»Ueberzeugungen sind gefährlichere Feinde der Wahrheit als Lügen.«
(Menschliches, Allzumenschliches, I 483).
[7] Durch diesen Trieb entwickelte er sich mehr, als er es selbst wahr
haben wollte, zu jenem »Don Juan der Erkenntniss«, den er (Morgenröthe
327) folgendermassen schildert: »Er hat Geist, Kitzel und Genuss an
Jagd und Intriguen der Erkenntniss--bis an die höchsten und fernsten
Sterne der Erkenntniss hinauf!--bis ihm zuletzt Nichts mehr zu erjagen
übrig bleibt, als das absolut _Wehethuende_ der Erkenntniss, glefich
dem Trinker, der am Ende Absinth und Scheidewasser trinkt. So gelüstet
es ihn am Ende nach der Hölle,--es ist die letzte Erkenntniss, die
ihn _verführt_. Vielleicht, dass auch sie ihn enttäuscht, wie alles
Erkannte! Und dann müsste er in alle Ewigkeit stehen bleiben, an die
Enttäuschung festgenagelt und selber zum steinernen Gast geworden, mit
einem Verlangen nach einer Abendmahlzeit der Erkenntniss, die ihm nie
mehr zu Theil wird!--denn die ganze Welt der Dinge hat diesem Hungrigen
keinen Bissen mehr zu reichen.«
[8] »Die Instincte bekämpfen _müssen_--das ist die Formel für
décadence: so lange das Leben _aufsteigt_, ist Glück gleich Instinct«,
sagt er (Götzen-Dämmerung, Das Problem des Sokrates 11), und
unterscheidet so den Dekadenten von der geborenen Herrennatur.
[9] Nietzsche fasst hier, nebenbei bemerkt, Goethe durchaus anders
auf als einige Jahre später (in der Götzen-Dämmerung). Hier sieht er
noch in ihm den Antipoden seiner eigenen, unharmonischen Natur--später
hingegen einen ihm tief verwandten Geist, der nicht harmonisch war,
sondern sich durch Ausgestaltung und Hingabe seiner selbst zum
Harmonischen _umschuf_.
[10] Vgl. auch Jenseits von Gut und Böse 224: »wir-- -- --sind erst
dort in unsrer Seligkeit, wo wir auch am meisten--in Gefahr sind.«
[11] »Versuch einer Selbstkritik«, in der neuen Ausgabe der »Geburt der
Tragödie aus dem Geiste der Musik« XI.
[12] Siehe in der Fröhlichen Wissenschaft (Scherz, List und Rache 38)
über die menschliche Bestimmung als erfüllt in der Gottschöpfung des
Menschen:
»Der Fromme spricht:
»Gott liebt uns, weil er uns erschuf!«
»Der Mensch schuf Gott!« sagt drauf ihr Feinen.
Und soll nicht lieben, was er schuf?
Soll's gar, weil er es schuf, verneinen?
Das hinkt, das trägt des Teufels Huf.
[13] Auch wenn man von denjenigen Denkern absieht, welche die
verschiedenen Phasen von Nietzsches Entwicklung direct bestimmt haben,
lassen sich viele seiner Gedanken schon bei früheren Philosophen
nachweisen. Auf diese für die wahre Bedeutung Nietzsches durchaus
unwesentliche Thatsache ist neuerdings mit dem grössten Lärm von Leuten
hingewiesen worden, denen lediglich der Zufall das eine oder andere
philosophische Buch in die Hände gespielt hat. In der vorliegenden
Schrift ist absichtlich auf die Stellung Nietzsches in der Geschichte
der Philosophie kein Bezug genommen, da dies eine eingehende
systematische Prüfung seiner einzelnen Theorien auf ihren objectiven
Werth zur Voraussetzung haben würde, was einer besonderen Arbeit
Vorbehalten bleiben muss.
[14] Manchmal, wenn er dies besonders empfand, war er geneigt, das
weibliche Genie als das eigentliche Genie zu nehmen. »Die Thiere denken
anders über die Weiber, als die Menschen; ihnen gilt das Weibchen als
das productive Wesen.-- -- -- -- --Die Schwangerschaft hat die Weiber
milder, abwartender, furchtsamer, unterwerfungslustiger gemacht;
und ebenso erzeugt die geistige Schwangerschaft den Charakter des
Contemplativen, welcher dem weiblichen Charakter verwandt ist:--es sind
die männlichen Mütter.--« (Die fröhliche Wissenschaft 72.)
II. ABSCHNITT
SEINE WANDLUNGEN.
MOTTO:
»Die Schlange, welche sich nicht
häuten kann, geht zu Grunde. Ebenso
die Geister, welche man verhindert,
ihre Meinungen zu wechseln; sie hören
auf, Geist zu sein.«
(Morgenröthe 573)
Die erste Wandlung, die Nietzsche in seinem Geistesleben durchkämpfte,
liegt weit zurück in der Dämmerung seiner Kindheit oder doch wenigstens
seiner Knabenjahre.
Es ist der Bruch mit dem christlichen Kirchenglauben. In seinen
Werken findet diese Trennung selten Erwähnung. Trotzdem kann sie als
der Ausgangspunkt seiner Wandlungen angesehen werden, weil schon
von ihr aus ein charakteristisches Licht auf die Eigenart seiner
Entwicklung fällt. Seine Aeusserungen über diesen Gegenstand, den ich
besonders eingehend mit ihm besprochen habe, betrafen hauptsächlich
die Gründe, welche den Glaubensbruch hervorrufen. Weitaus die meisten
religiös veranlagten Menschen werden erst durch intellectuelle
Gründe dahin gedrängt, sich in schmerzlichen Kämpfen von ihren
Glaubensvorstellungen loszusagen. Wo aber, in selteneren Fällen,
die erste Entfremdung vom Gemüthsleben selbst ausgeht, da ist der
Process ein kampfloser und schmerzloser; der Verstand zersetzt nur,
was schon vorher abgestorben,--eine Leiche war. In Nietzsches Fall
fand eine eigenthümliche Kreuzung dieser beiden Möglichkeiten statt:
weder waren es nur intellectuelle Gründe, die ihn ursprünglich von den
anerzogenen Vorstellungen frei machten, noch auch hatte der alte Glaube
aufgehört, den Bedürfnissen seines Gemüths zu entsprechen. Vielmehr
betonte Nietzsche immer wieder, dass das Christenthum des elterlichen
Pfarrhauses seinem inneren Wesen »glatt und weich« angelegen
habe--»gleich einer gesunden Haut«, und dass ihm die Erfüllung all
seiner Gebote so leicht geworden sei wie das Befolgen einer eignen
Neigung. Dieses gleichsam angeborene, unveräusserliche »Talent« zu
aller Religion hielt er für eine der Ursachen der Sympathie, die ihm
ernste Christen selbst dann noch entgegenbrachten, als er bereits durch
eine tiefe Geisteskluft von ihnen getrennt war.
Der dunkle Instinct, der ihn hier zum ersten Mal aus lieb und theuer
gewordnen Gedankenkreisen forttrieb, erwachte grade in diesem
Heimathsgefühl, in diesem warmen »Zu Hause«, von dem sich Nietzsches
Wesen darin umfangen fühlte. Um in machtvoller Entwicklung zu sich
selbst zu gelangen, bedurfte sein Geist der seelischen Kämpfe,
Schmerzen und Erschütterungen,--er bedurfte dessen, dass sein Gemüth
sich die Trennung von diesem ruhigen Friedenszustand _anthat_, weil
seine Schaffenskraft von der Emotion und Exaltation seines Innern
abhängig war: hier tritt uns die Erscheinung des _Schmerzheischenden_
in der »Decadenten-Natur« zum ersten Mal in Nietzsches Leben entgegen.
»Unter friedlichen Umständen fällt der kriegerische Mensch über sich
selbst her,« (Jenseits von Gut und Böse 76) und verbannt sich selbst in
eine Gedankenfremde, in der er von nun an zu einem ewigen Wandern ohne
Rast und Ruhe bestimmt ist. Aber in dieser Rastlosigkeit lebt von nun
an eine unersättliche Sehnsucht in Nietzsche, die nach dem verlorenen
Paradies zurückstrebt, während seine Geistesentwicklung ihn zwingt,
sich in grader Linie immer weiter davon zu entfernen.
Im Gespräch über die Wandlungen, die schon hinter ihm lagen, äusserte
Nietzsche einmal halb im Scherz: »Ja, so beginnt nun der Lauf und wird
fortgesetzt,--bis wohin? wenn Alles durchlaufen ist,--wohin läuft man
alsdann? Wenn alle Combinationsmöglichkeiten erschöpft wären,--was
folgte dann noch? wie? müsste man nicht wieder beim Glauben anlangen?
Vielleicht bei einem _katholischen_ Glauben?« Und der Hintergedanke,
der sich in dieser Aeusserung verbarg, trat in den ernst hinzugefügten
Worten aus seinem Versteck:
»_In jedem Fall könnte der Kreis wahrscheinlicher sein als der
Stillstand._«
Eine in sich selbst zurücklaufende, niemals stillstehende
Bewegung,--das ist in Wahrheit das Kennzeichen der ganzen Geistesart
Nietzsches. Die Combinationsmöglichkeiten sind keineswegs unendlich,
sind im Gegentheil sehr begrenzt, da der vorwärts treibende,
selbstverwundende Drang, der die Gedanken nicht zur Ruhe kommen lässt,
ganz und gar der innern Eigenart der Persönlichkeit entspringt: so
weit auch die Gedanken zu schweifen scheinen, so bleiben sie doch
stets an die gleichen Seelenvorgänge gebunden, die sie immer wieder
zurück unter die herrschenden Bedürfnisse zwingen. Wir werden sehen,
inwiefern Nietzsches Philosophie in der That einen Kreis beschreibt,
und wie zum Schlüsse der Mann in einigen seiner intimsten und
verschwiegensten Gedankenerlebnisse sich wieder dem _Knaben_ nähert,
so dass von dem Gang seiner Philosophie die Worte gelten: siehe einen
Fluss, der in vielen Windungen zurück zur Quelle fliesst!« (Also sprach
Zarathustra III 23.) Es ist kein Zufall, dass Nietzsche in seiner
letzten Schaffensperiode zu seiner mystischen Lehre von einer ewigen
Wiederkunft gelangte: das Bild des _Kreises,--eines ewigen Wechsels
in einer ewigen Wiederholung,_--steht wie ein wundersames Symbol und
Geheimzeichen über der Eingangspforte zu seinen Werken.
Als sein erstes »literarisches Kinderspiel« (Zur Genealogie der Moral,
Vorrede VI) nennt Nietzsche einen Aufsatz aus seiner Knabenzeit,
»über den Ursprung des Bösen«, worin er, »wie es billig ist«, Gott
»zum _Vater_ des Bösen« machte. Auch gesprächsweise erwähnte er
diesen Aufsatz als Beweis dafür, dass er sich schon zu einer Zeit
philosophischen Grübeleien hingegeben habe, wo er sich noch in dem
philologischen Schulzwang der Schulpforte befand.
Wenn wir Nietzsche aus seiner Kindheit in seine Lehrjahre und dann in
die lange Zeit seiner philologischen Thätigkeit folgen, dann erkennen
wir auch hier deutlich, wie seine Entwicklung von Anfang an auch rein
äusserlich unter dem Einfluss eines gewissen Selbstzwanges verläuft.
Schon die strenge philologische Schulung musste einen solchen Zwang für
den jungen Feuergeist enthalten, dessen reiche schöpferische Kräfte
dabei leer ausgingen. Ganz besonders aber galt dies von der Richtung
seines Lehrers Ritschl. Grade bei diesem wurde das Hauptaugenmerk,
sowohl nach Seite der Methode wie nach Seite der Probleme, auf formale
Beziehungen und äussere Zusammenhänge gerichtet, während die innere
Bedeutung der Schriftwerke zurückstand. Für Nietzsches ganze Eigenart
aber war es bezeichnend, dass er später seine Probleme ausschliesslich
der Welt des Innern entnahm und geneigt war, das Logische dem
Psychologischen unterzuordnen.
Und doch war es eben hier, in dieser strengen Zucht und auf diesem
steinigen Boden, dass sein Geist so früh reife Frucht trug und
Ausgezeichnetes leistete. Eine Reihe vortrefflicher philologischer
Untersuchungen[1] bezeichnet den Weg von seinen Studienjahren an bis
zu der Baseler Professur. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass eine
zu frühe Entfesselung des ganzen Geistesreichthums Nietzsches durch
das Studium der Philosophie oder der Künste ihn von vornherein zu
jener Zügellosigkeit verführt hätte, der sich einige seiner letzten
Werke nähern. So aber gab für seine »vielspältigen Triebe« die kühle
Strenge philologischer Wissenschaft eine Zeit lang das einigende und
zusammenhaltende Band ab, indem es für Manches, das in ihm schlummerte,
zur Fessel wurde.
In welchem Grade jedoch Nietzsches unberücksichtigte starke Talente
ihn quälten und störten, während er seinen Fachstudien nachging, das
empfand er darum nicht minder als ein tiefes Leiden. Namentlich war
es der Drang nach Musik, den er nicht abzuweisen vermochte, und oft
musste er Tönen lauschen, während er Gedanken lauschen wollte. Wie eine
tönende Klage begleiten jene ihn durch die Jahre hindurch, bis ihm sein
Kopfleiden jede Ausübung der Musik unmöglich machte.
Aber wie gross auch der Gegensatz war, den Nietzsches Philologenthum
zu seinem spätem Philosophenthum bildete, so fehlt es doch nicht an
zahlreichen vermittelnden Zügen, die von der einen Periode zu der
andern überleiten.
Grade die Richtung Ritschls, welche diesen Gegensatz zu verschärfen
scheint, kam in einer bestimmten Besonderheit Nietzsches Geistesart
sogar entgegen, indem sie seinen Hang zum Produciren noch verstärkte
und ausbildete. Es lag in ihr das Streben nach einer gewissen formell
künstlerischen Abrundung und virtuosen Behandlung wissenschaftlicher
Fragen, möglich gemacht durch strenge Begrenzung derselben und
Concentrirung auf einen gegebenen Punkt. Bei Nietzsche stand nun das
Bedürfniss, durch freiwillige und concentrirte Beschränkung einer
Aufgabe, dieselbe in rein künstlerischer Weise zum Abschluss zu
bringen, in engem Zusammenhang mit dem Grundtrieb seiner Natur, über
das Selbstgeschaltene immer wieder hinauszugehen, es als ein endgültig
Erledigtes, Vergangenes, von sich abzustossen. Für den Philologen ist
ein solcher Wechsel der Aufgaben und Probleme von selbst gegeben,--den
für Nietzsche charakteristischen Ausspruch: »Eine Sache, die sich
aufgeklärt hat, hört auf, uns etwas anzugehen,« (Jenseits von Gut und
Böse 80)--könnte ein Philologe gethan haben, denn für diesen wird
thatsächlich ein aufgeklärtes Dunkel zu einer völlig erledigten Sache,
die ihn nicht länger zu beschäftigen braucht. Aber es sind hiervon tief
verschiedene Gründe, die Nietzsches häufigen Gedankenwechsel bedingen,
und daher ist es in hohem Grade interessant zu sehen, wie sich hier
die Gegensätze des Philologenthums und Philosophenthums dennoch zu
berühren scheinen, und wie Nietzsche auch in dieser ihm fremdesten
Verkleidung,--der nüchtern philologischen,-- in dieser äussersten
geistigen Selbstunterordnung, sein Selbst durchsetzte.
Der Philologe tritt einem Problem mit seiner Gesinnung, seinem innern
Menschen, überhaupt nicht nahe, assimilirt es sich in keiner Weise und
wird von ihm daher auch nur so lange festgehalten, als er zur Lösung
der Aufgabe bedarf. Für Nietzsche dagegen bedeutete Beschäftigung
mit einem Problem, bedeutete _erkennen_, vor allem andren: sich
erschüttern lassen; und von einer Wahrheit sich überzeugen bedeutete
ihm: von einem Erlebniss überwältigt werden,--»über den Haufen geworfen
werden«, wie er es nannte. Er nahm einen Gedanken auf, wie man ein
Schicksal auf sich nimmt, das den ganzen Menschen ergreift und in Bann
schlägt: er _lebte_ den Gedanken noch viel mehr, als er ihn dachte,
aber er that es mit einer so leidenschaftlichen Inbrunst, einer so
maasslosen Hingebung, dass er sich an ihm erschöpfte,-- und, gleich
einem Schicksal, das ausgelebt ist, fiel der Gedanke wieder von ihm ab.
Erst in der Ernüchterung, wie sie naturgemäss einer jeden derartigen
Erregung folgen musste, Hess er seine überwundene Erkenntniss rein
intellectuell auf sich wirken; erst dann ging er ihr mit still und klar
nachprüfendem Verstände nach. Sein merkwürdiger Wandlungsdrang auf dem
Gebiete philosophischer Erkenntniss war durch den ungeheuren Drang nach
immer neuen Emotionen geistigster Art bedingt, und daher war für ihn
vollkommene Klarheit stets nur die Begleiterscheinung von Ueberdruss
und Erschöpfung.
Aber selbst in dieser Erschöpfung verlassen ihn seine _Probleme_
nicht, der Ueberdruss gilt nur ihren _Lösungen_, durch welche die
Quelle der Erschütterung momentan verschüttet worden ist. Die
gefundene Lösung war deshalb für Nietzsche jedesmal ein Signal zu einem
_Gesinnungswechsel_, denn nur so liess sich das Problem festhalten, die
Lösung von neuem versuchen. Mit wahrem _Hass_ verfolgte er hinterher
Alles, was ihn zu ihr getrieben, Alles, was ihm geholfen hatte,
sie zu finden. Da »eine Sache, die sich aufgeklärt hat, aufhört,
uns etwas anzugehen«, so wollte Nietzsche im Grunde nichts von der
endgiltigen Aufklärung eines Problems wissen, und jenes Wort, das
scheinbar die volle Befriedigung erfolgreichen Denkens zum Ausdruck
bringt, bezeichnete für ihn die Tragik seines Lebens: er wollte
nicht, dass; die Probleme seiner Forschung jemals aufhören sollten,
ihn etwas anzugehen, er wollte, dass sie fortfahren sollten, ihn im
Tiefsten seiner Seele aufzuwühlen, und daher war er gewissermaassen
der Auflösung gram, die ihm sein Problem raubte, daher warf er sich
jedesmal auf sie mit der ganzen Feinheit und Ueberfeinheit seiner
Skepsis und zwang sie schadenfroh,--seines eigenen Leids und des
Schadens, den er sich damit zufügte, froh!--ihm seine Probleme wieder
herauszugeben. Deshalb kann man von vorn herein mit einem gewissen
Recht von Nietzsche sagen: was innerhalb einer Denkrichtung, einer
Betrachtungsweise diesen leidenschaftlichen Geist dauernd festhalten,
was einen neuen Wandel und Wechsel unmöglich machen soll, das muss im
letzten Grunde _unaufklärbar_ für ihn bleiben, es muss der Energie
aller Lösungsversuche widerstehen, seinen Verstand an tödtlichen
Räthseln aufreiben,--an Räthseln gleichsam kreuzigen. Als endlich in
der That auf diesem; Wege die Erschütterung seines Innern stärker
geworden war, als die durch sie gewaltsam gespornte Verstandeskraft, da
erst gab es für ihn kein Entrinnen und kein Entweichen mehr. Doch da
verlor sich auch nothwendig das Ende in Dunkel, Schmerz und Geheimniss:
in eine Besessenheit der Gedanken durch die Gefühlserregungen, die
einem stürmischen Meere gleich über ihnen zusammenschlugen.
Wer Nietzsches Zickzack-Pfaden bis zuletzt folgt, der tritt dicht an
diesen Punkt heran, wo er sich, im Grauen vor einer letzten Aufklärung
und Problemlösung, endgiltig in die ewigen Räthsel der Mystik
hinabstürzt.--
Die Geistesbegabung Nietzsches zeichnete sich aber noch durch zwei
Eigenschaften aus, die in gleicher Weise dem Philologen wie später
dem Philosophen zu statten kamen. Die erste war sein Talent für
Subtilitäten, seine Genialität in der Behandlung feinster Dinge, die
von einer zarten und sichern Hand angefasst sein wollen, um nicht
verwischt und entstellt zu werden. Es ist dasselbe, was ihn später
nach meinem Dafürhalten als Psychologen noch mehr _fein_ als _gross_
erscheinen lässt,--oder lieber: am grössten im Erfassen und Gestalten
von Feinheiten. Höchst bezeichnend ist dafür der Ausdruck, den er
einmal (Der Fall Wagner 3) von den Dingen gebraucht, wie sie sich dem
Blick des Erkennenden darstellen: »Das _Filigran_ der Dinge«.
In Verbindung mit diesem Zuge steht die Neigung, Verborgenem und
Heimlichem nachzuspüren, Verstecktes ans Licht zu ziehen--; der
Blick für das Dunkel, und die instinctiv ergänzende Anempfindung und
Nachempfindung, wo dem Wissen Lücken bleiben. Ein grosser Theil von
Nietzsches Genialität beruht hierauf. Es hängt dies aufs engste mit
seiner hohen künstlerischen Kraft zusammen, in der sich der Blick
für das Feine und Einzelne in wundervoller Weise zu einem grossen,
freien Schauen des Zusammenhanges, des Gesammtbildes erweitert. Im
Dienste strengphilologischer Kritik hat er dieses Talent geübt,
um aus den Texten das Verblasste und Vergessene gewissenhaft
herauszulesen,[2]--aber in diesem Bemühen ist er zugleich schon über
seine rein gelehrten Studien hinausgeführt worden. Der Weg, auf dem
dieses geschah, führt uns zu seiner bedeutendsten philologischen
Arbeit, zu der Arbeit über die Quellen des Diogenes Laertius.
Denn die Beschäftigung mit dieser Schrift wurde für ihn der Anlass,
dem Leben der alten griechischen Philosophen und seiner Beziehung
zum Gesammtleben der Griechen nachzugehen. In seinen späteren Werken
kommt er einmal darauf zu sprechen (Menschliches, Allzumenschliches
I 261). Man sieht es, wie er über den Trümmern der Ueberlieferung
gesessen und gegrübelt haben mag, in die Lücken, in die entstellten
Theile die verlornen Gestalten hineindichtend, sie nachschaffend
und entzückt wandelnd »unter Gebilden von mächtigstem und reinstem
Typus«. Er schaut hinein in die Dämmerung jener Zeiten »wie in eine
Bildner-Werkstätte solcher Typen«. Und es ergreift ihn wunderbar, sich
vorzustellen, dass dort die Ansätze gelegen haben mögen zu einem noch
höhern Philosophentypus, wie ihn vielleicht Plato »von der sokratischen
Verzauberung frei geblieben« gefunden hätte. Dies Alles ist aber mehr
als ein blosser Uebergang vom Philologen zum Philosophen. Was sich
da in seinen sehnsüchtig schaffenden Gedanken verrieth, während er
gezwungen war, trockene Kritik zu üben, legt schon den letzten und
höchsten Punkt seines Ehrgeizes bloss; nicht umsonst ist es gewesen,
dass Nietzsche in die Philosophie nicht auf dem Wege abstracter
philosophischer Fachstudien eintrat, sondern auf dem einer tiefen
Auffassung des philosophischen Lebens in seiner innersten Bedeutung.
Und wenn wir das Ziel bezeichnen wollten, welchem durch alle Wandlungen
hindurch die Kämpfe dieses unersättlichen Geistes galten, so vermöchten
wir dafür kein bezeichnenderes Wort zu finden als das von der ersehnten
Entdeckung »einer neuen, bis dahin unentdeckt gebliebenen Möglichkeit
des philosophischen Lebens«. (Menschliches, Allzumenschliches i 261.)
So steht jene rein philologische Schrift dicht vor der ganzen Reihe der
späteren Werke,--einer kleinen, in der Mauer halb verborgenen Pforte
vergleichbar, die in ein umfangreiches Gebäude einführt. Wenn wir sie
öffnen, streift unser Blick schon die lange Flucht der Innenräume,
bis zum letzten, zum dunkelsten. Und wer hier auf der Schwelle stehen
bleibt und hindurchblickt, der vermag der gewaltigen Kraft nicht
ohne Staunen zu gedenken, die Stein um Stein zu einem Ganzen fügte:
einer Kraft, die jeden Einzeltheil mit verschwenderischem Reichthum
ausschmückte, ihn spielend zu so zahllosen Seitengängen und verborgenen
Verstecken ausbaute, als beabsichtige sie ein Labyrinth,--und die
dennoch mit eiserner Consequenz stets in gerader Grundlinie an ihrem
Werke weiter schuf.
An seinen griechischen Studien ging aber Nietzsche nicht nur die Ahnung
seines innerlichsten Strebens und die erste Fernsicht auf das Ziel
seiner geheimen Sehnsucht auf, sondern sie wiesen ihm auch den Weg, auf
dem er sich diesem Ziel nähern konnte. Denn sie waren es, die ihm das
ganze Culturbild des alten Hellenenthums zeigten, die ihm jene Bilder
einer versunkenen Kunst und Religion entrollten, in deren Anschauen
er in durstigen Zügen »frisches volles Leben« trank. So stellt er
seine philologische Gelehrsamkeit in den Dienst culturhistorischer,
ästhetischer, geschichtsphilosophischer Forschung und überwindet ihren
Formalismus.
Es verwandelt und vertieft sich für ihn damit die Bedeutung der
Philologie, »die zwar weder eine Muse noch eine Grazie, aber eine
Götterbotin ist; und wie die Musen zu den trüben, geplagten, böotischen
Bauern niederstiegen, so kommt sie in eine Welt voll düsterer Farben
und Bilder, voll von allertiefsten und unheilbarsten Schmerzen, und
erzählt tröstend von den lichten Göttergestalten eines fernen, blauen,
glücklichen Zauberlandes«.