er wieder wütend und mit einer schrecklichen Gebärde, wenn auch nicht
mit der Stimme, schien er zu sagen:
»Hinauf, hinauf!«
Und so fing er an, die Treppe hinaufzukriechen; mit der einen Hand
suchte er den Weg, mit der andern hielt er die Büchse, und zwischen den
Zähnen hielt er das nichtswürdige Papier.
Zur Bekräftigung seines logischen Argwohns drangen, als er sich der
geschlossenen Thür des Schlafzimmers näherte, durch einige Ritzen in
deren Brettern und durch das Schlüsselloch etliche Lichtstrahlen.
»Da sind sie!« sagte er von neuem.
Und er hielt einen Augenblick inne, um den neuen Trank der Bitterkeit
hinunterzuschlucken.
Dann stieg er weiter hinauf, bis er vor der Thür des Schlafzimmers
selbst stand.
Hinter derselben hörte er nicht das geringste Geräusch.
»Wenn niemand dort wäre!« sagte schüchtern die Hoffnung.
Aber in demselben Augenblick hörte der Unglückliche im Zimmer husten.
Es war der halb asthmatische Husten des Corregidors.
Es war kein Zweifel mehr! In diesem Schiffbruche fand er keine rettende
Planke.
In der Finsternis lächelte der Müller auf eine schreckliche Weise.
Warum leuchten solche Blitze nicht in der Dunkelheit? Was ist alles
Feuer der höllischen Qualen gegen die heiße Lohe, die zuweilen im Herzen
des Menschen brennt?
Und doch, sobald Tio Lucas den Husten seines Feindes hörte, fing er an
sich zu beruhigen, denn so war seine Seele, wie wir schon an anderer
Stelle bemerkten.
Die Wirklichkeit war ihm weniger gefährlich, als der Zweifel. Genau so,
wie er es an jenem Nachmittage der Seña Frasquita gesagt hatte, von dem
Augenblick an, wo er den einzigen Glauben, der sein Leben und seine
Seele war, verlor, fing er an ein neuer Mensch zu werden.
Gleich dem Mohren von Venedig (mit dem wir ihn schon bei der
Beschreibung seines Charakters verglichen haben) tötete die Enttäuschung
in ihm mit einem Schlage alle Liebe, verwandelte sofort das ganze Wesen
seines Geistes und ließ ihn die Welt wie eine ganze neue Region sehen,
zu der er eben erst gekommen war. Der einzige Unterschied bestand darin,
daß der Tio Lucas aus Idiosynkrasie weniger tragisch, weniger streng und
weniger selbstsüchtig war, als der unvernünftige Opferer Desdemona's.
Sonderbar! aber doch wieder ganz richtig in solcher Lage! Zweifel oder
auch Hoffnung, was in dem Falle wohl dasselbe ist, quälte ihn noch einen
Augenblick...
»Wenn ich mich geirrt hätte,« dachte er, »wenn Frasquita gehustet
hätte...«
In seinem überwältigenden Unglück vergaß er ganz, daß er die Kleider des
Corregidors vor dem Kamin gesehen hatte, daß er die Thür der Mühle offen
gefunden, daß er die Bescheinigung seiner Schande gelesen...
Er bückte sich und blickte durch das Schlüsselloch, vor Ungewißheit und
Bangen zitternd.
Der Gesichtskreis umfaßte nur ein kleines Dreieck am Kopfende des
Bettes; aber gerade in jenem kleinen Dreieck sah er das äußerste Ende
der Kopfkissen und auf den Kopfkissen den Kopf des Corregidors.
Ein erneutes diabolisches Lächeln verzerrte das Gesicht des Müllers.
Fast konnte man meinen, er fühle sich wieder glücklich.
»Jetzt bin ich im Besitz der Wahrheit,« murmelte er und richtete sich
ruhig auf. Dann stieg er ebenso leise und tastend, wie er die Treppe
hinaufgestiegen war, dieselbe hinunter.
»Die Angelegenheit ist sehr delikat... Ich muß noch überlegen. Ich habe
noch zu allem Zeit,« überlegte er, während er hinunterschlich.
Als er wieder in der Küche angekommen war, setzte er sich inmitten
derselben nieder und verbarg das Gesicht in den Händen. So blieb er
lange Zeit sitzen, bis ein leichter Schlag, den er auf einem Fuße
fühlte, ihn aus seinem Nachdenken aufschreckte.
Es war die Donnerbüchse, die an seinen Knien heruntergeglitten war und
ihm dieses Zeichen machte.
»Nein, ich sage dir, nein,« murmelte Tio Lucas und blickte auf die
Waffe. »Du bist nicht das, was ich gebrauche. Alle Welt würde Mitleid
mit ihnen haben, und mich würden sie aufhängen. Es handelt sich ja um
einen Corregidor, und einen Corregidor zu töten ist in Spanien noch eine
unverzeihliche Sache; sie würden sagen, ich hätte ihn aus unbegründeter
Eifersucht getötet und dann ausgezogen und ins Bett gelegt. Sie würden
weiter sagen, daß ich meine Frau auf den einfachen Verdacht hin getötet
hätte. Und mich würden sie aufhängen. Und =ob= sie mich nicht
aufhängen würden. Übrigens hätte ich wenig Beweise von Herz und Verstand
gegeben, wenn ich an meinem Lebensende bemitleidet werden müßte. Alle
würden über mich lachen! Sie würden sagen, daß mein Unglück ganz
natürlich wäre, weil ich buckelig und Frasquita so schön war. -- Nichts,
nein, Rache brauche ich, und nachdem ich mich gerächt habe, will ich
triumphieren, verachten, lachen, viel lachen, über alle lachen, und so
vermeide ich, daß man über diesen Buckel spotten kann, den man jetzt
fast beneidet und der am Galgen so grotesk sein würde.«
So sprach und überlegte Tio Lucas, ohne sich vielleicht genau
Rechenschaft darüber abzulegen, und kraft dieser Rede stellte er die
Büchse an ihren Ort und fing an, mit auf dem Rücken verschränkten Armen
und gesenktem Haupte auf und ab zu gehen, wie wenn er seine Rache auf
dem Fußboden, in der Erde, unter den Trümmern seines Lebensglückes in
einer lächerlichen, vulgären Kriegslust suchte, die seine Frau und den
Corregidor dem Gelächter preisgeben sollte. Er suchte die Rache nicht in
der Gerechtigkeit, in der Verzeihung, im Himmel, wie ein anderer Mann es
an seiner Stelle gethan hätte, dessen Temperament sich weniger als das
seine gegen alle Forderungen der Natur, der Gesellschaft und seiner
eigenen Gefühle aufgelehnt hätte.
Plötzlich blieben seine Augen auf den Kleidern des Corregidors haften.
Da richtete er sich auf...
Nach und nach wurde sein Gesicht von einer unerklärlichen Heiterkeit,
Freude und Triumph verklärt, bis er selbst auf eine entsetzliche Art
anfing zu lachen, das heißt, es waren tolle Ausbrüche, ohne daß man auch
nur den geringsten Laut hörte, damit die oben nicht auf ihn aufmerksam
wurden; er drückte die Fäuste auf die Kinnladen, um nicht vor Lachen zu
bersten, schüttelte sich wie ein von Krämpfen Befallener und ließ sich
endlich in einen Stuhl fallen, bis der Anfall sarkastischer Freude
vorüber war; es war wirklich ein mephistophelisches Gelächter.
Sobald er sich beruhigt hatte, fing er an, sich mit fieberhafter Hast
umzukleiden; seine Kleider legte er genau auf dieselben Stühle, auf
denen die des Corregidors gelegen hatten, zog alle Kleinodien an, die
jenem gehörten, bis zu den Schnallenschuhen und dem Dreispitz, umgürtete
sich mit dessen Degen, hüllte sich in den roten Mantel, ergriff den
Stock und die Handschuhe, verließ die Mühle und ging auf die Stadt zu,
indem er sich genau in derselben Weise wiegte, wie Don Eugenio de Zuñiga
zu thun pflegte, und von Zeit zu Zeit wiederholte er eine Phrase, die er
in Gedanken weiter auslegte.
»Auch die Corregidora ist reizend.«
21.
Achtung, Herr!
Lassen wir jetzt den Tio Lucas und beschäftigen wir uns mit dem, was in
der Mühle vorgefallen ist, seit dem Augenblicke, in dem wir die Seña
Frasquita allein ließen bis zur Rückkehr ihres Mannes, der so wunderbare
Dinge wahrnehmen sollte.
Ungefähr eine Stunde, nachdem der Tio Lucas mit Toñuelo die Mühle
verlassen hatte, hörte die Seña Frasquita, welche sich vorgenommen
hatte, sich bis zur Rückkehr ihres Mannes nicht niederzulegen, und in
dem im obern Stockwerk gelegenen Schlafzimmer ruhig strickend saß,
außerhalb des Hauses, ganz in der Nähe des Mühlgerinnes, ein
jämmerliches Geschrei.
»Zu Hilfe. Ich ersticke! Frasquita! Frasquita!« rief eine Männerstimme
in düsterm Tone der Verzweiflung.
»Sollte das Lucas sein?« dachte die Navarresin mit einem Entsetzen, das
wir nicht zu beschreiben brauchen.
Im Schlafzimmer selbst war eine Thür, von welcher uns Garduña schon
erzählt hat, und die wirklich auf den obern Teil des Mühlgerinnes ging.
Ohne zu zögern, öffnete Frasquita dieselbe, obgleich sie die Hilfe
heischende Stimme nicht erkannt hatte, und fand sich dem Corregidor
gegenüber, der in demselben Augenblicke triefend aus dem ungestüm
dahinströmenden Graben auftauchte.
»Gott verzeih es mir! Gott verzeihe mir!« stotterte der nichtswürdige
Alte. »Ich glaubte, ich würde untergehen.«
»Was? Sie sind es? Was bedeutet das? Wie können Sie es wagen? Was wollen
Sie hier zu dieser Stunde?« rief sie, mehr entrüstet als erschreckt,
aber doch unwillkürlich zurückweichend.
»Schweig! Schweig doch, Frau!« stotterte der Corregidor, indem er hinter
ihr in das Gemach glitt. »Du sollst alles wissen. Beinahe wäre ich
ertrunken. Schon trug mich das Wasser wie eine Feder fort. Sieh nur,
sieh, wie ich zugerichtet bin.«
»Hinaus! Hinaus von hier!« erwiderte Seña Frasquita mit der äußersten
Heftigkeit. »Sie brauchen mir nichts zu erklären. Nur zu gut verstehe
ich alles! Was geht es mich an, ob Sie ertrinken? Habe ich Sie gerufen?
Ah! Was für eine Nichtswürdigkeit! Darum also haben Sie meinen Mann
festnehmen lassen?«
»Höre, Frau!«
»Ich höre nichts! Verlassen Sie sofort das Haus, Herr Corregidor! Gehen
Sie sofort, oder ich stehe nicht für Ihr Leben!«
»Was sagst du?«
»Das, was Sie hören! Mein Mann ist nicht im Hause; doch ich genüge, um
ihm die Achtung zu verschaffen. Gehen Sie, woher Sie gekommen sind, wenn
Sie nicht wollen, daß ich Sie mit meinen eigenen Händen wieder in das
Wasser zurückwerfe.«
»Kleine, Kleine! schreie doch nicht so, ich bin ja nicht taub,« rief der
Libertin aus. »Wenn ich hier bin, so wird es auch wohl einen Zweck
haben. Ich will den Tio Lucas, den ein Dorfschulze irrtümlich eingezogen
hat, in Freiheit setzen. Aber vor allen Dingen muß ich erst meine
Kleider trocknen. Ich bin bis auf die Haut durchnäßt!«
»Ich sage Ihnen, daß Sie gehen sollen!«
»Schweig doch, Thörin! Was weißt du? Sieh, hier bringe ich dir die
Ernennung deines Neffen. Zünde Feuer an, und dann wollen wir weiter
sprechen. Übrigens, während meine Kleider trocknen, werde ich mich in
dies Bett legen...«
»Aha, schon! Also, nun erklären Sie schon, daß Sie um meinetwillen
gekommen sind? Also nun gestehen Sie schon, daß Sie darum meinen Lucas
gefangen nehmen ließen? Also haben Sie schon Ihre Ernennung und alles
gebracht? Heilige des Himmels! Was hat dieses Ungeheuer nur von mir
gedacht!«
»Frasquita! Ich bin der Corregidor!«
»Und wären Sie der König! Mir das? Ich bin die Frau meines Mannes und
die Herrin meines Hauses. Glauben Sie, daß ich mich vor den Corregidoren
fürchte? Ich weiß meinen Weg nach Madrid zu finden und bis ans Ende der
Welt, um gegen einen unverschämten Alten, der seine Autorität durch den
Schmutz schleift, Gerechtigkeit zu verlangen. Und ganz besonders weiß
ich mir morgen meine Mantille umzulegen und zur Frau Corregidora zu
gehen.«
»Du wirst nichts von alledem thun!« antwortete der Corregidor, der
anfing, die Geduld zu verlieren und seine Taktik änderte. »Du wirst
nichts von alledem thun, denn ich werde dir eine Kugel durch den Kopf
jagen, wenn ich sehe, daß du nicht vernünftig sein willst.«
»Eine Kugel!« rief die Seña Frasquita mit dumpfer Stimme aus.
»Eine Kugel, ja! Und daraus kann mir kein Nachteil erwachsen. Zufällig
habe ich in der Stadt zurückgelassen, daß ich heute Nacht auf die Jagd
nach Verbrechern ginge. Also, sei nicht thöricht... und liebe mich...
wie ich dich anbete.«
»Herr Corregidor, eine Kugel?« wiederholte die Navarresin und warf die
Arme zurück und den Körper vorwärts, wie wenn sie sich auf ihren Gegner
stürzen wollte.
»Wenn du es so treibst, werde ich sie wirklich abfeuern, um mich von
deinen Drohungen und deiner Schönheit befreit zu sehen,« antwortete der
Corregidor voller Furcht und zog ein Paar Taschenpistolen hervor.
»Also auch Pistolen? Und in der anderen Tasche die Ernennung meines
Neffen!« sagte die Seña Frasquita und nickte mit dem Kopfe. »Nun denn,
Herr, da ist die Wahl nicht schwer. Warten Ew. Gnaden einen Augenblick,
ich will nur das Feuer anzünden.«
Und so sprechend, wendete sie sich der Treppe zu und war in drei
Sprüngen unten.
Der Corregidor ergriff das Licht und folgte der Müllerin, weil er
fürchtete, daß sie ihm entschlüpfen könnte. Da er aber viel langsamer
ging, so traf er, als er in die Küche gelangte, schon auf die
Navarresin, die auf dem Wege war, zu ihm zurückzukehren.
»Also Sie sagten, Sie wollten mir eine Kugel durch den Kopf jagen?« rief
die unerschrockene Frau aus und trat einen Schritt zurück. »Nun denn,
Achtung, Herr, ich bin fertig.«
Sprach's und hielt ihm die schreckliche Donnerbüchse entgegen, welche in
dieser Geschichte eine so bedeutende Rolle spielt.
»Halt ein, Unglückliche! Was willst du thun?« schrie der Corregidor,
halb tot vor Schreck. »Das mit meiner Kugel war ja nur ein Scherz. Sieh,
die Pistolen sind nicht geladen... Aber wahr ist das mit der Ernennung
... Hier ist sie... Nimm sie... Ich schenke sie dir ... Sie ist dein,
umsonst, ganz umsonst...«
»Da liegt sie gut!« antwortete die Navarresin. »Morgen wird sie mir dazu
dienen, das Feuer zum Frühstück meines Mannes damit anzuzünden. Von Euch
will ich selbst nicht die ewige Seligkeit, und sollte mein Neffe einmal
von Estella kommen, so sollte er Euch nur diese häßliche Hand zertreten,
die seinen Namen auf dies ekle Papier geschrieben hat... So, ich habe es
gesagt! Verlassen Sie mein Haus! Luft! Luft! schnell... denn schon
steigt mir das Blut in den Kopf.«
Der Corregidor antwortete nicht auf diese Rede.
Er war blaß, fast blau geworden, die Augen waren verdreht, und ein
Fieberschauer schüttelte seinen Körper. Schließlich fing er an, mit den
Zähnen zu klappern, und von einem entsetzlichen Krampfe befallen stürzte
er zu Boden.
Der Schreck, als er in den Graben fiel, die durchnäßten Kleider, die
heftige Scene im Schlafzimmer und die Furcht vor der von der Navarresin
auf ihn gerichteten Büchse hatten die Kräfte des schwächlichen Alten
erschöpft.
»Ich sterbe,« stammelte er. »Rufe Garduña, rufe Garduña, der hier an der
Grabenhecke sein muß... Ich darf nicht in diesem Hause sterben.«
Er konnte nicht weiter. Er schloß die Augen und blieb wie tot.
»Und er wird sterben, wie er sagt,« brach die Seña Frasquita los. »Herr
im Himmel, das ist noch das Tollste von allem! Was fange ich jetzt mit
diesem Menschen in meinem Hause an? Was werden sie von mir sagen, wenn
er stirbt? Was wird Lucas sagen? Wie kann ich es rechtfertigen, daß ich
ihm selbst die Thür geöffnet habe... O nein, ich darf nicht hier bei ihm
bleiben. Ich muß meinen Mann aufsuchen, ich will lieber die Welt in
Allarm bringen, als meine Ehre aufs Spiel setzen.«
Als sie diesen Entschluß gefaßt hatte, warf sie die Büchse fort, ging
nach dem Hofe, löste den darin zurückgebliebenen Esel von der Halfter,
sattelte ihn, so gut es ging, öffnete die große Thür am Zaune, sprang
trotz ihrer. Korpulenz mit einem Satze auf das Tier und wendete sich
nach dem Grabenrande.
»Garduña, Garduña!« schrie die Navarresin, als sie sich der Stelle
näherte.
»Hier,« antwortete bald darauf der Alguacil, indem er hinter einem
Busch hervorkam. »Sind Sie es, Seña Frasquita?«
»Ja, ich bin's. Geh nach der Mühle und hilf deinem Herrn, der liegt im
Sterben.«
»Was sagen Sie? Das ist doch nur ein Scherz?«
»Es ist, wie du hörst, Garduña.«
»Und Sie, meiner Seelen, wohin gehen Sie denn zu dieser Stunde?«
»Ich? Weg da, Dummkopf! Ich gehe nach der Stadt zum Arzt,« antwortete
die Seña Frasquita, indem sie die Eselin mit dem Druck ihrer Ferse und
Garduña mit einem Fußtritt antrieb.
Sie schlug nicht den Weg nach der Stadt ein, wie sie eben gesagt hatte,
sondern den, welcher zum nächsten Dorfe führte.
Auf diesen letzteren Umstand achtete Garduña jedoch nicht, sondern lief
spornstreichs nach der Mühle, während er bei sich dachte:
»Sie geht nach dem Arzte! Die Ärmste kann nicht mehr thun! Aber er ist
ein unseliger Mensch! Das ist auch gerade eine schöne Gelegenheit, um
krank zu werden! -- Ja, ja, der liebe Gott giebt dem Zuckerwerk, der es
nicht mehr beißen kann.«
22.
Garduña vervielfältigt sich.
Als Garduña die Mühle betrat, fing der Corregidor gerade an, wieder zum
Bewußtsein zu kommen, und versuchte, sich vom Boden zu erheben.
Auf dem Fußboden und neben ihm stand die angezündete Kerze, welche Sr.
Gnaden aus dem Schlafzimmer mitgebracht hatte.
»Ist sie schon fort?« war Don Eugenios erste Frage.
»Wer?«
»Der Teufel! Ich wollte sagen die Müllerin.«
»Ja, gnädiger Herr... sie ist schon fort, und ich glaube, in nicht sehr
guter Laune!«
»Ach, Garduña, ich sterbe.«
»Aber was fehlt denn Ew. Gnaden? Ums Himmels willen!«
»Ich bin in den Mühlgraben gefallen und bin ganz durchweicht, die Kälte
geht mir durch Mark und Bein.«
»Na ja, und nun kommen Sie damit!«
»Garduña, nimm dich in acht, paß auf, was du sagst.«
»Ich sage nichts, Herr.«
»Nun, dann hilf mir aus dieser Verlegenheit.«
»Ich fliege; Ew. Gnaden sollen nur sehen, wie schön ich alles besorgen
werde.«
So sprach der Alguacil, und im Handumdrehen ergriff er mit der einen
Hand das Licht, mit der anderen nahm er den Corregidor unter den Arm,
trug ihn in das Schlafzimmer hinauf, entkleidete ihn, legte ihn ins
Bett, lief nach dem Holzschuppen, nahm einen Arm voll Holz, eilte nach
der Küche, zündete ein großes Feuer an, trug die Kleider seines Herrn
hinunter, breitete sie auf den Lehnen einiger Stühle aus, zündete eine
Lampe an, hing sie am Küchenbrett auf und kehrte dann nach dem
Schlafzimmer zurück.
»Nun, wie steht's mit uns?« fragte er dann und hob das Licht in die
Höhe, um Don Eugenio ins Gesicht zu leuchten.
»Vortrefflich! Ich fühle, daß ich schwitzen werde... Morgen hänge ich
dich auf, Garduña!«
»Warum, Herr?«
»Und du wagst noch darnach zu fragen? Denkst du denn, daß, als ich
deinen mir vorgezeichneten Plan ausführte, ich glaubte mich allein in
das Bett zu legen, nachdem ich das Sakrament der heiligen Taufe zum
zweitenmale empfangen? -- Morgen hänge ich dich auf!«
»Aber erzählen mir Ew. Gnaden doch... die Seña Frasquita...«
»Die Seña Frasquita hat mich morden wollen. Das ist alles, was ich mit
deinen Ratschlägen erreicht habe. -- Ich sage dir, morgen früh hänge ich
dich auf!«
»So arg wird es doch nicht sein, Herr Corregidor!« antwortete der
Alguacil.
»Warum sagst du das, unverschämter Kerl? Weil du mich hier
darniederliegen siehst?«
»Nein, Herr. Ich sage nur, daß die Seña Frasquita unmöglich so
unmenschlich an Ihnen handeln konnte, wie Ew. Gnaden erzählen, da sie
doch in die Stadt gegangen ist, um einen Arzt zu holen.«
»Heiliger Gott! Bist du sicher, daß sie nach der Stadt gegangen ist?«
rief Don Eugenio erschrockener als je aus.
»Wenigstens hat sie so zu mir gesagt...«
»Eile, lauf, Garduña! Ach, ich bin ohne Gnade verloren! Weißt du, zu
welchem Zwecke die Seña Frasquita in die Stadt gegangen ist? Um alles
meiner Frau zu erzählen!... Um ihr zu sagen, daß ich hier bin. O, mein
Gott, mein Gott! Wie konnte ich mir das auch denken! Ich glaubte, sie
wäre nach dem Dorfe zu ihrem Manne gegangen, und da er dort in gutem
Verwahrsam ist, so war es mir ganz gleichgiltig. Aber nach der Stadt zu
gehen!... Garduña, lauf, fliege, du bist ein so guter Fußgänger, und
rette mich vom Verderben. Du mußt es vermeiden, daß die schreckliche
Müllerin mein Haus betritt.«
»Und werden mich Ew. Gnaden nicht aufhängen lassen, wenn ich es
erreiche?« fragte der Alguacil.
»Im Gegenteil! Ich will dir ein Paar noch ganz gute Schuhe schenken, die
mir zu groß sind. Ich will dir alles schenken, was du willst.«
»Dann fliege ich! Ew. Gnaden können ruhig schlafen. In einer halben
Stunde bin ich zurück, nachdem ich die Navarresin ins Gefängnis
gesperrt habe. Nicht umsonst bin ich leichtfüßiger als eine Eselin!«
Sprach's und verschwand die Treppe hinunter.
Es versteht sich von selbst, daß der Müller gerade während der
Abwesenheit des Alguacils in der Mühle war und durchs Schlüsselloch
Gesichte sah.
Lassen wir jetzt den Corregidor im fremden Bette schwitzen und Garduña
nach der Stadt laufen, wohin ihm Tio Lucas bald mit dem Dreispitz und
dem Mantel folgen sollte, und verwandeln wir uns in rüstige Fußgänger,
um der mutigen Seña Frasquita auf dem Wege nach dem Dorfe zu folgen.
23.
Noch einmal die Wüste und die bewußten Stimmen.
Das einzige Abenteuer, welches der Navarresin auf ihrer Reise von der
Mühle nach dem Dorfe zustieß, war der Anblick einer Person, welche
mitten in einem Saatfelde Feuer schlug, was ihr einen heillosen
Schrecken verursachte.
»Sollte das etwa ein Häscher des Corregidors sein? Wenn er mich
anhielte?« dachte die Müllerin.
In dem Augenblick hörte sie in jener Richtung Eselsgeschrei.
»Esel zu der Stunde im Saatfelde?« dachte die Müllerin weiter. »Hier
herum ist doch kein Obstgarten, keine Koppel! Gott im Himmel! heute
Nacht scheinen die Kobolde ihr Wesen zu treiben!«
Die Eselin, auf der die Seña Frasquita ritt, schien es in jenem
Augenblicke für schicklich zu halten, das Geschrei zu erwidern.
»Schweig, du Racker!« sagte die Navarresin und stieß ihr eine lange
Nadel ins Kreuz.
Und da sie eine vielleicht unangenehme Begegnung fürchtete, so führte
sie das Tier vom Wege ab und ließ es durch die Saat laufen.
Aber bald beruhigte sie sich, denn sie sah ein, daß der Feuer schlagende
Mann und der zuerst schreiende Esel etwas Zusammengehöriges bildeten,
und daß diese Wesenheit in der ihr entgegengesetzten Richtung entflohen
war.
»Einem Feiglinge begegnet ein noch größerer Feigling,« rief die Müllerin
und lachte über ihre Furcht und die des andern.
Und ohne weiteren Unfall gelangte sie ungefähr um elf Uhr nachts an das
Haus des Dorfschulzen.
24.
Ein König von damals.
Schon lag der Herr Alkalde in tiefem Schlafe, indem er seinen Rücken dem
seiner Ehehälfte zuwendete und, wie unser unsterblicher Quevedo sagt,
auf diese Weise die Figur des österreichischen, zweiköpfigen Adlers
bildete, als Toñuelo an die Thür des ehemaligen Schlafgemaches klopfte
und den Herrn Juan Lopez benachrichtigte, daß die Seña Frasquita, die
von der Mühle, mit ihm zu sprechen verlange.
Wir sehen davon ab, alle Flüche und Schwüre, welche das Aufstehen und
Ankleiden des Dorfschulzen begleiteten, wiederzugeben und versetzen uns
in den Augenblick, in dem die Müllerin ihn herankommen sah, wie er die
Schläfrigkeit von sich zu schütteln suchte, gleich einem Gymnastiker,
der seine Muskulatur versucht, und unter unendlichem Gähnen ausrief:
»Guten Abend, Seña Frasquita! Was bringt Sie hierher? Hat Ihnen Toñuelo
nicht gesagt, daß Sie in der Mühle bleiben sollten? Gehorchen Sie so der
Obrigkeit?«
»Ich muß meinen Lucas sehen,« antwortete die Navarresin. »Ich muß ihn
auf der Stelle sehen. Sie sollen ihm sagen, daß seine Frau hier ist.«
»Ich muß! Ich muß! Frau, Ihr vergeßt, daß Ihr mit dem Könige sprecht.«
»Ach was, König hin, König her, Señor Juan, ich bin nicht zum Scherz
aufgelegt! Ihr wißt wohl zur Genüge, was mir widerfährt. Und zur Genüge
weiß ich, warum man meinen Mann arretiert hat.«
»Ich weiß nichts, Seña Frasquita... Und Euer Mann ist nicht arretiert,
sondern schläft ruhig in diesem seinem Hause, und ist behandelt worden,
wie ich achtbare Leute behandele. Du, Toñuelo! Toñuelo! geh nach dem
Strohstall und sage dem Tio Lucas, daß er aufwache und hierhereile...
Also, nun erzählen Sie mir, was Ihnen zugestoßen ist. Haben Sie sich
gefürchtet, allein zu schlafen?«
»Schämt Euch, Señor Juan! Ihr wißt wohl, daß mir weder Euer Ernst, noch
Euer Scherz gefällt. Das, was mir passiert ist, ist sehr einfach -- Ihr
und der Señor Corregidor habt mich ins Verderben stürzen wollen, und Ihr
seid gründlich hineingefallen! Hier stehe ich, ohne daß ich zu erröten
brauche, und der Herr Corregidor liegt in der Mühle im Sterben.«
»Im Sterben? der Herr Corregidor?« rief sein Untergebener aus. »Frau,
wißt Ihr, was Ihr sagt?«
»Das, was Ihr sagt. Er ist in den Mühlgraben gefallen und wäre beinahe
ertrunken und hat sich eine Lungenentzündung geholt, oder was weiß ich.
Das ist Sache der Corregidora. Ich will meinen Mann holen und werde
wahrscheinlich morgen gleich nach Madrid gehen, um es dem Könige zu
erzählen...«
»Teufel, Teufel!« murmelte Señor Juan Lopez. »Du, Manuela, Mädchen, geh
und sattle mir das Maultier. Seña Frasquita, ich gehe nach der Mühle.
Wehe Euch, wenn Ihr dem Herrn Corregidor ein Leid zugefügt habt!«