Auf diese Weise wird das Umfassende und Verschlungene der

unharmonischen, der »stillosen« Natur zu einem gewaltigen Vorzug:

»Wollten und wagten wir eine Architektur nach _unserer_ Seelen-Art,--

-- -- -- so müsste das Labyrinth unser Vorbild sein!« (Morgenröthe

169.)--aber kein Labyrinth, in welchem die Seele sich selbst verliert,

sondern aus dessen Wirrnis sie zur Erkenntniss hindurchdringt. »Man

muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären

zu können«,-- dieses Wort Zarathustras (I 15) gilt von ihr, die

zum Sternendasein, zum Licht geboren ist als zu ihrem eigensten

Wesensgenius, ihrer eigensten Verklärung. Nietzsche hat dies unter dem

Namen: »Eine lichte Art von Schatten« geschildert (Der Wanderer und

sein Schatten 258): »Dicht neben den ganz nächtigen Menschen befindet

sich fast regelmässig, wie an sie angebunden, eine Lichtseele. Sie ist

gleichsam der negative Schatten, den jene werfen.«

Diese Lichtseele ist um so strahlender, je mächtiger und nächtiger,

also je tyrannischer und gefährlicher die Natur ist, welche sich

gleichsam in ihr verbrennen lässt,--alle ihre Neigungen als Brennstoff

in diese heilige Gluth wirft. Die Art, in welcher dies geschieht,

wechselt mit dem Erkenntnissstandpunkt des Erkennenden: Nietzsches

Auffassung dessen, was »Erkenntnisse ist, ist in seinen verschiedenen

Geistesperioden eine verschiedene, und dementsprechend verschiebt sich

auch jedesmal das, was er die »innere Rangordnung der Triebe« nennt,

innerhalb des wogenden Kampfes in dieser reichen Genie-Natur. Man

kann sagen, dass aus den wechselnden Bildern solcher Verschiebungen

sich die Geschichte seiner Entwicklung im Wesentlichen zusammensetzt,

bis in seiner letzten Schaffensperiode sein ganzes Innenleben sich

in philosophischen Theorien widerspiegelt: bis ihm Dunkelseele und

Lichtseele zu Repräsentanten des Menschlichen und Uebermenschlichen

werden.

Der geschilderte Seelenprocess selbst aber bleibt durch alle Wandlungen

hindurch in seinen Grundzügen der nämliche. »Hat man Charakter,

so hat man auch sein typisches Erlebniss, das immer wiederkommt,«

sagt Nietzsche (Jenseits von Gut und Böse 70). Nun, dieses ist sein

typisches Erlebniss, das immer wiederkommt, an dem er sich immer wieder

aufrichtete, über sich selbst erhob,--an dem er auch endlich sich in

sich selbst überschlug und zu Grunde ging.

Und daran _musste_ er wohl zu Grunde gehen. Denn in dem gleichen

Process, der ihm stets von neuem Heilung und Erhebung sicherte, lag

auch schon das pathologische Moment dieser Art von Geistesentwicklung

verborgen. Auf den ersten Blick fällt es nicht auf. Man sollte

vielmehr meinen, in einer Kraft, die sich selber so zu heilen weiss,

müsse mindestens ebensoviel Gesundheit stecken wie in dem ruhigen

Frieden einer harmonischen Kräfteentfaltung. Ja, sogar eine weit

grössere Gesundheit: denn sie ist im Stande, selbst an dem, was

Wunden schlägt und Fieber erzeugt, sich noch zu befestigen und zu

beweisen; sie ist im Stande, Krankheit und Kampf zu einem _Stimulans_

für Leben und Erkennen umzuwandeln, zu einem Sporn und Hellsehen für

ihre Zwecke,--sie _umfasst_ also schadlos Kampf und Krankheit. Auf

solche Weise wollte Nietzsche, namentlich zuletzt, namentlich als er

am krankhaftesten war, seine Leidensgeschichte aufgefasst wissen:

alseine _Genesungs_geschichte. Allerdings vermochte diese gewaltige

Natur es, sich mitten aus Schmerzen und Widerstreit heraus in ihrem

Erkenntnissideal selbst zu heilen und zusammenzufassen. Aber, nach

erlangter Genesung, _bedurfte_ sie wiederum ebenso nothwendig der

Leiden und Kämpfe, der Fieber und Wunden. Sie, die sich selbst Heilung

geschafft, ruft jene wieder, hervor; sie wendet sich gegen sich

selbst, schäumt gleichsam über, um sich in neue Krankheitszustände zu

ergiessen. Ueber jedem erreichten Erkenntnissziel, jedem erlangten

Genesungsglück stehen immer wieder die Worte: »Wer sein Ideal erreicht,

kommt eben damit über dasselbe hinaus«, denn: »sein Ueberglück ward

ihm zum Ungemach« (Fröhliche Wissenschaft, Scherz, List und Rache 47),

und er fühlt sich: »verwundet von seinem Glücke«[10] (Also sprach

Zarathustra II 2). »_Sich Schmerzen machen_. Rücksichtslosigkeit des

Denkens ist oft das Zeichen einer unfriedlichen inneren Gesinnung,

welche Betäubung begehrt.« Menschliches, Allzumenschliches I 581.

Die Gesundheit ist hier also nicht das Ueberlegene und Ueberragende,

welches das Pathologische, als ein Nebensächliches, zu einem Werkzeug

für sich umschafft, sondern beide bedingen sich, ja _enthalten_ sich

gegenseitig,--beide zusammen stellen thatsächlich eine eigenthümliche

_Selbstspaltung_ innerhalb ein und desselben Geisteslebens dar.

Eine solche innere Spaltung liegt nämlich dem ganzen geschilderten

Seelenprocess zu Grunde. Anscheinend zwar sollte in ihm die

Vielspältigkeit, die Subjects-Vielheit der unharmonisch veranlagten

Natur, in einer hohem Einheit, in einem richtunggebenden Ziel

aufgehoben werden. Nun vollzieht sich aber dieser Vorgang _innerhalb_

der vielspältigen Seele in der Weise, dass ein einziger Trieb sich

alle übrigen unterordnet; mit anderen Worten: die Vielspältigkeit

wird auf eine um so tiefer gehende _Zweispaltung_ reducirt. So wenig

wie die Gesundheit hier überragend das Krankhafte mit _umfasst_,

so wenig umfasst und überragt der herrschende Trieb wahrhaft das

gesammte Innere, indem er es in den Dienst der Erkenntniss stellt:

der Erkennende blickt wohl mit seinen Geistesaugen auf sich selbst

wie auf eine zweite Wesenheit, aber er bleibt doch in der eigenen

Wesenheit gefangen; er ist nur im Stande sie zu spalten, nicht über sie

hinauszugreifen. Die Macht der Erkenntniss also, weit davon entfernt,

eine einigende zu sein, ist vielmehr eine trennende,--aber die Tiefe

der Trennung erweckt den _Schein_, als läge das Ziel aller Regungen

_ausser ihnen_. In Folge dieser Selbsttäuschung drängen alle Kräfte

begeistert der Erkenntniss zu, als vermöchten sie damit sich selbst und

ihrem Zwiespalt zu entlaufen.

Man sollte allerdings glauben, es werde wenigstens eine Art von

Zusammenschluss des Gesammtlebens dadurch erreicht, dass auf der einen

Seite das Triebleben, unter dem darauf gerichteten Erkenntnissblick,

zu ungeheurer Bewusstheit gesteigert wird,--dass auf der anderen das

Denken durch die Welt der Stimmungen und Triebe eine ungemeine Belebung

erhält. Aber das Resultat ist ein gerade entgegengesetztes, indem

der Gedanke die Unmittelbarkeit aller inneren Regungen _zersetzt_,

die Erregungen des Inneren hinwiederum die beherrschte Strenge des

Gedankens beständig _lockern_. So durchdringt thatsächlich die Spaltung

des Ganzen alles Einzelne nur immer weiter und tiefer.

Was ist es nun, das trotzdem eine so hohe, geradezu erlösend wirkende

Befriedigung aus einer so durchsichtigen Selbsttäuschung quellen

lässt? Was ist es, das einen Schein dazu befähigt, das ganze Sein,

wenn auch unter steten Erkrankungen und Verwundungen, zu beseligen

und zu verklären? Mit dieser Frage stehen wir vor dem eigentlichen

Nietzsche-Problem; sie erst weist uns auf den geheimen Zusammenhang des

Gesunden und Pathologischen in ihm.

Indem nämlich die Vielheit unverbundener Einzeltriebe sich in zwei

einander gleichsam gegenüber stehende Wesenheiten zerspaltet, von denen

die Eine herrscht, die Andere dient,--wird es dem Menschen ermöglicht,

zu sich selber nicht nur wie zu einem _anderen_, sondern auch wie zu

einem _höhern_ Wesen zu empfinden. Indem er einen Theil seiner selbst

sich selber zum Opfer bringt, ist er einer _religiösen Exaltation_

nahe gekommen. In den Erschütterungen seines Geistes, in denen er das

heroische Ideal eigener Preisgebung und Hingebung zu verwirklichen

wähnt, bringt er _an sich selbst einen religiösen Affect_ zum Ausbruch.

Von allen grossen Geistesanlagen Nietzsches gibt es keine, die tiefer

und unerbittlicher mit seinem geistigen Gesammtorganismus verbunden

gewesen wäre, als sein religiöses Genie. Zu einer anderen Zeit,

in einer andern Culturperiode würde dasselbe diesem Predigerssohn

sicherlich nicht gestattet haben, zum Denker zu werden. Unter den

Einflüssen unserer Zeit erhielt jedoch sein religiöser Geist die

Richtung aufs Erkennen und vermochte dasjenige, wonach es ihn

instinctiv am drängendsten verlangte, wie nach dem natürlichen Ausdruck

seiner Gesundheit, nur in krankhafter Weise zu befriedigen,--das

heisst, er vermochte es nur vermittelst einer Rückbeziehung auf sich

selbst anstatt auf eine ihn mit umfassende, ausser ihm liegende

Lebensmacht. So erreichte er das gerade Gegentheil des Angestrebten:

nicht eine höhere Einheit seines Wesens, sondern dessen innerste

Zweitheilung, nicht den Zusammenschluss aller Regungen und Triebe zu

einem einheitlichen Individuum, sondern ihre Spaltung zum »_Dividuum_«.

Es war immerhin eine Gesundheit erreicht,--doch mit den Mitteln

der Krankheit; eine wirkliche Anbetung, doch mit den Mitteln der

Täuschung; eine wirkliche Selbstbehauptung und Selbsterhebung, doch

mit den Mitteln der Selbstverwundung. Deshalb liegen in dem gewaltigen

religiösen Affect, aus dem ganz allein bei Nietzsche alle Erkenntniss

hervorgeht, unlöslich in einen Knoten verschlungen: eigne _Aufopferung_

und _eigne Apotheose_, Grausamkeit der eignen _Vernichtung_ und

Wollust der eignen _Vergötterung_, leidvolles Siechen und siegende

Genesung, glühender Rausch und kühle Bewusstheit. Man fühlt hier die

enge Verknüpfung der Gegensätze, die einander unaufhörlich bedingen:

man fühlt das Ueberschäumen und freiwillige Hinabstürzen der aufs

Höchste erregten und gespannten Kräfte ins Chaotische, Dunkle,

Schauerliche, und dann wieder aus diesem heraus ein Drängen ins Lichte,

Zarteste,--das Drängen eines Willens, der sich«-- --von der Noth der

Fülle und Ueberfülle, vom Leiden der in ihm gedrängten Gegensätze

löst«,[11]--ein Chaos, das den Gott gebären möchte,--gebären _muss_.

»Im Menschen ist _Geschöpf_ und _Schöpfer_ vereint: im Menschen

ist Stoff, Bruchstück, Ueberfluss, Lehm, Koth, Unsinn, Chaos;

aber im Menschen ist auch Schöpfer, Bildner, Hammer-Härte,

Zuschauer-Göttlichkeit und siebenter Tag...«. (Jenseits von Gut

und Böse 225.) Und hier zeigt sich, dass unablässiges Leiden und

unablässige Selbstvergöttlichung sich gegenseitig bedingen, indem

ein jedes seinen eignen Gegensatz immer wieder neu erzeugt,-- wie es

Nietzsche in der Geschichte des Königs Viçvamitra ausgedrückt findet,

»der aus tausendjährigen Selbstmarterungen ein solches Machtgefühl und

Zutrauen zu sich gewann, dass er es unternahm, einen _neuen Himmel_ zu

bauen:-- -- --Jeder, der irgendwann einmal einen »neuen Himmel« gebaut

hat, fand die Macht dazu erst in der eignen Hölle...« (Genealogie der

Moral III 10.) Eine andere Stelle, wo er dieser Sage gedenkt, steht

in der Morgenröthe (113) und folgt unmittelbar auf die Schilderung

jener machtdurstigen Leidenden, die als das würdigste Object ihrer

Vergewaltigungslust sich selbst auserlesen haben: »Der Triumph des

Asketen über sich selber, sein dabei nach Innen gewendetes Auge,

welches den Menschen zu einem Leidenden und zu einem Zuschauenden

zerspaltet sieht und fürderhin in die Aussenwelt nur hineinblickt, um

aus ihr gleichsam Holz zum eigenen Scheiterhaufen zu sammeln, diese

letzte Tragödie des Triebes nach Auszeichnung, bei der es nur noch Eine

Person gibt, welche in sich selber _verkohlt_-- --« Dieser Abschnitt,

der die Beschreibung aller bisherigen Askese und ihrer Motive enthält,

schliesst mit der Bemerkung: -- --ja, ist denn wirklich der Kreislauf

im Streben nach Auszeichnung mit dem Asketen am letzten Ende angelangt

und in sich abgerollt? Könnte dieser Kreis nicht noch einmal von Anfang

an durchlaufen werden, mit der festgehaltenen Grundstimmung des Asketen

und zugleich des mitleidenden Gottes?«

In »Menschliches, Allzumenschliches« (I 137) sagt er darüber: Es gibt

einen _Trotz gegen sich selbst_, zu dessen sublimirtesten Aeusserungen

manche Formen der Askese gehören. Gewisse Menschen haben nämlich ein

so hohes Bedürfniss, ihre Gewalt und Herrschsucht auszuüben, dass

sie-- -- --endlich darauf verfallen, _gewisse Theile ihres eigenen

Wesens_-- -- --zu tyrannisiren.-- -- --Dieses Zerbrechen seiner selbst,

dieser Spott über die eigene Natur, dieses spernere se sperni,

aus dem die Religionen so viel gemacht haben, ist eigentlich _ein

sehr hoher Grad der Eitelkeit_.-- -- --Der Mensch hat eine wahre

Wollust darin, sich durch übertriebene Ansprüche zu vergewaltigen

und _dieses tyrannisch fordernde Etwas in seiner Seele nachher zu

vergöttern_.«--und 138: »-- --Eigentlich liegt ihm also nur an der

Entladung seiner Emotion; da fasst er wohl, um seine Spannung zu

erleichtern, die Speere der Feinde zusammen und begräbt sie in seine

Brust,«--und 142: »-- --er geisselt seine Selbstvergötterung mit

Selbstverachtung und Grausamkeit, er freut sich an dem wilden Aufruhre

seiner Begierden,-- -- --er versteht es, seinem Affect, zum Beispiel

dem der äussersten Herrschsucht, einen Fallstrick zu legen, so dass er

in den der äussersten Erniedrigung übergeht und seine aufgehetzte Seele

durch diesen Contrast aus allen Fugen gerissen wird;-- -- --es ist im

Grunde eine seltene Art von Wollust, welche er begehrt, aber vielleicht

jene Wollust, in der alle anderen in einen Knoten zusammengeschlungen

sind. Novalis, eine der Autoritäten in Fragen der Heiligkeit durch

Erfahrung und Instinct, spricht das ganze Geheimniss einmal mit naiver

Freude aus: »Es ist wunderbar genug, dass nicht längst die Association

von Wollust, Religion und Grausamkeit die Menschen aufmerksam auf ihre

innige Verwandtschaft und gemeinschaftliche Tendenz gemacht hat.«

In der That ist eine rechte Nietzsche-Studie in ihrer Hauptsache

eine _religionspsychologische_ Studie, und nur insoweit als das

Gebiet der Religionspsychologie bereits aufgehellt ist, fallen

auch helle Streiflichter auf die Bedeutung seines Wesens, seines

Leidens und seiner Selbst-Beseligung. Seine ganze Entwicklung ging

gewissermassen davon aus, dass er den Glauben verlor, also von der

»Emotion über den Tod Gottes«,--dieser ungeheuren Emotion, die bis in

das letzte Werk hineinklingt, das Nietzsche, schon auf der Schwelle

des Wahnsinns verfasste,-- bis in den vierten Theil seines: »Also

sprach Zarathustra«. _Die Möglichkeit, einen Ersatz[12] »für den

verlorenen Gott« in den verschiedensten Formen der Selbstvergottung_

zu finden, das ist die Geschichte seines Geistes, seiner Werke, seiner

Erkrankung. Es ist die Geschichte des »_religiösen Nachtriebes im

Denker_«, der noch mächtig bleibt, auch nachdem der Gott zerbrach,

auf den er sich bezog, und auf den Nietzsches Worte Anwendung finden

können: (Menschliches, Allzumenschliches I 223): »Die Sonne ist

schon hinunter gegangen, aber der Himmel unseres Lebens glüht und

leuchtet noch von ihr her, ob wir sie schon nicht mehr sehen.« Man

lese darüber den ergreifenden Gefühlsausbruch des »tollen Menschen« in

der »Fröhlichen Wissenschaft« (125). »Wohin ist Gott?« rief er, »ich

will es Euch sagen! _Wir haben ihn getödtet_!--ihr und ich! Wir Alle

sind seine Mörder!-- -- -- -- -- --Hören wir noch nichts vom Lärm der

Todtengräber, welche Gott begraben? Riechen wir noch nichts von der

göttlichen Verwesung?--auch Götter verwesen! Gott ist todt! Gott bleibt

todt! Und wir haben ihn getödtet! Wie trösten wir uns, die Mörder aller

Mörder? Das Heiligste und Mächtigste, was die Welt bisher besass, ist

unter unseren Messern verblutet,--wer wischt dies Blut von uns ab?

Mit welchem Wasser könnten wir uns reinigen?-- -- -- --_Ist nicht die

Grösse dieser That zu gross für uns? Müssen wir nicht selber zu Göttern

werden, um nur ihrer würdig zu erscheinen_? Es gab nie eine grössere

That,--und wer nur immer nach uns geboren wird, gehört um dieser That

willen in eine höhere Geschichte, als alle Geschichte bisher war!«-- --

Die Antwort auf diesen Ausbruch von Qual und Sehnsucht gab sich

Nietzsche in seiner letzten Schaffensperiode mit den Worten

Zarathustras (I Schluss): »Todt sind alle Götter: nun wollen wir, dass

der Uebermensch lebe!«--und sprach damit den innersten Seelengrund

seiner Philosophie aus.

Die Gottsehnsucht wird in ihrer Qual zu einem Drang der Gott-Schöpfung,

und dieser musste sich nothwendig in Selbstvergottung äussern.

Mit richtigem Blick erkannte Nietzsche im religiösen Phänomen die

ungeheure Auslebung des individuellsten Verlangens, den Willen zur

höchsten Selbstbeseligung. Dieser Individualismus, der als Kern in

allem Religiösen steckt, dieser »sublime Egoismus«, der in allem

Religiösen frei und naiv ausströmt, indem er sich auf eine von aussen

gegebene Lebens-oder Gottesmacht zu beziehen glaubt, wurde in ihm,

dem »Erkennenden«, auf sich selbst zurückgeworfen. Und so gelangt er

dazu, sich die ihm vom Verstände aufgedrungene Gottlosigkeit mit dem

vermessenen Schlüsse innerlich anzueignen: »_Wenn_ es Götter gäbe, wie

hielte ich's aus, kein Gott zu sein! Also gibt es keine Götter.« Diese

Worte stehen im zweiten Theil des »Also sprach Zarathustra« (6); an sie

lassen sich jene anderen anschliessen (55): »_Und Anbetung wird noch in

Deiner Eitelkeit sein_!« In ihnen ist die ganze Gefahr ausgesprochen,

die über dem »Einsamen« und »Einzelnen« schwebt, der sich spalten und

verdoppeln muss. »Einer ist immer zu viel um mich.-- -- --Immer Einmal

Eins--das gibt auf die Dauer Zwei!« (Also sprach Zarathustra I 76.)

Die Art, wie er sich zu dieser Zweiheit stellte, wie er sich gegen

sie zur Wehre setzte oder ihr nachgab, und worin er sie jedesmal

suchte,--das alles bedingt den Wandel seiner Erkenntniss, sowie die

Eigenart seiner verschiedenen Geistesperioden--bis endlich seine

Zweiheit ihm zu einer Hallucination und Vision, zu einer leibhaften

Wesenheit wurde, die seinen Geist verdüsterte, seinen Verstand

erstickte. Er vermochte nicht sich länger gegen sich selbst zu wehren:

Dieses war das dionysiche Drama vom »Schicksal der Seele« (Zur

Genealogie der Moral, Vorrede XIII) in Nietzsche selbst. Die Einsamkeit

des Innenlebens, in welcher der Geist über sich selbst hinausgelangen

will, ist nirgends tiefer und schmerzvoller als zum Schluss. Man könnte

sagen, die stärkste Mauer in dieser verhängnissvollen Selbstvermaurung

sei ein zarter, glänzender, göttlicher Schein, der sie umgaukelt, eine

Luftspiegelung, die ihm die eigenen Grenzen verwischt und verbirgt.

Jeder Gang nach aussen führt immer wieder in die Tiefe dieses Selbst

zurück, das sich schliesslich zu Gott und Welt, zu Himmel und Hölle

werden muss--jeder Gang führt es einen Schritt weiter in seine letzte

Tiefe und in seinen Untergang.

Diese Grundzüge von Nietzsches Eigenart enthalten die Ursachen des

zugleich _Raffinirten_ und _Exaltirten_, das auch dem Grossen und

Bedeutenden in seiner Philosophie beigemischt ist gleich einer

brennenden Würze. Am schärfsten wird es wohl von der unverdorbenen

Zunge junger und gesunder Geister herausgeschmeckt werden,--oder

auch von denen, die, im ruhigen Frieden glaubensvoller Anschauungen

geborgen, niemals den ganzen furchtbaren Kampf und Brand eines religiös

veranlagten Freigeistes am eignen Leibe erfahren haben. Aber es ist

auch dasjenige, was Nietzsche in so hohem Masse zum Philosophen unserer

Zeit hat werden lassen. Denn in ihm hat typische Gestalt gewonnen,

was sie in ihrer Tiefe bewegt: jene »Anarchie in den Instincten«

schöpferischer und religiöser Kräfte, die zu gewaltig nach Sättigung

begehren, um sich mit den Brosamen begnügen zu können, welche vom Tisch

der modernen Erkenntniss für sie abfallen. Dass sie sich nicht mit

ihnen begnügen können. aber ebensowenig ihre Stellung zur Erkenntniss

preisgeben,-- gleich unersättlich im leidenschaftlichen Verlangen

wie unermüdlich im Darben und Entbehren,--das ist der grosse und

erschütternde Zug im Bilde der Philosophie Nietzsches. Das ist es auch,

was sie in immer neuen Wendungen zum Ausdruck bringt:--eine Reihe von

gewaltigen Versuchen, dieses Problem moderner Tragik, das Räthsel der

modernen Sphinx zu lösen und sie in den Abgrund zu stürzen.

Aber deshalb ist es eben der _Mensch_ und nicht der _Theoretiker_,

auf den wir unsern Blick richten müssen, um uns in den Werken

Nietzsches zurechtzufinden,--und deshalb wird auch der Gewinn, das

Resultat unserer Betrachtung nicht darin bestehen, dass uns ein

neues theoretisches Weltbild in seiner Wahrheit aufgeht, sondern

das Bild einer Menschenseele in ihrer Zusammensetzung von Grösse

und Krankhaftigkeit. Zunächst scheint die philosophische Bedeutung

in Nietzsches Wandlungen dadurch abgeschwächt zu werden, dass sich

jedesmal genau derselbe innere Process abspielt. Aber sie wird vertieft

und verschärft, weil der Wechsel der Ansichten immer wieder auf das

Wesen übergreift. Nicht nur die äusseren Umrisslinien einer Theorie

sind jedesmal verändert, sondern die ganze Stimmung, Luft, Beleuchtung

wandelt sich mit ihnen. Während wir Gedanken einander widerlegen hören,

sehen wir Welten versinken, neue Welten emporsteigen. Gerade hierauf

beruht die wahre Originalität des Nietzscheschen Geistes: durch das

Medium seiner Natur, die Alles auf sich und ihre intimsten Bedürfnisse

bezieht, aber sich auch an Alles hingebend verliert, erschliessen sich

ihm jene inneren Erlebnisse und Ergebnisse von Gedankenwelten, die

wir sonst nur mit dem Verstände streifen, ohne sie jemals in ihren

Tiefen auszuschöpfen und ohne daher an ihnen schöpferisch zu werden.

Theoretisch betrachtet, lehnt er sich häufig an fremde Muster und

Meister an, aber das, worin diese ihre Reife, ihren Productionspunkt

haben, wird ihm nur zum Anlass, daran zu eigner Productivität zu

gelangen.[13] Die geringste Berührung, die sein Geist empfand, genügte,

um in ihm eine Fülle innern Lebens,--Gedanken-Erlebens, auszulösen.

Er hat einmal gesagt: »Es gibt zwei Arten des Genie's: eins, welches

vor allem zeugt und zeugen will, und ein andres, welches sich gern

befruchten lässt und gebiert.« (Jenseits von Gut und Böse 248.)

Zweifellos gehörte er der letzteren Art an. In Nietzsches geistiger

Natur lag--ins Grosse gesteigert--etwas Weibliches;[14] aber er

ist darin in einem solchen Masse Genie, dass es fast gleichgiltig

erscheint, woher er die erste Anregung empfängt. Wenn wir alles

zusammenlesen, was sein Erdreich befruchtet hat, dann haben wir einige

unscheinbare Samenkörner vor uns: wenn wir in seine Philosophie

eintreten, umrauscht uns ein Wald schattenspendender Bäume, umfängt

uns die verschwenderische Vegetation einer wildgrossen Natur. Seine

Ueberlegenheit bestand darin, dass er jedem Samenkorn, welches in sein

Inneres fiel, entgegenbrachte, was er selbst als das Kennzeichen des

echten Genies anführt: »den neuen, treibenden Fruchtboden mit einer

urwaldfrischen unausgenutzten Kraft.« (Der Wanderer und sein Schatten

118.)

[1] Eine zusammenfassende Charakteristik Nietzsches, in der zum ersten

Male die drei Perioden seiner geistigen Entwicklung unterschieden und

bestimmt charakterisirt sind, erschien in der Sonntags-Beilage der

Vossischen Zeitung 1891, Nr. 2, 3 und 4. Ausserdem brachte die »Freie

Bühne« eingehendere Ausführungen einzelner Punkte unter dem Titel »Zum

Bilde Friedrich Nietzsches, Jahrg. II (1891), Heft 3, 4 und 5, Jahrg.

III (1892), Heft 3 und 5; das Magazin für Literatur 1892, October, »Ein

Apokalyptiker«; Der Zeitgeist 1893, Nr. 20, »Ideal und Askese«.

[2] Was das Leben--, die sogenannten »Erlebnisse« angeht,-- wer von uns

hat dafür auch nur Ernst genug? Oder Zeit genug? Bei solchen Sachen

waren wir, fürchte ich, nie recht »bei der Sache«, wir haben eben unser

Herz nicht dort--und nicht einmal unser Ohr!« (Zur Genealogie der

Moral, Vorrede III.)

[3] Eine ähnliche Bedeutung legte er seinen selten kleinen und

feinmodellirten Ohren bei, von denen er sagte, sie seien die wahren

»Ohren für Unerhörtes«. (Zarathustra I 25.)

[4] »Giebt es--eine Vorneigung für das Harte, Schauerliche, Böse,

Problematische des Daseins aus Wohlsein, aus überströmender Gesundheit,

aus der Ueberfülle selbst?------Giebt es vielleicht--eine Frage für

Irrenärzte--_Neurosen der Gesundheit_?« (Versuch einer Selbstkritik zur

neuen Ausgabe der »Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik« IV u.

IX.)

[5] Vgl. auch »Die fröhliche Wissenschaft« 253, »Eines Tages erreichen

wir unser Ziel--und weisen nunmehr mit Stolz darauf hin, was für lange

Reisen wir dazu gemacht haben. Wir kamen aber dadurch so weit, dass wir

an jeder Stelle wähnten, zu Hause zu sein.«

Friedrich Nietzsche in seinen Werken · 第 2 / 18 段