Das Object, welches den directesten Vergleich mit den Pseudopodien

der Polythalamien zulässt, sind die frei durch die Zellenhöhle

streichenden Protoplasmafäden in den +Tradescantia+-, +Viola+-,

+Cucurbita+- und +Hydrocharis+-Blattzellen. Wie ich früher für

+Tradescantia+ ausführlich beschrieb[37], »gehen von der den Kern

umhüllenden Protoplasmaschicht mehrere dickere und dünnere Fäden aus,

nach verschiedenen Richtungen die Zelle durchsetzend, auch öfter

der Zellenwand dicht anliegend. Sie bestehen deutlich aus einer

Grundsubstanz und eingebetteten, stark lichtbrechenden Körnchen.

Letztere laufen im Innern oder +wie auf der Oberfläche+ der Fäden hin,

entweder nur nach +einer+ Richtung oder, wie nicht selten gesehen

werden kann, nach entgegengesetzten Richtungen zugleich an einem und

demselben Faden. An den breitesten ist die doppelte Strömungsrichtung

fast constant, sie kommt aber auch an den feinsten, kaum noch

erkennbaren Fäden vor. Begegnen sich Körnchen, so gehen sie meist

ungestört aneinander vorbei, oder es kommt vor, dass die einen die

anderen mit zurücknehmen -- ein Beweis, dass nicht zwei getrennte

Fäden die Ursache der doppelten Stromesrichtung waren. An demselben

Faden überholen einzelne in schnellem Laufe andere langsamere, und

können dann, wie ich einmal sah, zurücklaufend gemeinschaftlich

umkehren. Die Fäden theilen sich öfter gabelig, und ein Körnchen an die

Theilungsstelle gelangt, stockt ehe es sich dem einen oder anderen Wege

anvertraut. Die Gestalt und Richtung der Fäden ist aber fortwährendem

Wechsel unterworfen. Die gablige Theilung z. B. rückt von der Basis

des Fadens am Zellenkern dem anderen an der inneren Oberfläche der

Zellenwand sich befindenden Ende entgegen. Oder es bildet sich aus der

gabligen Theilung eine Brücke zu einem nebenanliegenden Faden, indem

der eine Theilast mit diesem verschmilzt. Die Brücke läuft dann abwärts

oder aufwärts zwischen beiden Fäden hin, verkürzt sich, indem letztere

sich einander nähern, endlich verschmelzen sie vollständig miteinander

zu einem einzigen, so dass jetzt ein breiter Strom fliesst, wo vorher

einzelne Fäden waren.

An der inneren Oberfläche der Zellenwand befindet sich eine

zusammenhängende dünne Protoplasmaschicht. So erscheint es nach der

Anwendung von Reagentien, welche dieselbe, (den Primordialschlauch)

einschrumpfen machen. Durch Zuckerlösung konnte ich hier dasselbe

hervorrufen, was _A. Braun_ bei den Characeen gelang. Der Zelleninhalt

zog sich scharf begränzt von der Zellhaut zurück, dabei dauerten die

Strömungserscheinungen im Innern noch eine Zeit lang fort. Hiebei kann

man sich auch überzeugen, dass die in der Rindenschicht des Protoplasma

vorkommenden Strömchen und Körnchenschwankungen (denn solche sind hier

stellenweise oft allein vorhanden) nicht die äusserste Schicht des

Protoplasma (+Hautschicht+ _Pringsheim_) betreffen, sondern nur eine

innere Lage an der Rindenschicht (+Körnerschicht+ _Pringsheim_).«

Wie _E. Haeckel_ auf Grund eigener Untersuchungen auf das

Nachdrücklichste bestätigt[38], passt diese Beschreibung so vollständig

auf die Bewegungen der Pseudopodien der Rhizopoden, dass sie direct

auf letztere übertragen werden kann. Zu ihrer Vervollständigung will

ich nur noch hinzufügen, dass man an den freien Plasmafäden öfter

ausser der Bewegung der kleinen Körnchen auch ein Fortrücken grösserer,

spindelförmiger Massen oder seitlicher Auftreibungen bemerkt, welche

mit derselben oder etwas geringerer Geschwindigkeit wie die Körnchen

fortrücken, gerade so wie es bei den Pseudopodien der Polythalamien

vorkommt; ferner dass _Haeckel_ beobachtete, wie seitlich aus einem

Faden ein neuer hervortritt, um sich bei reichlichem Zufluss schnell zu

verlängern, zu verästeln, mit anderen zu verbinden, oder bei geringem

Zufluss alsbald wieder zu verschwinden. Etwas dem Entsprechendes sah

auch _Heidenhain_ bei Hydrocharis und Vallisneria[39]. Auch bedarf der

Eingang obiger Beschreibung insofern einer Berichtigung, als durchaus

nicht immer das den Kern der Zelle umhüllende Protoplasma der alleinige

Ausgangspunkt der Fäden ist, diese vielmehr auch an jeder anderen

Stelle des Protoplasma wurzeln können.

Weitere Verwandtschaft der beiden in Rede stehenden Arten von Fäden

ergiebt sich aus dem Verhalten zu Reagentien und zum elektrischen

Strome. Destillirtes Wasser bringt den Plasmafaden der Pflanzenzelle

zum Zerfliessen unter denselben Erscheinungen der Vacuolenbildung, wie

oben von den Pseudopodien der Polythalamien beschrieben worden. An der

unverletzten Zelle der Tradescantiafäden tritt diese Einwirkung erst

nach 12-24 Stunden ein, beim Anschneiden der Zelle ist sie sofort da.

Verdünnte Säuren bringen die Fäden unter Sistirung der Körnchenbewegung

zum Erstarren, so dass sie oft noch lange in derselben Lage wie zuletzt

im Leben verharren und keine andere Veränderung eingehen als etwas

blasser werden. Bei kräftigerer Einwirkung tritt eine theilweise

Auflösung und Schrumpfung ein. Aehnlich ist die langsame Einwirkung

verdünnter Kalilauge. Die Fäden werden durchsichtiger und es hört

jede Bewegung in ihnen auf, bis die lösende Einwirkung der Lauge die

Protoplasmamassen zerstört. Wie empfindlich das Protoplasma gegen

die Einwirkung gewisser Agentien ist, beweist folgender interessante

Versuch. Die Staubfadenhaare der Tradescantia virginica enthalten im

noch nicht vollkommen entwickelten Zustande, wenn man sie aus einer

Blüthenknospe nimmt, in dem feinkörnigen Protoplasma viele kleine

Stärkekörner, welche beim Aufblühen vollständig geschwunden sind.

Dieselben färben sich mit Iod violettblau. Bringt man zu solchen

Staubfadenhaaren, deren Protoplasma in lebhafter Bewegung ist, ein

wenig Iod in Iodkaliumlösung, so hört die Bewegung des Protoplasma auch

bei grosser Verdünnung der Lösung +sehr schnell+ auf, +viel früher,

als die Stärkekörner eine Andeutung der blauen Farbe zeigen+ oder

das Protoplasma und die Zellenwand eine Farbenänderung annehmen. Es

steht diese Thatsache in auffallendem Gegensatze zu der obigen, dass

Staubfadenhaare, welche gewohnt sind nur mit +Luft+ in Berührung zu

sein, bis 24 Stunden in Wasser liegen können, ohne dass letzteres durch

die Zellenwand hindurch die Integrität des Protoplasma stört, was sich,

wenn es endlich eintritt, durch veränderte Anordnung des Protoplasma

und Aufhören der Bewegung zu erkennen giebt.

_Unger_[40] berichtet, dass eine schwache Zucker- oder Gummilösung, und

noch mehr Milch den Strom der Vallisneria spiralis sehr beschleunige.

Ich habe bei wiederholten Versuchen nichts von dieser Beschleunigung

wahrnehmen können, vorausgesetzt natürlich, dass die Lösungen keine

höhere Temperatur als das Präparat vor dem Zusatze derselben hatten.

Auch die deletären Wirkungen des Kalkwassers kann ich nicht bestätigen,

denn an in Kalkwasser gelegten Schnitten von Vallisneria beobachtete

ich noch nach 24 Stunden ebenso schnelle Bewegungen, wie wenn

destillirtes Wasser angewandt worden war.

Was ich oben von der Einwirkung der Inductionsströme auf die

Körnchenbewegung der Pseudopodien der Polythalamien gesagt habe, gilt

auch für die Protoplasmafäden der Tradescantia. Ich habe in vielen

Versuchen mit dem Schlittenapparat keinerlei anderen Einfluss der

Elektricität auf die Körnchenbewegung wahrnehmen können, als dass,

nachdem schwache Ströme ohne allen Einfluss blieben, stärkere sie

verlangsamen und ziemlich schnell aufhören machen. Dabei bleiben

wieder die Fäden entweder noch lange in ihrer natürlichen Lage,

oder gehen schnell unter, indem sie sich in eine Molekularbewegung

zeigende Masse zusammenziehen und auflösen. Es ist, soweit sich

nach der Stellung der Inductionsrollen beurtheilen lässt, ziemlich

genau dieselbe Stromstärke, bei welcher die Körnchenbewegung in den

Pseudopodien und in den Pflanzenzellen aufhört. Sehr gewöhnlich

beobachtet man bei solchen Versuchen, auch wenn die Elektroden mit sehr

breiten Enden in dem Wassertropfen auslaufen (breiten Staniolstreifen

oder Spiegelglasbelegung), dass nicht alle Theile des Präparates

gleichmässig von der Einwirkung der elektrischen Schläge getroffen

werden. Dabei fiel mir auf, dass die in der Längsrichtung durchströmten

Haarzellen viel schneller absterben als diejenigen, deren Längsaxe

rechtwinklig gegen die Verbindungslinie der beiden Elektroden liegt.

_Jürgensen_, welcher sehr genaue Experimente über die Einwirkung

des elektrischen Stromes auf die Bewegung des Protoplasma in den

Blattzellen von Vallisneria spiralis anstellte[41], beobachtete etwas

Analoges.

Hat die Körnchenbewegung unter dem Einfluss stärkerer Inductionsschläge

aufgehört, so sah ich dieselbe nicht wieder in Gang kommen, was auch

mit _Jürgensen’s_ Erfahrungen an Vallisneria übereinstimmt, welche sich

auf genaue Messungen am Mikrometer gründen. _Heidenhain_, welcher wie

ich an Tradescantien arbeitete, giebt an, dass auch nach dem Aufhören

der Bewegung, in Folge der Einwirkung von Inductionsströmen, dieselbe

wieder in vollen Gang kommen könne, wenn die Ströme nicht zu stark und

ihre Einwirkungsdauer nicht zu lange gewesen[42].

Der Einfluss, welchen der elektrische Strom auf die +Körnchenbewegung+

ausübt, beschränkt sich auf eine Verlangsamung, welche der beginnenden

Zersetzung vorausgeht. Von diesem Einfluss ist zu unterscheiden,

dass auch +Veränderungen in der Anordnung der Protoplasmamassen+,

Gestaltveränderungen der Fäden und dergl. in Folge der Einwirkung des

elektrischen Stromes auftreten können. Der erste, welcher dergleichen

beobachtete, ist _Brücke_[43], er schreibt von dem Protoplasma der

Brennhaare von Urtica: »Um die Wirkung der electrischen Ströme in

ihren einzelnen Stadien zu verfolgen, thut man am besten, den Kreis

anfangs nur für eine oder einige Secunden zu schliessen, so dass das

Haar eine kurze Reihe von Schlägen erhält. Die erste Veränderung,

die man dann wahrnimmt, besteht in der Regel in dem Erscheinen einer

grösseren oder geringeren Menge von Fäden, welche vom Zellenleibe aus

in die Intracellularflüssigkeit hineinragen. Ich habe sie nicht immer,

aber doch bei weitem in der Mehrzahl der Fälle gesehen, und da sie von

wechselnder Dicke, oft äusserst dünn sind, so mögen sie sich doch wohl

das eine oder das andere Mal der Beobachtung entzogen haben. Manchmal

sieht man sie wie Raketen aus dem Zellenleibe hervorschiessen,

sobald man den Kreis des Magnetelectromotors schliesst. Sie haben oft

eine beträchtliche Länge; ich habe deren solche beobachtet, die im

gestreckten Zustande bis zur Axe in das Innere des Haares hineinragten.

An ihrem Ende tragen sie eine grössere oder kleinere Anschwellung, und

man sieht sie in einer fortwährenden, bald schwächeren, bald stärkeren

zitternden oder schlängelnden Bewegung begriffen. Bisweilen sieht

man neben den Fäden auch stärkere kolben- oder keulenartige Gebilde

hervortreten.«

Ich habe die beschriebene Erscheinung bei einer gewissen Stärke

des Stromes wiederholt eintreten sehen. Man thut am besten an

einem Theil des wandständigen Protoplasma die Grenze gegen die

Intracellularflüssigkeit genau einzustellen, und dann den Strom, wie

_Brücke_ räth, nur kurze Zeit einwirken zu lassen. Derselbe muss aber

schon recht kräftig sein, wenn man eine Wirkung beobachten will. Die

vorher glatte Grenzlinie des Protoplasma wird höckerig, zapfen- und

fadenförmige Vorsprünge kommen an derselben zum Vorschein, von denen

die feineren die von _Brücke_ angegebenen Bewegungen ausführen, und

endlich, wenn kein neuer deletärer Strom durch das Protoplasma geleitet

wird, wieder langsam in das Protoplasma zurückgezogen werden, von

welchem sie ausgingen. Ein +plötzliches+ Auftreten dieser fadenförmigen

Fortsätze habe ich nicht gesehen. Die zu diesen Versuchen nöthige

Stärke des Stromes muss ziemlich nahe derjenigen liegen, welche das

Protoplasma tödtet, doch ist unsere Erscheinung durchaus kein Zeichen

des bereits eingetretenen Todes, denn die Körnchenbewegung erhält sich

und dauert nachher ungestört fort.

Bei Tradescantia konnte ich ähnliche Bewegungen nicht hervorrufen,

die Anordnung des Protoplasma in den Zellen ist hier auch für das

Zustandekommen solcher Erscheinungen weniger günstig. Die freien Fäden

sind zu dünn, um viele neue Fortsätze treiben zu können, und die Menge

des wandständigen Protoplasma ist sehr gering. Dagegen beobachtete

ich hier etwas, dessen auch _Heidenhain_[44] Erwähnung thut, und was

für eine Vergleichung der Protoplasmafäden der Pflanzenzellen mit den

Pseudopodien der Rhizopoden von Wichtigkeit ist -- die Fäden werden

unter dem Einfluss eines stärkeren elektrischen Stromes deutlich

+varikös+. Die Erscheinung sieht aus, als wenn sich eine flüssigere

Masse auf der Oberfläche des Fadens in einzelnen Tropfen ansammle,

gerade so wie ich es von den Pseudopodien von Actinophrys und den

Polythalamien beschrieben habe.

Wir werden sehen, dass ganz ähnliche Erscheinungen, wie durch

Anwendung stärkerer elektrischer Schläge, an den Protoplasmafäden

verschiedener Pflanzenzellen auch durch Anwendung +höherer

Temperaturgrade+ erzielt werden können. Die erste Folge einer

allmählichen Erwärmung ist eine oft sehr bedeutende +Beschleunigung

der Körnchenbewegung+. _Dutrochet_[45] bestimmte bei Chara den

Einfluss höherer Temperaturgrade auf die sogenannte Rotation genauer,

und fand, dass eine Erwärmung der in schmelzendem Schnee abgekühlten

Pflanze, in welcher die Bewegung sehr langsam von Statten ging, auf

18° C. diese letztere ausserordentlich beschleunigte. Erwärmung von

27-40° brachte zuerst eine Verlangsamung der Bewegung hervor, nach

längerem Verweilen in dem warmen Wasser wurde die Bewegung jedoch

immer sehr schnell. Wasser von 45° C. tödtete die Pflanze sofort. Für

+Vallisneria+ ist es seit längerer Zeit bekannt, dass eine Erwärmung

des Wassers beschleunigend auf die Bewegung wirkt. _Jürgensen_[46] gab

für diese Pflanze die äusserste Grenze, bei welcher sich die Bewegung

noch erhält, auf 36-40° an, d. h. bei 36° beobachtete er noch kräftige

Bewegung, bei 40° keine mehr. Die Beobachtung des erregenden Einflusses

der Erwärmung bei Vallisneria ist sehr leicht und sicher. Wendet man

frisch angefertigte Schnitte an, in welchen gewöhnlich die Bewegung

nur äusserst langsam vor sich geht, so sieht man sie bei der Erwärmung

sofort in den meisten Zellen auf das lebhafteste in Gang kommen.

Nicht so auffallend sind die Veränderungen, welche bei Urtica und

Tradescantia eintreten. Bei diesen Pflanzen maass ich die Schnelligkeit

der Körnchenbewegung bei gewöhnlicher Zimmertemperatur, erwärmte dann

den Objectträger ohne ihn zu verrücken durch Einschiebung einer über

der Lampe erhitzten Cylinderblendung von unten in den Objecttisch auf

30-40° C., und maass an derselben Zelle wie vorhin die Schnelligkeit

der Bewegung von Neuem. So erhielt ich für Urtica bei gewöhnlicher

Temperatur für die Secunde 0,004-0,005 Millimeter, bei Erwärmung bis

cc. 35° 0,009 Mm. Bei Tradescantia virginica maass ich die Bewegung

bei gewöhnlicher Temperatur 0,004-0,005 Mm. in der Secunde, erwärmt

0,008, einzelne Körnchen 0,010 Mm.

Noch schneller sind die Bewegungen bei Vallisneria spiralis, bei der

ich nach mässiger Erwärmung die Chlorophyllkügelchen in einer Secunde

einen Raum von 0,015 Mm. zurücklegen sah.

Meine bei gewöhnlicher Zimmertemperatur angestellten Messungen stimmen

ziemlich genau überein mit den von _H. v. Mohl_[47] gemachten Angaben,

welcher bei Tradescantia 1/500‴ d. i. = 0,0045 Mm., bei Urtica 1/750‴

d. i. = 0,003 Mm. für die Secunde angiebt. Die Erwärmung kann also hier

die Bewegung +bis auf mehr als das Doppelte+ beschleunigen. Das höchste

Maass, welches ich erreichte, war bei Vallisneria, nämlich 0,015 Mm. in

der Secunde.

Es musste von Wichtigkeit sein, die Schnelligkeit, welche die

Körnchenbewegung an den Pseudopodien der +Polythalamien+ erreicht, im

Vergleich zu obigen Messungen zu bestimmen. Die Milioliden, welche mir

zu Gebote standen, ergaben eine Schnelligkeit von 0,007-0,015 Mm. in

der Secunde und zwar bei gewöhnlicher Temperatur. +Erwärmung brachte

kaum eine Beschleunigung der Bewegung hervor+, das höchste, was ich

an einzelnen Körnchen beobachtete, war 0,02 Mm., was aber auch wohl

in einzelnen Fällen bei gewöhnlicher Temperatur vorkommen dürfte. Wir

hätten hiernach also zu constatiren, dass die +Geschwindigkeit der

Körnchenbewegung an den Pseudopodien der Milioliden übereinstimmt mit

der höchsten an dem Protoplasma der Pflanzenzellen beobachteten+. Bei

letzteren wurde diese Geschwindigkeit nur durch Erwärmung über die

gewöhnliche Zimmertemperatur erzielt, bei den Milioliden bestand sie

unter den normalen Verhältnissen und ward durch Temperaturerhöhung

nicht wesentlich beschleunigt[48].

Zu genauer Bestimmung derjenigen höheren Temperaturgrade, bei welchen

sich Veränderungen tief greifender Art im Protoplasma einstellen,

bediente ich mich nach einer Anzahl Vorversuche wie oben des

Wasserbades, in welches die mikroskopischen Präparate mit an den Ecken

aufgekittetem Deckgläschen oder die ganzen Pflanzentheile eingetaucht

wurden. Zwei bis drei Minuten können gewiss als hinlänglich lange Zeit

gelten, um den sehr dünnen Präparaten die Temperatur des umgebenden

Wassers vollständig mitzutheilen. Die Pflanzen, mit denen ich operirte,

waren Tradescantia virginica, Urtica urens und Vallisneria spiralis.

Für alle drei stellte sich gleichmässig heraus, dass die Temperatur,

welche +absolut tödtlich+ wirkt, erst bei 47-48° C. anfängt. Bei

46° habe ich immer noch +einige+ Zellen unverändert gefunden,

bei 45° +viele+ und bei 44°, wie wenigstens bei Vallisneria und

Tradescantia schien, +alle+. Die Urticahaare sind vielleicht ein wenig

empfindlicher, wenigstens erschien die Bewegung hier schon bei 44° oft

fast vollkommen sistirt, ohne dass aber der Tod der Zelle eingetreten

war. Die Bewegung +verlangsamt+ sich in allen Fällen von 38-40° an,

kehrt aber, wenn die Temperatur nicht über 43° stieg, bei der Abkühlung

meist bald zu der ursprünglichen Schnelligkeit zurück.

Bei schneller Erwärmung auf 40° und darüber sah ich bei Urtica oft

dieselben merkwürdigen Veränderungen des Protoplasma eintreten, wie sie

_Brücke_ durch starke Schläge des Magnetelektromotors erzeugte.

Der glatte Contour, welchen das wandständige Protoplasma gegen die

Intracellularflüssigkeit besitzt, verändert sich durch Hervortreibung

von kugligen, keulenförmigen und fadenartigen Fortsätzen, deren

feinste oft eine schlängelnde oder wie tastende Bewegung zeigen. Bei

der Abkühlung verschwinden sie allmählich wieder, doch pflegt die

Bewegung der Körnchen nicht immer zu der ursprünglichen Schnelligkeit

zurückzukehren. Wird die Erwärmung plötzlich auf 45° und darüber

getrieben, so treten oft die bereits oben erwähnten Varikositäten

an den freien Protoplasmafäden auf, wie sich besonders deutlich bei

Tradescantia beobachten lässt. In anderen Fällen erstarren die Fäden in

der Lage, die sie einnahmen und verharren noch lange in derselben, bis

sie der allmählich um sich greifenden Auflösung des Plasma anheimfallen.

Es folgt aus diesen Versuchen 1) dass die Wärme ein mächtiges

Reizmittel für die Protoplasmabewegungen ist und 2) dass das

Protoplasma der Pflanzenzellen bei ungefähr 45° C. abstirbt. Die

Bewegung erlischt, worauf eine Veränderung in dem Aussehen der

Masse eintritt, welche genau derjenigen gleicht, wie sie die

contractile Substanz der Pseudopodien und des Körpers der Rhizopoden

+unter dem Einfluss eines etwas niedrigeren, 43° C. betragenden

Temperaturgrades+ eingeht.

_Heidenhain_ muss die Beobachtungen von _Dutrochet_ und _Jürgensen_

über den Einfluss der Temperatur auf die Bewegungen des Protoplasma

übersehen haben, sonst hätte er nicht schreiben können (l. c. p.

65): »Ich habe bisher noch keine Reize für die im Innern der Zellen

vor sich gehenden Bewegungen entdecken können d. h. keine derartigen

Einwirkungen, welche das ruhende Protoplasma in Bewegung zu versetzen

oder das langsam bewegte zur Beschleunigung anzutreiben vermöchten.«

Ein solches und sehr ausgezeichnetes Reizmittel ist also die Wärme.

Ich kann von den Temperaturbeobachtungen nicht scheiden, ohne an

die Beziehungen derselben zu dem Vorkommen lebender thierischer und

pflanzlicher Organismen +in heissen Quellen+ zu erinnern, und die

überraschenden Differenzen anzugeben, welche sich bei der Vergleichung

herausstellen. Nach meinen Beobachtungen stirbt das Protoplasma der

untersuchten Pflanzenzellen unter Gerinnungserscheinungen bei

47-48° C. unfehlbar ab. Thierisches Leben erhält sich in Wasser von

45° nur noch sehr spärlich, einzelne Brachionus und Cypris-Arten

überdauerten diesen Temperaturgrad, Anguillulinen, Turbellarien,

Naiden sterben schon bei 44½° meist ab, Rhizopoden ertragen einzeln

42-43°, Vorticellen sterben bei 41-42° C. Die Wärmestarre der Muskeln

von Wirbelthieren tritt nach _Kühne’s_ angeführten Untersuchungen bei

40-50°, verschieden nach dem Grade der Starre und nach der Thierclasse,

auf. Wir sind berechtigt hiernach vorauszusetzen, dass thierisches und

pflanzliches Leben über ca. 45° C. sich dauernd nicht erhalten werde.

Diese Voraussetzung bestätigt sich angesichts kürzlich von _Ehrenberg_

mitgetheilter Beobachtungen nicht. _Ehrenberg_[49] fand auf Ischia in

heissen Quellen Filze von grünen und braunen organischen Massen, welche

aus lebenden Eunotien und grünen Oscillarien bestanden. Beim Ausdrücken

derselben kamen 4 Arten Räderthiere, Infusorien der Gattungen

Nassula, Enchelys und Amphileptus zum Vorschein. Das Thermometer +in

diese heissen Filze eingesenkt+, zeigte 65-68° R., d. i. 81-85° C.!

Bezüglich anderer heisser Quellen stehen mir keine mit wünschenswerther

Genauigkeit angestellte Beobachtungen über die Temperatur der

+wirklich lebende+ Organismen enthaltenden Stellen zu Gebote. Mit der

grössten Spannung müssen wir der Lösung der hier schwebenden Frage

entgegensehen.

Wenn wir die Körnchenbewegung der Pseudopodien der Rhizopoden als

Ausfluss der +Contractilität+ ihrer Substanz betrachten, wogegen

solange nichts zu erinnern sein wird, als nicht ein anderer Grund

für diese Bewegung nachgewiesen ist, so können wir folgerichtig auch

nicht anstehen, als Ursache der Körnchenbewegung am Protoplasma

der Pflanzenzellen +Contractilität+ anzusehen. Wenn je, so haben

wir hier einen Grund, aus gleicher Wirkung auf die gleiche Ursache

zu schliessen. Wenn es sich aber um noch andere Beweise für die

Contractilität des Protoplasma handelt, so verweise ich zunächst

zurück auf die Angaben _Brücke’s_ bezüglich des Verhaltens der

Brennhaare von Urtica gegenüber den Schlägen des Magnetelektromotors,

welche ich bestätigen konnte, und auf meine Angaben über den

Einfluss höherer Temperaturgrade. Ferner verdienen hier Beachtungen

_Heidenhain’s_ (l. c. p. 56) Erwähnung über schnelle, zuckende

Contractionen an den Protoplasmafäden von Hydrocharisblattzellen.

Es treten nach _Heidenhain_ an den die Intracellularflüssigkeit

durchsetzenden Plasmafäden, welche oft in einem centralen

Plasmaklümpchen zusammenstossen, ruckweise Bewegungen auf, welche

damit zu enden pflegen, dass einer der Fäden die Oberhand über die

anderen gewinnt und sich verkürzend das Plasmaklümpchen zu sich und

zu dem wandständigen Protoplasma hinzieht, in welchem er wurzelt.

Weiter verweise ich auch auf die oben angeführten Beobachtungen _E.

Haeckel’s_ bei Tradescantia[50], nach welchen ein Hervortreten und

Zurückziehen neuer Fäden aus den vorhandenen ganz in der Art vorkommt,

wie bei den Pseudopodien der Rhizopoden, eine Erscheinung, welche

nur Theilerscheinung aller der complicirten und stets wechselnden

Veränderungen in der Anordnung der Protoplasmamassen ist, welche die

Bewegungen letzterer, namentlich bei Tradescantia, so vollkommen

derjenigen gleich erscheinen lassen, welche die Pseudopodien der

Polythalamien darbieten.

Das Protoplasma der Rhizopoden und der Pflanzenzellen ein Beitrag zur Theorie der Zelle · 第 4 / 6 段