»Das Amt, das meine Vorfahren seit mehr als zweihundert Jahren in

ununterbrochener Geschlechtsfolge verwaltet hatten -- rühmlich verwaltet

hatten, war eines Tages auf mich übergegangen, und ich habe es ausgeübt

-- einmal! -- wie gesagt, drei Tage vor jenem Anfall vom Veitstanz, in

welchem der da mich auf dem Blutstuhl fand. Sieh, Philipp, d a s w a r

e s! und deine Johanne hatte wohl Recht, wenn sie schon lange vor jenem

letzten Zusammentreffen dich auf mancherlei an mir aufmerksam machte,

was ihr nicht gefiel. Ach Gott, ich wollte, ich könnte es dem armen

guten Kinde heute abend auch sagen, wie gut sie mir stets gefiel. Sie

ist also tot -- ein Menschenalter tot? ach Philipp, Philipp, du hast es

kaum wissen können, wie viel Sonnenschein von ihr ausging, wo sie ging

und stand, und wie schwarz und scheußlich mir die Welt in dem schönen

Lichte vorkam. Auch verjährt! da wir noch am Leben sind und es uns wohl

geht, so wollen wir von uns reden. -- Ich war wunderlich erzogen worden.

Mein Großvater August Gottfried Mördling hatte das schlimme Erbamt noch

im reichlichen Maße und als finsterer Enthusiast bekleidet; mein Vater

hatte dagegen das Glück gehabt, daß in seine ganze, freilich nicht sehr

lange Lebenszeit nicht ein einziges Mal die unangenehme Notwendigkeit

fiel, die Kammer im Oberstock des Hauses aufzuschließen und mit dem Auge

und dem Finger an der Schärfe des breiten Schwertes mit der Jahreszahl

1650 hinauf und hinunter zu fahren. Von meiner Mutter weiß ich wenig zu

sagen. Sie war eine kränkliche, verdrossene Frau, und ich habe nur eine

Haupterinnerung von ihr, nämlich daß sie eine ausgebreitete

Geflügelzucht trieb und das Schlachten der Hühner, Puter, Enten, Tauben

und Gänse stets selber besorgte und zwar mit großer Kunstfertigkeit und

einer gewissen wilden Energie. Mein Vater, ein sanfter, gebildeter Mann,

der Schiller verehrte, Goethe verstand, für Uhland schwärmte und mich

erzog, ging bei solchen Exekutionen stets mit raschen Schritten vom Hofe

oder aus der Küche weg, indem er murmelte: O du grundgütiger Himmel! --

Mein Vater, Alexander Franz Mördling, war auch gereist, sowohl als

Kunst- wie als Naturliebhaber, er war in Frankreich, England und Holland

gewesen, sprach recht gut englisch und französisch und erzog mich nur zu

gut. Er machte auch mich zu einem gebildeten Menschen, der über Sonnen-

und Mond- Auf- und Untergänge zu reden wußte, und vor allen Dingen ein

Herbarium anzulegen verstand. Als die echten, richtigen Autodidakten

machten wir uns beide unsere Welt zurecht, -- eine Welt, aus der keiner

von uns beiden berufsmäßig herausgerufen werden durfte, ohne halb

verrückt zu werden und ganz zu Grunde zu gehen. Unser Erbhof lag

natürlich außerhalb der Stadt, versteckt im Grün, von uralten Linden

überschattet, durch hohe Mauern und ein gewaltiges Thor geschützt -- ein

Haus aus dem Ende des sechzehnten Jahrhunderts, warm im Winter, kühl im

Sommer -- ein Generalsuperintendent hätte drin wohnen und seine

Predigten abfassen können. Der Schall und Spektakel der Leute draußen

drang kaum zu uns; und wenn mein Papa mir unsere eigentlichen Zustände

keineswegs vorenthielt, so machte die Kenntnis davon durchaus keinen

niederdrückenden Eindruck auf mich. Es lag für den Knaben sogar ein Reiz

darin -- man war allein, aber man war auch etwas, was die anderen nicht

waren; -- liebes Fräulein, man saß wie ein geheimnisvoller Affe auf der

Mauer und grinste die Jungen drüben jenseits des Grabens, die nicht zu

grinsen wagten, so zu sagen unheimlich-vornehm an. Sie glauben es mir

nicht, Fräulein Dorette, aber es verhielt sich doch so. Da mein Vater in

seiner Abgeschiedenheit erträglich behaglich und zufrieden seine Tage

verbrachte, so hatte ich um so weniger Grund, mich über mein Schicksal

zu beklagen. Wir hatten durch Sommer und Winter unsere kleinen Freuden,

-- und Matthias Claudius würde sich sicherlich wohl in unseren

Beschäftigungen und träumerischen Grübeleien und Liebhabereien gefühlt

haben. Ja, es fällt mir erst jetzt bei: vom alten Wandsbecker Boten

hatte mein Alter das Meiste in seiner Natur; -- er konnte es sicherlich

nicht ahnen, welch ein Meister Urian in seinem Söhnchen steckte. -- Aber

endlich kam ein Winter, in dem mein Vater bei hohem Schnee und

hartgefrorenem Boden mit Tode abging; und ich ein mündiger, erwachsener

Mensch, der allem, was außerhalb unserer Hofmauer lag und vorging,

gänzlich unmündig gegenüberstand, ihn sterben sah.«

An dieser Stelle stand der Erzähler, der Oberst Dom Agostin Agonista auf

und ging zum Fenster, um nach dem Wetter zu sehen.

»Es ist das einzige, was einem bei außergewöhnlich unruhigen

Gemütsbewegungen hilft,« sagte er zurückkommend und seinen Stuhl wieder

einnehmend. »Übrigens hat der Herr Förster recht; es wird klar, und wir

werden morgen wohl einen schönen Tag haben. Wo war ich doch stehen

geblieben? Ja so, beim Tode meines Vaters und dem, was damit

zusammenhing. Ich muß die Herren und das Fräulein also noch eine Weile

inkommodieren.«

Sie hatten ihm alle, bis auf den Apotheker, starr und mit immer noch

hoch emporgezogenen Augenbrauen auf den Rücken gesehen, den er ihnen

zudrehte, als er aus dem Fenster guckte. Als er sich umwendete, wandte

ein jeder, nur der Apotheker nicht, die Augen wo anders hin und that so

unbefangen als möglich.

»Das nennst du uns inkommodieren, August?« fragte Philipp Kristeller

vorwurfsvoll zärtlich.

»Augustin -- Agostin -- Agostin Agonista, wenn es dir einerlei ist,

alter Bursch,« lachte der brasilianische Oberst und -- erzählte weiter:

»Wir waren allein im Hause, mein Vater, ich und eine alte Hexe von Magd,

die uns Beide seit meiner Mutter Tode in der raffiniertesten

Knechtschaft hielt. Mein Vater hatte schon längere Zeit gekränkelt, sich

selber bedoktert und war nun mit seiner Kunst zu Ende. Lieber Doktor,

der städtische Arzt, den wir zum Schluß herbeiriefen, konnte auch weiter

nichts thun, als die Achseln zucken, -- und, Freund Philipp, in der

Nacht vor seinem Abscheiden überlieferte mein Vater mir die Schlüssel zu

dem Archive unseres Hauses! Drei Tage nach seinem Begräbnis öffnete ich

den schwarzen Eichenschrank, in welchem die seit fast zweihundert Jahren

recht ordentlich geführte Chronik unserer Familie aufbewahrt wurde, und

trat damit in die Krisis ein, während welcher mein alter Philipp da und

seine so junge und schöne Johanne meine Bekanntschaft machten und so

viele Gründe hatten, sich über mich zu verwundern. Ich fand in dem

Schranke ein von meinen Vorvätern zusammengeschriebenes dickleibiges

Manuskript in schwarzem Lederband mit Messingecken und Haspen. Sie

hatten regelrecht Buch geführt, und es war ein recht nettes Hauptbuch

draus geworden mit allen Zahlen und sonstigen Belegen! Und ich las und

rechnete es nach bis auf meinen Herrn Großpapa hinunter -- ich las es

vom Anfang bis zum Ende, Wort für Wort, Datum für Datum, Zahl für Zahl;

und als ich in der dritten Nacht gegen zwei Uhr morgens von der

gräulichen Lektüre aufstehen wollte, da konnte ich nicht. Ich saß fest

im Stuhl, gerädert von unten auf, und draußen war es grimmig kalt -- der

Hofhund heulte und weinte vor Frost, und ich fühlte den Frost

gleichfalls bis in die Knochen, und dazu, halb wahnsinnig, mein Leben,

Fühlen, Denken, Meinen abgebrochen, wie wenn ein Stock übers Knie

abgebrochen worden wäre. Meine grimmige Hexe von Haushälterin hatte mich

am Ofen aufzuthauen wie ein steifgefrorenes Handtuch, und es währte

länger als eine Woche, ehe sich die allernotwendigste animalische Wärme

wieder in mir bemerkbar machte. Ich lag länger als eine Woche im Bett

und klapperte geistig und körperlich mit den Zähnen; dann aber lief ich

hinaus und lief mich warm durch das winterliche Land -- blieb vierzehn

Tage für diesmal vom Hause weg und suchte mir zu der Wärme auch den

Schlaf zu erlaufen, erlief mir jedoch nur die scheußlichsten aller

Träume. Es ist ein Wunder, daß keiner es mir heute ansieht, was für ein

Narr ich damals war! Nach meiner Rückkehr saß ich bis zum Frühjahr als

ein Idiot am Herde, und ohne den Frühling wäre ich sicherlich als ein

Idiot im Landesirrenhause elend und erbärmlich verkommen; und

eigentlich, lieber Philipp, habe ich über jene Periode meines Daseins

nichts mehr zu sagen. Ich fuhr in meinem Einspänner über die Grenze,

mietete in einem Dorfe eurer Provinz ein Absteigequartier und ging dann

in die Berge: -- da trafen wir uns, und du hieltest mich für einen

übergeschnappten Privatgelehrten, dem seine Freunde seiner Gesundheit

wegen geraten hatten, sich ein wenig auf die Botanik zu legen.«

»Ich habe meinen Freunden bereits vorhin mitgeteilt, mit welchem Respekt

mich deine Wissenschaft erfüllte,« rief der Apotheker »zum wilden Mann«,

und sie nickten rund um den Tisch und sprachen:

»Ja, ja! o freilich!«

Der Oberst Dom Agostin Agonista aber sah selbst in dieser Nacht zum

erstenmale sehr ernst, ja fast böse und finster drein und sagte:

»Ich würde dir im Laufe der Zeit meine Umstände wohl klarer erschlossen

haben, Philipp, ich würde dir alles von mir und meinem Leben erzählt

haben; aber dein Liebeswesen hat mich dran gehindert und mir den Mund

zugehalten. Lieber Junge, wenn mir etwas die Welt noch mehr verleidete,

so war das deine Braut. Bei Gott, ich habe euch oft gehaßt wegen eurer

Seligkeit, -- o Philipp Kristeller, in mehr als einer Stunde hätte ich

euch mit Vergnügen eine Fallgrube für eure Zärtlichkeit graben können.

Wäre das Eifersucht gewesen, so wär's schlimm genug gewesen; aber es war

noch schlimmer, es war Neid, der nichtswürdige zähnknirschende Neid.

Ach, Freund, Freund, damals hatte ich wahrhaftig nicht die Absicht, dir

im Leben auf die Beine und, so weit ich es konnte, zu einer Frau zu

helfen! Mußte da erst das Ärgste kommen, um mir den Sinn vollständig zu

wenden, und das Ärgste kam; -- gottlob, sage ich heute! -- Von einer

meiner vorgeblichen botanischen Rasereien ins Wilde zurückkehrend, fand

ich einen Brief zu Hause, ein Schreiben mit dem Siegel der

Oberstaatsanwaltschaft drauf. Ich wurde durch dieses Reskript umgehend

nach der nächsten Kreisstadt beordert, und was die hohe Behörde da von

mir verlangte und zu verlangen berechtigt war, das können die Herren und

die gütige Senhora sich sicher selber vorstellen; ich habe gewiß nicht

nötig, mit dem Finger die Richtung anzudeuten. Man legte mir ein vom

Landesherrn bereits unterzeichnetes Todesurteil vor, und ich hatte noch

drei Wochen Zeit, mich und meinen Patienten auf die mir obliegende

Operation vorzubereiten. Während dieser drei Wochen sahest du mich

nicht, Philipp Kristeller; aber du fandest mich drei Tage nach

vollbrachtem Amtsgeschäft auf der Opferklippe. Ja, ja, meine Herren,

nach gethaner Arbeit ist gut ruhen, und auch das war ein

Erholungsausflug! -- Ich hatte meine Sache gut gemacht und war gelobt

worden, von den Behörden, den Zeitungen und dem zuschauenden Pöbel; aber

ich trug schwer an der Ehre. Buchstäblich, -- ich trug meinen still und

um einen Kopf kürzer gemachten Patienten, minus diesen Kopf auf dem

Rücken, und ich hatte ihn eben auf den Blutstuhl hinaufgeschleppt, als

mein Freund Philipp die Klippe von der anderen Seite her erkletterte.

Seht, es ist immer von den Gefühlen des armen Sünders auf dem

Hochgerichte die Rede; aber diesmal waren auch die des Scharfrichters

bemerkenswerth; -- reden wir nicht davon: ich trug, wie gesagt, den

Rumpf des armen Teufels von dem Gerüste hinunter; er hing mir auf dem

Rücken, die Hände schleiften auf dem Boden nach, und ich hielt auf jeder

Schulter einen Fuß im blauen wollenen Strumpfe gepackt! So hab' ich ihn

auf den Blutstuhl hinaufgeschleift; und als du mich fandest, Philipp

Kristeller, auf dem Felsen liegend, das Gesicht zu Boden gedrückt, da

saß der Halunke auf mir, kopflos -- hatte mir eine Kralle in das

Nackenhaar gewühlt und sang sein diabolisches Triumphlied über mich --

ein Bauchredner sondergleichen; aber höchst widerlich, selbst heute

abend noch, nach einunddreißig Jahren ruhigeren Nachdenkens und kühlerer

Überlegung!«

Neuntes Kapitel.

Der Oberst schwieg und fuhr sich mit dem Taschentuche über die Stirn.

Man räusperte sich rund um den Tisch; der Förster und der Pastor hüllten

ihre Verlegenheit in die dichtesten Tabakswolken, der Landphysikus

schien die seinige in sich ertränken zu wollen, und alle drei -- sonst

gar nicht übele Leute -- sahen in diesem Momente merkwürdig stupide aus.

Fräulein Dorette Kristeller im Ehrenstuhle hatte sich soweit als möglich

aus dem Lichtschein in die Dämmerung zurückgezogen; man hörte sie leise

ächzen und seufzen, ja es schien sogar, als ob sie stoßweise in ihr

Taschentuch hineinschluchze. Eine solche Geschichte erzählte man trotz

allem nicht ungestraft, -- selbst im Kreise seiner allerbesten Freunde

nicht.

Dem alten Soldaten entging der gemachte Eindruck keineswegs, aber

nachdem er seinerseits die widerliche Erinnerung mit einer Hand- und

Armbewegung so zu sagen vom Tische gewischt hatte, stützte er beide

Ellenbogen auf die Platte und schaute munterer denn je um sich. Er

hatte, wie sich gleich auswies, noch extraordinärere Dinge in seinem

späteren Leben durchgemacht, er hatte nicht wie die anderen still im

Winkel gesessen, er hatte sich allerlei um die Nase wehen lassen, was

die meisten Leute für Sturm genommen haben würden, er aber nur noch für

Wind hielt. Er war nicht umsonst kaiserlich brasilianischer

Gendarmerieoberst geworden.

»Lieber, guter August -- Augustin,« flüsterte der Apotheker, »du bist

als ein eigentumsloser Bettler in deiner Verwirrung in die Welt

hinausgelaufen; -- du hast mir das Erbe deiner Väter überwiesen --«

»So ist es! Niemals hat ein Mensch mit gleich leerer Tasche dem alten

Europa den Rücken gewendet!«

»O meine Johanne -- meine liebe, arme Johanne!« seufzte der Apotheker

leise; aber da that der Abenteurer und Soldat einen sehr feinfühligen

Griff in die Ideenfolge seines Jugendbekannten.

»Nein, nein, Philipp, bei allen Mächten, nein! es ist nicht so! Das ist

nicht der Geschäftsgang zwischen Himmel und Erde! Du würdest sie doch

verloren haben -- o, um meine Hinterlassenschaft hat sie dir das

Schicksal nicht sterben lassen! Was hatte ihr Dasein und Geschick mit

dem zu schaffen, was alles an den Thalern hing, die ich damals auf der

Flucht von mir warf und dir an den Hals, weil du mir zufällig zunächst

standest. Das Kind ist nicht daran gestorben, Philipp! Ihr hättet ein

schönes Leben auf die Erbschaft meiner Vorväter gebaut, wenn die Schöne,

die Gute dir nicht doch hätte sterben müssen; und dann -- -- wer hier

unter uns hat wohl ein besseres Los gezogen als sie?«

Die Frage erforderte eine Antwort, und jeder gab sie auf seine Weise,

doch laut bejahete oder verneinte niemand. Der Apotheker »zum wilden

Mann« drückte zum hundertstenmale dem Obersten Agonista die Hand, und

dieser schüttelte sie ihm wiederum herzhaft und rief:

»Was kann es alles helfen -- jeder erlebt sein Leben, und wer noch mit

dem nötigen Humor davon zu erzählen weiß, der ziert jegliche Tafelrunde,

und selbst die Weisesten, Ehrwürdigsten und Ehrbarsten können ihn ruhig

ausreden lassen. Jetzo will ich einmal eine weise Bemerkung machen,

nämlich daß der größte Verdruß der Menschen im einzelnen daraus

entspringt, weil sie die Welt im ganzen für zu still halten. Meine

Herrschaften, die Welt ist nicht still, und man muß den Wirrwarr nur

recht kennen lernen, um das, was einem vom ersten Seufzer bis zum

letzten passiert, nach dem richtigen Maße zu schätzen. Hol der Teufel

die Narren, denen ihre vier Wände auf den Kopf zu fallen scheinen:

steigt aufs Dach jedesmal, wenn's euch zu angst wird und überzeugt euch,

daß das Firmament fürs erste noch nicht die Absicht hat,

zusammenzubrechen. Also, ich stand ohne einen Heller in der Tasche auf

dem Kai zu Neu-Orleans, so ungefähr in der Stimmung eines Menschen, der

aus einem schweren Rausch erwacht, übernächtig sich die Stirn reibt und

doch den kühlen Morgenwind mit Wohlbehagen auf seinen Schläfen fühlt.

Was aus mir werden mochte, war mir ganz gleichgültig. Ich war zu allem

bereit, zum Leben wie zum Sterben, und verkaufte, da ich Hunger hatte,

um wenigstens das allernächste Behagen noch einmal festzuhalten, mein

Halstuch und mein Taschentuch an einen wandernden Trödler. Traktierte

darauf meinen ersten guten Bekannten auf amerikanischem Boden, den

einarmigen Mulatten Aaron Toothache, und zwar in einem Lokale, in dem

Volk zusammensaß, von welchem man hier am Tische kaum einen Begriff

haben kann. Hier lernte ich einen Haufen Gesindel von vorbenanntem

Fregattschiff der Republik Chile, dem braven >Juan Fernandez<, kennen,

und wir gefielen uns gegenseitig. Wie die Bekanntschaft endlich im

Schiffsraume des >weißen Satans< auslief, habe ich euch bereits

mitgeteilt.«

Sie waren ihm während der letzten Minuten alle auf den Leib gerückt. Sie

schienen nach seinen letzten Äußerungen ihre geheime Scheu und Abneigung

gegen ihn gänzlich überwunden zu haben! Sie waren ihm so dicht an die

Ellenbogen gerückt, daß ihm die Luft auszugehen schien. Blasend machte

er eine Armbewegung, um sie wieder ein wenig von sich zurückzudrängen,

und wir -- wir machen es vollständig umgekehrt, als die aufs Äußerste

gespannten Lauscher in der Hinterstube der Apotheke »zum wilden Mann«:

wir rücken ab vom Kaiserlich brasilianischen Gendarmerieoberst Dom

Agostin Agonista.

Was dieser wunderliche Erzähler jetzt zu erzählen hatte, war freilich

bunt genug und voll Feuerwerk und Geprassel zu Wasser und zu Lande;

allein das alles war doch schon von anderen hunderttausendmal erlebt und

mündlich oder schriftlich, ja sogar dann und wann durch den Druck

mitgeteilt worden. Wir lassen ihn, den Oberst Agonista so ungefähr um

ein Uhr morgens noch einmal mit der flachen Hand über den Tisch

streichen und seine jetzige Lebens- und Weltanschauungsweise in ein

kurzes Wort zusammenfassen.

»Also im zweiten Jahre meiner Abfahrt von Hamburg stand ich als

Gefreiter in dem Peloton, das als Executionskommando in den

Festungsgraben befehligt worden war. Der Lieutenant hob den Degen, und

-- wir gaben Feuer: ich ohne Umstände wie die anderen. Von dem

Augenblicke an war ich von meiner europäischen Lebensbürde vollständig

frei. Ich machte mir aus dem Tage, der gestern war, und dem, der

vielleicht morgen sein konnte, nicht das Geringste mehr; -- juchhe, wie

der Dichter stellte ich meine Sache auf nichts! So bin ich immer bei

mir, und zwar bei mir allein gewesen: auf dem Marsche, wie in der

Wachtstube, am Feuer in der Indianerhütte wie in den Salons der

Präsidialstädte. Ja, meine Herrschaften, habe ich da drüben manchen

Präsidenten in mancher Republik kommen und gehen sehen, habe selber

geholfen, den Excellenzen Stühle zuzurücken oder sie ihnen unterm Sitze

wegzuziehen, wie's sich gerade schickte. Venezuela machte mich zum

Luogotenente, Paraguay zum Major; aber Seine Majestät Dom Pedro von

Brasilien war am gnädigsten gegen mich, und so fand ich denn auch am

meisten Gefallen an ihm. Wir beide haben jetzt manch liebes Jahr das

vielfarbige Gesindel in Rio Janeiro zur Ordnung und Tugend angehalten:

er durch regelrecht richtige konstitutionelle Güte, ich durch flache

Säbelhiebe und im Notfall durch einen kurzen Galopp, drei Schwadronen

hinter einander, rund über das Pack weg. Meine Herren und Sie, liebes

Fräulein, Sie werden sicherlich noch einmal erschrecken und mich von der

Seite ansehen; aber es ist nicht anders, und bei der Wahrheit soll der

Mensch bleiben: wenn ich das Köpfen aufgegeben habe, so habe ich mich

desto energischer auf das Hängen gelegt und gefunden, daß es eine viel

reinlichere Arbeit ist und seinen Zweck ebenso gut erfüllt. Was aber das

Gehängtwerden anbetrifft, so habe ich selber die Schlinge mehr als

einmal um den Hals gefühlt, gottlob ihn aber stets noch glücklich

herausgezogen. Ei ja, ich komme jetzt ganz gut mit jedermann aus -- bin

hoffähig und reite bei feierlichen Aufzügen am Kutschenschlage Ihrer

kaiserlichen Majestäten. Komme ich nach Rio heim, so werde ich mich

verheiraten; denn für ein ferneres junggesellenhaftes Umherschweifen

wird's allmählich ein wenig spät. Doch davon morgen, und nun vor allen

Dingen das letzte Glas von diesem höchst vortrefflichen Getränk und dazu

ein Rat, Wunsch und Trinkspruch: Verehrte Freunde, da wir einmal da

sind, so leben wir, wie es eben gehen will; und da das, was uns endlich

aus dem Dasein hinausschiebt, immer am Werk ist, so schieben wir ohne

Skrupel gleichfalls; -- vor allen Dingen aber lebe e r hoch -- mein

Freund, mein lieber, alter, guter Freund Philipp Kristeller und mit ihm

wachse, blühe und gedeihe fort und fort seine Apotheke >zum wilden

Mann!<«

Das riefen sie alle nach und klangen die Gläser an einander, und dabei

erhoben sie sich und standen verwirrt, schwankend ob all des

Abenteuerlichen, das der Abend enthüllt und gebracht hatte. Wie die

Gäste Abschied von dem Hausherrn, seiner Schwester und dem Oberst

Agostin Agonista nahmen, wußten sie selbst nachher kaum anzugeben.

Der Oberst aber sagte:

»Philipp, einen Schlafrock und ein Paar Pantoffeln bitte ich mir aus.

Ich will es doch wenigstens einmal noch behaglich im deutschen

Vaterlande haben.«

Die beiden Freunde vom Blutstuhl umarmten sich noch einmal; wir aber

begleiten den Förster Ulebeule und den Pastor ein Endchen auf ihrem Wege

nach ihren Wohnungen.

Zehntes Kapitel.

Daß sie, der Förster, der Pastor und der Landphysikus _Dr._ Hanff, ihren

freundlichen Wirten gute Nacht oder vielmehr guten Morgen gesagt hatten,

stand fest.

Der Apotheker hatte sie mit dem Lichte an die Thür begleitet, und sie

standen auf der Landstraße, wo der Doktor seinen Einspänner bereits

wartend fand. Sie vernahmen noch, wie der Hausherr drinnen den Schlüssel

im Schloß umdrehte, und niemand hinderte sie jetzt mehr, ihren

Stimmungen, Gefühlen und Ansichten die Thüren weit aufzuwerfen.

Der Erste, der das Wort ergriff, war natürlich der Doktor, und er rief

von seinem Wagentritt aus:

»Nicht wahr, da hab' ich euch wieder mal einen tollen Gesellen ins Dorf

geschleift? He, ihr hattet wohl kaum eine Ahnung davon, daß es

dergleichen auf Erden geben könne, -- was? Mir gefällt der Kerl

ausnehmend wohl, und ich freue mich unbändig auf eine fernere und

genauere Bekanntschaft, -- zu Worte wird er einen im Laufe der Zeit ja

auch wohl einmal kommen lassen. Wir laden ihn natürlich rund herum der

Reihe nach zum Essen ein.«

»Natürlich, und er soll sich dann auch über uns wundern,« rief Ulebeule,

und der Doktor fuhr ab auf der Landstraße zur Rechten; er hatte ein gut

Stück Weges zu fahren, ehe er seine Behausung erreichte.

Die beiden anderen wendeten sich links, und der geistliche Herr trug

vorsichtig seine Taschenlaterne voran. Wo ihre Wege aber schieden,

standen sie noch einmal still und sahen nach der Apotheke »zum wilden

Mann« zurück. Das Haus lag dunkel da unter dem wieder dunkel und schnell

ziehenden Gewölk. Obgleich der Wind sich ein wenig gelegt hatte und die

Sterne sichtbar waren, trieb sich noch genug bedrohliches Gedünst am

Himmelsgewölbe um, und die Pappeln in der Nähe der Apotheke schwankten

wie betrunkene Gespenster.

»Mir wird jenes Haus dort nie wieder so aussehen, wie ich es bis zum

heutigen Abend gekannt habe,« sagte der Pastor. »Was sagen Sie, lieber

Freund?«

»Das weiß der Teufel!«

Der geistliche Herr zog ein wenig die Achseln zusammen.

»Sie sollten dieses böse Wort vorsichtiger gebrauchen, Bester,« meinte

er. »Freilich, freilich, nach dem, was wir eben vernommen haben -- wer

kann da sagen -- wer da seine Hand im Spiele gehabt hat? Ich lobe mir

Zustände, die auf besseren Grund und Boden gebaut sind als -- -- kurz,

was halten Sie vom heutigen Abend an von den Umständen unseres Freundes

Kristeller?«

»Der Alte ist mir lieber denn je geworden!« rief der Förster voll

Enthusiasmus. »Das nenn' ich einen braven Mann und einen guten Menschen!

Wenn einer es verdiente, diesem famosen Scharfrichter und

brasilianischen Generalfeldmarschall zur richtigen Stunde auf seinem

Wege zu begegnen, so war's unser Philipp. Die Welt oder nur ein Stück

davon würde er freilich nicht erobert haben, aber was man ihm giebt, das

nimmt er mit Bescheidenheit und Dankbarkeit, und für unsere Gegend ist

er doch wirklich diese dreißig Jahre durch ein Segen gewesen.«

»Und der andere -- dieser andere -- dieser Dom -- Dom -- Agonista?!«

»Hören Sie, Pastore, den muß man sich erst bei Tage besehen, ehe man ein

Urteil über ihn abgeben kann; bei Lampenlicht geht nichts in der ganzen

weiten Welt über ihn! das ist ein Prachtkerl; -- wahrhaftig, solch ein

Gesell aus Schmiedeeisen und Eichenholz rückt einem nicht alle Tage an

den Ellenbogen. Was wollen Sie -- ich glaube, ich glaube, mich hat lange

nichts so sehr geärgert, als daß er mir nicht auf der Stelle angetragen

hat, Brüderschaft mit ihm zu machen.«

»Da bin ich denn doch in der That ein wenig weichlicher als Sie, lieber

Ulebeule,« sagte der Pastor mit einem leisen Schauder. »Mir ist dieser

plötzlich wie aus dem Boden aufgestiegene Mensch entsetzlich! Die

Kaltblütigkeit, mit welcher er aus nichts in seinem Leben ein Hehl

machte, griff mir in alle Nerven. Wenn ich zu viel Punsch getrunken

haben sollte, so bin ich nicht schuld daran, sondern dieser -- dieser --

dieser ungewöhnliche Erzähler. Wehren Sie sich einmal gegen ein

fortwährend Einschänken, wenn es Sie fortwährend heiß und kalt

überläuft! Hatten Sie wirklich vorher eine Ahnung davon, daß es solche

Lebenswege und Fata in unseres Herrgotts Welt geben könne?«

Zum wilden Mann · 第 4 / 7 段