eine Kette solcher »Einzelner«, die einander in Sinn und

Wesen ebenbürtig und gleichwerthig waren. Sie werden nicht als

Bestandtheile einer Entwicklungslinie des Menschlichen betrachtet,

sie: »--setzen nicht etwa einen Prozess fort, sondern leben

zeitlos-gleichzeitig«,--sie bilden »eine Art von Brücke über den wüsten

Strom des Werdens«. »-- -- --ein Riese ruft dem anderen durch die

öden Zwischenräume der Zeiten zu, und ungestört durch muthwilliges,

lärmendes Gezwerge, welches unter ihnen wegkriecht, setzt sich das

hohe Geistergespräch fort.« (Nutzen u. Nachtheil d. Histor. 91). Weil

es dieses »Gezwerge« ist, das die ganze Entwicklungsgeschichte sowohl

in ihren Geschehnissen, wie in ihren Gesetzen bestimmt, so ist Eins

sicher: »Das Ziel der Menschheit kann nicht am Ende liegen,sondern nur

in ihren höchsten Exemplaren.« (A. a. O.)

Friedrich Nietzsche in seinen Werken · 第 4 / 18 段