»Nein, ich dachte nur, weil du davon sprachst, dir die Waffe zu leihen.«
Wieder ging er auf und ab.
»Nein, ich that es nicht,« meinte er, »es hat keinen Zweck, und die
Pistole kann unkundigen Händen gefährlich werden, wie Dolores sagte. Was
Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr. Ich war immer ein schlechter
Schütze.«
»Ja,« sagte Frau Ruß. »Gottlob!«
»Wie so, teures Weib?«
»Nun, es ist schon so viel Unglück passiert mit dem dummen Schießen,«
schloß sie, und er nickte bestätigend.
Daß Dolores selbst an jenem Abende noch lange über diesen
vielbesprochenen Schuß nachdachte, ist selbstverständlich, wenn man
erwägt, daß sie sich als Zielscheibe dafür ansehen mußte. Ramo, dem
sie nun auch davon erzählte und ihm auftrug, wachsam zu sein, war mehr
erschrocken als er zeigte, und kombinierte sogleich die Fußstapfen im
Nordflügel, der nunmehr für die Einquartierung wieder eingerichtet war,
mit dem Schützen im Park. Doch Dolores wollte das nicht einleuchten.
»Denke nur, wie lange es her ist, seitdem wir damals diese Fußspuren
fanden,« meinte sie. »Es ist viel Zeit dazwischen, mehr als jemand nötig
hat, um einen geeigneten Moment zum Abfeuern des Schusses zu finden.«
Ramo mußte seiner Herrin recht geben, und obgleich Dolores sich einzureden
versuchte, daß die Kugelmarke wirklich vorher schon in dem Briefbogen war,
ging sie doch mit dem unheimlichen Gefühl zur Ruhe, daß es anders war und
jemand existierte, der ihr feindlich gesinnt war.
Beim Durchgehen durch das kleine Bibliothekzimmer neben ihrer Schlafstube
fand sie einen mächtigen Band auf dem Tische liegen, den sie vorher nicht
gesehen. Auf ihre Frage berichtete Ramo, daß Doktor Ruß den Band heut'
Nachmittag, als Dolores ausgegangen war, selbst heraufgebracht und, da er
sie nicht antraf, hier niedergelegt und mit Zeichen versehen hatte. Er,
Ramo, sei indes abgerufen worden und als er nach ein paar Minuten wieder
zurückgekehrt sei, um dem Herrn Doktor die Thür zu öffnen, habe er
Doktor Ruß oben nicht mehr angetroffen.
»Ich hab's im ganzen nicht gern, wenn jemand sich in meinen Zimmern
aufhält, während ich ausgegangen bin,« meinte Dolores, sich setzend,
»doch das soll kein Tadel für dich sein, lieber Ramo.«
»Ich weiß, meine Herrin ist gütig,« murmelte der erprobte Diener
beschämt. »Und wenn mich Tereza nicht für einen Moment in den
Korridor gerufen hätte, wäre Herr Doktor auch nicht allein hier
zurückgeblieben.«
»O, ich meine ja nicht, daß Doktor Ruß oder jemand anderes hier etwas
Unrechtes thun würde,« erwiderte Dolores lächelnd über die Auffassung
Ramos. »Mir ist nur der Gedanke fatal, daß ich meine Zimmer nicht immer
für mich allein habe.«
»Sehr wohl,« erwiderte Ramo, dessen Fehler langsames Begreifen nicht war,
und ging mit einem unterthänigen »Gute Nacht!«
Dolores schlug den gebrachten Band auf -- es war eine alte Meriansche
Chronik, von welcher Doktor Ruß ihr gesprochen und die er aus der großen
Bibliothek hervorgesucht hatte. Trotzdem sie für diese Litteratur großes
Interesse hatte, las sie heut' dennoch nicht jene naiven und schlichten
Berichte »kurioser Begebenheiten« vergangener Jahrhunderte, sondern
blätterte zerstreut in den Kupferstichen und Holzschnitten, welche
verschwenderisch die Chronik zierten. Darüber wurde sie müde, und als sie
sich erheben wollte, um schlafen zu gehen, da überkam es sie mit solcher
Mattigkeit, daß sie sich in ihrem Sessel zurücklehnte und die Augen
schloß. Da hatte sie das angenehme, wohlige Gefühl, langsam und leise zu
schweben, gelehnt in einen festen, sicheren Arm, und als sie wieder festen
Boden unter sich spürte und mit Anstrengung versuchte, die Augen zu
öffnen, da sah sie sich oder glaubte sich vor dem Bilde der Ahnfrau
drinnen zu sehen im Saal, trotzdem sie keinen Fuß gerührt hatte, hinein
zu gehen. Und die Ahnfrau trat aus dem Rahmen heraus und an ihre Seite.
»Ich habe seinen Arm berührt, daß die Kugel dich nicht traf,« hörte
sie die sanfte, traurige Stimme sagen.
»Wer? Wessen Arm?« wollte Dolores sagen, aber sie fühlte, daß sie ihre
Zunge nicht regen konnte. Und die Ahnfrau legte die weißen, schlanken
Hände auf ihr Haupt.
»Es ist nicht an uns, anzuklagen und zu richten. Denke daran, daß die
Gefahr noch nicht vorüber ist,« schien sie zu sagen.
Und wieder war es Dolores, als schwebte, schwebte, schwebte sie, und käme
wieder hinab auf die Erde -- da fuhr sie empor mit einem Schrei.
»Die Herrin hat schon geträumt,« sagte Tereza mit einem Lächeln auf
den schwarzen Zügen, indem sie aus der Thür, in der sie gestanden, näher
trat.
»Geträumt?!« wiederholte Dolores schlafbefangen.
»Nur kurz, nur ganz kurz,« meinte die alte Negerin beruhigend. »Du
gingst hinein in den Saal, Herrin, und kamst sehr bald wieder zurück, und
sankst in deinen Stuhl und träumtest. Soll ich dich nicht lieber zu Bett
bringen?«
»Ja,« sagte Dolores. »Also ich war im Saale drinnen?«
* * * * *
Der andere Tag kam, und mit ihm kamen die von Lolo Falkner so heiß
ersehnten Husaren und brachten neues, frisches Leben mit einem Schlage
wieder in die grüne Waldeinsamkeit des Falkenhofs und von Monrepos.
Freilich, mit der träumerischen Ruhe, die über den Schlössern schwebte
und webte, war's wieder für Wochen vorüber, denn Sporenklirren,
Säbelrasseln, Wiehern, Stampfen und Trompetensignale verscheuchten die
Stille des thaufrischen Morgens, der Sommermittagsschwüle und der warmen
Abende, und der Mond, der sein Licht so gern aufsaugen ließ von den
goldbronzefarbenen Haarmassen auf Dolores' Haupt und von ihren weißen
Kleidern, die sich so weich um ihre schöne Gestalt schmiegten -- der es
funkeln, flimmern und gleißen ließ in dem Staubsprühregen der Fontänen
und geheimnisvoll durch das dichte Laubwerk und über die stillen dunkeln
Wasser des Hexenloches huschen ließ -- dieses selbe Licht versilberte
jetzt noch die Tressen, Schnüre und Waffen der Husarenoffiziere, wenn sie
abends auf der Terrasse saßen und auf die köstlichen Pfirsiche, welche
die Spaliere des Falkenhofs lieferten, kalten Sekt gossen und diese
köstlichste und einfachste aller Bowlen behaglich schlürften. Denn das
Wetter befürwortete diese langen, herrlichen Abende auf der Terrasse sehr
-- es war ein ideales, warmes, sonniges Erntewetter, und das Plus an Hitze
milderte ein gelegentlicher kurzer, aber erquickender Gewitterregen stets
zur richtigen Zeit. Natürlich waren von den im Falkenhof einquartierten
Herren zwei Drittel passionierte Jäger. Sie hatten zum Teil sogar ihre
Hühnerhunde mitgebracht und, kaum waren sie aus dem Dienste gekommen und
vom Pferde gestiegen, benutzten sie sogleich die gegebene Erlaubnis und
gingen auf die Hühnerjagd. Die Jagd auf Hasen sollte zwar erst eröffnet
werden, doch die Waldungen des Falkenhofs boten auch ein reich bestelltes
Revier für Rehe und Hirsche, und so wurde das Reich der Freiin Dolores
für die gewaltigen Nimrode im Husarenattila ein Paradies, das einst
verlassen zu müssen sie heut' schon mit tiefstem Bedauern erfüllte.
Gewaltiger noch wurde die Aufregung und Jagdleidenschaft, als die Herren
eines Abends die Nachricht mitbrachten, daß ein Steinadler mit gewaltiger
Flugspannung im Falkenhofer Revier gesehen worden sei. Ein Förster meldete
gleichzeitig, daß der Gewaltige schon Raubzüge auf Rehkitzen und junge
Feldhühner mit Erfolg ausgeführt habe. Nun wurde dieser höhere Sport
zur Notwendigkeit, doch die List und Wachsamkeit dieses verflogenen
königlichen Vogels trotzte beharrlich der Geschicklichkeit und sicheren
Hand seiner Verfolger.
Mit den Husaren war auch Keppler wieder in Monrepos angekommen und hatte
sich alsbald auch im Falkenhof gemeldet.
»Da bin ich schon wieder,« hatte er gesagt, »ich, der ich kaum früher
Zeit hatte, um die Aufträge der Fürsten dieser Welt anzunehmen, ich bin
freiwillig hier, um das rosige Kindergesichtchen einer Lolo Falkner zu
vollenden. Nein, Fräulein Dolores, Sie müssen mich nicht tadelnd ansehen,
denn was können Sie für den Geschmack Alfred Falkners? Nichts, obgleich
ich ihm einen besseren zugetraut hätte; oder wollen Sie's leugnen, daß
die Baronin Lolo hübsch, aber oberflächlich und unbedeutend ist? Ja,
wenn's noch die Großherzogin Alexandra wäre --!«
»Warum sind Sie denn gekommen?« fragte Dolores abweisend.
Keppler sah sie an und lächelte trüb.
»Warum? Es zog mich her -- ich hatte keine Ruhe daheim, keine Ruhe auf
der beabsichtigten Studienreise. Und die Leute hier sind ein schöner
Völkerschlag -- ich kann auch hier Studien machen.«
»Lolo wird wenig oder gar keine Zeit für Sie haben,« sagte Dolores
ernsthaft.
»Wahrscheinlich nicht, denn sie ist fast noch ein Kind, das gern mit
Puppen spielt. Und die Husaren leuchten so schön in ihren roten Röcken,
während ich einen grauen Sommeranzug trage und nicht einmal mehr den
Frack, wie in jener Zeit, da ich Ihre Durchlaucht, die Prinzeß Eleonore
von Nordland malte. Falkner wollte es so.«
»Natürlich. Wenn Sie aber wissen, daß Lolo Ihnen nicht sitzen wird --«
»In der Ahnengalerie des Falkenhofs fehlt noch _Ihr_ Bild, Fräulein
Dolores, und ich bin ehrgeizig genug, dieses Porträt malen zu wollen. Was
sagen Sie dazu, daß ich unter die Streber gegangen bin, unter die Bewerber
um solchen Preis?«
Was sollte sie dazu sagen? Sie konnte die Bescheidenheit, die Demut des
größten Porträtmalers nur bewundern und fand sie rührend -- aber sie
hätte doch verstehen müssen, daß diese Demut in der Liebe ihren Ursprung
hatte.
»Sie haben mich schon einmal gemalt --« wandte sie ein.
»Als Satanella, ja. Aber dies Bild ist mein, es erinnert mich an die Zeit,
da Sie den Purpurmantel wahrer Künstlergröße trugen,« erwiderte er.
»Jetzt ist der Purpur abgestreift und er liegt zu Ihren Füßen, ein
Teppich, über den Sie hinwegschreiten. Doch ich gestehe gern, daß Ihnen
das weiße Gewand der Châtelaine, der Waldfrau einen neuen, vielleicht
höheren Reiz verleiht, und was als Satanella dämonisch aus Ihren Augen
leuchtete, es ist geläutert, verklärt und vergeistigt. Wodurch? Das habe
ich mich oft schon gefragt, mir aber nie zu beantworten gewagt.«
»Sie haben mich scharf studiert, Herr Keppler,« meinte sie, leicht
verwirrt.
»Das ist meines Amtes als Kopist der Natur,« erwiderte er.
Und dabei blieb es, er malte sie in der weißen, goldgestickten
Atlasschleppe und dem duftigen Kleide von kostbaren alten, echten Spitzen,
ganz ohne anderen Schmuck als den ihrer Schönheit und ihres Goldhaares,
nur in diesem, schräg schwebend hoch über ihrer Stirn malte er den
Halbmond von Diamanten, wie sie ihn auf der Hochzeit der Großherzogin
getragen hatte. Die Arbeit ging rasch und flott vorwärts, und auffallend
schnell modelte sich die herrliche weiße Gestalt heraus auf dem schmalen,
hellgetönten Paneel -- ein lichtes Gedicht, eine Symphonie in Farben,
vielleicht nicht so genial wie die Satanella, sicher aber schöner, zum
Herzen sprechender.
Einmal beim Malen kam Falkner hinzu in Begleitung von Lolo -- er ging
selten allein in den Falkenhof.
»O wie schön,« sagte er unwillkürlich, als er vor das Werk des Meisters
trat.
»Meinst du das Original oder das Bild?« fragte Lolo und warf den Kopf
zurück.
»Meine Frau bringt mich in ein Dilemma,« erwiderte er ruhig. »Denn meine
ich das Original, so kränke ich vielleicht den Meister, und meine ich
das Bild -- was soll das Original von meiner Höflichkeit denken. Folglich
wähle ich die goldne Mittelstraße, die hier zur Wahrheit führt, und
sage: Das Porträt ist getreu dem Original!«
»Gut gebrüllt, Löwe,« citierte Keppler lachend seinen Shakespeare,
indem er ruhig weiter malte.
Dolores sagte nichts. Sie stand auf ihrer Estrade in dem zum Atelier
eingerichteten einstigen Tanzsaal des Falkenhofes -- einem wundervollen
großen Raum mit weißem Stuckmarmor bekleidet und bemalter Decke, auf der
es im Rokokogenre von Göttinnen, Nymphen, Amoretten und Seeungeheuern,
welche Arnold Böcklin entzückt hätten, zwischen Blumen und
Fruchtgewinden wimmelte, der aber entschieden sehr einer Restauration
bedürftig war. Aber der nach Norden gelegene Raum war kühl und hatte
gutes Licht, das durch hohe, schmale Fenster voll auf die weiße Gestalt
flutete, welche ungezwungen neben einem niederen, plüschbezogenen
Lehnsessel aus der Renaissanceepoche stand und die schlanke, lilienweiße
Linke leicht auf die Lehne stützte.
»Ich fasse nicht, wie du das Modellstehen aushalten kannst, Dolores,«
meinte die junge Frau, indem sie an den Spitzen von Dolores Kleid zupfte.
»Ich wenigstens werde davon so müde, als hätte ich im Felde Kartoffeln
gehackt.«
»Ich bin auch sehr müde,« sagte Dolores und erblaßte in diesem Moment
so, daß Keppler erschrocken die Palette hinlegte.
»Dolores -- du solltest dich nicht so anstrengen,« rief Falkner, neben
sie tretend. »Komm herab -- laß es genug sein für heute.«
»Nein, nein,« sagte sie mit mattem Lächeln, »es geht immer sehr schnell
vorüber --«
»Wie, du leidest öfter daran? Was ist es?« fragten Falkners =a tempo=.
»O, eigentlich nichts,« erwiderte Dolores apathisch. »Es mag eine Folge
des heißen Sommers sein, daß ich so träge geworden bin seit Tagen --
seit einer Woche etwa. Ich ermüde bei jeder Beschäftigung, und es ist mir
alles ganz gleichgültig, ob es so wird oder so. Und manchmal kommen die
kleinen Frostanfälle, von denen ich eben einen hatte, und die mir dann
alles Blut für einen Moment erstarren machen.«
»Aber du solltest doch einen Arzt fragen,« sagte Falkner, besorgt in das
schöne, aber vergeistigt blasse Antlitz seiner Cousine sehend.
»Wozu? Es ist nichts, wird vorübergehen,« entgegnete sie.
In diesem Moment trat Ruß in den Saal.
»Ah, ah! Ein ganzes Convivium hier versammelt?« fragte er überrascht.
»Wenn das Mama gewußt hätte --«
»Wir kommen noch, ihr guten Tag zu sagen,« fiel Falkner ein, »heut' galt
aber Dolores unser Besuch in erster Linie. Doch vor allem ein Wort an
dich: du mußt deinen Einfluß geltend machen, daß Dolores einen Arzt
konsultiert.«
»Ist sie krank -- unsere lebensfrische, starke, gesunde Dolores?« fragte
Doktor Ruß überrascht und wandte sich nach ihr um. Dabei fiel das Licht
so auf sein Gesicht, daß es sich einzig und allein in seinen ungefaßten,
starken Brillengläsern sammelte und diesen das Aussehen von enormen
Augen ohne Lider, Wimpern, Iris und Pupille verlieh, wie wir sie in ihrem
regungslosen Glanze bei Schlangen sehen.
Dolores fuhr vor diesen auf sie gerichteten, durch die Beleuchtung
furchtbaren Augen mit einem leisen Schrei zurück -- ein Beweis für die
Abgespanntheit ihrer Nerven -- und ein Schauer des Entsetzens überrieselte
sie. Aber sie bezwang sich schnell.
»Ich glaube, der Einfluß des Herrn Doktors auf mich wird überschätzt,«
sagte sie kühl und vielleicht schroffer, als sie gewollt. »Lassen wir
also meine kleine Indisposition beiseite, und hören wir lieber, was die
Herrschaften von Monrepos heut' nach dem Falkenhofe geführt hat.«
»Ah -- ich bitte ungebeugte Willenskraft, unbeeinflußte Unabhängigkeit
bei der sogenannten Patientin festzustellen,« rief Doktor Ruß scherzend
und scheinbar unberührt von der unzweideutigen Abweisung.
»=La garde meurt, mais elle ne vomit pas=,« vollendete Lolo mit einem
Kompliment gegen Ruß, welcher, da die anderen lächelten und lachten, es
=nolens volens= mitmachte. »Das ist nämlich Graf Schingas Devise, die er
sich selbst übersetzt hat,« erklärte die junge Frau, »er hat sich im
Lexikon das Wort ›übergeben‹ statt ›ergeben‹ gesucht -- folglich
nicht =La garde ne se rend pas=, sondern =elle ne vomit pas=.«
»Ja, es ist eine böse Sache um Sprachen, die man nicht versteht,« sagte
Falkner amüsiert. »Überhaupt sind die fatalen Fremdwörter eine
böse Klippe für unseren guten Grafen, der neulich in Berlin bei einer
befreundeten Familie den ›Cicero‹ spielen mußte und sie unter anderem
auch in den ›Theologischen‹ Garten führte.«
»Ah,« meinte Keppler, »die Garde des Grafen Schinga erinnert mich an
einen guten Freund, welcher in einer englischen Familie, mit der ich noch
besser befreundet war, gastliche Aufnahme gefunden hatte und sich bei
seiner Heimkehr gedrängt fühlte, den Gastfreunden nochmals dafür zu
danken. Er drockste also einen recht steifen englischen Brief zusammen,
den er sich erst deutsch aufgesetzt hatte, und der mit dem Satze schließen
sollte: Gott bewahre Sie und Ihre liebe Familie. Da fehlte ihm das rechte
Wort für ›bewahren‹ -- und er fand dafür in seinem Lexikon: =to
conserve, to preserve and to pickle=. Die beiden ersten Vokabeln schienen
ihm aber in keiner Weise den Sinn wiederzugeben, und so schrieb er
denn stolz den Schlußsatz nieder: ›=May God pickle you and your dear
family=.‹ -- Ob der Gastfreund von dem Wunsche, nebst den Seinen in Essig
gelegt zu werden, sehr erbaut war, ist zu bezweifeln.«
Die harmlose kleine Geschichte Kepplers fand die nötige Würdigung,
erheiterte die Stimmung merklich und klärte die kleine Wolke, welche die
scharfe Zurückweisung von Doktor Ruß' Einfluß auf und durch Dolores
hervorgerufen hatte, vollkommen.
»Und nun zu des Pudels Kern,« meinte Falkner, indem er sich wieder an
Dolores wandte. »Wir sind gekommen, dich zu bitten, deinen Geburtstag
drüben bei uns in Monrepos zu feiern.«
»Ihren Geburtstag? Wann ist der?« fragte Keppler elektrisiert.
»Morgen,« erwiderte Dolores, und indem sie Falkners zulächelte, setzte
sie hinzu: »Es ist so freundlich von euch, meiner zu gedenken, aber morgen
müßt ihr mit euren Gästen zu mir kommen. Es ist mein erster Geburtstag
als Lehnsherrin, und da muß ich doch allem, was da fleucht und kreucht
im Bereiche des Falkenhofs, ein Fest geben, inklusive meiner Gäste, der
Husaren. Also abgemacht?«
»Abgemacht,« rief Lolo, doch Falkner sagte:
»Schade --! Wir hätten dich gern bei uns gefeiert, doch ich sehe, daß
du Pflichten an diesem Tage zu erfüllen hast.«
Da stieg eine feine Röte in ihre blassen Wangen.
»Es thut mir so leid, daß es nicht dein Geburtstag ist, den die
Falkenhofer feiern sollen,« sagte sie leise mit bittendem Blick, als wäre
es ihre Schuld.
»Ich weiß es und bin überzeugt davon,« erwiderte er freundlich
und heiter, »und,« setzte er, nur für sie hörbar, hinzu: »was an
Bitterkeit je davon bestanden -- es ist bereut und überwunden, und zur
Süßigkeit geworden --«
Da stieg wieder ein feines Rot auf in ihren Wangen -- das zarte, duftige,
hingehauchte Rot der Meeresmuscheln.
»So -- dieses leise Inkarnat der =maiden-blush=-Rose und diesen weichen
Ausdruck in Ihren Augen muß ich festhalten,« sagte Keppler und sah sie
fest an, »beides paßt so trefflich zu der lichten Stimmung des Bildes --
und steht in solch schroffem Gegensatz zur Satanella,« setzte er eifrig
malend hinzu.
Da wurde das Rot auf Dolores' Wangen etwas tiefer, Falkner aber trat neben
Keppler heran und sah seiner Arbeit zu.
»Es ist ein Umschwung, daß Sie, der sonst stets oder mit Vorliebe auf
tief gesättigtem Hintergrund malten, meine Cousine im weißen Kleide an
die weiße Marmorwand stellen,« meinte er.
»Es ist eine Ausnahme, zu welcher der Stoff nicht nur verleitet, sondern
gebieterisch hinweist,« erwiderte der Maler.
»Ich wollte, es wäre morgen mein Geburtstag,« sagte Lolo auf der Estrade
zu Dolores' Füßen hockend.
»Warum? Hast du solche Sehnsucht, älter zu werden?« fragte Ruß.
»Nein, aber man bekommt da immer eine Masse hübscher Sachen geschenkt,«
erklärte die kleine Freifrau ehrlich.
»Ich wüßte nicht, wer mir etwas schenken sollte,« warf Dolores ein.
»Ach du Ärmste,« gähnte Lolo. Sie langweilte sich schon wieder sehr.
Doch plötzlich kam ihr ein Gedanke. »Ich werde dir etwas schenken,«
jubelte sie und begann vor Freude einen Solotanz zu tanzen. »Ich habe ja
eine gottvolle Idee --« --
»Desto besser,« sagte Dolores lächelnd, »ich werde dir auch wieder
etwas schenken.«
Als sie dann nach Hause fuhren, fragte Falkner seine Frau, was sie der
Cousine zu geben gedächte.
»Abwarten!« erwiderte Lolo geheimnisvoll. »Ihr werdet alle Kopf stehen
und ›paff‹ sein.« -- --
Dolores war wirklich, wie der Engländer sagt, »=out of sorts=.« Sie
war nicht gerade krank, aber sie war jenen kalten Schauern ausgesetzt, von
denen der Volksaberglaube sagt: Der Tod lief über mein Grab. Diese Schauer
kehrten so oft nicht wieder, um ernste Krankheitssymptome zu bedeuten, aber
sie fühlte sich matt und müde und apathisch. Statt, wie sie es gewohnt
war, stets beschäftigt zu sein, konnte sie jetzt stundenlang sitzen und
denken. Aber ihre Gedanken wanderten dabei irr hin und her oder verloren
sich in ein Dunkel und in solch' ungemessene Weiten, daß sie ganz
erschöpft von dem Suchen und Halten in eine Lethargie verfiel, welche
nicht abzunehmen schien, sondern sich oft so lange verlängerte, bis Tereza
und Ramo vereint sie aufrüttelten. War sie dann im Gespräch mit anderen,
so ward es besser, doch die Lebhaftigkeit und Schlagfertigkeit von früher
war fort und von ihr gewichen.
»Ich bin zu allem zu faul,« sagte sie oft zur Gräfin Schinga, welche
jetzt öfters kam und ihr Chopin vorspielte.
»Die Dilettantin muß die Meisterin anregen,« pflegte sie zu sagen, wenn
sie sich zum Flügel setzte, aber Dolores hörte sie gern spielen, denn was
ihr an tieferem Studium abging, ersetzten Genie und Instinkt.
Der Geburtstagsmorgen wurde wie alltäglich einer Porträtsitzung gewidmet,
bei welcher Keppler ihr das eigene Porträt, wenn auch noch unvollendet,
als Angebinde überreichte. Sie war überrascht und erfreut und wunderte
sich doch, wie mühsam und farblos der Dank ihr von den Lippen kam. Dann
kamen Herr und Frau Ruß und überreichten eine antike Armspange, welche
sich in ihrem Besitz befand, und Dolores fragte sich, wie es möglich
sei, daß das Grauen, welches sie gestern vor Doktor Ruß infolge einer
optischen Täuschung empfunden hatte, heute wiederkehren konnte bei seiner
wohlgesetzten kleinen Rede.
»Ich muß wirklich krank sein, daß ich so thöricht bin,« dachte sie,
ohne das Furchtgefühl, das sie wieder beschlich, bekämpfen zu können,
und erleichtert atmete sie auf als Engels erschien, gefolgt von Knieper,
welcher zur Feier des Tages ein Halsband von Blumen und einen Strauß am
Schwänzchen trug.
»Na, immer noch nichts gefunden von dem brasilianischen Meuchellumpen?«
fragte der Verwalter in der Thür den öffnenden Ramo.
»Nichts, Herr Engels,« antwortete der Diener.
»Schadet nichts, werden den Galgenstrick schon kriegen,« versicherte der
Frager mit Zuversicht.
»Nur nicht den falschen,« meinte Doktor Ruß mit Hohn.
»Glauben Sie, daß hier so viele herumlungern?« fragte Engels treuherzig,
worauf Doktor Ruß nur mit den Achseln zuckte.
Zur Dinerstunde fanden sich um sechs Uhr abends neben den auf dem Falkenhof
einquartierten Herren noch Graf und Gräfin Schinga ein -- die Herrschaften
von Monrepos kamen mit ihren Gästen erst im letzten Moment und weit hinter
der Zeit. Der Kommandeur des Husarenregiments reichte nach ihrem Eintreffen
Dolores sofort den Arm und führte die in schlichter, aber unendlich
geschmackvoller weißer Wollrobe Gekleidete zur Tafel, welche in der reich
und verschwenderisch im Renaissancestil ausgestatteten Banketthalle des
Falkenhofs gedeckt und mit den Silberschätzen des Hauses geschmückt war.
Als man schon saß, rief Lolo plötzlich aus:
»O, Dolores, ich habe mein Geschenk für dich im Wagen gelassen!«
»Wir können es nach dem Essen ansehen,« nickte Dolores dankend.
»Ja ja! Aber laß es inzwischen holen und ins Haus tragen,« bat die junge
Frau. »Es ist ein vergoldeter Korb -- aber daß niemand ihn öffnet. Hört
ihr?« ermahnte sie die Diener.
»Das ist ja beinahe, als ob Sperlinge darin wären,« schrie Schinga über
den Tisch herüber.
»Ja, wenn du denkst, du hast'n,
Da springt er aus dem Kasten,«
erwiderte Lolo übermütig.
Falkner glaubte jetzt zu verstehen, denn seine Frau besaß solche Figuren,
welche eine Feder in die Höhe schnellte, wenn man den Kasten öffnete, in
welchem sie sich befanden.
Eine solch' vergnügte Gesellschaft hatte der Falkenhof seit Jahrzehnten
nicht beherbergt, wie heute, denn die Speisen waren gut und die Weine aus
den tiefen, kühlen Kellern vortrefflich. Außerdem dufteten die Rosen in
den Aufsätzen von Silber und altem Meißner Porzellan, und um die Tafel
saß ein Teil der goldenen Jugend der großen Armee, an ihrer Spitze
aber als Hausfrau und Wirtin Dolores Falkner -- da hätte schon viel dazu
gehört, um die allgemeine frohe Manöverstimmung herabzudrücken.
Die Toaste, welche außerdem noch ausgebracht wurden, trugen durch den
Brauch, allemal dabei auszutrinken, wesentlich zur Erhöhung der rosigen
Stimmung bei. Erst erhob sich der Kommandeur und dankte der Schloßherrin
für die vortreffliche, fast fürstliche Aufnahme seiner selbst und seiner
Offiziere im Falkenhof, deren Jäger immer noch hofften, ihr den lang
umpürschten Steinadler als Geburtstagsgeschenk nachträglich überreichen
zu dürfen. Dann ließ Graf Schinga Dolores als Nachbarin leben in ebenso
kunstlosen wie unverständlichen Redewendungen, worauf Doktor Ruß ein
kleines Meisterwerk von Rede vom Stapel ließ. Zuletzt aber schlug Falkner
an sein Glas, erhob sich, und rief, es hoch empor hebend: »Der Herrin vom
Falkenhof!«
Dolores wußte wohl, was dieser kurze Toast für sie bedeutete --
eine Anerkennung ihrer Rechte, eine Abbitte zugefügten Unrechtes, den
Schlußstein zu der Brücke, welche über den Abgrund führte, der einst
beide getrennt. Beglückt, umbraust von dem dreifachen Hoch ihrer Gäste,
erhob auch sie sich und ließ ihr Glas mit dem Falkners zusammenklingen.
»Hie guet Falkner alleweg!« sagte sie mit dankbarem Herzen.
»Es trafen sich die Gläser und gaben guten Klang,« summte Doktor
Ruß vor sich hin, als die geschliffenen Krystallkelche leise und hell
zusammenstießen.
»Prosit, Dolores,« rief Lolo herüber und streckte die Hand mit dem
gefüllten Glase aus. Die Gerufene dankte lächelnd, berührte leicht
das hingehaltene Glas mit dem ihren und klirr -- -- lagen beide Gläser
zersprungen und zersplittert auf dem weißen Tafeltuch.
»Das haben wir aber geschickt gemacht,« lachte Lolo, während Gräfin
Schinga, welche vielem Aberglauben huldigte, entsetzt die Hände faltete.
»Thut nichts, wir haben mehr von dieser Sorte,« nickte Dolores, welche in
dieser Beziehung keine Vorurteile hatte, aber das brechende Glas hatte ihre
Nerven für einen Moment doch ins Schwanken gebracht.
Nach beendigter Tafel sollte der Aufzug der Dorfbewohner vor der Terrasse
stattfinden, darauf aber ein Feuerwerk abgebrannt werden, das die Beamten
des Lehns ihrer Herrin stifteten. Ehe man aber heraustrat, kam Dolores an
Lolo heran und reichte ihr die Hand.
»Die dummen, zerbrochenen Gläser haben dich doch nicht erschreckt?«
fragte sie. »Das hat ja gar keine Bedeutung.«
»Natürlich nicht,« erwiderte die junge Frau überlegen.
»Nun, es freut mich, daß du den thörichten Köhlerglauben über solche
Dinge nicht teilst,« meinte Dolores. »Ich glaube auch nicht an eine
besondere Bedeutung derartiger Zufälligkeiten. Aber jetzt mußt du mir
dein Geschenk zeigen!«
»Ja, ja, mein Geschenk,« rief Lolo begeistert. »Ich hatte es schon
wieder ganz vergessen -- komm!«
Auf einem Seitentischchen in der großen Halle, welche auf die Terrasse
mündete, hatte man das runde, flache Körbchen von vergoldetem Span
hingestellt, welches Lolo von Monrepos herüber gebracht hatte. Umgeben
von der Schenkerin, Falkner und mehreren Herren, schritt Dolores darauf zu,
öffnete das an der kleinen Haspe hängende Schlößchen, schlug den Deckel
auf und -- fuhr im nämlichen Augenblick mit lautem Schrei zurück, denn
auf dem rosa Atlaspolster ringelte sich ängstlich und wild gemacht eine
jener bräunlichen Nattern, wie unsere Wälder sie oft bergen, und fuhr
zischend auf Dolores los, welche vor Schreck und Entsetzen bewußtlos
zusammenbrach und eben nur noch von Falkner und einem der Offiziere
aufgefangen wurde, während ein anderer schnell entschlossen das
geängstigt auf dem Fußboden sich windende und schlagende Tier mit einem
der zunächst stehenden Säbel tötete. Es war ein ganz harmloses Reptil,
aber es war nicht klein, und wer ein Grauen davor hat, dem verrichtet's
denselben Dienst wie eine Riesenschlange, der man unerwartet gegenüber
steht.
Dolores erholte sich in derselben Minute wieder, in welcher Schreck und
Antipathie sie besinnungslos gemacht, aber sie war totenblaß und ihre
Hände steif und kalt, während schwere, eisige Tropfen auf ihrer Stirn
standen. Man versicherte ihr sofort, daß die Schlange unschädlich gemacht
sei, aber sie brachte dennoch kein Wort über die Lippen und als Lolo sich
ihr, sichtlich betreten über den Erfolg ihres gemachten Spaßes, langsam
näherte, da wandte sie sich ab von ihr.
Mit der ihrem Charakter eigenen Selbstbeherrschung erklärte sie sich im
nämlichen Augenblick bereit, auf der Terrasse zu erscheinen und ließ sich
von Falkner hinausführen.
»Dolores, glaubst du, daß ich in dieses -- dieses Geschenk eingeweiht
war?« fragte er, zu ihr herabgeneigt.
»O nein,« erwiderte sie freundlich.
Und dann nahm sie Platz inmitten ihrer Gäste und der Aufzug der Bauern
mit ihren Frauen und Mädchen in deren malerischer Landestracht begann.
Die Schulzen aus den verschiedenen Dörfern, die zum Falkenhof gehörten,
hielten Reden, die Mädchen brachten Kuchen, Eier, Hühner und Lämmer
als Geschenk und sagten Gedichte auf, und Dolores hatte für jedes einen
herzgewinnenden Dank, ein besonders freundliches Wort. Auf dem Dominialhofe
waren Tafeln gedeckt und dorthin mündete der Zug zum leckeren Mahle von
Schweinebraten, Klößen, Salat, Kuchen und Obst, und die Leute an den
aufgelegten Bierfässern hatten alle Hände voll zu thun, die Gläser zu
füllen, während es am Schulzentische, wo die Gemeindevorsteher saßen,
reichlich Wein gab, welchen Dolores selbst ihren Untergebenen zutrank, um
nach vollendetem Mahle den Tanz auf dem Rasen selbst zu eröffnen und einen
Glücksbeutel herum zu reichen, daraus ein jeder sich eine Nummer ziehen
konnte, welche ihm ein hübsches, praktisches Geschenk aus der bunten
Marktbude am Parkeingang einlöste.
Es war alles so hübsch und sinnig geordnet mit vollstem Verständnis
für Geschmack und Neigung der Landleute, welche bei aller Disciplin freie
Bewegung hatten, daß man rückhaltlos die Begabung der jungen Lehnsherrin
für derartige Feste anerkannte. Und in der That gehört mehr dazu, den
schlichten Landmann zu erfreuen, als Geld und eine offene Hand -- es
gehört ein offenes Herz dazu und liebevolles Eingehen in das, was ihm lieb
ist durch Tradition und eigene Neigung, es gehört dazu eine von Herzen
kommende Freundlichkeit, nicht jene Herablassung, welche auch das
freundlichste Wort hohl klingen läßt und zum Stachel macht. Und wer da
meint, daß ihm durch ein Gespräch mit dem niederen Mann ein Stein aus
der Krone fällt, der kann sich darauf verlassen, daß dieser Stein
sehr schlecht und locker gefaßt war, denn wir können aus dem gesunden,
ursprünglichen Urteil des geringen Mannes oft mehr lernen, als aus
Dutzenden von Büchern. Die Erziehung und die Bildung machen uns ja erst
von dem Volke verschieden, denn der Schneeschipper unten auf der Straße
hat vielleicht genau dieselbe Quantität Gehirn wie du, nur daß es bei dir
geweckt durch den Ruf »Excelsior,« während es bei ihm schlummert, roh
weiter arbeitet oder am Ende ganz einschläft.
Das Volksfest im Falkenhof war also ein solches im besten Sinne des
Wortes, denn Dolores wußte durch ihre Arrangements, die sie mit Engels
ausgearbeitet, ihre Untergebenen zu erheitern und harmlos zu unterhalten,
immer mitten unter ihnen erscheinend und alle Mütter auffordernd, ihre
Kinder morgen nach dem Falkenhof zu bringen zu Spielen und süßen Bissen.
Doch als die Fässer leer waren und die letzte Fiedel verklungen und
die bunten Papierlaternen und Stocklaternen verlöschten, und alles sich
lachend und singend mit donnernden Hochs auf die Lehnsherrin entfernte,
als auch die Nachbarn fort waren und man sich Gute Nacht sagte, da brach
Dolores fast zusammen. Es war zuviel für sie gewesen, die, sonst so stark
und gesund, das Wort »Anstrengung« nicht kannte. Sie erschreckte Tereza
erst durch eine lange Ohnmacht, aus welcher sie total erschöpft erwachte,
um dann in einen ruhelosen, fieberhaften, traumgequälten Schlaf zu
verfallen.
Tereza hatte in ihrer Angst erst Mamsell Köhler herbeigerufen, welche mit
Essigäther, Salmiakgeist und Eau de Cologne hinzueilte und die Bewußtlose
damit zu beleben suchte. Als dies gelungen war und Dolores zu Bett lag,
hatte sich's die Beschließerin aber nicht versagen können, Frau Ruß,
welche noch wach war, von dem Vorkommnis zu unterrichten, worauf Doktor
Ruß nach oben eilte und es von Tereza durchsetzte, an das Bett der Kranken
geführt zu werden. Dort prüfte er den Puls der unruhig Schlafenden,
maß ihre Temperatur durch Einlegen eines Maximalthermometers in die linke
Achselhöhle, was Tereza sehr mißtrauisch beobachtete, und ging dann
wieder herab.
Nach einer Weile erschien er bei seiner Frau, ein Fläschchen mit einer
farblosen Flüssigkeit in der Hand.
»Liebes Weib,« sagte er, »unsere teure Dolores scheint heut' Abend zu
viel gethan und ihre Nerven überspannt zu haben -- hm, hat entschieden
Fieber, wenn auch nicht in hohem Maße. Ich habe ihr hier drei Tropfen
Aconit der dreifach verdünnten Potenz in Wasser zurecht gemacht, und bitte
dich, nach oben zu steigen, den Inhalt des Fläschchens in ein Glas Wasser
zu mischen und dieses der Kranken löffelweise während der Nacht durch
Tereza verabreichen zu lassen.«
Frau Ruß rührte sich nicht.
»Willst du gehen, liebste Adelheid?« fragte der Doktor sanft.
»Nein,« sagte sie laut und hart.
»Nein?« wiederholte er. »Ich habe wohl nicht recht verstanden?«
»Doch,« erwiderte sie kurz.
Da lachte er leise in sich hinein.
»Also immer noch eifersüchtig, Geliebte?« fragte er mit vollem Brustton,
doch sie antwortete nicht.
»Nun, ich kann dich nicht zwingen,« fügte er hinzu. »Du willst also
sicher nicht diese Arznei nach oben tragen?«