bewiesen, wie viel Recht ich hatte, die Protoplasmabewegungen in den
Pflanzenzellen mit den Bewegungen der Pseudopodien der Polythalamien
zusammenzustellen und aus der Gleichheit der Erscheinung auf eine
tiefe innere Verwandtschaft der hier in Vergleich stehenden Substanzen
zu schliessen. Ich überlasse es nun _Reichert_, welcher, ohne Gründe
anzuführen, gegen den Vergleich protestirt, nicht einmal den Beweis
geliefert hat, dass er die Körnchenbewegung in den Protoplasmafäden
der Pflanzenzellen jemals mit Aufmerksamkeit beobachtete, die von ihm
gefundenen +Unterschiede+ zwischen beiden Substanzen scharf ins Licht
zu stellen, damit wir das +für+ und das +wider+ abzuwägen vermögen.
Ich habe wiederholt der Arbeit _Brücke’s_ über die Protoplasmabewegungen
in den Haaren der Brennnessel gedacht. Wir können von dem Gegenstande
nicht scheiden, ohne einer Ansicht Erwähnung zu thun, welche _Brücke_
über das +Wesen der Körnchenbewegung+ im Protoplasma dieser Zellen
aufgestellt hat. Wenn auch zunächst nur für Urtica Gültigkeit
beanspruchend, muss dieselbe doch bei der nachgewiesenen
Uebereinstimmung der Grunderscheinung in allen hier besprochenen
Beispielen einer Verallgemeinerung fähig und für uns also von höchstem
Interesse sein.
Die Schwierigkeit, die Körnchenbewegung mit den Bewegungen anderer
contractiler Substanzen in Einklang zu bringen, ist nach dem
Voranstehenden offenbar sehr gross. Die Körnchenbewegung ist mit einer
unzweifelhaften Ortsbewegung nicht nur der Körnchen, sondern auch
deren unmittelbarer Umgebung verbunden, denn nur so erklärt es sich,
wie die Substanz der Pseudopodien an Stellen gelangt, wo sie vorher
nicht war, wie die complicirten Veränderungen in der Anordnung der
Protoplasmamassen zu Stande kommen. Das hat _Brücke_ denn auch für die
Bewegungen in den Haaren der Nessel sofort anerkannt.
_Brücke_ unterscheidet aber zweierlei Bewegungen an dem Protoplasma
der Nesselhaare[51]: 1) »eine langsame, ziehende oder kriechende,
von welcher die Veränderungen in der Anordnung der Protoplasmamassen
abhängen« und 2) eine »schnellere, fliessende, welche man an der
Bewegung der zahlreichen Körnchen wahrnimmt«. Beide sollen wesentlich
verschieden sein. Während erstere direct aus Contractionsbewegungen
des Protoplasma abzuleiten sei, soll letztere ihren Sitz in einer
vom contractilen Plasma umschlossenen körnerreichen Flüssigkeit
haben. Nicht das Protoplasma selbst befände sich in einer solchen
Bewegung, wie die Körnchen anzeigen, sondern eine +von dem
Protoplasma verschiedene+, in dessen Inneren enthaltene, körnerreiche
Flüssigkeit werde von einer contractilen Rinde fortbewegt, etwa, wie
sich _Heidenhain_[52] später im Anschluss an und zur Erläuterung
der _Brücke_’schen Ansicht ausdrückte, wie der Darminhalt bei den
peristaltischen Bewegungen, welche wellenförmig über die Oberfläche der
contractilen Darmwand ablaufen.
_Brücke_ drückt sich weiter über die Bewegungen des Protoplasma in den
Haaren von Urtica wie folgt aus: »Es wird gewöhnlich so dargestellt,
als ob sich die ganze Protoplasmamasse in einer fliessenden Bewegung
befände, und die Körnchen nur passiv mitgeschleppt würden; ich muss
dies aber mit Rücksicht auf mein Object entschieden in Abrede stellen.«
Und weiter: »Dass dies in der That nicht der Fall, behaupte ich aus
folgenden Gründen: Erstens sieht man, und zwar oft in ganz schmalen
Bahnen (den sogenannten Strömchen) Kügelchen in entgegengesetzter
Richtung fliessen und sich vibrirend umeinander herumbewegen, wie es
ganz unmöglich wäre, wenn man es hier, wie es gewöhnlich angegeben
wird, mit dem Fliessen einer zähen Flüssigkeit zu thun hätte; zweitens
kann man die Bewegungen des Protoplasmas ganz deutlich von denen der
Körnchen unterscheiden. Es ist zu dem Zwecke am besten, den Basaltheil
der Zelle in geringer Entfernung von der Zellengruppe, in die derselbe
eingepflanzt ist, bei starker Vergrösserung (_Hartnack_ syst. à
immersion No. 10, Ocul. 3) so einzustellen, dass die Mittelebene im
deutlichen Sehen ist und somit der Durchschnitt der Protoplasmamasse
zur Anschauung kommt. Man kann dann bei anhaltender Beobachtung oft
ganz deutlich sehen, wie dieselbe wulstartige Hervorragungen gegen das
Innere treibt, die eine Zeit lang stehen, ihre Gestalt verändern und
endlich wieder verschwinden. Unabhängig geht daneben die Bewegung der
Körnchen fort. Das sogenannte Protoplasma erscheint hiernach als der
contractile Zellenleib, der an der Basis eine, vermöge seiner leisten-
und wulstartigen Vorsprünge, unregelmässige Höhle einschliesst und
von einer Flüssigkeit durchströmt wird, welche zahlreiche kleine
Körnchen enthält. Diese Flüssigkeit mit dem Blute des Thierleibes zu
vergleichen, liegt nahe genug; eine solche Analogie aber ist werthlos,
so lange wir nicht mehr als jetzt über den Bau und den Haushalt des
Zellenleibes wissen«. _Brücke_ wiederholt später[53] diese Annahme
zweier in Consistenz verschiedener Bestandtheile des Protoplasma
in den Brennhaaren von Urtica: »Wenn man bei starker Vergrösserung
das Mikroskop so einstellt, dass die Mittelebene des Haares sich
im deutlichen Sehen befindet, so unterscheidet man am leichtesten
die eigenen Bewegungen des Zellenleibes von denen der körnerreichen
Flüssigkeit, welche in ihm strömt. Man sieht dann seinen optischen
Längsschnitt, und einerseits die Körnchen, die sich in ihm fortbewegen,
andrerseits die Wülste, die er gegen die Intracellularflüssigkeit
austreibt, man sieht, wie sie wachsen, wie sie ihren Ort verändern und
wie sie wieder vergehen.
»Man wird sich durch das Fortrücken des Wulstes nicht täuschen lassen,
zu glauben, dass das sogenannte Protoplasma fliesse; denn man weiss,
dass eine Contractionswelle der Länge nach über eine ganze Muskelfaser
abläuft und schliesslich alle Theile derselben doch wieder am alten
Orte sind. Selbst wenn ein singulär gebildeter Theil des Zellenleibes
durch das ganze Sehfeld fortrückt, darf man sich dadurch nicht
verführen lassen, in den alten Irrthum zurückzufallen. Ich habe solche
Theile verfolgt und gefunden, dass sie endlich stille stehen und dann
langsam wieder gegen ihren früheren Ort hin zurückkehren. Die Bewegung
war kein Fliessen, sie war eine Folge der Contractilität.
»Ich kann nicht sagen, ob diese Contractionen die einzige Ursache der
Bewegung der körnerreichen Flüssigkeit im Zellenleibe sind, aber dass
sie auf dieselbe einen wesentlichen Einfluss üben müssen, versteht sich
wohl von selbst.«
Hiernach ist also unzweifelhaft _Brücke’s_ Meinung die, das contractile
Protoplasma sei es nicht, in welchem die Körnchen sich befinden,
dieses bilde vielmehr nur eine Rinde um eine die Körnchen enthaltende
+Flüssigkeit+. Durch wellenartig fortschreitende Contractionen der
Rinde werde die Flüssigkeit im Innern bewegt und so entstehe die
Körnchenströmung. Daneben bestehe dann noch als besondere Art der
Bewegung die »langsame, ziehende oder kriechende«, auf welcher die
Veränderungen in der Anordnung der Protoplasmamassen beruhen.
Fragen wir uns zunächst, auf welche Gründe hin _Brücke_ die
Differenzirung im Protoplasma annimmt, nach welcher die körnchenhaltige
Flüssigkeit zum Protoplasma sich wie das Blut zum Thierleibe
verhalte, so wird es uns bei der Kürze dessen, was der genannte
Forscher über die Protoplasmabewegungen in Pflanzenzellen sagt,
schwer, einen triftigen Grund für die von ihm vorgetragene Ansicht
zu finden. Offenbar war es die verhältnissmässig schnelle Bewegung
der Körnchen, welche ihn zur Annahme einer besonderen, neben der
organisirten Materie noch vorhandenen +Flüssigkeit+ veranlasste.
_Brücke_ scheint Anstand genommen zu haben, eine contractile Substanz
von solchem Aggregatzustande zu denken, dass in ihr das Phänomen der
Körnchenbewegung zu Stande kommen könne. Daher musste das Bewegende
ausserhalb der die Körnchenbewegung zeigenden Substanz gelegt werden.
Mit diesem Gedankengange würde ich mich nicht einverstanden erklären
können, da wir Contractilität zweifellos an Substanzen geknüpft sehen,
die in ihrer Consistenz von der des Protoplasma schwerlich irgend
erheblich abweichen. _Brücke’s_ Arbeiten über die quergestreifte
Muskelfaser haben die ausserordentliche Beweglichkeit der contractilen
Substanz dargethan, und _Kühne_[54] hat namentlich durch seine
Beobachtung einer lebenden Nematode in einer lebenden Muskelfaser,
welche in der contractilen Substanz sich so ungehindert bewegte, wie in
einer Flüssigkeit, den Beweis geliefert, dass der Aggregatzustand der
Muskelsubstanz im Leben von dem einer Flüssigkeit nicht weit abweichen
kann. Warum soll also das Zustandekommen der Körnchenbewegung von einer
neben der contractilen Substanz vorhandenen Flüssigkeit abhängen?
Es kann keinem Zweifel unterliegen, dass auf die von _Brücke_
statuirte Weise etwas der Körnchenbewegung Aehnliches zu Stande kommen
müsse, aber ich halte es für sehr zweifelhaft, dass alle Formen, in
welchen die Körnchenbewegung in die Erscheinung tritt, sich durch die
_Brücke_’sche Annahme erklären lassen. Ich hebe noch einmal hervor,
dass, obgleich _Brücke_ nur von dem Protoplasma der Nesselhaare
spricht, ich meine Gegengründe aus den Beobachtungen einer ganzen
Reihe von Pflanzen und zahlreicher Rhizopoden entnehme, bei welchen
allen die Körnchenbewegung so sehr mit der bei Urtica zu beobachtenden
übereinstimmt, dass ich das für letztere Gültige ohne Weiteres auf die
anderen Beispiele zu übertragen für nothwendig halten würde. Gegen die
_Brücke_’sche Annahme spricht aber 1) dass die Körnchen sehr häufig
und sogar gewöhnlich sich nur in der oberflächlichsten Schichte des
Protoplasma bewegen, und dass die Axe des Protoplasmafadens öfter
nachweisbar fester, dichter ist als die Oberfläche. Eine hyaline Rinde
als Bedeckung ganz oberflächlich hinlaufender Körnchen ist nicht
wahrzunehmen. Wollte man dieselbe dennoch als vorhanden annehmen, so
würde sie, da die Körnchen mit dem grössten Theile ihrer Oberfläche
deutlich wie aus der Grundsubstanz frei hervorragen, doch nur
verschwindend dünn sein. Stellt nun aber, wie aus der _Brücke_’schen
Annahme folgt, diese Rinde das allein Contractile dar, so würden
wir zu dem Schluss gedrängt werden, dass nur ein verschwindend
kleiner Theil des Protoplasma contractil sei, der weitaus grösste
eine nicht organisirte, körnchenhaltige Flüssigkeit darstelle. 2)
Bei der Aufnahme fremder Körper, welche sich der Körnchenbewegung
anschliessen, hätte man anzunehmen, dass auch diese in die im Innern
des Plasma circulirende Flüssigkeit gelangen, und eine vollständige
Rinde von contractiler Substanz erhalten, ehe sie sich in Bewegung
setzen können. Die Beobachtungen an grösseren Carminkörnerklumpen
und Stärkemehlkörnern, sofern sie sich, einmal in Berührung mit dem
Faden gelangt, fast augenblicklich in Bewegung setzen, sprechen gegen
diese Annahme. 3) Der von _Brücke_ für Urtica aufgestellte Unterschied
einer »langsamen, kriechenden« und einer »schnelleren fliessenden«
Bewegung im Protoplasma ist nicht durchzuführen. Es ist zwar richtig,
was _Brücke_ sagt, dass man die Bewegungen grösserer Protoplasmamassen
von der Körnchenbewegung unterscheiden könne, und _Joh. Müller_
führte etwas Aehnliches zuerst von den Pseudopodien der Radiolarien
an. Aber es ist auch leicht zu beobachten, dass die »ziehende oder
kriechende« Bewegung grösserer Protoplasmamassen mit sehr verschiedener
Schnelligkeit abläuft und bei geringer Grösse der Protoplasmamassen
mit der Körnchenbewegung an Schnelligkeit übereinstimmt, und es ist
weiter von _Brücke_ nicht bewiesen, dass die Körnchenbewegung nicht
auch zur allmählichen Gestaltveränderung der Protoplasmafäden beitrage.
Mir scheint das letztere unverkennbar. Denn die Bewegung grösserer
Massen ist z. B. bei Tradescantia viel zu selten, als dass dadurch die
stets neuen Veränderungen in der Configuration des Fadennetzes sich
erklären liessen. Nimmt man dagegen die Körnchenbewegung ebenfalls als
Ausdruck einer Massen-Bewegung des Protoplasma, so ist Alles einfach.
Dann unterscheiden sich die beiden von _Brücke_ bezeichneten Arten der
Bewegung +nur in der Menge des Bewegten und in der Schnelligkeit+, der
Art dass, je kleiner die fortzuschaffende Masse ist, desto grösser die
Geschwindigkeit. Wo man, wie bei den Pseudopodien der Polythalamien
fremde Körper von sehr verschiedener Grösse der Körnchenbewegung sich
anschliessen sieht, ist es ganz constant, dass die kleinsten (z. B.
Carmin-) Körnchen mit viel grösserer Geschwindigkeit fortgeführt
werden als grössere. Auch für die im Protoplasma der Pflanzenzellen
enthaltenen Körnchen lässt sich das Gleiche beobachten, z. B. sehr
deutlich bei den Zellen solcher Staubfadenhaare von Tradescantia
virginica und discolor, welche man aus dem Aufbrechen nahen Knospen
entnahm. In solchen enthält das Protoplasma, wie bereits oben angeführt
wurde, neben den gewöhnlichen kleinen Körnchen etwas grössere, welche
sich durch Iod blau färben, also wohl Stärkekörner sind. Hier ist die
Schnelligkeit der Bewegung umgekehrt proportional der Grösse. Für
Vallisneria spiralis führt _Jürgensen_ etwas Aehnliches an, indem er
sagt, dass von zwei im Laufe sich überholenden Chlorophyllkörnern das
schnellere stets das kleinere sei (l. c. 94), doch kommt hier möglicher
Weise noch ein anderes Moment ins Spiel, die geringere oder grössere
Entfernung von der Zellenwand, welches sich auch bei +Chara+ geltend zu
machen scheint und seinen Grund in der verschiedenen nach der Zellwand
zu wachsenden Dichtigkeit des Protoplasma haben dürfte.
Ich glaube hiernach, dass wir vollkommen berechtigt sind, zunächst die
bisher geltende Ansicht, dass die Körnchenbewegung +in der Substanz
des contractilen Protoplasma selbst ihren Sitz habe+, aufrecht zu
halten. Wie _Brücke_ ist auch _Heidenhain_ der Beweis für den von ihm
mit folgenden Worten aufgestellten Satz: »Im Innern des geformten
Protoplasmas strömt eine körnerreiche Flüssigkeit (_Brücke_), welche
wahrscheinlich durch die Contractionen des Protoplasmas in Bewegung
versetzt wird« (l. c. p. 67) schuldig geblieben.
Wir kommen zu dem zweiten Theil der _Brücke_’schen Ansicht über die
Protoplasmabewegungen, inwiefern nämlich die Niveauveränderungen des
Protoplasma gegen die Intracellularflüssigkeit als über die Oberfläche
hinziehende Contractionswellen zu deuten seien: »Man wird sich
durch das Fortrücken des Wulstes nicht täuschen lassen, zu glauben,
dass das sogenannte Protoplasma fliesse: denn man weiss, dass eine
Contractionswelle der Länge nach über eine ganze Muskelfaser abläuft
und schliesslich alle Theile derselben doch wieder am alten Orte
sind.« Es könnte hiernach scheinen, als wenn _Brücke_ die Bewegungen
des Protoplasma, auf welchen die proteischen Veränderungen in der
Anordnung desselben beruhen, ganz übersehen habe. Dem ist jedoch nicht
so. In seinem ersten Aufsatze (l. c. p. 404) sagt er, wie bereits
wiederholt angeführt worden, es giebt zwei Arten von Bewegungen im
Protoplasma »eine langsame, ziehende oder kriechende, von dieser
hängen +die Veränderungen in der Anordnung der Protoplasmamassen ab+;
ferner eine zweite schnellere, fliessende etc.« Wenn nun auch _Brücke_
nicht angiebt, woran er die »ziehende oder kriechende« Bewegung des
Protoplasma, welche er auch eine langsam +fliessende+ hätte nennen
können, von der reinen Wellenbewegung der Oberfläche unterscheidet,
so hat _Heidenhain_ doch _Brücke_ missverstanden, wenn er ihn der
Ansicht zeiht (l. c. p. 62), »dass das Protoplasma selbst gar keine
fortschreitende Locomotionsbewegung mache«, und in Folge dessen die auf
den ersten Blick zu sehenden Locomotionsbewegungen glaubt besonders
beweisen zu müssen.
Ich habe bereits angeführt, dass ich es nach meinen Beobachtungen
für vollständig unmöglich halte, die langsam ziehende, kriechende
von der schneller fliessenden Bewegung des Protoplasma scharf zu
unterscheiden. Da die erstere unzweifelhaft der Ausdruck einer
Locomotion des Protoplasma ist, so weiss ich für die zweite die Grenze
nicht festzustellen, wo sie nicht mehr eine fliessende Bewegung des
Protoplasma genannt werden kann, sondern von Wellenbewegung der
Oberfläche abhängen soll. Erinnern wir uns ferner, dass die ganze
Hypothese mit der contractilen Rinde und der körnerreichen Flüssigkeit,
welche _Brücke_ aufstellte, zunächst noch vollkommen in der Luft
schwebt, so fällt vollends jeder Grund fort, die schneller fliessende
von der langsam kriechenden Bewegung zu trennen und leuchtet ein, dass,
wenn die eine in einer Locomotion des Protoplasma ihren Grund hat,
die andere es auch haben kann. Die langsam ziehenden Bewegungen sind
zugegebenermaassen Ortsveränderungen gewisser, besonderer Abtheilungen
des Protoplasma. Wenn solche an sich höchst dunkle Bewegungen
gesonderter Abschnitte des Protoplasma überhaupt vorkommen, so hat es
sicher nichts Ungereimtes, wie schon angedeutet, diese gesonderten
Abschnitte immer kleiner werden zu lassen, bis sie auf die nächste
Umgebung eines einzelnen Kornes herabgesunken sind. Und bewegen sich
diese ziehend, kriechend, fliessend oder wie man es nennen will, so
schwindet das Auffallende der Erscheinung, welches _Brücke_ hervorhebt,
dass »oft in ganz schmalen Bahnen Kügelchen in entgegengesetzter
Richtung fliessen und sich vibrirend umeinander herumbewegen«; und was
_Heidenhain_[55] hinzufügt, dass er sogar beobachtet habe, wie »zwei
Kügelchen direct aufeinander losliefen, aneinander prallten, dann
das eine umkehrte und die Richtung des anderen stärkeren (?) annahm,
welches die seinige unverändert beibehalten hatte«, kann natürlich
ebensowenig als Gegenbeweis dienen.
Wenn ich es somit durchaus nicht für erwiesen betrachten kann, dass
»+das Fortrücken des Wulstes+« keine Massenbewegung des Protoplasma
sei, vielmehr solche Massenbewegung mit diesem Fortrücken in bestimmte
Verbindung bringe, so will ich damit nicht ausgesprochen haben, dass
es nicht auch Wellenbewegungen sein könnten, welche das Fortrücken
der Plasmabestandtheile bedingen. Es gehört zum Zustandekommen dieses
+Fortrückens+ durch Wellenbewegung vor Anderem die Annahme, dass
die Oberfläche eine etwas grössere Dichtigkeit habe, als die Tiefe.
Wenn ich den von _Brücke_ angenommenen Unterschied einer +allein+
contractilen Rinde und einer passiv bewegten Flüssigkeit als unbewiesen
bezeichnete und mich zu der Annahme desselben nicht verstehen konnte,
so können doch +Consistenz+unterschiede zwischen Rinde und Inhalt am
Protoplasma auf zweierlei Weise zugegeben werden.
Ich habe an verschiedenen Orten darauf aufmerksam gemacht, dass das
Protoplasma einer Zelle eine sehr verschiedene Dichtigkeit haben kann.
Die Angelegenheit ist oben in der Einleitung ausführlich besprochen
worden. Bei den kleineren Furchungs- oder Embryonalzellen springt die
Rinde als hyaline, körnchenfreie Schicht über die körnchenhaltige
Substanz vor. Aehnliches scheint an fast allen als Zellen fungirenden
Protoplasmamassen vorzukommen. Für die Amoeben und Myxomyceten
wurde dasselbe Verhältniss oben besprochen. Hier hat es auch öfter
den Anschein, als wenn die Rinde das vorzugsweise Contractile, und
das körnige Innere das mehr passiv Bewegte sei. Es ist aber nicht
bewiesen, dass diesem Letzteren die Contractilität abgehe. Und wenn,
wie bei manchen Amoeben, namentlich der von mir beschriebenen Amoeba
porrecta, eine solche hyaline Rindenschicht nicht mehr zu beobachten
ist, so leitet uns diese hinüber in das Verhältniss, wie wir es bei
den Pseudopodien der Polythalamien finden, bei denen wir nach Allem,
was vorliegt, die zerfliesslich weiche, körnige Substanz als mit
ausgezeichneter Contractilität begabt ansehen müssen. Und wollten wir
aus dem Verhalten der hyalinen Pseudopodien der Gromia oviformis oder
der starren, wenig beweglichen Axe der Strahlenfäden von Actinophrys
Eichhornii auf den Grad der Contractilität der hyalinen Rindenschicht
der Amoeben und Myxomyceten zurückschliessen, so könnten wir gerade
das Umgekehrte von dem, was wir oben anführten, erschliessen, nämlich
dass das körnige Innere das hauptsächlich bewegende Element und die
hyaline Rinde das mehr passiv bewegte sei. Ich führe das nur an, um
darauf aufmerksam zu machen, wie wenig Recht wir vorläufig haben eine
Differenzirung von contractilen und nicht contractilen Schichten im
Protoplasma anzunehmen, und wie Organisation und Contractilität sich
nicht an eine bestimmte Dichtigkeit der organischen Substanz knüpft.
Es giebt aber zweitens noch einen anderen Punkt, welcher uns auf
Dichtigkeitsunterschiede im Protoplasma führt, auch wenn wir
aus der Beobachtung keinen Grund entnehmen können, dass solche
Verschiedenheiten, wie z. B. bei den Amoeben existiren, vielmehr die
betreffende Protoplasmamasse von durch und durch gleicher Dichtigkeit
erscheint. Die Physiker sind namentlich durch genauere, von _Poisson_
angeregte Betrachtungen über die Capillarerscheinungen zu der wichtigen
Annahme gekommen, dass jedesmal die +Oberfläche+ einer Flüssigkeit eine
andere und grössere Dichtigkeit besitze, als das Innere[56]. »Leichte,
unbenetzte Körper veranlassen nur ein Einbiegen der Oberfläche,
ohne sie zu durchbrechen; neben benetzten Körpern erhebt sich die
Oberfläche. Die so entstehenden aufwärts oder abwärts gekehrten
Ränder ziehen sich an, wenn sie gleichartig sind; ein benetzter und
ein unbenetzter Rand stossen sich ab. Kleine Quantitäten Flüssigkeit
auf unbenetzten Flächen nehmen durch die Spannung der Oberfläche
Kugelgestalt an. Bei der Blasenbildung erscheint die Oberfläche ganz
frei und getrennt von der inneren Masse. Bei strömendem Wasser bewegt
sich die Oberfläche langsamer als die darunter befindliche Masse,
wie es der durch momentanes Eintauchen eines mit Tusche gefüllten
Pinsels entstehende schwarze Streifen zeigt. Auch bei der Bildung und
dem Zusammenfliessen einzelner Tropfen finden auffallende Bewegungen
statt. Diese Erscheinungen lassen vermuthen, +dass die Oberfläche eine
festere Decke sei, deren dicht zusammengedrängte Theilchen, wenn sie
auch noch immer leicht trennbar und verschiebbar sind, dennoch einen
viel stärkeren Zusammenhang haben, als die Theilchen im Innern der
Flüssigkeit+.«