alte Schwester leidenschaftlich erregt. »Nein, nein, sie haben wohl
davon gehört; aber das rechte Wissen haben sie doch nicht davon.«
»Es war sehr traurig, Fräulein Kristeller,« sprach der Pastor, und
Ulebeule seufzte schwer und murmelte:
»Ja, ja; aber Ihr seid nicht der Erste, Philipp, dem solcherart das Glas
vor dem Munde weggeschlagen wird.«
»Das Haus stand; aber die Braut, die junge Frau sollte nicht einziehen.
Sie starb an dem Tage, auf welchen die Hochzeit festgesetzt war, und an
ihrer Stelle habe ich meinem armen Bruder seine Wirtschaft geführt,
diese dreißig Jahre hindurch, dieses Menschenalter, von welchem an
diesem stürmischen Abend so viel die Rede gewesen ist.«
»Und wir haben unsere Tage in der Stille doch gut verlebt,« sagte der
Apotheker »zum wilden Mann« wehmütig lächelnd. »Wir sind in Frieden grau
geworden, und der Sturm, der vor dem Fenster vorbeibraust, kümmert uns
wenig mehr. Der freie Stuhl ist leer geblieben, und der, für welchen der
Sitz aufbewahrt wurde, hat seine Ruhe wohl auch gefunden, an einem
anderen Orte weit in der Fremde; hoffentlich nachdem er sich, wie er in
seinem wilden Briefe da sagt, zu den Menschen zurückgefunden hatte. Wir
aber, die wir hier miteinander alt geworden sind, wir wollen in Treue
und guter Gesinnung auch fernerhin bei einander bleiben und kein
Ärgernis an einander über die nächste Begegnung hinaus weiter tragen.«
»Das wollen wir!« sprachen beide Männer wie aus einem Munde.
»Gewiß, gewiß,« sagte das Fräulein.
Siebentes Kapitel.
Der Regen hatte augenblicklich aufgehört; aber der Wind war dafür um ein
ziemliches heftiger geworden. Nach dem, was da erzählt worden war, ließ
sich ein gleichgültiges Gespräch nicht leicht anknüpfen, und doch fühlte
jeder das Bedürfnis dazu im hohen Grade.
Als Ulebeule sich endlich zusammennahm und kläglich sagte:
»Es ist doch ein tüchtiger Wind!« machte Fräulein Kristeller freilich
die dazu gehörende Bemerkung:
»Ach ja, und die armen Leute, die jetzt auf dem Wasser sind!« aber das
Gespräch war damit doch wieder zu Ende und fiel kläglich zu Boden. Herr
Philipp hatte seinen schicksalvollen Brief wieder in das gelbgewordene
Couvert geschoben und trat eben mit demselben in die Thür seiner
Offizin, als er stehen blieb und rief:
»Da ist der Doktor!«
»Der Doktor!« riefen aufatmend und mit glatt auseinander sich legenden
Mienen alle ihm nach. »Der Doktor! richtig, er wird es sein.«
Er war es. Man vernahm draußen vor den Fenstern der Offizin, nicht des
Hinterstübchens, Rädergeknarr, das Stampfen eines Gaules,
Peitschengeknall und dazwischen eine laute joviale Stimme:
»Holla, heda! Giftbude! Lichter an die Fenster! Bist du da, Friedrich,
so reiß' das Scheunenthor auf und leuchte, daß wir die Karete und uns
aus der Sündflut und dem sonstigen Orkane in Sicherung bringen!«
Das alte Fräulein lief schnell hinaus und dem gern gesehenen dritten
Hausfreunde entgegen. Behaglicher lehnten sich der Förster und der
geistliche Herr auf ihren Stühlen zurück. Der Apotheker stand lächelnd
mit seinem vergilbten Briefe in der Hand da und horchte mit den andern.
Schon hörte man jetzo auf der Hausflur des Doktors lustige Stimme,
dazwischen die Stimme Dorothea's, und dann sprach noch jemand darein,
gleichfalls kräftig-heiter.
»Er kommt nicht allein. Er bringt uns einen Gast oder sich einen
Patienten mit,« sprach der Apotheker »zum wilden Mann«, und sofort
zeigte es sich, daß das erstere der Fall war. Weit flog die Thür, die
von der Hausflur in das bilderreiche Hinterstübchen führte, auf, und mit
dem Landphysikus _Dr._ Eberhard Hanff trat der Gast ein, höflich auf der
Schwelle um den Vortritt sich mit Fräulein Dorothea bekomplimentierend.
»Keine Umstände, Herr Oberst,« rief der Doktor, den ältlichen,
breitschulterigen, stattlichen alten Herrn mit dem schneeweißen Haar,
den schwarzen scharfen Augen im munteren tiefgebräunten Gesichte weiter
vorschiebend. Und ohne alle weiteren Umstände stellte er vor:
»Colonel Dom Agostin Agonista -- im Dienste Seiner Majestät des Kaisers
von Brasilien, -- von mir aufgegriffen auf dem Wege zum wilden -- ach,
Herrje, Punsch?! -- o Oberst, habe ich es nicht gesagt? Fräulein
Dorette, Sie wissen meine Gefühle und Gemütsstimmungen doch immer auf
drei Meilen Weges hinaus zu ahnen; -- Punsch!! Die Herren werden sich dem
Herrn Oberst am besten selber bekannt machen. Ach, Fräulein Dorette, je
bösartiger die Witterung, desto inniger die Ahnung Ihrerseits; --
erlauben Sie mir, daß ich Ihnen die Hand küsse.
»Lassen Sie das dumme Zeug nur und hängen Sie lieber Ihren Mantel an den
Haken,« sprach die Schwester des Apothekers, »der Herr Oberst ist uns
sehr willkommen, und wir bitten höflichst, Platz zu nehmen.«
Der Landphysikus pflegte die Leute, die er dann und wann auf seinen
Berufswegen »als Gäste aufgriff« und in irgend ein beliebiges Haus mit
sich nahm, stets in einer ähnlichen Weise vorzustellen und sie dadurch
gewöhnlich in nicht geringe Verlegenheit zu bringen. Der brasilianische
Oberst jedoch ließ sich nicht so leicht in Verlegenheit setzen. Er
wendete sein munteres, vernarbtes altes Soldatengesicht heiter und hell
im kleinen Kreise umher und sagte mit dem leisesten Anhauch eines
fremdartigen Accentes:
»Meinerseits nenne ich dieses einen raschen Überfall, meine Dame und
meine Herren, und bitte sehr um Entschuldigung wegen dieses nächtlichen
Eindringens. Der Herr Doktor fand mich freilich in einer höchst
erbärmlichen Schenke am Wege durch den Sturm und die Nacht festgehalten
hinter dem Tische und hat in der That in der freundlichsten Weise den
barmherzigen Samariter gespielt. Er nahm mich in seinen Wagen auf und
bot mir ein besseres Nachtquartier in dieser Ortschaft an. Ich folgte
ihm gern, und dann hielt er vor diesem Hause an, -- um einen
>Kristeller< zu nehmen, wie er sagte, -- auf einen Moment, wie er sagte,
und ich kam mit ihm herein, um auch einen >Kristeller< zu mir zu nehmen,
und mein Name ist wirklich Agonista, und ich bin Oberst in
brasilianischen Diensten.«
»Mein Name ist Kristeller; aber der Doktor, mein lieber Freund, nennt
einen Liqueur so, dessen Erfindung mir gelungen ist, Herr Oberst,« sagte
der Apotheker. Ȇbrigens ist uns allen hier Ihr Eintritt in unseren
kleinen Kreis eine Ehre und ein großes Vergnügen.«
Der Pastor und der Förster sprachen nun gleichfalls ihre Befriedigung
über die zeitgemäße Ankunft des interessanten Fremden aus. Man
schüttelte sich die Hände und schob von neuem die Stühle an den Tisch.
»O -- Fräulein Dorette, ich habe Ihnen wie gewöhnlich mein Kompliment zu
machen!« rief der Landphysikus _Dr._ Eberhard Hanff, in Extase nach
einem langen Zuge die Nase aus dem Dampfe des Getränkes des Abends in
die Höhe hebend. »Finden Sie jetzt nicht auch, Colonel, daß wir hier
besser aufgehoben sind als dort in der Kneipe >zum Krug ohne Deckel<
oder wie die Räuberhöhle sonst heißt? he, und wie wehrte und sperrte
man sich gegen das bessere Verständnis eines landkundigen Mannes!«
»Es ist gewiß besser hier,« sagte der Soldat mit einer Verbeugung gegen
die Schwester des Hausherrn. »Man wehrt sich oft gegen sein Glück,
Senhora -- man sollte es nicht thun.«
Die Übrigen gaben dem Oberst natürlich recht, und dann redete man ebenso
selbstverständlich von neuem eine geraume Zeit über das Wetter; doch
dann auch über die Wege, über die Wegschenke, in welcher der Doktor den
Fremden gefunden hatte, über die Gegend im allgemeinen und besondern,
über das frühe Abziehen der Zugvögel in diesem Jahre, über dieses und
jenes: nur der Apotheker »zum wilden Mann« nahm an dieser Unterhaltung
wenig Anteil.
Er, Philipp Kristeller, saß seinem brasilianischen Gaste gegenüber. Den
alten Brief hatte er nicht wieder in sein Pult verschlossen, sondern,
durch die plötzliche Ankunft des Doktors und des Fremden daran
gehindert, ihn wieder mit sich gebracht und auf dem Tische von neuem vor
sich niedergelegt. Er stützte jetzt den Ellenbogen darauf und lächelte
in das Gespräch der Übrigen hinein, doch wie abwesend und den eigenen
Gedankengespinnsten nachgehend. Daß der so plötzlich und unvermutet in
seinem stillen Hauswesen erschienene ausländische Herr seine innere
Erregung vermehrte, konnte man nicht sagen, doch richtete er, der
Hausherr, dann und wann verstohlen forschend den Blick auf den Gast; und
die Antworten, die er sodann auf an ihn gerichtete Fragen gab, waren
noch um ein weniges zerstreuter.
Der Arzt erkundigte sich zuerst scherzhaft nach dem Grunde, und Ulebeule
antwortete für den Apotheker.
»Laßt ihn, Medicus, hat sich der Bär erniedrigt, so wird er sich wohl
bald um so mehr erheben; denn wozu hat er seine Hinterpranken sonsten?
fragt man in Polackien. Wäret ihr eine Viertelstunde früher gekommen, so
hättet ihr uns a l l e insgesamt in einer noch viel kurioseren Stimmung
angetroffen. Wie die Hasen ihre Hexensteige durchs Korn, so haben wir
uns an diesem Abend unsere Wege durch die angenehme Unterhaltung
gebissen. O, wir haben seltsame Historien vernommen!«
»Ulebeule!« rief der Apotheker; doch der Förster war in seinem Eifer
nicht imstande, auf den Ruf zu hören.
»Ich sage Ihnen, Doktor, es ist ein Jammer und Schade, daß Fräulein
Dorette's Punsch Sie und den Herrn Oberst nicht ein wenig früher
angeludert hat. Wie Federwild sind die merkwürdigsten Geschichten um uns
her aufgestoben. Wir wissen jetzt, weshalb sich dreißig Jahre lang
keiner von uns in diesen Lehnstuhl da hat setzen dürfen; -- wir wissen,
in welcher Weise unser Freund Philipp bei uns ankam, -- wir haben viel
gehört von Liebe und Tod, von wilden Männern und alten Geldbriefen, wie
nicht jedermann solche von der Post zugeschickt kriegt. Waren Sie jemals
in Ihrem Leben auf dem Blutstuhle, Doktor?«
»Ulebeule?!« rief jetzt auch der geistliche Herr, und diesmal hörte der
Förster.
»Nun, nun, -- ja, ja, Ihr habt recht!« brummte der redselige Waidmann
kleinlaut. »Nehmt's nicht übel, Kristeller, da Ihr selber so vertraulich
waret --«
Herr Philipp füllte freundlich dem biederen Hausfreunde das Glas und
reichte ihm die Hand; doch nun sagte der Doktor Hanff:
»Zu den kuriosen Geschichten sind wir, die wir unsererseits dergleichen
vielleicht auch dann und wann erlebten, diesmal zu spät gekommen. Aber
eine Frage erlaube ich mir doch: habt ihr diesen guten Trunk hier jener
Historien wegen etwa zusammengebraut?«
Der brasilianische Oberst Dom Agostin Agonista, der die ganze Zeit
hindurch mit nachdenklichen Augen auf den leerstehenden Ehrensessel
geschaut hatte, sah jetzt scharf auf und hell und heiter im Kreise
umher, zuletzt am schärfsten auf den Herrn des Hauses. Währenddessen
antwortete der Pastor dem Physikus und den forschenden Blicken des
Colonels zugleich mit:
»Sie sind zu einem eben so freudigen wie ernsthaften Gedächtnisfeste
gerade noch zur rechten Zeit gekommen, lieber Doktor. Unser Freund
Kristeller sitzt heute gerade dreißig Jahre hier in diesem Hause >zum
wilden Mann<, Herr Oberst. Er ist uns und allen Bewohnern der Gegend
weit und breit ein lieber, treuer Freund und Helfer ein ganzes
Menschenalter durch gewesen; den Punsch hat uns Fräulein Dorothea
improvisiert, und Ihre Einladung würden Sie zu Hause vorgefunden haben,
lieber Doktor.«
»Den Umweg habe ich mir demnach gespart,« lachte der Landphysikus. »Mein
Herr Vater verwunderte sich gleich über meine verständige Nase, als die
Wickelfrau mich ihm auf die Arme legte.«
Noch eine Bemerkung über seinen Hausschlüssel anfügend, sah der Humorist
des Ortes von einem zum anderen, aber man lächelte diesmal nur, man
lachte nicht mit oder hielt sich gar vor Lachen am Tische. Am
vergnügtesten sah noch der Oberst aus, und dieser erhob nunmehr auch
sein dampfendes Glas und sprach:
»So erlaube ich mir denn, als ein wie vom Himmel in diese Behaglichkeit
hineingefallener Fremdling gleichfalls auf diesen schönen und wichtigen
Gedenktag und Abend zu trinken. Dreißig Jahre sind eine lange Zeit;
manches wird darin anders -- Gesichter und Meinungen. Und meine gnädige
Dame und meine guten Herren, auch ich kann heute ebenfalls ein mir sehr
merkwürdiges und folgenreiches Gedächtnisfest feiern; -- auch mir sind
heute gerade dreißig Jahre vergangen, seit ich zum erstenmale im Feuer
stand und zwar an Bord der chilenischen Fregatte >Juan Fernandez< gegen
den >Diablo blanco<, den weißen Teufel, ein Schiff der Republik Haity,
um am folgenden Morgen mit einem Holzsplitter in der Hüfte und einem
Beilhieb über der Schulter im Raum des Niggerpiraten aus der
Bewußtlosigkeit aufzuwachen!«
»Wozu man freilich heute noch gratulieren kann,« brummte der Doktor,
während die anderen auf andere Weise ihr Interesse und Mitgefühl
kundgaben.
»Wozu ich mir ganz gewiß heute noch Glück zu wünschen habe,« sagte der
tapfere alte Krieger, »denn in diesem gottverdammten Schiffsraume, dem
schwärzesten, stinkendsten Loche, das je auf dem Wasser schwamm, lernte
ich einen Arzt kennen, der eine Kur an mir verrichtete, wie sie keinem
europäischen Mediziner gelungen wäre --«
»Das wäre der Teufel!« rief der europäische Physikus.
»Der war es so zu sagen auch,« sprach gelassen der brasilianische
Oberst, »und er klopfte mich auf die Schulter und sagte: >Senhor, eine
Zeit lang hat jedermann auf Erden das Recht, den Narren zu spielen, nur
darf er das Spiel nicht über die gebührliche Zeit fortsetzen, er macht
sich sonst lächerlich; Ihr gefallt mir, Senhor, und ich meine es gut mit
Euch, -- diesmal kommt Ihr noch mit dem Leben davon; erinnert Euch
meiner und ruft mich, wenn Ihr mich braucht; ich stehe immer an Eurem
linken Ellbogen.< -- Meine Herrschaften, das Ding verhielt sich wirklich
so, und ich habe den Schwarzen jedesmal, wenn ich ihn nötig hatte,
gerufen, und mich stets wohl dabei gefunden. Vorher war's mir herzlich
schlecht in der Welt ergangen, und ich hatte mich recht übel darin
befunden.«
Der geistliche Herr rückte ein wenig ab von dem sonderbaren Gaste,
Fräulein Dorothea Kristeller murmelte:
»Ei, ei! hm, hm;« -- der Apotheker sagte noch immer nichts; aber
Ulebeule rief entzückt:
»Das ist ja aber heute wie ein Abend aus dem Tausendundeinenachtbuche!
Wir sind drin im Erzählen, und wenn's nach mir geht, bleiben wir bis zum
Morgen dabei. Lieber Herr Oberst, unser alter Philipp da hatte vom
Anfange an auch nicht die Absicht, uns alles das, was er uns berichtet
hat, zu beichten; er geriet nur so ganz allgemach auf die Fährte, und
wir haben ihn nur durch gute Ermunterung darauf gehalten. Herr Oberst,
nehmen Sie sich gütigst ein Exempel und erzählen Sie weiter von den
Mohren. Der Abend ist ganz darnach; -- was meinen Sie, Pastore?«
Der Pastor war wieder zugerückt und bot dem fremden Kriegsmann die Dose.
Dom Agostin Agonista lächelte gutmütig und sagte vergnügt:
»Ich weiß nicht, was für wilde Historien unser freundlicher Herr Hospes
von sich erzählt hat; mein Leben ist sicherlich ins Wilde geschossen und
hat Früchte gebracht, die auf jedem Markte Verwunderung erregen müssen.
Zuerst wucherte das Gewächs phantastisch ins Kraut, und mehr als ein
Botanikus wartete mit Spannung auf die überirdischen Blüten und Früchte.
Jawohl! Der große Hurrikane kam, der Wind und Sturm über Land und See,
-- die Blätter wurden weggefegt, die Blüten, oder was so aussah, dito.
Endlich fand sich so ungefähr drei bis vier Fuß unter der Erde etwas,
was mit der Kartoffel einige Ähnlichkeit hatte -- allerlei Knollen durch
Fasern aneinanderhängend -- ungenießbar, zäh, ein abgeschmacktes Produkt
der alten Mutter Erde. Dazu hat man es denn gebracht, meine
Herrschaften, und der einzige Trost ist nur, daß eben nicht ein jeder
nach seiner Wahl ein Pomeranzen-oder Palmenbaum werden kann. Je früher
aber der Mensch herausfindet, in welche Klasse er nach Linné oder Buffon
gehört, desto besser ist es für ihn und desto schneller kommt er zur
Ruhe und zur Zufriedenheit mit seinen Zuständen. So lange er's noch
nicht heraus hat, spuckt er Gift und Galle in den schönsten Sonnenschein
hinein und macht Brüderschaft mit dem Schneegestöber und Winterwinde.
Ich halte das auch für eine Philosophie, Herr Kristeller.«
»Das ist es auch, Herr Oberst,« sagte Herr Philipp. »So lange aber der
Mensch jung ist, findet er die große Wahrheit selten. Ja, Viele -- die
Meisten finden sie nie und glauben an ihre Palmbaumberechtigung bis zum
Ende.«
»Und das ist ein Glück,« rief der wetterfeste, philosophische
Kriegsmann, »denn ohne diese glückliche Illusion würde die ganze
Menschheit doch nichts weiter sein als ein sich elend am Boden
hinwindendes Geschling und Gestrüpp. Übrigens sind die Kartoffeln und
die Trüffeln gar nicht zu verachten.«
»Aber mit dem Mohrenschiff und dem schwarzen Satan, der den verehrten
Herrn Oberst so zutraulich auf die Schulter klopfte, hat dieses alles
doch eigentlich nicht das Geringste zu schaffen -- nicht wahr?« fragte
Ulebeule.
»Bravo, Förster!« rief der Doktor. »Ihr seid und bleibt ein
hirschgerechter Waidmann. Tago! Tago! Ihr laßt Euch wahrlich nicht von
der Fährte abbringen. Geben Sie sich nur drein, Oberst, und erzählen Sie
uns von dem Mohrenschiffe und Ihren sonstigen spaßhaften und ernsthaften
Erlebnissen. Die Nacht ist schwarz genug dazu, und wir sind ganz Ohr.«
Nun schien der richtige Ton für die folgende Unterhaltung gefunden zu
sein; aber in demselben Moment jagte der Colonel Agonista alle, nur den
Hausherrn nicht, in hellster Überraschung, ja im jähen Schrecken von den
Stühlen empor.
Er hatte sein Glas erhoben und sagte jetzt langsam und ruhig:
»Lassen Sie uns anstoßen auf das Wohl aller wetterfesten Herzen,
gleichviel ob sie ihre Schlachten innerhalb ihrer vier Wände
durchfechten oder durch Blut und Feuer über den halben Erdball
herumgeworfen werden. Kennst du mich nicht mehr, Philipp? Kennst du mich
wirklich nicht mehr, Philipp Kristeller?!«
* * * * *
Der Apotheker »zum wilden Mann« hatte den Geldbrief, der bis jetzt unter
seinem Ellenbogen gelegen hatte, gefaßt und in der zitternden Hand
zusammengeknittert. Seit fünf Minuten schon wußte er, wer sein Gast war,
und der Oberst Dom Agostin Agonista hatte das auch gewußt. Nun aber
griff die Schwester zu und stützte den Bruder; der Oberst faßte ihn von
der anderen Seite und so erhob er sich jetzo mühsam wie die Übrigen,
legte beide Arme dem Gaste um die Schultern, legte ihm das Gesicht an
die Brust und stöhnte:
»Nach einem Menschenalter also!«
Der Doktor, der Pastor und der Förster verwunderten sich, ein jeder auf
seine Manier, und es währte eine ziemliche Weile, ehe jedermann wieder
Platz genommen hatte.
Endlich saßen sie wieder; der Oberst aber nicht auf dem ihm so lange
Zeit aufbewahrten weichen Ehrenplatz. Dom Agostin hatte, nachdem er die
Ehre zuletzt fast grob zurückgewiesen hatte, mit zierlicher, drängender
Höflichkeit Fräulein Dorette Kristeller in den Lehnstuhl niedergesetzt,
und diese behielt denn auch den Platz, nachdem sie ihren Protest
eingelegt hatte.
»Gegen die Gewalt kann ich nicht an, Herr Oberst, aber behaglich sitze
ich hier wahrhaftig nicht, und in die Wirtschaft muß ich auch jeden
Augenblick hinaus.«
Das war richtig. Die chinesische Bowle mußte noch zweimal im Verlaufe
der Nacht gefüllt und das Gastzimmer ebenfalls doch auch für den
geheimnisvollen, abenteuerlichen Freund hergerichtet werden. Dazwischen
erzählte der alte Soldat, ohne sich im geringsten zu sperren, dem
»Wilden Mann« seine Geschichte. Was darin zu Tage kam, hätte jeden Tisch
voll Philister (unter anderen Umständen) bewogen, erst von dem munteren
Erzähler leise abzurücken, dann nach und nach mit den Gläsern und
Pfeifen sich nach einem anderen Platze umzusehen und dann -- bis zum
Nachhausegehen -- von dem neuen Stuhl aus verstohlen, furchtsam und
verblüfft über die Schultern nach dem unheimlichen fidelen alten
südamerikanischen Burschen hinzustieren.
Achtes Kapitel.
Das kahle Gezweig kratzte nicht mehr so ärgerlich wie vorher an den
Fensterscheiben des Hinterstübchens in der Apotheke »zum wilden Mann«.
Der Förster Ulebeule hatte den Kopf in die Nacht hinausgesteckt, ihn
zurückgezogen und den im Zimmer Anwesenden die tröstliche Versicherung
gegeben:
»Es klärt sich richtig auf. Man sieht die Sterne durchs Gewölk. Der Wind
hat ordentlich über unseren Köpfen und Schornsteinen aufgeräumt. Ich
kenne das und wette, daß wir morgen einen ganz klaren Tag haben werden.«
Dies fiel in die Pause nach dem wundervollen Ereignis und
Wiederzusammenfinden in der Apotheke »zum wilden Mann«.
Philipp Kristeller hatte bis jetzt die Hand seines Wohlthäters noch
nicht losgelassen. Die beiden alten Freunde saßen nebeneinander, und der
Oberst hielt spielend in der Linken den Brief, den er vor einunddreißig
Jahren in der Lebensverzweiflung geschrieben und mit 9500 Thalern in
Staatspapieren für den botanischen Studiengenossen beschwert hatte.
Jetzt zum erstenmal entzog er die rechte Hand dem Freunde vom
Blutstuhle, warf das letzte Endchen seiner Cigarre hinter sich und zog
eine kurze Pfeife heraus, die er aus einem sehr exotisch, sehr
indianisch aussehenden Tabaksbeutel füllte und plötzlich -- ehe er durch
einen hastigen Griff und Ruf des Apothekers daran gehindert wurde, in
Brand setzte. Ehe er dran gehindert werden konnte, hatte Dom Agostin
Agonista ein bedeutendes Stück von seinem verjährten, wild-phantastischen
Schreiben abgerissen, es regelrecht zu einem Fidibus zusammengedreht und
denselben zu dem Zwecke verwendet, zu welchem man eben einen Fidibus
gebraucht. In demselben Moment fing er gelassen und gemütlich an, seine
Geschichte zu erzählen, und sie ging gut an, nämlich mit den Worten:
»Nicht wahr, Doktor, wer noch keinen Menschen umgebracht hat, der wird
sich nur schwer in die Gefühle eines, der's bereits fertig brachte,
hineinfinden. Erschrecken Sie nur nicht zu arg, meine Herrschaften; ich
habe mich allmählich hineingefunden; -- es lernt sich alles in der Welt
und wird zur Gewohnheit, das Hängen und Erschießen wie -- das Köpfen.
Ich stamme aus einem der anrüchigsten Geschlechter Deutschlands und
hatte drei Tage vor dem Zusammentreffen mit meinem Freund Philipp
Kristeller auf dem Blutstuhle gethan, was ich mußte. Um es kurz zu
sagen, so hatte ich, unter Billigung und Beistand von Staat und Kirche,
einem nichtsnutzigen Mitbruder im Wirrwarr dieser Welt auf offenem Felde
und vor zehntausend Zuschauern den Kopf abgeschlagen. Erschrecken Sie
nicht, bestes Fräulein -- auch das ist eine verjährte Geschichte.«
Ja, was half es zu sagen: Erschrecken Sie nicht! --? sie fuhren doch
alle zusammen, selbst Herr Philipp Kristeller.