»Vielleicht,« wiederholte sie, blaß werdend, aber eben so ruhig.

Da sprang er auf und trat dicht vor sie hin.

»Dolores,« sagte er mit stockendem Atem, »Dolores, noch können Ihre

Schwingen wieder wachsen! Kehren Sie allem den Rücken, und werden Sie mein

Weib -- noch einmal bitte ich Sie darum, flehe ich Sie an!«

Jäh erblassend wandte sie sich ab -- mußte auch das noch kommen, sie zu

peinigen.

»Dolores, Ihre Antwort!« bat er leise vor Erregung.

Da wandte sie ihm wieder ihr schönes Antlitz zu.

»Nein,« sagte sie fest.

»Nein! Wieder nein!« rief er außer sich. »Dolores, heut' habe ich ein

Recht zu fragen, warum Sie meine Hand, die Hand eines redlichen Menschen,

der Sie so sehr liebt, zum zweitenmal zurückweisen. Zurückweisen mit

einem kurzen, harten ›Nein,‹ unversüßt, unvergoldet durch die

üblichen Versicherungen von Achtung und Freundschaft -- hab' ich auch das

verwirkt?«

»Warum quälen Sie mich so?« fragte sie schmerzlich.

»Quäle ich Sie? Nein, bei Gott, das will ich nicht, denn es ist nicht

edel, Gleiches mit Gleichem zu vergelten,« erwiderte er bitter und ergriff

seinen Hut. »Also leben Sie wohl! Aber eins müssen Sie wissen und sollen

es bedenken: Es ist nicht gut, ein Herz von sich zu weisen, das wahrhaft

liebt. Und wenn einst Ihr Herz gebrochen und Ihr Kranz verblüht ist, dann

ist es zu spät, sich in die Arme der Kunst zu flüchten -- sie wird nichts

mehr haben für Sie als höchstens -- Mittelmäßigkeit.«

Sie wollte ihm antworten: »Sie sind ein zu spät geborener Prophet, denn

mein Herz _ist_ gebrochen, mein Kranz _ist_ verwelkt,« -- aber sie schloß

die Lippen wieder und schwieg, blaß und kalt, und als er in der Thür noch

einmal umkehrte, voll Reue über seine harten Worte, und ihr zögernd die

Hand reichte, da legte sie freilich die ihre hinein, aber sie war kalt und

bewegungslos, wie eine Marmorhand.

Und als sie dann endlich allein war, da war auch ihre Kraft erschöpft,

elend an Leib und Seele, sank sie zu Boden und rang die Hände und klagte

ihr Schicksal an, das ihr die Liebe zweier redlicher Männer, die sie nicht

wieder lieben konnte, bescherte, während sie den, den sie liebte mit der

ersten Liebe ihres Herzens, nicht lieben durfte.

Derselbe Bahnzug, der die Bewohner von Monrepos fortführte in ihrem auf

der Station deponierten Salonwagen, verabschiedet auf dem Perron von

den Bewohnern von Falkenhof und Arnsdorf, welche den Scheidenden eine

Überfülle von Rosen mitgaben auf den Weg -- derselbe Zug brachte Dolores

von der anderen Seite Gäste: Professor Balthasar und seine liebenswürdige

Frau, welche mit ihrem Gatten, dem berühmten Historienmaler, siegreich in

die Schranken trat durch ihre stimmungsvollen Landschaftsbilder, welche

ihr Pinsel in Aquarell duftig und mit hoher Meisterschaft hinzauberte aufs

Papier. Dolores begrüßte diese lieben Freunde mit aufrichtiger

Freude, denn von dem nicht nur äußerlich, sondern von innen heraus

liebenswürdigen und bedeutenden Paar, dessen Unterhaltungsgabe noch

außerdem hervorragend war, hoffte sie viel für ihr Gemüt, dessen

sonnige Eigenschaften die letzte Zeit so sehr getrübt. Doch ihre

frühere Heiterkeit, Energie und Thatkraft wollten trotz der anziehenden

Gesellschaft nicht zurückkehren, und mehr als einmal fragten sich der

Professor und seine Frau: »Was ist mit ihr vorgegangen? Was hat sie

getroffen? Von der geistsprühenden, harmlos heiteren, entzückenden

Dolores, was ist geblieben? Ein schönes ernstes Mädchen, bei dessen

Anblick man staunend fragt: Ist das die berückende Satanella von ehedem?

Welche Wandlung!«

»Aber eine Wandlung zum Schöneren,« behauptete der Professor, und seine

Frau riet mit echt weiblichem Instinkt auf eine unglückliche Liebe als auf

des Wandels Ursache.

Und die Wochen schwanden dahin, und Balthasars verließen wieder den

Falkenhof mit großem Bedauern, diesmal aber zusammen mit Dolores, welche

nach Nordland fuhr -- zu Alfred Falkners Hochzeit als Gast der Prinzessin

Alexandra. Es war nur eine Leidensstation mehr auf dem Kreuzwege ihres

Herzens, und nicht einmal die letzte, wie sie wußte. Aber sie haderte

nicht mehr mit ihrem Schicksal, das ihr Ruhm und Besitz gewährt und

ihr das Glück versagte, denn sie hieß nicht umsonst -- Dolores, die

Schmerzensreiche. Sie war ruhiger geworden mit der Zeit, und als sie nun

dem schweren Tag _seiner_ Hochzeit entgegenfuhr, da glaubte sie fest und

ehrlich ganz und vollkommen entsagt und überwunden zu haben.

Doktor Ruß und seine Frau waren im Falkenhofe zurückgeblieben -- sie

hatten ihr Fernbleiben von der Hochzeit in Nordland durchgesetzt, und da

sie ja erst im Herbst mit Dolores zusammen den Falkenhof verlassen sollten,

so hüteten sie einstweilen das Haus. Die Anwesenheit des Balthasarschen

Ehepaares hatte ihnen übrigens eine sehr angenehme Abwechslung geschaffen,

unter welcher sogar Frau Ruß ein wenig aufthaute und weniger schroff

schien wie früher, wohingegen Doktor Ruß und der Professor sich in vielen

Dingen fanden und sich gegenseitig sehr ansprachen. Auch Schingas hatten in

dieser Zeit gute Nachbarschaft gehalten, und soweit der heiße Sommer die

Gräfin nicht im tiefsten Negligé in ihr Zimmer bannte in Gesellschaft

ihrer Schlangen und ihres Zola, waren sie häufige Gäste im Falkenhof.

Dolores wurde in Nordland von einer herzoglichen Equipage abgeholt und in

dem grandiosen Schlosse von Prinzeß Alexandra, welche ihr Zimmer neben

ihren eigenen Appartements angewiesen hatte, empfangen. Und als sie bald

nach ihrer Ankunft im kleinen Kreise zum Familienthee befohlen wurde,

dem Falkner aber nicht beiwohnte, da sah sie, daß man das leichte,

bürgerliche Gewand aus Monrepos vollkommen mit dem Hofkleide vertauscht

hatte, welches ja an kleinen Höfen viel steifer ist, als an großen,

hier aber freilich anmutender wurde die persönliche, schlichte, und

herzgewinnende Weise seiner Träger. Prinzeß Lolo, welche heute Mittag

eine Abschiedscour absolviert hatte, war übermütig und naseweis wie immer

und machte den Damen und Herren jede Verbeugung, jede Antwort mit sehr

viel Beobachtungs- und Nachahmungsgabe nach, nur daß sie eben alles ins

Lächerliche zog und Dolores, wider Willen mitlachend, eigentlich froh war,

daß Falkner nicht zugegen war, denn die amüsante Darstellung schien ihr

etwas moquant und herzlos, und sie wußte, daß er für das Herunterziehen

und Persiflieren von jedermann kein Verständnis hatte.

»Ich hätte schreien können vor Lachen, als all' diese Karikaturen an mir

vorbeimarschierten in Gänsemarsch und jedes mir einen Kuß auf den rechten

Handschuh applizierte,« schloß Prinzeß Lolo ihren Bericht. »Sascha,

wenn du deine Cour hältst, dann rate ich dir, laß dir einen Blitzapparat

in der Corsage deines Kleides anbringen und photographiere dir damit die

schönsten Gestalten und Komplimente. Da ist ein alter General, der setzte

sich einfach aufs Parkett vor mich hin, als er im Anmarschieren plötzlich

parierte -- er wird sich auch vor dich hinsetzen. Und dann die ganzen

Landpomeranzen, die Komplimente machen als hätten sie einen Schuß in die

Kniee bekommen, und über ihre großen Zehen stolpern! Ich habe in

dieser Menagerie heut' nur den Grafen Schinga vermißt in seinem

Schweinetreiberkostüm und meine künftige Schwiegermutter in ihrer

altmodischen Faltentaille ohne Kragen, mit Scheulederscheiteln,

Diamantringen auf dem Zeigefinger und ihrem ewigen Strickstrumpf!«

Nun war Frau Ruß Dolores gar nicht sympathisch, aber es war ihr noch nicht

eingefallen, die starke, unmodern und nachlässig gekleidete, aber doch

noch stattliche Frau lächerlich zu finden. Daß es aber von seiten der

Braut ihres Sohnes geschah, berührte sie unsäglich unangenehm, und als

gar bei den letzten Worten Falkner den Salon betrat, da errötete _sie_

für die lose Zunge der Prinzeß, und der erschrockene, abbittende Blick,

der jener zugekommen wäre, traf ihn aus Dolores' Augen, das Aufleuchten

seiner Augen aber sagte ihr, daß er sie verstanden habe und ihr danke.

Die übrige Gesellschaft, bestehend aus der Familie, einigen wenigen zur

Hochzeit erschienenen fürstlichen Verwandten, einigen hohen Hofchargen und

dem Verlobten der Prinzeß Alexandra, welchem sie Dolores als ihre liebe

Freundin und künftige Palastdame vorgestellt hatte, verfiel in peinliches

Schweigen, als Falkner unter ihnen stand, ehe seine Braut kaum ihre Rede

vollendet hatte. Er küßte derselben, nachdem er seine pflichtschuldigen

Reverenzen gemacht, die Hand und sagte ihr, nur hörbar den

Zunächststehenden:

»Es giebt eine Posse, in welcher ein unzufriedener Sohn die klassischen

Worte spricht: ›Man kann nicht vorsichtig genug sein in der Wahl seiner

Eltern.‹ Diese Weisheit läßt sich ja auch auf Schwiegereltern anwenden

und zwar um so erfolgreicher, als man hier wirklich diese gerühmte

Vorsicht zur Anwendung bringen kann.«

Prinzeß Lolo lachte.

»Ach was -- ich heirate dich ja, nicht deine Mutter!«

»Eben darum sollte sie wohl besser außerhalb deiner Karikaturengalerie

bleiben,« entgegnete er sehr ernst.

»Aha,« machte die Prinzeß böse, »darum nennt man den Abend vor der

Hochzeit wohl den Polterabend, weil der Bräutigam schon das Recht zu haben

glaubt, seiner Braut poltrige Reden zu halten!« -- Sprach's und drehte

sich auf dem Absatz um.

Dolores, welche ein Gespräch mit Falkner fürchtete und erhoffte, sah sich

getäuscht, denn er fand oder suchte keine Gelegenheit mit ihr zu sprechen.

Auch am anderen, dem Hochzeitstage, wechselten sie nur wenige Worte. Das

war nach der Trauung in der Schloßkapelle, deren Altar Ihre Durchlaucht

die Prinzeß Eleonore von Nordland hoch erhobenen Hauptes, die Augen zwar

nicht feucht vor innerer Bewegung über den Ernst des Augenblickes, sondern

sehr munter leuchtend und lachend als Freifrau von Falkner verließ. Das

Brautpaar nahm in einem Salon, bevor das Frühstück serviert wurde, die

Glückwünsche der wenigen Anwesenden entgegen, und so mußte auch Dolores

sich bezwingen, beiden ein Glück zu wünschen, das ihr nicht vergönnt

war. Sie trat auf die kleine, reizende, spitzenumrieselte, atlasumrauschte

Braut zu und reichte ihr die Hand.

»Glück auf, Cousine,« sagte sie. »Hie guet Falkner alleweg! Und,«

setzte sie hinzu, ein Etui aus der Tasche ziehend, »was ich der Prinzeß

von Nordland wohl kaum bieten durfte -- die Verwandte bitte ich's

freundlich anzunehmen.«

Die junge Frau nahm lächelnd das blaue Samtetui entgegen und öffnete es

-- da funkelte, leuchtete und blitzte auf weißem Kissen eine Brosche

von Brillanten in Form einer graziös geschlungenen Schleife, welche eine

Kaiserin geschmückt hätte, so groß waren die Steine, so rein ihr Wasser,

so mächtig ihr Feuer, so reizend die Form der Fassung und so wahrhaft

fürstlich die Größe des nach einer »Rokoko-Corsage« modellierten

Schmuckes. Lolo Falkner stieß einen Schrei der Bewunderung aus, das

verwöhnte Fürstenkind war geblendet. In ihrer stürmischen Art fiel sie

der Geberin freudestrahlend um den Hals.

»Nein, wie reizend von Ihnen -- von dir! Wir nennen uns doch jetzt

›du,‹ nicht wahr? Ich hab' es ja aber immer gesagt, du bist eine

famose, urnette Rübe, Dolores! Nein, diese Diamanten! Selbstgewachsene,

was?«

»Wenigstens bei mir in Brasilien teilweise selbstgefunden,« erwiderte

Dolores amüsiert, als die weichen, zarten Arme sie freigaben und der

kleine rosige Mund einen Moment still stand. Und während die Braut mit

ihrem Schatz zu den anderen flog, um ihn zu zeigen und ihn bewundern zu

lassen, stand Dolores neben Falkner, stumm, nach dem Worte suchend, das sie

ihm sagen sollte.

»Ich wollte, ich hätte am heutigen Tage auch ein gutes Wort von dir mit

auf den Weg nehmen können,« sprach er endlich leise.

Da sah sie auf zu ihm mit ihrem klaren, reinen Blick und reichte ihm die

Hand.

»Ein Wort, Alfred?« wiederholte sie. »O, ein ganzes, langes Gebet für

dein Glück, das hat Gott gehört!«

»Ich danke dir,« sagte er mit einem tiefen Atemzuge, »das wiegt den Wert

deiner Gabe für meine -- meine Frau so reichlich auf, weil es unschätzbar

ist.«

Das waren die einzigen Worte, welche sie wechselten, denn nach dem

Hochzeitsfrühstück reiste das junge Paar sogleich ab.

Prinzeß Alexandra wollte nichts von einer sofortigen Heimkehr Dolores'

nach dem Falkenhofe wissen und behielt sie in Nordland zurück bis zu ihrer

eigenen Vermählung, welche zehn Tage später mit großem Pomp und der

ganzen Entwicklung fürstlicher Etikette stattfand. Als das Jawort am Altar

gesprochen war, trat Dolores an die Seite der fürstlichen Braut, welche

wunderschön, weil ganz verklärt, aussah, denn in ihrem Patent war sie

zur Palastdame der _Großherzogin_ Alexandra ernannt und übernahm mit dem

Augenblicke des Ringwechsels auch alle Funktionen ihres Amtes. Daß aller

Blicke sich dabei, wie vorher auch, auf sie richteten, war natürlich

vermöge ihrer außergewöhnlich schönen Erscheinung, welche heute,

umrauscht von der weißen, golddurchwirkten Courschleppe, zur vollsten

Geltung kam, und was das =on dit= dabei von ihrem Reichtum, ihren Talenten

und ihrer kurzen, siegreichen Künstlerlaufbahn sagte, glich schon

einem ganzen Roman, da Frau Fama den Mund dabei recht voll nahm, und die

gewohnheitsmäßigen bösen Zungen, welche natürlich »Allerlei«

wußten, wurden einfach überstimmt und mußten sich auf eine günstigere

Gelegenheit vertrösten, wo sie ihren Tropfen Gift loswerden konnten,

der, wenn er auch »leider« keine Aussicht hatte, den moralischen Tod der

Begeiferten zu verursachen, doch mindestens einen Flecken oder eine Narbe

hinterlassen mußte. Ja, ja --

Die Disteln und die Dornen, die stechen gar sehr,

Die falschen, falschen Zungen aber viel, viel mehr! --

Jedenfalls war die demonstrative Freundschaft der nunmehrigen Großherzogin

für die junge, interessante Erbherrin vom Falkenhof ein Schild, daran

viele der giftigen Pfeile abprallten, denn die Welt verträgt es nun

einmal nicht, wenn Schönheit, Reichtum und Genie sich in _einer_ Person,

besonders einer weiblichen, vereinen. Und es waren auch vielleicht einige

darunter, welche sich einer sehr festen, entschiedenen und unzweideutigen

Ablehnung ihrer Huldigungen aus der Zeit erinnerten, da Dolores als Doña

Falconieros die Satanella sang -- -- nun war die Gelegenheit vielleicht

gekommen, Rache zu nehmen für diese Abweisungen beleidigender Huldigungen,

denen eine schutzlose Frau so leicht ausgesetzt ist. Aber wie gesagt, die

Stimmen der Verleumdung und hämischer, vieldeutiger Worte verhallten in

dem Chor der Bewunderung für die »Brasilianerin,« deren natürliche,

ungemachte Würde, deren reiner, stolzer Blick ihrem Siege auf dem glatten

Parkett des Hofes einen sehr soliden Hintergrund verlieh, durch das »=noli

me tangere=,« welches daraus sprach.

Der Hochzeit wohnte natürlich auch der Freiherr von Falkner mit seiner

jungen Frau bei, welche in Rosa mit Silber, die Brillantschleife von

Dolores an der Brust, rosa Federn und Brillantsterne im Haar, einen

Watteau entzückt hätte durch ihre jugendfrischen Reize, welche sie einem

Figürchen von Sèvresbiskuit ähnlich machte, und deren sie sich auch voll

bewußt war.

Das sah Falkner, und er sah sie auch mit ihrer Jugendschöne kokettieren.

Sein Blick suchte unwillkürlich Dolores, auf welche er einst, befangen

von Vorurteilen, als auf eine »Komödiantin« verächtlich herabsehen

zu müssen geglaubt und deren von jeder Gefallsucht freies, natürliches

Auftreten er nicht nur bemerken und anerkennen, sondern auch bewundern

mußte. Da war nicht _ein_ Hauch von Koketterie in ihrem Wesen und war es

auch auf der Bühne nicht gewesen, weil es ihrem Charakter fern lag,

weil ihr Stolz sich dagegen sträubte, die Bewunderung der Welt durch

künstliches Hervorheben und Aufmerksammachen auf ihre Schönheit zu

provozieren, aber sie war sich auch bewußt, daß ihre Schönheit siegend

war ohne diese Mittel und durch das Unbewußte, Keusche, mit dem sie

sich gab. Aber der Blick, mit welchem er hinübersah nach ihr, wie sie im

weißen Spitzenkleide, die schimmernde, golddurchwirkte Courschleppe zu

ihren Füßen, um den wunderschönen, alabasterweißen Hals eine einzige,

schlichte Rivière von Diamanten, einen Halbmond von Diamanten im

leuchtenden, wie poliertes Kupfer glänzenden, hochaufgesteckten Haar, am

Altar stand neben der knieenden Gestalt der hohen Braut, dieser Blick wurde

aufgefangen von der jungen Freifrau und erweckte sofort ein heißes Gefühl

von Eifersucht in ihrem jungen Herzen. Und als dann die Trauung vorbei war

und alles zur Cour sich begab, da trat sie dicht an ihn heran.

»Du!« sagte sie mit halbem Lachen, aber dem Weinen doch näher, »du, ich

sage dir, kokettiere nicht mit der schönen Cousine -- =c'est défendu!=«

»Das weiß ich, kleine Weisheit,« erwiderte er freundlich, »aber selbst

wenn ich wollte -- zum Kokettieren gehören meistens zwei!«

»Ja, ist wahr, du bist ihr _riesig_ gleichgültig,« lachte Lolo Falkner

nun wirklich. »Natürlich schmeichelt das deiner Eitelkeit nicht, denn ihr

Männer seid doch nun einmal reichlich so eitel wie wir!«

»Auch wie du?« fragte er, auf ihren Ton eingehend.

»O, viel eitler,« protestierte sie. »Aber,« setzte sie flüsternd

hinzu, alle Dämonen der Schelmerei und Schadenfreude in den lachenden

Augen, »aber, wenn du's etwa nicht glauben willst, wie entsetzlich

gleichgültig _du_ ihr bist, so will ich dir ein Geheimnis verraten. Ich

habe mir nämlich damals in Monrepos eingebildet, daß du Dolores wegen dem

Testament des buckligen Freiherrn heiraten würdest, und habe sie deswegen

interpelliert.«

»O, Lolo!« seufzte Falkner auf seinen taktlosen kleinen Tollkopf von Frau

herab.

»Ja, da hat sie dich mir mit einer Bereitwilligkeit abgetreten, welche

stupend war, sage ich dir. Ergo -- du bist _ihr_ ganz Wurscht!« --

Und mit dieser neuesten Errungenschaft zur Vervollständigung ihres

Sprachlexikons tanzte sie triumphierend davon. Falkner aber fiel eine Binde

von den Augen, er sah klarer in die Vergangenheit und eines der Rätsel

dieses stolzen Herzens war gelöst.

»Arme Dolores!«

Im übrigen traten sie sich auch bei dieser Gelegenheit nicht näher, als

beim zufälligen Begegnen zur Aufrechterhaltung der äußeren Formen nötig

war, und die Welt, welche alles beobachtet, alles sieht, sagte:

»Er kann es nicht verwinden und ihr nicht vergeben, daß nicht er, sondern

sie den Falkenhof bekommen hat.«

Und Fragern, welche die einfachste Lösung dieses Erbfolgekriegs in

einer Vermählung der Erbin mit dem Enterbten sahen, wurde geheimnisvoll

geantwortet:

»Ja sehen Sie - er hat sie nicht gemocht, weil sie doch Opernsängerin

gewesen ist. Und sie ist ihm auch zu antipathisch; das kann ja jedes Kind

sehen. Rote Haare _sind_ eben auch nicht jedermanns Sache.«

* * * * *

Am Tage nach der Vermählung der Prinzeß Alexandra hielt der Freiherr

von Falkner mit seiner Frau den Einzug in Monrepos, das ihr der Herzog,

vollständig eingerichtet, als Morgengabe geschenkt zum Sommeraufenthalt,

während Dolores dem großherzoglichen Paare auf einige Tage in dessen

Residenz folgte, um dort bei den Einzugsfeierlichkeiten ihres Amtes zu

walten -- und so kam es, daß sie erst nach vierzehntägiger Abwesenheit in

den Falkenhof zurückkehrte.

* * * * *

Die junge Freifrau von Falkner hatte sich in Monrepos sofort mit großem

Selbstbewußtsein installiert und energisch Besitz ergriffen von ihrem

Regiment. Bis dahin immer noch halb als Kind behandelt, jeden Zwang

hassend, war sie in einer Atmosphäre aufgewachsen, welche, wie ihrer

Mutter, ihren ganzen Neigungen widersprach. Die programmmäßigen,

geregelten Vergnügungen machten ihr gar keinen Spaß, sie wollte

Vergnügungen nach ihrem eigenen Maßstabe. Auch liebte sie's gar nicht,

erzogen zu werden, und emancipierte sich auch vielfach mit Erfolg von den

guten Lehren, welche sie nicht als solche anerkannte, sondern sie einfach

für eigens zu ihrer Qual erfundene Plackereien hielt. Daß das Leben eine

sehr ernste Sache sei, und der Schmerz, als ein herber, doch treuer Gast

dem Menschen kaum von der Seite weicht, das begriff sie nicht und lachte

insgeheim über die »Thränenweiden,« welche die Aufgabe dieses Lebens in

einer Vorbereitung für das künftige erblickten und das Elend aufsuchten,

um es zu lindern. Das Leben war für Eleonore von Nordland ein ewiger Tanz,

in welchem man wohl Pausen machte, sich zu erholen, aber um Gottes willen

nicht ganz aufhörte zu tanzen. Es ging ihr eben wie so vielen anderen,

welche für ihre Eigenart zu früh und zu spät geboren werden -- und

bei ihr war entschieden das Letztere der Fall, denn wenn König Jerôme

»lustiken« Andenkens diese leichtblütigste Prinzeß der Welt kennen

gelernt und, da sie ganz sein Genre war, zur Königin gemacht hätte,

so wäre es sicher noch viel, viel »lustiker« zugegangen im schönen

Wilhelmshöhe.

Da man aber nun leider nicht mehr in diesen vergnügten Zeiten lebte und

auf dem Vulkan tanzte, lachte und Tollheiten trieb, sondern unsere Zeit

darin entschieden decenter und würdiger geworden ist, so wünschte

Prinzeß Lolo nichts sehnlicher, als, da sie doch den König Jerôme

nicht heiraten konnte, herauszukommen aus dem Zwange eines Hofes und

dem Schicksal zu entrinnen, dereinst als »sitzengebliebenes«

Herzogstöchterlein in dem Familienstift als Äbtissin desselben zu enden.

Da war Falkner, den sie bisher eigentlich schon zu den »Alten« gerechnet

hatte, erst in Monrepos so recht in ihr Leben getreten, und nachdem er

ihr erst imponiert, hatte sie sich sterblich in ihn verliebt -- eine

Backfischliebe, wie sie fast immer vorkommt, wenn Schulmädchen der ersten

Klasse oder Selekta sich in einen der Lehrer -- meist den Zeichen- oder

Gesangslehrer -- verlieben, heimliche, sehr schlechte Gedichte an ihn

machen und sonstigen Kultus mit ihm treiben, von dem er keine Ahnung hat.

Da Prinzeß Lolo nun aber keine höhere Töchterschule und kein Pensionat

besucht hatte, ihre Privatlehrer aber alle sehr gesetzten Alters und keine

Epigonen des schönen Adonis waren, so hatte sie dieses Herzensstadium

auch nicht durchgemacht und sie trat erst in dasselbe, als der Freiherr von

Falkner mit seiner imposanten Erscheinung, seinem kühl-vornehmen, ernsten

Wesen zu Monrepos ihren Weg kreuzte. Nun fing das junge, unerfahrene

Herzchen Feuer, und da sie wußte, daß Prinzessinnen auf den Bällen nicht

engagiert werden, sondern selbst ihre Tänzer wählen und befehlen, so

versicherte sie sich erst, daß die gefährliche Konkurrenz von Dolores

keine Nebenbuhlerschaft war, und präsentierte ihm, der sich von Dolores

aussichtslos zurückgewiesen sah, ihr junges Herz mit einer Deutlichkeit,

die ihm bei der Jugend und der Unerfahrenheit der Herzogstochter

schmeichelte und wohlthat. Durch welche Motive der Herzog bestimmt worden

war, seine jüngste Tochter außerhalb ihres hohen Standes zu verheiraten

und sie einem simplen Edelmann zu geben, mit dessen Haus er freilich lange

schon befreundet war, wissen wir.

Für Falkner gab es nach der Scene an der Gruftkapelle kaum noch einen

anderen Weg, als den, welchen er eingeschlagen hatte, und nun er ganz

gebunden war, wußte er auch, daß Dolores ihr Herzensgeheimnis niemals

preisgegeben hätte, nie sich hätte abringen lassen, wenn es anders

gekommen wäre, wenn der Herzog dem Vasallen die Hand seiner Tochter

versagt hätte.

Und so fand denn die Schließung einer Ehe statt, die ein vierfach

verfehltes Rechenexempel war, die ein Blick in die Zukunft verhindert

hätte. Freilich hätte auch jetzt noch dieser eine Blick beiden viel

ersparen können, doch es soll ja nicht sein, wir sind, zu unserem Glück

meist, unwissend über die Ereignisse der nächsten Stunden und Tage. Die

Freifrau von Falkner nahm also Besitz von ihrer Freiheit mit einem

Eifer und einer Energie, welche deutlich bewiesen, wie die langersehnte

Selbständigkeit ihr wohlthat. Ihr Anordnen, ihr Befehlen, Arrangieren

verriet eine Sicherheit, welche bezeichnend war und erstaunlich zugleich,

wenn man die Abhängigkeit in Betracht zog, in welcher sie bisher gelebt

hatte. Nun fühlte sie sich ganz Schloßfrau, und am Tage nach ihrer

Ankunft in Monrepos hatten viele Hände viel zu thun, denn ihr Geschmack

verwarf die meisten Arrangements, änderte, setzte Möbel um, verlegte

ganze Zimmer, und als sie dann erklärte, es sei so gut, da war freilich

ein genialer Zug, ein gewisser künstlerischer Sinn nicht zu leugnen, der

in den Arrangements lag.

Eine ganze, volle Woche lang beschäftigte das neue, unumschränkte

Eigentum, das eigene Heim den unruhigen Geist der jungen Freifrau wie ein

langersehntes, oft begehrtes Spielzeug; eine ganze Woche lang war sie auch

glücklich und zufrieden in Gesellschaft ihres Gatten, welcher alles that,

ihr dieses neue Heim durch seine Gesellschaft anziehend zu machen, welcher

freundlich und liebreich einging auf ihre Intentionen, ihre bizarren

Gedankensprünge, und in dem glücklichen und zufriedenen Ausdruck ihrer

lachenden blauen Augen Ersatz fand für manches Verlorene, oder vielmehr zu

finden glaubte und zu finden hoffte. Für ihn selbst war ja diese Zeit

des gezwungenen =dolce far niente= ein Opfer, das er angesichts des

elfenhaften, quecksilbernen Wesens an seiner Seite ein _kleines_ nannte,

das er auch in dieser leicht gleitenden, ruhevollen ersten Woche auf

Monrepos als solches empfand. Aber er liebte die Arbeit und liebte

Beschäftigung, und da er »auf höheren Befehl bis auf weiteres« von

allem und jedem Dienst freigegeben war, bis sich der gesuchte höhere

Posten, wie er sich für den Schwiegersohn eines regierenden Fürsten

schickte, gefunden hatte, so war er entschlossen, diese Pause in seinem

Arbeitsleben durch selbstgewähltes Studium auszufüllen. Damit freilich

kam er in dieser ersten Woche nicht weit, denn wenn er Lolo in einem

entfernten Zimmer wirtschaften, räumen und befehlen hörte und die Bücher

aufschlug, da war sie gewiß im nächsten Moment schon da, steckte das

Köpfchen mit der winzigsten Spur einer Frauenhaube auf dem Blondhaar zur

Thür hinein und fragte lachend und eifrig tausend und eine Frage, bis er

resigniert die Bücher zusammenklappte und freundlich auf ihre Wünsche

einging.

Aber eine Woche verstreicht schnell, besonders wenn sie Glück bringt und

Friede, und Falkner hatte den allerbesten Willen für beides.

Und so geschah es denn genau eine Woche nach dem Einzuge des jungen Paares

auf Monrepos, als beim ersten Frühstück an einem herrlichen Sommermorgen

auf der Veranda die junge Frau ihre Theetasse hinsetzte, die kleinen

rosigen Hände im Schoß faltete, sich zurücklehnte und -- gähnte.

»Ei, noch müde, Lolo?« fragte Falkner lächelnd, denn es war nicht

gerade mehr sehr früh am Morgen.

»Müde? Nein, langweilig,« gestand Frau Lolo offenherzig genug.

»O! O! Ich fühle mich sehr geschmeichelt,« meinte Falkner heiter.

Das aber nahm seine Frau übel.

»Dabei ist gar nichts zu lachen,« sagte sie pikiert. »Es ist langweilig,

das wirst du auch nicht leugnen können. Man spricht sich halt am Ende

aus.«

»Findest du, Lolo?«

»Ja, ganz entschieden! Ich bin jetzt mit den Arrangements fertig, was soll

ich anfangen?«

»Wir wollen zusammen lesen, zusammen studieren,« schlug Falkner vor, der

schon manche Lücke im Wissen seiner kleinen Frau entdeckt hatte. Sie aber

streckte abwehrend beide Hände aus und machte die Augen vor Entsetzen weit

auf.

»Um Gottes willen!« rief sie. »Lesen? Studieren? Ich danke bestens. Ich

bin kaum der ewigen, unausstehlichen Schulstube entronnen, und soll jetzt

wieder damit anfangen? Dazu habe ich doch nicht geheiratet?«

»Aber Lolochen, man soll doch niemals aufhören zu lernen und sich zu

bilden,« erwiderte Falkner freundlich und ohne hofmeisternden Ton.

»Das ist purer Unsinn,« meinte Lolo mit souveräner Verachtung.

»Ich habe aufgehört zu lernen, und wer mir schon solch' langweiliges

Geschichtsbuch von weitem zeigt, der macht mich ganz wild. Ich bitte dich

um alles in der Welt, es ist doch so egal, ob Kolumbus das Pulver erfunden

und Berthold Schwarz Amerika entdeckt hat --«

»Umgekehrt, Lolo,« sagte Falkner mehr amüsiert, als entsetzt.

»Da hast du's,« entgegnete Lolo überlegen, »das Pulver ist da und

Amerika ist da, was braucht man damit geplagt zu werden, wie die Leute

hießen, die es entdeckt haben? Und die römischen und deutschen Kaiser

vollends, die sind mir _riesig_ egal, ob sie Nero hießen oder Ferdinand,

und wenn du mich auf die Litteratur bringst, da wirst du auch kein Glück

haben mit mir, denn dann erklärte ich dir im voraus, daß Goethe der

langweiligste Mensch von der Welt war und Schiller mich nervös macht,

trotzdem, oder vielmehr, weil ich habe den ›Grafen von Habsburg‹

auswendig lernen müssen.«

»Vielleicht eben deshalb, Lolo,« erwiderte Falkner amüsiert. »Aber ich

hoffe, daß es _mir_ gelingen wird, dir eine bessere Meinung über

diese Plagegeister beizubringen. Und es giebt doch auch gewisse Dinge in

Litteratur und Geschichte, welche man wissen muß, wenn man auf der Straße

allgemeiner Bildung fortkommen will.«

»Na, dann danke ich schön, dann mag ich gar nicht gebildet sein,«

gestand sie mit verblüffender Offenheit. »Und das war deine Idee, mich

lernen und studieren zu lassen? Da möchten ja die Hühner darüber lachen!

Als ob ich dazu geheiratet hätte!«

»Bitte, und wozu hast du sonst geheiratet?« fragte Falkner, diese

Offenherzigkeiten immer noch nicht ernst nehmend.

»Wozu? Das ist doch sonnenklar: um mit dir zusammen zu sein, und um mich

zu amüsieren.«

»Aha!« machte er mit einem lächelnden Kompliment. »Ich fühle mich sehr

geschmeichelt, daß du mich als _erste_ Ursache nahmst. Was nun die zweite

anbelangt, so wirst du dich schon noch etwas gedulden müssen, denn der

Herzog wünscht einmal, daß wir bis zum Herbst hier bleiben, und hat dir

außerdem Monrepos so wunderhübsch ausgestattet, daß es ihn kränken

würde, wenn du seiner Gabe so bald schon müde würdest.«

»Das ist doch aber wieder eine schändliche Tyrannei, uns hier

festzuhalten,« rief sie heftig und verzog das Mündchen wie zum Weinen.

»Ich habe diese Bestimmung, welche überdies die taktvolle Form

eines Vorschlages hatte, als liebevolle Fürsorge und Zuvorkommenheit

aufgefaßt,« erwiderte Falkner ernst werdend und etwas scharf.

»Tyrannei ist es, nichts weiter,« widersprach Lolo noch heftiger. »Aber

ich werde ihnen zeigen, daß ich mich davon frei zu machen weiß,« setzte

sie trotzig hinzu.

Falkner sah sie einen Moment fest und prüfend an.

»Also willst du abreisen?« fragte er ruhig.

»Ja, ja, reisen wir ab,« rief sie lustig, sprang auf und schlang ihre

Arme um seinen Hals. »Ich hab's ja immer gesagt, daß du ein kolossal

vernünftiges altes Haus bist,« jubelte sie.

»Aber du hast mich mißverstanden, Lolo, es ist mir nicht im Traume

eingefallen, die in wahrhaft väterlicher Güte für uns entworfenen Pläne

des Herzogs wie ein undankbarer Rüpel über den Haufen zu werfen, trotzdem

ich eine geregelte, bestimmte Arbeit sehr vermisse.«

Sie ließ langsam die Arme sinken.

»Also damit wär's nichts,« seufzte sie resigniert.

»Nein,« erwiderte er ruhig, und als sie sich darauf wieder setzte, fragte

er herzlich: »Hast du's denn schon satt, Lolo, bei mir zu sein? Bist du

meiner ausschließlichen Gesellschaft schon überdrüssig?«

»Nun, es könnte schon ein bißchen mehr los sein,« erwiderte sie mit

so drolliger Ehrlichkeit, daß es nicht gut übel zu nehmen war. Falkner

mußte auch darüber lächeln.

»Aber Kind, wir können Monrepos jetzt nicht verlassen,« meinte er.

»Ach nein,« sagte sie, »das habe ich mir gleich gedacht. Aber weißt

du, Alfred, wir könnten es in Monrepos selbst lustiger machen -- durch

Gäste.«

Er sah sie einen Moment ernst an, dann mußte er wieder lächeln.

»Also doch schon meiner überdrüssig, Lolo?«

Sie errötete tief und ward sichtlich verlegen.

»Unsinn,« rief sie verwirrt, »siehst du denn nicht ein, daß man sich

zu zweien einmal ausspricht, daß man sich lächerlich macht, wenn man so

lange, abgeschieden von der Welt, wie ein paar Turteltauben in einem =nid

d'amour= sitzt?«

»Lolo,« sagte Falkner ernst, fast traurig.

»Jawohl, lächerlich!« rief sie rechthaberisch und eigensinnig. »Es hat

schon genug Aufsehen gemacht, daß ich dich geheiratet habe, aber die Welt

muß sich ja begraben vor Lachen, wenn sie sieht, daß wir nichts thun

wollen als zu zweien zu kosen!«

Falkner antwortete nicht. Sein Blick wanderte von ihren erregten Zügen

hinaus ins Grüne und nach der Richtung des Falkenhofes -- -- --

»Sie ist noch ein halbes Kind,« dachte er mit einer gewaltsamen

Anstrengung, gerecht zu sein. Und sich selbst überwindend, wandte er

sich wieder zu ihr und streckte ihr die Hand über den Frühstückstisch

entgegen.

»Lolo, nicht wahr, du hast das alles nicht im Ernst gesagt und gemeint?«

fragte er freundlich.

»Doch nicht etwa im Spaß?« fragte sie zurück, ohne seine Hand zu sehen.

Aber er überwand sich nochmals.

»Das wär' aber doch die einzig mögliche Auslegung,« meinte er etwas

ernster und mit Betonung. Da sah sie ihn betroffen an.

»Das seh' ich nicht ein!«

»O, wenn du nur willst, Lolo --«

»Nun gut, dann _will_ ich nicht,« entgegnete sie heftig.

Jetzt zog Falkner seine Hand zurück.

»Eleonore!«

Sie erblaßte ein wenig, als er ihren vollen Namen aussprach, ernst,

verweisend, schmerzlich fast. Aber ihr Trotz bäumte sich um so höher auf.

»Eleonore Luise Wilhelmine Friederike ist mein voller Taufname,« sagte

sie schnippisch, und als er jetzt Miene machte, sich zu erheben, fügte sie

hinzu: »Nein, nein, Alfred, _ich_ gebe nicht nach, wenn du auch =à la=

Jupiter donnerst. Sei doch nicht so garstig.«

»Wir können Monrepos jetzt nicht verlassen,« erwiderte er beherrscht und

_sehr_ kühl.

»Aber ich sagte dir doch, wenn wir Gäste hätten, könnten wir

meinetwegen ja bleiben,« entgegnete sie nachlässig.

»Wirklich?« fragte er, aber es klang mehr traurig als ironisch. »Dein

Wunsch ist übrigens schon halb erfüllt, denn Keppler schrieb mir, er

bedürfe noch ungefähr einer Woche zur Vollendung deines Porträts. Ich

werde ihm also schreiben, daß er kommen mag!«

»Aber der langweilige Farbenkleckser!« rief die junge Frau enttäuscht.

»Ein geborner Bauernjunge!« setzte sie vorwurfsvoll hinzu.

»Seine Bildung ist doch aber wohl für uns entscheidend, nicht wahr?«

sagte Falkner. »Wenigstens mir imponiert ein wohlerzogener und gebildeter

Bauernjunge mehr als eine ungezogene Prinzessin!«

Wenn er mit dieser Bemerkung eine ernste Rüge beabsichtigt hatte, so

mußte er sich abermals schwer enttäuscht fühlen, denn Lolo lachte laut

auf.

»Gott, er wird anzüglich!« jubelte sie, sprang auf und fiel ihm lachend

um den Hals. »Jetzt wirst du vernünftig, alter Brummbär, hörst du?«

»Ich höre und -- staune,« erwiderte er kühl.

Sie aber drückte ihm einen Kuß auf die Wange und setzte sich wieder.

»Der langen Debatte kurzer Sinn ist also der, daß ich meine, wir möchten

endlich in der Nachbarschaft unsere Besuche machen,« sagte sie.

»Wenn du die Gewogenheit gehabt hättest, diesen kurzen Sinn früher zu

exponieren, so hätte dir das jene bösen Worte erspart, welche so wenig

für dich paßten,« erwiderte Falkner immer noch kühl und verletzt.

»Ja, _wenn_!« lachte sie. »Siehst du, ich habe da einmal ein Gedicht

auswendig lernen müssen, da verkleidete sich ein Schäfer als Abt, und ein

Kaiser frägt ihn, wie lange er braucht, um die Erde zu umreiten. Und da

antwortet ihm der Schäfer: ›_Wenn_ ich mit der Sonne aufstehe,‹ etc.

etc. Da lacht der Kaiser und sagt: ›Ihr füttert die Pferde mit Wenn und

mit Aber.‹ Du scheinst mir auch solch' ein Hans Bendix zu sein. Als ob

ich was dafür könnte, daß ich irgend etwas gesagt habe. Wenn! Ja, _wenn_

ich zwei Räder hätte, wäre ich wahrscheinlich ein Bicycle und nicht die

Baronin Falkner geborene ungezogene Prinzessin von Nordland.«

Nun flog doch ein leises Lächeln über Falkners Züge, und die junge Frau

erkannte daraus, daß sie gewonnen hatte.

»Also die Besuche,« setzte sie mit wichtiger Miene hinzu.

»Die können wir heut' noch machen,« erwiderte Falkner. »Schingas und

Dolores -- falls letztere schon zurück ist -- damit wären wir fertig.«

»Dolores soll gestern Abend gekommen sein,« meinte Lolo, »aber daß wir

damit fertig wären, ist ganz und gar nicht meine Ansicht. Wir sind ja

kein ›Hof‹ mehr in Monrepos, warum uns also so exklusiv machen? Das war

früher langweilig genug! Ich bin ja gottlob keine Prinzessin mehr und

will auch 'mal andere Leute sehen als den berühmten Keppler, den lumpigen

Schinga und die schöne Dolores.«

»Und wer sollen die anderen sein?«

»Nun, liegt nicht ein und eine halbe Meile von hier die berühmte Stadt

Kuckucksnest mit ganzen dreitausend Einwohnern? Liegt nicht in dieser

selben Seestadt am Mühlgraben ein Ulanenregiment in Garnison? Also auf

nach Kreta!«

Falkner überlegte.

»Es ist wahr,« meinte er dann, »wir könnten dort Besuche machen bei den

verheirateten Offizieren. Dein Vater hat zwar daran nie gedacht, aber

es ist ja hier etwas anderes, und man wird in der Garnisonsstadt die

Zurückgezogenheit von Monrepos wohl bedauert haben.«

»Hurra! Nun wird's hübsch!« jubelte Lolo, selig, daß sie gesiegt hatte,

und als Falkner ihr sagte, so schnell ginge das nicht, denn man müßte

doch erst die Gegenbesuche und die ersten Einladungen abwarten, ehe man an

einen wirklichen Verkehr denken könne, da erwiderte sie sehr naiv:

»Aber ich bitte dich! Unser Erscheinen in Kuckucksnest wird das Signal zu

den ersten Besuchen der unverheirateten Offiziere bei uns sein. Und das ist

doch die Hauptsache. Was mache ich mir aus den Ehemännern und Ehefrauen!«

»Ich dachte doch aber, du wärst auch eine,« warf Falkner ein, halb

amüsiert über ihre drollige Unverblümtheit, halb skandalisiert über die

unbewußte Frivolität, welche daraus sprach. Und es fiel ihm das Wort der

Prinzeß Alexandra ein: »Sie werden noch viel zu erziehen haben an ihr.«

-- »Vielleicht noch mehr zu bändigen, als zu erziehen,« dachte er mit

einem Seufzer.

Lolo plauderte aber immerzu von ihren geselligen Plänen, und wie ein

Mühlrad plapperte das rosige Mündchen der jungen Frau rastlos weiter und

weiter, während er nur halb hinhörte, mehr angeregt zum Nachdenken als

zum Hören. Denn ihm ahnte, daß für diese kleine Widerspenstige ein

Petrucchio von besonderer Art gehören müßte, aber er gelobte sich's

treulich, es zu werden.

»Ich sehne mich so nach anderen Gesichtern,« plauderte Lolo weiter,

»denn siehst du, es war zu Hause wirklich zu eintönig. Und hier in

Monrepos im Sommer auch. Der alte Schinga ist ja ganz spaßhaft, aber man

will doch 'mal eine Abwechslung haben. Und Dolores wäre ja in ihrer Art

sehr nett, aber ich war doch einmal sehr eifersüchtig auf sie und kann den

Gedanken nicht los werden, daß ich's wieder werden könnte. Denn, wie ich

mir's auch überlege, ich kann mir nicht zusammenreimen, warum ihr euch

nicht geheiratet habt.«

»Und das wäre ein Grund zur Eifersucht?« fragte Falkner ironisch, aber

im Innern seltsam angemutet von den Worten seiner Frau.

»Nein,« sagte diese, »das wäre eigentlich kein Grund. Aber ich weiß

nicht -- die Eifersucht muß doch nicht ganz von mir gewichen sein. Ich

bilde mir immer ein, daß du sie schöner finden mußt als mich.«

»Nun, dann wollen wir ihr aus dem Wege gehen,« erwiderte Falkner,

»nicht, weil ich fürchte, diesem Zauber zu unterliegen, sondern um dir

jegliche Bitterkeit und Selbstqual zu ersparen.«

Und in der That hatte er sich vorgenommen, den Falkenhof möglichst zu

meiden aus genau dem angegebenen Grunde. Nein, er fürchtete sich nicht,

denn er hielt sich mit Recht für stark genug, das Banner der Pflicht

allzeit hoch zu tragen, aber er wollte Dolores mehr die Bitterkeit dadurch

nehmen, daß er ihr fern blieb, als seiner Frau, auf welche sein Entschluß

ja auch jetzt zu passen schien. Dieses Fernbleiben, dieses völligste

Entsagen hatte er sich zur Richtschnur gemacht -- er wußte, ohne daß

sie's ihm gesagt hatte, daß Dolores genau ebenso dachte und handeln

würde, daß sie, wie er, mit der ganzen Kraft ihres starken Herzens

vergessen lernen würde und verschmerzen. Und er hoffte, daß es dazu nicht

zu spät war für beide -- daß der Geier, das Leben, sein Werk noch thun

und ihren Namen aus seinem Herzen reißen würde, ja er hoffte fast, daß

sie etwas thun möchte, das diesen Namen in Lethe tauchen konnte für alle

Zeit.

Und so wandten sie sich den nächsten Nachbarn etwas ab und dem Verkehr

in der Ulanengarnison zu, welche das interessante Paar freudig begrüßte,

denn das weltferne Leben in dem kleinen Nest bot nicht so viel Abwechslung,

daß man sich über einen neuen Verkehr nicht gefreut hätte. Die

Junggesellen des Regiments besonders waren entzückt über das Haus, das

sich ihnen eröffnete, und lagen der reizenden blonden Herrin von Monrepos

=in corpore= zu Füßen. Es gehörte sehr bald zum täglichen Brot, daß

allabendlich mehrere der jüngeren Offiziere in Monrepos erschienen, dort

der Frau vom Hause Reitunterricht gaben, mit ihr spazieren fuhren und sich

jederzeit sehr gut amüsierten. Und als die Manöverzeit dann herankam

und die Kuckucksnester Garnison ausrückte, wurde diese Waffe abgewechselt

durch Einquartierung. Da kamen und gingen alle Waffengattungen, und zuletzt

lag ein ganzes Regiment Soldaten verteilt in Monrepos, Falkenhof und

Arnsdorf, über drei Wochen lang.

In dieser Zeit war Lolo Falkner nicht viel daheim. Sie fuhr oder

ritt hinaus zum Exerzieren und Manövrieren ins Terrain, dann kam die

Mittagstafel mit den Herren, welche auf Monrepos im Quartier lagen,

worauf sich dann meist noch die Herren aus den anderen Kantonnements

zusammenfanden, besonders von Arnsdorf her, wo die Quartiere schlecht, die

Verpflegung noch schlechter war, wenn auch liebenswürdig und gern

gegeben. Da hiervon ein junger Leutnantsmagen aber leider nicht satt

wird, ebensowenig wie ein älterer Rittmeistermagen, so kam man meist

nach Monrepos herüber, wo die kleine reizende Frau von Falkner jeden

ganz kameradschaftlich begrüßte und in dem heiteren Herrenkreise

übersprudelte von Lustigkeit und Lebenslust.

Das war eine tolle Wirtschaft,

Kriegsvölker und Landesplag' --

Und auch in deinem Herzchen

Viel Einquartierung lag

singt Heine in seinem Liede von den »blauen Husaren.« Und Falkner konnte

sich's nicht verhehlen, daß viel Einquartierung in dem Herzen seiner Frau

lag, welche in dieser »wilden Wirtschaft« für ihn höchstens hin und

wieder ein flüchtiges Wort oder einen zerstreuten Gruß hatte. Aber daß

es »_viel_« Einquartierung war, das beruhigte ihn und ließ ihm die Sache

harmlos erscheinen, wenngleich es ihn mit Besorgnis erfüllte, nicht für

jetzt, aber für später. Denn Lolo kokettierte unbedingt, dafür gab es

keine Beschönigung, und wenn er freundlich mit ihr sprechen wollte und sie

ermahnen, vorsichtiger zu sein, da hatte sie entweder »keine Zeit« oder

sie war so »entsetzlich müde,« daß sie für ihn ebenso gut oder noch

besser hätte in Haparanda wohnen können, denn dort hätte sie doch

wenigstens ein Brief von ihm erreicht, während er hier nicht einmal mit

ihr sprechen konnte. Und als er sie einmal zwang, ihn anzuhören, und er

ihr ernstlich den freien Ton, das Kokettieren, den ungebundenen Verkehr

verwies, da lachte sie ihm ins Gesicht und nannte ihn einen Philister, doch

als er ihr die vornehme, ruhige und würdevolle Art und Weise vorstellte,

mit der Dolores ihre Einquartierung empfangen hatte und mit ihr verkehrte,

da flammte sie plötzlich auf in heller Eifersucht und verbat sich einen

Vergleich mit der »Komödiantin« und trieb es nur noch toller wie bisher.

Falkner mußte sich gestehen, daß der Charakter der »Satanella,« dem

er so unsympathisch gegenüber gestanden hatte, sich nun in seiner Frau

entwickelte und unter seinen Augen wuchs, ohne daß er ihm steuern konnte.

So stand er unter diesem lauten, lustigen Treiben in seinem Hause allzeit

auf dem Posten als liebenswürdiger und aufmerksamer Wirt, aber ernst und

unbefriedigt im Herzen die drohende Frage: Was soll das werden? So standen

die Dinge in Monrepos, so begann Falkners junge vielbesprochene Ehe.

* * * * *

Im Falkenhof war Dolores nach den Hochzeiten der Prinzessinnen wieder

eingezogen. Der schöne Besitz war ihr so lieb, so traut, aber sie hätte

ihn trotzdem gerne bald verlassen wegen Falkners Nähe und hielt sich doch

durch ihre dem Rußschen Ehepaare gegebene Zusicherung, bis zum Herbst

zu bleiben, für gebunden durch die Bande der Gastfreundschaft und der

Rücksicht auf Falkners Mutter, in welcher sie ihn mit feinem Takt zu ehren

gedachte. Daß er sich mit seiner Frau nur in den seltensten Fällen im

Falkenhofe sehen ließ, dankte sie ihm von Herzen und verstand es voll und

ganz, und so lebte sie hin in der schönen Einsamkeit dieser Sommertage,

ganz versenkt in ihre Musikstudien, in ihre Träumereien, welche ihr manch

stimmungsvolles Lied, manche wehmütige Weise in den Griffel diktierten.

Und da sie ihre Gastfreundschaft nach englischem Muster übte, das heißt

ihren Gästen die persönliche Freiheit gewährte und sie nicht in ein

geselliges Joch spannte, so war sie am Tage meistens allein und nur

zur Dinerzeit mit Doktor Ruß und seiner Frau zusammen. Die beginnende

Manöverzeit überraschte sie und störte sie widerwillig auf aus ihrer

Zurückgezogenheit, denn sie hatte gar nicht daran gedacht, daß sie

Einquartierung bekommen könnte, ungewohnt dieses Zustandes des »Kriegs

im Frieden,« den sie im Auslande nicht kennen gelernt hatte. Und als zum

erstenmal ein Quartiermacher vor ihr stand, seinen Zettel in der Hand,

verstaubt, hungrig und wild aussehend, da bedauerte sie schmerzlich, daß

sie nicht dennoch fortgereist war. Aber die Bildung des deutschen Offiziers

und die Bescheidenheit und Gutmütigkeit der Leute machten ihr die

gefürchtete Sache doch leichter, als sie gedacht hatte. Sie nahm die

ungebetenen Gäste mit allem Komfort auf, erschien selbst als Wirtin

präsidierend an der allgemeinen Mittagstafel, plauderte wohl noch ein

Stündchen mit auf der Terrasse und zog sich dann zurück, es den Herren

völlig freistellend, zu bleiben oder ihre eigenen Zimmer aufzusuchen.

Als dann die Husaren auf drei Wochen eingezogen und der Stab, sowie die

Offiziere von drei Schwadronen in den Falkenhof gelegt wurden, da ward es

fast noch gemütlicher als bei dem ewigen Kommen und Gehen, und sie saß

wohl abends nach dem Diner noch ein wenig länger mit Herrn und Frau

Ruß in dem angenehmen Kreise der verheirateten Offiziere, während die

Junggesellen nach dem »Gesegnete Mahlzeit« meist hinübergingen nach

Monrepos, nachdem sie entdeckt, daß Dolores ein Bild ohne Gnade sei und

mit einem Kokettieren =pour passer le temps= hier nicht zu reüssieren

war. Wohl entflammten sich ein paar leicht entzündliche Herzen an

ihrer unleugbaren Schönheit, aber es wurde von ihrer Seite auf diese

Herzensflammen so gar kein Öl gegossen, worauf das Strohfeuer knisternd

erlosch und sich drüben in Monrepos neu entzündete. Und es kamen auch

Söhne des Mars, welchen die Manichäer hart auf den Sohlen saßen und

welche Dolores für eine »verflucht gute Partie« erklärten und besiegen

wollten, aber leider merkte sie die Absicht und wurde verstimmt, und als

wirklich jemand ein ernstes Werben um sie zeigte, da war die Manöverzeit

fast vorüber und Dolores mußte schweren Herzens einen Korb flechten und

ihn vergolden, so gut es ging, trotzdem ihr sein Empfänger leid that

und ganz leidlich gefiel. Aber aus Mitleid ist nicht gut heiraten und das

bloße Ganz-gut-gefallen thut's auch noch nicht.

Jedenfalls aber hätte selbst die böseste Zunge dieser jungen

Schloßherrin in ihrem Benehmen gegen die Einquartierung auf dem Falkenhofe

nicht den leisesten Vorwurf machen können.

Denn eine Würde, eine Hoheit

Entfernte die Vertraulichkeit.

Mit Doktor Ruß stand sie nach wie vor auf einem angenehmen

Konversationsfuße und sie warf es Engels oft vor, daß er den belesenen,

klugen Mann falsch beurteile, denn was dieser ihm nachsagte -- Eigennutz

und Falschheit -- das glaubte sie ganz und gar nicht in ihm zu finden,

je näher sie ihn kennen lernte, obgleich ihr manchmal der Gedanke kam:

»Meint er es ehrlich?« -- Doch sie glaubte diese Frage nicht verneinen

zu dürfen -- hatte er ihr doch noch keinen Beweis vom Gegenteil gegeben!

Dagegen war sie überzeugt, daß Frau Ruß es nicht gut mit ihr meine.

An die kurze, absprechende Art derselben hätte sie sich mit der

Zeit gewöhnt, aber der kalte, musternde, scharfe Blick dieser hellen

Fischaugen, welchen sie oft auf sich ruhen fühlte, verursachte ihr ein

Unbehagen, das sie sich gar nicht erklären konnte, dessen Vorempfindung

schon so stark in ihr war, daß sie sich oft unter einem Vorwande der

Gesellschaft dieser unliebenswürdigen und seltsamen Frau entzog und es

gar nicht mehr versuchte, Zuneigung zu erringen. Ihr erschien es eine

Sisyphusarbeit, das Vertrauen der Frau Ruß zu gewinnen, denn jedes

freundliche und entgegenkommende Wort prallte ab an dem schroffen Felsen

dieses unzugänglichen Frauenherzens.

Dieses Zurückweisen ihrer selbst betrübte Dolores mehr, als es sie

verletzte, denn Frau Ruß war ihr nicht sympathisch, aber sie hätte

ihr gern Liebe erwiesen um ihres Sohnes willen. Mehr noch aber als das

verursachten ihr die Nachrichten aus Monrepos thatsächlich Qual, denn

die Berichte von dem rastlos tollen Treiben der jungen Frau, und ein

gelegentlich aufgefangener müder, doch angstvoller und dann wieder

drohender Blick Falkners erzählten ihr von einem traurigen Beginn dieser

Ehe, die nichts Gutes verhieß. -- --

Es war am Tage vor dem Einrücken der Husaren im Falkenhof. Dolores war am

Nachmittage bei Engels in dessen Turmwohnung erschienen, nach langer Zeit

zum erstenmal wieder, stürmisch begrüßt vom Teckel Knieper und der Katze

Ida.

»Daraus sieht man, wie lange Sie nicht hier waren,« meinte Engels, als

Knieper sein Freudengebell etwas gemäßigt und Ida sich auf dem Schoß von

Dolores niedergelassen hatte.

»Ja, ja, Sie haben ganz recht mit Ihrem Vorwurf,« erwiderte sie, »aber

es ist so manches andere auch noch anders geworden.« -- Und sie seufzte.

»Das weiß der Kuckuck!« bestätigte Engels. »Besonders Sie selbst sind

anders geworden.«

»Hoffentlich zum besseren,« sagte sie mit schwachem Lächeln.

»Kommt auf die Anschauung an,« meinte Engels. »_Mir_ waren Sie früher

lieber -- sprühend vor Lebenslust und Laune, die ganze liebe,

warme, leuchtende Gottessonne im Herzen, im Blick -- -- das bißchen

›Teufelin,‹ das Sie darein mischten, kleidete Ihnen gut, sehr gut.

Heut' -- du lieber Gott! Heut' sind Sie eine Frau, der das Leben irgend

etwas Schweres angethan zu haben scheint, und was von Ihrem alten, sonnigen

Wesen geblieben ist, das leuchtet nur noch schwach, wie die Abendsonne.

Was ist Ihnen eingefallen, daß Sie vom Morgenrot zur Abendsonne

übergesprungen sind? Es giebt im Leben doch auch noch einen Mittag und

einen Nachmittag! Da haben Sie die Wahrheit!« --

»Ja, aber sie stimmt nicht ganz,« entgegnete Dolores. »Wer sagt Ihnen,

daß es wirklich nur noch Abendsonnenglanz ist, was Sie aus mir leuchten

sehen? Es giebt Tage, an denen die Sonne um Mittag so schwach und

nichtssagend leuchtet, als stände sie schon tief im Westen. Und _wenn_ es

Abend wäre -- -- es wäre das beste, denn dann kommt die Nacht, und in

der Nacht ist Ruhe und Schlaf --

Bis zum jüngsten Tag

Soll mich kein Hahnenschrei wecken,

sagte Irrgang, als er sich in den Schnee schlafen legte.«

»Gott erbarm' sich!« sagte Engels erschrocken und aus tiefstem

Herzensgrunde heraus, und als Dolores schwieg, stand er auf und trat dicht

an sie heran, beugte sich tief zu ihr herab und flüsterte:

»Der Kerl drüben, der Ruß, hat über Ihren Unfall am Hexenloch eine

Andeutung, ein Wort eigentlich bloß fallen lassen, das man sich hätte

deuten können, als ob Sie selbst -- -- Sie verstehen mich. Ich hab's

aber nicht glauben wollen, Fräulein Dolores -- und es ist auch nicht wahr,

nein?«

»Nein!« sagte sie und lachte dabei. Dann aber wurde sie wieder ernst.

»Ich würde den Tod selbst niemals suchen, denn Selbstmord ist eine

erbärmliche Feigheit, eine Fahnenflucht vor dem Leben.«

»Aber,« fügte sie nun gleichfalls flüsternd hinzu. »Aber, je mehr ich

mir diesen Augenblick zurückrufe, je fester möcht' ich daran glauben,

daß ich nicht ausgeglitten bin, nicht selbst die verhängnisvollen

zwei oder drei Schritte gemacht habe, welche mich von dem Hexenloch noch

trennten.« --

»Wie denn?« fragte Engels leise, eifrig. »Mußten Sie dann aber nicht

fühlen, daß ein anderer Sie schob?« --

»Ich war in tiefen Gedanken, und es ging alles schneller, als man es sagen

kann,« entgegnete Dolores nachdenklich. »Eh' ich nur etwas hören, sehen

oder fühlen konnte, schlug das Wasser schon über mir zusammen. Nur das

eine weiß ich genau, daß ein Ausgleiten bei _einem_ Schritte vorwärts

mich noch nicht bis ins Wasser bringen konnte. Vielleicht bin ich aber

in Gedanken unbewußt ein paar Schritte gegangen, denn es ist mir schon

passiert, daß, wenn mein Geist ganz von anderen Sachen in Anspruch

genommen war, ich mich im nächsten Zimmer befand, ohne mich besinnen zu

können, daß und wie ich hineingegangen bin. Es ist also möglich, daß

ich diese wenigen Schritte doch gemacht habe. Aber nun kommt die

Einbildung dazu und macht mir weiß, daß ein Etwas mich von rückwärts

hineingedrückt, denn gestoßen ist zuviel gesagt.« --

»Ja, dann müßten Sie aber doch eine Hand, einen Arm -- kurz ein Wesen

verspürt haben, das Ihnen nahe war, das Sie berührt hat!«

»Ich weiß es nicht. Im Augenblick, als ich wieder am Lande war und meine

volle Besinnung wieder hatte, hätte ich schwören können, daß niemand in

meiner Nähe war, niemand mich berührt hat. Aber die stets =post festum=

kommende Einbildung will mir jetzt weismachen, daß ich leise Schritte

hinter mir gehört, daß eine Hand mich berührt hat.«

»Ah! Gesetzt aber, Sie hätten diese Schritte gehört, war es da nicht

natürlich, daß Sie sich umwandten -- natürlich und unwillkürlich?«

»Eben deshalb nenne ich es eine Einbildung, lieber Engels.«

»Ist es auch,« entgegnete dieser. »Ihre andere Lesart, daß Sie

unbewußt und in Gedanken die paar Schritte auf das Wasser hin gethan

haben, ist entschieden glaubwürdiger und einleuchtend genug. Denn wer in

aller Welt hätte denn einen Grund, Sie meuchlings ins Wasser zu stürzen?

Keine Seele! Höchstens der Freiherr selbst, der doch zum Falkenhof der

Agnat ist.«

»Der hat mich ja aber gerade herausgeholt, ganz abgesehen davon, daß ich

ihm nachsah, wie er fortging, als es geschah.«

»Na eben darum!« nickte Engels bestätigend. »Warum, zum Teufel,

macht dann aber der alte Schleicher, der Ruß, ein Gesicht, als ob Sie

lebensmüde wären?«

»Ach, Engels, das haben Sie wohl falsch aufgefaßt!«

»Vielleicht, Fräulein Dolores. Man weiß ja nie, wie man seine halben

Worte und Winke deuten und auffassen soll. Nimmt man eine Redewendung so,

und es kommt anders, da sagt er dann sicher: Aber ich habe es Ihnen ja

gleich gesagt! Der Teufel mag sich mit dem alten Fuchs ausfinden!«

»Engels, Engels! Da galoppiert Ihre Abneigung wieder mit Ihnen davon!«

»Ach -- galoppiert nie übers Ziel!« machte Engels. Dann, nach einer

Pause, nahm er einen Brief aus einer Mappe. »Hier,« sagte er, »ist ein

spanisches Schreiben von Ihrem brasilianischen Bevollmächtigten. Es wird

sich wohl um die Pflanzen handeln, welche Sie von da verschrieben haben,

hier im Treibhaus ziehen und dann acclimatisieren wollen. Die Adresse ist

deutsch und an mich gerichtet, aber da ich Spanisch leider nicht kann,

wollte ich Sie bitten, mir's zu übersetzen -- schriftlich, damit ich's mit

dem Original meinen Belegen beiheften kann.«

»Gern,« erwiderte Dolores. »Sie werden es morgen früh beim Rapport

bereit finden. Und nun guten Abend -- ich muß hinein, denn es giebt

mit Mamsell Köhler noch eine Menge zu besprechen für die neue

Einquartierung!«

»Guten Abend, Fräulein Dolores. Und -- nichts für ungut!«

»Ach, wegen Ihres Selbstmordverdachtes? Nein, nein -- nichts für ungut,«

erwiderte Dolores lächelnd und ging.

Aber der Abend war schön und die Luft rein und klar nach einem köstlich

erfrischenden Regen, und darum machte sie doch noch einen kleinen Umweg,

ehe sie ins Schloß zurückkehrte. Sie ging in einem an beiden Seiten dicht

mit Buschwerk bestandenen Laubgange dahin, zog den Brief aus dem Couvert

mit der fremdländischen Marke darauf und begann ihn durchzulesen, hin und

wieder einen Moment stehen bleibend. Und in einem solchen Moment erklang

ein schnalzendes Geräusch, wie das Zusammenschlagen zweier Hände, nicht

lauter, und Dolores war es, als bekäme der Brief in ihrer Hand einen

Schlag, und als sie den Bogen wieder glättete, sah sie, daß sich ein

kleines, sehr kleines, rundes Loch mit angesengten Rändern darin befand,

das sie bisher nicht bemerkt. Einen Moment stand sie frappiert, dann sah

sie rechts und links in das Gebüsch, es beiseite biegend und ging darauf

den Weg zurück zu dem Turme, den Engels bewohnte.

Der war sehr erstaunt, sie wieder eintreten zu sehen.

»Haben Sie etwas vergessen, Fräulein Dolores?«

»Nein,« sagte sie ruhig. »Ich wollte nur fragen, ob der spanische Brief

dieses kleine Loch schon hatte, als Sie ihn mir gaben.«

Engels nahm den Brief, setzte sich die Hornbrille auf und beobachtete mit

hochgezogenen Brauen das kleine, seltsame Zeichen.

»Ist mir nicht aufgefallen,« sagte er verwundert. »Da ist ja ein Schuß

durchgegangen!«

»Eben darum frage ich,« erwiderte Dolores gelassen.

»Hm --! Soviel ich weiß, war diese Kugelmarke nicht in dem Briefe. Die

_müßte_ ich ja gesehen haben, nicht wahr? Merkwürdig kleines Kaliber --

wie aus einer Teschinpistole.«

»Ja,« sagte Dolores lakonisch, und als sie Engels' fragenden Blick sah,

zuckte sie mit den Achseln. »Vielleicht wieder ein Selbstmordversuch von

mir,« meinte sie mit einem kurzen Lachen, das etwas forciert war.

»Donnerwetter!« machte Engels.

»Nein, bitte, kein Wort davon,« bat sie. »Das bleibt unter uns. Aber die

Augen wollen wir beide offen halten, nicht wahr?«

Und damit ging sie wieder, furchtlos und langsam, denselben Weg nach dem

Falkenhof zurück und direkt bis in ihr Schlafzimmer. Dort zog sie

das Schubfach ihres Nachttisches auf -- da lag die winzige, kleine

Teschinpistole, wie immer, daneben stand das Blechbüchschen mit den

Patronen. Sie hatte die Gewohnheit, die kleine Waffe allabendlich zu laden

und früh die Patrone wieder herauszuziehen -- auch jetzt war der Schuß

herausgezogen.

»Ich muß doch die Patronen einmal zählen,« dachte sie. Es waren noch

dreißig Stück in der Büchse, und die schloß sie fort.

Die nächste Stunde ihres Nachdenkens war nicht gerade erbaulich. Sie

dachte zwar nicht an die für sie rätselhafte Episode am Hexentümpel,

wohl aber an den rätselhaften Schuß, der sein Ziel wahrscheinlich

verfehlt hatte, denn wer hätte die kühne Idee, einen Brief zu

durchschießen, der gerade gelesen wurde? Höchstens doch ein Kunstschütze

von der Fertigkeit eines Ira Aldridge. Nein, der Schuß galt ihr. Aber

warum? Wem hatte sie etwas gethan? Wer hatte ein Interesse daran, sie zu

töten?

Sie dachte an einen ihrer brasilianischen Vögte, den sie neulich auf

den Bericht ihres Bevollmächtigten, und weil er sie bewiesenermaßen

bestohlen, entlassen hatte. Sollte der Mann sich haben rächen

wollen? Unmöglich war das nicht, aber wie wäre er von Brasilien nach

Norddeutschland gekommen? Das ist ein weiter Weg, und ehe er zurückgelegt

ist, wozu Zeit und -- Mittel gehörten, da ist die erste Wut schon

abgekühlt. Aber es war der einzige Anhaltepunkt für sie, und als sie beim

besten Willen keinen anderen fand und der Kopf sie anfing zu schmerzen, da

ging sie herab und fand auf der Terrasse die sie suchte -- Doktor Ruß mit

Frau. Denen erzählte sie die Geschichte dieses Schusses, und Doktor Ruß

riet sofort einen Kriminalkommissar kommen zu lassen, der im Falkenhofe

Wohnung zu nehmen hätte, um dem geheimnisvollen Schützen auf die Spur

zu kommen. Doch davon wollte Dolores nichts wissen. Sie teilte Doktor Ruß

ihren Verdacht mit und meinte, es würde wohl auch durch Ramo zu erfahren

sein, ob ein Fremder sich hier herumtriebe, denn irgend jemand müsse ihn

doch sehen, da ein Mensch Nahrung brauche und dieselbe wieder nur durch

Menschen zu erlangen sei.

Doktor Ruß billigte im ganzen den Plan, Ramo auf die Spur des Attentäters

zu hetzen, hielt aber seine Idee für erfolgreicher. Frau Ruß sagte, wie

gewöhnlich, nichts, doch bemerkte Dolores, daß sie ihr Strickzeug ruhen

ließ und die großen, hellen, kalten Augen, welche durch eine merkwürdig

kleine Pupille und durch eine sehr große Iris etwas seltsam Steinernes

hatten, fest auf ihren Gatten heftete und denselben unausgesetzt ansah,

trotzdem es schon zu dämmern anfing.

»Sie sucht in seinem Gesicht zu lesen, was sie von der Sache denken darf

und was nicht,« sagte sich Dolores und war froh, daß diese schrecklichen

Augen nicht auf sie starrten -- unausgesetzt starrten, ohne daß ihre

Wimpern gezuckt hätten. Doch auch dem Doktor Ruß, der es anfangs nicht zu

bemerken schien, wurde dies Anstarren zu viel.

»Es ist feucht, mein Liebling,« flötete er, sich plötzlich zu seiner

Frau wendend. »Ich fürchte für deinen Rheumatismus. ›Refma‹ nennt

unser guter Graf Schinga dieses Übel,« wandte er sich lächelnd an

Dolores.

»Ich habe keinen Rheumatismus,« sagte Frau Ruß, ohne ihrem Blicke eine

andere Richtung zu geben.

»Dennoch würde ich dir raten, hineinzugehen, damit du ihn nicht

bekömmst,« schlug Doktor Ruß liebevollen Tones vor, und da seine Frau

noch zögerte, sagte er etwas scharf: »Nun, meine Teure?«

Da begann sie gehorsam ihren Strickstrumpf zusammenzurollen, ohne die Augen

von ihm abzuwenden, doch ehe sie noch fertig damit war, erscholl unten eine

helle, frische Stimme. Es war Lolo Falkner.

»=Salem aleikum!=« rief sie, die Treppen hinaufspringend. »Ich komme,

mir eine Tasse Thee und ein Butterbrot ausbitten, Dolores, denn ich habe

einen Mordshunger. Wir haben heut' früher diniert, weil unsere Herren von

der Artillerie abrücken mußten -- na, die vertragen schweres Geschütz

vom alten Rheinwein! Dann, wie sie weg waren, habe ich geschlafen und

nun bin ich hergelaufen, weil mir so _furchtbar_ einsam war. Darf ich

bleiben?«

»Aber ich bitte darum,« sagte Dolores, die vorher den beiden noch

zuflüsterte: »Bitte, nichts von dem Schuß sagen!«

Lolo reichte ihr und Doktor Ruß die Hand, that, als ob sie die ihrer

Schwiegermutter küßte, und setzte sich, den Hut fortwerfend.

»Wo ist denn dein Mann?« fragte Frau Ruß, welche nun ruhig sitzen blieb.

»Alfred? Ich weiß nicht -- er wird wohl zu Hause sein,« meinte Lolo

unbefangen.

»Ja, weiß er denn nicht, daß du hier bist?« inquirierte Frau Ruß

weiter.

»I, keine Spur,« versicherte die junge Frau. »Woher soll er's denn

wissen? Ich hab's ja niemand gesagt, als ich fortging.«

»Nun, dann brauchte dir ja nicht so furchtbar bange zu sein, wenn Alfred

zu Hause war,« setzte Frau Ruß das Gespräch fort.

»Was? Mit Alfred allein bleiben? Schrecklicher Gedanke,« rief Lolo

entsetzt. »Ein Ehepaar allein zusammen ist der Inbegriff der Langeweile,

das mußt du ja aus doppelter Erfahrung selbst wissen, Mama!«

»Hm! Hm! Hm! Hm!« sang Doktor Ruß eine harpegierte Quart und kicherte

lautlos in sich hinein, während über Dolores ein Zorngefühl kam, als

müsse sie aufspringen und die kleine Freifrau gründlich beuteln.

»Ich finde, diese Erfahrung kommt für dich etwas früh,« entgegnete Frau

Ruß schlagfertig, aber fliegenden Atems vor Erregung.

Lolo Falkner lachte.

»Er ist ja sonst ganz nett,« gab sie großmütig zu, und dann ihre langen

Handschuhe zusammenballend und in die Luft werfend, sang sie aus voller

Kehle: »Und morgen kommen die Husaren --! -- Du, Dolores, morgen kommt

auch dein alter Freund, der Kleckser, um mein Gesicht fertig zu pinseln --

na, wie heißt er denn gleich?«

»Der Name Johannes Keppler ist von europäischem Ruf,« sagte Dolores

finster und steif.

»Als ob mich das verpflichtete, jeden Anstreicher zu kennen,« lachte Lolo

in unverändert guter Laune.

In diesem Moment bog Falkner um die Ecke und trat alsbald auf die Terrasse.

»Ah -- da haben wir ja denselben Gedanken gehabt,« meinte Lolo gedehnt,

als sie ihm zwei Finger zum Gruß reichte. »Du kommst doch auch, Dolores

zu besuchen?«

»Auch das, wenn sie es gestattet,« erwiderte Falkner etwas scharf. »Aber

ich kam eigentlich, dich zu holen --«

»Ja schöne Seelen finden sich

Zu Wasser und zu Lande«

trällerte Lolo.

»Es wäre in jedem Falle sehr freundlich gewesen, mich von deinem Ausgange

zu unterrichten,« bemerkte Falkner.

»Na, da habt ihr die Standpauke,« rief Lolo mit komischer Resignation.

»Ich hab's ja gleich gesagt, solch' ein Ehepaar ist eine schöne

›Stütze der Gesellschaft,‹ in Bezug auf interessante Konversation.«

»Ich höre eben, daß Keppler morgen kommt,« fiel Dolores schnell ein, um

weitere Auseinandersetzungen der jungen Frau zu verhindern.

»Ja, er kommt,« sagte Falkner rauh, »aber ich fürchte, seine Zeit wird

verloren sein, denn die Stunden, die mir verweigert sind, dürften ihm kaum

gewährt werden.«

»=Cela dépends=,« warf Lolo lustig ein.

Falkner stand auf.

»Wir wollen nach Hause gehen,« sagte er, mühsam beherrscht.

Aber sie rührte sich nicht vom Flecke.

»Erst mein Abendbrot,« rief sie, mit ihren Handschuhen spielend.

Und sie blieb wirklich, bis Thee und kalte Küche serviert waren, dann

erhob sie sich auf das Zeichen ihres Mannes.

»Wir haben nun gegessen und sind geworden satt,

Hätt's aber mehr gegeben, hätt's auch nichts geschad't«

deklamierte sie lustig.

Auf dem Heimwege sprachen sie kein Wort, und Lolo füllte den langen Weg

damit aus, daß sie wie ein Gassenbube allerlei Gassenhauer pfiff. In

Monrepos angelangt, öffnete Falkner ihr die Thür ihres Boudoirs.

»Du wirst nach all dem wohl dein Zimmer einem gemeinschaftlichen

Zusammenbleiben, das so wenig Chic ist, vorziehen,« sagte er.

»Mach' kein so brummiges Gesicht,« erwiderte sie lächelnd statt einer

Antwort, und als er, finster genug dareinschauend, ein paar Schritte

zurücktrat, fügte sie hinzu: »Wer wird denn jedes Wort, das man sagt,

auf die Goldwage legen! Man renommiert manchmal und meint es anders -- und

besser!«

»Soll das eine Entschuldigung sein für dein Benehmen?« fragte er, trat

in das Zimmer und schloß die Thür hinter sich.

»Entschuldigung?« murmelte sie verwundert. »Ja, habe ich denn nötig,

mich zu entschuldigen? Und bei dir?«

Falkner nahm die Thürklinke wieder in die Hand.

»O, wenn du es nicht fühlst und dessen nicht bedarfst, dann ist die Sache

ja erledigt,« sagte er bitter. Aber im Gehen besann er sich, daß er mit

dem kleinen blonden Geschöpfe dort eine Verantwortung übernommen hatte --

eine Verantwortung, schwer und ernst wie selten eine. Er beherrschte sich

also nochmals und trat nah an die junge Frau heran. »Lolo,« sagte er

herzlich und freundlich, »Lolo, ist es denn dir nie eingefallen, daß du

mich durch deine Vernachlässigung kränken und betrüben könntest?

Ist dir in dem tollen Treiben dieser Woche niemals der Gedanke an mich

gekommen?«

»Wieso denn?« fragte sie naiv zurück. »Du warst ja immerzu da!«

»Aber deinem Herzen so weit,« ergänzte er herzlich.

Sie sah ihn groß an und tippte mit dem Zeigefinger ihrer rosigen Rechten

auf ihre Stirn, auf der das blonde Haar wie Federn so duftig und leicht

lag.

»Du bist verrückt, mein Kind!«

sang sie leise.

Ihm stieg die Zornesröte siedend ins Antlitz, und ein heftiges, böses

Wort drängte sich ihm auf die Lippen, aber er bezwang beides.

»Lolo, kannst du ein ernstes Wort nicht auch einmal ernst anhören? Habe

ich denn schon ganz aufgehört, dir etwas zu sein?«

»Ach, du guter, alter, dummer Schatz!« lachte sie ihn an, daß alle

Grübchen in ihrem reizenden Kindergesichtchen zu Tage traten. »Wann wirst

du nur aufhören, ein sentimentaler Ehemann zu sein?«

»Ist das Sentimentalität, Lolo?« sagte er ernst, fast traurig.

»Natürlich, krasse Sentimentalität,« erwiderte sie. »Und nun will ich

schlafen gehen, denn morgen kommen die Husaren!«

»Eleonore --!«

»Ja, ja, ja,« rief sie und hielt sich die Ohren zu. »Ich weiß schon,

was du sagen willst, aber es soll doch eine lustige Zeit werden, denn =tel

est mon plaisir=!«

Da verließ er sie, zornig, betrübt und empört zugleich und saß die

ganze Nacht auf und sann, und ging mit sich zu Rate, was hier zu thun seine

Pflicht sei, denn er durfte sie diese schiefe Ebene nicht weiter gehen

lassen, damit sie nicht ins Rollen kam und am Abgrund keinen Halt mehr

hatte. Er hatte in den schönen, stolzen Zügen von Dolores gelesen, wie

sie über das Wesen und Gebaren seiner jungen Frau dachte, aber er hatte

darin auch zu lesen geglaubt, daß sie ihn verantwortlich machte dafür,

und dieser Gedanke gab ihm neue Kraft, wenn der gerechte Zorn über

Lolo ihn übermannte und er das übermütige kleine Geschöpfchen als

unverbesserlich beiseite schieben wollte.

»Noch drei Wochen, und ich bin wieder allein mit ihr, und dann will ich

mit leiser, zarter Hand, daß sie's nicht merkt, die wilden Schößlinge

in ihrem Charakter zu veredeln suchen,« dachte er mit dem festen Vorsatz

eines Mannes, der die Pflicht zur Richtschnur genommen hat und weder

rechts noch links sehen will. Aber er dachte es auch mit jener souveränen

Zeitbestimmung der Menschen, welche ihr »Ich _werde_ es thun«

aussprechen, als wären sie der Ausführung ihres Vorsatzes sicher. Hätte

Falkner gewußt, wie es in drei Wochen hüben wie drüben aussehen würde

-- doch auch Lolo dachte an jenem Abende noch an Dolores, denn wie sie vor

den Spiegel trat, da fiel ihr ein, wie die Lehnsherrin vom Falkenhof

bei ihren unbesonnenen, vielleicht wirklich nur halbgemeinten Worten sie

angeschaut -- vorwurfsvoll und mit unverhehlter Verachtung, wie sie meinte.

»Schon ganz altjüngferlich,« dachte sie zornig. »Und wenn sie Alfred

bedauert wegen seiner schlechten Behandlung durch mich, warum hat sie ihn

denn nicht geheiratet? Er war ja zu haben, ehe ich in Betracht kam! Wart',

Donna Dolores Falconieros, für diese Gardinenpredigt ohne Worte werd' ich

dir schon noch einen Schabernack spielen.«

Im Falkenhofe beschäftigte man sich natürlich auch mit dem Paare. Frau

Ruß gab ihrem Manne gegenüber ihrer schwiegermütterlichen Entrüstung

vollsten Ausdruck -- das war der Instinkt, mit dem die Löwin ihr Junges,

die Henne ihr Kücken verteidigt, selbst gegen imaginäre Gefahren.

Doktor Ruß beantwortete diesen Ausbruch seiner Gattin mit Lächeln und

Achselzucken.

»Wenn dein Sohn kein Pantoffelheld ist, so wird er sich schon zu helfen

wissen. Sie sind eben noch in den Flitterwochen, die beiden, und trotzdem

ich _sie_ für einen kleinen Satan halte, denke ich doch, daß _er_ den

Spieß bald umdrehen wird,« meinte der erfahrene Mann.

Doch Frau Ruß war einmal herausgetreten aus sich und ihrem Schweigen, und

ihr volles Herz mußte das, wovon es überlief, erst von sich geben.

»Ah, du glaubst, Alfred wird ein Ehemann werden von deinem Schlage,«

sagte sie anzüglich, »ein Knechter, ein Unterdrücker, ein unbarmherziger

Niedertreter des eigenen Willens und eigenen Fühlens.«

»Ei, ei, Frau Adelheid Ruß, da hört man ja plötzlich eine Meinung von

Ihnen,« hohnlachte er, sichtlich sehr amüsiert über dieses Rütteln an

den Ketten, diesen Ausbruch lang zurückgehaltenen Unmuts.

»Hab' ich etwa nicht recht?« fragte Frau Ruß. »Hab' ich mich heut'

Abend nicht ins Haus schicken lassen müssen von dir, wie ein unartiges

Kind?«

Diese Worte machten der Heiterkeit des Doktor Ruß sofort ein Ende.

»Warum hast du mich so unausgesetzt angesehen?« fragte er.

Nun zuckte sie mit den Achseln.

»Sieht doch die Katze den Kaiser an,« erwiderte sie kurz.

»Ei, ei! So, so!« machte Doktor Ruß langsam. »Nun, mir ward es lästig,

und ich schickte dich darum hinein, meine Süße.«

Sie antwortete nicht, doch ein seltsam forschender Blick huschte hinüber

zu ihm.

Da trat er hart an sie heran und sah ihr in das kalte, wieder ganz

ausdruckslos gewordene Gesicht.

»Ich will wissen, warum du mich so angesehen hast,« sagte er leise, fast

zischend, und als sie darauf nur gleichgültig mit den Achseln zuckte, fuhr

er fort: »Ich werde deiner Erinnerung etwas zu Hilfe kommen. Es war, als

Dolores uns die Geschichte von dem Schuß erzählte.«

»Ja,« erwiderte Frau Ruß unbewegt. »Ich wollte gern wissen, ob du sie

für wahr hieltest --«

»Und weiter hatte dein auffälliges Anstarren keine Bedeutung?« forschte

er weiter.

»Ich wüßte nicht, welche,« gab sie zurück.

»Ich wollte dir's auch geraten haben,« murmelte er laut genug, um

verstanden zu werden, und ging dann ein paarmal im Zimmer auf und ab,

ohne es zu bemerken, daß Frau Ruß ununterbrochen die Schlingen an

ihrem Strickzeug fallen ließ -- eine Nachlässigkeit, die ihr sonst kaum

passierte. Aber sie hob die Schlingen nicht wieder auf, sondern strickte

in einem Tempo weiter, welches sehr gut und täuschend das Zittern ihrer

großen, weißen Hände verbarg. Und Doktor Ruß sah weder auf die Hände,

noch auf die Socken von Estremadura, welche für ihn entstanden, und er sah

auch nicht die verlorenen Maschen, welche ihm hätten sagen müssen, daß

das innere Gleichgewicht seiner Frau in wildem Schwanken begriffen

war. Doch, wie gesagt, das Tempo, in welchem sie weiterstrickte, ohne

anzuhalten, maskierte all' das vollständig, und nach einer Pause nahm

Doktor Ruß das Gespräch wieder auf.

»Der Schuß _kann_ den Ursprung haben, den Dolores ihm beimißt,«

begann er, »obgleich die Idee, daß ein rachsüchtiger Brasilianer aus

Südamerika eigens dazu herreisen sollte, um sich für seine Absetzung

zu rächen, stark abenteuerlich und romanhaft ist. Aber unmöglich ist es

immerhin nicht, und Ramo wird schon aufpassen. Ich für meinen Teil denke

aber, das Papier wird die Kugelmarke schon gehabt haben, als es hier ankam,

und Engels hat sie einfach übersehen, als er sah, daß der Brief spanisch

war und er ihn doch nicht lesen konnte. Nun glaubt ja Dolores, die

Detonation der Waffe gehört, den Briefbogen in ihrer Hand sich bewegen

gefühlt zu haben. Beides kann auf Täuschung beruhen, denn es giebt

Schußwaffen, deren Knall kaum dem Schnalzen der Zunge an Stärke

gleichkommt --«

»Ich weiß es,« sagte Frau Ruß. »Dolores hat eine Pistole, mit der sie

neulich Scheibe schoß. Man hörte die Schüsse kaum.«

»So?«

»Sie hatte dir die Waffe ja wohl geliehen, als sie verreist war?« fragte

Frau Ruß unbefangen.

»Mir? Wie kommst du darauf?« fragte er, stehenbleibend, scharf. »Hast du

mich damit schießen sehen?«

Die Falkner vom Falkenhof. Zweiter Band. · 第 9 / 12 题