Wenn er aber viel abwesend von der Apotheke war, so blieb der alte

Philipp Kristeller desto sedater in seinen vier Pfählen, schrieb viel,

bekam viele Briefe von Banquiers und sonstigen Handelsleuten und trieb

selber allerlei Handel. Er fing an, in Ländereien zu spekulieren und

zwar in seinen eigenen.

Und während der Oberst nicht das Geringste von seiner stattlichen

Rundung einbüßte, wurde Fräulein Dorette Kristeller, die doch wenig

einzubüßen hatte, von Tag zu Tage magerer, und auch der Apotheker fiel

ab, soviel das noch möglich war. Das Geschwisterpaar wurde immer gelber

und gelber; was den Dom Agostin anbetraf, so fingen die Leute an, ihm zu

sagen:

»Herr Oberst, die Luft hier scheint Ihnen gottlob recht gut zu

bekommen.«

Sie bekam ihm wirklich, die Luft der Gegend, und das Gerücht von dem,

was er vor einunddreißig Jahren an dem Besitzer der Apotheke »zum wilden

Mann« gethan hatte, schwebte auch in der Luft über ihm und um sein

weißes, munteres Haupt und verklärte ihn rosig. Die Frauen nannten ihn

einen prächtigen alten Herrn, und die Männer nannten ihn einen

Prachtkerl und fügten hinzu: »Unter Umständen fänden wir auch mit

Vergnügen einen ähnlichen Burschen im Busch und Walde und suchten seine

intimste Bekanntschaft zu machen. Selbst auf die Botanik könnte man in

einem solchen Falle sich mit Pläsier legen.«

Auch der Oberst bekam im Verlaufe der nächsten Woche Briefe. Es langte

ein Packet von Rio Janeiro an, eine Menge Dokumente enthaltend. Dieses

Packet sendete Senhor Joaquimo Pamparente, sein Rechtsbeistand, und Dom

Agonista fand sich bewogen, den Inhalt eingehend mit seinem Freunde

Philipp Kristeller zu besprechen. Er, der Oberst, schrieb an Senhora

Julia Fuentalacunas einen zärtlichen Brief, der aber doch zugleich auch

ein Geschäftsbrief war; -- leider reichte die Zeit zu einer Antwort der

Dame nun nicht mehr.

»Thut nichts,« sprach der zärtliche Krieger, »es wird sich jetzt alles

aufs Beste und Angenehmste arrangieren, wenn ich erst selbst wieder

drüben bin.«

Am meisten verkehrte Dom Agostin in diesen ernsten Geschäftstagen mit

dem heitern Doktor und Landphysikus Hanff. Beide vergnügte Gesellen

hatten Brüderschaft miteinander getrunken, und der Oberst Agonista fuhr

dann und wann des Spaßes wegen mit auf die Landpraxis. Jegliches Wetter

war dabei dem tapferen alten Soldaten recht, und der Doktor, der doch

auch das Seinige vertragen konnte, hatte auch hier seinen Begleiter als

ein Mirakel zu bestaunen.

»Bei den Göttern beider Halbkugeln, du wenigstens gehst mit mir

hinüber,« rief der Oberst, gegen Ende Novembers auf einer dieser Fahrten

den ersten Schnee des Jahres vom Fenster eines Dorfwirtshauses weit im

offenen Lande beobachtend. »Ich habe dir bereits hundertmal das

brillanteste Lebensglück garantiert und ich verbürge mich auch jetzt

wieder dafür. Sieh dir dieses Wetter an; -- ist das ein Klima für

verständige anständige und zu allem Übrigen mit Vernunft und Weib und

Kind begabte Menschen? Ist das eine Gegend, um siebzig Jahre drin alt zu

werden?«

»Meine Frau -- meine Jungen,« murmelte der Doktor.

»Werden sich sehr wohl dort acclimatisieren; ich rede dir ja eben gerade

vom Klima! Ein Jahr läßt du sie hier zurück, um dich drüben behaglich

einzurichten. Im nächsten Herbst führe ich meine Frau nach Paris in die

Honigwochen, und du begleitest mich, d. h. du schlägst deinen Winkel

hierher und holst dein Hauswesen nach. He -- was sagst du? Zum Teufel,

sieh auf den Kirchhof dort im Regen und Schneegestöber und sage mir, ob

es ein Vergnügen und eine Ehre sein wird, dort einst eine

Sandsteinplatte zu haben mit der Inschrift: >Hier liegt der Doktor

Eisenbart?!<«

»Zum Henker, Bruder,« ächzte der Landphysikus, »weißt du, was ich

wollte?«

»Nun?«

»Ich wollte, du wärest geblieben, wo du dich so wohl fühltest. Mein

gesunder nächtlicher Schlaf ist hin, seit du im Lande bist, und wie mir,

so geht es der Mehrzahl meiner Bekannten. Du hast, sozusagen, der ganzen

Gegend die Phantasie verdorben. Ich kenne auf drei Meilen in der Runde

niemanden, der noch ruhig auf seinem Stuhle sitzen kann. Da ist nicht

einer, der nicht hin und her rückt und überlegt und berechnet, was alles

er bis Dato im Leben versäumt habe.«

»Das mag für die Übrigen gelten, aber in deinem Alter hat man noch nicht

das Geringste versäumt, -- da brauchst du nur mich anzusehen. Übrigens

erlaube mir doch ein Wort: ich überrede niemanden! Diablo, wie käme ich

dazu, mit diesem meinem weißen Haar noch einmal von neuem anzufangen,

die Dummheiten meiner Jugend zu wiederholen, um mir eine frische Last

Gewissensbisse aufzuladen? In drei Wochen reise ich jetzt bestimmt; --

bestimmt, das sage ich dir! Bis dahin hab' ich mein altes Vaterland und

sein Verhältnis zu mir wieder in Ordnung gebracht und mache mich auf den

Weg und aufs große Wasser, auch für die alten Freunde in der Apotheke

die Fortuna, die spanische Silberflotte mit zu entern. O, die sollen

bequem hier sitzen bleiben unter ihrem Zeichen >zum wilden Mann<, -- ich

werde für sie handeln, und die nächste Post, die ihr von mir erhalten

werdet, wird das Weitere melden.«

»Er reist in drei Wochen!« seufzte der Doktor, hastig sein Glas

hinuntergießend.

Sechzehntes Kapitel.

Er hatte, wie man zu sagen pflegt, immer auf dem Sprunge gestanden, der

kaiserlich brasilianische Oberst Dom Agostin Agonista, aber diesmal

reiste er wirklich, und zwar auf die Stunde zum angegebenen Zeitpunkt,

nämlich am Mittage des 23. Dezembers. Man hatte ihn natürlich dringend

von allen Seiten aufgefordert, wenigstens das Weihnachtsfest über noch

zu bleiben, doch alles Bitten und Zureden war vergeblich geblieben.«

»Quält mich nicht länger,« hatte er gesagt, »ich kenne meine Natur und

weiß, was ihr gut ist. Diese liebe Feier im gemütvollen Vaterlande,

dieses holde Fest im sinnigen, gefühlvollen Deutschland würde mich zu

weich stimmen, und es ist unbedingt notwendig, daß ich mich, einige Zeit

noch, ein wenig härtlich halte. Ich bin das nicht nur mir, sondern auch

meinen guten braven Freunden in der Apotheke schuldig. Meine

Verpflichtungen erfordern es, was mein Herz auch dagegen zu sagen haben

mag.«

Damit verschwand er, verschwand spurlos, als jedermann bereit stand, ihm

noch einmal die Hand zu drücken und sich ihm zu empfehlen. Der Abschied

war so eigentümlich wie alles andere, was die Ankunft und den Aufenthalt

des Mannes am Orte begleitet hatte. Sie kamen alle zu spät dazu: Herr

Philipp aus seinem Laboratorium, Fräulein Dorette aus der Küche, der

Doktor Hanff von seinem nächstliegenden Patienten.

Der Oberst hatte den Wagen an die Hinterthür bestellt, war einfach

eingestiegen und abgefahren; sein Gepäck hatte er vorausgeschickt, und

die Gegend -- sah ihm nach.

Die aus der Apotheke sagten nichts, sondern seufzten, der Doktor schlug

sich vor die Stirn und rief ein wenig ärgerlich und enttäuscht:

»Ich hätte ihm doch gern noch ein Wort über meine Projekte gesagt! Man

bringt einem doch nicht so um nichts und gar nichts die Gedanken in

Unordnung und das Blut in Wallung; -- Donnerwetter, dieses Brasilien!«

Die übrigen Freunde und Bekannten kamen nach und nach verwundert und

erstaunt an das Fenster der Offizin.

»Er wollte vielleicht alles unnötige Aufsehen vermeiden,« sagte Fräulein

Dorette Kristeller kurz und tonlos. Ihr Bruder war selbst für den Pastor

und für den Förster nicht zu sprechen. Der Apotheker »zum wilden Mann«

fühlte sich durch die Trennung von seinem Jugendfreunde sehr angegriffen

und wünschte einige Tage ganz sich selber überlassen zu bleiben. Die

guten Bekannten begriffen das wohl und ließen das Geschwisterpaar in der

That über das Fest allein.

Über das Fest allein!

* * * * *

Da sitzen wir wieder unter den Bildern des Hinterstübchens der Apotheke

»zum wilden Mann«, und es ist der Abend des vierundzwanzigsten

Dezembers. Ein trübes Talglicht in einem schlechten Messingleuchter, den

Fräulein Dorette mit sich ins Zimmer brachte, brennt auf dem Tische. Der

alte Herr saß im Dunkel, bis die alte Schwester dieses Licht brachte; --

im trüben Scheine desselben sitzt er in dem Ehrensessel, und die alte

Schwester hat sich ihm gegenüber niedergelassen. Sie sehen beide

abgemattet-sorgenvoll aus; sie feiern beide eine betrübte Weihnacht.

Nach einem langen Schweigen sagte Fräulein Dorette:

»Plagmann aus Borgfelde will die Kühe gleich nach dem Feste abholen.«

Sie sagte das mit einem tiefen Seufzer; denn Bleß und Muhtz waren ihre

Herzensfreude und ihr Stolz, und sie mußte sich von beiden trennen.

Ihr Bruder nickte bloß und sprach nach einer Pause seinerseits:

»Ich meine, so ungefähr am fünfzehnten Januar würde die beste Zeit für

die Auktion sein.«

Und die Schwester nickte auch und stöhnte:

»Ja, ja, mir ist's recht! mir ist alles recht! o Gott!«

Nun versuchte der alte Herr, um doch etwas für das Fest zu thun, wieder

einmal heiter und ruhig auszusehen und rief:

»Courage, Alte! Wer wird so den Kopf hängen lassen? Du sollst jetzt

einmal zu deinem Erstaunen gewahr werden, mit wievielerlei unnützem

Gerümpel wir uns allgemach auf unserm Lebenswege bepackeselt hatten. Daß

wir die Landwirtschaft -- die Sorge und den Verdruß um Wiese und Feld

los werden, ist im Grunde auch nicht so übel und jedenfalls nicht das

Schlimmste. Offen gestanden, meine Knochen leisteten zuletzt doch nicht

mehr das, was sie früher mit Lust thaten.«

Der Trost war wohl gemeint, aber er half wenig. Plötzlich brach die

Schwester in ein helles, krampfhaftes Schluchzen aus:

»O grundgütiger Heiland, es wäre mir ja alles, alles recht, es kommt nur

so sehr spät! Bruder, es kommt zu spät, dieses Elend! -- Wäre dieser --

Mann um zwanzig Jahre früher gekommen, so würde ich ja mit Freuden mit

deinem Kopfkissen meine Bettdecke hingegeben haben; aber wahrhaftig,

jetzt ist es für uns zu spät im Leben geworden! Die Hypothek, die auf

dem Hause liegt, liegt auch auf mir wie ein Berg! Und dazu keinen --

keinen Menschen, dem man seinen Kummer klagen kann, klagen darf -- ja

klagen darf!«

»Nein,« rief Herr Philipp Kristeller, allen Nachdruck seiner Seele in

das Wort werfend, »nein, was wir hier tragen, das tragen wir für uns

allein! Fremde Nasen dürfen wir gewiß nicht in unser jetziges Dasein

hineinriechen lassen, Dorothea! Es wäre nicht zu rechtfertigen gegen den

Freund -- meinen Freund -- meinen Freund vom Blutstuhle! Ach, fasse nur

Mut, liebe Dorette, und mache mir vor allen Dingen keine solche

verzweiflungsvollen Mienen, du sollst sehen, wir behalten den Kopf doch

noch oben und führen auch unter den jetzigen Verhältnissen ein gutes und

stilles Leben weiter. Was würde meine Johanne sagen, wenn sie bis heute

mein Los mit mir geteilt hätte? Sieh, die Leute können wir denken und

reden lassen, was sie wollen.«

»Und ich sehe sie schon vor mir, wie sie die Köpfe zusammenstecken; der

Pastor und der Ulebeule, die Herren vom Gestüt, der Amtsrichter und der

Doktor. Sie werden sich schöne Historien zusammenphantasieren und uns in

einem bunten Lichte an die Wand hinmalen!«

»Laß sie! möge es nur dem alten tollen Freunde mit seinem jungen Glück

gut gehen! Ich sage dir, liebe Schwester, schon die Gewißheit, daß

niemand es so herzlich mit uns meint als er, wäre mir ein Trost, wenn es

mir vielleicht auch noch so kläglich zu Mute wäre. Jetzt glaubt er, mit

vollen Segeln seinem und unserem Glücke entgegenzuschwimmen; sieh, Alte,

und sein Geld hat doch wenigstens zum zweitenmal einem Menschen für eine

Stunde Behagen gegeben, was man wahrhaftig nicht von jedem Gelde sagen

kann, und wenn es auch wie hier zwölftausend Thaler wären.«

Die Schwester erwiderte nichts hierauf, sondern zuckte nur die Achseln,

welches ihr dann wieder Gewissensbisse machte. Sie stand auf, ging zum

Fenster und sah in den nächtlich winterlichen, gleichfalls schwer mit

Hypotheken belasteten Garten hinaus und wendete sich nach drei Minuten

erst ins Zimmer zurück:

»Es schneit tüchtig, Bruder. Weißt du wohl noch, Philipp, welch ein

Vergnügen und welche geheime Behaglichkeit wir gerade an diesem Tage am

Schnee hatten?«

»Ei gewiß,« rief der Bruder, »wie wären wir sonst wohl dies

Menschenalter durch so gut miteinander ausgekommen? Dorette, heute sind

wir doch die richtigen Narren gewesen, daß wir uns zum erstenmal nicht

einen Tannenbaum mit Lichtern besteckt haben. Allem zum Trotz hätten wir

das thun sollen! Nun das nächste Mal! -- im nächsten Jahre --«

»Wenn dein Freund vom Blutstuhle das Schiff mit den Fässern voll Gold

und Edelsteinen geschickt hat, als Abzahlung -- wenigstens für das

Rezept zum Kristeller! O, und dafür dreißig Jahre lang da seinen

Lehnstuhl frei gehalten zu haben!«

Das war echt weiblich und also nichts dagegen zu machen: der alte Herr

Philipp hielt sich an sein eigen männlich und treu Gemüt, ließ sich das

Wort nicht vor dem Munde abschneiden, sondern schloß seinen Satz:

»Wollen wir das diesmal Versäumte desto herzlicher und herzhafter

nachholen.« Der weiblichen Einschaltung wegen fügte er jedoch im Stillen

noch hinzu: »Wie es auch kommen mag.«

Was die Freunde der Umgegend anbetraf, so verwunderten sie sich in der

That sehr, als im Laufe des Winters und Frühjahrs in der Apotheke »zum

wilden Mann« sich vieles sehr veränderte; -- als die Möbeln aus den

Gemächern abhanden kamen, das Vieh aus den Ställen verschwand, als der

Blumengarten sich in einen Gemüseplatz verwandelte, das zierliche

Dienstmädchen eine andere gute Herrschaft suchte, dem Knechte gekündigt

wurde und es im Kreisblatte zu lesen stand, daß der Apotheker Herr

Philipp Kristeller so und so viel Morgen Wiesen und Ackerfeld an die und

die Bauern der Gemeinde und Feldmark verkauft habe. Als aber die Auktion

in der Apotheke selbst wirklich abgehalten wurde, boten sie

kopfschüttelnd mit; und auf dieser Auktion erstand der Förster des

Apothekers Bildergalerie, der Doktor die chinesische Punschschale und

der Pastor den Ehrensessel des Obersten in brasilianischen Diensten Dom

Agostin Agonista.

Ein kahleres Haus gab es nachher nicht im Orte. Nur der Inhalt der

Büchsen und Gläser in der Offizin blieb verschont; die Freunde und

Bekannten aber überlegten und mutmaßten nach allen Richtungen hin und

kamen zuletzt sämtlich auf die nicht ganz unwahrscheinliche Vermutung,

daß ihr Freund, Herr Philipp Kristeller, in schlechten Papieren ganz

heimlich spekuliert und sich verspekuliert habe.

Natürlich rieten sie ihm dringend, sich doch umgehend an seinen Freund,

den brasilianischen Obersten, zu wenden, und begriffen nicht, aus

welchem Grunde er das so sehr hartnäckig ablehnte.

Ende.

Zum wilden Mann · 第 7 / 7 段