»In Büchern habe ich Schnurrioseres gelesen; aber hier hatten wir

freilich einmal das Wirkliche und Wahrhaftige _in natura_. Heiß und kalt

hat mich seine Historie nicht gemacht, aber die Pfeife ist mir ziemlich

oft darüber ausgegangen. Käme einem jeden Abend ein solcher Kerl über

den Hals, so würde einem das Schmauchen auf die allernatürlichste Art

abgewöhnt. Außerdem daß ich einen brasilianischen Obersten noch niemals

mit eigenen Augen gesehen hatte, erzählte dieser Oberst mehr als

brasilianisch gut, und noch dazu ganz und gar nicht aus dem

Jäger-Lateinischen. Das muß ich kennen und hätte es ihm beim ersten

Flunkerwort abgespürt und es ihm merken lassen, nämlich moralisch mit

dem Hirschfänger übers Gesäß: Hoho, das ist für den gnädigsten Fürsten

und Herrn! Hoho, das ist für die Ritter und Knecht'! Dies ist das edle

Jägerrecht!«

»Ulebeule?!« rief der Pastor klagend-vorwurfsvoll.

»Ja, ja, es ist wahr, 's ist spät und es zieht hier arg,« rief der

Förster, »aber die Mohrenschiffgeschichte allein hätte doch auf jedem

Orgelbilde abgemalt werden können; -- bei allem in Grün, man kommt sich

ganz abgeschmackt und verrucht verledert und in seinem Loche versumpft

vor, wenn man es sich überlegt, was man seinerseits hier am Orte vor

sich brachte an Erfahrung, während der sein Gewölle um so viele Nester

herum ablegte.«

»Ich danke dem Himmel dafür, daß er mich hier im Frieden grau werden

ließ. Meine Natur hätte nicht für ein solches Dasein gepaßt.«

»Das brauchen Sie mir nicht schriftlich zu geben,« lachte der Förster;

»aber hat uns nicht gerade dieses kuriose, ins Kraut geschossene

Menschenkind bewiesen, daß niemand weiß, was in ihm steckt und was er

unter Umständen aus sich herausziehen kann? O je, wie oft hab' ich in

meinen jungen Jahren aus Angst oder Verdruß in die weite Welt

hinauslaufen wollen! Nach einem solchen Erzählungsabend begreift man

weniger als je, weshalb man es damals nicht ausführte und seinen

Schulmeistern, Eltern und sonstigen Vorgesetzten durch die Lappen ging.«

»Wir werden alle unsere Wege richtig geführt und sind in guten Händen,«

sprach der geistliche Hirte und trat leider gerade in diesem ganz

unpassenden Moment in eine etwas tiefere Pfütze, in der er ohne Gnade

hätte umkommen müssen, wenn sein handfester Begleiter nicht noch gerade

zu rechter Zeit zugegriffen hätte.

»Bitte ein andermal um denselben Dienst,« sprach Ulebeule gravitätisch;

sonst aber brachte dieser Zufall ihr jetziges Gespräch über das Haus

Kristeller und den Kaiserlich brasilianischen Gendarmerieobersten Dom

Agostin Agonista zu einem Abschluß.

Einiges wurde jedoch noch gesprochen, ehe der Pastor geradeaus seiner

Pfarre zuwanderte und der Förster sich links in den dunkeln Hohlweg

schlug, der zu seiner Försterei führte.

»Wir sehen uns doch morgen? Dieses alles kann doch gewiß nicht passiert

sein, ohne daß man ein weniges mehr davon sieht und hört und sich

darüber ausspricht!«

»Man fühlt freilich das Bedürfnis,« meinte der Pastor, »und ich meine,

wir treffen wohl irgendwo zusammen. Man ist es auch unserm guten

Apotheker schuldig, daß man sich nach seinem Befinden erkundige.«

»Und dem Oberst nicht weniger.«

»Gewiß, gewiß. Nun, wir werden ja sehen. Und nun gute Nacht, oder

vielmehr guten Morgen, mein teurer Freund. Wir sind selten so lange bei

einander geblieben als am heutigen Abend.«

»Und immer war's noch zu früh zum Aufbruch, und ich wäre sofort bereit,

diesen wilden Indianer mit der ersten Dämmerung thauschlägig zu spüren.

Aber der Kerl schnarcht -- ich bin fest überzeugt, er liegt im Bau und

schnarcht wie kein zweiter Mensch mit gutem Gewissen auf zwanzig Meilen

in die Runde. Sapperlot, so wie ich mich aufs Ohr gelegt habe, fange ich

an, vom Blutstuhl und diesem brasilianischen Landdragoner-General zu

träumen, und -- morgen -- morgen -- mache ich -- doch Brüderschaft mit

ihm!«

* * * * *

So sprach also die Welt! -- Wenn eine Million Zuhörer in dem

bildervollen Hinterstübchen der Apotheke »zum wilden Mann« dem alten

Philipp Kristeller und dem Obersten Agostin Agonista zugehört haben

würde, so würde diese Million denkender und redender Wesen kaum ein

mehreres und anderes als der Pastor Schönlank und der Förster Ulebeule

bemerkt haben. Der Seelenaustausch in diesen Wendungen genügte übrigens

auch vollkommen: wenden wir uns zu dem greisen Geschwisterpaar in der

Apotheke »zum wilden Mann« und zu seinem eigentümlichen Gaste zurück.

Elftes Kapitel.

Bruder und Schwester saßen allein im jetzt recht frostig werdenden

Hinterstübchen, im erkaltenden Qualm von spirituösem Getränk und

Tabaksdampf. Der Gast war zu Bett gegangen.

Der Hausherr hatte den Freund mit dem Lichte in das behagliche Gemach

die Treppe hinaufbegleitet und noch einmal all sein überquellendes

Gefühl in Wort und Empfindungslaut zusammenzufassen gesucht. Der Oberst

hatte ihn freundlich zu beruhigen bestrebt und dann, noch in Gegenwart

seines guten Philipp's, sehr gegähnt und den Rock ausgezogen. Liebevoll

aber hatte er ihn doch noch einmal von dem ersten Treppenabsatz

zurückgerufen und, ihm die Hand auf die Schulter legend, gesagt:

»Philipp, alter Kerl, lieber Junge, es ist mir in der That ein

herzliches Genügen, unter deinem Dache zu ruhen. Wahrhaftig, in mancher

unbehaglichen, unbequemen Stunde zu Lande und zu Wasser habe ich mir da,

d. h. unter diesem Dache, oft das vorzüglichste Quartier zurecht

gemacht, und jetzt hab' ich die Wirklichkeit, und sie ist wunderbar

wohlthuend!«

An diesen erfreulichen Ausbruch seiner Gefühle hatte er denn freilich

recht praktisch die Frage nach dem Stiefelknecht geknüpft.

Während der Bruder dem Gaste zu seinem Schlafzimmer leuchtete, war

Fräulein Dorette in der Bildergalerie sitzen geblieben, doch hatte sie

den Ehrensessel aufgegeben und sich auf ihrem gewohnten Stuhle

niedergesetzt. Da saß sie, beide Ellenbogen auf den Tisch stützend und

starr durch den Qualm, den die Herren hinterlassen hatten, und über die

leere Punschschale und die gleichfalls leeren Gläser weg auf die

buntbehängte Wand gegenüber sehend. Da saß sie und horchte auf die

Schritte über ihrem Kopfe und dann auf die Schritte des zurückkehrenden

Bruders auf der Treppe.

»Welch ein Erlebnis!« murmelte sie. »Wie fällt das jetzt in unsere Tage?

-- So spät im Leben! -- Und was werden die Folgen sein? -- o, o, o!«

Nun aber trat der Bruder wieder ein und zur Schwester heran. Nun legte

er seinerseits ihr die Hand auf die Schulter:

»Weißt du dich auch noch nicht in dem Glück, das uns dieser Abend

gebracht hat, zurecht zu finden? O Dorette, liebe Dorette, wie schön hat

sich nun alles ineinander gefunden und geschlossen, -- und gerade an

diesem Tage, an diesem Abend. Wer glaubt da an Zufall? Wer hat jemals

deutlicher als wir die Hand der Vorsehung, die alles gut macht, in

seinem Lebenslose erblickt?«

»O!« stöhnte die Schwester. »Ach, Bruder, Bruder, was wird nun aus

unserm Leben werden? -- O, wenn er doch nur früher gekommen wäre! Aber

so spät am Abend -- so spät am Abend -- was sollen wir anfangen?«

Herr Philipp Kristeller hatte sich auf seinem Stuhl niedergelassen und

blickte die Schwester groß und verwundert an.

»Was -- wie meinst du das, Dorothea?«

»Jetzt frage mich nur nicht weiter,« sagte das alte Fräulein scharf. »Es

wird sich ja alles finden -- morgen, übermorgen! Ja morgen ist ja auch

ein Tag! -- Aber man kann es ja nicht lassen. -- Bester Bruder, wenn er

nun bliebe? wenn er sich bei uns niederlassen wollte? Man muß sich ja da

alle möglichen Fragen stellen.«

»Wenn er bliebe? wenn er sich bei uns niederlassen wollte? Aber das wäre

ja herrlich!« rief der Apotheker, entzückt sich die Hände reibend. »Wie

weich und angenehm wollten wir ihm sein Leben machen!«

Verwundert sah er hin, als das Fräulein zweifelnd und melancholisch den

Kopf schüttelte.

»Du glaubst nicht, daß wir das vermöchten, Dorothea?«

»Nein,« erwiderte das Fräulein kurz und sprach unter einem schweren

Seufzer mehr zu sich als dem Bruder:

»Und dann der andere Fall, -- wenn er morgen wieder abreisen will, und

dazu --«

Sie brach ab und vollendete den Satz auch nicht, als der Bruder gespannt

eifrig fragte:

»Und dazu? -- was meinst du? was willst du sagen?«

»Wir müssen es eben abwarten,« sprach Fräulein Dorothea Kristeller

aufstehend. »Etwas anderes läßt sich in dieser Nacht doch nicht bereden;

und jetzt wollen auch wir zu Bett gehen und versuchen zu schlafen.«

Nach diesem saßen sie doch noch, aber stumm, eine gute halbe Stunde

beieinander. Als sie zu Bette gegangen waren, schlief weder Bruder noch

Schwester einen ruhigen Schlaf.

Den ruhigsten Schlaf von allen, deren Bekanntschaft wir diesmal machten,

schlief der brasilianische Oberst Dom Agostin Agonista.

Der lag friedlich auf dem Rücken und lächelte im Schlummer und sogar

beim Schnarchen. Man vernahm ihn so ziemlich durch das ganze Haus, und

wenn er träumte, so träumte er, ganz gegen alle soldatische Sitte und

Gewohnheit, weit in den jungen Tag hinein.

Dieser junge Tag kam frisch, reingewaschen, glänzend und sonnig -- ein

klarster, kalter Oktobertag. Die Berge in ihrem braunen Herbstgewande

hoben sich scharf von dem hellblauen Himmelsgewölbe ab; die leeren

Felder der Ebene lagen bis in die weiteste Ferne klar da; und die

Dörfer, die einzelnen Gehöfte, Anbauerhäuser und Hütten erschienen dem

Auge scharf umzogen, als ob sie dem Spiegel einer _Camera obscura_

entnommen worden und in die Morgenlandschaft hinein aufgestellt seien.

In dieser sonnigklaren Herbstmorgenlandschaft erschien aber die Apotheke

»zum wilden Mann« vor allem Übrigen wie hübsch auf- und abgeputzt. Die

Firma über der Thür glänzte in ihrer Goldschrift weit hin, die

Landstraße nach rechts und links entlang. Und alles, was sonst zu dem

Hause gehörte: Gartengegitter, Stallungen und Mauern, befand sich im

ordentlichsten Zustande. Man sah, daß um jegliches Zubehör dieses

Heimwesens ein sorglicher Geist walte, der seine Freude und sein Genügen

dran habe und sein Möglichstes von Tag zu Tage thue, alles im Hof, Haus

und Garten im guten Stande zu erhalten. Bis auf die vom Sturme der Nacht

zerzausten Sonnenblumen, die noch in ihren welken Resten über den

Gartenzaun hingen, war alles rings um die Apotheke »zum wilden Mann« im

vollsten Sinne des schönen Wortes -- präsentabel.

Und Bruder und Schwester warteten mit dem Kaffee auf den Gast. Eben

hatte er herunter sagen lassen: augenblicklich rasiere er sich und werde

in zehn Minuten erscheinen.

Die Dünste der Nacht waren verscheucht, das Hinterstübchen gekehrt und

mit weißem Sande bestreut. Die Hauskatze putzte sich unter dem Tische,

und der Zeisig zwitscherte lebendig in seinem Bauer; -- es war ein

Vergnügen, Herrn und Fräulein Kristeller an ihrem Kaffeetische sitzen zu

sehen, und -- eingeladen zu werden, gleichfalls daran Platz zu nehmen.

Der Oberst ließ nur wenig über die angegebenen zehn Minuten auf sich

warten. Schon vernahm man seinen martialisch schweren Schritt auf der

Treppe; -- der Apotheker Philipp Kristeller riß die Thür seines

Lieblingsgemaches auf.

»Schönen guten Morgen!« rief der Oberst Dom Agostin Agonista auf der

Schwelle, und Wirte und Gast faßten sich rasch zum erstenmal bei hellem

Tageslicht ins Auge: am schärfsten sah das Fräulein zu; etwas weniger

scharf sah sich der brasilianische Kriegsmann seine Leute an; -- der

Apotheker »zum wilden Mann« sah gar nichts, sein Gast und Freund

schwamm ihm vor den Augen -- wenigstens die ersten Minuten durch.

»Recht alt geworden,« meinte der Oberst bei sich, und er hatte recht.

»Unter anderen Verhältnissen würde ich gar nichts gegen ihn haben,«

sagte das Fräulein in der Tiefe der Seele, »ein anständiger, behäbiger

Herr!«

Der Apotheker Philipp Kristeller sagte gar nichts; er schüttelte von

neuem dem alten wiedergefundenen Freunde -- dem Wohlthäter und Gaste die

Hand und drückte ihn diesmal trotz alles Widerstrebens auf den

Ehrenplatz nieder. Erst als der Oberst saß, sagte Herr Philipp etwas,

und zwar nicht bei sich und in der Tiefe seiner Seele, sondern er rief

es fröhlich und laut:

»August, ich freue mich unendlich, -- du bist merkwürdig jung

geblieben!«

»Bei allen Göttern zu Wasser und zu Lande, ich hoffe das,« lachte der

Oberst Dom Agostin, und es war eine Wahrheit: trotz seiner schneeweißen

Haare und seiner wohlgezählten Jahre war er sehr jung geblieben; aber

das jüngste an ihm war doch seine Stimme.

Diese allein schon konnte als eine Merkwürdigkeit gelten. Mit einem

behaglichen Widerhall erfüllte sie das Haus, ging einem voll und rund

durch die Ohren ins Herz und paßte sich gemütlich, ja sozusagen,

tröstlich-fröhlich allem und jeglichem an, was die Stunde im Guten und

im Bösen bringen mochte. Wer sie von fern vernahm und vorzüglich in

Verbindung mit dem herzlichen Lachen ihres Besitzers, der sagte sich

unbedingt:

»Da freut sich ein braver Gesell seines Daseins.«

Der Oberst schüttelte nun noch einmal dem Fräulein die Hand und sprach

zum Apotheker:

»Ich habe euch heute morgen das Recht gegeben, mich für einen

Langschläfer zu halten, aber ihr werdet wahrscheinlich morgen früh schon

eines Besseren belehrt werden. Gewöhnlich pflege ich drei Stunden vor

Sonnenaufgang auf dem Marsche zu sein. Man lernt das, auch ohne Anlagen

dazu zu haben, unterm Äquator; und wenn ihr eines morgens das Nest ganz

leer finden solltet, so braucht ihr euch auch nicht allzu sehr zu

wundern.«

»O, Freund,« rief der Apotheker, »wir werden dich zu halten wissen! wir

werden dich sicherlich fürs erste nicht loslassen! Du bist unser! Du

darfst nicht gehen, wie du gekommen bist -- du würdest für lange Zeit

alle unsere Freude, unser Behagen mit dir wegführen!«

»Hm,« sagte der Oberst, und dann frühstückten sie gemächlich und der

alte Soldat mit besonders ausgezeichnetem Appetit. Er zeigte auch

beneidenswert wohl konservierte Zähne und wußte sie trefflich zu

gebrauchen.

Nach vollendetem Frühstück lehnte er sich behaglich seufzend zurück und

setzte seine Pfeife in Brand. Dorette ging ihren Hausgeschäften nach,

und die beiden Herren waren allein. Sie plauderten jetzt -- sie konnten

jetzt plaudern -- der Ernst in ihren gegenseitigen Verknüpfungen war

wenigstens für den Moment überwunden; sie hatten die nötige Ruhe zum

harmlosen Schwatzen gefunden, und sie schwatzten miteinander -- zwei

gemütliche ältliche Herren, deren einer etwas mehr von der Welt gesehen

und sich bedeutend besser erhalten hatte, als es dem anderen vergönnt

gewesen war.

Der Brasilianer freute sich über die deutschen Stubenfliegen, welche ihm

um die Nase summten; es war ihm auch durchaus nicht zu verdenken; aber

die Thatsache verdient, in einem eigenen Kapitel behandelt zu werden.

Zwölftes Kapitel.

»Ihr glücklichen Leute wißt es gar nicht, um wie vieles unsereiner euch

zu beneiden hat,« sprach der Oberst. »Da sitzt ihr in eurer täglichen

Behaglichkeit, und wenn ihr euch nicht dann und wann wirklich über die

Fliege an der Wand zu ärgern hättet, so ginge es euch eigentlich zu gut.

Nun guck einer, wie niedlich sich das Ding da auf der Zuckerdose die

Nase wischt und die Flügel putzt! Sollte man es nun für möglich halten,

daß der Gutmütigste von euch hier zu Lande vor Wut außer sich gerät,

wenn das ihm während des Mittagsschlafes über die Stirn spaziert? So ein

Bivouac am Rio Grande ohne Moskitonetz, das würde etwas für euch sein,

um euch Geduld in Anfechtungen zu lehren.«

Der Apotheker lächelte und sagte:

»Unsere Anfechtungen haben wir auch wohl ohne das, lieber August.«

»Lieber Agostin! wenn ich dich bitten darf,« rief der Gast. »Du hast

keine Ahnung davon, wie verhaßt mir dieser frühere August ist. Wenn

jemand seinen alten Adam so vollständig wie ich im Graben ablegt, dann

hält er auch etwas auf seinen neuen Rock. Mein jetziger paßt mir wie

angegossen, bemerke ich dir abermals; -- Dom Agostin Agonista,

Gendarmerie-Oberst in kaiserlich brasilianischen Diensten -- alles in

Ordnung, Patent wie Paß --«

»Ereifere dich doch nicht, Lieber,« sagte der alte Philipp begütigend.

»Ich ereifere mich nicht, ich ärgere mich nur!« rief der Oberst.

»Und zwar wie ein echter Deutscher über die Fliege an der Wand, bester

Augustin,« meinte der Apotheker »zum wilden Mann«; und dann gingen sie

zu etwas anderem über, das heißt, der Oberst fing an, sich sehr genau

nach den Umständen und Lebensläufen der Herren, deren Bekanntschaft er

am gestrigen Abend gemacht hatte, zu erkundigen. Dann erzählte er

seinerseits genauer, auf welche Weise er mit dem Doktor Hanff auf dem

Wege zusammengeraten sei, und dadurch kam er darauf, wie ihn doch nicht

allein der Zufall in diese Gegend geführt habe, sondern wie er in der

That mit der Absicht gekommen sei, sich nach dem alten botanischen Wald-

und Jugendgenossen, nach dem treuen Freunde vom Blutstuhl umzuschauen.

»Ich hatte keine Ahnung, wo du geblieben warst, und ob du überhaupt noch

am Leben seist, Filippo!« rief der Brasilianer. »Aber ich hatte mir

vorgenommen, dich tot oder lebendig zu finden, und es ist mir gelungen.

Eine Maronjagd war es durchaus nicht, Alter. Ich habe es wohl gelernt,

Spuren von Wild und Mensch im Urwalde, wie zwischen den Ackerfeldern und

in dem verworrensten Straßennetz über und unter der Erde zum Zwecke zu

verfolgen. Dich, oder deinen Namen, oder vielmehr einen Schnaps oder

Liqueur deines Namens spürte ich in den Zeitungen aus; -- dem

>Kristeller< ging ich nach, und da bin ich denn, und du wirst es mir

gewiß nicht verdenken, wenn ich im Laufe des Morgens das Getränk an der

Quelle zu erproben wünsche. Es war keineswegs notwendig, daß euer Doktor

mich auf den >Kristeller< aufmerksam machte.«

Der alte Philipp hatte sich während dieser Auseinandersetzung

fortwährend vergnüglichst die Hände gerieben, jetzt sprang er auf,

klopfte den Freund auf die Schulter und rief:

»Also mein >Kristeller< hat dich auf meine Spur gebracht! O, lieber

August--in, ich glaube da wirklich eine wohlthätige Erfindung gemacht zu

haben; ich werde sogleich --«

»Nachher,« sprach der Oberst Agonista. »Sieh, wie herrlich die Sonne

scheint, wie blau der Himmel ist! Philipp, jetzt zeigst du mir vor allen

Dingen dein Heimwesen im einzelnen: Herd und Hof -- ach, wie schade, daß

du mir nicht auch Weib und Kinder und Enkel zeigen kannst! -- und

Garten, die Offizin, das Laboratorium, die Materialkammer, Küche und

Keller, Stall und Viehstand -- alles interessiert mich!«

Da der Hausherr jetzt wieder neben seinem Gaste saß, so klopfte er ihn

nun auf das Knie:

»O Augustin, wie freundlich ist das von dir! Welch' eine Freude machst

du mir da. Sollen wir gleich gehen?«

»Gewiß,« sprach der Oberst Dom Agostin Agonista, sprang auf, drückte den

Tabak in der Pfeife fest und nahm den Arm des Freundes.

Beide Herren traten ihre Gänge an, durch Haus und Hof, durch Garten und

Ställe, und es war zugleich eine Merkwürdigkeit und ein Vergnügen, wie

verständig und sachkundig der Kriegsmann über alles zu reden wußte, und

-- wie genau er sich jegliches Ding ansah.

Der entzückte Hausherr sprach ihm mehrfach seine Verwunderung darob aus;

aber Dom Agostin lachte und meinte:

»Treibe du dich einmal wie ich ein Menschenalter da drüben um unter dem

Volk und den Völkerschaften, die Affen und sonstigen Bestien

eingeschlossen. Das heißt natürlich als ein von Haus und Anlage aus

überlegender und praktischer Mann, und dann sieh zu, ob du nicht

gleichfalls die Ordnungen der alten Heimat dir im Gedächtnis wachrufen

und täglich gern mit neuen Erfahrungen vermehren wirst. Wenn mich mein

Schicksal zu einem Abenteurer gemacht hat, Philipp, so bin ich doch ein

ganz solider geworden. Daß ich mich demnächst verheiraten werde, glaube

ich euch bereits gestern abend mitgeteilt zu haben.«

»Wenn es wirklich dein Ernst war, Augustin --«

»Mein bitterer Ernst. Ihr schient es alle für einen Scherz zu nehmen;

ich habe das wohl gemerkt. Eigentlich hätte ich das übel aufnehmen

sollen und begreife jetzt auch nicht, weshalb ich nicht sofort um

weitere Aufklärung über euer Lächeln hat; -- dieser Doktor -- Doktor

Hanff schien mir sogar die Schultern in die Höhe zu ziehen. Nun,

schieben wir das alles auf den trefflichen Punsch deiner Schwester; --

ich aber wiederhole es dir, ich bin bis über die Ohren verliebt und

trage das Bild meiner Geliebten in einem Medaillon unter der Weste auf

dem Busen. Du sollst das Porträt sehen, und deine Schwester soll's

nachher auch sehen, und dann will ich eure Meinung ruhig anhören. Es ist

ein Prachtweib und nicht ohne Vermögen; Senhora Julia Fuentalacunas, --

nicht wahr, ein recht wohlklingender Name? Sie kam jung als Julchen

Brandes von Stettin nach Rio und heiratete den Senhor Fuentalacunas vom

Zollamte. Weißt du, lieber Freund, der Rock des Kaisers ist zwar eine

recht kleidsame und honorable Tracht; aber wenn man so die erste Jugend

hinter sich hat, fängt man an, auf die Ehre zu pfeifen und das Behagen

dem Herrendienste vorzuziehen. Ich werde eine Hacienda kaufen und hoffe

als ein begüterter Familienvater meine Tage in Ruhe im Kreise der

Meinigen zu beschließen. Ihr -- du und Fräulein Dorette -- gehört

natürlich zu der Familie, und wir werden ein vortreffliches Leben

miteinander führen.«

»Wie?« -- -- fragte der Apotheker »zum wilden Mann«, Herr Philipp

Kristeller, und sah seinen Gast mit den größesten Augen an.

»Wie ich es sage,« sprach der kaiserlich brasilianische

Gendarmerie-Oberst, den erstaunten Blick seines alten Freundes nicht im

mindesten beachtend, sondern, mitten im Hofraume stehend, rings umher an

den umgebenden Gebäuden emporschauend. Es schien ihm wiederum in der

That bitterer Ernst um das zu sein, was er sagte.

»Ich hoffe, deine Schwester ohne Mühe zu überreden,« fügte er wie

beiläufig an.

Der Apotheker lachte, der Oberst aber lachte ganz und gar nicht mit,

sondern umging die zwei Milchkühe im Stalle mit kritischem Blicke,

klopfte sie auf die Weichen und bemerkte:

»Vor einigen Jahren war ich in Fray Bentos und sah mir das dortige

Fleischextrakt-Institut an. Großartig! -- Sie treiben euch vor den Augen

einen Ochsen in die Retorte und liefern ihn euch nach zehn Minuten in

eine Büchse konzentriert, die ihr in die Hosentasche steckt -- wäre das

Weltmeer nicht da, dem ihr euer Erstaunen zurufen könnt, ihr wüßtet

nirgends damit hin, Philipp. Und vor vierzehn Tagen war ich bei Liebig

in München -- annähernd derselbe Geruch und Duft wie bei dir, nur noch

ein bißchen metallischer; -- Kristeller, da können wir einander

gleichfalls gebrauchen -- ich liefere dir das Vieh, und du lieferst mir

den Extrakt; -- Philipp, ich gebe dir mein Ehrenwort darauf, in drei

Jahren machen wir den Herren zu Fray Bentos eine Konkurrenz, die sie zu

Thränen rühren soll.«

»O Augustin, welch einen prächtigen Humor hast du aus deinem neuen

Vaterlande mit herübergebracht!« rief der Apotheker; »aber --«

»Humor?« fragte der Oberst sehr ernsthaft und setzte fast schreiend

hinzu: »Zahlen! Zahlen! Die eingehendsten, unumstößlichsten

Berechnungen: Hier! -- da!«

Er hatte bereits seine Brieftasche hervorgezogen und las im Fluge dem

Freunde einige in der That sehr eingehend auf die

Fleischextrakt-Fabrikation Bezug habende Zahlenreihen her. Herr Philipp

Kristeller rieb sich in immer größerer Erstarrung die Stirn:

»Die Schwester -- die Schwester sollte das hören,« murmelte er, und

jetzt lächelte auch der Gendarmerie-Oberst endlich wieder einmal und

meinte:

»Ich werde natürlich schon beim Mittagsessen deine gute Schwester mit

unseren Plänen bekannt machen und sie für dieselben zu gewinnen suchen.

Ich bin überzeugt, sie wird sich nicht so steif-verwundert wie du

hinstellen und nur meinen Humor loben.«

»O du großer Gott!« seufzte Herr Philipp.

Die Ziege, welche neben den zwei Kühen im Stall unter der besonderen

Obhut Fräulein Dorette Kristellers ein wohlbehagliches Dasein lebte,

überging der Oberst ohne weitere Bemerkung; dagegen sprach er im

Hühnerhofe kopfschüttelnd:

»Dieses Vieh hier erinnert mich stets merkwürdig lebhaft an meine selige

Mutter.«

Zum wilden Mann · 第 5 / 7 段