Richtungen gleichmässig ausstrahlen, gleichen auf den ersten Blick
starren, steifen Borsten, so wenig Bewegung ist an ihnen zu bemerken.
Dennoch bestehen sie bekanntlich aus einer contractilen Substanz. Man
gewahrt hie und da Biegungen, selbst Schlängelungen an ihnen, sie
besitzen das Vermögen der Retraction, doch alle Gestaltveränderungen
kommen bei ihnen nur sehr langsam zu Stande. Wie an den Pseudopodien
ihrer nächsten Verwandten, der Radiolarien, so ist auch an ihnen eine
Körnchenbewegung zu beobachten. Doch auch diese läuft ausserordentlich
langsam ab, so dass sie _Ehrenberg_, _Kölliker_, _Stein_ und anderen
früheren Beobachtern entgangen war. _Claparède_ hat sie, wie uns
_Joh. Müller_[27] berichtet, zuerst gesehen, doch war 1858 _Joh.
Müller_ noch unbekannt, »ob die Körnchenbewegung in den strahligen
Fäden der Actinophrys eine nur innere, oder auch äusserlich ist«[28].
Die Entscheidung verlangte die Anwendung stärkerer und besserer
Vergrösserungen. Mit Hülfe solcher (_Zeiss_ System F, _Hartnack_ 9 und
10) erkannte ich bis dahin übersehene Verhältnisse des feineren Baues
und Ursprunges dieser Pseudopodien. Dieselben bestehen nach meinen
Untersuchungen aus einem hyalinen, +festeren Axenfaden+ und einer
weichen, klebrigen, körnigen, +beweglicheren Rindensubstanz+. Nur in
letzterer ist der Sitz der Körnchenbewegung, welche danach eine nur
äusserliche ist. Körnchen in dem Axenfaden müssen, wenn sie vorkommen,
zu den Seltenheiten gehören, ich habe keine solchen mit Sicherheit
wahrnehmen können.
Die bisherigen Beobachter nehmen die Pseudopodien von +Actinophrys+
als einfache Fortsetzungen der äussersten Rinde des Körpers, und
_Joh. Müller_ hebt dieses Verhältniss den +Acanthometren+ gegenüber
hervor, bei denen nach _Claparède’s_ Beobachtungen die Pseudopodien
unter der Hautschicht sich bis in die tiefere organische Masse
verfolgen lassen[29]. Dennoch scheint kein erheblicher Unterschied in
dem Ursprunge der Pseudopodien der Actinophrys und der Acanthometren
zu bestehen. Ich finde nämlich, dass bei Act. +Eichhornii+ alle
Strahlenfäden mittelst ihrer hyalinen Axe aus dem +Inneren+ des
Thierkörpers entspringen. Ich konnte sie immer radiär durch die
Hautschicht bis auf die Oberfläche der dunkleren Marksubstanz
verfolgen. Die bewegliche körnige Rinde der Fäden stammt dagegen
deutlich von der äussersten Hautschicht der Actinophrys ab. Dabei
ist sehr bemerkenswerth, dass oft mehrere hyaline Axenfäden welche
nebeneinander, doch von getrennten Stellen der Oberfläche der
Marksubstanz entspringen, sich zu einem gemeinschaftlichen Faden
aneinander legen. Diese Verbindung tritt gewöhnlich während ihres
Verlaufes durch die Rindensubstanz ein, kann aber auch noch ausserhalb
des Körpers zu Stande kommen. Die Berührungsgrenzen verschwinden nicht
immer ganz vollständig. Solche componirte Strahlen erhalten aber immer
einen +gemeinschaftlichen Ueberzug+ von der weicheren körnigen Masse
der äusseren Schicht des Thierkörpers, welche sich wie eine Scheide
um sie herum legt. Kommt die Verbindung erst ausserhalb des Körpers
zu Stande, so ist es das, was man Verschmelzung zweier Pseudopodien
genannt hat[30]. In diesem Falle besitzt jeder Faden bereits einen
körnigen Ueberzug. Mittelst dieses verschmelzen sie in der That so
schnell und vollständig, wie die Verschmelzung nur bei den Pseudopodien
der Polythalamien zu Stande kommt. +Aber die starren hyalinen Axenfäden
laufen unverschmolzen noch nebeneinander.+ Vielleicht dass allmählich
auch hier eine innigere Verbindung, ein vollständiges Verschmelzen
eintritt. So scheint +Actinophrys Eichhornii+ in ihren Pseudopodien
die +beiden Substanzen nebeneinander+ zu besitzen, welche getrennt
bei Gromia oviformis und Dujardinii vorkommen, eine hyaline, festere,
zur Verschmelzung wenig oder gar nicht geneigte Axensubstanz und eine
zerfliesslich weiche Rinde mit Körnchenbewegung.
Ausser der Beobachtung des lebenden Thieres im unveränderten Zustande
giebt es noch manche künstliche Mittel, sich von dem eben geschilderten
Baue der Pseudopodien von Actinophrys zu überzeugen. Sehr belehrend
ist folgende Beobachtung. Legt man auf ein recht lebenskräftiges, noch
nicht lange in der Gefangenschaft gehaltenes Thier mit ausgestreckten
Pseudopodien ein Deckglas, so dass ein mässiger Druck ausgeübt und das
Thier abgeplattet wird, so zieht dasselbe die Pseudopodien langsam
zurück. Dabei verändert sich das Aussehen der letzteren, die körnige
Rinde schmilzt auf einzelne Klümpchen zusammen, welche spindelförmig
den hyalinen Centralfaden umgeben. Der vorher glatte Faden sieht
varikös aus. Ein so veränderter Faden zieht sich immer mehr zurück,
legt sich dabei auch wohl in Biegungen um. Wo nun eine dieser
spindelförmigen Anhäufungen der Rindensubstanz mit der Oberfläche des
Thierkörpers in Berührung kommt, fliesst sie mit einem plötzlichen
Ruck, wie wenn ein Fetttropfen in einem andern aufgeht, in die
Rindensubstanz des Thierkörpers über. Der Vorgang ist ganz entscheidend
für den schleimig flüssigen Aggregatzustand der in Rede stehenden
Substanzen, und beweist, dass eine besondere Membran auf der Oberfläche
der Pseudopodien nicht existirt.
Ganz ähnlich ist die Veränderung der Pseudopodien bei Zusatz sehr
verdünnter Säuren und Alkalien. Wirkt z. B. sehr stark verdünnte
Essigsäure auf das Thier ein, so zieht sich die weiche Rinde der Fäden
schnell auf einzelne spindelförmige Klümpchen zusammen, deren 6, 8
und mehr hintereinander an einem Faden auftreten. Die Axe scheint
unverändert, aber der Zusammenhang der Rindensubstanz ist unterbrochen,
die Körnchenbewegung hat aufgehört. Der Faden zieht sich noch langsam
zusammen, wenn die Essigsäure nicht so stark einwirkte, dass die
Contractilität aufgehoben wurde. Aehnlich wirken sehr stark verdünnte
Alkalien, Lösungen von +Strychnin+ und +Veratrin+. Ob letzteren eine
specifische Wirkung zukommt, bleibt zweifelhaft, da die Alkalescenz
der Lösungen schon allein an den Veränderungen Schuld sein kann. So
vermag ich auch keinen specifischen Einfluss in der Einwirkung der
Schläge des Magnetelektromotors auf Actinophrys zu entdecken. Bei einer
gewissen Stärke der Schläge tritt Contraction der Pseudopodien mit
Varikositätenbildung ein, wie bei Zusatz der genannten Reagentien. Bei
kräftigeren Schlägen löst sich das Thier auf. Auf die Körnchenbewegung
wirken die Inductionsschläge so wenig als der constante Strom hemmend
oder fördernd. Die Wirkung tritt erst ein mit den beschriebenen
Erscheinungen der Contraction, welche durch die verschiedensten Mittel
hervorgerufen werden können.
Bei allen diesen Einwirkungen zeigen wieder die spindelförmigen
Anschwellungen, so lange die Masse noch lebt, eine grosse Neigung mit
ähnlichen benachbarter Fäden zusammenzufliessen, bei welchem Vorgange
immer die hyaline Axe eine mehr passive Rolle spielt.
Auch den Einfluss höherer Temperaturgrade will ich hier erwähnen, da er
ein ähnlicher ist wie der bisher besprochenen Agentien. Bei 35-38° C.
beginnt die Contraction der Pseudopodien und gleichzeitig sammelt sich
wieder die weiche, körnige Rindensubstanz in einzelnen spindelförmigen
Klümpchen auf der Oberfläche des Axenfadens. Die Pseudopodien ziehen
sich vollständig zurück, und man könnte das Thier für todt halten,
was es jedoch nicht ist, da die langsam fortschreitende Bewegung
einzelner Körnchen im Innern in den Scheidewänden zwischen den Vacuolen
fortdauert, und +keine Trübung+ der Substanz, auch nicht der gleich
unten zu erwähnenden, sehr eiweissreichen zellenartigen Körperchen
eintritt. Mehrere Stunden in diesem Zustande unter dem Deckglase
aufbewahrte Thiere erhielten sich, ohne dass eine Andeutung von
Zersetzung eintrat, behielten vielmehr ihr vollkommen unverändertes
Aussehen. So stimmen meine Beobachtungen bezüglich des Einziehens der
Fäden bei 35° C. mit den von _Kühne_ bei einer Art Actinophrys des
Meerwassers angestellten[31] überein. Sie weichen dagegen ab was die
Angabe des Temperaturgrades betrifft, bei welchem die Körpersubstanz
der Actinophrys gerinnt, trübe wird, erstarrt, abstirbt, kurz in einen
Zustand geräth, der mit der von _Kühne_ für die Muskeln entdeckten
+Wärmestarre+ übereinstimmt. Nach _Kühne_ tritt diese Wärmestarre
bei Actinophrys und den Amoeben schon bei 35° C. ein. Ich habe
+Actinophrys Eichhornii+ in vielen Exemplaren successive erwärmt
und gefunden, dass +erst bei 43° C.+ eine Veränderung Platz greift,
welche als Gerinnung, Wärmestarre und Tod angesprochen werden kann.
Möglich, dass das +Meerwasser+, aus welchem _Kühne_ seine Thiere
entnahm, einen Unterschied bedingt. Ich operirte auf folgende Weise.
Zunächst bemerke ich, dass ich mich eines _Geisler_’schen Thermometers
bediente, welches für die Grade 30-50 noch speciell mit _Geisler’s_
Normalthermometer verglichen wurde. Zur Bestimmung der Temperaturgrade
wandte ich anfangs einen Apparat zum Luftbade an, wie er in chemischen
Laboratorien gebräuchlich ist, welcher wie ein Brütofen leicht auf
constanter Temperatur erhalten werden konnte. Da ich jedoch sehr
geringe Differenzen auf diese Weise nicht gut normiren konnte, bediente
ich mich zuletzt des Wasserbades. In dieses, welches schnell jede
Abstufung der Temperatur gestattete und ebenfalls sehr leicht auf
constanter Temperatur zu erhalten war, brachte ich die Thiere auf dem
Objectträger, nachdem sie vor dem Experiment genau gemustert worden
waren; vorher wurde das Deckgläschen mit mehreren Wachströpfchen am
Rande befestigt. Auf diese Weise konnte leicht dasselbe Individuum
zu wiederholten Experimenten fixirt werden, und da der Objectträger
unmittelbar neben das Thermometer in eine ziemlich ansehnliche
Wassermenge gebracht und volle 2 Minuten in derselben gelassen wurde,
so war genügende Sicherheit bezüglich des Temperaturgrades, welcher
eingewirkt hatte gegeben. Oder ich brachte eine an verschiedenartigen
Thieren reiche Portion Wasser in einem Reagensglase in das Wasserbad
neben das Thermometer und führte letzteres zur Controle in das
im Reagensglase enthaltene Wasser selbst ein. Die Gerinnung der
Körpersubstanz von Actinophrys Eichhornii lässt sich sehr scharf
erkennen an dem plötzlichen Hervortreten der eiweissreichen
zellenartigen Körperchen der Marksubstanz, von denen nachher die Rede
sein wird. Dieselben sind im Leben nur mit grosser Mühe wahrnehmbar,
treten aber im Momente der Gerinnung mit scharfen Contouren und
mit ihren mehrfachen kleinen Kernen sehr deutlich hervor. Diese
Veränderung beobachtet man bei 43° C. Es fragt sich aber noch, bei
welcher Temperatur der Tod des Thieres eintritt. Sind die Pseudopodien
eingezogen, was schon bei 35-38° C. geschieht, so erscheint das
Thier ein lebloser Klumpen. Hat man Actinophrys in einer grösseren
Wassermenge im Reagensglase erwärmt und untersucht, nach 12-24
Stunden, so kann man erwarten, dass, wenn das Thier lebensfähig blieb,
dasselbe jetzt auch wieder deutliche Lebenszeichen abgebe, andrerseits
dass, wenn dasselbe getödtet worden, sich jetzt Zeichen beginnender
Zersetzung geltend machen. Auf diese Weise konnte ich die aufgeworfene
Frage mit aller wünschenswerthen Genauigkeit beantworten. +Actinophrys
Eichhornii erhält sich bis 42° C. lebendig.+ Thiere, welche dieser
Temperatur ausgesetzt waren, fand ich nach 12-24 Stunden stets ohne
Spuren beginnender Zersetzung und mehrere Male mit +neu ausgestreckten+
Pseudopodien, deren Zahl freilich gering, deren Bewegungen sehr träge
waren, an denen ich aber die Körnchenbewegung mit dem Ocular-Mikrometer
auf das Deutlichste constatiren konnte.
Es ist auffallend und mit Rücksicht auf die _Kühne_’schen
Untersuchungen über die Wärmestarre der kalt- und warmblütigen
Wirbelthiere[32] besonders interessant, dass auch bei den Wirbellosen
nicht unbedeutende Verschiedenheiten bezüglich des Eintrittes der
Wärmestarre vorkommen. Ohne sehr umfassende Beobachtungsreihen bisher
angestellt zu haben, konnte ich doch wiederholt bemerken, dass,
während Vorticellen schon bei 41° C. abzusterben pflegen, Difflugia,
Actinophrys und Amoeba (radiosa Ehrb.) noch bei 42° lebendig bleiben,
letztere hatte sich in einem Falle sogar nach der Einwirkung von
43° C. in Bewegung erhalten. Difflugia sah ich, nachdem sie 12 Stunden
Zeit gehabt hatte sich nach dem warmen Bade von 42° zu erholen, in
lebhafter Bewegung umherkriechen. Anguillulinen, Turbellarien, Naiden,
Räderthiere und Ostracoden leben bei 43° noch munter fort und ertragen
eine Temperatur bis 45°, wenn auch nicht alle Exemplare. Auch eine
der häufigen Flagellaten unter den Infusorien, Bodo, war bei 44° in
mehreren Exemplaren lebendig geblieben. Oscillatorien des Meerwassers
sah ich bei 42° ihre Bewegungen einstellen, während Anguillulinen in
diesem Wasser bei gleicher Temperatur munter fortlebten. Wir werden
unten noch den Einfluss höherer Temperaturgrade auf das Protoplasma der
Pflanzenzellen besprechen und dann auf die eben angeführten Thatsachen
verweisen.
Doch kehren wir zu unserer Actinophrys Eichhornii zurück. Verfolgt
man die hyaline Axe der Pseudopodien derselben bis zu ihrer Wurzel
an der Oberfläche des dunkleren Kernes, so gewahrt man, wie sie sich
hier in die Wände der kleinen Alveolen verlieren. Da diese Wände
Körnchen enthalten, die sich aber nicht oder nur ausnahmsweise ein
wenig bewegen, so kann möglicherweise auch in die Masse der Fadenaxe
ein Körnchen eintreten, doch ist das nicht gewöhnlich. Bei meinen
Versuchen, die Wurzel der Pseudopodien genauer zu verfolgen, stiess
ich auf zahlreiche zellenartige Körperchen in der Rinde des Kernes,
welche in der von mir gefundenen Zahl und Lagerung bis dahin unbekannt
waren. _Kölliker_ erwähnt in seiner Beschreibung der Actinophrys
sol[33], welche aber Act. Eichhornii ist, zellenartige Körperchen,
deren er 10-12 in einem Thiere vermuthet und die er auch isoliren
konnte. Es sind zweifelsohne dieselben von welchen ich reden will. Auch
_E. Haeckel_ hat sie gesehen und erwähnt ihrer in seiner Monographie
der Radiolarien p. 165 als kernartige Körperchen. Schon bei schwacher
Vergrösserung erkennt man sie an einem eigenthümlichen Glanz in situ.
Sehr deutlich treten sie hervor, wenn man das Thier durch Erwärmung
des Objectträgers über 42° C. tödtet. Jetzt erkennt man bei starker
Vergrösserung deutlich, dass die Gebilde in der Rinde der dunkleren
Marksubstanz zerstreut liegen, und glaube ich, dass sie auch auf
diese beschränkt sind. Ihre Zahl erreicht bei grösseren Thieren
40 und darüber. Es sind äusserst zartwandige kuglige Gebilde mit
gerinnbarem, eiweissartigem Inhalte und meist zahlreichen kleinen,
wie es scheint homogenen Kernen. Ich habe sie zu verschiedenen
Jahreszeiten untersucht, aber bisher immer fast genau gleich gefunden;
die Zahl der Kerne variirt von 2-8. Mit der Wurzel der Pseudopodien
stehen sie in keinem Zusammenhange. Bei Anwendung verschiedenster, den
Actinophryskörper langsam lösender chemischer Agentien treten sie meist
als resistentere Gebilde sehr deutlich hervor.
Die sehr bemerkenswerthe Structur der Actinophrys-Pseudopodien
scheint sich bei manchen Radiolarien des Meeres zu wiederholen.
Die Pseudopodien der letzteren gleichen in ihrer Starrheit, ihren
meist langsamen Bewegungen ganz denen der Actinophrys. Bei den
Acanthometren lassen sie sich, wie bereits erwähnt wurde, durch die
Rindensubstanz in radiärer Richtung bis in eine tiefere Substanzlage
verfolgen. Und auf eine Zusammensetzung derselben aus einer hyalinen,
körnchenlosen, festeren Axe und einer körnerreichen Rinde glaube ich
_Haeckel’s_ Angaben (l. c. p. 111 u. 112) deuten zu können. Nach
denselben kommen bei verschiedenen Individuen derselben Arten bald
hyaline, bald körnerreiche Pseudopodien vor. In letzterem Falle sind
viele Verästelungen und Anastomosen an den Fäden sichtbar, welche bei
hyaliner Beschaffenheit der Fadensubstanz fehlen. Die Verschmelzung
hängt also auch hier wie bei Actinophrys von der Anwesenheit
der körnerreichen Substanz ab. Als Grund dieses Wechsels in der
Beschaffenheit der Pseudopodien betrachtet _Haeckel_ die verschieden
reichliche Nahrungsaufnahme, indem er bei gut genährten Thieren, d. h.
solchen welche viele fremde Körper als Nahrung in sich enthielten,
stets reichliche Körnchenmasse an den Fäden bemerkte, während solche
mit leerem Körper starre hyaline Fäden hatten. Ich finde diese
Beobachtungen mit der Annahme nicht unvereinbar, dass auch hier die
körnerreiche Substanz sich auf der Oberfläche einer hyalinen Axe
ansammle, und dass in diesen Fällen eine ähnliche Differenzirung der
Pseudopodiensubstanz obwalte, wie ich bei Actinophrys gefunden habe.
Künftige Beobachter werden auf diesen Punkt Rücksicht zu nehmen haben.
Fragen wir ob bei den Polythalamien etwas Aehnliches vorkomme,
so glaube ich nach den bisherigen Beobachtungen nur mit einem
sehr bedingten Ja antworten zu können. Die einzig bisher bekannte
Foraminifere mit +ganz hyalinen+ Pseudopodien ist die bereits
erwähnte +Gromia Dujardinii _mihi_+. An dieser, obgleich ich sie in
den verschiedensten Grössen, frisch aus dem Meere und nach langer
Gefangenschaft, endlich von drei verschiedenen Fundorten (Ancona,
Helgoland, Weymouth) beobachtet habe, ist mir nie eine Spur von
Körnchen an den Pseudopodien aufgefallen, auch habe ich keine
Differenzen in Betreff der Consistenz der Substanz derselben nach
grösserer oder geringerer Neigung zur Anastomosenbildung wahrgenommen.
Andrerseits glaube ich, dass der +Gromia oviformis+ eine körnchenlose
centrale Axe der ausgestreckten Pseudopodien gewiss +nicht+ zukomme.
Denn die äusserst bewegliche Substanz erscheint gleichmässig körnig und
zerfliesslich, und derartige Consistenzunterschiede in der Dicke der
Pseudopodien, wie sie bei Actinophrys Eichhornii bestehen, sind nicht
vorhanden. Wie aber bei denjenigen Foraminiferen, deren Pseudopodien
bezüglich ihrer Beweglichkeit zwischen den beiden genannten Extremen
stehen? Hierher gehören z. B. die Milioliden. Ich glaube, dass Manches
was man an den Pseudopodien derselben beobachtet, für eine gewisse,
wenn auch weniger deutlich ausgesprochene Verschiedenheit in der
Consistenz von Rinde und Axe spricht, vor Allem das Verhalten der
Pseudopodien bei Zusatz gewisser Reagentien. Salzsäure, Essigsäure,
Osmiumsäure, Ammoniak im äusserst verdünnten Zustande wirken in
ziemlich gleicher Weise auf die ausgestreckten Pseudopodien ein,
indem sie eine Contraction, ein Schrumpfen herbeiführen, sodass
der Faden an Dicke abnimmt. Dabei tritt dieselbe Erscheinung ein,
welche wir an den Fäden der Actinophrys beobachteten, dass sich
nämlich ein Theil der Substanz in spindelförmigen Tropfen auf der
Oberfläche eines hyalinen, wie es scheint resistenteren, centralen
Fadens ansammelt. Die Pseudopodien werden exquisit +varikös+. Wenn
auch die Abgrenzung der beiderlei Substanzen bei Miliola nicht so
scharf ist wie bei Actinophrys, so deutet doch das Auftreten der
gleichen beschriebenen Veränderung auf eine Verwandtschaft beider im
Baue. Wie durch die genannten Reagentien kann dieselbe Erscheinung
auch durch schnelle Erwärmung bis 45° C. und durch kräftige Schläge
eines Inductionsapparates herbeigeführt werden. Vor dem Einschmelzen
und gänzlichen Zerstören durch Wärme oder elektrische Ströme tritt
wieder +Varikositätenbildung+ an den Fäden auf, ganz in ähnlicher
Weise, wie wir es oben bei Actinophrys erwähnten. Die Wärme wirkt nach
meinen Versuchen wie bei Actinophrys erst mit 43° tödtlich auf die
Körpersubstanz der Milioliden. Die Pseudopodien schmelzen zwar schon
bei 35-38° ein, welche Temperatur ihnen offenbar grosses Unbehagen
bereitet und sie zu weiteren Bewegungen unfähig macht. Der Tod des
Thieres erfolgt aber erst mit der wirklichen Gerinnung, der Trübung der
eiweissartigen Substanzen, nicht bloss in den Pseudopodien, sondern
auch im Innern der Schale, und diese Einwirkung tritt erst bei
42-43° C. ein.
Bezüglich des Einflusses der Schläge des Magnetelektromotors auf
die ausgestreckten Pseudopodien der Milioliden haben meine Versuche
ergeben, 1) dass schwache Ströme gar keinen, stärkere einen solchen
Einfluss ausüben, dass die Pseudopodien sich zurückziehen, die
stärksten eine sofort zersetzende Wirkung ausüben. Bei der Retraction
verhalten sich die Fäden ganz so, wie wenn sie durch andere störende
Einwirkungen zur Zusammenziehung gebracht worden, sie heben sich vom
Glase, auf dem sie festhafteten, ab, krümmen sich, flottiren frei im
Wasser und verkürzen sich, indem sie sich zu unregelmässigen Bündeln
und Klumpen vereinen; bei der sofortigen Zersetzung, bei welcher ihnen
also keine Zeit zur Retraction bleibt, werden sie varikös, schrumpfen
ein und zertheilen sich im umgebenden Wasser; 2) ist hervorzuheben,
dass ein specifischer, verlangsamender oder beschleunigender Einfluss
auf die +Körnchenbewegung+ durch die elektrischen Schläge nicht
erzielt werden kann. Die Körnchenbewegung wird nur insoweit alterirt,
als sie mit der Retraction oder Zersetzung der Fäden zusammenhängt.
III.
Die Bewegungserscheinungen am Protoplasma der Pflanzenzellen verglichen
mit denen an den Pseudopodien der Rhizopoden.
Wir haben oben bereits ausführlich auf die Bedeutung aufmerksam gemacht,
welche die Thatsache für uns hat, dass die Bewegungserscheinungen des
Protoplasma der Pflanzenzellen denen, welche wir an den Pseudopodien
der Rhizopoden beobachten, bis zum Verwechseln ähnlich sehen. Ich habe
die Gelegenheit, welche mir der Besitz der äusserst lebenskräftigen
Polythalamien von der englischen Küste bot, benutzt, die Bewegungen des
Protoplasma der Pflanzenzellen nach erneuten Untersuchungen noch einmal
so genau als möglich mit den Bewegungen der Pseudopodien zu vergleichen.
Die Pflanzen und Pflanzentheile, welche ich beobachtete, sind die
Staubfadenhaare mehrerer Species +Tradescantia+, die Blumenblätterhaare
von +Viola+, die Blätterhaare von +Cucurbita+ und von +Urtica+, die
Blattparenchymzellen und die Wurzelhaare von +Hydrocharis+, und
die Blätter von +Vallisneria spiralis+. Es ist bekannt, dass die
Bewegungserscheinungen, welche der Inhalt der Zellen dieser Pflanzen
darbietet, grosse Verschiedenheiten zeigen. Man unterschied danach
früher eine Rotationsströmung (Chara, Vallisneria) und eine Circulation
des Zellsaftes (Tradescantia u. A.). Doch da man erkannte, dass beide
Arten von Bewegung an derselben Substanz, nämlich dem Protoplasma
der Zellen, ablaufen, während der wässerig flüssige Zelleninhalt
keinen Theil an derselben hat, wurde es zweifelhaft, ob eine scharfe
Unterscheidung der beiden Bewegungsformen möglich sei[34]. Die
Auffindung aller möglichen Uebergänge zwischen beiden Bewegungsarten
hat dann jeden Zweifel an der Zusammengehörigkeit beider Erscheinungen
beseitigt[35].
Die einfachere Form der Bewegung ist da, wo das Protoplasma nur als
gleichmässige Bekleidung der inneren Oberfläche der Cellulosewand
vorkommt, wie bei Chara, Nitella, Vallisneria u. A. Bilden sich in
diesem wandständigen Protoplasma Unterschiede in der Dicke der Art
aus, dass einzelne Theile wie Riffe oder Leisten in die Höhlung der
Zelle vorspringen, so entsteht das Verhältniss wie in den Brennhaaren
von Urtica. Dieses geht wieder ganz allmählich in die Bildung
über, wie sie sehr entwickelt bei Tradescantia, Viola vorkommt,
wo zahlreiche Protoplasmafäden, welche mit ihren Enden in dem
wandständigen Protoplasma wurzeln, die Zellenhöhle frei durchziehen
und oft ein complicirtes Netzwerk bilden, wie es nach _Schacht’s_
Beobachtungen wohl am schönsten in der Aussackung des Embryosackes von
Pedicularis sylvatica gefunden wird, wo das Protoplasmanetzwerk höchst
wahrscheinlich später in ein Cellulosefadennetz übergeht[36].