Er hatte die Brieftafel in der Hand behalten und machte von Zeit zu Zeit

einige Notizen. Fast zwei Stunden brachten die beiden Herren auf ihrer

Inspektionsreise zu, und als sie ins Haus zurückkehrten, fanden sie den

Landphysikus in der Offizin auf sie wartend und ein Gläschen vom

berühmten Kristeller'schen Magenliqueur vor ihm auf dem Tische.

Mit gewohnter Jovialität begrüßte der Doktor die eintretenden beiden

Herren. Man schüttelte sich bieder die Hände im Kreise und erkundigte

sich gegenseitig auf das Herzlichste nach der Nachtruhe und dem

sonstigen Befinden.

»Was für einen Wochentag schreiben wir denn heute eigentlich?« fragte

der Oberst, seine Brieftasche immer noch in der Hand tragend.

»Das wird Ihnen der Barbier, welcher da eben hinrennt, am besten sagen

können,« lachte der Doktor Hanff, »der Pflug geht den Bauern über die

Wochenstoppeln; es ist Sonnabend --«

»Und morgen besuche ich zum erstenmale seit einem Menschenalter den

deutschen Gottesdienst wieder!« rief der Oberst Dom Agostin Agonista

entzückt. »Übermorgen reise ich ab.«

»August? -- Augustin?« rief erschrocken Herr Philipp Kristeller.

»Herr Oberst?« sprach erstaunt Fräulein Dorette Kristeller.

Aber der Landphysikus, sein Glas energisch zurückschiebend, rief:

»Unter allen Umständen unmöglich, Colonel; der Förster Ulebeule

begegnete mir, er ist mit einer Einladung zum Mittagsessen auf den

Montag unterwegs; für den Dienstag erbitte ich mir die Ehre; am Mittwoch

kommt die Reihe an den Pastor; am Donnerstag -- doch da wollen wir den

übrigen Herren nicht vorgreifen; jedenfalls lassen wir Sie unter keinen

Umständen so rasch fort, Oberst. Wer einen seltenen Vogel wie Sie in den

Händen hat, der hält ihn, so lange es möglich, fest. Geben Sie mir noch

einen >Kristeller<, lieber Kristeller, und nehmen Sie auch einen,

liebster Oberst; Sie scheinen noch gar keine rechte Ahnung davon zu

haben, welche guten und angenehmen Dinge die hiesige Planetenstelle

produziert.«

Dreizehntes Kapitel.

Der Förster, welcher in diesem Augenblick in die Thür trat, vernahm, was

besprochen wurde, und redete sofort mit den Übrigen heftig und dringend

auf den alten, tapferen, südamerikanischen Krieger ein. Dieser aber

wehrte sich stumm nur durch Gesten, zu gleicher Zeit das ihm kredenzte

Spitzglas mit dem Kristeller'schen Magenbitter gegen das Licht haltend

und durchäugelnd.

Jetzt setzte er den Becher an die Lippen -- schlürfte -- hielt ein --

probierte noch einmal mit tieferer Andacht -- goß den Rest mit einer

gewissen wilden Inbrunst die Kehle hinunter -- reichte sofort das Glas

zu neuer Füllung aus der dickbäuchigen grünen Flasche hin und rief:

»Bei meiner Seele, das ist ja wirklich endlich -- endlich einmal ein

G e t r ä n k!«

»Nicht wahr?« fragten der Förster und der Doktor ernsthaft, während der

Apotheker »zum wilden Mann« verschämt-glücklich der Schwester über die

Schulter lächelte.

»Bei den Göttern, das ist ein Getränk, Philipp! Und du bist wahrhaftig

davon der Erfinder? Und du hast das Rezept dazu unter Schloß und Riegel?

-- Und du sitzest hier noch immer in diesem verlorenen Winkel und drehst

dem Doktor da seine Pillen und rührst ihm seine Mixturen zusammen? --

Fräulein Kristeller, ich erbitte mir sogleich nach Tisch ein

Privatgespräch! Meine Herren, dies ändert die Sachlage vielleicht;

lieber Forstmeister, im Laufe des Nachmittags werde ich mir erlauben,

Ihnen Nachricht zu geben, ob ich Ihre Einladung annehmen kann oder

nicht.«

»Bravo!« riefen der Landphysikus und der Förster; der Apotheker sagte:

»Du bleibst also ohne Bedingung, Lieber; und es war auch durchaus nicht

nothwendig, uns einen solchen Schrecken in die Glieder zu jagen. Es war

nicht freundschaftlich und brüderlich, Augustin.«

»Ich bitte noch um einen >Kristeller<,« erwiderte der Oberst. »Philipp,

auf dein Wohl! Ich versichere dich, ich habe dich lieb gehabt; aber

jetzt tritt der Respekt zur Liebe; -- meine Herren, Sie haben diese

dreißig Jahre durch einen großen Mann in Ihrer Mitte gehabt, ohne es zu

wissen. Philipp, dein Schnaps ist wunderbar, was aber meine Abreise

betrifft, so ist Unsereiner stets mit Gewehr über auf dem Marsche, und

man muß eben ein Weib nehmen und ein bürgerlich Geschäft treiben, um das

Stillsitzen zu erlernen. Bei den hohen Göttern, dieses hier ist

vielleicht noch rentabler als Fray Bentos! Kristeller, wir werden drüben

den feurigen siebenten Himmel durch einen Destillierkolben auf die Erde

herunterholen. Fräulein Dorette, wir werden die Sonne und den Blitz auf

Flaschen ziehen und unsere Preise darnach stellen. Kristeller und

Agonista -- Sao Paradiso, -- Provinz Minas Geraes, Kaiserreich

Brasilien! Mit diesem Getränk unter dem Arm kommen wir durch bei allen

Nationen rund um den Erdball. Wir kommen durch, Senhora, und wie gesagt,

nach Tisch erbitte ich mir ein behagliches Plauderviertelstündchen im

Hinterstübchen, Senhora Dorothea.«

Sie lachten alle, nur das Fräulein nicht. Was das Lachen des

erfindungsreichen Hausherrn anbetraf, so machte das einen unbedingt

ratlosen und hilflosen Eindruck. Ein Mensch aber, der ein Leben hinter

sich hatte, wie der Oberst Agonista, durfte in der That die Erde mit

anderen Augen sehen und mit anderen Händen greifen als die

Hausgenossenschaft und die Hausfreunde der Apotheke »zum wilden Mann«,

und konnte auch, ohne dafür zur Rechenschaft gezogen zu werden, von den

anderen ganz naiv verlangen, daß man sich auf seinen Standpunkt stelle.

Der Oberst Dom Agostin Agonista konnte wirklich seinen festen

unerschütterlichen Entschluß darlegen, noch einmal, und zwar nach einem

Menschenalter, das Glück und Schicksal seines Freundes Philipp

Kristeller auf die andere Seite zu drehen, und zwar ohne auf irgend

welche Einwürfe und Gegenvorstellungen zu hören.

Da sich jetzt die Hausflur mit allerlei Kunden füllte, so begleitete der

tapfere alte Soldat allein den Förster und den Doktor auf ihrem Wege ins

Dorf zurück. Er ging zwischen ihnen, jeden unterm Arme haltend, und wer

den Dreien begegnete, stehen blieb und ihnen nachsah, der mußte es

zugeben, daß jeder von den Dreien in seiner Art »gut« war. Dazu aber

hielt sich das Gespräch der Herren am alten Philipp und seinem

»Kristeller«; und selbst auf diesem kurzen Wege erhielt der

brasilianische Gendarmen-Oberst noch einige recht nützliche Notizen über

die Apotheke »zum wilden Mann« und kam, heiter pfeifend und die reine,

frische Herbstluft wohlig einschlürfend zurück -- gerade recht zum

Mittagsessen.

Man speiste; man hielt Siesta, -- der Oberst die seinige diesmal in

seinem Ehrensessel im bilderbunten Hinterstübchen.

Punkt drei Uhr trat er erfrischt wiederum in die Offizin, um noch einen

»Kristeller« zu nehmen. Dann wußte er den Weg in die Küche schon ganz

genau und brauchte keinen Führer auf demselben.

»Fräulein Dorette,« sagte er, »jetzt wäre der günstige Augenblick

vorhanden. Soeben habe ich den guten Philipp auf seine Materialkammer

geleitet, und wir beide, liebes Fräulein, haben hier unten das Reich

allein. Kinder, Kinder, ich freue mich kindlich, so familienfreundlich

mit euch zusammen zu sein! Und wir bleiben eine Familie -- nicht wahr,

wir bleiben e i n e Familie? -- Es ist zu prächtig! Da draußen der

deutsche Herbsthimmel, hier innen die deutsche Ofenwärme und -- das

liebe Brasilien wie das Land der Verheißung in der Ferne! Senhora, ich

erlaube mir, Ihnen meinen Arm anzubieten.«

Er führte richtig die alte, ängstlich über die Schulter zurückblickende

Dame in ihre eigene Stube, des Hauses Ehrengemach, und verblieb mit ihr

eine gute halbe Stunde drinnen und zwar in dringlichsten Verhandlungen;

während der Bruder, um seiner Erregungen wenigstens etwas Meister zu

bleiben, in seiner Materialkammer sämtliche Kräutersäcke auf- und

abtürmte und sämtliche Schubladen aufzog und zuschob.

Eine halbe Stunde kann selbst dem phlegmatischsten Menschen unter

Umständen sehr lang erscheinen; das ist eine bekannte Wahrheit, muß hier

jedoch dessenungeachtet wiederholt werden. Dem Apotheker »zum wilden

Mann« erschien der kurze Zeitraum s e h r lang, Fräulein Dorette

hingegen ging er ungemein rasch vorüber.

Schon öffnete der Oberst ihr höflichst die Thür ihrer Putzstube und --

ließ sie heraus. Er blieb drin! -- Sie hielt sich am Thürpfosten wie von

einem Schwindel befallen; -- sie hatte dem braven Kriegsmann einen Knix

machen wollen, allein es war ihr nicht möglich gewesen. Während sie aber

draußen an der Wand lehnte und wie aus plötzlich erblindeten Augen um

sich zu sehen strebte, war der Oberst drinnen leise pfeifend zum Fenster

gegangen und hatte es geöffnet und sich drein gelegt.

Da lag er, schwer auf den Ellenbogen, stieß einen schweren Seufzer aus

und blickte die Landstraße entlang, zur Rechten und zur Linken hin.

Das Fräulein draußen legte jetzt beide Hände an die Schläfen und stieß

gleichfalls einen Seufzer aus und stöhnte dazu:

»Großer Gott, ganz wie ich es mir gedacht hatte! o du lieber Gott, mein

armer, armer Bruder!«

Von seinem Fenster aus rief der Oberst einen vorbeilaufenden Dorfknaben

an:

»Heda, miin Jung', kennst du den Herrn Förster Ulebeule und weißt du, wo

er wohnt?«

»Na?!« fragte der Bengel an der Hauswand empor, entrüstet ob der

Naivetät der Frage.

»Gut, mein Sohn. Ich warte hier mit fünf Groschen in der Hand auf dich.

Lauf' einmal zum Herrn Förster und bestell' einen schönen Gruß von dem

fremden Herrn in der Apotheke, und es würde dem Herrn Apotheker und dem

fremden Herrn ein Vergnügen sein, am Montag bei dem Herrn Förster zu

essen.«

Der Knabe vom Gebirge rannte und sah im Rennen verschiedene Male zurück,

ob der weißköpfige Herr mit dem braunen Gesichte im Fenster auch

wirklich Wort halte und mit dem gebotenen Honorar präsent bleibe.

Drunten im Hinterstübchen, im Ehrensessel des brasilianischen Obersten,

saß Fräulein Dorette Kristeller, stützte die Ellenbogen auf den Tisch

und das Gesicht auf die Hände und ächzte leise:

»Mein Bruder, mein armer Bruder!«

Vierzehntes Kapitel.

Am anderen Tage war Sonntag, ein deutscher Dorf-Sonntag. Die Glocke

läutete zur Kirche, und der Pastor Schönlank hatte seine Predigt fertig

und bereit. Mit dem Gesangbuch seines Freundes Philipp unter dem Arme

und würdig die Schwester des Freundes führend ging auch der

brasilianische Oberst Dom Agostin Agostina in die Kirche und zwar in

Uniform. Er hatte seinen Mantelsack und kleinen Reisekoffer vollständig

ausgepackt und sein Äußeres festtäglich geschmückt. Er trug seine

sämtlichen Orden und sah nicht nur martialisch, sondern wirklich

prächtig und vornehm aus und störte die Andacht des Dorfes durch seine

Erscheinung vollständig. Er sang auch mit. Der Pastor in der Sakristei

vernahm ihn über die Orgel, den Kantor und die Gemeinde weg; -- ein so

sonorer Baß hatte lange nicht die Wölbung des kleinen Gotteshauses

erschüttert. Nach der Kirche hatte der fremdländische Krieger, wiederum

Fräulein Dorette Kristeller am Arme führend, so zu sagen die Parade der

ganzen Gemeinde abzunehmen. Sie bildete Spalier auf seinem Wege, und

gutmütig lächelnd und fort und fort an die Mütze fassend, schritt der

Oberst zwischen der Hecke anstaunender Bauerngesichter durch.

Das Dorf sprach heute nur von ihm; Fräulein Dorothea kam aber sehr

unwohl aus der Kirche nach Hause und fühlte sich gezwungen, sich zu

Bette zu legen und den Rest des Tages darin zu bleiben.

Am folgenden Tage ging der Oberst mit seinem Freunde Philipp zum Förster

Ulebeule auf einen Wildschweinkopf. Fräulein Dorette setzte sich vor die

Rechenbücher des Hauses. Die Herren in der Försterei waren sehr heiter

bei Tische; der Oberst erzählte wieder von der Herrlichkeit seiner neuen

Heimat und brachte die Leute aus dem stillen Erdenwinkel fast außer sich

durch seine Beredsamkeit und die Farbenpracht seiner Schilderungen.

Diesmal forderte er den Doktor auf, mit hinüberzugehen und ein Millionär

und kaiserlicher geheimer Hofmedicus zu werden, und schon bei der

vierten Flasche hatte der Landphysikus es dem Oberst fest versprochen

und durch Handschlag sein Wort besiegelt.

»Mit Ihnen, lieber Pastor, wissen wir weniger da drüben anzufangen,«

rief Dom Agostin, »aber wir holen Sie vielleicht doch noch nach, wenn

wir uns unsere eigenen Hauskapellen errichtet haben.«

Da hatte der geistliche Herr gelächelt, aber etwas kläglich gesagt:

»Wir sind doch wohl zu einer solchen Emigration ein wenig zu alt, Herr

Oberst. Auch würden Sie vorher vor allen Dingen mit meiner guten Frau

reden müssen, theurer Herr.«

»Weshalb sollte ich das nicht, wenn sonst die Bedingungen vorhanden

sind?« fragte der Brasilianer.

Sie waren ungemein vergnügt bei dem Förster Ulebeule, und erst bei weit

vorgeschrittener Dämmerung kamen Philipp und August Arm in Arm und

Schulter an Schulter, angeregt und höchst lebhaft heim zur Apotheke.

»Von dem >Kristeller< erbitte ich mir ein Flacon auf den Nachttisch,

lieber alter Junge,« sprach der Oberst. »Er entzückt mich immer von

neuem, auch nach dem Diner. Pereat Fray Bentos, -- dies hier nenne ich

in Wahrheit eine konzentrierte Bouillon! Der Teufel hole alles Rindvieh

in den Pampas; -- da wir diesen Feuertrank hier am Orte schon so kochen,

wie wird er erst da drüben im Feuerlande ausfallen, Fi--lip--po!«

»De--li--kat!« erwiderte Herr Philipp Kristeller, worauf die beiden

Freunde einander dreimal recht herzhaft abküßten.

Sie saßen übrigens an diesem Abend allein im Hinterstübchen, der Oberst

und der Apotheker »zum wilden Mann«. Fräulein Dorette ließ sich durch

das Hausmädchen entschuldigen und heruntersagen: sie habe arges Kopfweh.

Die beiden Herren ließen sofort hinaufsagen: das thue ihnen sehr leid

und sie wünschten von Herzen eine baldige Besserung; -- nachher saßen

sie noch bis gegen Mitternacht in der Bildergalerie zusammen und

redeten, eingehüllt in Tabaksdampf, von ihrer Jugendzeit.

Als die Uhr Zwölf schlug, stand der Oberst auf und sagte herzlich:

»Du weißt doch nicht ganz, wie gut es mir hier zu Mute ist, Philipp. Wir

wollen uns aber auch von nun an nicht wieder von einander trennen,

Alter! Wir wollen von jetzt an e i n Schicksal und e i n Glück haben,

nicht wahr? Nicht wahr, nicht wahr, es bleibt dabei, Philipp?«

»Es bleibt dabei,« stammelte Herr Philipp Kristeller, und dann ging der

Oberst zu Bett. Er kannte jetzt den Weg zu seinem Schlafgemache bereits

und brauchte kein Geleit mehr. Das »Flacon« mit dem »Kristeller« nahm er

unter dem Arme mit wie am Sonntag das Gesangbuch seines Freundes. Aber

vorher hatte er noch den Freund in den Ehrensessel niedergedrückt; und

in dem Ehrensessel saß Herr Philipp noch eine Weile in der stillen Nacht

und suchte zu überlegen, ehe auch er zur Ruhe ging.

Die Nacht war still, das Haus war still. Eben schlug es ein Uhr, als

oben eine Thür knarrte und ein langsamer leiser Schritt die Treppe

herabkam. Aus dem Überlegenwollen des Hausherrn im Ehrenstuhl des

Obersten war ein ziemlich fester Schlummer geworden. Aus diesem

Schlummer wiederum auffahrend, horchte Herr Philipp: da war der

gespenstische Schritt an der Pforte des Hinterstübchens:

»Wer ist da?« rief der Apotheker auftaumelnd und mit beiden Händen

schwerfällig sich auf die Lehnen des Armsessels stützend.

»Ich bin es, Bruder,« sagte Fräulein Dorette Kristeller, im langen

weißen Nachtrock wie eine moralische Lady Macbeth hereinschwankend. »Ich

bin es, Philipp; ich habe keine Ruhe mehr im Bette, keine Ruhe im ganzen

Hause. Ich glaubte, hier noch einen warmen Ofen zu finden; aber nun ist

es mir lieb, daß auch du noch wach bist, lieber Bruder; -- o Bruder,

Bruder Philipp, es ist wirklich und wahrhaftig sein Ernst!«

»Sein Ernst? Wessen Ernst?«

»Sein bitterer Ernst! O, ich habe es mir gleich so gedacht, als er dich

zuerst so gemütlich auf die Schulter klopfte und ihr alle über seine

wilden Pläne lachtet. Er meint es ja vielleicht auch gut mit uns; aber

elend macht er uns doch. Philipp, er braucht Geld! er braucht sein Geld,

und er ist gekommen, es zu holen!«

Der Apotheker »zum wilden Mann« sah das trostlose alte Jüngferchen

plötzlich mit den glänzendsten, verständnisinnigsten Augen an.

»Er braucht sein Geld, und er ist gekommen, es zu holen? Aber Dorette,

das wäre ja wundervoll!«

»Wundervoll?! --«

Herr Philipp Kristeller knöpfte mit zitternder Hand, der kühlen Nacht

zum Trotze, vor innerster Aufregung die Weste auf:

»Dorette, wenn du Recht hättest! -- herrlich, herrlich wäre es! Aber --

wenn das so wäre, so würde er es mir doch wohl zuerst gesagt haben?!«

»Hat er das denn nicht? und zwar auf jede nur mögliche Weise -- fein und

grob!«

Der Apotheker antwortete nichts hierauf. Er ging rasch in dem engen

Raume seiner Bildergalerie auf und ab und rieb sich nach seiner Art die

Hände und murmelte vor sich hin:

»Der Gute -- der Wackere -- mein Gott, welch eine glückselige Nacht! --

Und ich habe ihn ganz und gar nicht verstanden! O diese Weiber, diese

klugen Weiber! Dorette, wenn du recht hättest!«

»Ich habe Recht!« ächzte jetzt das alte Fräulein fast böse. »So setze

dich doch und nimm Vernunft an. Was soll denn aus uns werden, Bruder? Du

bist diese dreißig Jahre lang deinen Liebhabereien und dem Geschäfte

nachgegangen; aber ich habe die Bücher geführt und weiß, wie wir stehen.

O, es reicht noch; aber es reicht auch nur gerade hin, -- und, Philipp,

ich bin fest überzeugt, er holt nicht nur das Kapital, sondern er kann

auch die Zinsen gebrauchen, die Zinsen seit dreißig Jahren!«

»Das vergebe ich ihm so leicht nicht, daß er nicht sofort seinen Wunsch

mir klar und deutlich ausgesprochen hat,« murmelte Herr Philipp, der

durchaus nicht imstande war, sich zu setzen, sondern der fort und fort

auf und ab lief und das Wort der Schwester ganz und gar überhörte. »O

August, August, also endlich ist auch für mich die Stunde da, dir auf

deinem Wege zum Glücke behilflich sein zu können!«

Von der ganzen Fülle dieser Vorstellung überwältigt, stand er jetzt

still, und was er seit nicht zu berechnender Zeit nicht gethan hatte,

das that er jetzt: er gab der Schwester einen Kuß -- einen langen,

herzlichen Kuß, und dann -- nahm er sein Licht und ging seinerseits in

seine Kammer. Er hatte das Bedürfnis, allein zu sein und sich in der

Stille und Dunkelheit der Nacht den frohen nahen Morgen und seine erste

Begrüßung mit dem Freunde, dem Obersten Dom Agostin Agonista,

auszumalen.

Fräulein Dorette stand im Scheine ihres Nachtlichtes mit schlaff

niederhängenden Armen und vor dem Leibe gefalteten Händen, blickte

hinter ihm her und stöhnte:

»Also da sind wir denn! -- o diese Mannsleute! Was soll aus uns werden?

lieber Herrgott, was soll aus uns werden? -- Zu den Pottekudern, seinen

neuen Landsleuten, gehe ich für mein Teil nicht mit! Er wäre freilich

imstande, uns in aller Güte und Zureden mit Haus und Hof mit sich zu

schleppen und uns mitten in der Urwildnis hinzusetzen und eine

Schnapsfabrik auf meines armen Bruders Namen und Liqueur zu gründen.

Aber er soll mir kommen, der Kehlabschneider, der Scharfrichter, der

Menschenschinder, der Henkersknecht. Für alle Freibillets in der Welt

geh' ich mit ihm nicht nach seinem Amerika; am Spieße brät er uns doch,

wenn er uns drüben hat, und wenn er auch noch so schlau hier am Orte den

Gemütlichen, den Vergnügten und den biederen treuherzigen Krieger

spielt.«

Der Oberst Dom Agostin Agonista wurde durch das, was im unteren Teile

des Hauses »zum wilden Manne« vorging, nicht in seinem Schlummer

gestört. Er schlief abermals weit in den hellen Sonnenschein des

Dienstags hinein, und die Flasche mit dem »Kristeller« stand auf seinem

Nachttische, und auch das Spitzglas, das dazu gehörte, hatte der alte

Soldat handgerecht zugerückt. Aber auf dem Stuhle am Bette saß um halb

neun Uhr, seit einer Viertelstunde zärtlich lauschend, Herr Philipp

Kristeller, das Erwachen des Gastes, Freundes und Wohlthäters erwartend.

»Sobald der Gute erwacht, wollen wir überlegen, in welcher Weise es am

angenehmsten und vorteilhaftesten für ihn einzurichten ist,« hatte der

Apotheker, auf den Zehen in die Kammer schleichend, geflüstert; und er

hatte eine gute Stunde zu warten, ehe der Brasilier die Augen öffnete,

sich entsetzlich reckte, gewaltig gähnte und dann, sich überrascht

aufrichtend, rief:

»Diablo! bist du denn das, Filippo? Ei, schönsten guten Morgen! aber

dieses ist einmal freundlich von dir!«

»Guten Morgen, August. Du erlaubst mir wohl, daß ich dich diesmal wieder

August nennen darf; denn ich sitze hier und warte auf dein Erwachen, um

dich recht tüchtig abzukanzeln.«

»Abzukanzeln? weshalb? wieso? warum? wofür?«

»Weil du meiner guten Schwester mehr Zutrauen bewiesen hast als mir,

August.«

»Ah -- -- -- so!« sprach der brasilianische Gendarmerie-Oberst ungemein

gedehnt und legte sich wieder hin -- nämlich mit dem Hinterkopfe in

seine Kopfkissen. Nach einer Pause erst fügte er etwas gedrückt hinzu:

»Und nicht wahr, du giebst mir recht? Dein Entschluß ist gefaßt; -- wir

gehen zusammen über das Weltmeer, um goldene Berge für uns und unsere

Nachkommen aufzuschütten?!«

Herr Philipp schüttelte melancholisch den Kopf.

»Meine Schwester Dorothea und ich doch wohl nicht, aber -- mit dir ist

es freilich etwas anderes. Nein, mein teurer August, du wirst wieder

allein gehen müssen.«

»Aber das macht mir wirklich einen Strich durch alle meine

Berechnungen,« brummte der Kriegsmann verdrießlich.

»Du nimmst unsere besten Wünsche mit hinüber; wir werden in Gedanken

stets bei dir sein.«

»Danke!« sagte der Oberst womöglich noch verstimmter.

»Ich habe den Tisch vor deinem Stuhle bereits zurecht gerückt, mein

guter August. Meine Hausbücher liegen zu deiner Einsicht bereit; du

wirst mit meiner Schwester zufrieden sein, denn sie hat die Bilanz

gezogen. Ich hoffe, du wirst finden, daß wir -- meine Schwester und ich

-- unser -- mein -- dein Vermögen nach bestem Wissen verwaltet haben.«

»Ich komme im Augenblick hinunter, lieber Alter!« rief der Oberst, allen

Mißmut sofort abschüttelnd und mit hellem Lächeln das rechte Bein

blitzartig unter dem Deckbette vorschnellend und mit dem Fuße nach des

Apothekers Reserve-Ehren-Pantoffeln auf dem Boden angelnd. »Im Moment --

in zehn Minuten bin ich drunten bei dir. Philipp, du bist ein

Prachtmensch! und du wirst sehen, daß ich die Welt kenne und auch für

dich das Nutzbringendste zu ergreifen verstehe.«

»Wir warten mit dem Kaffee auf dich, lieber August!«

»Mein schönstes Kompliment im voraus an deine Schwester! Im Augenblick

bin ich bei euch. Nicht wahr, Philipp, dein Rezept für den >Kristeller<

giebst du mir mit hinüber, -- nicht wahr, Alter?«

Der Erfinder des »Kristeller« versprach's, und nach einer Viertelstunde

saß der Oberst Dom Agostin Agonista richtig bei dem Geschwisterpaar im

Hinterstübchen und zwar, ohne alles vorherige Sträuben, im Ehrensessel

und vor den Haus- und Rechnungsbüchern der Apotheke »zum wilden Mann«;

-- Fräulein Dorette Kristeller hatte ihn dazu von Zeit zu Zeit zu

fragen, ob ihm noch eine Tasse Kaffee gefällig sei.

Fünfzehntes Kapitel.

Einen Mann wie den Oberst stelle man einmal unter den Scheffel, wenn er

in einer Gegend gleich der von uns geschilderten ankommt, d. h. aus den

Wolken fällt. Auf Meilen in der Runde gingen bald die fabelhaftesten

Gerüchte über ihn um. Ein wieder wie vor dreißig Jahren mit ein wenig

Bangen gemischter Respekt begleitete ihn in jeglichem Blicke, der ihm

nachgesendet wurde, klang in jedem höflichen Wort, das man an ihn

richtete; nur that er niemanden mehr leid dazu. Der bald so bekannte

Fremdling entsprach in jeder Beziehung den Vorstellungen, die sich die

Landschaft von einem »Wundertier« machte, und die Jovialität in seinem

Wesen und Auftreten nahm der vertraulichen Scheu, die er den Leuten

einflößte, nichts von ihrer Wirksamkeit. Er aber fühlte sich wohl unter

dem Volke der Gegend, genoß die Gemütsbewegungen, die er unter ihm

hervorbrachte und -- aß sich harmlos herum.

Nämlich es hatte sich herausgestellt, daß für die ersten Wochen an ein

Verlassen der Gegend, an eine Abreise aus der Apotheke »zum wilden

Mann« noch nicht zu denken sei.

Der Oberst blieb, und sie luden ihn alle zu Tisch. Nach den Honoratioren

des Dorfes kamen die Gutsbesitzer und reichen Domänenpächter der

Umgegend an die Reihe: der Oberst Dom Agostin Agonista fühlte sich immer

behaglicher in seinem behaglichen Quartier in der Apotheke »zum wilden

Mann«.

Zum wilden Mann · 第 6 / 7 段