Der Tio Lucas war häßlicher als Picio. Er war es schon immer

Der Dreispitz

Aus dem Spanischen

des

D. Pedro de Alarcon

übersetzt von

Hulda Meister

Leipzig

Druck und Verlag von Philipp Reclam jun.

Inhaltsverzeichnis

Vorrede 3

1. Wann es geschah 7

2. Wie die Leute damals lebten 9

3. Do ut des 10

4. Eine Frau von außen besehen 13

5. Ein Mann von innen und von außen besehen 16

6. Fertigkeiten der beiden Ehegatten 17

7. Der Grund der Glückseligkeit 19

8. Der Mann mit dem Dreispitz 21

9. Hü, Esel! 24

10. Vom Rebengeländer aus 25

11. Das Bombardement von Pamplona 28

12. Zehnten und Erstlinge 35

13. Da sagte die Krähe zum Raben 38

14. Garduñas Ratschläge 41

15. Abschied in Prosa 46

16. Ein Unglücksvogel 50

17. Ein Dorfschulze 52

18. Wie Tio Lucas nicht ans Schlafen dachte 54

19. Stimmen in der Wüste 55

20. Zweifel und Wirklichkeit 57

21. Achtung, Herr! 64

22. Garduña vervielfältigt sich 69

23. Noch einmal die Wüste und die bewußten Stimmen 72

24. Ein König von damals 73

25. Garduña's Stern 76

26. Reaktion 77

27. Im Namen des Königs 78

28. Ave Maria purisima! Las doce y media, y sereno! 81

29. Nach dem Gewölk ... Reveille 83

30. Eine Dame von Stande 84

31. Die Strafe der Wiedervergeltung 85

32. Der Glaube versetzt Berge 90

33. Nun, und du? 92

34. Auch die Corregidora ist reizend 96

35. Kaiserliches Dekret 99

36. Schluß, Moral und Epilog 102

Vorrede.

Es giebt wohl wenige Spanier, selbst wenn wir solche mitrechnen, die

wenig wissen und lesen, welche die dem vorliegenden Werkchen zu Grunde

liegende Erzählung nicht kennen.

Zuerst hörten wir sie von einem unwissenden Ziegenhirten, der nie aus

dem versteckten Dörfchen, in welchem er das Licht der Welt erblickt,

herausgekommen war. Er war einer jener ungelehrten, aber natürlich

schlauen, lustigen Bauern, die in unserer Nationallitteratur unter dem

Namen _picaros_ (Schelme, Spitzbuben) eine so große Rolle spielen. Gab

es eine Hochzeit, eine Taufe, oder kam die Herrschaft einmal zum Besuch,

so wurden diese Ereignisse im Flecken natürlich gefeiert, und seine

Aufgabe war es dann, die Possen und Pantomimen zu leiten, den Hanswurst

zu spielen und Romanzen und Erzählungen vorzutragen; und bei einer

solchen Gelegenheit war es (schon fast ein ganzes Menschenalter -- das

heißt, wohl mehr als fünfunddreißig Jahre -- ist darüber vergangen), bei

der er eines Abends unsere (relative) Unschuld mit der Erzählung in

Versen: =»Der Corregidor und die Müllerin«=, oder auch =»Der Müller

und die Corregidora«= blendete und entzückte. Wir übergeben sie heute

unter dem anspruchsvolleren und philosophischeren Namen (denn so

verlangt es der Ernst unserer Zeit) =»Der Dreispitz«= dem Publikum.

Zwar erinnern wir uns, daß an jenem Abende, an welchem der Ziegenhirt

uns eine so angenehme Kurzweil verschaffte, die dort versammelten

heiratsfähigen Mädchen sehr rot wurden, woraus die Mütter dann

schlossen, daß die Geschichte etwas saftig sein müßte, und den Hirten

gehörig zurechtsetzten; aber der arme Repela (so hieß der Hirt) war

nicht auf den Mund gefallen und antwortete auf der Stelle, daß sie gar

nicht nötig hätten, so aufgebracht zu sein, denn in seiner Erzählung

wäre nichts, was nicht jedermann hören könnte, ja, was nicht sogar die

Nonnen und die vierjährigen Mädchen wüßten...

»Und wenn nicht, so wollen wir doch einmal sehen,« fragte der

Ziegenhirt, »was lernt man aus der Geschichte vom =Corregidor und der

Müllerin=? Daß verheiratete Leute zusammenschlafen, und daß es keinem

Gatten paßt, wenn ein anderer Mann bei seiner Frau schläft.... Mich

dünkt, daß ist doch die reine Wahrheit!...«

»Freilich ist das wahr,« antworteten die Mütter, als sie das Gelächter

ihrer Töchter hörten.

»Beweis dafür, daß der Onkel Repela recht hat,« bemerkte hierauf der

Vater des Bräutigams, »ist, daß Groß und Klein, alle hier Gegenwärtigen

sich schon überzeugt haben, daß, sobald heute der Tanz zu Ende ist,

Juanete und Manolilla das schöne Ehebett einweihen werden, das die Tante

Gabriela eben unseren Töchtern gezeigt hat, um die Stickereien an den

Kopfkissen zu bewundern...«

»Mehr noch,« sagte der Großvater der Braut, »sogar in der Doctrin und in

den Predigten wird den Kindern von diesen so ganz natürlichen Sachen

erzählt, wie unsere liebe Frau Anna so lange unfruchtbar war, vom

keuschen Joseph, von Judiths Kriegslist und vielen anderen Wundern, die

mir jetzt nicht gerade einfallen... darum...«

»Ach was, Tio (Onkel) Repela,« riefen die Mädchen mutig aus, »erzählt

Eure Geschichte noch einmal, sie ist doch sehr lustig!«

»Und sogar sehr anständig,« fuhr der Großvater fort, »denn sie lehrt

euch nichts Schlechtes; -- keinem wird darin angeraten, schlecht zu

sein, und der schlecht gewesen ist, geht nicht ungestraft aus...«

»Nun, meinetwegen! wiederholt sie also!« sagte schließlich jede

Familienmutter.

Tio Repela wiederholte die Romanze, und da alle sie nun im Lichte jener

einfachen Kritik sahen, so gab es auch kein »aber« dabei, was ebenso gut

war, wie wenn sie gesagt hätten: Wir geben die =notwendige Erlaubnis=!

* * * * *

Im Laufe des Jahres haben wir noch viele und sehr verschiedene Versionen

desselben Abenteuers von dem Müller und der Corregidora gehört und immer

von den Lippen eines Dorfgracioso nach der Art des schon verstorbenen

Tio Repela; dann haben wir sie auch in den »Romanzen eines Blinden«

gedruckt gesehen und sogar in den berühmten Romanzen des unvergeßlichen

Don Agustin Duran.

Die Grundlage der Erzählung ist überall dieselbe: tragikomisch,

spöttisch und entsetzlich epigrammatisch, wie alle dramatischen

Morallehren, für die sich unser Volk begeistert; aber die Form, der

zufällige Mechanismus, die eigentümlichen Vorgänge sind sehr, sind

außerordentlich verschieden von der Erzählung unseres Hirten; so sehr,

daß dieser keine der erwähnten Versionen in der Cortijada (Bauernhof)

hätte vortragen können, ohne daß sich die anständigen Mädchen die Ohren

zugehalten oder die Mütter ihm die Augen ausgekratzt hätten.

Bis zu solchem Grade haben die groben Tölpel anderer Provinzen die

traditionelle Erzählung, die in des klassischen Repela Version so

köstlich, anständig und rein erschien, aufgebauscht und entstellt.

So hatten wir denn schon seit langer Zeit den Plan gefaßt, die Wahrheit

der Dinge ans Licht zu bringen, indem wir der stark entstellten

Erzählung ihren ursprünglichen Charakter zurückgeben, denn ohne Zweifel

war derjenige, in dem der Anstand am meisten gewahrt worden, der

ursprüngliche. -- Wie könnte man auch daran zweifeln? Diese Art von

Erzählungen verlieren, wenn sie durch die Hände des Volkes gehen, ihre

Eigentümlichkeiten nicht dadurch, daß sie schöner, zarter und

anständiger gemacht werden, sondern indem sie durch die Berührung mit

der Gemeinheit und Roheit verstümmelt und verdorben werden.

Das ist die Geschichte des vorliegenden Buches... So wollen wir denn

loslegen, das heißt, wir wollen mit der Erzählung von dem Corregidor und

der Müllerin beginnen, in der Hoffnung, daß du, ehrenwertes Publikum, in

deinem gesunden Urteil, »nachdem du sie gelesen und mehr Kreuze

geschlagen hast, als wenn du den leibhaftigen Gottseibeiuns gesehen

hättest« (wie Estebanillo Gonzalez im Anfange der seinigen sagte), sie

für würdig und wert erachten wirst, veröffentlicht worden zu sein.

Der Dreispitz.

1.

Wann es geschah.

Es war zu Anfang dieses langen Jahrhunderts, das sich schon seinem Ende

zuneigt. -- Ganz genau weiß man das Jahr nicht, nur, daß es nach dem

Jahre 4 und vor dem Jahre 8 war.

Damals regierte Don Carlos der Vierte von Bourbon in Spanien; von Gottes

Gnaden, wie die Münzen besagten, aus Vergeßlichkeit nur von Bonapartes

besonderer Gnade, wie die französischen Bulletins es erklärten. Die

übrigen europäischen Herrscher, Abkömmlinge Ludwigs _XIV._, hatten

schon ihre Krone (und ihr Haupt seinen Kopf) verloren in dem rasenden

Sturme, der über diesen alten Teil der Welt seit 1789 dahinfegte.

Doch darin bestand die Eigentümlichkeit unseres Vaterlandes in jener

Zeit nicht allein. Der Soldat der Revolution, der Sohn eines unbekannten

korsischen Advokaten, der Sieger von Rivoli, von den Pyramiden, Marengo

und hundert anderen Schlachten, hatte sich soeben die Krone Karls des

Großen aufs Haupt gesetzt und ganz Europa umgewandelt, hatte Nationen

geschaffen, Nationen ausgelöscht, Grenzen aufgehoben, Dynastien

geschaffen, und den Städten, durch welche er auf seinem Streitroß gleich

einem Erdbeben, oder gleich dem Antichristen, wie ihn die Mächte des

Nordens nennen, kam, andere Formen, andere Namen, Lage, Sitte, ja sogar

ein anderes Ansehen gegeben. -- Und doch waren unsere Väter (Gott habe

sie selig!) weit davon entfernt, ihn zu hassen oder zu fürchten; im

Gegentheil gefielen sie sich darin, seine außergewöhnlichen Thaten zu

bewundern, wie wenn es sich um den Helden eines Ritterromanes oder um

Dinge gehandelt hätte, die sich auf einem anderen Planeten zugetragen,

und nicht im entferntesten fiel es ihnen ein, daß er auch hierher kommen

könne, um dieselben Grausamkeiten, die er in Frankreich, Deutschland,

Italien und anderen Ländern verübt, auch hier zu versuchen. Einmal

wöchentlich, höchstens zweimal kam die Post aus Madrid nach dem größten

Teile der bedeutenderen Städte der Halbinsel und brachte eine Nummer der

Zeitung (die auch keine tägliche war) mit, und durch sie erfuhren die

hauptsächlichsten Personen (wir wollen einmal annehmen, daß die Zeitung

über diese Geringfügigkeiten berichtete), ob jenseits der Pyrenäen ein

Staat mehr oder weniger existierte, ob wieder eine Schlacht geschlagen

worden war, in der sechs oder acht Könige und Kaiser gekämpft, und ob

Napoleon sich in Mailand, Brüssel oder Warschau befand. Im übrigen aber

lebten unsere Vorväter ganz nach der alten spanischen Weise, äußerst

langsam, an veralteten Gebräuchen klebend, im Frieden und der Gnade

Gottes, mit ihrer Inquisition und ihren Mönchen, ihrer malerischen

Ungleichheit vor dem Gesetz, mit ihren Privilegien, Gerechtsamen und

persönlichen Vorrechten, mit ihrem Mangel an jeder politischen oder

munizipalen Freiheit, wurden gleichzeitig von ihren berühmten Bischöfen

und mächtigen Corregidoren, deren respektive Machtvollkommenheiten nicht

leicht zu umgrenzen waren, da sich die einen wie die anderen mit dem

Zeitlichen und Ewigen befaßten, regiert, und bezahlten Zehnten,

Erstlinge, Handelsabgaben, Unterstützungsgelder, Almosen und gezwungene

Vermächtnisse, Renten, Rentchen, Kopfsteuern, königliche _tercias_,[1]

Abgaben, Steuern und wohl fünfzig Tribute mehr, deren Aufzählung hier

nicht notwendig ist.

Und hiermit ist alles gesagt, was die vorliegende Erzählung mit dem

militärischen und politischen jener Epoche zu thun hatte; denn unser

alleiniger Zweck, wenn wir vorführten, was damals in der Welt geschah,

war: zu konstatieren, daß in dem bewußten Jahre (sagen wir so um 1805)

in Spanien noch das =alte= System in allen Kreisen des öffentlichen

und privaten Lebens vorherrschte, wie wenn die Pyrenäen sich inmitten

all dieser Neuerungen und Umwälzungen in eine andere chinesische Mauer

verwandelt hätten.

2.

Wie die Leute damals lebten.

In Andalusien zum Beispiel (denn das, was ich erzählen will, trug sich

gerade in einer andalusischen Stadt zu) erhoben sich die Leute von Stand

sehr früh, gingen zur Frühmesse in die Kathedrale, wenn es auch kein

verordneter Festtag war, frühstückten um neun Uhr einen Eierkuchen und

eine Tasse Chokolade mit _picatostes_ (in Öl geröstetes Brot), aßen um

ein oder zwei Uhr nachmittags _puchero_[2] und _principio_,[3] wenn

es Wild gab, wenn nicht, dann nur _puchero_ allein, hielten nach dem

Essen ihre Siesta, machten darauf einen Spaziergang durchs Feld, gingen

in der Dämmerung in ihrem respektiven Kirchspiel zum Rosenkranz; zum

Avemaria tranken sie noch eine Tasse Chokolade, diesmal jedoch mit

Zwieback, und die vornehmsten unter ihnen gingen dann zur

Abendgesellschaft beim Corregidor, dem Dekan, oder welcher Titel gerade

der vorherrschende in der Stadt war. Beim Abendläuten zog man sich

zurück, schloß die Hausthür beim Zapfenstreich, aß Salat und _guisado_

(Geschmortes) aus Autonomasie, wenn nicht etwa frische Fische angekommen

waren, zum Abendbrot und legte sich sogleich mit seiner Frau zu Bett,

doch nicht, ohne daß während neun Monaten im Jahre das Bett vorher

gewärmt worden wäre... Das waren glückliche Zeiten, in denen unser Land

im ruhigen, friedlichen Besitz aller Spinnengewebe, allen Staubes, aller

Motten, allen Respektes, aller Glaubensmeinungen, aller Traditionen,

Gebräuche und durch die Jahrhunderte geheiligten Mißbräuche dahinlebte!

Glückliche Zeiten waren es, in denen es in der menschlichen Gesellschaft

verschiedene Klassen, verschiedene Meinungen, verschiedene Gebräuche

gab! Glückliche Zeiten! sage ich... und besonders für die Dichter, die

hinter jeder Ecke eine Legende, eine Erzählung, eine Komödie, ein Drama,

eine Novelle, ein Lustspiel, ein Zwischenspiel, ein Mysterium oder ein

Epos fanden an Stelle dieser prosaischen Gleichförmigkeit und des

geschmacklosen Realismus, den uns die französische Revolution als

Erbteil hinterließ. -- Glückliche Zeiten, wenn...

Aber da falle ich ja wieder in die alte Gewohnheit zurück. Genug also

mit Allgemeinheiten und Umschweifen und laßt uns mutig beginnen mit der

Geschichte =vom Dreispitz=.

3.

_Do ut des._

Zu jener Zeit gab es in der Nähe der Stadt *** eine prächtige Mühle, die

jetzt nicht mehr existiert, ungefähr eine Viertel Legua vom Orte

entfernt, zwischen zwei mit Weichsel- und anderen Kirschbäumen

bewachsenen Hügeln und einem sehr fruchtbaren Obstgarten, der einem

verräterischen, intermittierenden Flusse als Rand -- zuweilen auch als

Bett -- diente.

Seit einiger Zeit schon war die Mühle aus verschiedenen und

unterschiedlichen Gründen der bevorzugte Ziel- und Ruhepunkt der

angeseheneren Spaziergänger aus der vorerwähnten Stadt. Erstens führte

eine Landstraße dorthin, die weniger unbefahrbar war als alle übrigen

der Gegend. Zweitens befand sich vor der Mühle ein kleiner,

gepflasterter Platz, von einer riesigen, mit Wein überzogenen Laube

überschattet, in der man in sehr angenehmer Weise, dank dem

immerwährenden Wechsel der Weinblätter, die Kühle des Sommers und die

Sonne im Winter genießen konnte.... Drittens war der Müller ein sehr

achtbarer Mann, sehr zurückhaltend, sehr schlau, der, was man so sagt,

Menschenkenntnis besaß und die Leute zu nehmen wußte, und die großen

Herren, die ihn zur Vesperstunde mit ihrem Besuche zu beehren pflegten,

bewirtete, indem er ihnen anbot, was gerade die Jahreszeit so mit sich

brachte, jetzt grüne Bohnen, dann Kirschen und Weichselkirschen, rohen

Salat ohne Zuthaten (der ganz ausgezeichnet ist, wenn man ihn mit

Röllchen von in Öl geröstetem Brote ißt, welche die Herrschaften

gewöhnlich vorauszuschicken pflegten), Melonen, darauf Weintrauben von

demselben Weinstock, der ihnen als Baldachin diente, dann Maiskolben

und, wenn es Winter war, gebratene Kastanien, Mandeln und Nüsse und

zuweilen an sehr kalten Tagen ein Schlückchen guten Weines (dann aber

schon im Hause und beim wärmenden Feuer), dem man zu Weihnachten ein

wenig Gebäck, eine Butterschnitte, eine Brezel oder eine Schnitte

Schinken aus den Alpujarras hinzufügte.

War der Müller denn so reich, oder seine Gäste so anspruchsvoll? werdet

ihr, mich unterbrechend, ausrufen. Weder eins noch das andere. Der

Müller hatte nur gerade sein Auskommen, und jene Herren waren das

personifizierte Zartgefühl und Stolz. Aber in einer Zeit, in der man der

Kirche und dem Staat einige fünfzig verschiedene Abgaben bezahlte, da

setzte ein so verständiger und hellsehender Mann wie jener nicht viel

aufs Spiel, wenn er sich die Gunst der Regidoren, Canonici, Mönche,

Schreiber und anderer einflußreichen Personen zu erwerben suchte. Darum

fehlte es auch nicht an Leuten, die da behaupteten, daß der Tio Lucas,

denn so hieß der Müller, jedes Jahr ein hübsches Sümmchen zurücklegte,

weil er alle Welt bewirtete.

»Euer Gnaden könnten mir wohl ein altes Thürchen von dem

heruntergerissenen Hause geben,« sagte er zu dem einen. »Euer

Herrlichkeit,« sagte er zu dem andern, »könnten doch wohl Befehl geben,

daß man mir die Unterstützungsgelder oder die Kopfsteuer oder den

Steueraufschlag etwas erniedrigt.« -- »Ehrwürden erlauben mir wohl, daß

ich im Klostergarten ein bißchen Laub für meine Seidenwürmer abpflücke.«

-- »Durchlaucht geben mir wohl Erlaubnis, ein bißchen Brennholz im Walde

X. zusammenzulesen.« -- »Euer Väterlichkeit wird mir wohl ein paar Worte

schreiben, damit man mir erlaubt, im Walde H. ein wenig Nutzholz

abzuhauen.« -- »Euer Wohlgeboren muß mir da so ein kleines Schriftchen

aufsetzen, das nichts kostet.« -- »In diesem Jahre kann ich den Zins

nicht bezahlen.« -- »Ich hoffe, daß der Prozeß zu meinen Gunsten

entschieden werden wird.« -- »Heute habe ich einem ein paar Ohrfeigen

gegeben, und mich dünkt, der muß ins Gefängnis gesteckt werden, weil er

mich dazu herausgefordert hat.« -- »Hätten Euer Gnaden das wohl übrig?«

-- »Brauchen Sie das noch zu irgend etwas?« -- »Könnten Sie mir Ihr

Maultier leihen?« -- »Brauchen Sie morgen Ihren Wagen?« -- »Was meinen

Sie, darf ich wohl den Esel ein wenig holen lassen?« -- Und dies

Liedchen wiederholte sich stets und in allen Tonarten und erhielt immer

die großmütige Antwort: »Wie Sie wünschen.«

Daraus seht ihr wohl schon, daß Tio Lucas nicht auf dem Wege war, sich

zu Grunde zu richten.

4.

Eine Frau von außen besehen.

Der letzte und vielleicht der stärkste Grund, den die Herrschaften aus

der Stadt hatten, alle Nachmittage die Mühle des Tio Lucas zu besuchen,

war wohl der, daß sowohl die Geistlichen wie die Laien, vom Herrn

Bischof und dem Herrn Corregidor (denn auch diese verachteten es nicht,

sie zu besuchen) an, ganz nach ihrer Bequemlichkeit eines der schönsten,

anmutigsten, bewundernswürdigsten Werke betrachten konnten, die je aus

der Hand Gottes oder, wie man damals mit Jovellanos und der ganzen

französischen Schule unseres Vaterlandes sagte, des höchsten Wesens

hervorgegangen.

Dies Werk war die Seña Frasquita.[4]

Vor allen Dingen will ich erst sagen, daß die Seña Frasquita, die

rechtmäßige Frau des Tio Lucas, eine vortreffliche Frau war, und das

wußten alle illustren Besucher der Mühle. Ich sage noch mehr: keiner von

ihnen wagte es, sie auch nur mit begehrlichen Blicken oder in sündhafter

Absicht zu betrachten. Sie bewunderten sie, und Mönche und Herren,

Canonici und obrigkeitliche Personen beliebten, sie zuweilen, natürlich

in Gegenwart ihres Mannes, als ein Wunder von Schönheit, das seinen

Schöpfer ehrte, und als eine kleine Teufelin voll Übermut und

Koketterie, die unbewußt die schwermütigsten Geister aufheiterte, zu

preisen. »Sie ist ein schönes Tierchen,« pflegte der sehr tugendsame

Prälat zu sagen. -- »Sie ist wie eine Statue des hellenischen

Altertums,« bemerkte ein sehr gelehrter Advokat, ein korrespondierendes

Mitglied der Akademie der Geschichte. -- »Sie ist wahrhaftig eine

zweite Eva.« brach der Prior der Franziskaner los. -- »'s ist ein

königliches Weib,« rief der Oberst der Miliz. -- »Es ist eine Schlange,

eine Sirene, ein Dämon,« fügte der Corregidor hinzu. -- »Aber sie ist

eine gute Frau, ein Engel, ein liebliches Geschöpfchen, wie ein

vierjähriges Kindchen,« schlossen endlich alle, wenn sie von der Mühle,

vollgestopft mit Weintrauben oder Nüssen, heimkehrten, um ihren

düsteren, methodischen Herd aufzusuchen.

Die vierjährige Kleine, das heißt die Seña Frasquita, war so nahe an die

dreißig. Sie war über fünf Fuß groß und verhältnismäßig stark, oder fast

noch stärker als es für ihre stolze Figur paßte. Sie sah aus wie eine

kolossale Niobe, und doch hatte sie keine Kinder gehabt, ein weiblicher

Herkules, eine römische Matrone, wie man noch einige Exemplare im

Trastevere sieht. Aber das Bemerkenswerteste an ihr war die

Beweglichkeit, die Lebhaftigkeit und Anmut dieser respektablen Form. Um

eine Statue zu sein, wie der Akademiker behauptete, fehlte ihr die

monumentale Ruhe. Wie ein Rohr bog sie sich, drehte sich wie eine

Wetterfahne, tanzte wie ein Brummkreisel. Ihr Gesicht war noch

beweglicher und am wenigsten plastisch. In der reizendsten Weise wurde

es von fünf Grübchen belebt, zwei in einer Wange, eins in der andern,

ein ganz kleines am linken Winkel ihrer lachenden Lippen, und das

letzte, sehr große mitten in ihrem runden Kinn. Fügt zu all diesem

schelmische Grimassen, anmutiges Blinzeln und verschiedene

Kopfstellungen, welche ihre Unterhaltung noch angenehmer machten, und

ihr könnt euch eine Vorstellung von jenem Gesicht voll Geist und

Schönheit machen, das immer von Gesundheit und Heiterkeit widerstrahlte.

Weder die Seña Frasquita noch der Tio Lucas waren Andalusier; sie war

aus Navarra und er aus Murcia. Fünfzehn Jahre alt war er halb als Page,

halb als Diener des früheren Bischofs, nicht dessen, der augenblicklich

die Kirche regierte, nach *** gegangen. Sein Beschützer erzog ihn zum

Geistlichen, und damit es ihm nicht an der _cóngrua_ (dem Einkommen

des Priesters zu seiner Unterhaltung) fehle, hatte er ihm in seinem

Testamente jene Mühle vermacht; aber Tio Lucas, der beim Tode Sr.

Hochwürden noch nicht ordiniert war, hing zur selben Stunde seine

Kleider an den Nagel und ließ sich als Soldat anwerben, da er größere

Lust hatte, die Welt zu sehen und Abenteuer zu bestehen, als Messe zu

lesen oder Mehl zu mahlen. 1793 machte er den Feldzug in den westlichen

Pyrenäen als Ordonnanz des tapferen Generals Don Ventura Caro mit, war

bei der Einnahme von Castillo-Piñon und blieb dann lange Zeit in den

nördlichen Provinzen. In Estella lernte er die Seña Frasquita kennen,

die sich damals nur Frasquita nannte, verliebte sich in sie, heiratete

sie und nahm sie mit sich nach Andalusien in jene Mühle, welche sie so

friedlich und glücklich während des übrigen Teiles ihrer Pilgerschaft

durch dies Thal der Thränen und des Lachens sehen sollte.

Dadurch, daß die Seña Frasquita von Navarra aus unmittelbar in diese

Einsamkeit verpflanzt worden war, hatte sie keine andalusischen Sitten

angenommen und unterschied sich darum auch sehr von den übrigen

Landbewohnerinnen der Umgegend. Sie kleidete sich einfacher, anmutiger

und eleganter als sie, wusch sich öfter und gestattete der Sonne und der

Luft, ihre entblößten Arme und ihren unbedeckten Hals zu liebkosen. Bis

zu einem gewissen Grade trug sie die Tracht der Damen jener Epoche, die

Tracht der Frauen von Goya, die Tracht der Königin Marie Louise; wenn es

auch nicht ein Rock von einem halben Schritt war, so war er doch nicht

mehr als einen Schritt weit, sehr kurz, so daß er ihre kleinen Füße und

den Ansatz ihres prachtvollen Beines sehen ließ, der Ausschnitt rund und

niedrig, nach Madrider Art und Weise, wo sie sich zwei Monate lang mit

ihrem Lucas aufgehalten hatte, als sie von Navarra nach Andalusien

übersiedelten. Das Haar war oben auf dem Wirbel zusammengenommen, was

die ganze Schönheit ihres Kopfes und Halses freiließ; prächtige

Ohrgehänge in ihren kleinen Ohren und viele Ringe auf den zugespitzten

Fingern ihrer harten, aber reinen Hände. Und zum Schluß: Seña Frasquitas

Stimme umschloß alle Töne eines sehr ausgedehnten, melodiösen

Instrumentes, und ihr Lachen war so heiter und silberhell, wie das

Geläute am heiligen Ostermorgen.

Nun wollen wir auch das Bild des Tio Lucas zeichnen.

5.

Ein Mann, von innen und von außen besehen.

Der Tio Lucas war häßlicher als Picio. Er war es schon immer gewesen,

und jetzt war er vierzig Jahre alt. Und doch hat wohl Gott wenige so

sympathische und angenehme Männer in die Welt gesetzt. Von seiner

Lebhaftigkeit, seinem Witz und seinem Verstande eingenommen, hatte ihn

der verstorbene Bischof von seinen Eltern, die Hirten, aber nicht

Seelen-, sondern leibhaftige Schafhirten waren, verlangt. Als Se.

Hochwürden gestorben war und der junge Bursche das Seminar mit der

Kaserne vertauscht hatte, zeichnete der General Caro ihn vor dem ganzen

Heere aus, indem er ihn zu seiner vertrauten Ordonnanz machte. Als Tio

Lucas endlich seine militärische Laufbahn aufgegeben, wurde es ihm

ebenso leicht, das Herz der Seña Frasquita zu erobern, wie es ihm leicht

geworden, die Achtung des Generals und des Prälaten zu erwerben. Die

Navarresin, die zu jener Zeit zwanzig Frühlinge zählte und der Augapfel

aller jungen Bursche von Estella, und darunter recht reiche, war, konnte

den fortgesetzten Artigkeiten, den witzigen Einfallen, den Blicken des

verliebten Affen und dem spöttischen, beständigen Lächeln voller

Bosheit, aber auch voller Sanftmut jenes kecken, beredten, klugen,

bereitwilligen, tapfern und witzigen Murcianers nicht widerstehen, und

so verdrehte er ihr endlich den Kopf, und nicht allein der vielbegehrten

Schönheit, sondern auch ihren Eltern.

Lucas war dazumal und bis zu dem Zeitpunkte, von dem wir jetzt sprechen,

von kleiner Statur (wenigstens im Verhältnis zu seiner Frau), mit etwas

hohen Schultern, sehr brünett, mit dünnem Bart, großer Nase, großen

Ohren und blatternarbig. Dagegen war sein Mund regelmäßig und sein Gebiß

unvergleichlich schön. Eigentlich konnte man sagen, daß nur die Schale

rauh und häßlich an jenem Manne war; sobald man aber anfing, in das

Innere einzudringen, so erschienen alle seine Vorzüge, und diese Vorzüge

begannen mit den Zähnen, dann kam die Stimme, vibrierend, biegsam,

anziehend, zuweilen männlich und ernst, süß und weich wenn er um etwas

bat, und fast stets unwiderstehlich. Darauf kam das, was er mit jener

Stimme sagte: Alles zur rechten Zeit, verständig, klug, überzeugend...

Und zuletzt waren in der Seele des Tio Lucas Mut, Aufrichtigkeit,

Ehrlichkeit, gesunder Menschenverstand, Wunsch nach Wissen, sowie

instinktive oder durch die Erfahrung gewonnene Kenntnisse vieler Dinge,

eine tiefe Verachtung aller Narren, welcher gesellschaftlichen Kategorie

sie auch angehören mochten, und ein Geist der Ironie, des Spottes, des

Sarkasmus, welcher ihm in den Augen des Akademikers das Ansehen eines

ungeschliffenen Don Francisko de Quevedo gab.

So war also der Tio Lucas von innen und von außen beschaffen.

6.

Fertigkeiten der beiden Ehegatten.

Die Seña Frasquita liebte also den Tio Lucas ganz wahnsinnig und hielt

sich für die glücklichste Frau der Welt, weil sie von ihm angebetet

wurde. Wie wir schon gesagt haben, hatten sie keine Kinder, und so

hatten sie es sich gegenseitig zur Aufgabe gemacht, sich mit unsäglicher

Sorgfalt zu pflegen und zu verhätscheln, ohne daß jedoch dies zärtliche

Besorgtsein in Sentimentalität und Süßigkeit ausartete, wie bei allen

übrigen kinderlosen Ehen. Im Gegenteil, sie behandelten sich mit einer

solchen Freiheit, Heiterkeit, einem Scherz und Vertrauen, wie man es bei

Kindern, bei Spielkameraden findet, die sich von ganzer Seele liebhaben,

ohne es sich zu sagen, ja vielleicht sich nicht einmal klar werden über

das, was sie fühlen.

Auf der ganzen Erde gab es gewiß nie einen besser gekämmten, besser

gekleideten, im Essen mehr verwöhnten Müller, der in seinem Hause so von

allen Bequemlichkeiten umgeben gewesen wäre, wie der Tio Lucas. Und

gewiß ist keine Müllerin, nein, auch keine Königin, der Gegenstand so

vieler Aufmerksamkeiten, so vieler Artigkeiten und Höflichkeiten

gewesen, wie die Seña Frasquita. Es ist ganz undenkbar, daß je eine

Mühle so viele notwendige, nützliche, angenehme, zur Erholung dienende

und sogar überflüssige Dinge enthalten hätte, wie die, welche der

Schauplatz fast der ganzen Erzählung sein wird.

Viel trug auch dazu bei, daß die Seña Frasquita, die saubere, thätige,

starke, gesunde Navarresin, zu kochen, nähen, stricken, fegen,

Zuckerwerk bereiten, waschen, plätten, ihr Haus tünchen, das

Kupfergeschirr putzen, Brot backen, weben, singen, tanzen, Guitarre

spielen, Trommel schlagen, Brisca und Tute spielen und noch viele andere

Dinge, deren Aufzählung endlos wäre, verstand, wollte und konnte. Und

nicht weniger trug zu diesem günstigen Resultate bei, daß Tio Lucas die

Mühle zu verwalten, das Feld zu bebauen, jagen, fischen, als Zimmermann,

Schmied und Maurer zu arbeiten, seiner Frau in allen häuslichen

Geschäften zur Hand zu gehen, lesen, schreiben, rechnen u. s. w. u. s.

w. verstand, wollte und konnte. Und dabei erwähnen wir noch gar nicht

einmal die Luxusbranchen, oder deutlicher gesprochen, seine

außerordentlichen Fertigkeiten ... zum Beispiel der Tio Lucas liebte die

Blumen (gerade wie seine Frau) und war ein so ausgezeichneter

Blumenzüchter, daß es ihm gelungen war, infolge mühevoller Kombinationen

neue Exemplare hervorzubringen. Er hatte auch etwas von einem

natürlichen Ingenieur, und das hatte er bewiesen, indem er ein Wehr,

einen Heber und eine Wasserleitung erbaut hatte. Er hatte einen Hund

tanzen gelehrt, eine Schlange gezähmt und einen Papagei dahin gebracht,

daß er die Stunden, welche eine von dem Müller an die Wand gezeichnete

Sonnenuhr angab, durch einen Ruf andeutete, und zwar so genau, daß er es

selbst an bewölkten Tagen und während der Nacht nicht verabsäumte.

Endlich besaß der Müller noch einen Obstgarten, der alle Arten Früchte

und Gemüse hervorbrachte; einen Teich, von einer Art von Jasminkiosk

umgeben, wo sich der Tio Lucas und die Seña Frasquita im Sommer badeten,

einen Blumengarten, ein Treibhaus für exotische Pflanzen, einen Brunnen

mit trinkbarem Wasser, zwei Esel, auf denen das Ehepaar in die Stadt

oder die umliegenden Ortschaften ritt, Hühnerhof, Taubenschlag,

Vogelhaus, Fischzuchtteich, Zucht von Seidenwürmern, Bienenstöcke, deren

Bienen aus dem Jasmin süße Nahrung sogen, Kelter mit dazugehörigem

Keller, beides freilich in Miniatur, Backofen, Webstuhl, Schmiede,

Zimmerhof u. s. w. u. s. w., all dies bei einem Hause mit acht Zimmern,

zwei Fanegas Acker und auf zehntausend Realen abgeschätzt.

7.

Der Grund der Glückseligkeit.

Also der Müller und die Müllerin liebten sich rasend, und fast konnte

man glauben, daß sie ihn noch mehr liebte, als er sie, obgleich er so

häßlich und sie so schön war. Das meine ich, weil die Seña Frasquita

eifersüchtig zu sein pflegte und vom Tio Lucas, wenn er sehr spät aus

der Stadt oder den umliegenden Dörfern, wo er Korn holte, zurückkehrte,

Rechenschaft verlangte, während Tio Lucas die Aufmerksamkeiten, welche

die seine Mühle besuchenden Herren der Seña Frasquita erzeigten, mit

Vergnügen bemerkte. Er erfreute und ergötzte sich daran, daß sie allen

so wie ihm gefiel, und obgleich er im Grunde seines Herzens fühlte, daß

manche ihn darum beneideten, sie wie einfache Sterbliche begehrten und

wer weiß was gegeben hätten, wenn sie eine weniger brave Frau gewesen

wäre, so ließ er sie doch ganze Tage allein, ohne die geringste Sorge,

und fragte nie gleich, was sie gethan hätte oder wo sie während seiner

Abwesenheit gewesen wäre.

Das lag aber nicht etwa darin, daß die Liebe des Tio Lucas weniger

leidenschaftlich gewesen wäre, als die der Seña Frasquita, sondern weil

er mehr Vertrauen zu ihr hatte, als sie zu ihm, weil er sie an

Scharfsinn übertraf und wußte, in welchem Grade er von ihr geliebt

wurde, und wie sehr seine Frau sich selbst achtete, es bestand

hauptsächlich darin, daß der Tio Lucas ein ganzer Mann war, ein Mann wie

die Shakespeareschen, mit wenigen, aber unteilbaren Gefühlen, des

Zweifels unfähig, der entweder glaubte oder starb, der liebte oder

tötete, der keine Abstufung oder allmählichen Uebergang zwischen der

höchsten Glückseligkeit oder dem Untergange seines Glückes zuließ. Er

war ein Othello von Murcia mit _alpargatas_ (Schuhe, mit Spartostricken

befestigt) und Jagdmütze im ersten Akt einer möglichen Tragödie.

Aber warum diese düsteren Noten in einem so lustigen Sang? Warum diese

erschrecklichen Blitze in einer so heitern Atmosphäre? Warum diese

melodramatischen Stellungen in einem Genrebilde?

Das werdet ihr alsogleich erfahren.

8.

Der Mann mit dem Dreispitz.

Es war zwei Uhr an einem Oktobernachmittag. Die kleine Turmuhr an der

Kathedrale läutete zur Vesper, das bedeutete, daß schon alle die

vornehmsten Personen der Stadt zu Mittag gegessen hatten.

Die Canonici wendeten sich nach dem Chor und die Laien nach ihren

Alkoven, um Siesta zu halten, und zwar besonders diejenigen, welche

infolge ihrer Obliegenheiten, wie zum Beispiel die Behörden, den ganzen

Morgen hindurch gearbeitet hatten.

Um so erstaunlicher war es also, daß zu jener Stunde, die schon, weil es

noch zu heiß war, zum Spaziergange ganz ungeeignet schien, der illustre

Herr Corregidor der Stadt zu Fuß, nur von einem einzigen _alguacil_

begleitet, dieselbe verließ, und darüber konnte kein Zweifel herrschen,

denn weder bei Tag, noch bei Nacht hätte man ihn mit irgend jemand

verwechseln können, erstens wegen seines ungeheuren Dreispitzes und dem

anfallenden Mantel von rotem Tuch, zweitens wegen seines eigentümlichen

grotesken Aussehens.

Von dem roten Tuchmantel und dem Dreispitz können noch viele Personen

aus eigener Anschauung erzählen. Wir unter ihnen, ebenso alle

diejenigen, welche in den letzten Jahren der Regierung Sr. Majestät Don

Fernando _VII._ in jener Stadt geboren wurden, erinnern uns sehr wohl

jener beiden veralteten Kleinodien, des Mantels und des Hutes, der

schwarze Hut darüber und den roten Mantel darunter an einem Nagel hängen

gesehen zu haben, als einzigen Schmuck einer bröckligen Wand in dem

Turme des Hauses, das Seine Herrlichkeit bewohnte und welches jetzt den

kindlichen Spielen seiner Enkel zum Schauplatz dient. Wie eine Art von

Gespenst des Absolutismns, eine Art von Schweißtuch des Corregidors,

eine Art von rückwärts gewandter Karikatur seiner Macht, mit Kreide und

Rotstift gezeichnet, wie so viele andere, hingen sie dort für uns kleine

Konstitutionelle vom Jahre 1837, die wir uns dort versammelten, eine Art

von Vogelscheuche, die zu anderen Zeiten eine Menschenscheuche gewesen

war, die mir heute fast Furcht einflößt, weil ich dazu beigetragen habe,

sie ihres Ansehens zu berauben, indem ich sie auf der Spitze eines

Schornsteinwischers zur Karnevalszeit durch die historische Stadt

getragen habe, oder indem sie einem Narren, der das Volk zu stetem

Lachen reizte, als Vermummung diente. Armes =Prinzip der Autorität=!

So haben dir diejenigen mitgespielt, die dich heute vergebens anrufen.

Was nun das groteske Aussehen des Herrn Corregidors betrifft, so bestand

es darin, daß er, wie man sagt, hohe Schultern hatte, noch viel höhere

als der Tio Lucas ... fast bucklig, um es gerade herauszusagen; seine

Statur war unter Mittelgröße und schwächlich, seine Gesundheit

schwankend; er hatte gewölbte Beine und eine Art und Weise zu gehen,

ganz sui generis, indem er sich von der einen Seite nach der anderen

wiegte, und von hinten nach vorne, die man nur mit der absurden Phrase

bezeichnen kann, daß es schien, wie wenn er auf beiden Füßen lahm wäre.

Zum Ersatz dafür aber fügt die Tradition hinzu, war sein Gesicht

regelmäßig, wenn auch durch den Mangel an Zähnen ziemlich runzlig,

grünlich brünett, wie fast alle Söhne Castiliens, mit großen, dunklen

Augen, in denen Zorn, Despotismus und Sinnlichkeit Blitze warfen, mit

feinen, verschmitzten Gesichtszügen, die zwar nicht den Ausdruck

persönlichen Mutes, aber einer versteckten, zu allem fähigen Bosheit

trugen; dabei eine gewisse Miene der Befriedigung, halb Aristokrat, halb

Libertin, die ganz deutlich zeigte, daß jener Mann, trotz seiner Beine

und seines Buckels, in seiner frühen Jugend den Frauen angenehm gewesen

und von ihnen angenommen worden war.

Don Eugenio de Zuñiga y Ponce de Leon (das war der Name Sr.

Herrlichkeit) war in Madrid geboren, aus berühmtem Geschlechte und war

zu jener Zeit ungefähr fünfundfünfzig Jahre alt. Vier Jahre war er als

Corregidor in der erwähnten Stadt gewesen, wo er sich, kurz nach seiner

Ankunft, mit der hervorragendsten Dame, von der wir noch weiter unten

sprechen werden, verheiratet hatte.

Don Eugenios Strümpfe, außer den Schuhen der einzige Teil seiner

Bekleidung, welchen der sehr umfangreiche rote Mantel freiließ, waren

weiß, und die Schuhe schwarz mit goldener Schnalle. Als aber die Wärme

auf dem freien Felde ihn veranlaßte, seine Umhüllung zu lüften, sah man,

daß er eine große Krawatte von Batist trug, eine taubenfarbige

Sergeweste, über und über mit grünen Zweigen gemustert, kurze,

schwarzseidene Beinkleider, einen ungeheueren Rock von demselben Stoffe

wie die Weste, einen Galanteriedegen mit Stahlgefäß, Stock mit Quasten

und ein respektables Paar Handschuhe von gelblichem Wildleder, die er

nie anzog und nur in der Mitte wie eine Art von Szepter umfaßte.

Der Alguacil, der dem Herrn Corregidor auf zwanzig Schritte Entfernung

folgte, hieß Garduña und war das leibhaftige Conterfei seines Namens

(Marder). Mager, sehr behend, sah er im Gehen vorwärts und rückwärts,

nach rechts und nach links zu gleicher Zeit, mit langem Halse, ganz

kleinem, widerwärtigem Gesichte, und mit zwei Händen, die wie zwei

Bündel Ruten aussahen, glich er sowohl einem Späher auf der Suche nach

Verbrechern, als dem Strick, der sie binden, und dem Instrumente, das

sie bestrafen sollte.

Als der Blick des ersten Corregidors auf ihn fiel, sagte dieser, ohne

weitere Erkundigungen einzuziehen, »du wirst mein wahrer Alguacil sein.«

Und vier Corregidoren hatte er gedient.

Er war achtundvierzig Jahre alt und trug einen Dreispitz, der viel

kleiner, als der seines Herrn, der, wir wiederholen es, einen ganz

ungewöhnlichen Umfang hatte, einen Mantel, schwarz wie die Strümpfe und

der übrige Anzug, einen Stock ohne Quasten und eine Art von Bratspieß an

Stelle des Degens.

Jenes schwarze Gespenst schien der Schatten seines auffallend

gekleideten Gebieters zu sein.

9.

Hü, Esel!

Wo auch immer diese Persönlichkeit und sein Untergebener vorüberkamen,

verließen die Arbeiter ihre Thätigkeit und entblößten ihre Häupter so

tief, daß der Hut die Erde fast berührte, doch eigentlich mehr aus

Furcht als aus Achtung; war er vorüber, so sagten sie mit leiser Stimme:

»Heute geht aber der Herr Corregidor sehr früh zur Seña Frasquita.«

»Sehr früh... und allein!« fügten andere hinzu, die gewohnt waren, ihn

diesen Spaziergang immer in Gesellschaft verschiedener anderer Personen

machen zu sehen.

»Höre du, Manuel, warum geht wohl der Herr Corregidor heute allein, um

die Seña Frasquita zu besuchen?« fragte eine Bäuerin ihren Mann, der sie

hinter sich auf dem Esel hatte.

Und während sie ihn fragte, kitzelte sie ihn, um ihn zu reizen. »Denk'

doch nicht gleich Schlechtes, Josepha!« rief der gute Mann aus, »die

Seña Frasquita ist nicht imstande...«

»Sage ich denn das Gegenteil? Aber darum ist doch der Herr Corregidor

nicht etwa nicht imstande, sich in sie zu verlieben... Ich habe sagen

hören, daß von allen, die zu den Schmausereien nach der Mühle gehen,

dieser Madrider, der den Unterröcken so nachläuft, der einzige ist, der

mit bösen Absichten dorthin geht.«

»Und was weißt du davon, ob er den Unterröcken nachläuft oder nicht?«

fragte seinerseits der Mann.

»Das sage ich nicht von mir selbst... Und wenn er auch tausendmal

Corregidor wäre, er würde sich wohl gehütet haben, mir auch nur zu

sagen, du hast schwarze Augen.«

Die so sprach, war häßlich im Superlativ.

»Na, sieh mal, Kind, da mögen sie zusehen!« erwiderte der Manuel

Genannte. »Ich glaube nicht, daß der Tio Lucas der Mann dazu ist, um

darauf einzugehen... Der hat ein hübsches Temperament, der Tio Lucas,

wenn er böse wird!«

»Na, aber man sieht ja, daß es ihm paßt,« fügte Tia Josepha hinzu und

rümpfte die Nase.

»Tio Lucas ist ein Biedermann,« entgegnete der Bauer, »und einem

Biedermanne können solche Dinge nicht passen.«

»Na ja, darin hast du recht... Mögen sie zusehen... Wenn ich die Seña

Frasquita wäre...«

»Hü, Esel!« schrie der Mann, um das Gespräch zu wechseln.

Der Esel setzte sich in Trab, und so konnte man den Rest der

Unterhaltung nicht mehr hören.

10.

Vom Rebengeländer aus.

Während so die den Corregidor grüßenden Ackerleute unter sich sprachen,

sprengte und fegte die Seña Frasquita sorgfältig den gepflasterten

Platz, welcher der Mühle als Atrium diente, und stellte ein halbes

Dutzend Stühle dahin, wo das Weinlaub der Laube noch am dichtesten war,

auf welche Tio Lucas gestiegen war und die besten Trauben abschnitt, um

sie künstlerisch in einem Korbe zu arrangieren.

»Nun ja, Frasquita,« sagte der Tio Lucas oben von der Laube herunter,

»der Herr Corregidor ist in sehr schlechter Weise in dich verliebt.«

»Das habe ich dir schon vor langer Zeit gesagt,« antwortete die Frau aus

dem Norden; »aber laß ihn doch seufzen... Nimm dich in acht, Lucas, daß

du nicht fällst!«

»Sei ohne Sorge, ich halte mich schon fest.... Auch gefällst du dem

Herrn...«

»Hör 'mal, jetzt höre auf mit deinen Nachrichten,« unterbrach sie ihn.

»Ich weiß nur zu gut, wem ich gefalle und wem nicht. Wenn ich doch nur

ebenso gut wüßte, warum ich dir nicht gefalle.«

»Na, das ist stark. Weil du so häßlich bist!« antwortete Tio Lucas.

»Hör 'mal... häßlich und alles, ich bin imstande, auf die Weinlaube zu

steigen und dich kopfüber auf den Boden zu werfen.«

»Viel wahrscheinlicher wäre es, daß ich dich nicht von der Laube

herabsteigen ließe, ohne dich vorher lebendig aufzuessen.«

»Da haben wir's... und wenn dann meine Anbeter kommen und uns da sähen,

dann möchten sie gar am Ende sagen, daß wir zwei Affen seien.«

»Und da würden sie den Nagel auf den Kopf treffen, denn du bist so ein

rechter Affe, und so hübsch, und ich sehe wie ein Affe aus mit meinem

Buckel...«

»Der mir gerade sehr gefällt.«

»Dann wird dir der des Corregidors noch besser gefallen, der ist ja noch

größer als meiner.«

»Ei, ei, sehen Sie einmal, mein Herr Don Lucas, seien Sie nicht so

eifersüchtig!«

»Ich eifersüchtig, auf den alten Waschlappen? Im Gegenteil, ich freue

mich sehr, daß er dich liebt.«

»Warum?«

»Weil in der Sünde selbst die Strafe liegt. Du wirst ihn nie lieben, und

ich bin während der Zeit der eigentliche Corregidor der Stadt.«

»Seht einmal den eitlen Menschen an! Stelle dir aber nun einmal vor,

daß ich ihn lieben lernte... Es sind schon seltsamere Dinge in der Welt

vorgekommen.«

»Das wäre mir auch ziemlich gleichgiltig.«

»Warum?«

»Weil du dann nicht mehr du sein würdest, und da du nicht bist, die du

bist, oder für die ich dich wenigstens halte, da mach' ich mir den

Teufel was daraus, ob dich alle Dämonen holen.«

»Aber was würdest du in einem solchen Falle thun?«

»Ich? Hm, hör 'mal, das weiß ich nicht... denn, da ich dann ein anderer

sein würde, als ich jetzt bin, so kann ich mir nicht vorstellen, was ich

dann wohl denken würde.«

»Und warum würdest du ein anderer sein?«

»Weil ich jetzt ein Mann bin, der an dich glaubt wie an sich selbst, und

dessen ganzes Leben nur dieser Glaube ist. Folglich, wenn ich nicht mehr

an dich glauben würde, so würde ich sterben oder mich in einen neuen

Menschen verwandeln, auf eine andere Art und Weise leben. Mir würde es

vorkommen, wie wenn ich eben erst geboren wäre, und ich würde andere

Gefühle hegen. Ich weiß nicht, was ich dann mit dir thun würde...

Vielleicht würde ich lachen und dir den Rücken wenden... Vielleicht

würde ich dich nicht kennen... Vielleicht... Aber geh doch, was für

einen Gefallen können wir daran finden, uns unnötig in üble Laune zu

versetzen. Was geht das uns an, wenn dich alle Corregidoren der Welt

lieben? Bist du nicht meine Frasquita?«

»Ja, du alter Barbar!« antwortete die Seña Frasquita, aus vollem Halse

lachend. »Ich bin deine Frasquita, und du bist mein Herzens-Lucas, der

häßlicher ist als ein Pavian, der mehr Talent hat als alle übrigen

Männer, der besser ist als das Brot, und den ich mehr liebe... Na,

steige nur erst von dem Spalier herunter, dann wirst du schon sehen, was

das »lieben« heißt!... Bereite dich nur vor, so viel Ohrfeigen zu

bekommen und so viel gekniffen zu werden, wie du Haare auf dem Kopfe

hast... Aber still, was sehe ich! Der Herr Corregidor kommt ganz allein

hierher... Und so früh... Der hat einen Plan.«

»Dann nimm dich ein wenig zusammen und sage ihm nicht, daß ich hier oben

bin. Er kommt gewiß, um mit dir allein eine Erklärung zu haben, denn er

nimmt an, daß ich meine Siesta halte. Ich will mich amüsieren, indem ich

seine Erklärung mit anhöre.«

So sprach Tio Lucas und reichte seiner Frau den Korb hinunter.

»Das ist kein übler Gedanke,« rief sie und brach von neuem in ein

Gelächter aus. »Dieser Teufel von einem Madrileñer! Was glaubt der denn,

was mir ein Corregidor gilt? Aber, da kommt er. Garduña, der ihm in

einiger Entfernung folgte, hat sich im Graben in den Schatten gesetzt...

Wie albern! Verstecke dich gut hinter dem Weinlaub, denn wir werden mehr

lachen, als du dir vielleicht einbildest.«

Und nachdem sie dies gesagt, fing die schöne Navarresin an den Fandango

zu singen, mit dem sie schon ebenso vertraut war wie mit den Liedern

ihrer Heimat.

11.

Das Bombardement von Pamplona.

»Gott behüte dich, Frasquita,« sagte der Corregidor halblaut, als er

unter der Laube erschien und sich auf den Fußspitzen näherte.

»Wie gut von Ihnen, Herr Corregidor!« antwortete sie mit natürlicher

Stimme, indem sie ihm tausend Bücklinge machte. »Euer Gnaden schon zu

dieser Stunde! Und bei der Hitze! Setzen sich Eure Herrlichkeit! Hier

ist es hübsch kühl! -- Und Euer Gnaden haben die anderen Herren nicht

abgewartet?... Da stehen schon alle Sitze für die Herren... Heute

Nachmittag erwarten wir auch den Herrn Bischof in Person, er hat meinem

Lucas versprochen, die ersten Trauben vom Weinstock zu kosten. Und wie

befinden sich Euer Gnaden? Wie geht es der Frau Gemahlin?«

Der Corregidor war verwirrt; das so ersehnte Alleinsein, in dem er sich

mit der Seña Frasquita befand, kam ihm wie ein Traum vor oder wie eine

Schlinge, welche ihm das feindliche Geschick legte, um ihn in den

Abgrund der Täuschung fallen zu lassen.

So beschränkte er sich nur darauf, zu sagen:

»Es ist nicht so früh, wie du sagst... es wird ungefähr halb vier Uhr

sein.«

In dem Augenblicke pfiff der Papagei.

»Es ist einviertel auf drei,« sagte die Navarresin, und sah den

Madrileñer steif und unverwandt an.

Dieser schwieg, wie ein überführter Verbrecher, der auf die Verteidigung

verzichtet.

»Und Lucas? Schläft er?« fragte er nach einem Augenblicke.

Wir müssen hier noch bemerken, daß der Corregidor, wie alle Zahnlosen,

eine unbestimmte, zischende Aussprache hatte, wie wenn er seine eigenen

Lippen äße.

»Ja, freilich,« antwortete die Seña Frasquita. »Um diese Zeit, da

schläft er, wo es ihn gerade überfällt und wäre es am Rande eines

Abgrundes.«

»Nun höre, so laß ihn schlafen,« rief der alte Corregidor aus und wurde

noch bleicher, als er schon von Natur war. »Und du, meine liebe

Frasquita, höre einmal ... sieh... komm her... Setze dich hierher, so,

an meine Seite. Ich habe dir viele Dinge mitzuteilen.«

»Da sitze ich,« antwortete die Müllerin, ergriff einen niedrigen Stuhl

und setzte ihn in ganz geringer Entfernung von dem des Corregidors

nieder.

Sobald Frasquita sich gesetzt hatte, legte sie ein Bein über das andere,

bog den Körper ein wenig vor, stützte einen Ellbogen auf das

übergeschlagene Knie und das frische, schöne Gesicht auf eine ihrer

Hände, und so, den Kopf ein wenig zur Seite geneigt, mit lächelnden

Lippen, wobei alle fünf Grübchen in Thätigkeit kamen, und die heiteren,

reinen Pupillen auf den Corregidor geheftet, erwartete sie die

Erläuterung Seiner Gnaden. Wahrhaftig, man konnte sie mit Pamplona

vergleichen, welches das Bombardement erwartet.

Der arme Mann wollte sprechen, aber vor dieser grandiosen Schönheit, vor

dieser strahlenden Anmut, vor jener schrecklichen Frau mit der

Alabasterhaut, den üppigen Formen, dem reinen, lachenden Munde, den

blauen, unergründlichen Augen, die der Pinsel eines Rubens erschaffen zu

haben schien, blieb er mit offenem Munde wie behext sitzen. »Frasquita!«

murmelte endlich der Abgesandte des Königs mit schwacher Stimme, während

sein vertrocknetes Gesicht, das sich in Schweiß gebadet von seinem

Buckel abhob, eine unsägliche Qual ausdrückte, »Frasquita!«

»So heiße ich,« antwortete die Tochter der Pyrenäen. »Sie wünschen?«

Der Dreispitz · 第 1 / 7 段