Leiden und Einsamkeit,--das sind also die beiden grossen Sch

FRIEDRICH NIETZSCHE

IN SEINEN

WERKEN

VON

LOU ANDREAS-SALOMÉ.

MIT 2 BILDERN UND 3 FACSIMILIRTEN BRIEFEN NIETZSCHES.

ZWEITE AUFLAGE.

MOTTO:

NIETZSCHES WAHLSPRUCH:

»Increscunt animi, virescit volnere virtus.--«

Furius Antias bei Gellius.

VERLAGSBUCHHANDLUNG CARL KONEGEN

(ERNST STÜLPNAGEL). WIEN 1911.

Nicht Willens mich auseinanderzusetzen, weder mit dem

inzwischen veröffentlichten Nachlaß Nietzsches, noch

mit Andern über Nietzsche, lasse ich diese Schrift in

unverändertem (anastatischem) Druck neu auflegen.

Lou Andreas-Salomé.

IN TREUEM GEDENKEN GEWIDMET

EINEM UNGENANNTEN

INHALTS-VERZEICHNISS.

Sein Wesen

Seine Wandlungen

Das »System Nietzsche«

[Illustration]

Ein Brief Friedrich Nietzsches zum Vorwort.

I. ABSCHNITT

SEIN WESEN.

MOTTO:

»Der Mensch mag sich noch so

weit mit seiner Erkenntniss ausrecken,

sich selber noch so objectiv Vorkommen:

zuletzt trägt er doch Nichts davon,

als seine eigene Biographie.«

(Menschliches, Allzumenschliches I. 513.)

»Mihi ipsi scripsi!« ruft Friedrich Nietzsche in seinen Briefen

wiederholt nach Vollendung eines Werkes aus. Und gewiss hat es etwas

zu bedeuten, wenn der erste lebende Stilist dies von sich selber

sagt, er, dem es, wie keinem Zweiten, gelungen ist, für jeden seiner

Gedanken, und noch für die feinste Schattirung darin, den erschöpfenden

Ausdruck zu finden. Dem, der Nietzsches Schriften zu lesen weiss, ist

es denn auch ein verrätherisches Wort: es deutet die Verborgenheit

an, in welcher alle seine Gedanken stehen, die lebendige Hülle, die

sie vielgestaltig umkleidet, es deutet an, dass er im Grunde nur für

sich dachte, für sich schrieb, weil er nur sich selbst beschrieb, sein

eignes Selbst in Gedanken umsetzte.

* * * * *

Die »Bitte« in der »Fröhlichen Wissenschaft«, auf welche in dem

vorstehend facsimilirten Briefe Bezug genommen ist, lautet:

»Ich kenne mancher Menschen Sinn

Und weiss nicht, "Wer ich selber bin!

Mein Auge ist mir viel zu nah--

Ich bin nicht, was ich seh und sah.

Ich wollte mir schon besser nützen,

Könnt' ich mir selber ferner sitzen.

Zwar nicht so ferne wie mein Feind!

Zu fern sitzt schon der nächste Freund--

Doch zwischen dem und mir die Mitte!

Errathet ihr, um was ich bitte?«

(Scherz, List und Rache 25.)

Wenn es überhaupt die Aufgabe des Biographen ist, den Denker durch

den Menschen zu erläutern, so gilt dies in ungewöhnlich hohem Masse

für Nietzsche, denn bei keinem Andern fallen äusseres Geisteswerk und

inneres Lebensbild so völlig in Eins zusammen. Auf ihn trifft es ganz

besonders zu, was er in dem vorangestellten Briefe von den Philosophen

überhaupt ausspricht: dass man ihre Systeme auf die Personalacten ihrer

Urheber hin prüfen solle. Später hat er der gleichen Auffassung in den

Worten Ausdruck gegeben: »Allmählig hat sich mir herausgestellt, was

jede grosse Philosophie bisher war: nämlich das Selbstbekenntniss ihres

Urhebers und eine Art ungewollter und unvermerkter mémoires.« (Jenseits

von Gut und Böse 6.)

Dies war denn auch der leitende Gedanke in meinem in dem vorstehenden

Briefe erwähnten Entwurf zu einer Charakteristik Nietzsches, den

ich ihm im October 1882 vorlas und mit ihm durchsprach. Die Arbeit

enthielt im Umriss den ersten Theil des vorliegenden Buches und

einzelne Abschnitte des zweiten Theiles,--der Inhalt des dritten, das

eigentliche »System Nietzsche« war damals noch nicht geboren. Im Laufe

der Jahre erweiterte sich, im Anschlüsse an die rasch aufeinander

folgenden Werke, jene Charakteristik immer mehr, und Einzelnes daraus

ist bereits in besonderen Aufsätzen veröffentlicht worden.[1] Es

handelte sich für mich ausschliesslich darum, die Hauptzüge von

Nietzsches geistiger Eigenart zu schildern, aus denen allein seine

Philosophie und ihre Entwicklung begriffen werden können. Zu diesem

Zwecke beschränkte ich mich freiwillig sowohl nach der Seite der

rein theoretischen Betrachtungsweise, als auch hinsichtlich der rein

persönlichen Lebensbeschreibung. Beides durfte nicht zu weit geführt

werden, wenn die Grundlinien seines Wesens deutlich hervortreten

sollten. Wer Nietzsche auf seine Bedeutung als Theoretiker hin prüfen

wollte, auf das, was etwa die zünftige Philosophie aus ihm zu lernen

vermöchte, der würde sich enttäuscht abwenden, ohne zum Kern seiner

Bedeutung vorzudringen. Denn der Werth seiner Gedanken liegt nicht

in ihrer theoretischen Originalität, nicht in dem, was dialektisch

begründet oder widerlegt werden kann, sondern durchaus in der intimen

Gewalt, mit welcher hier eine Persönlichkeit zur Persönlichkeit

redet,--in dem, was nach seinem eigenen Ausdruck wohl zu widerlegen,

aber doch nicht »todtzumachen« ist. Wer andererseits von Nietzsches

äusserem Erleben ausgehen wollte, um sein Inneres zu erfassen, der

würde ebenfalls nur eine leere Schale in der Hand behalten, aus welcher

der Geist entwichen ist. Denn man kann von Nietzsche sagen, dass er

nach aussen hin eigentlich nichts erlebte:[2] all sein Erleben war ein

so tief innerliches, dass es sich nur im Gespräch, von Mund zu Mund,

und in den Gedanken seiner Werke kundthat. Die Summe von Monologen,

aus denen im Wesentlichen seine vielbändigen Aphorismensammlungen

bestehen, bilden ein einziges grosses Memoirenwerk, dem sein

Geistesbild zu Grunde liegt. Dieses Bild ist es, das ich hier zu

zeichnen versuche: das _Gedanken-Erlebniss_ in seiner Bedeutung für

Nietzsches Geisteswesen--das _Selbstbekenntniss_ in seiner Philosophie.

Obgleich Nietzsche seit einigen Jahren häufiger genannt wird als irgend

ein anderer Denker, obgleich viele Federn damit beschäftigt sind,

theils Jünger für ihn zu werben, theils gegen ihn zu polemisiren, so

ist er doch in den Grundzügen seiner geistigen Individualität nahezu

unbekannt geblieben. Denn seitdem die kleine, zerstreute Schaar seiner

Leser, die er stets besass, und die ihn wahrhaft zu lesen verstand,

zu einer grossen Schaar von Anhängern angewachsen ist, seitdem weite

Kreise sich seiner bemächtigt haben, ist ihm das Schicksal widerfahren,

welches jedem Aphoristiker droht; einzelne seiner Ideen, aus dem

Zusammenhang gelöst und dadurch beliebig deutbar, sind zu Stich- und

Schlagworten ganzer Richtungen gemacht worden, erklingen im Kampf von

Meinungen, im Streit von Parteien, denen er selbst völlig fern stand.

Wohl verdankt er diesem Umstand seinen raschen Ruhm, den plötzlichen

Lärm um seinen stillen Namen,--aber im Besten, durchaus Einzigartigen

und Unvergleichlichen, das er zu geben hat, ist er dadurch vielleicht

übersehen worden und unbeachtet geblieben,--ja in eine vielleicht noch

tiefere Verborgenheit zurückgetreten als vorher. Viele feiern ihn

zwar noch laut, mit der ganzen Naivetät gläubiger Kritiklosigkeit,

doch gerade sie gemahnen unwillkürlich an sein bitteres Wort: Der

Enttäuschte spricht: »Ich horchte auf Widerhall, und ich. hörte nur

Lob--« (Jenseits von Gut und Böse 99). Kaum Einer von ihnen ist ihm

wahrhaft nachgegangen,--fernab von den Andern und ihrem Tagesstreit

und allein in der Ergriffenheit seines eigenen Innern; kaum Einer hat

diesen einsamen, schwer ergründlichen, heimlichen und auch unheimlichen

Geist begleitet, der Ungeheures zu tragen wähnte und an einem

ungeheuren Wahn zusammenbrach.

Daher ist es, als stände er da inmitten derer, die ihn am meisten

preisen, wie ein Fremdling und Einsiedler, dessen Fuss sich in ihren

Kreis nur verirrte, und von dessen verhüllter Gestalt Keiner den Mantel

gehoben,--ja, als stände er da mit der Klage seines »Zarathustra« auf

den Lippen:

»Sie reden Alle von mir, wenn sie Abends ums Feuer sitzen,

aber Niemand--denkt an mich! Dies ist die neue Stille, die

ich lernte: ihr Lärm um mich breitet einen Mantel um meine

Gedanken.«

_Friedrich Wilhelm Nietzsche_ ist am 15. October 1844 als der

einzige Sohn eines Predigers in Röcken bei Lützen geboren, von wo

sein Vater später nach Naumburg versetzt wurde. Seine Schulbildung

empfing er in der nahegelegenen Schulpforta und ging dann als Student

der classischen Philologie an die Universität Bonn, wo damals der

berühmte Philologe Ritschl lehrte. Er studirte fast ausschliesslich

unter Ritschl, verkehrte auch persönlich viel mit ihm und folgte ihm

im Herbst 1865 nach Leipzig. In seine Leipziger Studienzeit fällt

Nietzsches erste persönliche Beziehung zu Richard Wagner, den er

1868 im Hause von dessen Schwester, der Frau Prof. Brockhaus, kennen

lernte, nachdem er sich schon früher mit seinen Werken vertraut

gemacht. Noch vor seiner Promotion berief 1869 die Universität

Basel den 24jährigen Nietzsche auf den Lehrstuhl des Philologen

Kiessling, der von dort an das Johanneum in Hamburg ging. Nietzsche

erhielt erst eine ausserordentliche, kurz darauf eine ordentliche

Professur für classische Philologie, und die Universität Leipzig

verlieh ihm den Doctorgrad ohne vorhergehende Promotion. Neben seinen

Universitätscollegien übernahm er den Unterricht des Griechischen

in der dritten (höchsten) Classe des Baseler Pädagogiums,--einer

Mittelanstalt zwischen Gymnasium und Universität,--an welcher noch

andere Universitätsprofessoren, wie der Culturhistoriker Jacob

Burckhardt und der Philologe Mähly, lehrten. Hier gewann er grossen

Einfluss auf seine Schüler; sein seltnes Talent, junge Geister an

sich zu fesseln und entwickelnd, anregend auf sie zu wirken, kam zu

voller Geltung. Burckhardt sagte damals von ihm: einen solchen Lehrer

habe Basel noch niemals besessen. Burckhardt gehörte zum engsten

Freundeskreise Nietzsches, zu dem noch der Kirchenhistoriker Franz

Overbeck und der Kantphilosoph Heinrich Romundt zählten. Mit den

beiden Letztem wohnte Nietzsche zusammen in einem Hause, welches nach

Veröffentlichung der »Unzeitgemässen Betrachtungen« in der Baseler

Gesellschaft den Beinamen: »Die Gifthütte« erhielt. Gegen Schluss

seines Baseler Aufenthalts lebte Nietzsche eine Zeit lang mit seiner

einzigen, fast gleichaltrigen Schwester Elisabeth zusammen, die später

seinen Jugendfreund Bernhard Förster heiratete und mit diesem nach

Paraguay ging. 1870 machte Nietzsche den deutschfranzösischen Krieg als

freiwilliger Krankenpfleger mit; nicht lange darauf traten die ersten

drohenden Anzeichen eines Kopfleidens hervor, das sich in periodisch

wiederkehrenden heftigen Schmerzen und Uebelkeiten äusserte. Will

man Nietzsches eigenen, mündlichen Aeusserungen Glauben schenken,

so war dieses Leiden erblicher Natur, und ist sein Vater demselben

erlegen. Neujahr 1876 fühlte er sich bereits so köpf- und augenkrank,

dass er sich im Pädagogium vertreten lassen musste, und von da ab

verschlimmerte sich sein Zustand derartig, dass er mehrere Male dem

Tode nahe war.

»Ein paar Mal den Pforten des Todes entwischt, aber fürchterlich

gequält,--so lebe ich von Tag zu Tage; jeder Tag hat seine

Krankengeschichte.« Mit diesen Worten schildert Nietzsche in einem

Briefe an einen Freund die Leiden, unter welchen er ungefähr 15 Jahre

zugebracht hat.

Umsonst verlebte er den Winter 1876-1877 in dem milden Klima von

Sorrent, wo er sich in Gesellschaft einiger Freunde befand: von Rom

war seine langjährige Freundin Malwida von Meysenbug (Verfasserin

der bekannten »Memoiren einer Idealistin« und Anhängerin R. Wagners)

zu ihm gekommen; von Westpreussen Dr. Paul Rée, mit dem ihn schon

damals Freundschaft und Gleichheit der Bestrebungen-verband. Dem

kleinen gemeinschaftlichen Hauswesen hatte sich auch noch ein junger

brustkranker Baseler, Namens Brenner, zugesellt, der jedoch bald darauf

starb. Als auch der Aufenthalt im Süden ohne günstige Wirkung auf seine

Schmerzen blieb, gab Nietzsche 1878 seine Lehrthätigkeit am Pädagogium

und 1879 seine Professur an der Universität endgiltig auf. Seitdem

führte er nur noch ein Einsiedlerleben, theils in Italien--meistens in

Genua--theils im Schweizer Gebirge, namentlich in dem kleinen Engadiner

Dorfe Sils-Maria, unweit des Maloja-Passes.

Sein äusserer Lebenslauf erscheint damit abgeschlossen und gleichsam

beendet, während sein Denkerleben erst jetzt recht eigentlich beginnt:

so dass uns der Denker Nietzsche, mit dem wir uns zu beschäftigen

haben, erst am Ausgang dieser Lebensereignisse vollkommen deutlich

entgegentritt. Trotzdem werden wir auf alle Schicksalswendungen und

Erlebnisse, die hier nur kurz skizzirt worden sind, bei Gelegenheit

der verschiedenen Perioden seiner Geistesentwicklung noch ausführlicher

zurückkommen müssen. Sein Leben und Schaffen zerfällt in der Hauptsache

in drei ineinander übergreifende Perioden, die je ein Jahrzehnt

umfassen:

Zehn Jahre, 1869--1879, dauerte Nietzsches Lehrthätigkeit in Basel;

diese philologische Wirksamkeit fällt der Zeit nach fast völlig

zusammen mit dem Jahrzehnt seiner Jüngerschaft Wagner gegenüber und

mit der Veröffentlichung derjenigen Werke, welche von der Metaphysik

Schopenhauers beeinflusst sind: sie währte von 1868 bis 1878, in

welchem Jahre er zum Zeichen seiner philosophischen Sinnesänderung

Wagner sein positivistisches Erstlingswerk: »Menschliches,

Allzumenschliches« übersandte.

Seit dem Anfang der Siebzigerjahre bestand seine Verbindung mit Paul

Rée, die im Herbst 1882 ihren Abschluss fand,--gleichzeitig mit der

Vollendung der »Fröhlichen Wissenschaft«, des letzten derjenigen Werke

Nietzsches, die noch auf positivistischer Grundlage ruhen.

Im Herbst 1882 fasste Nietzsche den Entschluss, sich zehn Jahre

lang aller schriftstellerischen Thätigkeit zu enthalten. In dieser

Zeit tiefsten Schweigens wollte er seine neue, dem Mystischen sich

zuwendende Philosophie auf ihre Richtigkeit prüfen und dann 1892 als

ihr Verkündiger auftreten. Diesen Vorsatz hat er nicht ausgeführt,

sondern gerade in den Achtzigerjahren eine fast ununterbrochene

Productivität entfaltet und ist dann noch vor Ablauf des von ihm

angesetzten Jahrzehntes verstummt: 1889 setzte ein gewaltsamer Ausbruch

seines Kopfleidens plötzlich aller weiteren Geistesarbeit ein Ziel.

Der Zeitraum aber zwischen der Niederlegung seiner Baseler Professur

und dem Aufhören aller geistigen Thätigkeit überhaupt umfasst wiederum

ein Jahrzehnt, die Zeit von 1879--1889. Seitdem lebt Nietzsche als

Kranker, nach einem vorübergehenden Aufenthalt in der Anstalt von

Professor Binswanger in Jena, bei seiner Mutter in Naumburg.

Die beiden diesem Buche beigegebenen Bilder zeigen Nietzsche

inmitten dieser letzten zehn Leidensjahre. Und gewiss ist dies die

Zeit gewesen, in welcher seine Physiognomie, sein ganzes Aeussere,

am charakteristischesten ausgeprägt erschien: die Zeit, in welcher

der Gesammtausdruck seines Wesens bereits völlig vom tief bewegten

Innenleben durchdrungen war, und selbst noch in dem bezeichnend blieb,

was er zurückhielt und verbarg. Ich möchte sagen: dieses Verborgene,

die Ahnung einer verschwiegenen Einsamkeit,--das war der erste, starke

Eindruck, durch den Nietzsches Erscheinung fesselte. Dem flüchtigen

Beschauer bot sie nichts Auffallendes; der mittelgrosse Mann in seiner

überaus einfachen, aber auch überaus sorgfältigen Kleidung, mit

den ruhigen Zügen und dem schlicht zurückgestrichenen braunen Haar

konnte leicht übersehen werden. Die feinen, höchst ausdrucksvollen

Mundlinien wurden durch einen vornübergekämmten grossen Schnurrbart

fast völlig verdeckt; er hatte ein leises Lachen, eine geräuschlose

Art zu sprechen und einen vorsichtigen, nachdenklichen Gang, wobei

er sich ein wenig in den Schultern beugte; man konnte sich schwer

diese Gestalt inmitten einer Menschenmenge vorstellen,--sie trug das

Gepräge des Abseitsstehens, des Alleinstehens. Unvergleichlich schön

und edel geformt, so dass sie den Blick unwillkürlich auf sich zogen,

waren an Nietzsche die Hände, von denen er selbst glaubte, dass sie

seinen Geist verriethen,--eine darauf zielende Bemerkung findet sich in

»Jenseits von Gut und Böse« (288): »Es giebt Menschen, welche auf eine

unvermeidliche Weise Geist haben, sie mögen sich drehen und wenden,

wie sie wollen, und die Hände vor die verrätherischen Augen halten

--als ob die Hand kein Verräther wäre!--.«[3]

Wahrhaft verrätherisch sprachen auch die Augen. Halbblind, besassen

sie dennoch nichts vom Spähenden, Blinzelnden, ungewollt Zudringlichen

vieler Kurzsichtigen; vielmehr sahen sie aus wie Hüter und Bewahrer

eigener Schätze, stummer Geheimnisse, die kein unberufener Blick

streifen sollte. Das mangelhafte Sehen gab seinen Zügen eine ganz

besondere Art von Zauber dadurch, dass sie, anstatt wechselnde, äussere

Eindrücke wiederzuspiegeln, nur das Wiedergaben, was durch sein Inneres

zog. In das Innere blickten diese Augen und zugleich,--weit über die

nächsten Gegenstände hinweg,--in die Ferne, oder besser: in das Innere

wie in eine Ferne. Denn im Grunde war seine ganze Denkerforschung

nichts als ein Durchforschen der Menschenseele nach unentdeckten

Welten, nach »ihren noch unausgetrunkenen Möglichkeiten« (Jenseits

von Gut und Böse 45), die er sich rastlos schuf und umschuf. Wenn er

sich einmal gab, wie er war, im Bann eines ihn erregenden Gesprächs zu

Zweien, dann konnte in seine Augen ein ergreifendes Leuchten kommen

und schwinden;--wenn er aber in finsterer Stimmung war, dann sprach

die Einsamkeit düster, beinahe drohend aus ihnen, wie aus unheimlichen

Tiefen,--aus jenen Tiefen, in denen er immer allein blieb, die er

mit Niemandem theilen konnte, vor denen ihn selbst bisweilen Grauen

erfasste,--und in die sein Geist zuletzt versank.

Einen ähnlichen Eindruck des Verborgenen und Verschwiegenen machte

auch Nietzsches Benehmen. Im gewöhnlichen Leben war er von grosser

Höflichkeit und einer fast weiblichen Milde, von einem stetigen,

wohlwollenden Gleichmuth,--er hatte Freude an den vornehmen Formen im

Umgang und hielt viel auf sie. Immer aber lag darin eine Freude an

der _Verkleidung_,--Mantel und Maske für ein fast nie entblösstes

Innenleben. Ich erinnere mich, dass, als ich Nietzsche zum ersten

Male sprach,--es war an einem Frühlingstage in der Peterskirche

zu Rom,--während der ersten Minuten das gesucht Formvolle an ihm

mich frappirte und täuschte. Aber nicht lange täuschte es an diesem

Einsamen, der seine Maske doch nur so ungewandt trug, wie Jemand, der

aus Wüste und Gebirge kommt, den Rock der Allerweltsleute trägt; sehr

bald tauchte die Frage auf, die er selbst in die Worte zusammengefasst

hat: »Bei Allem, was ein Mensch _sichtbar werden_ lässt, kann man

fragen: was soll es _verbergen_? Wovon soll es den Blick ablenken?

Welches Vorurtheil soll es erregen? Und dann noch: bis wie weit geht

die Feinheit dieser Verstellung? Und worin vergreift er sich dabei?«

Dieser Zug stellt nur die Kehrseite der Einsamkeit dar, aus welcher

Nietzsches Innenleben ganz herausbegriffen werden muss,--einer sich

stetig steigernden Selbstvereinsamung und Selbstbeziehung auf sich.

In dem Maasse, als sie zunimmt, wird alles nach Aussen gewandte Sein

zum Schein,--zum blossen täuschenden Schleier, den die Einsamkeitstiefe

nur um sich webt, um zeitweilig für Menschenaugen erkennbare Oberfläche

zu werden. »Tiefdenkende Menschen kommen sich im Verkehr mit Andern als

Komödianten vor, weil sie sich da, um verstanden zu werden, immer erst

eine Oberfläche anheucheln müssen.« (Menschliches, Allzumenschliches

II 232). Ja, man kann selbst Nietzsches Gedanken, sofern sie sich

theoretisch aussprechen, noch mit zu dieser Oberfläche rechnen, hinter

der, abgründig tief und stumm, das innere Erleben ruht, dem sie

entstiegen sind. Sie gleichen einer »Haut, welche Etwas verräth, aber

noch mehr verbirgt« (Jenseits von Gut und Böse 32); »denn«, sagt er

»entweder verstecke man seine Meinungen, oder man verstecke sich hinter

seine Meinungen« (Menschliches, Allzumenschliches II 338). Er findet

eine schöne Bezeichnung für sich selbst, wenn er in diesem Sinne von

den »Verborgenen unter den Mänteln des Lichts« redet (Jenseits von Gut

und Böse 44),--von denen, die sich in ihre Gedankenklarheit verhüllen.

In jeder Periode seiner Geistesentwicklung finden wir daher Nietzsche

in irgend einer Art und Form der Maskirung, und immer ist sie es,

welche die jeweilige Entwicklungsstufe recht eigentlich charakterisirt.

»Alles, was tief ist, liebt die Maske.... Jeder tiefe Geist braucht

eine Maske: mehr noch, um jeden tiefen Geist wächst fortwährend eine

Maske« (Jenseits von Gut und Böse 40).

»Wanderer, wer bist Du?-- -- --Ruhe Dich hier aus.-- -- --erhole

Dich!-- -- --Was dient Dir zur Erholung?-- -- --« »Zur Erholung? Zur

Erholung? Oh du Neugieriger, was sprichst du da! Aber gieb mir, ich

bitte-- --« »Was? Was? sprich es aus!--»Eine Maske mehr! Eine zweite

Maske!...« (Jenseits von Gut und Böse 278).

Und zwar wird es sich uns aufdrängen, dass in dem Grade, als

seine Selbstvereinsamung und grüblerische Selbstbeziehung auf

sich ausschliesslicher wird, auch die Bedeutung der jedesmaligen

Verkleidung eine tiefere wird, und das wirkliche Wesen hinter seiner

Aeusserungsform, das wirkliche Sein hinter dem vorgehaltenen Schein

immer weniger sichtbar zurückweicht. Schon in »Der Wanderer und sein

Schatten« (175) weist er auf die »Mediocrität als Maske« hin. »Die

Mediocrität ist die glücklichste Maske, die der überlegene Geist

tragen kann, weil sie die grosse Menge, das heisst die Mediocren,

nicht an Maskirung denken lässt--: und doch nimmt er sie gerade

ihretwegen vor,--um sie nicht zu reizen, ja nicht selten aus Mitleid

und Güte.« Von dieser Maske des Harmlosen an wechselt er sie bis zu

der des Grauenhaften, die noch Grauenhafteres hinter sich verbirgt:

»--bisweilen ist die Narrheit selbst die Maske für ein unseliges allzu

gewisses Wissen.« (Jenseits von Gut und Böse 270),--und endlich bis zu

einem täuschenden Lichtbild des göttlich Lachenden, das den Schmerz

in Schönheit zu verklären strebt. So ist Nietzsche innerhalb seiner

letzten philosophischen Mystik allmälig in jene letzte Einsamkeit

versunken, in deren Stille wir ihm nicht mehr folgen können, die uns

nur noch, wie Symbole und Wahrzeichen, seine lachenden Gedankenmasken

und deren Deutung übrig lässt, während er für uns bereits zu dem

geworden ist, als den er sich einmal in einem Briefe unterschreibt:

»Der auf ewig Abhandengekommene.« (Brief vom 8. Juli 1881 aus

Sils-Maria.)

Dieses innere Alleinsein, diese Einsamkeit ist in allen Wandlungen

Nietzsches der unveränderliche Rahmen, aus welchem sein Bild uns

anschaut. Mag er sich verkleidet haben, wie er will,--immer trägt

er »die Einöde und den heiligen unbetretbaren Grenzbezirk mit sich,

wohin er auch gehe«. (Der Wanderer und sein Schatten 387.) Und es

drückt daher auch nur das Bedürfniss aus, dass das äussere Dasein

seiner einsamen Innerlichkeit entsprechen möge, wenn er einem Freunde

schreibt: (Am 31 October 1880 aus Italien.)

»Als Recept, sowie als natürliche Passion erscheint mir immer

deutlicher die Einsamkeit und zwar die vollkommene,--und den Zustand,

in dem wir unser Bestes schaffen können, muss man hersteilen und viele

Opfer dafür bringen können.«

Den zwingenden Anlass aber, sein inneres Alleinsein so vollkommen wie

möglich zu einem äusseren zu machen, bot ihm erst sein _körperliches

Leiden_, welches ihn von den Menschen forttrieb und selbst den Verkehr

mit einzelnen seiner Freunde,--immer einen seltenen Verkehr zu

Zweien,--nur mit grossen Unterbrechungen möglich machte.

Leiden und Einsamkeit,--das sind also die beiden grossen Schicksalszüge

in Nietzsches Entwicklungsgeschichte, immer stärker ausgeprägt,

je näher man dem Ende kommt. Und sie tragen bis an das Ende jenes

wundersame Doppelgesicht, welches sie als ein äusserlich _gegebenes

Lebenslos_, und zugleich als eine rein psychisch bedingte, eine

_gewollte innere_ Nothwendigkeit erscheinen lassen. Auch sein

physisches Leiden, nicht minder als seine Verborgenheit und Einsamkeit,

reflectirte und symbolisirte etwas Tiefinnerliches--und dies so

unmittelbar, dass er es auch in seine äussere Schickung aufnahm wie

einen ihm zugedachten ernsten Freund und Wegegenossen. So schreibt er

einmal bei Gelegenheit einer Beileidsäusserung (Ende August 1881 aus

Sils-Maria): »Es jammert mich immer zu hören, dass Sie leiden, dass

Ihnen irgend etwas fehlt, dass Sie Jemanden verloren haben: während bei

mir Leiden und Entbehrung _zur Sache_ gehören und nicht, wie bei Ihnen,

zum Unnöthigen und zur Unvernunft des Daseins.«

Hierauf beziehen sich die einzelnen, in seinen Werken zerstreuten

Aphorismen über den _Werth des Leidens für die Erkenntniss_.

Er schildert den Einfluss der Stimmungen des Kranken und des

Genesenden auf das Denken, er begleitet die feinsten Uebergänge

solcher Stimmungen bis ins Geistigste hinauf. Eine periodisch

wiederkehrende Erkrankung, wie die seinige es war, scheidet beständig

eine Lebensperiode, und damit auch eine Gedankenperiode von der

vorhergehenden. Sie gibt durch dieses Doppeldasein die Erfahrungen

und das Bewusstsein zweier Wesenheiten. Sie lässt alle Dinge immer

wieder auch dem Geiste neu werden,--»_neu schmecken_« nennt er es

einmal höchst treffend,--und setzt ganz neue Augen auch noch für das

Gewohnteste, Alltäglichste ein. Ein Jegliches erhält etwas von der

Frische und dem lichten Thau der Morgenschönheit, weil _eine Nacht_

es vom vorhergehenden Tage getrennt hat. So wird jede Genesung ihm

zu einer Palingenesis seiner selbst und darin zugleich des Lebens um

ihn,--und immer wieder ist der Schmerz »verschlungen in den Sieg«.

Deutet Nietzsche es schon selbst an, dass die Natur seines physischen

Leidens sich gewissermassen in seinen Gedanken und Werken widerspiegle,

so springt der enge Zusammenhang von Denken und Leiden noch auffälliger

hervor, wenn man sein Schaffen und dessen Entwicklung als Ganzes

betrachtet. Man steht nicht jenen allmäligen Veränderungen des

Geisteslebens gegenüber, wie sie ein Jeder durchmacht, der seiner

natürlichen Grösse entgegenwächst,-- nicht den Wandlungen des

_Wachsthums_: sondern einem jähen Wandel und Wechsel, einem fast

rhythmischen Auf und Nieder von Geisteszuständen, die letzten Grundes

nichts Anderem zu entspringen scheinen, als einem _Erkranken an

Gedanken und einem Genesen an Gedanken_.

Nur aus der innersten Bedürftigkeit seiner ganzen Natur, nur aus

dem quälendsten Heilungsverlangen heraus erschliessen sich ihm neue

Erkenntnisse. Kaum aber ist er völlig in ihnen aufgegangen, kaum hat

er an ihnen ausgeruht und sie seiner eignen Kraft assimilirt,--da

ergreift es ihn auch schon wieder wie ein neues Fieber, etwas wie ein

unruhig drängender Ueberschuss an innerer Energie, der zuletzt seinen

Stachel gegen ihn selbst kehrt und ihn an sich selber erkranken lässt.

»Das Zuviel von Kraft erst ist der Beweis der Kraft», sagt Nietzsche

im Vorwort zur Götzen-Dämmerung (s. I);--in diesem Zuviel thut seine

Kraft sich Schmerzen an, tobt sie sich aus in leidvollen Kämpfen,

reizt sich auf zu den Qualen und Erschütterungen, an denen sein Geist

fruchtbar werden will.[4] Mit der stolzen Behauptung: »Was mich nicht

umbringt, macht mich stärker!« (Götzen-Dämmerung, Sprüche und Pfeile 8)

geisselt er sich,--nicht bis zum Umbringen, nicht bis zum Tode, aber

eben bis zu jenen Fiebern und Verwundungen, deren er bedarf. Dieses

Schmerzheischende zieht sich durch die ganze Entwicklungsgeschichte

Nietzsches als die eigentliche Geistesquelle in ihr; er spricht es

am treffendsten in den Worten aus: »Geist ist das Leben, das selber

ins Leben schneidet: an der eignen Qual mehrt es sich das eigne

Wissen,--wusstet ihr das schon? Und des Geistes Glück ist dies: gesalbt

zu sein und durch Thränen geweiht zum Opferthier,-- wusstet ihr das

schon?------Ihr kennt nur des Geistes Funken: aber ihr seht den Amboss

nicht, der er' ist, und nicht die Grausamkeit seines Hammers!« (Also

sprach Zarathustra II 33.) »Jene Spannung der Seele im Unglück,--

-- --ihre Schauer im Anblick des grossen Zügrundegehens, ihre

Erfindsamkeit und Tapferkeit im Tragen, Ausharren, Ausdeuten, Ausnützen

des Unglücks, und was ihr nur je von Tiefe, Geheimniss, Maske, Geist,

List, Grösse geschenkt worden ist:--ist es nicht ihr unter Leiden,

unter der Zucht des grossen Leidens geschenkt worden?« (Jenseits von

Gut und Böse 225.)

Und immer wieder tritt Zweierlei an diesem Vorgang besonders auffällig

hervor: Einmal der enge Zusammenhang von Gedankenleben und Seelenleben

in seinem Wesen, die Abhängigkeit seines Geistes von den Bedürfnissen

und Erregungen seines Innern. Dann aber die Eigenthümlichkeit, dass aus

dieser so engen Zusammengehörigkeit sich immer von Neuem Leiden ergeben

müssen; jedesmal bedarf es einer höhen Gluth der Seele, wo es zu

höchster Klarheit, zu hellem Licht der Erkenntniss kommen soll,--aber

nie darf diese Gluth in wohlthuender Wärme ausströmen, sondern muss

verwunden mit sengenden Feuern und brennenden Flammen: auch hier

gehört,--wie er es in dem oben angeführten Briefe ausdrückt,--»das

Leiden zur Sache«.

Wie Nietzsches körperliches Leiden der Anlass zu seiner äusseren

Vereinsamung wurde, so muss auch in seinem psychischen Leidenszustand

einer der tiefsten Gründe gesucht werden für seinen scharf zugespitzten

Individualismus, für die strenge Betonung des »Einzelnen« als

des »Einsamen« in Nietzsches besonderem Sinn. Die Geschichte des

»Einzelnen« ist durchaus eine _Leidensgeschichte_ und nicht irgend

welchem allgemeinen Individualismus zu vergleichen,--ihr Inhalt lautet

viel weniger: »Selbstgenügsamkeit« als: »_Selbsterduldung«_.Betrachtet

man das leidensvolle Auf und Nieder seiner Geisteswandlungen, dann

liest man die Geschichte eben so vieler Selbstverwundungen, und es

verbirgt einen langen, schmerzlichen Heldenkampf mit sich selbst, wenn

Nietzsche über seine Philosophie die kühnen Worte setzt: »Dieser Denker

braucht Niemanden, der ihn widerlegt: er genügt sich dazu selber!« (Der

Wanderer und sein Schatten 249.)

Seine ausserordentliche Fähigkeit, sich immer wieder in die härteste

Selbstüberwindung einzuleben, in jeder neuen Erkenntniss immer wieder

heimisch zu werden, scheint nur da zu sein, um die Trennung vom

Neuerrungenen jedesmal um so erschütternder zu gestalten. »Ich komme!

brich Deine Hütte ab und wandre mir entgegen!« gebietet ihm der Geist,

und mit trotziger Hand macht er sich selbst obdachlos und sucht von

Neuem das Dunkel, das Abenteuer und die Wüste auf mit der Klage auf

den Lippen: »Ich muss den Fuss weiter heben, diesen müden, verwundeten

Fuss: und weil ich muss, so habe ich oft für das Schönste, das mich

nicht halten konnte, einen grimmigen Rückblick,--weil es mich nicht

halten konnte!« (Fröhliche Wissenschaft 309.) Sobald ihm in einer

Anschauungsweise wahrhaft wohl geworden ist, erfüllt sich an ihm selbst

sein Wort: »Wer sein Ideal erreicht, kommt eben damit über dasselbe

hinaus.« (Jenseits von Gut und Böse 73.)[5]

Der _Meinungswechsel_, der _Wandlungsdrang_ stecken daher der

Philosophie Nietzsches tief im Herzen, sie sind durchaus bestimmend für

die Art seines Erkennens. Nicht umsonst nennt er sich im Schlusslied

von »Jenseits von Gut und Böse« einen: »Ringer, der zu oft sich selbst

bezwungen,--Zu oft sich gegen eigne Kraft gestemmt,-- --Durch eignen

Sieg verwundet und gehemmt.«

Im Heroismus der Bereitwilligkeit, die eigne Ueberzeugung preiszugeben,

nimmt dieser Drang in seinem Innern geradezu die Stelle der

_Ueberzeugungstreue_[6] ein. »Wir würden uns für unsere Meinungen

nicht verbrennen lassen:« heisst es in Der Wanderer und sein Schatten

(333), »wir sind ihrer nicht so sicher. Aber vielleicht dafür, dass

wir unsere Meinungen haben dürfen und ändern dürfen.« Und in der

Morgenröthe (370) spricht sich diese Gesinnung in den schönen Worten

aus: »Nie etwas zurückhalten oder Dir verschweigen, was _gegen Deinen

Gedanken_ gedacht werden kann. Gelobe es Dir! Es gehört zur ersten

Redlichkeit des Denkens. Du musst jeden Tag auch Deinen Feldzug

gegen Dich selber führen. Ein Sieg und eine eroberte Schanze sind

nicht mehr Deine Angelegenheit, sondern die der Wahrheit,--aber auch

Deine Niederlage ist nicht mehr Deine Angelegenheit!« Darüber steht

als Titel: »Inwiefern der Denker seinen Feind liebt.« Aber diese

Feindesliebe entspringt der dunklen Ahnung, dass im Feind ein künftiger

Genosse verborgen sein könne, und dass nur des Unterliegenden neue

Siege harren: sie entspringt der Ahnung, dass für ihn der stets

gleiche, schmerzliche Seelenprocess der Selbstverwandlung unumgängliche

Bedingung aller Schaffenskraft sei. »Der Geist ist es, der uns

rettet, dass wir nicht ganz verglühen und verkohlen.-- --Vom Feuer

erlöst, schreiten wir dann, durch den Geist getrieben, von Meinung

zu Meinung,-- --als _edle Verräther_ aller Dinge.« (Menschliches,

Allzumenschliches, I 637.) »--wir _müssen_ Verräther werden,

Untreue üben, unsere Ideale immer wieder preisgeben. (Menschliches,

Allzumenschliches, I 629.) Dieser Einsame musste gleichsam sich

selber vervielfältigen, in eine Mehrheit von Denkern zerfallen, in

dem Masse, als er sich in sich selber abschloss;--nur so vermochte

er geistig zu leben. Der Selbstverwundungstrieb war nur eine Art

seines Selbsterhaltungstriebes: nur indem er sich immer wieder in

Leiden stürzte, entlief er seinen Leiden. »Unverwundbar bin ich

allein an meiner Ferse!-- -- -- -- --Und nur wo Gräber sind, gibt es

Auferstehungen!-- -- --Also sang Zarathustra;« (II 46)--Er, zu dem das

Leben einst »dies Geheimniss redete«: »Siehe, sprach es, ich bin das,

was sich immer selber überwinden muss« (II 49).[7]

Ueber nichts hat wohl Nietzsche so oft und so tief nachgedacht,

wie über dieses sein eignes Wesensräthsel, und über nichts können

wir uns daher aus seinen Werken so gut unterrichten wie gerade

hierüber: im Grunde waren ihm alle seine Erkenntnissräthsel nichts

anderes. Je tiefer er sich selbst erkannte, desto rückhaltsloser

wurde seine ganze Philosophie zu einer ungeheuren Widerspiegelung

seines Selbstbildes,--und desto naiver legte er es dem Allbilde als

solchem unter. Wie unter den Philosophen abstracte Systematiker ihre

eignen Begriffe zu einer Weltgesetzlichkeit verallgemeinert haben, so

verallgemeinert Nietzsche seine Seele zur Weltseele. Aber um sein Bild

zu zeichnen, bedarf es nicht erst der Zurückführung seiner sämmtlichen

Theorien auf ihn selbst, wie es in den folgenden Theilen geschieht.

Ein gewisses Verständniss dafür ist auch schon hier möglich, wo

Nietzsche lediglich in Bezug auf seine geistige Veranlagung betrachtet

wird, Der Reichthum derselben ist zu mannigfaltig, als dass er in

einer bestimmten Ordnung erhalten werden könnte; die Lebendigkeit und

der Machtwillen jedes einzelnen Talentes und Geistestriebes führen

nothwendig zu einer nie beschwichtigten Nebenbuhlerschaft aller

Talente. In Nietzsche lebten in stetem Unfrieden, nebeneinander und

sich gegenseitig tyrannisirend, ein Musiker von hoher Begabung, ein

Denker von freigeisterischer Richtung, ein religiöses Genie und ein

geborener Dichter. Nietzsche selbst versuchte, daraus die Besonderheit

seiner geistigen Individualität zu erklären, und erging sich häufig in

eingehenden Gesprächen darüber.

Er unterschied zwei grosse Hauptgruppen von Charakteren: solche,

deren verschiedene Regungen und Triebe in Harmonie zueinander

stehen, eine gesunde Einheit bilden, und solche, deren Triebe und

Regungen sich gegenseitig hemmen und befehden. Die erste Gruppe

verglich er,--innerhalb des einzelnen Individuums,--mit dem Zustande

der Menschheit zur Zeit des Heerdenwesens, vor aller staatlichen

Gliederung: wie dort der Einzelne seine Individualität und sein

Machtgefühl nur besitzt im geschlossenen Ganzen der Heerde, so hier

die einzelnen Triebe im Ganzen der geschlossenen Persönlichkeit, deren

Inbegriff sie bilden. Die Naturen der zweiten Gruppe dagegen leben

in ihrem Innern, wie die Menschen bei einem Kriege Aller gegen Alle

leben würden;--die Persönlichkeit selbst löst sich gewissermassen in

eine Unsumme von eigenmächtigen Triebpersönlichkeiten auf, in eine

Subject-Vielheit. Dieser Zustand wird nur überwunden, wenn von aussen

her eine höhere Macht, eine stärkere Autorität geschaffen werden kann,

die über Alle zu herrschen weiss: gleich einem Gesetz staatlicher

Gliederung, für das es nur unterworfene Gewalten gibt. Denn was in den

zuerst geschilderten Naturen ganz instinctmässig vor sich geht--die

Einordnung des Einzelnen ins Ganze,--das muss hier erst erobert und den

tyrannischen Einzelgelüsten abgezwungen werden als eine unerbittlich

feste Rangordnung der Triebe untereinander.[8] Man sieht, hier ist der

Punkt, an welchem Nietzsche die Möglichkeit einer Selbstbehauptung als_

Ganzes durch das Leiden alles Einzelnen_ aufgegangen ist. Hier liegt

wie in einer Knospe eingeschlossen die ursprüngliche Bedeutung seiner

späteren Decadenz-Lehre mit dem Grundgedanken: es giebt die Möglichkeit

eines höchsten Vermögens und Schaffens durch ein beständiges Erdulden

und Verwunden. Mit einem Wort: hier ging ihm die Bedeutung des

_Heroismus als Ideal_ auf. Die eigene qualvolle Unvollkommenheit

riss ihn dem Ideal und dessen Tyrannei entgegen: »Unsere Mängel

sind die Augen, mit denen wir das Ideal sehen.« (Menschliches,

Allzumenschliches, II 86).

»Was macht heroisch? zugleich seinem höchsten Leide und seiner höchsten

Hoffnung entgegengehen« sagt er (Fröhliche Wissenschaft 268). Und ich

füge dem noch drei Aphorismen bei, die er mir einmal niederschrieb,

und die mir seine Auffassung mit besonderer Schärfe zu verdeutlichen

scheinen:

»Der Gegensatz des heroischen Ideals ist das Ideal der harmonischen

Allentwicklung,--ein schöner Gegensatz und ein sehr wünschenswerther!

Aber nur ein Ideal für grundgute Menschen. (Zum Beispiel: Goethe).[9]

Weiter: »Heroismus--das ist die Gesinnung eines Menschen, der ein Ziel

erstrebt, gegen welches gerechnet er gar nicht mehr in Betracht kommt.

Heroismus ist der gute Wille zum absoluten Selbst-Untergang.«

Und als drittes: »Menschen, die nach Grösse streben, sind gewöhnlich

böse Menschen; es ist ihre _einzige Art, sich zu ertragen_.« Das Wort

»böse« will hier ebenso wie oben das Wort »gut« weder im Sinn des

landläufigen Urtheils noch überhaupt im Sinne eines Urtheils genommen

werden, sondern blos als Bezeichnung eines Thatbestandes: und als eine

solche bezeichnet es für Nietzsche stets den »innern Krieg« in einer

Menschenseele,--dasselbe, was er später »Anarchie in den Instincten«

nennt. In seiner letzten Schaffensperiode hat sich ihm, auf dem Wege

einer bestimmten Gedankenentwicklung, das Bild dieses Seelenzustandes

bis zum Culturbilde der Menschheit ausgedehnt; die Losungsworte heissen

da: Innenkrieg = Décadence, und Sieg = Selbstuntergang der Menschheit

zur Erschaffung einer Uebermenschheit. Ursprünglich aber handelt es

sich für ihn um sein eigenes Seelenbild.

Er unterscheidet nämlich die harmonische oder einheitliche und die

heroische oder vielspältige Naturanlage als die beiden Typen des

_handelnden_ und des _erkennenden_ Menschen, mit anderen Worten: den

Typus seines Wesens-Gegensatzes und seinen eigenen.

Zum handelnden Menschen wird ihm der Ungetheilte und Unzersetzte,

der Instinct-Mensch, die Herrennatur. Wenn dieser seiner natürlichen

Entwicklung folgt, muss sein Wesen sich immer selbstsicherer und fester

zuspitzen und seine gedrängte Kraft in gesunden Thaten sich entladen.

Die Hemmnisse, welche die Aussenwelt ihm möglicherweise entgegenstellt,

enthalten zugleich eine Anregung und Förderung dafür: denn nichts ist

ihm naturgemässer, als der tapfere Kampf nach aussen hin, in nichts

erweist sich seine ungebrochene Gesundheit so sehr als in seiner

Kriegstüchtigkeit. Mag sein Intellect klein oder gross sein: in jedem

Fall steht er im Dienst dieser frischen Wesenskraft und dessen, was

ihr wohl thut und noth thut,-- er hat sich ihr in seinen Zielen nicht

entgegengesetzt, er hat sie nicht zersetzt, er folgt nicht eignen Wegen.

Ganz anders der erkennende Mensch. Anstatt nach einem festen

Zusammenschluss seiner Triebe zu suchen, der sie schützt und erhält,

lässt er sie so weit als irgend möglich auseinanderlaufen; je breiter

das Gebiet, das sie zu umfassen lernen, desto besser, je mehr der

Dinge, bis zu denen sie ihre Fühlhörner ausstrecken, und die sie

betasten, sehen, hören, riechen, desto tüchtiger sind sie ihm für seine

Zwecke,--für die Zwecke des Erkennens. Denn ihm ist nunmehr »das Leben

ein Mittel der Erkenntniss« (Fröhliche Wissenschaft 324) und erruft

seinen Genossen zu (Fröhliche Wissenschaft 319): »Wir selber wollen

unsere Experimente und Versuchstiere sein!« So gibt er sich selbst

freiwillig als Einheit auf,--je polyphoner sein Subject, desto lieber

ist es ihm:

»Scharf und milde, grob und fein,

Vertraut und seltsam, schmutzig und rein,

Der Narren und Weisen Stelldichein:

Dies Alles bin ich, will ich sein,

Taube zugleich, Schlange und Schwein!«

(Fröhliche Wissenschaft, Scherz, List und Rache 11.)

Denn wir Erkennenden, sagt er, müssen dankbar sein »gegen Gott,

Teufel, Schaf und Wurm in uns,-- -- -- --mit Vorder- und Hinterseelen,

denen Keiner leicht in die letzten Absichten sieht, mit Vorder-

und Hintergründen, welche kein Fuss zu Ende laufen dürfte, wir die

geborenen, geschworenen, eifersüchtigen Freunde der _Einsamkeit_-- --«.

(Jenseits von Gut und Böse 44.) Der Erkennende hat die Seele, welche

»die längste Leiter hat und am tiefsten hinunter kann,-- -- --die

_umfänglichste_ Seele, welche am weitesten in sich laufen und irren und

schweifen kann;-- -- --die sich selber fliehende, die sich selber im

weitesten Kreise einholt; die weiseste Seele, welcher die Narrheit am

süssesten zuredet: -- -- --die sich selber bebendste, in der alle Dinge

ihr Strömen und Wiederströmen und Ebbe und Fluth haben-- -- --.« (Also

sprach Zarathustra III 82.)

Mit solcher Seele wird man zum »Tausendfuss und Tausend-Fühlhorn«

(Jenseits von Gut und Böse 205), immer im Begriff, sich selbst zu

entlaufen, um sich bis in fremdes Wesen hinein zu erstrecken: »Wenn

man erst sich selber gefunden hat, muss man verstehen, sich von Zeit

zu Zeit zu _verlieren_--und dann wieder zu finden: vorausgesetzt, dass

man ein Denker ist. Diesem ist es nämlich nachtheilig, immer an Eine

Person gebunden zu sein.« (Der Wanderer und sein Schatten 306.) Das

Gleiche besagen die Verse (Fröhliche Wissenschaft, Scherz, List und

Rache 33):

»Verhasst ist mir's schon, selber mich zu führen!

Ich liebe es, gleich Wald- und Meeresthieren,

Mich für ein gutes Weilchen zu verlieren,

In holder Irrniss grüblerisch zu hocken.

Von ferne her mich endlich heimzulocken,

Mich selber zu mir selber--zu verführen.«

Das Versehen ist überschrieben »Der Einsame«, d. h. der von den

Anforderungen und Kämpfen der Aussenwelt möglichst Abgeschiedene;

denn kriegstüchtig nach aussen hin wird ein solches Innenleben in dem

Masse immer weniger, je vollkommener es benommen und bewegt ist von

den Kriegen, Siegen, Niederlagen und Eroberungen innerhalb seiner

eignen Triebe. In der Einsamkeit seiner geistigen Selbstversenkung und

Selbsterweiterung sucht es vielmehr eine Hülle, die es schonend behüte

vor den lauten und verwundenden Lebensereignissen draussen,--steht

es doch schon ohnedies in Kampf und Wunden; gilt doch von diesem

Erkennenden die Schilderung:--das ist ein Mensch, der beständig

ausserordentliche Dinge erlebt, sieht, hört, argwöhnt, hofft, träumt;

der von _seinen eigenen Gedanken wie von Aussen her_,-- --als von

_seiner Art Ereignissen und Blitzschlägen_ getroffen wird.« (Jenseits

von Gut und Böse 292.)

Denn die kriegerische Stellung der Triebe zu einander in seinem Innern

ist damit nicht aufgehoben, sondern eher gesteigert: »Wer aber die

Grundtriebe des Menschen darauf hin ansieht, wie weit sie gerade

hier als inspirirende Genien (oder Dämonen und Kobolde--) ihr Spiel

getrieben haben mögen, wird finden,-- -- -- -- --dass jeder Einzelne

von ihnen gerade sich gar zu gerne als letzten Zweck des Daseins und

als berechtigten _Herrn_ aller übrigen Triebe darstellen möchte.

Denn jeder Trieb ist herrschsüchtig und _als solcher_ versucht er zu

philosophiren« (Jenseits von Gut und Böse 6).

Daher grade legt die Erkenntniss des Erkennenden ein »entscheidendes

Zeugniss dafür ab, _wer er ist_,--das heisst, in welcher Rangordnung

die innersten Triebe seiner Natur zu einander gestellt sind«

(ebendaselbst).

Trotzdem aber wird durch das Erkennen in diesem Innen-Krieg eine

Verwandlung vollzogen, die demselben eine neue Bedeutung gibt,--eine

rettende und erlösende Bedeutung: in der Erkenntniss ist ein allen

Trieben gemeinsames Ziel gegeben, eine Richtung, der ein jeder von

ihnen insofern zustrebt, als sie alle das Nämliche erobern wollen.

Die Zersplitterung des Beliebens, die Tyrannei der Willkür ist damit

gebrochen. Die Triebe halten an ihrer »Subjects-Vielheit« fest, aber

sie unterstellen dieselbe einer höheren Macht, die ihnen als Dienern

und Werkzeugen befiehlt; sie bleiben wild und kriegerisch, aber sie

werden in ihrem Kriegs-Ziel unvermerkt zu Helden, die zu kämpfen

und zu bluten berufen sind;--das heroische Ideal ist inmitten ihrer

Selbstsucht aufgerichtet und zeigt den für sie einzig möglichen Weg

zur Grösse. So ist die Gefahr der Anarchie beseitigt zu Gunsten eines

sichern »Gesellschaftsbaues der Triebe und Affecte«.

Ich erinnere mich eines mündlichen Ausspruches von Nietzsche, der sehr

bezeichnend diese Freude des Erkennenden an der umfassenden Breite und

Tiefe seiner Natur ausdrückt,--die Lust, die daraus entspringt, dass

er sein Leben nunmehr als ein »Experiment des Erkennenden« (Fröhliche

Wissenschaft 324) auffassen darf: »Einer alten, wetterfesten Burg

gleiche ich, die viele versteckte Keller und Unterkeller hat; in

meine eignen verborgensten Dunkelgänge bin ich noch nicht ganz

hinabgekrochen, in meine unterirdischen Kammern bin ich noch nicht

gekommen. Sollte mit ihnen nicht alles unterbaut sein? sollte ich nicht

aus meiner Tiefe zu allen Oberflächen der Erde hinaufklettern können?

sollten wir nicht auf jedem Dunkelgang zu uns selber wiederkehren?«

Dasselbe Gefühl gibt auch in der »Fröhlichen Wissenschaft« (249)

der Aphorismus wieder, der die Ueberschrift trägt: »Der Seufzer des

Erkennenden«: »Oh über meine Habsucht! In dieser Seele wohnt keine

Selbstlosigkeit,-- vielmehr ein Alles begehrendes Selbst, welches

durch viele Individuen wie durch _seine_ Augen sehen und wie mit

_seinen_ Händen greifen möchte,--ein auch die ganze Vergangenheit noch

zurückholendes Selbst, welches nichts verlieren will, was ihm überhaupt

gehören könnte! Oh über diese Flamme-meiner Habsucht! Oh dass ich in

hundert Wesen wiedergeboren würde!«

Friedrich Nietzsche in seinen Werken · 第 1 / 18 段