Wenn es nun bei thierischen Zellen, einmal ihrer verhältniss

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DAS

PROTOPLASMA

DER

RHIZOPODEN UND DER PFLANZENZELLEN.

EIN BEITRAG

ZUR THEORIE DER ZELLE

VON

MAX SCHULTZE,

ORD. PROFESSOR DER ANATOMIE UND DIRECTOR DES ANATOMISCHEN INSTITUTES

IN BONN.

[Illustration]

LEIPZIG,

VERLAG VON WILHELM ENGELMANN.

1863.

Inhalt.

pag.

I. +Einleitung+ 1

II. +Das Protoplasma der Rhizopoden+ 10

Die Erscheinung der Körnchenbewegung. Zusammenhang

dieser Bewegung mit der Contractilität 12

_Unger’s_ Vergleich der Körnchenbewegung mit den

Bewegungen des Protoplasma der Pflanzenzellen 13

Meine darauf bezüglichen Arbeiten 14

Versuch, die Pseudopodiensubstanz der Rhizopoden (die

sogenannte +Sarkode+) als +Protoplasma+ zu deuten 15

_E. Haeckel’s_ Zustimmung, _Reichert’s_ Opposition 16

Beweis, dass entgegen _Reichert_ die Körnchen in den

Pseudopodien der Milioliden wirklich existiren 20

Fortsetzung dieses Beweises: Einfluss des destillirten

Wassers auf die Pseudopodien 21

Einfluss anderer Reagentien, der Wärme, der Zerstörung

des Thierkörpers auf die Pseudopodien 22

Betrachtungen über die Consistenz der

Pseudopodiensubstanz 23

Was man beim Aneinanderstossen zweier sich begegnender

Pseudopodien beobachtet 24

Fütterung mit Carmin und anderen fremden Körpern 26

Verschiedene Consistenz der Pseudopodien bei

verschiedenen Rhizopoden 28

Consistenzverschiedenheiten an einer und derselben

Pseudopodie. +Actinophrys Eichhornii+ 29

Zusammensetzung der Pseudopodien von Actinophrys aus

einer hyalinen Axe und körnigen Rinde 30

Verhältniss beider Bestandtheile zum Thierkörper 30

Verschmelzung der Pseudopodien an der Oberfläche 31

Einfluss von Reagentien auf die Pseudopodien von

Actinophrys 32

Einfluss der Wärme. Beobachtungen über den Eintritt

der +Wärmestarre+ bei niedern Thieren 32

Zellenartige Körperchen in der Leibessubstanz von

Actinophrys 35

Vergleich der Pseudopodien von Actinophrys mit denen

der Acanthometren und anderer Radiolarien, sowie der

Polythalamien 36

Einfluss von Reagentien und der Elektricität auf die

Pseudopodien der Polythalamien 37

III. +Die Bewegungserscheinungen am Protoplasma der

Pflanzenzellen, verglichen mit denen an den Pseudopodien

der Rhizopoden+ 39

Die Bewegung am Protoplasma der Pflanzenzellen,

namentlich der Staubfadenhaare von Tradescantia 40

Einfluss von Reagentien auf diese Bewegungen 42

Einfluss der Elektricität 43

Einfluss höherer Temperaturgrade 46

Hindeutung auf das Vorkommen lebender Organismen in

heissen Quellen 49

Contractilität ist die Ursache der Bewegung 50

_Brücke’s_ Ansicht über die Natur der Körnchenbewegung 51

Zweifel an der Durchführbarkeit derselben 54

In wie weit Consistenzunterschiede zwischen Rinde und

Inhalt am Protoplasma bestehen können 58

IV. +Schlussbemerkungen+ 62

Resultate 64

Nachtrag. Lebende Organismen in heissen Quellen 67

I.

Einleitung.

In einem Aufsatze »über Muskelkörperchen und das, was man eine Zelle

zu nennen habe«, welcher in dem Archiv für Anatomie, Physiologie etc.

herausg. von _Reichert_ und _du Bois Reymond_ Jahrg. 1861 p. 1-27

abgedruckt ist, habe ich nachzuweisen gesucht, dass in die herrschenden

Ansichten über die Bestandtheile der Zellen und deren Theilnahme an

der Gewebebildung bezüglich des thierischen Organismus sich manche

Glaubenssätze eingemischt haben, welche vor einer strengen Kritik nicht

Stand halten und deren wir uns entledigen müssen, wenn anders wir die

Bahn des Fortschrittes auf dem Gebiete der Gewebelehre mit Erfolg

fernerhin betreten wollen.

Ich versuchte zunächst an dem Beispiele der Muskelkörperchen zu zeigen,

dass eine befriedigende Beantwortung gewisser in der Histiologie

seit längerer Zeit aufgeworfener und discutirter Fragen nur deshalb

nicht möglich gewesen, weil die Dogmen der _Schleiden-Schwann_’schen

Zellentheorie die Gemüther allzusehr befangen hielten. Ich zeigte, wie

der lange Zeit geführte heftige Streit über die Bedeutung der Muskel-

und Bindegewebskörperchen sein Ende finden werde, wenn man es versuchen

wollte von den herrschenden Lehren über die nothwendigen Bestandtheile

einer Zelle etwas aufzugeben, und dass diese Abänderung vorzugsweise

unsere Ansichten über die Zellmembran, über das Verhältniss derselben

zum Zelleninhalte und zu den sogenannten Intercellularsubstanzen

betreffen müsse. Zugleich deutete ich an, dass dem sogenannten

+Zelleninhalte+, oder besser demjenigen Theile der Zelle, welcher der

von _H. v. Mohl_ +Protoplasma+ genannten Substanz entspricht, eine

höhere Bedeutung nicht nur für das Zellenleben sondern auch für die

Gewebebildung thierischer Organismen zuzuschreiben sei, als man bis

dahin anzunehmen pflegte, und gab die Wege an, auf welchen man diese

Thätigkeit des Protoplasma besonders augenfällig beobachten könne.

Man hat das Beispiel der Muskelkörperchen ein wenig passendes genannt,

weil gerade über die Structur und Entwickelung der Muskelsubstanz

Controversen herrschen, und hat aus der Form dessen, was ich

(l. c. p. 2) über die Entwickelung der Muskelfaser gesagt habe,

schliessen wollen, ich stütze mich mehr auf fremde als auf eigene

Beobachtungen[1]. Ersterer Einwand erledigt sich dadurch, dass ich

beweisen konnte, wie gerade diese Controversen durch die von mir

vorgeschlagenen Neuerungen sich bedeutend vereinfachen, und letzterem

fehlt jede Berechtigung. Meine Angaben über die Entwickelung der

Muskelfasern sind kurz und daher mehr schematisch gehalten, aber

dass sie sich auf eigene Beobachtungen stützen liegt in dem Eingange

zur Mittheilung derselben ausgedrückt, in welchem ich sage: »Für die

Muskeln wollen wir die zuerst von _Remak_ mit Nachdruck vertheidigte

+bei Froschlarven leicht zu bestätigende+ Ansicht etc. zu Grunde

legen.« Uebrigens bemerke ich hier, dass die Mittheilungen von _F.

E. Schulze_[2] über die Genese der Muskelfasern bei Frosch- und

Salamanderlarven, welche sich auf unter meinen Augen ausgeführte

Beobachtungsreihen gründen, den Hergang bei der Entstehung der

contractilen Substanz aus dem Protoplasma der embryonalen Muskelzelle,

wie ich ihn kurz beschrieben habe, ausführlich schildern, und diese

würden also zu widerlegen sein, wenn Jemand eine von der meinigen

abweichende Ansicht über die Entwickelung der Muskelfasern vorzubringen

hätte.

Niemand, dem die Ausbildung der allgemeinen Gewebelehre am Herzen

liegt, wird läugnen wollen, dass das erste Erforderniss zu

Fortschritten auf diesem Gebiete eine genauere Kenntniss der einzelnen

Bestandtheile der +Zellen+ und ihrer Theilnahme an der Entwickelung

der Gewebe sei. Das Bedürfniss nach solchen Fortschritten wird zwar

auch da empfunden, wo man die Zellentheorie noch nicht verstanden

hat, und solcher Art ist das Werkchen von _Beale_[3], welches die

Aufmerksamkeit, die es in vieler Beziehung verdient, deswegen nicht

finden wird, weil es ausserhalb der Zellentheorie steht. _Beale’s_

»germinal matter« ist zwar wesentlich das, was wir Protoplasma nennen,

freilich den Kern mit inbegriffen, und die »formed matter«, das

Geformte und Formgebende an den Geweben, ist in eine im Wesentlichen

gewiss richtige Abhängigkeit von dem Protoplasma gebracht. Aber von

+Zellen+ als Elementartheilen oder Elementarorganismen, von +Kernen+,

welche vom Protoplasma verschieden und ihm doch so nothwendig sind, ist

nicht die Rede. Die grosse und unveräusserliche Entdeckung der Zelle

ist dem Verfasser nur von historischem Interesse.

Dass es von den einzelnen Bestandtheilen der Zellen aus vielen

Gründen vornehmlich das +Protoplasma+ sei, als die veränderlichste,

beweglichste, an allen Lebenserscheinungen der Zelle einen

unzweifelhaft sehr lebhaften Antheil nehmende Substanz, auf welche

wir unsere Aufmerksamkeit zu richten haben, wird ernstlich nicht

bestritten werden können. Die Botaniker sind nach _H. v. Mohl’s_

denkwürdigen Arbeiten längst zu der Ueberzeugung gekommen, dass von

dem Protoplasma nicht nur die Bildung der Zellmembran, sondern auch

die inneren Veränderungen, der Stoffwechsel der Zelle in erster

Linie abhängen. Die merkwürdigen Bewegungserscheinungen, welche das

Protoplasma vieler Pflanzenzellen darbietet, geben sodann einen

sichtbaren Ausdruck von dem hohen Grade der Lebensthätigkeit, welche

in dieser Substanz herrscht. Wenn ich das Protoplasma bei Beurtheilung

des +Zellenlebens+ so hoch stelle, dass mir die Bedeutung der Membran

daneben verschwindend klein vorkommt, so kann darin selbstverständlich

nicht die Meinung gefunden werden, die Membran habe überhaupt

keine Bedeutung. Sie liegt nur auf einer anderen Seite als die des

Protoplasma. Die Membran ist vor allen Dingen für die +Gewebebildung+

absolut nothwendig, sobald es sich um die Erreichung einer höheren

Differenzirung und einer grösseren Festigkeit des Gewebes handelt, die

das Protoplasma für sich allein nie geben kann. So können unter den

Pflanzen die Schleimpilze und auch diese nur während einer gewissen

Lebensperiode der vom Protoplasma differenten Zellmembran entbehren.

Jede grössere Festigkeit und höhere Differenzirung des pflanzlichen

Organismus bedingt dagegen an wenigstens den bei weitem meisten

Zellen die Membranbildung. Das Protoplasma hat im Grossen und Ganzen

im lebendigen Zustande überall, wie es scheint eine sehr geringe,

zur Bildung festerer Gewebe nicht ausreichende Dichtigkeit. Durch

Ablagerung fremdartiger Stoffe in sich, wie Amylon, Kleber etc. kann

es allerdings im Ganzen eine grössere Festigkeit annehmen. Auch kann

nicht geläugnet werden, dass die relative Menge des Protoplasma auf die

Consistenz der Pflanzentheile im Allgemeinen einen Einfluss ausübe.

Aber alle auffallenderen Unterschiede in der Dichtigkeit und Festigkeit

gegebener Pflanzentheile gründen sich vornehmlich auf Verschiedenheiten

der +Zellmembranen+. Dass lebende und todte Pflanzentheile eine

verschiedene Consistenz besitzen, kann keinen Gegengrund gegen Obiges

abgeben, denn die Durchfeuchtung der Zellmembran, welche im lebenden

und im todten Pflanzentheile verschieden ausfällt, kann Unterschiede

bedingen.

So ist es meiner Ueberzeugung nach auch in thierischen Geweben. Die

Membran wird nöthig, sobald es sich um Gewebebildung handelt, aber

die Zelle als solche kann auch ohne eine vom Protoplasma verschiedene

Membran bestehen. Wie die Schleimpilze unter den Pflanzen, so sind

manche Protozoen unter den Thieren von so einfacher Organisation, von

so geringer Festigkeit, dass das Protoplasma allein zu ihrer Bildung

genügt. Gehen wir aber über diese einfachsten thierischen Organismen

hinaus, so ist die Zellmembran ebenso nothwendig wie bei den Pflanzen,

sobald es sich um höhere Differenzirung und festere Gewebe handelt. Da

aber im thierischen Körper manche Gewebe eine viel grössere Consistenz,

als das Protoplasma an sich zu geben vermag, auch im erwachsenen

Zustande nicht besitzen, so wird der Fall, dass membranlose Zellen

vorkommen bei Thieren viel häufiger als bei Pflanzen eintreten können.

Ich will damit nur angedeutet haben, dass mir die in die Augen

fallendste Bedeutung der Zellmembran die die Festigkeit des Gewebes

bedingende, die eines Skeletes zu sein scheint, gegenüber der

Bedeutung des Protoplasma als eigentlich lebendiger Substanz der

Zelle. Selbstverständlich kann und wird die Zellmembran nebenbei noch

viele andere wichtige Functionen haben. Die Zellmembran als Form

und Festigkeit gebende Kapsel um das weiche Protoplasma ist aber in

dieser ihrer Bedeutung von der des Protoplasma so verschieden, dass

sie letzterem sogar hinderlich werden kann. Wozu hätten sonst die

dicken Zellmembranen der Pflanzen Porencanäle, die von benachbarten

Zellen stets genau aufeinander stossen, und bis auf die sogenannte

primäre Zellmembran vordringen? In diesem Sinne konnte ich in meinem

oben citirten Aufsatze sagen (l. c. p. 21): »dass man sogar die

Behauptung vertheidigen könnte, die Bildung einer chemisch differenten

Membran auf der Oberfläche des Protoplasma sei ein Zeichen beginnenden

+Rückschrittes+, die Zellmembran gehöre so wenig zum Begriff einer

Zelle, dass sie sogar als Zeichen herannahender Decrepidität oder

doch wenigstens eines Stadiums zu betrachten sei, auf welchem die

Zelle in den ihr ursprünglich zukommenden Lebensthätigkeiten bereits

eine bedeutende Einschränkung erlitten habe«. Die Form dieses

Satzes, welchen ich unverkennbar als einen hinstelle, dessen Inhalt

nicht absolut nothwendig aus dem Voranstehenden folgt, sondern nur

etwa wie aus Laune +vertheidigt werden könnte+, hätte meine Gegner

abhalten sollen, ihn gerade als die Spitze meiner Reformbestrebungen

hinzustellen und gegen ihn die ganze Kraft der herrschenden Ansichten

aufzubieten.

Doch ich habe mich noch über andere Dinge zu beklagen. Meine

Behauptung, dass eine Membran zum Begriff der Zelle nicht nothwendig

gehöre, bezieht sich auf eine, wie ich immer wiederholt habe, +vom

Protoplasma chemisch differente+, oder wie ich mich auch kürzer

ausdrücke, +vom Protoplasma differente Membran+, d. h. also auf eine

vom Protoplasma verschiedene, folglich von ihm abhebbare Haut, welche

übrig bleiben muss, wenn das Protoplasma entfernt wird, welche faltbar

oder starr wenn auch noch so dünn immer etwas Selbstständiges neben dem

Protoplasma darstellt. Eine solche läugne ich an der Oberfläche der

Furchungszellen, läugne ich auf der Oberfläche der Hydra-Zellen, der

Amoeben und Myxomyceten etc. _Schleiden_ und _Schwann_ hielten eine

solche zum Begriffe der Zelle für nöthig, ich behaupte, und bin nicht

der erste, der es behauptet, dass die Annahme einer solchen Membran

in vielen Fällen ganz willkürlich geschehen, dass ihre Anwesenheit

an vielen Zellen sich nicht nachweisen lasse, und dass sie uns also

fernerhin nicht als nothwendiges Attribut der Zelle erscheinen könne,

eine Ansicht, welcher _Brücke_[4] später vollkommen beigetreten ist

und die von ihm in manchen Stücken noch erweitert wurde. _Reichert_

tritt mit grosser Entschiedenheit dieser Annahme gegenüber[5]. Aber

schon bei dem ersten Beispiele, den Furchungszellen, denen ich eine

vom Protoplasma chemisch differente Membran abspreche, schiebt er

mir den Ausdruck +Grenzschicht+ oder +Lamelle+ statt Membran unter,

den ich nie gebraucht habe, und sagt dann bezüglich meiner Worte vom

+Protoplasma, chemisch different+, »+den Sinn dieses Ausdruckes habe

ich nicht verstanden+« (l. c. p. 97). Man begreift worauf das hinaus

will. Der berühmte Zellentheoretiker weiss nicht, oder will nicht

wissen, was eine vom Protoplasma chemisch differente Membran sei, um

nicht den nach seinem ganzen Auftreten gegen mich erwarteten Beweis

der Anwesenheit einer solchen Membran bei den fraglichen Zellen führen

zu müssen. Ja selbst das Wort +Membran+ schwindet unter der Hand und

wird in Grenzschicht verwandelt, um mit dem Anschein als wenn ich die

einfachsten Dinge übersehen hätte, die Existenz von etwas zu beweisen,

was ich nie geläugnet habe. Und wenn _Reichert_ (l. c. p. 100) in

Verfolg seiner irrthümlichen Annahme, dass ich hyaline Grenzschichten

auf der Oberfläche des körnigen Protoplasma läugne, sagt: »Als einen

Irrthum muss ich es ferner bezeichnen, wenn _M. Schultze_ die +Amoeben+

und +Myxomyceten+ als Organismen bezeichnet, welche nur aus einem

körnerhaltigen, schleimhaltigen, organischen Stoff bestehen. Dem

Verfasser ist es wohl bekannt, dass _Lieberkühn_ an den Amoeben eine

festere hyaline Grenzschicht neben dem körnerhaltigen, mehr flüssigen

Inhalte des Leibes dargestellt hat, und ich muss hinzufügen, dass

ich selbst bei Herrn _Cienkowsky_ eine von dem eingeschrumpften (?)

körnerreichen Inhalte deutlich abstehende Grenzschicht auch bei den

Myxomyceten gesehen habe«, so habe ich dem einfach gegenüberzustellen,

was ich über diese Organismen in dem von _Reichert_ seiner Polemik

zu Grunde gelegten Aufsatze sage (Ueber Muskelkörperchen etc. p.

15, der einzigen Stelle wo ich über Myxomyceten spreche): »Auch

die beiden Bestandtheile, hyaline Grundsubstanz und eingebettete

Körnchen, unterscheidet man leicht, da +wie bei vielen Zellen die

hyaline Grundsubstanz eine oft ansehnlich breite+ =Rindenschicht=

+bildet+.« Und von den Amoeben pag. 18: »Manche Species zeichnen sich

durch ein weicheres, zerfliesslicheres Protoplasma vor anderen aus.

Wie es lebhafte Amoeben (A. diffluens) und träge, äusserst langsam

kriechende giebt, bei ersteren die +Rindensubstanz+ feinkörnig und sehr

vergänglich, bei letzteren +ganz hyalin und gegen Säuren und Alcalien

verhältnissmässig resistent+ ist, so giebt es auch bei den grösseren

Rhizopoden Verschiedenheiten der Art im beweglichen Protoplasma.«

Meine Beobachtungen über die Verschiedenheiten im Aussehen und der

Dichtigkeit des Protoplasma an verschiedenen Zellen und an einer

und derselben Zelle, sowie über den Gegensatz von Protoplasma und

Zellflüssigkeit, haben mich bezüglich der thierischen Gewebe zu

einer Ansicht geführt, welche im Wesentlichen ganz mit derjenigen

übereinstimmt, welche im Anschluss an _v. Mohl’s_ bahnbrechende

Arbeiten _Pringsheim_ bereits vor Jahren[6] über das Protoplasma

der Pflanzenzellen ausgesprochen hat. Im Gegensatze zu der damals

herrschenden Primordialschlauchtheorie machte jener ausgezeichnete

Beobachter geltend, dass Alles, was nach innen von der Zellstoffhaut

einer lebendigen Pflanzenzelle liegt, zwar eine sehr complicirte

Anordnung und auch eine Schichtung zeigen könne, dennoch aber

wesentlich aus nichts anderem bestände, als aus Protoplasma und

Zellflüssigkeit. In den meisten nicht gar zu kleinen Pflanzenzellen ist

das Protoplasma von einer Zellflüssigkeit (Intracellularflüssigkeit

_Brücke_) so geschieden, dass ersteres in einer hautartig

zusammenhängenden, oder netzförmig durchbrochenen Schicht der

Innenseite der Cellulosewand anliegt, dabei Chlorophyll- und andere

Körner auch den Zellkern in sich einschliesst, während die geformte

Bestandtheile nicht enthaltende Zellflüssigkeit den inneren Raum der

Zelle einnimmt. In einzelnen Fällen durchsetzen diesen inneren Raum

freie Protoplasmabalken, welche, wenn zahlreich, ein complicirtes

Netzwerk bilden und alle geformten Substanzen, welche überhaupt

im Protoplasma vorkommen, folglich auch den Zellkern, enthalten

können. Statt der freien Balken können auch leisten- oder riffartige

Vorsprünge des Protoplasma in die Zellflüssigkeit vorhanden sein. In

der Wandschicht des Protoplasma tritt öfter eine deutliche Schichtung

hervor, indem sich eine äussere +hyaline+, körnchenfreie +Rinde+ von

einer zweiten, körnchenhaltigen, an die Zellflüssigkeit grenzenden

Lage scheidet. _Pringsheim_ bezeichnet beide als +Hautschicht+ und

+Körnerschicht+ des Protoplasma. Auch in letzterer, wenn sie dick ist,

können wieder Verschiedenheiten nach Ansehn und Inhalt beobachtet

werden (l. c. p. 8), indem die Chlorophyllkörner in solchem Falle

allein der Hautschicht anliegen, die der Zellflüssigkeit angrenzende

Partie des Protoplasma dagegen nur +farblose+ körnige Bildungen

einschliesst. Die Hautschicht des Protoplasma befindet sich nach

_Pringsheim_ in vielen Fällen im Zustande langsamer Verdichtung, und

wird endlich in allmählichem Uebergange zu einer vom Protoplasma

chemisch differenten Haut. Diese Hautschicht, bevor sie Cellulosehaut

wird, oder in anderen Fällen die ganze Wandschicht des Protoplasma,

ist es, welche von _H. v. Mohl_ +Primordialschlauch+ genannt und von

ihm und vielen Anderen als eine besondere Membran der Zelle angesehen

wurde. Sie ist, wie _Pringsheim_ nachweist, entweder Protoplasma,

dann kann sie natürlich nicht Membran der Zelle sein, oder sie ist

Cellulosehaut, dann gehört sie den Verdickungsschichten der bereits

vorhandenen Zellmembran an und kann wiederum von dieser nicht als etwas

besonderes getrennt werden. So kommt _Pringsheim_ zu der Annahme, dass

der von _H. v. Mohl_ unterschiedene Primordialschlauch nicht als eine

zweite, von der Zellstoffhaut verschiedene Hülle der Pflanzenzelle

existire, und ich habe bereits in meinem Aufsatze über Muskelkörperchen

etc. p. 11 darauf hingewiesen, dass nach dem gegenwärtigen Zustande

der Lehre von der Pflanzenzelle die Frage, ob der Primordialschlauch

als +eine von Protoplasma differente Membran+ aufrecht erhalten werden

könne, als zu Gunsten _Pringsheim’s_ entschieden angesehen werden darf.

Wenn es nun bei thierischen Zellen, einmal ihrer verhältnissmässig

geringen Grösse wegen, und sodann weil sie im Durchschnitt reicher

an Protoplasma sind, seltener als bei Pflanzenzellen zu der scharfen

Scheidung einer Wandschicht von Protoplasma und einer Zellflüssigkeit

kommt, so existirt doch, wie an jungen Pflanzenzellen, +bei denen

diese Scheidung ebenfalls noch nicht eingetreten+, ein Unterschied

in der Beschaffenheit des Protoplasma der Art sehr gewöhnlich,

dass eine +Hautschicht+ des Protoplasma, d. i. die bei den Amoeben

erwähnte hyaline, körnchenlose oder körnchenarme +Rinde+ die übrige

körnchenreichere Protoplasmasubstanz überzieht. Ich habe auf diese

hyaline Rinde z. B. bei den embryonalen Muskelzellen hingewiesen und

die Beobachtungen _Remak’s_ über das vermeintliche Abheben einer

Membran unter Wasserzusatz auf diese Rindenschicht zurückgeführt (l. c.

p. 10). Sie ist bei den farblosen Blutkörperchen, wo sie vorzugsweise

Sitz der amoebenartigen Bewegungen ist, bei den Speichelkörperchen,

bei Knorpelzellen und während der embryonalen Entwickelung an fast

allen Zellen zu beobachten. Sie ist unendlich oft für eine Membran

angesehen worden und doch lässt sich kein einziger Beweis beibringen,

dass sie etwas anderes als Protoplasma sei. Man hat sie mit dem

Primordialschlauch verglichen, und das ist das beste was man über sie

ausgesagt hat. Aber wie der Primordialschlauch als eine besondere

Membran der Zelle gefallen ist, wird man sie dadurch nicht als

Zellmembran stempeln. Für mich ist hiernach kein Zweifel darüber übrig,

was an der thierischen Zelle den Bestandtheilen der Pflanzenzelle

entspricht. Ich glaube das auch in meinen früheren Aufsätzen

deutlich genug ausgesprochen zu haben, um mich über den Standpunkt

im höchsten Grade verwundern zu dürfen, den _Reichert_ mir gegenüber

einnimmt. Er will beweisen, dass Zellen, denen ich die Membran

abspreche, eine solche zukomme, indem er auf den Primordialschlauch

zurückgeht, den ich als Rindenschicht des Protoplasma nie geläugnet

habe, von dem aber durch _Pringsheim_ bewiesen ist, dass er eine

vom Protoplasma differente Membran, um die es sich bei mir allein

handelt, nicht darstellt. Und um endlich Alles zu verwirren, wird

auch noch der Ausdruck Protoplasma willkürlich als ein ganz nach

Belieben gebrauchter bezeichnet, dessen Verwendung in der Lehre

von der thierischen Zelle nur Nachtheil bringen könne[7]. Somit

fehlt jeder Boden der Verständigung zwischen uns und verzichte ich

darauf, auf die Einzelheiten weiter einzugehen. Dem Thatsächlichen

gegenüber bemerke ich nur noch, dass ich die drei Hauptsätze in der

Opposition _Reichert’s_, seine Mittheilungen über den Faltenkranz des

sich furchenden Froscheies[8], die Eröffnungen über die sogenannte

Körnchenbewegung an den Pseudopodien der Polythalamien[9] und die

Abweisung der Möglichkeit einer Zusammenstellung des Protoplasma der

Pflanzenzellen mit der Substanz der Pseudopodien der Rhizopoden[10]

als vollkommen unhaltbare kennzeichnen werde. Ueber den erstgenannten

Gegenstand behalte ich mir das Nähere für eine andere Gelegenheit vor,

letztere beiden Punkte finden in Nachstehendem ihre Erledigung.

II.

Das Protoplasma der Rhizopoden.

Wie ich zu wiederholten Malen erprobt habe, ist es nicht schwer,

+Foraminiferen+ lange Zeit in Gläsern lebendig zu erhalten und lebend

weite Strecken zu transportiren. So gelang es mir auch neuerdings eine

grosse Zahl solcher Thiere, welche ich an der Südküste Englands bei

Weymouth gesammelt hatte, nach Bonn zu bringen und hier eine Reihe

von Monaten lebendig zu beobachten. Diese Thiere und eine grosse

Anzahl Exemplare von +Actinophrys Eichhornii+, welches interessante

Thier an einer bestimmten Localität in der Nähe von Bonn in grosser

Quantität fast das ganze Jahr hindurch vorkommt, dienten zu den hier

mitzutheilenden Untersuchungen. Dieselben wurden zunächst unternommen,

um über die Natur der die Pseudopodien bildenden Substanz und die

eigenthümliche Bewegung, welche man an derselben wahrnimmt, die

sogenannte +Körnchenbewegung+, weitere Beobachtungen zu sammeln. Die

Foraminiferen strecken zu einer grösseren oder zu vielen kleineren

Oeffnungen ihrer Schale Fäden einer durchsichtigen körnerreichen

Substanz aus, welche einen hohen Grad von Veränderlichkeit ihrer

Gestalt und Länge besitzen, es sind die sogenannten Pseudopodien.

Dieselben verlaufen divergirend, theilen sich meist unter spitzen

Winkeln, verbinden sich unter einander netzförmig. Sie sind in einer

fortwährenden Bewegung begriffen und diese äussert sich theils in

einer Veränderung der Anordnung, in einer Verlängerung, Verkürzung,

Theilung, Verschmelzung, Brücken- und Netzbildung, theils in einer

+inneren Bewegung+, welche auch denjenigen Fäden nicht abgeht, welche

keine der ebengenannten mehr äusserlichen Veränderungen zeigen, also

sozusagen in Ruhe sind. Diese innere Bewegung ist die sogenannte

+Körnchenbewegung+. Es ist ein Gleiten, ein Fliessen der in die

Fadensubstanz eingebetteten Körnchen. Mit grösserer oder geringerer

Schnelligkeit ziehen sie in dem Faden entweder dem peripherischen Ende

desselben zu, oder in der umgekehrten Richtung, oft sogar selbst an

den dünnsten Fäden in beiden Richtungen zugleich. Körnchen, die sich

begegnen, ziehen entweder einfach aneinander vorbei oder bewegen sich

umeinander, bis nach einer kleinen Pause beide ihre ursprüngliche

Richtung fortsetzen oder eins das andere mit sich nimmt. Wie auf einer

breiten Strasse die Spaziergänger, so wimmeln an einem breiteren Faden

die Körnchen durcheinander, wenn auch manchmal stockend und zitternd,

doch immer eine bestimmte der Längsrichtung des Fadens entsprechende

Richtung verfolgend. Oft stehen sie mitten in ihrem Laufe still und

kehren dann um, die meisten jedoch gelangen bis zum äussersten Ende

der Fäden und wechseln hier erst ihre Richtung. Nicht alle Körnchen

eines Fadens bewegen sich mit gleicher Schnelligkeit, so dass oft

eins das andere überholt, ein schnelleres das langsamere zu grösserer

Eile treibt oder an dem langsameren in seiner Bewegung stockt. Wo

mehrere Fäden zusammenstossen, sieht man die Körnchen von einem auf

den anderen übergehen. An solchen Stellen befinden sich oft breitere

Platten, welche aus einer stärkeren Anhäufung der Fadensubstanz

hervorgegangen sind, und aus welchen dann wie selbstständige Fortsätze

weitere Fäden sich entwickeln, oder in welche bereits bestehende

wie eingeschmolzen werden. Viele Körnchen laufen offenbar ganz an

der äussersten Oberfläche der Fäden, über welche man sie deutlich

hervorragen sieht. Vielleicht haben alle diese oberflächliche Lage.

Ausser den kleinen Körnchen sieht man oft grössere Substanzklümpchen

wie spindelförmige Anschwellungen oder seitliche Auftreibungen eines

Fadens in ähnlicher Bewegung wie die Körnchen. Selbst fremde Körper,

welche der Fadensubstanz anhaften und in sie aufgenommen worden,

schliessen sich dieser Bewegung an. Das sind die Haupterscheinungen

der Körnchenbewegung, wie sie von mir[11] und in Uebereinstimmung mit

meiner Beschreibung von _Joh. Müller_[12] und _E. Haeckel_[13] theils

an Polythalamien, theils an anderen Rhizopoden geschildert worden ist.

Dass die merkwürdige, das Auge stets neu fesselnde, ganz

einzig dastehende Körnchenbewegung mit der +Contractilität+

der Pseudopodiensubstanz, wie sie sich in den eigentlichen

Zusammenziehungen äussert, in Verbindung zu bringen sei, daran sind

nie Zweifel ausgesprochen worden, haben wir doch zur Bezeichnung des

inneren Grundes selbstständiger thierischer Bewegungen keinen anderen

Ausdruck als den der Contractilität. Aber was die Körnchenbewegung

mit den Contractionserscheinungen an anderen contractilen Theilen,

am Muskelgewebe gemein habe, darüber hatte bisher Niemand auch nur

Vermuthungen geäussert. Ich habe die Bewegung der Körnchen ein Fliessen

genannt, und da die Körnchen offenbar sich nicht activ bewegen, sondern

nur den Bewegungen der Grundsubstanz folgen, so musste diese natürlich

auch als in fliessender Bewegung begriffen bezeichnet werden. Damit ein

Faden sich verlängern könne, müssen ganze Massen von Substanz ihren Ort

wechseln, was man oft an fortschreitenden grösseren Substanzklümpchen

beobachtet. Nimmt man diesen Ortswechsel an grösseren Massen der

Pseudopodiensubstanz wahr, so liegt offenbar kein Grund vor, die

Möglichkeit eines solchen Ortswechsels für kleinere Abtheilungen der

Substanz zu läugnen. Somit erschien es am natürlichsten, auch die

Körnchenbewegung auf ein Gleiten kleiner Partikelchen der Grundsubstanz

mit eingebetteten Körnchen zurückzuführen, wie man dasselbe für etwas

grössere Substanzmassen direct beobachten kann. So erklärt sich der

Ausdruck +fliessende+ Bewegung der Grundsubstanz, welcher zugleich

eine Hindeutung auf die eigenthümliche Consistenz der contractilen

Pseudopodiensubstanz enthält, welche in Betracht der merkwürdigen

Innenveränderungen, welche an ihr zur Beobachtung kommen, an die einer

Flüssigkeit erinnert.

Bei der Isolirtheit, in welcher unter allen Bewegungserscheinungen

im Thierreiche die Körnchenbewegung der Pseudopodien stand, musste

es das höchste Interesse erregen, als ein Analogon der räthselhaften

Pseudopodiensubstanz an ganz anderer Stelle der organischen Natur

aufgefunden wurde, als man eine Identität in den Bewegungserscheinungen

der +Polythalamienfäden+ und der +im Hohlraum einer Pflanzenzelle

ausgespannten Protoplasmafäden+ erkannte. _Unger_[14] gebührt das

Verdienst, der Wissenschaft zu diesem Fortschritt verholfen zu haben.

Freilich ohne die Pseudopodien der Polythalamien aus eigener Anschauung

zu kennen, nur gestützt auf die von mir gegebenen Beschreibungen

und Abbildungen erkannte er, was sich glänzend bewahrheitet hat,

die bis zur Uebereinstimmung gesteigerte Aehnlichkeit in dem Ansehn

und den Bewegungen der Rhizopodenfortsätze und der sogenannten

+Protoplasmaströme in vielen Pflanzenzellen+. Nach ausführlichen

Betrachtungen über die Art der Bewegung bei letzteren kommt er zu dem

Schluss (p. 280): »Die nächste Ursache der Saftbewegung in den Zellen

kann weder in der Diasmose noch in der Einwirkung des Kernbläschens

auf den Zellinhalt, noch in irgend einer mechanischen Einrichtung, wie

z. B. in Flimmerorganen u. s. w. gesucht werden, sondern sie liegt

vielmehr in der Beschaffenheit des sich bewegenden Protoplasma, welches

als ein vorzugsweise stickstoffhaltiger Körper nach Art jener einfachen

contractilen thierischen Substanz, welche man Sarcode nennt, in der

Form einer rhythmisch fortschreitenden Contraction und Expansion in die

Erscheinung tritt.« Und weiter (p. 282): »Alles diess deutet darauf

hin, dass das Protoplasma nicht als eine Flüssigkeit, sondern als eine

halbflüssige +contractile+ Substanz angesehen werden müsse, die der

thierischen Sarcode zunächst vergleichbar ist, wo nicht gar identisch

mit dieser zusammenfällt.« »Vergleicht man die Sarcodesubstanz niederer

Thiere, namentlich der Rhizopoden, mit dem Protoplasma, wie es sich

in den Pflanzenzellen in der Regel darstellt, so wird man durch die

Uebereinstimmung beider in Form, Beschaffenheit und Wirksamkeit in der

That sehr überrascht.« Es folgt jetzt eine umständliche Vergleichung

der von mir gegebenen Beschreibung der Bewegungen von +Amoeba

porrecta+ mit den Erscheinungen der Protoplasmabewegungen in den jungen

Samenlappen der Wallnuss, nach welcher _Unger_ erklärt, dass erstere

auch in allen Stücken auf das pflanzliche Object passe.

Durch diese Angaben war die eigenthümliche Bewegungsform der

Pseudopodien der Polythalamien aus ihrer Isolirtheit herausgetreten

und für ihre Betrachtung ein neues Feld eröffnet. Zunächst

musste eine weitere Feststellung des Thatbestandes in so fern

wünschenswerth erscheinen, als _Unger_ aus eigener Anschauung nur

das pflanzliche Object kannte. So widmete ich mich, nachdem mir die

Angaben _Unger’s_ bekannt geworden, einem ausführlichen Studium der

Bewegungserscheinungen des Protoplasma der Pflanzenzellen, deren ich

bis dahin nur die der Nitellen beobachtet hatte, welche mir, wie aus

der eigenthümlichen Art der hier vorkommenden Bewegungen natürlich

erscheint, keinen Anknüpfungspunkt zu einer Vergleichung derselben mit

der Sarkode der Rhizopoden gegeben hatte. Ein viel günstigeres Object

sind die Staubfadenhaare der Tradescantien. Die Beobachtung derselben

bestärkte in mir immer fester die Ueberzeugung, dass in der That die

vollkommenste Uebereinstimmung in der Bewegungsform der scheinbar so

himmelweit verschiedenen Substanzen herrsche. Als ich auf Helgoland

Gelegenheit fand, Protoplasmabewegungen in Diatomeen mit Pseudopodien

von Rhizopoden direct zu vergleichen, theilte ich meine Erfahrungen,

auch die Beobachtungen, welche ich an Tradescantia angestellt hatte,

ausführlich mit[15].

Doch enthielt ich mich damals noch aller die Natur der Sarkode

der Rhizopoden betreffenden Schlüsse, zu denen die vorliegenden

Beobachtungen hindrängten, indem ich mich darauf beschränkte die

Tragweite der letzteren mit folgenden Worten anzudeuten (l. c. p. 337):

»Die geschilderten Bewegungen des Protoplasma der Pflanzenzellen können

nach meiner Meinung nicht unberücksichtigt bleiben, wenn es sich um

eine Deutung der räthselhaften Lebenserscheinungen der Sarkodefäden

bei den Rhizopoden handelt, und empfehle ich das vergleichende Studium

der ersteren namentlich Denen, welche eine Zusammensetzung z. B. der

Polythalamienfäden aus kleinen Zellen für möglich und wahrscheinlich

halten. Bei Tradescantia verlaufen, wie es scheint, dieselben

Erscheinungen, welche dort auf thierisches Leben bezogen werden

müssen, an unzweifelhaftem Zelleninhalt.«

Wenn ich damals anstand die Pseudopodiensubstanz dem Protoplasma

der Zellen gleichwerthig zu erklären, so lag das an der sehr

gerechtfertigten Besorgniss durch einen solchen Ausspruch von dem Worte

Protoplasma an einem Orte Gebrauch zu machen, wo nach den herrschenden

Ideen über die nothwendigen Bestandtheile einer Zelle von Zellen, also

auch von Protoplasma, nicht die Rede sein konnte. Es war ein ähnlicher

Fall, wie wir ihn mit den Muskelkörperchen erlebt haben. Die Schranken

der dominirenden Zellentheorie liessen es nicht zu, die schwebende

Frage in dem Sinne zu lösen, zu welchem die Natur offenbar hindrängte.

Es musste sich also zunächst die Frage aufwerfen, ob die Theorie nicht

einer Erweiterung fähig sei, welche den natürlichen Verhältnissen mehr

Rechnung trage ohne doch das einmal als richtig und wichtig Erkannte

zu zerstören. Diese Angelegenheit brachte ich in den unten genannten

beiden Aufsätzen zur Sprache. Ich suchte nachzuweisen, dass zum Begriff

der Zelle die Membran nicht nothwendig gehöre, dass vielmehr eine

gewisse Menge einer Substanz mit den Eigenschaften des Protoplasma

wie _H. v. Mohl_, _Pringsheim_ u. A. es bei den Pflanzenzellen kennen

gelehrt haben, nebst einem Kern als Zellenkern in diesem Protoplasma

dasjenige repräsentire, was als Wesen der lebendigen Zelle angesehen

werde. Es konnte mir selbstverständlich nicht in den Sinn kommen, die

Membran, wo sie sicher nachzuweisen ist, zu läugnen, und ihre hohe

Wichtigkeit als formgebend und die Festigkeit der Gewebe bedingend

zu bestreiten, es handelte sich nur darum, ob das Protoplasma eine

solche Selbstständigkeit besitzen könne, dass es auch ohne äussere, von

ihm verschiedene Membran existiren, leben, und mit seinem Kerne das

darstellen könne, was wir als das Wesen einer Zelle vom physiologischen

Standpunkte aus betrachten. Wenn nun, wie ich Grund fand anzunehmen,

zum Begriff der Zelle, also auch des Protoplasma, die Membran nicht

gehöre, man also von nacktem Protoplasma sprechen konnte, so war das

Hinderniss überwunden, die Rhizopodenpseudopodien, welche eine von der

contractilen Substanz differente Membran nicht besitzen, als Theile

einer Zelle, als Protoplasma anzusehen, mit welcher Substanz, wie sie

uns in gewissen Pflanzenzellen entgegentritt, sie einen so hohen Grad

der Uebereinstimmung zeigen. Ich schlug endlich vor das missliebige,

weil in einer gewissen Opposition zur Zellentheorie stehende, Wort

+Sarkode+ ganz zu verbannen und mit dem Worte +Protoplasma+ zu

vertauschen, »+in welchem der Triumph der Zellentheorie auch über diese

niedersten organischen Gebilde ausgedrückt liegt+[16].«

_Ernst Haeckel_ hat sich in seiner auf den umfassendsten Untersuchungen

beruhenden ausgezeichneten Monographie der Radiolarien meinen Ansichten

über das Wesen der sogenannten Sarkode vollkommen angeschlossen, und

hat dieselben durch neue Beispiele wesentlich gestützt.

Ein heftiger Gegner ist ihr in _Reichert_ erwachsen[17]. Obgleich

derselbe früher gegen die Sarkodetheorie _Dujardin’s_ gerade aus dem

Grunde ankämpfte[18], weil sie »das wichtige und so durchgreifende

Naturgesetz, demzufolge die Geschöpfe der organischen Natur durch

Vermittelung der Zelle gezeugt, entwickelt, gebildet werden, für eine

Abtheilung und zwar thierischer Geschöpfe eliminirt«, so scheint

ihm die neue Wendung, nach welcher die Zellentheorie einen Triumph

auch über die niedersten thierischen Organismen feiert, nicht

weniger verderblich. _Reichert_ sieht jetzt in der Verherrlichung

des +Protoplasma+ die alte Lehre vom lebenskräftigen Urschleim neu

auferstanden, und bekämpft die »Hypothese des unsichtbar organisirten

Zelleninhaltes« (Archiv etc. 1862, p. 640), wie wenn er der

ausgesprochenste Gegner der Zellentheorie wäre. Wenn sich _Reichert_

das »Unbegreifliche« erst »verständlich« machen muss, »wie man auf

den Gedanken gerieth, die +Saftströmungen in den Zellen+ mit den

+Contractionsströmungen an den Pseudopodien+ zu identificiren« (l. c.

p. 646), so geht daraus zwar hervor, dass seine Opposition mehr auf

theoretischen Bedenken als auf Beobachtungen beruht. Denn unbegreiflich

und unverständlich muss es genannt werden, wenn Jemand, der die

Polythalamien im Leben beobachtet hat, über die frappante Aehnlichkeit

der Bewegung des Protoplasma in den Tradescantia-Zellen mit obigen

Worten urtheilt. Dennoch müssen wir etwas ausführlicher auf eine Seite

seiner Opposition eingehen, die nämlich, welche sich auf meine und der

anderen bisherigen Beobachter Angaben über die +Körnchenbewegung+ und

das +»angebliche Zusammenfliessen« der Scheinfüsse der Polythalamien+

bezieht, sowohl um des Gegenstandes selbst willen, als in so fern

daraus Angriffe gegen die Protoplasmatheorie überhaupt abgeleitet

werden[19].

Nach _Reichert_ giebt es in der Substanz der Pseudopodien der

Polythalamien gar keine Körnchen, folglich auch keine Körnchenbewegung.

Letztere ist eine optische Täuschung, dadurch entstanden, dass man

+Wellen der Oberfläche+ der Fäden für +Körnchen+ in der Substanz

gehalten hat. »Das Thier (l. c. p. 647), an welchem ich die

Körnchenbewegung zum ersten Male beobachtete, liess dieselbe nur an

einzelnen Fäden wahrnehmen, und es gab zugleich Momente, in welchen

die sichtbaren, ausgestreckten Pseudopodien sich völlig ruhig

verhielten. Die Körnchenbewegung gab sich ferner so zu erkennen, wie

es _Max Schultze_ und _Joh. Müller_ beschrieben haben, als ein +an

der Oberfläche+ des Fadens sich hin- oder zurückbewegendes Korn oder

Körnchen. Ich muss jedoch hinzufügen, dass die Bewegung des Korns

nicht gleichmässig war, sondern dass das Korn über die Oberfläche

fortzu+hüpfen+ schien, oder doch wenigstens eine +zitternde+ Bewegung

verrieth. Es war mir aber sehr auffällig, dass ungeachtet zahlreicher

angeblicher Körnchen-Zuströme, und obgleich man an den Enden der Fäden

häufig genug das stillstehende Korn nicht zurückkehren sieht, -- im

ganzen Gesichtsfelde, weder in der umgebenden Flüssigkeit, noch an und

in der Substanz der Strahlen selbst, irgend ein sichtbares ruhendes

Kügelchen sich wahrnehmen liess. Und doch sollte die aus dem Körper

den Strahlen zuströmende Sarkode-Substanz Kügelchen enthalten, und die

grösseren Kügelchen nicht allein das Hervortreten der fortströmenden

Masse +über+ das Niveau des Fadens bewirken, sondern überhaupt den

optischen Ausdruck der Körnchenbewegung bedingen. Leibessubstanz mit

Kügelchen konnte also den Strahlen nicht zugeflossen sein; -- das

Trugbild lag offen zu Tage.«

_Reichert_ ist schnell fertig wie man sieht. Und warum ist die

Körnchenbewegung ein +Trugbild+? Weil _Reichert_ +weder in der

umgebenden Flüssigkeit+ (sic) +noch an und in der Substanz der

Strahlen+ selbst irgend ein sichtbares +ruhendes+ Korn wahrgenommen hat!

Schon in der folgenden Zeile ist nur noch von +scheinbaren+ Körnern

die Rede, über deren Natur und Entstehung es weiter heisst: »An

irgend einer beliebigen Stelle des hyalinen ausgestreckten Fadens

zeigt sich plötzlich eine scheinbare Verdickung von spindelförmiger

Begrenzung, etwas gelblicher Färbung und dunkler Contour; die Spitzen

der Spindel verlieren sich ganz unmerklich in die unverändert

gebliebenen angrenzenden Theile des Fadens. Bald darauf erscheint es

als ob die Spindel kürzer, in ihrer Mitte aber dicker, dunkler werde

und mit derselben aus dem Niveau des Fadens mehr hervortrete; endlich

entschwinden die Enden der scheinbar spindelförmigen Verdickung dem

Blicke, und die erhobene mittlere Partie hüpft unter dem Bilde eines

Kornes auf der Oberfläche des Fadens hin. Ganz auf dieselbe Weise,

jedoch in umgekehrter Ordnung, verschwindet das Körnchen beim Aufhören

der Bewegung.« »Wer das allmähliche Entstehen und Aufhören der

Körnchenbewegung verfolgt hat, wird die Vorstellung von einer wirklich

fliessenden Substanz in den Pseudopodien sicherlich fallen lassen.« Es

bleibt nur noch die Annahme der auf der Oberfläche fortschreitenden

Contractionswelle übrig, und fragt es sich nur, was diese Welle für

eine Form haben müsse, um ein scharf contourirtes Körnchen, wie man

factisch deren sieht, vorspiegeln zu können. Hier kommt _Reichert_ zu

dem Resultat, dass diese Form nur die einer »am Faden fortziehenden

Schlinge« sein könne (p. 650). »Die sich erhebende Schlinge wird zuerst

als eine langgezogene, in ihrer Mitte sich verdickende, aus dem Niveau

des Fadens heraustretende Anschwellung gesehen. Die erhobene Schlinge

selbst ferner giebt sich in Folge der Lichtbrechungsverhältnisse der

Scheitelkrümmung gerade so, wie sehr häufig bei den Querfältchen der

glatten Muskelfasern als ein auf dem Faden aufliegendes Korn oder

rundliches, oder ovales Körperchen zu erkennen. Ebenso leuchtet es

ein, dass die in Fortbewegung begriffene Schlinge als ein auf der

Oberfläche des Fadens fortziehendes Körnchen erscheinen müsse, und dass

sie endlich das mikroskopische Bild eines hüpfenden Kornes gewähren

werde, da vorausgesetzt werden darf, dass die Schlinge bei ihrer

continuirlichen Neu- und Rückbildung nicht immer die gleiche Höhe

beibehalte, -- was sich eben als ein Schwanken der Scheitelkrümmung der

Schlinge oder des scheinbaren Korns zu erkennen giebt. Es ist mir nicht

gelungen, eine der Schlinge entsprechende Zeichnung im mikroskopischen

Bilde wahrzunehmen, ich glaube aber nicht, dass hierauf unter den

obwaltenden Umständen irgend ein Gewicht gelegt werden darf.«

Man könnte zunächst mit _Reichert_ darüber rechten, ob das

von ihm zur Beobachtung benutzte Material ein ausreichendes

gewesen, den übereinstimmenden Angaben der bisherigen Beobachter

der Körnchenbewegung in einer solchen Weise, wie er gethan,

gegenüberzutreten. Laut eigener Angabe (l. c. p. 642) ist es nur

+eine+ Species von Miliola und Rotalia, durch deren Beobachtung

_Reichert_ für ein optisches Trugbild erklären zu können glaubt, was

ich an mehr als 20 verschiedenen Species[20] sah und _Joh. Müller_

nach seinen Untersuchungen an mehreren Polythalamien und nahe an 50

Arten Radiolarien bestätigte. Die +Gromia oviformis+ aber, von der

ich sage, dass keine der anderen Arten sich so gut zum Studium der

histiologischen Details eigene (l. c. p. 18), und auf welche sich

zunächst meine Beschreibung der Körnchenbewegung bezieht (l. c. p. 16

und 17), hat _Reichert_ gar nicht gesehen.

Doch fragen wir, auf welche Gründe hin _Reichert_ die Existenz

von Körnchen und danach auch das »Fliessen« von Körnchen in der

Substanz der Pseudopodien läugnet. Es ist schwer, wenn man die

Bewegungserscheinungen der Pseudopodien beobachtet, zu begreifen, wie

es möglich gewesen, dass _Reichert_ die Körnchen für eine optische

Täuschung erklären konnte. Hätte derselbe Gromia oviformis vor sich

gehabt, er wäre nie auf diese Idee gekommen. Denn hier sind die

Körnchen zum grossen Theile Kügelchen von so starkem Glanze wie

Fetttröpfchen oder ähnliche Gebilde. Schon eine mässige Vergrösserung

(2-300 Mal) genügt hier, die vollkommen kreisförmige Begrenzung der

fraglichen Gebilde und den Unterschied in der Lichtbrechung zwischen

Grundsubstanz und Körnchen deutlich wahrzunehmen. Auch andere

Gromia-ähnliche Rhizopoden verhalten sich ebenso, und mache ich nur auf

die Abbildung der +Lieberkühnia+ bei _Claparède_ und _Lachmann_[21],

von welcher ich eine ganz ähnliche Zeichnung bei _Guido Wagener_

gesehen habe, aufmerksam. Ist es schon in hohem Grade unwahrscheinlich,

dass dieselbe Erscheinung, welche an dem einen Rhizopod von gleitenden

Körnchen herrührt, an einem anderen von ganz verschiedenen Ursachen

bedingt sein soll: so giebt die aufmerksame Beobachtung auch nicht den

geringsten Anhaltspunkt zur Annahme einer solchen Verschiedenheit.

Allerdings sind die der Pseudopodiensubstanz der Milioliden eigenen

Körnchen viel kleiner als die der Gromiden, doch dieser Unterschied

kann durch Anwendung stärkerer Vergrösserungen ausgeglichen werden. Mit

Hülfe solcher ist mir und Anderen, denen ich das Object zeigte, kein

Zweifel übrig geblieben, dass auch die Milioliden massenhaft Körnchen,

d. h. Körperchen von einer anderen Lichtbrechung als ihre Umgebung, in

ihrer Substanz enthalten. Den Beweis dafür entnehme ich aus Folgendem:

Das Protoplasma der Rhizopoden und der Pflanzenzellen ein Beitrag zur Theorie der Zelle · 第 1 / 6 段