zum erstenmale einen solchen Feldzug unternehme?«
»Verzeihen Ew. Gnaden. Ach, noch etwas! Klopfen Ew. Gnaden nicht an die
große Thür, die auf den Platz unter der Weinlaube führt, sondern an die
kleine über dem Mühlgerinne.«
»Über dem Mühlgerinne ist noch eine Thür? Höre mal, das war' mir nicht
eingefallen.«
»Ja, Ew. Gnaden. Die kleine Thür über dem Gerinne führt direkt in das
Schlafzimmer der Müllersleute, und der Tio Lucas benutzt dieselbe nie.
So daß, sollte er unerwartet zurückkommen...«
»Ich verstehe... ich verstehe... Jetzt betäube mir die Ohren nicht
länger mit deinem Geschwätz.«
»Zum Schluß noch eins. Sehen Ew. Gnaden zu, daß Sie vor dem Morgengrauen
unsichtbar werden. Jetzt wird es um sechs Uhr Tag.«
»Das ist ein anderer überflüssiger Rat. Um fünf Uhr bin ich wieder in
meinem Hause... Aber wir haben genug gesprochen. Hebe dich weg von
meinem Angesicht!«
»Nun denn, Herr... viel Glück!« rief der Alguacil, indem er zugleich dem
Corregidor die Hand entgegenstreckte und andächtig die Augen zur Decke
erhob.
Der Corregidor gab Garduña eine Peseta, die wie weggezaubert verschwand.
»Alle Teufel!« murmelte der Alte nach einer Weile. »Hab ich doch
vergessen zu sagen, daß sie mir ein Spiel Karten mitbringen sollten!
Damit hätte ich mich bis halb Zehn unterhalten und sehen können, ob die
Patience aufging.«
15.
Abschied in Prosa.
Es mochte ungefähr neun Uhr an demselben Abende sein, als Tio Lucas und
die Seña Frasquita, nachdem sie alle Mühlen- und Hausgeschäfte besorgt
hatten, ihr Abendbrot verzehrten, das aus einer Schüssel Endiviensalat,
einem mit Tomaten gedämpften Stück Fleisch und einigen von den in dem
bewußten Korbe zurückgebliebenen Weintrauben bestand und mit ein wenig
Wein und vielem Gelächter auf Kosten des Corregidors begossen wurde;
darauf sahen sich die beiden Ehegatten, wie zufrieden mit Gott und sich
selbst, an und sagten unter wiederholtem Gähnen, das die ganze Ruhe und
den Frieden ihrer Herzen enthüllte:
»Na, dann wollen wir nur zu Bett gehen, morgen ist ein anderer Tag.«
In dem Augenblick hörten sie zwei starke Schläge gegen die große
Mühlenthür.
Der Mann und die Frau sahen sich erschrocken an.
Zum erstenmal hörten sie zu solcher Stunde an die Thür klopfen.
»Ich will nachsehen,« sagte die unerschrockene Navarresin und wendete
sich nach der Thür.
»Geh weg! Das ist meine Sache!« rief Tio Lucas mit einer solchen Würde
aus, daß Seña Frasquita ihm den Weg freiließ. »Ich habe dir doch gesagt,
daß du nicht hinausgehen sollst,« fügte er mit einiger Härte hinzu, als
er sah, daß die Navarresin Miene machte, ihm zu folgen. Diese gehorchte
und blieb im Hause.
»Wer ist da?« fragte Tio Lucas von der Mitte der Hausflur aus.
»Die Obrigkeit,« antwortete eine Stimme von der andern Seite des
Portals.
»Was für eine Obrigkeit?«
»Die des Ortes. Öffnet im Namen des Herrn Bürgermeisters.«
Inzwischen hatte sich Tio Lucas einem kleinen, versteckten Guckloch in
der Thür genähert und erkannte beim klaren Schein des Mondes den
ländlichen Alguacil des benachbarten Ortes.
»Du willst sagen, daß ich dem Trunkenbold Alguacil öffnen soll,«
antwortete der Müller, den Riegel zurückschiebend.
»Das ist dasselbe,« antwortete der draußen Stehende; »da ich aber einen
geschriebenen Befehl von Seiner Wohlgeboren bringe... Ich wünsche Euch
einen guten Abend, Tio Lucas,« fügte er mit einer etwas weniger
offiziellen Stimme hinzu und trat ein.
»Gott behüte dich, Toñuelo,« antwortete der Murcianer. »Laß einmal
sehen, was für ein Befehl das ist. Señor Juan Lopez hätte auch eine
andere passendere Stunde wählen können, um sich an Biedermänner zu
wenden. Natürlich wird es deine Schuld sein. Ich sehe schon, du hast
dich in den Obstgärten am Wege berauscht. Willst du noch einen Schluck?«
»Nein, Herr, es ist keine Zeit dazu. Sie müssen mir sofort folgen. Lesen
Sie den Befehl.«
»Wie, dir folgen?« rief Tio Lucas und trat, nachdem er das Papier an
sich genommen, in die Mühle zurück.
»Du, Frasquita, leuchte mir.«
Seña Frasquita warf etwas, was sie in der Hand hielt, fort und brachte
die Lampe.
Tio Lucas warf einen schnellen Blick auf den von seiner Frau
losgelassenen Gegenstand und erkannte seine alte Donnerbüchse, die mit
halbpfündigen Kugeln geladen wurde.
Da blickte der Müller die Navarresin voll Dankbarkeit und Zärtlichkeit
an und, sie beim Kinn nehmend, sagte er:
»Du bist Gold wert.«
Bleich und heiter wie eine Marmorstatue hob Seña Frasquita die Lampe in
die Höhe, ohne daß die Finger, welche sie hielten, auch nur vom
leisesten Zittern bewegt wurden, und antwortete trocken:
»Laß nur, lies!«
Der Befehl lautete folgendermaßen:
»Um Sr. Majestät, unserm König und Herrn (_Q. D. G._[6]) besser zu
dienen, benachrichtige ich Lucas Fernandez, Müller und hiesigen Bürger,
daß er sofort nach Empfang dieses Schreibens vor mir erscheine, ohne
irgend welchen Vorwand oder Entschuldigung, indem ich ihn zugleich
warne, es irgend jemanden mitzuteilen, da es eine vollständig
reservierte Angelegenheit ist, widrigenfalls er, im Falle des
Ungehorsams, den betreffenden Strafen verfallen wird.« Der Alkalde
(Bürgermeister) Juan Lopez.
Und statt des Federzuges war ein Kreuz.
»Höre, du, was heißt dies?« fragte Tio Lucas den Alguacil. »Wozu ist
dieser Befehl?«
»Das weiß ich nicht,« antwortete der Bauer, ein Mann von einigen dreißig
Jahren, dessen spitzes, boshaftes Gesicht, das Gesicht eines Räubers und
Mörders, gerade kein Vertrauen zu seiner Glaubwürdigkeit einflößte. »Ich
glaube, es handelt sich um Hexerei oder Falschmünzerei; Euch betrifft
die Sache nicht. Ihr sollt nur als Zeuge oder Sachverständiger vernommen
werden. Na, ich weiß nicht recht, ich hab's nicht recht verstanden. Der
Señor Juan Lopez wird es Euch schon erklären, mit allem, was drum und
dran hängt.«
»Gewiß!« rief der Müller aus. »Sag ihm, ich werde morgen kommen.«
»O nein, Herr, Ihr müßt auf der Stelle kommen, ohne auch nur eine Minute
zu verlieren. So lautet der Befehl, den mir der Herr Alkalde gegeben
hat.«
Einen Augenblick lang herrschte Stille.
Die Augen der Seña Frasquita sprühten Flammen. Tio Lucas erhob die
seinigen nicht vom Fußboden, wie wenn er dort etwas suchte.
»Du wirst nur doch wenigstens die nötige Zeit gestatten,« sprach er
endlich, den Kopf erhebend, »um nach dem Stall zu gehen und einen Esel
zu satteln.«
»Was Esel, was Teufel!« entgegnete der Alguacil. »Eine halbe Meile kann
doch wohl jeder zu Fuß gehen. Außerdem ist die Nacht sehr schön und der
Mond scheint. Ich habe schon gesehen, daß er aufgegangen ist.«
»Aber meine Füße sind sehr geschwollen.«
»Nun, dann wollen wir aber keine Zeit verlieren. Ich werde das Tier
satteln helfen.«
»Holla, Holla! Fürchtest du, daß ich davonlaufe?«
»Ich fürchte nichts, Tio Lucas,« antwortete Toñuelo mit der Kälte eines
seelenlosen Geschöpfes. »Ich bin die Obrigkeit.«
Und indem er so sprach, legte er die Waffen nieder und ließ die unter
seinem Mantel verborgene Büchse sehen.
»Hör 'mal, Toñuelo,« sagte die Müllerin, »da du doch in den Stall gehst,
um dein Amt auszuüben, so sei so gut und sattle auch den anderen Esel.«
»Wozu?« fragte der Müller.
»Für mich, ich gehe mit euch.«
»Das kann nicht sein, Seña Frasquita,« entgegnete der Alguacil. »Ich
habe Ordre, Euren Mann mitzubringen, aber nichts weiter, und zu
verhindern, daß Ihr ihm folgt. Dabei gilt es ja meine Stelle und meinen
Kopf. So teilte mir der Señor Juan Lopez mit. Also vorwärts, Tio Lucas.«
Und er wendete sich der Thür zu.
»Das ist sehr sonderbar,« stotterte der Müller, ohne sich zu regen.
»Sehr sonderbar,« antwortete die Seña Frasquita.
»Da steckt etwas dahinter... nur weiß ich nicht...« fuhr Tio Lucas
fort, doch so, daß er von Toñuelo nicht gehört werden konnte.
»Soll ich nach der Stadt gehen,« fragte die Navarresin, »und dem Herrn
Corregidor Nachricht geben von dem, was hier geschieht?«
»Nein,« antwortete Tio Lucas mit lauter Stimme, »das nicht.«
»Was soll ich denn aber thun?« fragte die Müllerin ungestüm.
»Sieh mich an,« antwortete der frühere Soldat.
Schweigend sahen sich die beiden Gatten an und waren von der Ruhe der
Entschlossenheit und Energie, welche sich ihre Seelen gegenseitig
mitteilten, so befriedigt, daß sie die Achseln zuckten und lachten.
Darnach zündete Tio Lucas eine andere Lampe an und wendete sich nach dem
Stalle, indem er unterwegs spöttisch zu Toñuelo sagte:
»Nun, Mann, komm und hilf mir, da du doch so liebenswürdig sein willst.«
Toñuelo folgte ihm, indem er leise ein Liedchen trällerte.
Wenige Minuten später verließ Tio Lucas die Mühle auf einer schönen
Eselin, vom Alguacil gefolgt.
»Schließ gut zu,« sagte Tio Lucas.
»Wickele dich gut ein, es ist frisch,« sagte Seña Frasquita, schloß mit
dem Schlüssel zu und schob den Riegel und die eiserne Stange vor. Und da
war kein Lebewohl weiter, kein Kuß, keine Umarmung, kein Blick. Wozu
auch?
16.
Ein Unglücksvogel.
Wir wollen dem Tio Lucas folgen.
Ohne ein Wort zu sprechen, waren sie schon eine Viertelmeile gegangen,
der Müller auf seinem Esel, den der Alguacil mit seinem Stock der
Autorität antrieb, als sie plötzlich auf einer Erhöhung des Weges den
Schatten eines ungeheueren, häßlichen Vogels wahrnahmen, der auf sie
zukam.
Scharf hob sich jener Schatten von dem vom Monde beleuchteten Himmel ab
und war so klar zu erkennen, daß der Müller sofort ausrief:
»Toñuelo, das ist Garduña mit seinem Dreispitz und seinen Drahtbeinen.«
Aber bevor noch der Angeredete antworten konnte, hatte der Schatten, der
jedes Zusammentreffen zu vermeiden schien, den Weg schon verlassen und
war mit der Geschwindigkeit eines wirklichen Marders quer über das Feld
gelaufen.
»Ich sehe niemand,« antwortete Toñuelo mit der größten Natürlichkeit.
»Ich auch nicht,« erwiderte Tio Lucas, seinen Ärger hinunterschluckend.
Und der Argwohn, der bereits im Müller aufgestiegen war, fing an, in dem
eifersüchtigen Geiste des Buckligen Gestalt und Form anzunehmen.
»Diese Reise,« sagte er sich innerlich, »ist eine Kriegslist des
Corregidors. Die heute oben von der Laube gehörte Erklärung beweist mir,
daß der erbärmliche alte, Madrileñer nicht länger warten kann. Ohne
Zweifel will er heute Abend seinen Besuch in der Mühle wiederholen, und
darum hat er damit angefangen, mich aus der Mühle zu entfernen... Aber,
was thut das? Frasquita ist Frasquita... und wird die Thür nicht
aufmachen, und wenn sie Feuer an das Haus legten. Ich gehe noch weiter.
Selbst wenn sie öffnete, selbst wenn es dem Corregidor gelänge, durch
irgend welche Hinterlist meine Navarresin zu überraschen, so würde der
arme Mann nicht mit heilem Kopfe wieder hinauskommen. Frasquita ist
Frasquita. Und doch,« fügte er nach einer Weile hinzu, »besser wäre es
doch, heute so bald wie möglich nach Hause zurückzukehren.«
Darüber waren der Tio Lucas und der Alguacil im Dorfe angekommen und
wendeten sich dem Hause des Alkalden zu.
17.
Ein Dorfschulze.
Der Herr Juan Lopez, der sowohl als Privatmann wie auch als Schulze die
personifizierte Grausamkeit und der eitle Stolz war, wenn es sich
nämlich um seine Untergebenen handelte, geruhte jedoch zu jener Stunde,
nachdem er die öffentlichen Angelegenheiten und sein eigenes Anwesen
besorgt und seiner Frau die gewohnte, tägliche Tracht Prügel verabreicht
hatte, in Gesellschaft des Schreibers und des Küsters einen Krug Wein zu
trinken, eine Operation, die bereits über die Hälfte jenes Abends in
Anspruch genommen hatte, als der Müller vor ihm erschien.
»Holla, Tio Lucas,« sagte er zu ihm, und kratzte sich den Kopf, um die
Ader der Täuschungen anzuregen. »Wie geht's mit Eurer Gesundheit?
Sekretär, schenkt dem Tio Lucas ein Glas Wein ein. Und die Seña
Frasquita? Ist sie noch immer so reizend? Ich habe sie schon seit so
langer Zeit nicht gesehen. Aber, Gevatter, ist Euer Mehl jetzt gut!...
Das Roggenbrot sieht aus wie vom feinsten Weizen. Also... na... Setzt
Euch und ruht aus; denn, Gott sei Dank, wir haben keine Eile.«
»Was mich betrifft, verflucht, wenn ich sie hätte,« antwortete Tio
Lucas, der bis dahin noch nicht den Mund aufgemacht hatte, dessen
Argwohn aber immer größer wurde, als er den ihm zu Teil gewordenen
freundschaftlichen Empfang nach einer so drohenden und dringenden Ordre
sah.
»Nun also, Tio Lucas,« fuhr der Alkalde fort, »wenn Ihr auch keine große
Eile habt, dann könnt Ihr ja heute Nacht hier schlafen, und morgen früh
machen wir dann unser Geschäft ab.«
»Das scheint mir sehr gut,« antwortete Tio Lucas mit einer Ironie und
einer Verstellung, die der Diplomatie des Herrn Juan Lopez um nichts
nachgaben. »Da die Sache nicht eilt, so werde ich die Nacht außerhalb
des Hauses zubringen.«
»Weder eilt sie, noch ist irgend welche Gefahr für Euch dabei,« fügte
der Alkalde hinzu, getäuscht von dem, den er zu täuschen glaubte. »Seid
ganz ruhig. Höre du, Toñuelo, nimm die halbe Fanega herunter, damit sich
der Tio Lucas setzen kann.«
»Nun denn... gebt mir noch einen Schluck,« rief der Müller aus, indem er
sich setzte.
»Kommt her!« antwortete der Alkalde und reichte ihm das volle Glas.
»Es ist in guter Hand. Trinkt nur zuerst.«
»Nun denn, auf Eure Gesundheit,« sagte der Herr Juan Lopez und trank die
Hälfte des Weines aus.
»Auf die Eure, Señor Alkalde!« entgegnete Tio Lucas und trank die andere
Hälfte.
»Du, Manuela!« rief darauf der Dorfschulze, »sage deiner Herrin, daß der
Tio Lucas hier schlafen wird. Sie soll ihm ein Kopfkissen auf den
Kornboden legen.«
»Ach was!... Doch nicht so viele Umstände! Ich schlafe im Strohstall wie
ein König.«
»Na hört einmal, wir haben noch Kissen.«
»Das glaube ich schon. Aber warum wollt Ihr denn die Familie erst noch
belästigen. Ich habe meinen Mantel.«
»Nun, wie es Euch beliebt. Manuela, sag deiner Herrin, daß sie es nicht
hinlege.«
»Nur müßt Ihr mir erlauben,« fuhr Tio Lucas fort, indem er auf
fürchterliche Weise gähnte, »daß ich mich gleich nachher niederlege.
Gestern Abend habe ich sehr viel zu mahlen gehabt, und ich habe noch
kein Auge seitdem geschlossen.«
»Zugestanden!« antwortete majestätisch der Alkalde. »Ihr könnt Euch
niederlegen, wann Ihr wollt.«
»Ich glaube, daß es auch für uns Zeit ist, uns niederzulegen,« sagte der
Küster und zog den Weinkrug an sich, um den Rest zu trinken. »Es muß
wohl schon zehn Uhr sein, oder wenig wird daran fehlen.«
»Dreiviertel auf Zehn,« bemerkte der Schreiber, nachdem er den Rest des
noch für jene Nacht bestimmten Weins in die Gläser verteilt hatte.
»Nun zu Bett, meine Herren!« rief der Amphitrion aus, indem er seinen
Teil trank.
»Auf morgen, meine Herren,« fügte der Müller hinzu und trank den seinen.
»Wartet doch, daß man Euch voranleuchte; Toñuelo, führe Tio Lucas nach
dem Strohstall.«
»Hierher, Tio Lucas,« sagte Toñuelo und nahm den Krug mit für den Fall,
daß noch einige Tropfen darin geblieben wären.
»Auf morgen, so Gott will,« fügte der Küster hinzu, nachdem er noch alle
Gläser untersucht.
Und taumelnd entfernte er sich und sang vergnügt das _De
profundis_...............
»So,« sagte der Alkalde zum Schreiber, als sie allein geblieben waren,
»der Tio Lucas hat nichts gemerkt. Wir können uns also ruhig hinlegen,
und wohl bekomm's dem Herrn Corregidor!«
18.
Wie Tio Lucas nicht ans Schlafen dachte.
Fünf Minuten nachher ließ sich ein Mann von dem Strohstallfenster des
Alkalden herab; das Fenster ging auf den Hof und war kaum vier Ellen vom
Erdboden entfernt.
Im Hofe stand ein Dach über einer großen Krippe, an der sechs oder acht
Reittiere verschiedener Rasse, aber alle dem schwachen Geschlecht
angehörig, angebunden waren; die Pferde, Maultiere und Esel vom starken
Geschlecht hatten ihren eigenen Schuppen in einem benachbarten Lokal.
Der Mann band eine noch ganz gesattelte Eselin los und ging, diese am
Zügel nach sich ziehend, nach der Thür des Hofes, schob die
Vorlegestange zurück, schloß das sie haltende Schloß auf, öffnete
vorsichtig die Thür und war mitten auf dem Felde.
Dort angekommen, bestieg er die Eselin, drückte ihr die Fersen in die
Flanken, und wie ein Pfeil flog er in der Richtung der Stadt dahin, aber
nicht auf der offenen Fahrstraße, sondern über Saaten und Gräben, wie
wenn er sich vor einem unangenehmen Zusammentreffen hüten wollte. Es war
der Tio Lucas, der sich nach seiner Mühle begab.
19.
Stimmen in der Wüste.
»Mir sollt ihr nur mit Alkalden kommen,« sagte der Murcianer, »ich bin
aus Archena. Morgen früh gehe ich zum Herrn Bischof, um allem
zuvorzukommen, und werde ihm alles erzählen, was heute Nacht hier
vorgekommen ist. Mich mit solcher Eile und so geheimnisvoll rufen zu
lassen, und zu einer so Angehörigen Stunde, mir zu sagen, daß ich allein
gehen soll, mir vom Dienst des Königs und von Falschmünzerei, von Hexen
und Kobolden zu sprechen, um nachher zwei Gläser Wein zu trinken und
mich zu Bett zu legen. Es kann gar nicht klarer sein! Garduña hat diese
Instruktionen von seiten des Corregidors nach dem Dorfe bringen müssen,
und zu dieser Stunde hat der Corregidor schon den Feldzug gegen meine
Frau eröffnet. Wer weiß, vielleicht treffe ich ihn, wie er an die Thür
der Mühle klopft! Wer weiß, vielleicht treffe ich ihn schon darin...
Wer weiß... Aber, was sage ich denn da! Ich an meiner Navarresin
zweifeln? O, das hieße sich an Gott versündigen. Unmöglich, daß sie...
Unmöglich könnte meine Frasquita... Unmöglich! -- Aber was rede ich denn
so dumm. Ist denn irgend etwas unmöglich auf der Welt? Hat sie sich doch
mit mir verheiratet, obgleich sie so schön ist, und ich so häßlich bin!«
Und als er diese letzte Bemerkung machte, fing der arme Bucklige an,
bitterlich zu weinen...
Um sich wieder ein wenig aufzuheitern, hielt er sein Tier an, trocknete
seine Thränen, seufzte tief auf, zog seine Gerätschaften zum Rauchen
hervor und machte sich eine Cigarette von schwarzem Tabak zurecht. Dann
nahm er Feuerstein, Zunder und Stahl, und nach einigen Schlägen gelang
es ihm, Feuer zu erhalten.
In diesem Augenblicke hörte er das Geräusch von Schritten in der Gegend
der Landstraße, die ungefähr einige dreihundert Ellen davon entfernt
war.
»Wie unvorsichtig bin ich doch!« sagte er. »Wenn man mich suchte, so
würden mich diese Funken verraten haben.«
Schnell verbarg er das Feuerzeug, stieg ab und versteckte sich hinter
der Eselin. Aber die Eselin verstand die Sache nach ihrer Art und Weise
und stieß ein lautes Geschrei der Befriedigung aus.
»Verfluchtes Tier!« rief Tio Lucas aus und versuchte ihr das Maul mit
beiden Händen zuzuhalten.
Da ertönte als galante Antwort gleiches Geschrei von der Landstraße her.
»Na, jetzt wird's gut,« fuhr der Müller in Gedanken fort. »Das
Sprichwort hat ganz recht, wenn es sagt: _El mayor mal de los males es
tratar con animales_.« (Das größte der Übel ist, wenn man mit Tieren zu
thun hat.[7])
Und so sprechend bestieg er von neuem seinen Esel, trieb ihn an und
ritt, wie aus der Pistole geschossen, in der Richtung fort, welche dem
Orte, an dem das zweite Eselgeschrei laut geworden war, gerade
entgegengesetzt war.
Das merkwürdigste aber war, daß die Person auf dem antwortenden Tiere
sich ebenso sehr vor Tio Lucas zu fürchten schien, wie Tio Lucas vor
ihr, denn auch sie bog vom Wege ab und ritt in vollem Galopp durch die
Saatfelder auf der anderen Seite desselben.
Der Murcianer bemerkte es, und schon darüber beruhigt, grübelte er
folgendermaßen weiter:
»Was für eine Nacht! Was für eine Welt! Was für ein Leben führe ich seit
einer Stunde! Alguacils werden zu Kupplern gemacht, Alkalden verschwören
sich gegen meine Ehre, Esel schreien, wenn es nicht nötig ist, und hier
in meiner Brust trage ich ein elendes Herz, das gewagt hat, an der
edelsten Frau, die Gott geschaffen, zu zweifeln. Gott im Himmel, Gott im
Himmel! gieb nur, daß ich bald nach Hause komme und dort meine Frasquita
antreffe!«
So ritt Tio Lucas fort durch Felder und Büsche, bis er endlich etwa
gegen elf Uhr nachts ohne besondere Zufälligkeiten an der großen Thür
der Mühle anlangte. Verdammt! die Thür der Mühle stand offen.
20.
Zweifel und Wirklichkeit.
Sie stand offen, und er hatte beim Fortgehen seine Frau dieselbe mit
Schlüssel, Vorlegstange und Schloß schließen hören!
Folglich hatte auch nur seine Frau dieselbe öffnen können!
Aber wie? wann? warum? Infolge einer Täuschung? infolge einer Ordre?
Oder wohlüberlegt und freiwillig, kraft einer vorhergegangenen
Übereinstimmung mit dem Corregidor?
Was würde er sehen? Was würde er erfahren? Was erwartete ihn im Innern
seines Hauses? War er mit der Seña Frasquita geflohen? Hatten sie ihm
dieselbe geraubt? Wäre sie am Ende gar tot? Oder würde er sie in den
Armen seines Rivalen finden?
»Der Corregidor hat darauf gerechnet, daß ich heute die ganze Nacht
hindurch nicht nach Hause kommen würde,« sagte Tio Lucas düster. »Der
Alkalde des Ortes wird wohl Befehl erhalten haben, mich eher in Fesseln
zu schlagen, als mir die Rückkehr zu gestatten. Wußte Frasquita all das?
War sie an dem Komplott beteiligt? Oder war sie das Opfer eines
Betruges, einer Vergewaltigung, einer Nichtswürdigkeit?«
Der Unglückliche brauchte nicht mehr Zeit, um alle diese grausamen
Bemerkungen zu machen, als die, welche nötig war, um den Platz unter der
Weinlaube zu durcheilen.
Auch die Hausthür stand offen, und der erste Wohnraum, wie in allen
ländlichen Gebäuden, war die Küche. In der Küche war niemand. Und doch
brannte ein riesiges Feuer im Kamin... im Kamin, der vollständig
erloschen war, als er hinausging und der nie vor Ende Dezember geheizt
wurde.
Schließlich hing noch an einem der Haken der Küchenbretter eine
brennende Lampe.
Was bedeutet all dies? Und wie stimmten die scheinbaren Anstalten der
Wachsamkeit und Geselligkeit zu dem Todesschweigen, das im Hause
herrschte?
Was war aus seiner Frau geworden?
Da, und erst in dem Augenblick wurde Tio Lucas einige Kleidungsstücke
gewahr, die auf den Lehnen einiger um den Kamin gestellten Stühle
ausgebreitet lagen.
Er untersuchte die Kleider näher und stieß ein so fürchterliches Gebrüll
aus, daß es ihm, in einen unhörbaren, erstickten Seufzer verwandelt, in
der Kehle stecken blieb.
Der Unglückliche glaubte zu ersticken und fuhr sich mit den Händen nach
dem Halse, während er bleich, mit verzerrten Zügen, mit
hervorgequollenen Augen und mit einem Entsetzen jene Kleider
betrachtete, wie es der zum Tode verurteilte Verbrecher beim Anblicke
des Armensünderhemdes empfinden muß.
Denn was er dort sah, war der rote Mantel, der Dreispitz, der
turteltaubenfarbige Rock und die Weste, das schwarzseidene Beinkleid,
die weißen Strümpfe, die schwarzen Schnallenschuhe, und sogar der Stock,
der Degen und die Handschuhe des verabscheuungswürdigen Corregidors.
Das, was er dort sah, war das Armensünderhemd seiner Schande, das
Leichentuch seiner Ehre, das Schweißtuch seines Glückes. Die
schreckliche Donnerbüchse lehnte in demselben Winkel, in welchem sie die
Navarresin vor Stunden gelassen hatte.
Mit dem Sprunge eines Tigers stürzte Tio Lucas auf sie zu und
bemächtigte sich derselben. Er untersuchte das Rohr mit dem Ladestock
und fand, daß sie geladen war. Dann sah er nach dem Stein, und siehe da!
er war an seinem Platze.
Darauf wendete er sich nach der Treppe, die zu dem Zimmer führte, wo er
so viele Jahre mit der Seña Frasquita geschlafen, und murmelte dumpf:
»Da sind sie.«
Er that einen Schritt nach jener Richtung, dann hielt er inne und
blickte um sich, ob ihn auch jemand beobachte.
»Niemand!« sagte er innerlich. »Nur Gott... und der hat dies gewollt!«
Nachdem er so das Urteil bestätigt, that er einen anderen Schritt. Da
bemerkte sein irrender Blick ein gefaltetes Blatt auf dem Tische.
Es sehen, darauf zustürzen, es zwischen seinen Fingern halten, war das
Werk eines Augenblicks!
Jenes Papier enthielt die Ernennung des Neffen der Seña Frasquita, von
Don Eugenio de Zuñiga y Ponce de Leon unterzeichnet.
»Das war also der Preis ihres Verkaufs!« dachte Tio Lucas, und steckte
das Papier in den Mund, um sein Schluchzen zu ersticken und seiner Wut
Nahrung zu geben. »Immer habe ich geargwöhnt, daß sie ihre Familie
lieber hätte als mich... Ach, warum haben wir keine Kinder gehabt!...
Das ist an allem schuld!«