»zum wilden Mann« war dicht am Tische zusammengerückt. Sie wußten, daß
der alte Freund nicht übel zu erzählen verstehe, doch so wie heute hatte
er seine Gabe noch nicht gezeigt. Dem Förster Ulebeule war die Pfeife
ausgegangen, Schwester Dorette hielt die Hand des Bruders fest in der
ihrigen und der Pastor _loci_ klopfte leise mit der Dose auf dem Tische
und sagte:
»Also endlich! -- Kein Mensch sollte es doch für möglich halten, daß
einen solch braves Möbel, wie ein weichgepolsterter Lehnstuhl, dreißig
Jahre lang auf die Folter spannen könne. Lieber Kristeller, dieser
Sessel da hat mich in der That dreißig Jahre lang auf die Folter
gespannt!«
Sie lachten doch trotz ihrer Erregung, und der Herr Philipp lachte mit
und erzählte dann weiter.
»Der Sommer ging, der Herbst kam. Es wurde September und es wurde
Oktober, und die Pracht und Fülle der Natur ging für dieses Jahr auf
die Neige. Mein Prinzipal, der zur Zeit der Äquinoktialstürme stets
anfing, an Gesichtsschmerzen zu leiden, war gezwungen, mich nun fester
an die Offizin zu binden. Es ging wohl ein Monat hin, ehe er mich wieder
in die Weite schickte; -- am 15. Oktober aber jagte er mich drei Meilen
weit nach jener berühmten Felsgruppe, die ihr alle unter dem Namen der
Blutstuhl kennt, einer Moosart wegen, die um diese Zeit dort blühte und
zwar nur dort allein.
»Ich war damals auf dem Blutstuhle, doch nachher nicht wieder. Ich habe
eine Furcht vor dem wilden Orte behalten, trotzdem daß damals mir das
gegeben wurde, welches dieses Haus in meinen Besitz brachte und mir das
Leben, wie ich es geführt habe, möglich machte. Das Rätsel liegt noch
ungelöst da. Wenn ihr, meine Freunde, nachher euren Scharfsinn daran
prüfen wollt, so soll es mir lieb sein. Ich habe es aufgegeben, nachdem
ich ein Menschenalter darüber habe nachgrübeln müssen, und jetzt wird es
ja auch wohl gleichgültig sein, ob einer hier im Kreise noch zuletzt das
rechte Wort findet. Jenen Tag aber, diesen mir bedeutungsvollen 15.
Oktober, werde ich euch nun mit allen seinen Umständen so genau als
möglich schildern, und ihr müßt es euch schon gefallen lassen.«
»Kein Hase macht neugieriger seinen Kegel als ich!« rief der Förster.
»Lieber Gott, welch ein Abend!« sagte der geistliche Herr. »Hören Sie
nur diesen Sturm! O erzählen -- erzählen Sie!«
In der That ein stürmischer Abend! Je weiter die Nacht vorschritt, desto
wilder tobte es von Norden her gegen das Gebirge heran, und die Apotheke
»zum wilden Mann« bekam ihr volles Teil.
»Solch ein Wetter war es an jenem Tage nicht,« sagte Herr Philipp in
seinem gewohnten Tone, ruhig und gelassen, wie jemand, der eben ein
Menschenalter Zeit hatte, ein Erlebnis zu überdenken. Er wurde aber
auch noch einmal unterbrochen, denn es kam ein Kunde und holte für einen
Groschen Bittersalz und setzte eine Viertelstunde lang dem Verkäufer
auseinander wozu; -- was beides auch Zeit hatte bis morgen, wie Ulebeule
mürrisch bemerkte. Die Schwester jedoch benutzte die Pause, die
chinesische Schale auf dem Tische von neuem zu füllen, und endlich
erfuhren die Freunde doch, was der Apotheker Kristeller an jenem 15.
Oktober erlebte.
»Um neun Uhr morgens zog ich mit meinem Auftrage, das Frühstück in der
Tasche, die Botanisierbüchse auf dem Rücken, vom Hause, das beiläufig
das Zeichen >Zum König David< führte, ab; bei stiller Luft und dichtem
Nebel und diesmal im höchsten Grade geknickt und gebrochen. Ich hatte
Grund dazu, melancholisch auch in die schönste Witterung hineinzusehen!
Am Abend vorher hatte Johanne's Onkel mich bitten lassen, ihn doch
einmal auf ein Viertelstündchen zu besuchen, und ich hatte ihn besucht,
und er hatte mich zwei Stunden lang unterhalten. Zwei Stunden lang hatte
er mir eindringlich zugeredet, endlich doch ein Einsehen zu haben und
mir meine Lebensaussichten einmal recht klar zu machen und seine Nichte
-- nicht unglücklich! Kurz gesagt, er hatte mich aufgefordert, meiner
Braut ihr Wort zurückzugeben, und dafür seiner -- des Onkels -- ewigen
Freundschaft und Zuneigung gewiß zu werden. Und der Mann hatte in allem,
was er sagte, Recht gehabt, und er hatte nicht nur verständig, sondern
auch gutmütig gesprochen. Ohne die geringste Leidenschaft und
Zornmütigkeit hatte er mir seine und der Welt Meinung vorgetragen: er
hatte nichts gegen mich einzuwenden -- ich war ihm sogar sehr lieb und
wert, -- und doch! Ich war eben nach Hause gegangen oder vielmehr
getaumelt und hatte die Nacht über auf dem Stuhle vor meinem Bette
gesessen und die Stirn mit beiden Händen gehalten -- durch dieses
verständige Zureden unfähig zu allem und jedem Überlegen und
vernünftigem Überdenken: daß Johanne, meine arme, liebe Johanne, diese
selbige Nacht durchweint habe, wußte ich dazu. Betäubt verstand ich den
Prinzipal, der ebenfalls an Schlaflosigkeit litt, kaum, als er schon um
fünf Uhr mit dem Nachtlichte in der Hand an meine Thür kam, um mir
seinen neuen Herzenswunsch mitzuteilen und mir seinen Auftrag für den
Tag zu geben. Verdrießlich ging er, nachdem ich ihn endlich begriffen
hatte, seinen verbundenen Kopf schüttelnd, und ich hörte ihn noch auf
der Schwelle deutlich genug murren:
»>Auch der wird mir wieder mal unter den Händen zum Narren!<
»>Schreiben Sie dem Mädchen einen braven, ehrlichen, freundlichen Brief,
in welchem Sie das Nötige mit etwas Poesie meinetwegen sagen. Ich will
ihn abgeben und das Meinige, ohne Poesie natürlich, beimerken -- und
dann lassen Sie dem Jammer und meinetwegen auch sich selber in Ihrem
Elend alle Zeit -- es wird schon alles recht werden,< hatte mir der
Onkel vorigen Abend zum Beschlusse seiner schönen Rede geraten, -- und
dabei sollte man denn nicht zum Narren werden!! -- Das blühende Moos
drei Meilen ab vom >König David<, dem Hause des Herrn Onkels und meiner
Braut, war unter diesen Umständen in Wahrheit der einzige Trost, der mir
in der Welt wuchs. Ein Tag wurde wenigstens durch den Weg und das
Aufsuchen für mich und mein armes Kind gewonnen, und wie sich der Mensch
in seinen Nöten an den e i n e n Tag, die e i n e Stunde, die e i n e
Minute klammert, wer hätte das nicht schon in irgend einer Weise
erfahren?
»Ich schlich selbstverständlich unter Johanne's Fenster vorbei. Mein
Mädchen erblickte ich nicht; aber den Onkel sah ich. Er stand mit der
Pfeife hinter den Scheiben und schien nach dem Thermometer zu sehen;
seine eigene Temperatur hatte sich seit gestern Abend nicht verändert,
denn er zog höflichst die Nachtmütze ab und erhob dabei den
Zeigefinger. Der Gestus konnte nichts anderes bedeuten als: Vergessen
Sie nicht, mein Bester, was ich Ihnen gesagt habe; ich bestehe darauf
und weiß, was uns allen gut ist; -- ich bin ein alter erfahrener Kerl
und kenne die Welt ein wenig genauer als ihr guten, jungen,
leichtsinnigen, unerfahrenen Leute -- Auch ich grüßte so höflich und
submiß, wie ich noch nie einen Menschen gegrüßt hatte, und schleppte
mich seufzend matt weiter durch den grauen Dunst des Herbstmorgens.
»>O wie voll Dornen ist diese Werkeltagswelt<, läßt der englische Poet
Shakespeare eine seiner erdichteten Personen in einem seiner Stücke
sagen. Ich habe diesen Poeten immer gern gelesen und besitze eine
Übersetzung von ihm und habe mir vieles darin unterstrichen. Das Wort
von den Dornen und der Alltagswelt fiel mir diesmal auf die Seele, und
ich wiederholte es mir fort und fort bis auf die Berge hinauf. Freilich
war mir jetzo die Welt nach allen vier Himmelsgegenden durch das
dichteste Dornengestrüpp verwachsen, und daß es eine erbärmliche und in
ihrer Gewöhnlichkeit thränenreiche Werkeltagswelt war, das konnten mir
der Boden unter den Füßen und das Luftgewölbe über mir bezeugen.
»Der Nebel blieb wohl hinter mir in den Thälern zurück; aber in meiner
Brust nahm ich die Trübe auf die sonnigsten Gipfel mit empor. Ich
schritt rasch zu und tauchte mehrmals das Taschentuch in einen kalten
Waldbach, um es mir dann auf die heiße übernächtige Stirn und die
fiebernden Schläfen zu drücken. Um sah ich mich nicht, und es ist ein
Irrtum oder gar eine Lüge, wenn man behaupten will, daß einem
unglücklichen oder von Not und Sorge bedrängten Menschen eine schöne
Gegend und herrliche erhabene Aussicht zum Heil und zur Genesung
gereiche. Es ist einfach nicht wahr!
»Im Gegenteil, nichts ist schlimmer für einen Kummervollen,
Schmerzbeladenen als eine weite sonnenklare, in allen süßen Farben der
Erde leuchtende Fernsicht, hoch von einer Bergspitze aus. Es ist arg und
eigentlich furchtbar, aber es ist so: den Sturm, den Regen läßt man sich
in der bösen Stimmung gefallen; aber die Schönheit der Natur nimmt man
als einen Hohn, als eine Beleidigung und fängt an, alle sieben
Schöpfungstage zu hassen.«
Der Pastor schüttelte hier bedenklich den Kopf; Fräulein Dorette
Kristeller nickte zwar, aber sah doch auch ziemlich bedenklich und trübe
drein; der Förster Ulebeule jedoch klopfte mit der Pfeife auf den Tisch
und rief:
»Wahrhaftig, es ist etwas dran! Es ist bei mehrerem Nachdenken sogar
ziemlich viel dran. Jeder Kümmerer -- will sagen jedes durch einen alten
Schuß oder durch Krankheit sieche Stück Hochwild will auch von der
Pracht der Schöpfung, an der es in gesunden Tagen sein Wohlsein und
seine Freude hat, nichts mehr wissen. Und wer viel Umgang mit den Tieren
gehabt hat, der weiß, wie wenig der Unterschied zwischen ihnen und dem
Menschen zu bedeuten hat in allen Dingen, die mit Erde, Wasser, Licht
und Luft zusammenhängen. Ihr waret damals ein richtiger Kümmerer,
Kristeller. Der Onkel hatte Euch nicht übel angeschossen, und manch
einen in Eurer Lage hat das Schicksal bald darauf als tot verbellt.«
»Nun lasset uns weiter hören!« rief der geistliche Herr, und sie hörten
weiter.
»Was mir selten in der mir so bekannten Gegend passiert war, hatte ich
heute zu erleben; ich verlor mehrmals meinen Weg und fand ihn stets nur
mit Mühe wieder. Die Lebensverwirrung und schlimme Ratlosigkeit war
außer mir wie in mir; aber mein Pfad ging doch immer aufwärts und einen
Kompaß führte ich am Uhrgehäuse glücklicherweise auch mit mir. So wand
ich mich durch den Buchenwald und dann hinein in die Tannenwälder, an
steilen Lehnen, von denen die wunderlichen Granitblöcke der Urzeit in
wahrhaft gespenstischen Formationen herabgerollt waren, schräg in die
Höhe. Dann ging es über kahle, gleichfalls mit wildem, phantastisch
übereinander gestürztem Felsgetrümmer bedeckte Hochebenen -- aus dem
Nebel in das Sonnenlicht. Die Sonne schien um Mittag herbsthell, und ich
holte Atem, auf meinen Weg und die durchwanderten Thäler zurückblickend.
In den Thälern hielt sich der Nebel den ganzen Tag über, und als ich
nach einer Ruhestunde weiterging, schlich er mir leise wieder nach und
holte mich am Nachmittag, als ich den berühmten Platz, zu dem mein
Prinzipal mich diesmal hingesendet hatte, zu Gesichte bekam, richtig
wieder ein; aber freilich nicht mehr als der dichte Qualm der Tiefe,
sondern als ein leichter, alles in ein Zaubertuch einwickelnder Dunst.
Bei einer Wendung des Weges lag die unbeschreiblich grotesk zerklüftete
Steinmasse -- der Blutstuhl, vor mir da. Aus dem Tannendickicht
vortretend, erblickte ich seine höchste Platte sechzig bis achtzig Fuß
über mir; und langsam und ermüdet stieg ich nun noch über den mit kurzem
Gras bewachsenen Boden, um im Schutze der untersten Blöcke Kräfte zu
sammeln für das Suchen und Finden meiner seltenen Lichen-Art.
»Ihr, Ulebeule, kennt den Blutstuhl. Es ist ein Labyrinth von
Steinklötzen, das einen ziemlich bedeutenden Raum auf der Bergebene
einnimmt. Viele der Gruppen führen wunderliche sagenhafte Namen, die
höchste ist auf ausgewaschenen Treppenstufen zu erklimmen, und von ihr
hat das ganze Geblöck seinen Namen, und in ältester heidnischer Urzeit
unseres Volkes hat es denselben als Opferstelle vielleicht mit vollem
Recht geführt.
»Ich verzehrte vor allen Dingen trotz meiner trüben Seelenstimmung den
mitgebrachten Proviant nicht ohne Appetit; dann begab ich mich an die
Lösung meiner Aufgabe, die gar nicht so leicht war. Das winzige,
kriechende Ding, das mein Alter in einem frischen Exemplare zu besitzen
wünschte, wuchs keineswegs in jeder Spalte des Blutstuhles. Und mit den
Erlebnissen des letzten Abends, den Bildern der schlaflosen Nacht und
dem Onkel mit der Zipfelmütze am Morgen vor den schwimmenden Augen ließ
sich auch schlecht suchen.
»So kroch und kletterte ich zwischen dem Gestein umher: eine Flechte
fand ich nicht; aber ich fand etwas anderes, nämlich ein Vermögen!«
»Ah!« sagte die Zuhörerschaft in dem Hinterstübchen der Apotheke »zum
wilden Mann«.
»Mühselig in meiner vergeblichen Bemühung hatte ich mich so ziemlich bis
an die Basis der oberwähnten abgeplatteten Gipfelfelsmasse, der
eigentlichen Opferklippe, emporgearbeitet, als plötzlich ein Mensch, wie
es schien im hastigen Aufklimmen von der entgegengesetzten Seite her auf
der Platte erschien und einen Schrei ausstieß, der mich erschreckt
zurückfahren ließ. Die Gestalt, vom Dunst wie alles umher leicht
verschleiert, warf die Arme empor, griff mit beiden Händen in die Haare
und fiel mit einem neuen Aufschrei erst in die Kniee und dann ganz zu
Boden. Ich stand und hielt mich zitternd an dem nächsten Granitblocke,
und es dauerte einige Zeit, ehe ich mich so weit gefaßt hatte, um mir
die Frage vorzulegen: Was ist das?
»Ja, was war das? was konnte das sein? Ein Betrunkener? Ein
Wahnsinniger? Ein Epileptiker? Ein lebensmüder Unglücklicher, der sich
diesen Ort ausgesucht hatte, um gerade jetzt daselbst zu Ende zu kommen
mit sich? Alle diese Vorstellungen schossen mir nun blitzschnell
nacheinander durchs Gehirn; aber von der Höhe der Opferklippe kam keine
Antwort auf meine Frage.
»Und es ist deine Pflicht nachzusehen, was und wer es ist! rief es in
mir. Mit zusammengekniffenen Lippen, fest aufeinander gesetzten Zähnen
faßte ich Mut, packte meinen Wanderstock fester, um im Notfall auch auf
einen Angriff gerüstet zu sein, und stieg langsam und vorsichtig die
Steinstufen hinauf, die auf die heilige Opferstelle unserer Vorfahren
führten. Scheu und behutsam hob ich das Kinn auf die Platte; da lag er!
-- Langausgestreckt, bewegungslos, das Gesicht auf den Stein gedrückt,
lag der Unglückliche da, und rasch sprang ich meinerseits nun hinauf,
trat zu ihm, faßte ihn an der Schulter, sprach ihm zu, und nach einer
Weile erhob er auch das Gesicht und stierte mich an.
»Jetzt schrie ich fast, wie er vorher. Es war mein Kamerad, mein
geheimnisvoller Freund, mein botanischer Wissenschaftsgenosse, und zwar
mit Zügen so verstört, so von Schmerz, Angst und Zorn verwüstet, daß ich
es euch wahrlich nicht, wie es war, schildern kann.
»Langsam, wirklich wie aus einem epileptischen Zustande sich erhebend,
stand er auf, sah mich blind und meinungslos an, bis ihm nach und nach
das Bewußtsein von Ort, Zeit und Zustand zurückkam.
»>Philipp<! sagte er tonlos.
»>O August<! rief ich.
»>Seid Ihr es, der mich hier gefunden hat?<
»>O und Ihr -- was habt Ihr? was ist Euch geschehen? Ich möchte Euch so
gern helfen.<
»>Und könnt es ganz und gar nicht. Es wäre besser, Ihr ginget und ließet
mich hier, wie Ihr mich fandet. Ich bin für keines Menschen Gesellschaft
mehr tauglich.<
»Er sprach dieses alles so vernünftig, so gesetzt und ruhig, daß seine
Verstörung mir dadurch nur noch herzzerreißender in die Seele drang. Ich
wollte seine Hand fassen, doch er zog sie schnell und wie ergrimmt
zurück und schrie:
»>Nein, nein! das ist zu Ende, Herr -- Herr Kristeller. Ich habe heute
mit dieser Hand mein Schicksal besiegelt und werde sie niemandem mehr
als Zeichen der Freundschaft, der Zuneigung, der Liebe geben. Haltet
mich nicht für einen Narren -- o ich wollte, ich wäre es; aber ich bin
es nicht! Seit drei Tagen wäre es mir eine Wohlthat, wenn die letzte
Faser, die den Geist noch an eure Welt -- eure Alltagswelt bindet,
abrisse, und wenn man mich fände, wie man sonst wohl schon arme irre,
verlorene Menschen in der Wildnis gefunden hat. Kein anderes Gesicht
wäre mir heute so lieb gewesen als das deinige, Philipp; aber meine Hand
gebe ich dir doch nicht. Sieh da rund herum, sieh, wie die Städte und
Dörfer ausgestreut sind; -- sieh, alle diese hunderttausend
Menschenwohnungen sind mir von jetzt an verschlossen: ich habe keinen
Verkehr mit euch mehr, ich bin allein; es giebt keinen anderen Menschen
mehr auf Erden, der so allein ist wie ich!<
»>Aber ich bin da! mich hat das Schicksal gerade zu dieser Stunde zu dir
geführt, um bei dir zu bleiben! Meine Braut, mein Mädchen habe ich
verloren, oder sie soll mir doch genommen werden. Mir ja auch
verschließt sich die Welt. Laß uns einander zum Rat und Trost sein!<
»Nun war es, als ringe er in der Tiefe seiner Seele mit einem gewaltig
starken Gegner, und dann war es, als ob er dem Feinde obgesiegt habe,
und dann war es, als stehe er triumphierend mit dem Fuße auf der Brust
des Niedergeworfenen. Er knirschte mit den Zähnen und rieb sich die
rechte Hand, als sei sie feucht und er müsse sie trocknen. Zuletzt sah
er mich scharf und kalt an und sagte leise:
»>Lieber Herr, Sie können mir doch von keinem Nutzen sein. Ich bitte
Sie, sich keine Mühe zu geben. Sehen Sie, Kristeller, ich habe nie in
meinem Leben anders gesprochen, als meine Meinung war. Auch ist heute
Methode in meinem Wahnsinn gewesen; ich habe mich nicht ohne eine
gewisse Absichtlichkeit auf diesem kalten und harten Steine
niedergeworfen. Mein Herzblut ist durch diese Rinne niedergelaufen, wie
einst das Blut der fränkischen Gefangenen aus dem Heerbann des Kaisers
Karl durch dieselbe niederrieselte. Übrigens bin ich allein und will
allein sein. Gehen Sie, bester Herr, ich verstehe Ihre Gefühle, Ihre
gute Gesinnung gegen mich vollkommen, und wir wollen auch sicherlich
einander treu im Gedächtnis behalten, -- leben Sie wohl, Philipp
Kristeller.<
»Das war kühl und abstoßend genug, aber ich war auch Psycholog genug, um
zu wissen, aus welchem ganz anders bewegten Grunde dieser Ton
heraufquoll. Es ging nicht an, den Unglücklichen vor das Gericht der
Eigenliebe zu ziehen und mit einem: So empfehle ich mich denn höflichst
-- umzudrehen und geärgert nach Hause zu laufen.
»>Es ist ja möglich, daß wir heute für immer Abschied voneinander nehmen
müssen<, sagte ich; >aber weshalb sollen wir es denn in dieser Art thun?<«
»Da brachen dem anderen die Thränen aus den Augen.
»>Nein, nein<, schluchzte er, >du hast Recht, es ist doch nicht die rechte
Art!<
»Er warf mir die Arme um den Hals und küßte mich und schien mich nun
nicht von sich lassen zu können.
»>Lebe denn wohl, du Guter, -- denke nur an mein Elend und nichts
anderes an mir! Sieh mir nicht nach; du sollst noch einmal von mir
hören, Philipp! Lebewohl, lebewohl!<
»So hielten wir uns lange, und dann schieden wir in der That
voneinander. Ich habe ihn nicht wiedergesehen; aber gehört habe ich
freilich noch einmal von ihm; -- er hat mir einen Brief geschrieben; und
ich bin seit dreißig Jahren der Besitzer der Apotheke >zum wilden
Mann<!«
Sechstes Kapitel.
Der Pastor und der Förster hatten sich auf ihren Stühlen zurückgelehnt
und blickten nach der Decke. Die Schwester hatte die Hände im Schoße
zusammengelegt und sah auf den Bruder; man hörte den Sturmwind einmal
wieder recht deutlich, und nachdem man lange genug geschwiegen hatte,
sprach der Förster, wie es schien, um etwas zu sagen:
»Es wird jetzo auch um den Blutstuhl tüchtig pfeifen und sausen.«
Sonderbarerweise fügte er dann hinzu:
»Einunddreißig Jahre sind eine lange Zeit!«
»Freilich!« sagte der geistliche Herr, wendete sich dann an den
nachdenklichen Hausherrn und fragte:
»Und Sie haben gar keine Ahnung, was er seines Zeichens war, und wie er
eigentlich hieß?«
»Entschuldigen Sie, meine Herren,« erwiderte Herr Philipp Kristeller und
ging zum letztenmal in dieser Nacht, um seinen Archivschrank in seiner
Offizin zu öffnen. Mit einem einzelnen Briefe in einer weiten, sonst
leeren Hülle kam er zurück, reichte das mit mehreren Poststempeln und
fünf abgebröckelten Siegeln bedeckte Couvert dem Förster Ulebeule und
den Brief dem Pastor Schönlank, setzte sich langsam, legte die Hand über
die Augen, brachte seine Pfeife von neuem in Brand und wartete ruhig die
Wirkung der Papiere auf die Hausfreunde ab.
»Inhalt -- neuntausend -- fünfhundert Thaler in Staatspapieren!«
murmelte der Förster. »Frei! -- Herrn Philipp Kristeller! --«
»Sehr wunderbar!« rief der Pfarrer seinerseits, das Begleitschreiben
überfliegend. »In der That ein seltsamer Brief! Eine rätselhafte,
mysteriöse Sendung!«
»Zum Henker, so lesen Sie doch laut!« rief der Förster, und der Pastor
las laut:
»Ein Mann, der den Willen hat, sein Leben von vorn anzufangen, entledigt
sich hier seiner schwersten und verdrießlichsten Last und schickt dem
Freunde das einliegende Geld. Es verschwindet einer und hinterläßt keine
Spur; es ist unnötig und vergeblich, ihm nachzuforschen und nachzurufen.
O Philipp und Johanne, nehmt, was ihn nur niederziehen würde in die
Tiefe. Gründet ein Haus, das feststeht und glückliche, fröhliche Kinder
in seinen Mauern aufwachsen sieht. Lebt wohl, ihr guten Freunde -- lebt
wohl! -- Philipp Kristeller, es grüßt dich -- auf dem Wege zurück zu den
Menschen,
der Narr vom Blutstuhl.
Hamburg, am 30. Oktober 183--«
Der Pastor legte den Brief stumm auf den Tisch, Ulebeule schlug auf den
Tisch, daß sämtliches Gerät emporhüpfte und die Gläser scharf und
bedrohlich zusammenklirrten:
»Donnerhallo! Na, das muß ich sagen! na, da bitte ich zu grüßen!«
»Und Ihr habt, selbst mit diesem Schreiben in der Hand, damals nicht
gemeint, dieses alles zu träumen, alter Freund?« fragte der Pastor.
»Tagelang, wochenlang bin ich wie ein Träumender umhergegangen, nicht
nur mit dem Briefe, sondern auch mit dem Gelde in der Hand. Und es waren
die nüchternsten Staatspapiere und Landesschuldverschreibungen von
verschiedener Herren Ländern! Sie verwandelten sich nicht über Nacht in
gelbe Klettenblätter, -- sie gingen mir nicht vor der Nase in
gespenstischem Dampfe auf; -- sie waren echt und hatten ihren Kurs, und
die Banquiers waren gern erbötig, mir sie umzutauschen oder
umzuwechseln! Ich aber trug sie nebst dem Briefe zu meiner Braut und
fragte die, wie ich mich gegen dieses alles zu verhalten habe -- den
guten Onkel ging ich fürs erste noch nicht um seinen guten Rat an.
»Auch Johanne hatte natürlich zuerst eine Art von Schrecken zu
überwinden; d a n n aber sagte sie mir verständig und ruhig ihre
Meinung, und ich bin derselben gefolgt.
»>Dein Freund hat mir leid gethan und ein Bangen erregt durch sein
Wesen; aber nie ein Grauen, als ob er ein schlechter, ein böser Mensch
sei. Ich habe ein großes Mitleiden mit ihm gehabt und hätte ihm gern
helfen mögen in seinem Unglück. Aber sieh, Philipp, er hat mir auch
immer den Eindruck gemacht, als ob er stets genau überlege und wisse,
was er sage und thue. Er hat in seiner Melancholie einen klugen klaren
Kopf; und was uns jetzt so wunderlich scheint und aller Welt als eine
Verrücktheit vorkommen würde, das hat er auch bedacht und sich zurecht
gelegt, und er wird sicher das Beste für sich gefunden haben. Ich
glaube, du darfst das Geld nehmen und es versuchen, dein Glück darauf zu
bauen. Wir wollen es verwalten wie ein Darlehn, Philipp; wir wollen dem
Geber täglich seinen Stuhl an unseren Tisch setzen, wir wollen stets den
besten Platz für ihn frei halten; wir wollen ihn von einem Tage zum
anderen erwarten, und -- dem Onkel wollen wir von einer Erbschaft
sprechen, und du kannst das nur gleich thun; ich nehme die Verantwortung
für die kleine Notlüge gern auf mein Gewissen.<
»Seht, Nachbarn, das ist denn der Grund, weshalb der Sessel da stets
leer steht, weshalb immer ein Platz an meinem Tische offen gehalten
worden ist, diese ganzen letzten einunddreißig Jahre durch; der Freund
ist aber bis heute nicht zurückgekehrt! Mein Leben von meiner Ankunft
unter euch kennt ihr; -- ihr wißt, wie ich diese bereits zweimal in Gant
geratene Offizin übernahm, und wie es mir in schwerer Arbeit glückte,
den Platz zu behaupten, der meinen Vorgängern so gefährlich geworden
war! Ihr wißt aber auch --«