»Nun, was ich will, das weiß ja Ew. Gnaden,« sagte die Müllerin. »Was
ich will? Ew. Gnaden sollen einen Neffen von mir in Estella zum Sekretär
beim Stadtgericht ernennen, damit er jene Berge verlassen kann, wo es
ihm herzlich schlecht geht.«
»Ich habe dir schon gesagt, Frasquita, daß das unmöglich ist; der
gegenwärtige Sekretär...«
»Ist ein Dieb, ein Trunkenbold, ein Esel.«
»Das weiß ich. Er hat aber sehr gute Beschützer unter den
lebenslänglichen Regidoren, und ich kann ohne Einwilligung des
Stadtrates keinen anderen ernennen. Sonst setze ich mich aus -- --«
»Ich setze mich aus, ich setze mich aus.... Und welchen Gefahren würden
wir uns nicht um Ew. Gnaden willen aussetzen, wir alle, bis hinunter zu
den Katzen im Hause?«
»Würdest du mich um diesen Preis lieben?« stammelte der Corregidor.
»Nein, Herr Corregidor, denn ich liebe Ew. Gnaden umsonst.«
»Weib, gieb mir nicht so viele Titel! Nenne mich Sie oder wie du Lust
hast... Hä, so wirst du mich also lieben? ... Sag --«
»Habe ich Ihnen nicht gesagt, daß ich Sie schon liebe?«
»Aber...«
»Dabei ist kein ›aber‹. Sie sollen nur sehen, wie hübsch und was für ein
braver Mensch mein Neffe ist!«
»Ja, du bist hübsch, Frasquita!«
»Gefalle ich Ihnen?«
»Gewiß gefällst du mir! Es giebt keine zweite Frau wie dich.«
»Nun sehen Sie, hier ist nichts Falsches,« antwortete die Seña
Frasquita, schob den Ärmel ihres Kleides ganz in die Höhe und zeigte dem
Corregidor den bisher verhüllten Teil ihres Armes, der einer Karyatide
würdig gewesen wäre und weißer als eine Lilie war.
»Und ob du mir gefällst!« fuhr der Corregidor fort, »Tag und Nacht, zu
jeder Stunde, überall, denke ich nur an dich.«
»Aber wie? Gefällt Ihnen denn die Frau Corregidor nicht?« fragte Seña
Frasquita mit einem so gut geheuchelten Mitleid, daß es einen
Hypochonder zum Lachen gebracht hätte. »Wie schade! Als mein Lucas Ihre
Alkovenuhr zurecht gemacht hat, da hat er das Vergnügen gehabt, sie zu
sehen und mit ihr zu sprechen, und er hat mir gesagt, daß sie sehr
hübsch und sehr gut und so liebenswürdig im Umgange sei.«
»Nicht so sehr, nicht so sehr!« murmelte der Corregidor mit einer
gewissen Bitterkeit.
»Dagegen haben andere mir gesagt,« sprach die Müllerin weiter, »daß sie
ein sehr böses Temperament habe, sehr eifersüchtig sei, und daß Sie vor
ihr wie vor einer grünen Rute zitterten.«
»Nicht so sehr, Frau,« wiederholte Don Eugenio de Zuñiga y Ponce de
Leon, indem er ganz rot wurde. »Nicht so viel und nicht so wenig, die
Frau Corregidora hat so ihre Launen, gewiß... aber zwischen dem und vor
ihr zittern ist doch noch ein großer Unterschied. Ich bin der
Corregidor.«
»Aber schließlich haben Sie sie lieb oder nicht?«
»Ich will dir sagen... ich liebe sie sehr... oder besser gesagt, ich
liebte sie sehr, bevor ich dich kennen lernte. Aber seit ich dich sah,
weiß ich nicht, was mir geschah, und sie selbst merkt, daß etwas in mir
vorgeht. Genug, heute zum Beispiel, wenn ich das Gesicht meiner Frau
berühre, so macht es mir den Eindruck, wie wenn ich mein eigenes
berührte. Siehst du wohl, mehr kann man sie doch nicht lieben und auch
nicht weniger fühlen. -- Dagegen, könnte ich diese Hand, diesen Arm,
dieses Gesicht, diese Taille berühren, würde ich dafür geben, was ich
nicht habe.«
Und während der Corregidor so sprach, versuchte er, sich des entblößten
Armes, den die Seña Frasquita ihm buchstäblich unter die Nase rieb, zu
bemächtigen; aber diese, ohne ihre Fassung zu verlieren, streckte die
Hand aus, berührte die Brust Seiner Gnaden mit der friedlichen Gewalt
und unwiderstehlichen Festigkeit eines Elephantenrüssels und warf ihn
mit Stuhl und allem auf den Rücken.
»_Ave Maria purisima!_« (Heilige Jungfrau Maria!) rief inzwischen die
Navarresin und lachte wie toll. »Der Stuhl war wohl gar zerbrochen?«
»Was geht hier vor?« rief in diesem Augenblicke Tio Lucas, indem er sein
häßliches Gesicht durch die Weinblätter steckte.
Noch lag der Corregidor auf dem Rücken am Boden und blickte mit
unaussprechlichem Entsetzen zu dem Manne empor, der in der Luft auf dem
Bauche liegend erschien.
Wie ein Teufel sah er aus, aber nicht wie einer von St. Michael, sondern
wie ein von einem anderen höllischen Dämon besiegter.
»Was soll hier vorgehen?« beeilte sich die Seña Frasquita zu sagen, »der
Herr Corregidor hatte seinen Stuhl nicht fest aufgestellt, er fing an
sich zu wiegen, und da ist er gefallen.«
»Jesus, Maria und Joseph!« rief seinerseits der Müller aus, »Ew. Gnaden
haben sich doch nicht etwa Schaden gethan? Wollen Ew. Gnaden ein wenig
Wasser und Essig?«
»Ich habe mir nichts gethan!« sagte der Corregidor, indem er, so gut er
konnte, aufstand.
Und dann fügte er leise, doch so, daß ihn die Seña Frasquita verstehen
konnte, hinzu:
»Das sollt Ihr mir bezahlen.«
»Dagegen haben aber Ew. Gnaden mir das Leben gerettet,« fuhr Tio Lucas
fort, ohne jedoch von seinem luftigen Sitze herabzusteigen. »Stelle dir
nur vor, Frau, ich sitze hier oben und betrachte die Weintrauben; da
schlafe ich auf einem Netz von Weinreben und Stangen, dessen
Zwischenöffnungen groß genug waren, um einen Körper hindurchgleiten zu
lassen, ein. Hätte mich also Sr. Gnaden Fall nicht zur rechten Zeit
aufgeweckt, so hätte ich mir späterhin den Kopf auf diesen Steinen
zerbrochen.«
»Also du... he?« rief der Corregidor aus. »Nun, Müller, das freut
mich... Ich sage, es freut mich sehr, daß ich gefallen bin.«
»Das sollst du mir bezahlen,« fügte er dann hinzu, indem er sich zur
Müllerin wendete.
Und das sprach er mit einem solchen Ausdruck von unterdrückter Wut, daß
die Seña Frasquita ganz traurig wurde.
Sie sah nur zu deutlich, daß der Corregidor zuerst erschrocken war, weil
er glaubte, daß der Müller alles gehört hätte.
Als er sich aber überzeugt hatte, daß der Müller nichts gehört, denn Tio
Lucas' Ruhe und Verstellung hätten selbst den schärfsten Luchs
getäuscht, da fing er an, seinem Zorn nachzugeben und Rachepläne zu
brüten.
»Na, na, komm nur herunter und hilf mir Sr. Gnaden reinigen, er ist ja
ganz mit Staub bedeckt,« rief die Müllerin aus.
Und während der Tio Lucas herunterkletterte, sagte sie zu dem
Corregidor, indem sie ihm mit der Schürze den Rock abstäubte, wobei
mancher Schlag die Ohren traf:
»Der Arme hat gar nichts gehört... der hat wie ein Klotz geschlafen.«
Diese Worte und mehr noch der Umstand, daß sie mit leiser Stimme zu ihm
gesprochen wurden, dadurch Mitwissenschaft und Geheimnis andeutend,
brachten eine wunderbare Wirkung hervor. »Du Schelm! Du Trotzkopf!«
stammelte Don Eugenio de Zuñiga mit wässerndem Munde, aber doch noch
scheltend.
»Ew. Gnaden hegen doch keinen Groll gegen mich?« entgegnete die
Navarresin arglistig schmeichelnd.
Als der Corregidor wahrnahm, daß die Strenge einen so guten Erfolg
hatte, versuchte er die Seña Frasquita recht wütend anzusehen; aber da
traten ihm ihr verführerisches Lächeln und ihre himmlischen Augen, in
denen eine liebkosende Bitte glänzte, entgegen -- all sein Zorn schmolz
sofort dahin, und mit süßlichem Ton, bei dem man erst recht den
vollständigen Mangel an Zähnen entdeckte, sagte er: »Das hängt von dir
ab, mein Schatz!«
In diesem Augenblicke sprang Tio Lucas von der Laube auf den Boden.
12.
Zehnten und Erstlinge.
Als der Corregidor seinen Stuhl wieder eingenommen hatte, warf die
Müllerin einen flüchtigen Blick auf ihren Gatten und sah ihn nicht nur
so ruhig wie immer, sondern daß er auch große Lust hatte, über diesen
Einfall vor Lachen zu bersten; im ersten Augenblicke, in dem sie sich
vom Corregidor unbeachtet glaubte, warf sie ihm eine Kußhand zu und
sagte dann mit einer Sirenenstimme, um die Kleopatra sie beneidet hätte,
zu diesem:
»Jetzt sollen Ew. Gnaden auch meine Weintrauben kosten.«
Und jetzt hätte man die schöne Navarresin sehen müssen, und so würde ich
sie malen, wenn ich Titians Pinsel hätte, wie sie so vor dem entzückten
Corregidor stand, frisch, prächtig, reizend, mit ihren edlen Formen,
ihrem engen Kleide, der hohen Gestalt, wie sie die entblößten Arme über
ihr Haupt erhob, in jeder Hand eine durchsichtige Traube, und mit einem
unwiderstehlichen Lächeln und einem bittenden Blick, in dem die Furcht
zitterte, zu ihm sagte:
»Noch hat der Herr Bischof sie nicht versucht... Es sind die ersten, die
wir in diesem Jahre pflücken...«
Sie glich einer riesigen Pomona, die einem ländlichen Gott, sagen wir z.
B. einem Satir Früchte anbietet. In diesem Augenblicke erschien am
äußersten Ende des gepflasterten Platzes der ehrwürdige Bischof der
Diöcese, von dem Advokaten-Akademiker und zwei Domherren in
vorgeschrittenem Alter begleitet, und von seinem Sekretär, zwei
Hausgenossen und zwei Pagen gefolgt.
Einen Augenblick hielt Se. Hochwürden an, um das zugleich komische und
schöne Bild zu betrachten, und dann sagte er mit dem würdevollen Ton der
Prälaten von damals:
»Das Fünfte: Zehnten und Erstlinge an die Kirche Gottes zu bezahlen,
lehrt uns die christliche Satzung; aber Sie, Herr Corregidor, begnügen
sich nicht damit, den Zehnten zu verwalten, sondern wollen auch die
Erstlinge essen.«
»Der Herr Bischof!« riefen die Müllersleute aus und verließen den
Corregidor, um den Ring des Prälaten zu küssen.
»Gott lohne es Ew. Hochwürden, daß Sie unserer armen Hütte solche Ehre
erweisen,« sagte Tio Lucas im Tone aufrichtiger Verehrung und küßte ihn.
»Wie freue ich mich, den Herrn Bischof so wohl und schön zu sehen!« rief
die Seña Frasquita aus, indem auch sie den Ring küßte. »Gott segne ihn
und erhalte ihn so viele Jahre, wie meines Lucas' Bischof!«
»Wie kann ich dir wohl eines Tages fehlen, wenn du mich mit Segnungen
überhäufst, statt sie von mir zu verlangen,« antwortete lachend der
gütige Hirt. Und zwei Finger ausstreckend, segnete er die Seña Frasquita
und darauf die übrigen Anwesenden.
»Hier sind auch Ew. Hochwürden Erstlinge!« sagte der Corregidor, indem
er eine Traube aus den Händen der Müllerin nahm und sie dem Bischof
höflich anbot. »Noch habe ich die Trauben nicht gekostet.«
Der Corregidor sprach diese Worte aus, indem er einen schnellen,
lüsternen Blick auf die strahlende Schönheit der Müllerin warf.
»Hoffentlich doch nicht, weil sie zu sauer sind, wie die in der Fabel,«
bemerkte der Akademiker.
»Die in der Fabel,« versetzte der Bischof, »waren nicht sauer, Herr
Licenziat, sondern außer dem Bereich des Fuchses.«
Keiner von beiden hatte eine Anspielung auf den Corregidor damit
bezweckt; aber die Aussprüche paßten so genau auf das, was soeben
vorgefallen war, daß der Corregidor Don Eugenio de Zuñiga blaß vor Zorn
wurde und, den Ring des Prälaten küssend, sagte:
»Dann wäre ich also der Fuchs, Hochwürden.«
»_Tu dixisti_« (Du sagst es), erwiderte dieser mit der leutseligen
Strenge eines Heiligen, der er auch gewesen sein soll. »_Excusatio non
petita, accusatio manifesta -- Qualis vir, talis oratio._ -- Aber
_satis jam dictum, nullus ultra sit sermo_. Oder, was dasselbe ist:
Lassen wir jetzt das Latein und bekümmern wir uns um diese famosen
Trauben.« Und er pflückte eine einzige Beere von der Traube, welche ihm
der Corregidor anbot. »Sie sind sehr gut,« rief er aus und hielt sie
gegen das Licht; dann reichte er sie seinem Sekretär. »Nur schade, daß
sie mir nicht gut bekommen.«
Der Sekretär betrachtete die Traube auch, nahm eine Miene höflicher
Bewunderung an und übergab sie einem der Hausgenossen.
Der Famulus wiederholte die Handlung des Bischofs und die Miene des
Sekretärs, ja, ging sogar so weit, an der Weintraube zu riechen, und
dann legte er sie mit der skrupulösesten Sorgfalt in den Korb zurück und
sagte mit leiser Stimme zu den Umstehenden:
»Sr. Hochwürden fasten...«
Tio Lucas aber, der die Traube mit dem Blick verfolgt hatte, nahm sie
dann ganz heimlich und aß sie verstohlen auf, ohne daß jemand es gesehen
hatte.
Darauf setzten sich alle; man sprach vom Herbste, der sehr trocken war,
obgleich die Prozession mit dem Strick des heiligen Franziskus
umgegangen, sprach von der Möglichkeit eines neuen Krieges zwischen
Napoleon und Österreich, bestand auf dem Glauben, daß die kaiserlichen
Truppen das spanische Gebiet nie betreten würden; der Advokat beklagte
sich über das Aufrührerische und alles Umstürzende jener Epoche und
beneidete die ruhigen Zeiten seiner Väter, _nota bene_ wie die Väter die
Zeiten der Großväter beneidet hatten -- da rief der Papagei fünf Uhr...
und auf ein Zeichen des ehrwürdigen Bischofs ging der jüngere der
beiden Pagen nach dem Wagen Sr. Hochwürden, der an demselben Graben
angehalten hatte, wie der Alguacil und kam mit einem prächtigen aus Brot
und Öl gebackenen, mit Salz bestreuten Kuchen zurück, der kaum vor einer
Stunde aus dem Ofen gekommen war. Ein kleiner Tisch wurde inmitten der
Anwesenden aufgestellt, die Torte wurde zerschnitten, auch Tio Lucas und
die Seña Frasquita erhielten, trotz ihrer heftigen Weigerung, ihr Teil,
und eine Stunde lang herrschte eine wirklich demokratische Gleichheit
unter dem rötlich schimmernden Weinlaube, durch das die letzten Strahlen
der untergehenden Sonne ihren Abschiedsgruß sandten.
13.
Da sagte die Krähe zum Raben.
Anderthalb Stunden später waren alle die erlauchten Vespergenossen in
die Stadt zurückgekehrt.
Der Bischof und seine »Familie« waren, dank dem Wagen, bedeutend früher
angekommen und waren schon im Palaste, wo wir sie bei ihrer Andacht
nicht weiter stören wollen.
Der ausgezeichnete Advokat, der sehr trocken war, und die beiden
Canonici, einer immer dicker und respektabler als der andere,
begleiteten den Corregidor bis zur Thür des Rathauses, wo, wie Sr.
Gnaden sagte, er noch zu arbeiten hatte, und schlugen dann den Weg zu
ihren respektiven Wohnungen ein, wie Schiffer von den Sternen geleitet,
oder wie Blinde die Ecken durch Tasten vermeidend, denn schon war die
Nacht hereingebrochen, der Mond war noch nicht aufgegangen, und die
Straßenbeleuchtung war, wie alle übrigen Lichter dieses Jahrhunderts,
noch im göttlichen Gehirn.
Dafür sah man nicht selten eine Laterne durch die Straßen irren, mit der
ein ehrerbietiger Diener seinem erhabenen Gebieter voranleuchtete, der
sich zu der gewohnten Tertulia[5] oder zum Besuch in das Haus seiner
Verwandten begab.
Fast neben allen niedrigen Gittern sah man, oder besser gesagt, spürte
man, ahnte man eine schwarze, schweigende Masse. Das waren Verlobte,
welche ihr Gespräch bei den herannahenden Schritten abgebrochen hatten.
»Wir sind aber wirkliche Leichtfüße,« sagten der Advokat und die beiden
Canonici im Gehen. »Was wird man nur in unseren Häusern von uns denken,
wenn man uns zu dieser Stunde ankommen sieht?«
»Aber was werden die uns auf der Straße Begegnenden sagen, wenn sie uns
auf diese Weise nach sieben Uhr nachts wie von der Finsternis beschützte
Reitersleute sehen?«
»Wir müssen wirklich unsern Lebenswandel ändern.«
»Ach ja! aber diese verflixte Mühle!«
»Meine Frau hat sie schon gewaltig im Magen,« sagte der Akademiker in
einem Tone, aus dem man die Furcht vor einer nahe bevorstehenden
Gardinenpredigt deutlich heraushörte.
»Nun, und meine Nichten!« rief einer der Canonici aus, der, nach seinen
äußeren Abzeichen zu schließen, Pönitentiarius war, »meine Nichten
sagen, daß die Priester keine Gevatterinnen besuchen sollten.«
»Und doch,« unterbrach sein Gefährte, der Magistral war, »kann es nichts
Unschuldigeres geben, als...«
»Ei gewiß, geht doch sogar der Herr Bischof...«
»Und dann, meine Herren, in unserem Alter!« versetzte der Pönitentiar.
»Gestern bin ich fünfundsiebzig Jahre alt geworden.«
»Das ist ja ganz klar,« erwiderte der Magistral. »Aber lassen Sie uns
von etwas anderem sprechen; wie reizend war heute die Seña Frasquita.«
»O ja, was das betrifft, reizend ist sie, sehr reizend,« sagte der
Advokat und heuchelte Unparteilichkeit.
»Sehr reizend!« wiederholte der Pönitentiarius hinter seiner Umhüllung.
»Und wenn nicht,« sagte der Prediger _de officio_, »so fragt nur den
Corregidor, der arme Mann ist verliebt in sie.«
»Na, das glaube ich schon,« rief der Beichtiger in der Kathedrale aus.
»Gewiß!« fügte der korrespondierende Akademiker hinzu. »Hier aber, meine
Herren, trennen sich unsere Wege, ich gehe hier herum, um eher nach
Hause zu gelangen. Gute Nacht, meine Herren.«
»Gute Nacht,« antworteten ihm die Kapitelherren.
Und schweigend gingen sie einige Schritte vorwärts.
»Auch dem gefällt die Müllerin!« murmelte darauf der Domherr und stieß
den Pönitentiarius sanft mit dem Ellbogen in die Seite.
»Das sieht man doch ganz deutlich,« antwortete dieser und blieb an
seiner Hausthür stehen. »Und so häßlich wie er ist! Also auf morgen,
Kollege. Mögen Ihnen die Trauben gut bekommen.«
»Auf morgen, so Gott will. Ich wünsche Ihnen eine recht gute Nacht.«
»Gott gebe uns eine gute Nacht!« betete der Pönitentiarius schon vom
Portal, das sich durch eine Laterne und eine Jungfrau auszeichnete. Und
er schlug mit dem Klopfer an die Thür.
Als der andere Canonicus sich allein auf der Straße befand -- er war
breiter als er lang war und schien sich rollend fortzubewegen -- ging er
langsam seinem Hause zu; aber ehe er jedoch dasselbe erreichte, stieß er
gegen eine Wand, die in späteren Zeiten den Verordnungen der städtischen
Polizei dienen sollte, und sagte, während er wahrscheinlich dabei an
seinen Chorbruder dachte:
»Und dir gefällt die Seña Frasquita auch... Es ist aber auch wahr,«
fügte er nach einem Augenblick hinzu, »reizend ist sie, sehr reizend!«
14.
Garduñas Ratschläge.
Inzwischen war der Corregidor, von Garduña gefolgt, in das Rathaus
eingetreten, und hielt mit diesem im Sitzungssaale eine so vertrauliche
Unterhaltung, wie sie sich für einen Mann von seinem Range und seinem
Amte gar nicht schickte.
»Trauen Ew. Gnaden doch nur einem Spürhunde, der die Jagd kennt,« sagte
der unedle Alguacil. »Die Seña Frasquita ist wahnsinnig in Ew. Gnaden
verliebt, und was Ew. Gnaden mir soeben erzählt haben, läßt es so hell
wie dieses Licht sehen...«
Und dabei deutete er auf eine Kerze, die kaum den achten Teil des Saales
erhellte.
»So ganz sicher wie du, bin ich doch nicht, Garduña,« antwortete Don
Eugenio seufzend.
»Dann weiß ich nicht, warum. Und wenn nicht, lassen Sie uns offen
darüber sprechen. Ew. Gnaden, mit Ihrer Erlaubnis sei es gesagt, haben
einen kleinen, ganz kleinen Fehler an Ihrem Körper, nicht wahr?«
»Gut, ja,« antwortete der Corregidor. »Aber der Tio Lucas hat denselben
Fehler. Er ist noch weit buckliger als ich.«
»Viel buckliger! Sehr viel buckliger! Er ist gar nicht mit Ihnen zu
vergleichen! Aber dafür, und das wollte ich eben sagen, haben Ew. Gnaden
ein sehr ansehnliches Gesicht, so, was man sagt ein schönes Gesicht,
während der Tio Lucas aussieht wie der Sergeant Utrera, der vor reiner
Häßlichkeit krepiert ist.«
Der Corregidor lachte mit einer gewissen Leutseligkeit.
»Übrigens,« fuhr der Alguacil fort, »ist die Seña Frasquita imstande,
sich aus dem Fenster zu stürzen, wenn sie dadurch die Ernennung ihres
Neffen erreichen kann.«
»Bis hierher stimmen wir überein; diese Ernennung ist meine einzige
Hoffnung.«
»Nun denn, Hand ans Werk, gnädiger Herr. Ich habe Ew. Gnaden ja schon
meinen Plan mitgeteilt... Er braucht nur heute Nacht ausgeführt zu
werden.«
»Ich habe dir schon vielmals gesagt, daß ich keine Ratschläge brauche!«
schrie Don Eugenio, indem er sich plötzlich erinnerte, daß er mit einem
Untergebenen sprach.
»Ich glaubte, daß Ew. Gnaden sie von mir verlangten,« stotterte Garduña.
»Antworte mir nicht!«
Garduña verbeugte sich.
»Also du sagst,« fuhr der Corregidor fort, indem er sich allgemach
besänftigte, »daß schon heute Nacht alles geordnet werden kann? Nun,
weißt du, das scheint mir sehr gut. Teufel noch einmal! So werde ich
doch endlich von dieser grausamen Ungewißheit befreit werden.«
Garduña schwieg.
Der Corregidor wandte sich an den Schreibtisch, schrieb einige Zeilen
auf Stempelpapier, das er seinerseits noch stempelte, und verwahrte es
dann in seiner Westentasche. »So, die Ernennung des Neffen wäre
gemacht,« sagte er dann und nahm eine Prise Tabak. »Morgen werde ich
mich mit den Regidoren (Stadträten) darüber verständigen, und entweder
sie genehmigen sie einstimmig, oder der Teufel soll sie holen. Meinst du
nicht auch, daß ich recht thue?«
»Das ist es, das ist es,« rief der begeisterte Garduña aus, indem er die
Pfote in die Tabaksdose des Corregidors versenkte und dieser eine Prise
entführte. »Das ist es, Ew. Gnaden Vorgänger ist auch niemals vor einem
Hindernisse zurückgeschreckt. Einmal...«
»Laß das Geschwätz!« versetzte der Corregidor, indem er der räuberischen
Hand einen Schlag mit dem Handschuh versetzte. »Mein Vorgänger war ein
Esel, weil er dich zum Alguacil hatte. Aber kommen wir wieder auf unsere
Angelegenheit zurück. Du sagtest mir, daß die Mühle des Tio Lucas zum
Gerichtsbezirk des nächsten Fleckens und nicht zu dem dieser Stadt
gehört... Bist du ganz sicher?«
»Ganz sicher. Der Gerichtsbezirk der Stadt hört mit dem Graben auf, wo
ich heute Nachmittag saß, um Ew. Gnaden zu erwarten. Heiliger Lucifer!
Wenn ich an Ihrer Stelle gewesen wäre.«
»Genug!« schrie Don Eugenio, »du bist ein Unverschämter!« Er ergriff
einen halben Bogen Papier, schrieb ein Billet, schloß es, indem er eine
Ecke umschlug und übergab es Garduña. »Da hast du den Brief, den du von
mir für den Alkalden des Ortes verlangt hast,« sagte er gleichzeitig zu
ihm. »Du wirst ihm noch mündlich alles erklären, was er zu thun hat. Du
siehst wohl, ich führe deinen Plan buchstäblich aus. Aber wehe dir, wenn
du mich in eine Sackgasse bringst!«
»Seien Ew. Gnaden unbesorgt,« antwortete Garduña. »Señor Juan Lopez hat
viel zu fürchten, und sobald er nur Ew. Gnaden Unterschrift sieht, wird
er alles thun, was man ihm befiehlt. Dem königlichen Rentamt schuldet er
mindestens tausend Fanegas Getreide und dem Kirchenamt ebensoviel. Und
dies letztere gegen alles und jedes Gesetz, denn er ist weder eine
Witwe, noch ein armer Arbeiter, um das Korn zu erhalten, ohne Zinsen
darauf zu zahlen, sondern ein Spieler, ein Trunkenbold und ein Ehrloser,
ein Freund von Weibern, über den der ganze Flecken entrüstet ist... Und
jener Mensch übt die Autorität aus. Aber so geht es in der Welt!«
»Ich habe dir gesagt, daß du schweigen sollst! Du störst mich,« brüllte
der Corregidor. »Aber um auf unser früheres Gespräch zurückzukommen,«
fügte er, den Ton ändernd, nach einiger Zeit hinzu, »es ist jetzt
einviertel auf Acht... Zuerst mußt du nach Hause gehen und die Señora
benachrichtigen, daß sie mich zum Abendbrot und zum Schlafen nicht
erwarten soll. Sage ihr, daß ich bis zum Zapfenstreich zu arbeiten habe
und nachher eine geheime Runde mit dir machen wolle, um zu sehen, ob wir
nicht ein paar Übelthäter fangen können u. s. w. u. s. w. Mit einem
Worte, täusche sie nur gut, damit sie sich ohne irgend welchen Verdacht
hinlegt. Unterwegs sage dem andern Alguacil, daß er mir das Abendbrot
herbringe. Ich wage es nicht, mich heute vor meiner Frau sehen zu
lassen; sie kennt mich zu gut, sie ist fähig, in meinen Gedanken zu
lesen. Trage der Köchin auf, daß sie nur einige von den Klößen schickt,
die es heute gegeben hat, und sage dem Alguacil, daß er mir aus dem
Wirtshause ein halbes Viertel Weißwein herüberbringt, so aber, daß es
niemand sieht. -- Dann gehst du nach dem Orte ab, wo du ganz gut um halb
neun Uhr sein kannst.«
»Schlag acht Uhr bin ich dort,« rief Garduña aus.
»Widersprich mir nicht!« heulte der Corregidor, der sich wieder
erinnerte, wer er war.
Garduña salutierte.
»Wir haben gesagt,« nahm jener, menschlicher werdend, wieder das Wort,
»daß du um acht Uhr im Orte sein kannst. Vom Dorfe bis zur Mühle wird es
ungefähr... ich glaube, es wird eine halbe Meile sein...«
»Eine kleine...«
»Unterbrich mich nicht.«
Der Alguacil salutierte von neuem.
»Eine kleine halbe Meile,« fuhr der Corregidor fort. »Folglich um Zehn.
Glaubst du, daß um zehn...«
»Vor Zehn, um halb Zehn kann Ew. Gnaden an die Thür der Mühle klopfen.«
»Kerl, sage mir nicht, was ich thun soll... Natürlich wirst du dort
sein...«
»Ich werde überall sein... Aber mein Hauptquartier wird im Graben sein.
Ach, bald hätte ich vergessen! Gehen Ew. Gnaden doch zu Fuß und ohne
Laterne.«