sprechen nicht dafür, dass dieselben nur Theile der Fadensubstanz
selbst seien, denn diese Substanz bricht, wie _Reichert_ zugiebt, das
Licht nur wenig anders als das umgebende Wasser. Ganz entscheidend
ist aber der Umstand, dass Körnchen, +welche seitlich über den Rand
eines Fadens hinausragen+, ebensogut wie die anderen bei Hebung
des Tubus über diejenige Einstellung, bei welcher man die Bewegung
am deutlichsten sieht, in einen +Lichtpunkt+ übergehen. Derselbe
beweist, dass sie wie eine Sammellinse wirken, und dass sie keine
»am Faden fortziehenden Schlingen« sind, wie _Reichert_ will,
denn solche müssten, im Profil gesehen, als Ringe oder Oesen von
Pseudopodiensubstanz beim Heben des Tubus in der Mitte einen dunkeln
Fleck erhalten, wie aus _Welcker’s_ Bemerkungen über die Unterscheidung
von Erhabenheiten und Vertiefungen unter dem Mikroskope hervorgeht[22].
2) Man erkennt bei starken Vergrösserungen (_Hartnack_ System 10, oder
_Zeiss_ F), dass viele der an und in den Fäden der Milioliden auf-
und abziehenden Körnchen eine längsovale oder stäbchenförmige Gestalt
besitzen, und dass, wenn sie auch meist mit ihrer längern Axe der
Längsaxe der Fäden parallel gehen, sie nicht selten sich rechtwinklig
zu letzterer aufstellen, um dann bei weiterer Bewegung sich wieder
umzulegen. Kurz die Körperchen befinden sich öfter in einer rotirenden
Bewegung, und diese beweist ihre körperliche Natur.
3) _Reichert_ will die Abwesenheit von Körnchen in der Substanz der
Pseudopodien durch folgenden Satz beweisen (l. c. p. 644): »Da die
körnige Zeichnung jedesmal sofort verloren geht, wenn die Fäden in
gestreckter Lage ruhig liegen, oder die körnigen Platten und Lamellen
sich in ruhende gestreckte Fäden wiederauflösen, so muss gefolgert
werden, dass die körnige Zeichnung nur scheinbar sei und durch
Formveränderungen der an sich hyalinen Fäden hervorgebracht werde.« Es
ist mir nicht möglich gewesen, zu ermitteln, welcher Umstand _Reichert_
so täuschen konnte, dass er obige Behauptung aufstellte. Ich finde bei
lebenden Thieren mit ausgestreckten Fäden nie und an keiner Stelle eine
derartige Ruhe, dass die Körnchenbewegung aufhöre und der Faden ein
+gleichmässig hyalines+ Ansehn annehme. Allerdings sieht man hie und da
an sehr dünnen Fäden kein Körnchen. Dergleichen kommt bei Thieren wie
den Milioliden, deren Protoplasma eben nicht sehr körnerreich ist, vor.
Aber in solchen Fällen vergeht kaum eine Secunde, dass nicht Körnchen
erscheinen, die von benachbarten Fäden auf die körnchenlosen übergehen.
Nach _Reichert’s_ Angaben sollte man erwarten, dass an jedem Faden die
körnige Zeichnung zeitweise ganz verschwinden könne, »wenn die Fäden in
gestreckter Lage ruhig liegen«, was nach erfolgtem Ausstrecken sich von
allen Fäden sagen lässt, die nicht in der Retraction begriffen sind.
Solche in gestreckter Lage ruhig liegende Fäden zeigen aber immer das
lebhafteste Spiel der Körnchenströmung, ebenso die Fäden, welche sich
aus körnigen Platten oder Lamellen wiederauflösen. Dagegen kommt man
recht oft dazu, einzelne Körnchen, wenn auch nur auf kurze Zeit +ruhen+
zu sehen, so z. B. sehr häufig an sogenannten laufenden Brücken, wenn
dieselben rechtwinklig auf den Fäden stehen, die sie verbinden; und
bedient man sich künstlicher Mittel, so kann man die Körnchen auf weite
Strecken in Ruhe setzen, ohne dass sie, wie _Reichert_ annimmt, dabei
verschwinden.
Ganz entscheidend in dieser Beziehung ist folgender Versuch: Man
bringe an den Rand des Deckglases, unter welchem sich ein Thier mit
ausgestreckten Pseudopodien befindet, einen Tropfen destill. Wasser,
und beobachte dessen allmähliche Einwirkung. Die Körnchenbewegung
wird langsamer, ohne dass an den Fäden sonst irgend eine Veränderung
wahrzunehmen ist, endlich stockt sie ganz. Wenn das destillirte
Wasser nicht zu heftig einwirkt, bietet der Faden auch jetzt noch,
abgesehen von dem Mangel der Bewegung, ganz das Ansehn wie im Leben
dar, die Körnchen sind ebenso deutlich zu sehen und in derselben Menge
vorhanden, wie zuvor, die Grundsubstanz ist von unverändertem Aussehen.
Körnchen, die sich eben noch bewegten, sieht man in den ruhenden
Zustand übergehen und für immer in demselben verharren, ohne dass sich
an ihnen sonst die geringste Veränderung wahrnehmen lässt. Macht sich
der Einfluss des destillirten Wassers länger geltend, so treten erst
kleine dann grösser werdende Vacuolen in der Grundsubstanz der Fäden
auf, sie verbreitern sich, bekommen ein schaumiges Ansehn und gehen
endlich unter zunehmenden Quellungserscheinungen zu Grunde.
Die Beobachtung der Körnchen in ihrem allmählich eintretenden
Stillstande, wobei jedes einzelne scharf im Auge behalten werden kann,
ist ganz entscheidend. Auch durch andere, energischer wirkende Agentien
lässt sich ein gleiches Resultat, wie durch destillirtes Wasser
erzielen z. B. Iodlösung, verdünnte Säuren und Alkalien, durch den
elektrischen Strom, doch treten hier meist viel schneller Veränderungen
der Fäden im Ganzen ein, worauf wir unten noch zurückkommen, so dass
die Beobachtung nicht so rein ist als bei Anwendung des destillirten
Wassers. Auch die schnelle Erwärmung des Objectträgers, auf welchem
sich eine Miliolide mit ausgestreckten Pseudopodien befindet, bis
auf mindestens 45° C., giebt ein belehrendes Bild. Die Pseudopodien
erstarren in der Lage, in welcher sie sich gerade befinden, und
verharren so lange in derselben, bis diffundirende Einflüsse des
umgebenden Wassers sie endlich zerstören.
Jeden Einwand, dass Gerinnungserscheinungen die Beobachtung trüben,
schliesst endlich folgendes Experiment aus. Zerdrückt man ein Thier,
welches mit ausgestreckten Pseudopodien unter einem Deckglase
liegt, sodass die Schale gesprengt und der Inhalt in dichten Massen
hervorgepresst wird, so bleiben die ausgestreckten Fäden, wo sie
nicht mechanisch incommodirt wurden, unverändert liegen und setzen
das Spiel ihrer Bewegungen noch eine Zeit lang in gewohnter Weise
fort. Sie retrahiren sich nicht, wenn ein Abreissen derselben von der
Oberfläche des Glases, wenn eine andere Bewegung des Deckglases als
zum Zerdrücken der Schale nothwendig ist, vermieden wird. Obgleich
der Zusammenhang der Fäden mit dem Thierkörper durch das Zerdrücken
des Letzteren an vielen Stellen der Basis der Fäden aufgehoben wird,
dauert die Körnchenströmung doch noch unverändert fort. Aber sie wird
allmählich langsamer, die Fäden ziehen sich mehr und mehr zu dichten
Netzen und breiteren Platten zusammen, aus denen zwar wieder neue
Fäden ausstrahlen, in denen aber nach und nach die Körnchenbewegung
aufhört. Nach Verlauf einer Stunde hat dieselbe an den meisten Stellen
ihr Ende erreicht. +Trotzdem sind die Körnchen in der Grundmasse der
Fäden noch so deutlich wie vorher+, und halten sich so lange, bis der
diffundirende Einfluss des Wassers endlich die Auflösung der Fadenreste
herbeiführt, wobei sich die winzigen Körnchen unter Molekularbewegung
zerstreuen.
Nach dem Voranstehenden dürfen wir wohl die Existenz von Körnchen in
den Pseudopodien der Milioliden gegen die _Reichert_’schen Einwürfe für
+bewiesen+ ansehen. Sind aber Körnchen da, so bleibt es auch mit der
Körnchenbewegung beim Alten und _Reichert_ mag sich umsehen, wie er
seine Behauptung, dass dieselbe ein »optisches Trugbild« sei, weiterhin
stütze.
Die Körnchen der Pseudopodien sind in einer gleitenden Bewegung. Sie
rücken auf weite Strecken vor und wieder zurück, sie tauschen ihren
Platz mit anderen, ungehindert ziehen sie von einem Faden auf den
anderen hinüber -- diese Ortsveränderungen regen in uns die Frage
nach der +Consistenz+ derjenigen Substanz an, in welcher sie sich
bewegen. Man hat die Bewegung der Körnchen eine +fliessende+ genannt,
und gewiss nicht mit Unrecht, denn solche Ortsveränderungen, wie wir
sie beobachten, setzen voraus, dass die Substanz, in welcher sie
zu Stande kommen, mit dem Aggregatzustande einer Flüssigkeit etwas
gemein haben müsse. Nun giebt es aber bekanntlich verschiedene Grade
des Flüssigen, und wenn wir uns für die Bezeichnung der Consistenz
der Pseudopodien des Ausdruckes »dickflüssig wie Schleim« bedienten,
also etwa an eine zähflüssige Gummilösung dachten, so glauben wir
von dem Rechten nicht weit abgewichen zu sein. _Reichert_ protestirt
dagegen, die Pseudopodiensubstanz für +tropfbar flüssig+ zu halten.
Ich glaube nicht, dass sich bisher Jemand dieser Worte zur Bezeichnung
der Dichtigkeit der Fadensubstanz bedient hat. Aber auch mit flüssigem
Wachs oder Schleim will er sie nicht vergleichen. Er nennt sie
+fest-weich+ (p. 652), ausserordentlich weich und biegsam, und hebt
an ihnen die bemerkenswerthe Eigenschaft des leichten Adhaerirens
aneinander hervor, welches aber durchaus verschieden sein soll von dem,
was die früheren Beobachter das Ineinanderfliessen zweier oder mehrerer
Pseudopodien genannt haben.
Statt aller Discussion über den die Consistenz am passendsten
bezeichnenden Ausdruck, welche in einen Wortstreit ausarten muss, da
wir streng genommen, wie _Brücke_ gewiss sehr richtig hervorhebt[23],
die für die Aggregatzustände lebloser Körper erfundenen Ausdrücke
auf belebte nicht ohne Weiteres anwenden können, wollen wir die
Erscheinungen studiren, welche uns einen Begriff von der Consistenz der
Pseudopodiensubstanz geben können. Wir wollen hier zuerst anführen,
was wir beim Aneinanderstossen zweier auf ihrem Wege sich begegnender
Pseudopodien beobachten; sodann die Aufnahme fremder Körper in die
Pseudopodiensubstanz besprechen.
Verfolgt man an einer eben auf den Objectträger gebrachten Miliolide
das Ausstrecken der Pseudopodien, so bemerkt man, dass alle schnell
und in gerader Linie sich verlängernden Fäden an dem Ende abgerundet
oder mit einer kolbenförmigen Anschwellung versehen sind, welche bald
kuglig, bald herzförmig oder cylindrisch wurstförmig gestaltet ist.
Manchmal ragt aus derselben noch eine feine Spitze hervor, welche an
ihrem Ende auch wieder angeschwollen sein kann. Die Endanschwellung des
Fadens ist körnig wie der ganze Faden, doch sind bei den Milioliden
wie bei den meisten Foraminiferen mit Kalkschale die Körnchen kleiner,
als bei Gromia oviformis, von der ich sie in möglichst naturgetreuer
Lagerung auf der ersten Tafel meines oben citirten Werkes abgebildet
habe. Es gehört eine klare, mindestens 4-500 mal. Vergrösserung dazu,
um ohne zu grosse Anstrengung der Augen ihrem Spiel längere Zeit
genau folgen zu können. Die Körnchen der Endanschwellung sind wie
die letztere selbst in einer unruhig zitternden Bewegung. Während
letztere im Vorrücken wie tastend hin und her schwankt, fliessen von
der Basis des Fadens her stets neue Körnchen zu und gehen zum Theil
an dem Ende des Fadens umkehrend in die rückläufige Bewegung über.
Hat sich ein solcher Faden auf eine ansehnliche Länge ausgedehnt,
ohne auf einen anderen Faden oder ein Hinderniss gestossen zu sein,
so biegt er sich oft unter einem ziemlich genau rechten Winkel um und
bewegt sich jetzt in der neuen Richtung vorwärts, als wisse er, auf
diesem Wege einigen der anderen divergirend ausstrahlenden Pseudopodien
zu begegnen. Höchst merkwürdig sind nun die Erscheinungen, wenn ein
solches Begegnen eintritt, wenn ein geknöpfter Faden in seinem Laufe
auf einen anderen stösst. Im Momente der Berührung zertheilt sich
die knopfförmige Anschwellung wie eine platzende, mit Flüssigkeit
gefüllte Blase und mischt ihre Substanz der des begegnenden Fadens bei.
Genau wie wenn ein kleinerer Fetttropfen in einem grösseren aufgeht,
so verschmilzt die Substanz des knopfförmigen Pseudopodienendes,
indem die Körnchen mit einem Ruck auseinanderfahren, mit dem daneben
hinziehenden Protoplasmastrome. So namentlich immer wenn letzterer
recht breit ist; der dünnere Faden muss jetzt dem dickeren folgen,
ihr Strombett ist ein gemeinschaftliches geworden. Trifft dagegen der
vorrückende Faden auf einen dünneren als er selbst ist, so beobachtete
ich mehrere Male, namentlich wenn ersterer unter rechtem oder nahezu
rechtem Winkel auf den in seinem Wege hinziehenden feineren stiess,
dass zwar eine Verschmelzung stattfand, der dickere aber seinen Weg
in der ursprünglichen Richtung fortsetzte. Durch eine verkittende und
die Winkel der kreuzweis verschmolzenen Fäden ausfüllende Masse mit
dem anderen organisch verbunden liess er sich in seiner ursprünglichen
Richtung nicht stören; verlängerte sich vielmehr noch auf eine lange
Strecke.
Sehr oft begegnet es einem, dass, wenn man den Moment der Verschmelzung
zweier einander entgegenlaufender Fäden erwartet, dieselben in
verschiedenen Ebenen übereinander hinwegziehen. Ja die Verschmelzung
scheint ausbleiben zu können auch bei directer Berührung. Es muss
danach wahrscheinlich ein Act der Willkür mitwirken, oder es
ist ein Hinderniss zu überwinden, wie zwei Fetttropfen oft erst
zusammenfliessen, wenn sie mit einer Nadel angestochen werden.
Dass die Willkür mit im Spiele ist, geht schon daraus hervor, dass die
Verschmelzung bei aneinanderstossenden Fäden +verschiedener+ Individuen
bestimmt nicht stattfindet, wie ich mich bei dicht nebeneinander auf
die Objectträger gebrachten Individuen sehr oft überzeugt habe. Die
Fäden weichen dann vor ihres Gleichen wie vor einem schlimmen Feinde
zurück.
Wie die mitgetheilte Beobachtung des plötzlichen Auseinanderfahrens der
Körnchen im Momente des Ueberganges der Substanz des einen Fadens in
den anderen, so halte ich auch den so leicht zu beobachtenden Uebergang
eines gleitenden Körnchens auf einen anderen Faden für beweisend für
die Verschmelzung solcher Fäden. Die Substanz zweier Pseudopodien
+muss wenigstens an der Oberfläche+ ineinandergeflossen sein, wenn ein
Körnchen aus einer in die andere übergeht. Da kann von einem blossen
Aneinanderkleben nicht die Rede sein.
Sehr belehrend für die Beurtheilung der Consistenz der Pseudopodien
und die Natur der Körnchenbewegung sind folgende Beobachtungen über
die Aufnahme fremder Körper in das Innere derselben. Fast an jedem
Thiere mit ausgestreckten Pseudopodien sieht man, dass hier oder
dort ein kleiner fremder Körper dem Faden entlang zieht nach Art der
Körnchen. _Joh. Müller_ machte zuerst auf dies Verhalten ausdrücklich
aufmerksam, indem er sagt (Die Thalassicollen, Polycystinen und
Acanthometren etc. p. 9): »Wichtig ist was bisher an den Pseudopodien
der Rhizopoden noch nicht gesehen war und was ich in vielen Fällen an
Polycystinen feststellen konnte, dass mit den an der Oberfläche der
Fäden in wechselnder Richtung fortgeführten Körnchen auch benachbarte
fremde Körper, ganze Schleimklümpchen, unregelmässige Körnerhaufen in
die gleiche Strömung entlang den Fäden gerathen.« _E. Haeckel_ hat
neuerdings diese Beobachtungen für die Radiolarien unter anderem durch
Fütterung mit Carmin bestätigt[24], und ist es sehr leicht, sich von
der Richtigkeit derselben auch für die Polythalamien zu überzeugen.
Ich brachte Milioliden auf dem Objectträger in einen Tropfen
Seewasser, dem vorher ein wenig feinzertheilter Carmin zugesetzt war.
Die Menge desselben darf nicht gross sein, damit die Beobachtung
der zarten Pseudopodien nicht gehindert werde. Schon die ersten
hervorgestreckten Fäden eignen sich einen Theil der ihnen im Wege
liegenden Carminkörnchen an. Man sieht die Farbstoffkörnchen an dem
Faden gleich nach der Berührung festkleben und sich mit den Körnchen
der Substanz desselben centripetal und centrifugal fortbewegen.
Hat man einem Thier Zeit gelassen seine Fäden recht vollständig
auszustrecken, und beobachtet nachdem das Thier etwa ¼ Stunde mit
dem Carmin in Berührung war, so bietet sich das überraschende und
wahrhaft prächtige Schauspiel dar, dass alle Pseudopodien eine gewisse
Menge von Carminkörnchen enthalten, welche, je kleiner sie sind, um
so lebhafter an der Bewegung der den Pseudopodien eigenen Körnchen
theilnehmen. Einige gleiten dem peripherischen Ende des Fadens zu,
andere, und zwar der grössere Theil, werden in entgegengesetzter
Richtung fortgeführt und in das Innere des Thierkörpers aufgenommen.
Oft stockt die Bewegung eines Körnchens plötzlich, und erst wie nach
kurzem Besinnen geht sie fort oder in die entgegengesetzte über. Dabei
kommt an den Carminkörnchen dasselbe Zittern und Schwanken wie bei
der Molekularbewegung vor, welches _Reichert_ als +hüpfende+ Körnchen
bezeichnet und zu Gunsten seiner Schlingentheorie verwendet (l. c. p.
650). Ein Carminkörnchen überholt das andere, von zwei sich begegnenden
kehrt eins mit dem anderen um. Endlich sieht man wo Anastomosen sind,
die Farbstoffkörnchen so gut wie die anderen aus einem Faden in den
anderen hinüberlaufen. Kurz, das Verhalten ist genau dasselbe, wie es
uns von der Körnchenbewegung überhaupt bekannt ist, nur viel leichter
zu beobachten entsprechend der Grösse und intensiven Färbung der
Carminkörnchen.
Oft beobachtete ich, dass auch grössere Klümpchen Carmin, wie sie durch
Zusammenkleben zahlreicher kleiner entstehen, selbst wenn sie einen
mehr als zehnfach grösseren Durchmesser als die Fäden haben, doch mit
fortgeschleppt wurden. So gelangen auch andere oft ziemlich grosse
fremde Körper in den Körnchenstrom.
Der erste von mir verwandte Carmin war, wie häufig der Fall ist,
mit Stärkemehl verfälscht. Es dauerte nicht lange, so bewegten
sich den ausgestreckten Pseudopodien entlang eine Menge grosser
Stärkemehlkörner, welche der Oberfläche der klebrigen Fäden
anhingen. Sie wurden in grosser Masse an der Basis der Fäden an der
Schalenmündung angehäuft und in das Innere des Körpers aufgenommen.
Ich habe dann die Versuche mit reinem Stärkemehl wiederholt und mit
demselben Erfolge. Auch bei ihnen kann man die doppelte, die hin-
und rücklaufende Bewegung beobachten, doch geht der Hauptstrom der
Schale zu. Als besonders wichtig ist hier noch hervorzuheben, dass
die Fäden, an welchen die centripetale Strömung beobachtet wird, sich
nicht im Ganzen verkürzen, sondern unverändert ihre Länge beibehalten
oder sich +fortwährend noch verlängern+. Ein Faden, welcher in der
lebhaftesten Streckung begriffen ist, zeigt neben dem centrifugalen
auch den umgekehrten Strom seiner Körnchen, und wenn er einen fremden
Körper aufnahm und derselbe nicht zu gross ist, kann auch dieser an der
Strömung theilnehmen. Ebenso beobachtete ich oft auf das Deutlichste,
dass an einem in der Retraction begriffenen Faden die centrifugale
Strömung noch deutlich fortdauerte. Sie hört erst auf wenn die
störenden Einflüsse, welche die Retraction hervorriefen, Erschütterung,
chemische Reagentien, Schläge des Inductionsapparates, ihre Wirkung in
weiterer Umgebung äussern.
Die Milioliden, welche mir zu meinen Versuchen dienten, bemächtigten
sich des Carmines oder Stärkemehles so gierig, dass wenn dieselben
einige Stunden in einem Uhrglas mit diesen Substanzen in Berührung
gewesen waren, fast der ganze Körper, welcher in der Schale verborgen
liegt, mit ihnen dicht erfüllt war, wie nach dem Auflösen der Schale in
Säuren erkannt wurde.
Diese Versuche sind in mehrfacher Beziehung von hohem Interesse. Sie
lehren zunächst, dass die Consistenz der Pseudopodien-Oberfläche eine
so geringe ist, dass fremde Körper, welche an dieselbe anstossen, fast
augenblicklich in dieselbe aufgenommen werden können. Weiter beweisen
sie auf das schlagendste die von _Reichert_ bestrittene, einem Fliessen
vergleichbare Bewegung der Körnchen in der Substanz derselben. Sie
lehren auf das Unzweideutigste, dass mit der Körnchenbewegung eine
Veränderung der Lage der Theile Hand in Hand geht, welche nicht bloss
Wellenbewegung ist. Endlich geben sie uns ein Mittel an die Hand, aus
der Lagerung der in die Schale aufgenommenen fremden Körper diejenigen
Theile des Thieres zu bestimmen, welche zur Nahrungsaufnahme und
Verdauung dienen.
Wer viele verschiedene Arten von Rhizopoden aufmerksam untersucht
hat, weiss sehr wohl, dass ihre Pseudopodien eine sehr verschiedene
Consistenz und demnach auch eine sehr verschiedene Neigung zum
Zusammenfliessen haben können. Es ist dasselbe Verhältniss wie mit dem
Protoplasma verschiedener Zellen und verschiedener Theile einer Zelle.
Unter den Gromiden treten die Extreme am schärfsten hervor bei den
beiden Arten, welche ich als +Gromia oviformis+ und +Gromia Dujardinii+
beschrieb[25].
Letztere Art, welche ich zuerst bei Ancona im adriatischen Meere,
sodann bei Helgoland auffand, habe ich wieder an der englischen Küste
beobachtet und noch jetzt lebend in meinen Gläsern. Sie ist nach ihrer
Schalenbildung von den Gromiden nicht zu trennen, unterscheidet sich
aber von der erstgenannten Art durch die, soweit unsere Vergrösserungen
reichen, +vollkommen hyaline+ Beschaffenheit der von ihr ausgesandten
Fäden. Diese sind äusserst träge in ihren Bewegungen, so starr und
fest, dass sie keine Neigung zum Zusammenfliessen zeigen, auch
wenn sie sich berühren. Von Bewegungen der Substanz, welche mit
der Körnchenbewegung verglichen werden könnten, zeigen sie nicht
das Geringste. Aber sie verästeln sich, wenn sie sich längere Zeit
ungestört ausbreiten konnten (vergl. meine Abbildung l. c. Taf. VII,
Fig. 1). Obgleich die Substanz ziemlich stark lichtbrechend ist,
scharfe Grenzcontouren gegen das umgebende Wasser zeigt, ist an
verästelten Fäden doch nicht die geringste Spur davon zu sehen, dass
ein solcher von der Basis an aus mehreren nur lose aneinanderliegenden
Fäden zusammengesetzt sei.
Zwischen diesen beiden Extremen liegen offenbar manche in der Mitte. So
sind die körnerarmen Miliolidenpseudopodien allem Anschein nach etwas
fester als die der Gromia oviformis, wie aus der ungleich langsameren
Bewegung und dem seltener eintretenden vollständigen Zusammenfliessen
gefolgert werden kann.
Aber auch an einem und demselben Thiere kann festere und flüssigere,
hyaline und körnerreiche Substanz der Pseudopodien zusammen vorkommen.
Gerade so wie bei vielen Amoeben eine hyaline Grenzschicht das
körnerreiche Innere bedeckt und beide zusammen erst den Körper der
Amoebe darstellen[26], so giebt es Pseudopodien, +deren Axe ein
hyaliner, und wie es scheint festerer Faden ist, auf dessen Oberfläche
die körnerreiche, weichere Substanz sich bewegt+. Dieses höchst
merkwürdige Verhalten findet sich nach meinen Beobachtungen an den
Pseudopodien von +Actinophrys Eichhornii+.
Es ist über dies Thier, welches offenbar unter allen Rhizopoden
des süssen Wassers den Radiolarien des Meeres am nächsten steht,
viel Wichtiges geschrieben. Dennoch sind einige beachtenswerthe
Organisationsverhältnisse desselben nicht genügend aufgeklärt. Dahin
gehört u. A. das Verhältniss der Pseudopodien zu der Körpersubstanz,
der Bau der Pseudopodien selbst, und endlich der Unterschied in der
Bildung des undurchsichtigeren Centraltheiles und der durchsichtigeren
Rinde. Da diese Verhältnisse für die Lehre vom Protoplasma der
Rhizopoden überhaupt von Interesse sind, so mögen meine bezüglichen
Beobachtungen hier eine Stelle finden.