»Ah, das ist vernünftig. Und die Vorschrift des Gebrauchs -- --«
»Ich kenne den ganzen homöopathischen Humbug,« erwiderte sie trocken,
nahm die Flasche aus seiner Hand und ging.
Auf dem zweiten Treppenabsatz nach oben befand sich aus guter alter Zeit
her in die Wand eingelassen ein kupfernes Behältnis für Wasser, das aus
einem Delphinrachen in ein kupfernes Becken in Muschelform rann und
ehedem wohl zum Spülen von Gefäßen bestimmt war, da ein Abzugsrohr das
gebrauchte Wasser nach unten leitete. Vor diesem Becken stand Frau Ruß,
Licht und Flasche in der Hand, unschlüssig still -- es arbeitete seltsam
in den harten Zügen dieser Frau, Haß, Schreck und Entsetzen und etwas
wunderbar Weiches spiegelten sich auf ihrem Antlitz wieder, dann, mit
einer raschen Bewegung setzte sie das Licht nieder, goß den Inhalt des
Fläschchens in das Becken aus, spülte das Fläschchen drei-, viermal
aus und füllte es endlich wieder ganz mit klarem Wasser. So gab sie es an
Tereza ab, die es ihrerseits auch wieder fortgoß, denn sie hielt in ihrem
schlichten Negerverstande den Dilettantismus in der Homöopathie mit so
vielen anderen für einen Unsinn ohne Ziel und Zweck.
Dolores aber befand sich am nächsten Morgen auch ohne die drei Tropfen
Aconit des Herrn Doktor recht wohl und fühlte sich verhältnismäßig
frisch.
* * * * *
Falkner hatte seiner Frau gegenüber kein Wort verloren über das
Geschenk der Schlange an Dolores. Zwar, was er im Innersten empört eine
unglaubliche Herzensroheit nannte, war ja kaum mehr als ein Kinderstreich,
dessen Tragweite nach keiner Seite hin bemessen oder erwogen war, aber
der Vorgang hatte so auf ihn gewirkt, daß er sich bei einer Vorstellung
darüber nicht die nötige Ruhe zutraute, mit welcher er Lolo zu
überzeugen hatte. Darum schwieg er vorläufig ganz -- vielleicht, daß die
junge Frau dadurch eher zur Überlegung gelangte, obgleich er das kaum zu
hoffen wagte. Seine Taktik, obwohl er es kaum so nennen konnte, was ihm
Schweigen auferlegte -- seine Taktik erwies sich aber als von Erfolg, denn
Lolo, welche nach dem gehabten Effekt ihrer »gloriosen Idee« heftige und
wohlverdiente Vorwürfe fürchtete, war über das Ausbleiben derselben
erst erleichtert, dann erstaunt und zuletzt beunruhigt, denn sie sah und
erkannte wohl aus dem Benehmen ihres Gatten, daß dieser Streich seinem
Vertrauen zu ihr einen heftigen Stoß versetzt hatte. Und sie, die sich
zuerst mit dem nötigen Trotz gewappnet hatte, um seinen Vorwürfen keck
entgegenzutreten, sie fühlte ihn in einem gewissen Unbehagen schwinden und
schmelzen, und dieses Unbehagen wurde allgemach zur Angst, die Angst zum
Herzklopfen. Am Abend nach dem Fest im Falkenhofe aber hielt sie's nicht
länger aus, und sie suchte ihren Gatten in dessen Zimmer auf.
»'n Abend, Alfred,« sagte sie, scheinbar harmlos eintretend.
»Guten Abend, Lolo. Willst du etwas von mir?« kam es kalt und erstaunt
zurück.
»Nein,« erwiderte sie gedehnt, denn sie hatte ganz vergessen, sich für
ihr ungewohntes Erscheinen einen Vorwand auszudenken. Zugleich aber faßte
sie einen herzhaften Entschluß. »Ja,« setzte sie kühn hinzu, »ich
wollte dich fragen, ob du böse auf mich bist. Du hast seit gestern kaum
ein Wort mehr mit mir gesprochen!«
»Hast du das vermißt?« fragte er nicht ohne Bitterkeit und legte das
Buch fort, in dem er gelesen hatte.
»Es scheint beinahe so,« murmelte sie.
»Ja, wirklich, Lolo? O, dann brauche ich noch nicht alles für verloren zu
halten,« sagte Falkner herzlich -- er war entwaffnet, und es hätte in
der That schon sehr schlimm stehen müssen mit beiden, wäre er's nicht
gewesen. Und nun stellte er ihr vor, welche Menschen- und Tierquälerei der
»kapitale Spaß« gewesen, den sie gestern mit der Schlange bei Dolores
ausgeübt. Sie hörte es ganz ernsthaft mit an, aber es überzeugte sie
nicht ganz.
»Aber Lolo, denke nur, welche Furcht du vor Mäusen hast,« suchte Falkner
dieser Lücke nachzuhelfen. »Was würdest du sagen, wenn Dolores dir zum
Geburtstag Mäuse in einem Körbchen schenken wollte, um dich mit deiner
Idiosynkrasie zu necken!«
»Ich kriegte die Krämpfe und kratzte ihr dann die Augen aus,« rief Lolo
mit blitzenden Augen bei dem bloßen Gedanken.
»Nun also! Und du kaufst einem Waldhüter diese von ihm gefangene extra
große Natter ab und bescherst sie der armen Dolores. Du hast den Effekt
gesehen und kannst sehr froh sein, daß der furchtbare Schreck sie nicht
auf dem Fleck tötete -- als Geburtstagsgeschenk!«
»Hältst du das für möglich?« fragte sie mit großen Augen und
gedämpfter Stimme wie ein Kind im Finstern.
»Gewiß,« sagte Falkner. Er war dessen zwar nicht ganz sicher, hielt aber
starke Farben in diesem Falle für die einzig richtige Kur.
»Nun also, dann sei nicht mehr böse, Alfred,« bat sie kleinlaut. »Ich
werde Dolores nie wieder eine Schlange schenken.«
Jetzt mußte er sich abwenden, ein Lächeln zu verbergen.
»Damit ist es aber noch nicht gut gemacht, Lolo,« sagte er dann. »Du
wirst Dolores wohl ein Wort der Entschuldigung sagen müssen!«
Da stieg der jungen Frau das Blut ins Gesicht.
»Nein,« rief sie, sich emporbäumend, »nein, niemals. Ich werde mich vor
ihr nicht demütigen.«
»Du mußt es nicht so auffassen, Lolo,« suchte er sie zu überzeugen.
»Du hast es ja so leicht, da du Böses nicht beabsichtigt, sondern nur im
Leichtsinn und unüberlegt gehandelt hast.«
»Ich thue es nicht,« sagte sie trotzig.
»Und Dolores wird dir mehr als auf halbem Wege entgegenkommen,« fuhr er
fort.
»Woher weißt du das?« fragte sie scharf, mißtrauisch.
»Weil ich es von Dolores nicht anders erwarte,« erwiderte er ruhig.
»Nein, diese hohe Meinung, die du von ihr hast!« rief sie nervös und
voll Hohn.
»Ich hoffe, sie hat die gleiche von mir, Lolo!«
»O, zweifellos. Aber ich sage _nicht_ ›Peccavi‹ vor ihr.«
Falkner zuckte mit den Achseln.
»Wie du willst -- ich kann dich dazu nicht zwingen, sondern dir nur
raten.«
»Es liegt mir gar nichts an ihrer guten Meinung über mich,« behauptete
die junge Frau bebend, und als Falkner darauf nichts erwiderte, brach sie
in Thränen aus. »Du weißt doch, daß ich eifersüchtig auf sie bin.«
»Du solltest aber auch wissen, daß ich nicht der Mann bin, den dir am
Altar geleisteten Eid zu brechen,« erwiderte er ernst.
»Es haben ihn aber schon viele gebrochen,« warf sie ein.
»Dann war's ein Meineid wie jeder andere,« entgegnete er. »Oder
hältst du einen Gott geleisteten Eid für geringer, als einen solchen vor
Gericht?«
»Ich weiß nicht,« erwiderte sie verwirrt. »Das ist zu hoch für mich.
Aber Dolores Abbitte leisten -- -- niemals!« setzte sie eigensinnig
hinzu.
»Warum hast du denn diese Unterredung gesucht, wenn du das Begangene nicht
gut machen willst?«
»Weil mir an deiner Meinung etwas liegt -- an der von Dolores nichts.«
»Es gehört aber zu meiner guten Meinung, daß man seine Schuld durch ein
freies, ehrliches, offenes Wort bekennt und wieder gut macht. Was nützt
mir alles Trotzen und Debattieren, wenn man _dazu_ den Mut nicht hat?«
fragte Falkner sehr bestimmt.
Doch es war nichts auszurichten -- sie blieb eigensinnig bei ihrer
Weigerung, trotzdem sie sah, daß es ihn verstimmte und abstieß.
Infolgedessen entschloß er sich, dem Falkenhofe fern zu bleiben, machte
aber Lolo, um es ihr ganz leicht zu machen, den Vorschlag, eine Zeile an
Dolores zu schreiben.
»Die Tochter des Herzogs von Nordland entschuldigt sich nicht bei ihres
Vaters Unterthanen,« brauste die »Durchlaucht« in der jungen Frau auf.
»Dann mußte die Tochter des Herzogs von Nordland auch keinen seiner
Unterthanen heiraten,« gab Falkner gereizt zurück, und wünschte
trotz aller guten Vorsätze und blindestem Pflichtgefühl, zum erstenmal
unverhohlen vor sich selbst, daß es in der That so gewesen wäre. Er hielt
unter diesen Umständen eine Annäherung an Dolores für die Zukunft für
ausgeschlossen, und da es ihm nicht einfallen konnte, vor der Welt mit
seiner Frau zu brechen, so mußte er dem Falkenhofe gleichfalls fern
bleiben. Er schrieb deshalb an Dolores, zerriß den Brief aber in mehreren
Concepten, denn es hatte sich zwischen die Zeilen desselben jedesmal ein
warmer Ton geschlichen, den er vermeiden wollte, weil er vor dem strengen
Richterstuhl seines Gewissens nicht bestehen konnte. Er hielt daher Keppler
an, ehe dieser zur Sitzung nach dem Falkenhofe hinüberging, teilte ihm das
Notwendigste mit, nämlich, daß seine Frau ihren unpassenden Scherz
nicht als solchen einsehen wollte und er infolgedessen den Falkenhof
nicht besuchen könnte, da er sich von seiner Frau nicht trennen wolle und
dürfe. Er bat Keppler, Dolores dies zu sagen mit seinem tiefsten Bedauern,
diese Maßnahmen ergreifen zu müssen.
»Schreiben Sie das lieber, Falkner,« meinte Keppler.
»Nein. Es ist besser so,« entgegnete er, und Keppler ging, aber der
Auftrag war ihm peinlich, und er entledigte sich seiner auch erst gegen das
Ende der Sitzung. Der Ausdruck von Schmerz und Qual in dem schönen Antlitz
der Lehnsherrin, der seiner Mitteilung folgte, erschreckte ihn tief, aber
er sagte nichts, da auch sie nichts erwiderte. Doch als die Sitzung schloß
und sie die Estrade verließ, sagte sie:
»Wenn Sie einen Augenblick warten wollen, Herr Professor, bis ich mich
umgekleidet habe, so will ich Sie nach Monrepos begleiten.«
»Sie wollen nach Monrepos -- Sie?« fragte er erstaunt.
»Ja,« erwiderte sie fest. »Soll ich die Eris sein, welche den Zankapfel
wirft in diese Ehe? Da sei Gott vor, und wenn ich einen Bruch da drüben
verhüten kann und ich thäte es nicht -- wie könnt' ich das im Jenseits
verantworten?«
»Es wird nicht jeder so groß denken,« sagte Keppler bewegt.
»Ich sehe nichts Großes darin, nur das rein Menschliche.« Sie nickte
müde, und rauschte in ihrer goldgestickten Schleppe hinaus, die Kleider
zu wechseln, während er noch an der Stickerei und den Spitzen auf dem
Gemälde weiterarbeitete. Als er dann die Palette beiseite legte und
hinunterging, fand er Dolores schon wartend, und schweigend schritten
sie über das Bowling-green nach der Allee, welche nach Monrepos führte.
Endlich brach Keppler das Schweigen.
»Ich habe noch gar nicht einmal gefragt, wie Sie sich heut' fühlen.«
»Besser und weniger matt,« erwiderte Dolores in Gedanken.
Da blieb Keppler stehen.
»Hätte ich doch das Recht, ein offenes Wort mit Ihnen zu sprechen,« rief
er, sichtlich erregt.
»Das Recht gebe ich meinen Freunden gern,« sagte sie erstaunt, aber
freundlich.
»Wirklich? O, dann lassen Sie mich kraft dessen eine Bitte wagen: kehren
Sie um! Thuen Sie nicht diesen Gang nach Monrepos.«
»Warum?«
»Weil -- weil -- -- kurz, dieser Gang hat seine Gefahren,« erwiderte er
mit sichtlichem Kampfe.
»Ja --
Sehr gefährlich ist der Aufenthalt
So allein im dunkeln Pinienwald
singt die Gräfin in Gasparone,« scherzte Dolores. »Aber ich fürchte
mich nicht,« schloß sie lächelnd.
»Dolores, es ist mir heiliger Ernst,« sagte Keppler. »Hören Sie mich
an, ja?«
»Sprechen Sie.«
»Nun dann -- nochmals, kehren Sie um; lassen Sie das Verhältnis mit
Monrepos auf diesem Fuße stehen, den Falkner einnimmt -- seine thörichte,
eigenwillige Frau thut Ihnen und ihm den größten Dienst damit!«
»Das verstehe ich nicht,« sagte Dolores kühl und verwundert.
»Dolores, Sie _müssen_ mich verstehen,« rief er beschwörend.
»Nein,« wiederholte sie kurz und kühl.
Da rang er mit sich einen kurzen Augenblick.
»Dolores,« sagte er dann leise und schnell, »ich weiß, wie es mit Ihnen
und Falkner steht -- er hat sich bei der Scene mit der Schlange unbewußt
verraten -- Sie schon früher. Ich habe alles gesehen. --« --
»Sie haben Gespenster gesehen, Herr Professor Keppler und überschreiten
das Ihnen erteilte Recht eines offenen Wortes in unverantwortlicher
Weise,« unterbrach sie ihn, blaß bis an die Lippen, aber fest, kalt und
hochmütig, doch in ihrem Herzen rang der Schrei sich los: »Um Gott, ist
es so weit gekommen, daß das Tote wieder erwacht und sich aus mir verrät?
Und aus ihm?«
Und wie der echte, rechte Mut zu wachsen pflegt im Augenblick der Gefahr,
wie Heldenherzen lieber gegen sich selbst den Stoß richten, ehe sie
wanken und irren, so fand auch Dolores in diesem Moment den Mut der
Selbstentäußerung, denn ehe Keppler noch etwas erwidern konnte, fuhr sie
schon fort:
»Und dies Überschreiten Ihrer Rechte zwingt mich, Ihnen ein Geheimnis
preiszugeben, dessen Wahrung ich Ihrer Ehre anvertraue -- ich werde mich
mit dem Erbprinzen von Nordland vermählen!«
Wieder blieb Keppler stehen -- vernichtet, betäubt.
»Die morganatische Gemahlin eines regierenden Duodezfürsten -- dazu sind
Sie zu schade!« brach er dann los.
»Die Beurteilung dieses Schrittes bitte ich mir zu überlassen,«
erwiderte sie heftig, sprühenden Blickes.
Da schwieg er, und sie gingen weiter, doch ehe sie bis dicht an das Gitter
von Monrepos kamen, da reichte er ihr bittenden Blickes die Hand.
»Es war gut gemeint, verzeihen Sie.«
»Gern,« erwiderte sie tonlos.
»Ich habe Sie und meinen Freund Falkner auch mit keinem Hauch
eines Verdachtes gekränkt,« fuhr er fort, »und warnen kann nicht
beleidigen --« --
»Gewiß nicht. Aber ich vertraue darauf, daß ich den Warner in der
eigenen Brust trage,« unterbrach sie ihn stolz.
Da lächelte er trübe.
»Das Herz ist oft stärker und siegt,« war seine Antwort.
Doch sie waren bei Monrepos angelangt und das Gespräch damit zu Ende.
Dolores sah zu ihrer Freude, daß Falkner und Lolo allein an einer
Blumenrabatte standen und wohl ihre Gäste zum Lunch erwarteten. Und
während Keppler sich zurückzog, trat sie schnell auf die Überraschten
zu.
»Liebe Lolo,« sagte sie herzlich, aber auf den Wangen noch die Blässe
der Erregung, »liebe Lolo, ich komme dir zu sagen, daß ich neulich
nach meinem thörichten Schreck über die Schlange, recht abweisend und
unhöflich zu dir war, die als Gast bei mir weilte. Das thut mir herzlich
leid, denn ich bin überzeugt, daß du dir nur einen Scherz machen
wolltest, weil du nicht wußtest, wie weit meine Antipathie gegen diese
Tiere geht. Sei mir also nicht böse, und du auch nicht, Cousin Alfred!«
»Siehst du nun, wer unrecht hatte?« rief die junge Frau triumphierend.
»Und da sollte ich mich vor ihr demütigen, die jetzt zu mir kommt? Haha,
ich werde deiner Abgötterei, die du mit Dolores treibst, keinen Weihrauch
mehr liefern!«
»Eleonore!« rief Falkner erschrocken, aber Dolores, welche auf diese
Wendung freilich nicht gefaßt war, mußte unwillkürlich lachen.
»Bravo, Lolo,« rief sie gutmütig, »da hast du aber recht, denn
Weihrauch macht mir stets Kopfschmerzen.«
»Und ich muß davon niesen,« gestand Lolo, deren momentane Empörung
gegen die eingebildete Ungerechtigkeit ihres Gatten der rosigsten Laune
wich, weil ihr von der Seite recht gegeben wurde, auf der Falkner ihr das
Unrecht gezeigt.
In diesem Augenblicke erschienen auf der Veranda die auf Monrepos
einquartierten Offiziere, und die junge Frau ging ihnen strahlend heiter
entgegen. Nach der gegenseitigen Begrüßung erklärte Dolores indes nach
Hause gehen zu müssen, und Falkner begleitete sie bis an das Thor.
»Das war ein Schritt von dir, Dolores, welcher dir alle Ehre macht, eine
große Selbstverleugnung, deren Motive ich zu erraten glaube,« sagte er
beim Abschied, »aber du hast gesehen, wie Lolo es aufgefaßt hat. Das
verzogene Kind wird dadurch von dem eigenen Unrecht nicht überzeugt --«
»Das hab' ich auch nicht gewollt,« unterbrach sie ihn. »Ich war
ihr diese Rechtfertigung schuldig, denn ich habe sie als meinen Gast
verletzt!«
»O, wäre sie nur halb so wie du,« murmelte er, doch sie war davon
geeilt, ehe er den Satz vollendet hatte.
Im Parke hielt sie ein im schnellen Gehen -- die erregten und
aufgestachelten Nerven ließen nach, und die alte, rätselhafte Schwäche,
Müdigkeit und Apathie kam wieder, unterbrochen von Momenten bittersten
Wehs und heftiger Anklagen gegen Keppler. Was hatte dieser Mann davon,
den Schleier von ihrem Herzen zu ziehen und ihr armes, unseliges Geheimnis
bloß zu legen? Welches Recht hatte er, ihr die Harmlosigkeit Falkner
gegenüber zu rauben, ihr den Glauben zu nehmen, daß sie überwunden
hatte?
Todesmatt, fiebernd und elend im Herzensgrunde kam sie in den Falkenhof
zurück und setzte sich gleich an den Schreibtisch, den Brief an den
Erbprinzen zu schreiben, der ihm ihr Jawort bringen sollte. Aber ihr Kopf
schmerzte sie, und die Gedanken verwirrten sich, daß sie abstehen mußte
davon und sich zur Ruhe legen.
Ein kurzer, aber erquickender Schlaf that ihr unendlich wohl, doch ließ
sie sich am Mittagstisch entschuldigen und Frau Ruß bitten, ihren Platz an
der Spitze desselben zu vertreten.
Erst gegen Abend ging sie wieder hinaus und stattete Engels einen Besuch
ab, fand ihn aber nicht vor.
»Herr Engels ist mit den Herren Offizieren zum Pürschen gefahren,« hieß
es.
Da ging Dolores durch den Park zurück, brach unterwegs ein paar Rosen und
ging dann nach der Terrasse, auf der Ramo eben den Theetisch ordnete und
Herr und Frau Ruß schon wie gewöhnlich saßen.
»Nun, geht es besser, liebe Dolores?« fragte Doktor Ruß, ihr entgegen
kommend.
»Danke, ja,« erwiderte sie. »Ich freue mich jetzt auf eine Tasse Thee!«
Und damit übernahm sie die Bereitung des belebenden, durstlöschenden
Trankes, während Doktor Ruß seine Bücher ins Haus zurücktrug und sich
seine Cigarrentasche mitbrachte.
»Unsere Herren Husaren sind alle auf der Jagd,« berichtete er, Platz
nehmend. »Es wurde heut' bei Tisch viel Jägerlatein gesprochen, und
definitiv die Hoffnung aufgegeben, den Steinadler zu erlegen, trotzdem er
noch im Falkenhofer Revier gesehen worden sein soll.«
»Wirklich? Wer weiß!« sagte Dolores, den Theeextrakt in die Tassen
gießend und aus dem Samowar mit kochendem Wasser auffüllend. Und dabei
hatte sie ein eigentümlich schwankendes Gefühl und den Gedanken: das hab'
ich schon erlebt -- hier den Theetisch, dort das Abendbrot und jetzt werden
sie den Adler bringen -- --
Man nennt es Hallucinationen, dieses Erinnern an eine Vergangenheit, welche
uns unbekannt ist, weil sie vielleicht nur im Lande des Traumes liegt --
oder diesen Blick in die Zukunft. Man hat noch nicht entdeckt, was die
richtige Bezeichnung ist für diesen Zustand, in welchem man das Gefühl
hat, als wäre man ganz anderswo, als berührten unsere Füße den Boden
nicht. Und verwandt, eng verschwistert damit ist jenes seltsame Gefühl,
das man manchmal beim Betreten fremder Häuser, beim Anblick uns bis dahin
unbekannter Gegenden hat --: das kennst du schon, hier bist du schon
einmal gewesen -- --
Wann?
Vielleicht im Traum, wo die Seele unbeherrscht von der physischen
Willenskraft umherschweift. Aber wer kann dieses Rätsel lösen, wer
eindringen in diese Mysterien? Wir haben nur ein »Vielleicht« für
dies alles, und dieses »Vielleicht« hat Freidenker zur Irrlehre der
Seelenwanderung geführt, trotzdem wir aus dem Evangelium wissen, daß wir
nach dem Tode zwar weiter leben, aber nicht im Fleische, sondern im Geiste,
daß also diese Hallucinationen, wie die Wissenschaft dies Erinnern und
Hellsehen bezeichnet, keine Erinnerungen sind aus einem früheren Leben
in anderer Gestalt. So schnell wie diese seltsamen Blitze durch die Seele
fliegen, so schnell verschwinden sie auch, aber dennoch überschauerte
es Dolores ganz eigen, als eben, wie sie ihre Tasse an die Lippen setzte,
Engels, gefolgt von zwei Forstgehilfen, die eine seltsame Last trugen, um
die Turmecke rechts von der Terrasse bog. Schon von weitem zog er den Hut
und schwenkte ihn hoch in der Luft.
»Seltene Beute,« rief er laut herüber, »wir haben ihn, den König der
Lüfte!« --
Und in der That brachten sie den gewaltigen Vogel herauf und legten ihn mit
ausgebreitetem Flug auf den Steinestrich der Terrasse.
»Drei Schüsse haben ihn gefehlt, der meinige ihn getroffen,« berichtete
Engels ganz stolz und mit leuchtenden Augen. »Die Herren Offiziere wollten
ihn zu Ihren Füßen legen, Fräulein Dolores, und nun wird mir diese
Freude und Ehre.« --
Gerührt reichte Dolores dem Getreuen die Hand, die er mit abgezogenem Hut
ehrfurchtsvoll an die Lippen führte.
»Wir lassen ihn ausstopfen, und dann soll er einen Ehrenplatz bekommen in
meinem Zimmer,« sagte sie erfreut.
»Welche enorme Flügelspannung,« bewunderte Doktor Ruß. »Ich möchte
wohl seine Weite kennen!« --
»Dort ist ein Maß in meinem Arbeitskorb,« sagte Frau Ruß und wollte
es holen, doch ehe sie über den Vogel weg zurück an den Tisch gelangen
konnte, war er schon dort und suchte in dem Korbe, den Rücken den anderen
zugekehrt -- --
Plötzlich erhielt Dolores einen Stoß, der sie, die neben dem Adler auf
dem Boden kniete, fast umgeworfen hätte. Es war Frau Ruß, die an sie
gestoßen hatte, und sich jetzt, ganz rot im Gesicht, wieder aufrichtete.
»Verzeih',« murmelte sie, »ich wollte nur auch den Adler sehen --«
Doch ehe Dolores sich über das eigentümliche Gebaren der Tante wundern
konnte, war Doktor Ruß mit dem Maße neben ihr und begann mit Hilfe der
anderen die Breite des Fluges zu messen.
»Eins -- zwei -- zwei Meter sieben Centimeter,« meldete er, sich
aufrichtend, und wischte sich von der Anstrengung dicke Schweißtropfen von
der Stirn, so daß Engels noch gutmütig neckend sagte:
»Na, Doktor, Sie müssen auch mal wieder in Training, sonst werden Sie
bald ein richtiger Apoplektiker. Donnerwetter, schwitzt der Mann von dem
bißchen Bücken!« --
Doktor Ruß lachte etwas nervös zu der medizinischen Meinung des »lieben
Engels.«
»Ja ja, uns alten Herren wird der Training nur etwas sauer, wenn wir
heraus sind,« meinte er.
»Nun aber eine Tasse Thee mit _viel_ Rum, lieber Engels,« rief Dolores,
und nachdem die Forstgehilfen gegangen waren, setzte man sich wieder an den
gemütlichen runden Tisch. Engels hatte bald seine Tasse vor sich stehen,
deren Inhalt den euphemistischen Namen »Thee« führte, in der That aber
ein ehrlicher, steifer Grog war, dessen weniges Wasser eine Theekanne
passiert hatte.
Als nun Dolores dem glücklichen und von den andern Jägern sicher sehr
beneideten Schützen des Adlers auch noch eine Schüssel voll zierlich
belegter Sandwiches zugeschoben hatte, nahm sie selbst endlich ihre Tasse
und führte sie zum Munde, und als sie dabei aufsah, nahm sie wahr, wie
Frau Ruß ihre Augen auf sie geheftet hatte, starr, unbeweglich, mit einem
seltsamen Ausdruck darin von Angst, Drohung, Haß, Neugier -- --
Wie gebannt begegnete Dolores diesem Blicke, der so steinern und doch so
ausdrucksvoll war, der ohne die Wimpern zu zucken nach ihr hinübersah --
und da beschlich sie vor diesem Blicke ein solch' furchtbares Grauen,
eine solch' entsetzliche Angst, die sie sich selbst nicht hätte erklären
können, daß etwas von dem Gefühl eines zu Tode gehetzten Wildes über
sie kam und sie fort wollte, fort, und doch nicht konnte, gefesselt von
diesen kalten, hellen Augen, welche sie unverwandt ansahen -- --
Da fiel die nur halb geleerte Tasse klirrend aus ihren Händen hinab auf
die Steinfließe der Terrasse, und dieses Geräusch erlöste sie aus einem,
wie ihr deuchte, endlosen, in der That aber nur Sekunden währenden Bann,
sie stieß einen halberstickten, halbgelähmten Schrei aus, taumelte ein
paar Schritte weiter und fiel bewußtlos über den mächtigen Körper des
toten Adlers zu Boden -- -- -- -- --
Als sie die Augen wieder aufschlug, lag sie auf ihrem Bett, neben welchem
Tereza und Frau Ruß standen -- --
»Fort!« rief sie letzterer in höchster Angst zu, »fort -- fort -- um
Gottes willen -- ich fürchte mich vor dir --« --
Da zuckte es über das kalte, ausdruckslose Gesicht der großen Frau wie
Wetterleuchten, aber sie wandte sich sofort ab und ging hinaus. Draußen im
Korridor aber stand sie still, schlug beide Hände vor ihr blasses Gesicht
und schluchzte, thränenlos, und mußte, um sich fassen und mit ihrem
gewöhnlichen Ausdruck unten erscheinen zu können, lange stehen, ehe sie
wieder hinabstieg und von ihrem Gatten mit einem teilnahmsvollen: »Nun,
wie steht es oben?« empfangen wurde.
Indes fuhr Engels mit den schnellsten Pferden nach der Stadt, um dort für
Dolores einen Arzt zu holen, welcher nach der unvollkommenen Beschreibung
des Zustandes seiner Patientin auf eine schwere Nervenerschütterung
schloß und sich mit einigen beruhigenden Präparaten versah. -- Auf dem
Rückwege von der Stadt begegnete er Falkner zu Pferde, und dieser war
sehr erschrocken über die schlechten Nachrichten von Dolores und ritt nun
sofort mit nach dem Falkenhofe. Doch war das, was er von Doktor Ruß über
den Fall hörte, wenig genug, aber im ganzen beruhigend und überzeugend.
-- »Die Nerven sind es, die Nerven!« meinte er. »Entsinne dich,
wie gesund sie war, als sie die Musik eine Zeitlang ganz ruhen ließ.
Plötzlich aber warf sie sich mit nervöser Hast auf das, was ja
entschieden ihr Beruf ist, was ihren Neigungen entspricht, spielte
stundenlang, sang und komponierte, bis ihre Nerven dem Reize nachgaben. Sie
kann froh sein, wenn sie einem Nervenfieber entgeht, was ich aber glaube,
wenn sie die richtigen Arzneien bekommt: Schlaf und Ruhe.«
Der Ausspruch des Arztes, den Falkner erwartete, lautete ähnlich. Er
hatte ihr ein neu erfundenes, auf die Nerven wunderbar beruhigend wirkendes
Präparat eingegeben und verschrieb nun noch ein Präservativ gegen erneute
»Anfälle,« denen er aber etwas für ihn noch Unerklärliches nicht
absprach.
Dolores verbrachte, dank dem Schlafmittel, eine ruhige, ungestörte Nacht,
in welcher ihr unaufhörlich träumte, daß die Ahnfrau Dolorosa blaß und
traurig vor ihr stände und sie beschwor, ihren Sieg über den Bösen nicht
halb sein zu lassen, sondern zu vervollständigen, damit sie Erlösung
fände.
Dieser Traum und die wiederholten Worte standen so klar und deutlich
vor ihr, als sie erwachte, daß sie darüber nachdenken mußte. Diesen
häufigen Träumen, in welchen eine Warnung vor »dem Bösen,« vor einer
vagen Gefahr, immer wiederkehrten, seit sie im Falkenhofe war, fing sie an
die Schuld an ihren herabgestimmten Nerven beizumessen, denn seit sie von
Nordland zurück war, war kaum eine Nacht vergangen, die ihr nicht einen
Traum gebracht, in welchem die Ahnfrau und deren Warnungen eine Rolle
spielten. Freilich, der Schuß durch den spanischen Brief und der trotz
aller Gegenvorstellungen nicht eingeschlafene Verdacht, daß ihr Sturz ins
Hexenloch kein zufälliger gewesen, waren ja schließlich genug, um
die unablässigen aufregenden Träume von nahen Gefahren für die zu
rechtfertigen, welche an eine Einwirkung auf die Seele im Traume glauben,
aber Dolores hatte sie eigentlich immer vergessen, wenn das Sonnenlicht kam
und die klaren Gedanken ihres klaren Kopfes warm durchleuchtete. -- Und
wie sie nach dieser letzten Nacht erwachte und wieder die Erinnerung an
den Traum derselben die Klarlegung der Vorgänge des vergangenen Tages
verdrängten, der ihr eine so starke seelische Erregung gebracht, da
überkam sie _ein_ Wunsch, _ein_ Gedanke --: »Fort von hier!« Und dieser
Wunsch wurde so stark in ihr, daß er sie förmlich kräftigte und sie
trotz der Gegenvorstellungen Terezas aufstand und sich in einen weichen,
weißwollenen Schlafrock gehüllt auf dem Balkon ihres Salons das
Frühstück servieren ließ. Dort sah sie der unten promenierende Doktor
Ruß, fragte an, ob er störe und ließ sich auf die verneinte Antwort
bald darauf ihr gegenüber nieder, ein wohlverbundenes und etikettiertes
Fläschchen in der Hand, dessen wasserheller Inhalt ganz unschuldig aussah.
»Es freut mich unendlich, Sie wieder wohlauf zu sehen, teure Dolores,«
sagte er mit dem tiefen, leisen Wohlklange seines Organs. »Aber,« fügte
er, das Fläschchen schüttelnd, hinzu, »aber Sie müssen auch ›brav‹
sein und dies Tränkchen nehmen, das Doktor Müller für Sie verschrieb,
und das ich selbst gestern Abend noch aus der Apotheke für Sie holte.«
Dolores versicherte, daß sie Arznei im ganzen ohne Schwierigkeiten nähme,
sofern dieselben nicht bestimmte, ihr widerwärtige Mixturen enthielten,
und schluckte darauf zum Beweise sofort einen Theelöffel voll, den Doktor
Ruß ihr füllte.
»Schmeckt es schlecht?« fragte er lächelnd, als Dolores den Mund etwas
verzog.
»Schlecht ist zuviel,« meinte sie, »aber es ist ein merkwürdiger
Geschmack, ich weiß nicht wonach -- ein Geschmack, der mich verfolgt, denn
ich habe ihn schon in gewöhnlichen Speisen und Getränken verspürt.«
»Einbildung, pure Einbildung, liebe Dolores,« sagte Doktor Ruß. »Aber
es ist ein Beweis krankhaften Zustandes.«
»Freilich wohl! Denn woher schmeckten mir sonst verschiedene Dinge ganz
gleich?«
Sie spielte eine Weile sinnend mit der Etikette des Fläschchens, welche
»zweistündlich einen Theelöffel« vorschrieb und begegnete, aufsehend,
dem auf sie gerichteten Blicke des Doktor Ruß. Nervös erregt, wie sie
war, machte selbst dieser Blick sie erschauern, doch sie bekämpfte schnell
ihr Unbehagen.
»Lieber Doktor,« sagte sie dann nicht ohne eine gewisse Verlegenheit,
»nicht wahr, Sie sind nicht böse, wenn ich Sie und die Tante für den
Monat, den ich noch hier bleiben wollte, auslade. Ich _muß_ aber fort,
sonst geht meine Gesundheit ganz zu Grunde. Ich denke, die See soll mir
jetzt noch gut thun. Dafür aber besuchen Sie mich nächsten Sommer wieder
hier recht lange, nicht wahr?«
»Natürlich, natürlich, liebe Dolores! Bedarf es zwischen uns der
Formalitäten? Sicherlich doch nicht!« erwiderte Ruß hastig und lauter
als gewöhnlich. »Und wann wollen Sie fort?« setzte er gespannt hinzu.
»Sobald die Einquartierung fort ist -- also genau in einer Woche. Es wird
mir schwer genug, auch diese noch hier zu bleiben, denn ich fühle, daß
ich einer Reparatur meiner Nerven dringend bedarf.«
»Sicherlich,« stimmte Doktor Ruß zu. »Aber ein Wort noch, liebe
Dolores, in dieser Sache. Sie können nicht allein reisen, nicht allein im
Seebade bleiben -- die Welt urteilt so leicht -- und --«
»O nein, ich weiß, daß man den ›bösen Zungen‹ Konzessionen machen
muß,« fiel sie ein, »obgleich ich gestehe, daß ich dieselben stets
hart meinem Stolze und meinem reinen Bewußtsein abringen muß. Tereza ist
unterwegs genug für mich, Ramo nicht zu vergessen, und im Seebade werden
Balthasars mich bevatern und bemuttern.«
»Ah? Und dann?«
»Dann gehe ich auf vier Wochen zu der Großherzogin auf deren Lustschloß
an der See -- wir haben das schon abgemacht. Den Winter aber verlebe ich
mit dem alten Freunde meines Vaters und dessen Gattin in Italien.«
»Also alles =fait accompli=?«
»Alles. Nicht wahr, Sie sind nicht böse, daß ich Sie für diesen
folgenden Monat aus-, und daher zum nächsten Sommer einlade. Aber
wäre ich nicht so ›Halali,‹ wie Engels es bezeichnet, so wäre ich
sicherlich geblieben,« schloß sie liebenswürdig und reichte ihm die
Hand, welche feucht und kalt war.
Doch obgleich Doktor Ruß sich vollkommen wohl befand, so hatte Dolores von
seiner Hand genau dieselbe Empfindung, die sie abstieß und ihr unangenehm
war.
»Nun, das fehlte noch, daß Sie sich deswegen bei uns entschuldigen
wollten,« erwiderte er heiter, aber mit belegter Stimme.
»Und Sie? Wohin werden Sie die Achse lenken?« fragte Dolores.
»Jedenfalls zuerst nach Berlin,« meinte er sorglos. »So wenigstens habe
ich es mit meiner Frau besprochen.«
Bald darauf verabschiedete er sich und stieg in seine Wohnung herab, wo
seine Frau nähend saß.
»Dolores ist auf, will fort und hat uns gekündigt,« sagte er mit
forcierter Lustigkeit. Und als Frau Ruß erstaunt aufsah, setzte er,
etwas aus der Rolle fallend, hinzu: »Du brauchst mich nicht so erstaunt
anzuglotzen, wie die Kuh das neue Thor -- heut' über acht Tage wird der
Falkenhof geschlossen, und wir sind mit einer Einladung fürs nächste Jahr
an die Luft gesetzt. Fürs nächste Jahr! Wenn du ein Murmeltier bist, so
lege dich bis dahin schlafen, oder wenn du ein Dachs bist, so vergrabe dich
und zehre an deinem eigenen Fett, wie es diese ökonomischen Tiere zu thun
pflegen!«
Und damit lachte er höhnisch und ging in sein Zimmer, dessen Thür er
hinter sich verriegelte.
Frau Ruß war leichenblaß geworden -- die Arbeit glitt der sonst
unablässig Fleißigen aus der Hand, und sie saß, den Blick geradeaus
gerichtet, wohl eine halbe Stunde da, ohne sich zu rühren, wie ein
Steinbild. Endlich erhob sie sich mühsam, streifte die niederen Schuhe von
den Füßen, schlich zu der Thür, durch welche ihr Gatte verschwunden war
und sah durch das Schlüsselloch. Er saß, wie sie vermutet hatte, vor dem
Rokokopult mit Aufsatz dessen er sich stets als Schreibtisch bediente, und
schrieb -- malte vielmehr mit der Feder, langsam und oft absetzend, auf
einem Blatte Papier und sah oft dabei auf ein anderes Blatt, das vor ihm
lag, das Frau Ruß aber nicht erkennen konnte. Er kopierte augenscheinlich
etwas. Dabei hörte sie ihn öfters Ausrufe der Unzufriedenheit und
Mißbilligung ausstoßen, und endlich stand er auf und öffnete links eine
der kleinen schrägen Schubladen, welche den Aufsatz des Pultes an den
stumpfen Ecken flankierten, und tastete mit der Hand, nachdem er die Lade
ganz herausgezogen hatte, in der leeren Höhle umher, bis ein scharfes,
schnappendes Geräusch von der angespannt Lauschenden vernommen wurde. Da
erhob er sich und suchte in dem schrankartigen Mittelfach umher -- was
er dort that und trieb, deckte sein Rücken -- Frau Ruß konnte es nicht
sehen. Nach einer Weile aber hörte sie wieder das schnappende Geräusch,
worauf Doktor Ruß die Schublade in ihr Fach zurückschob und seine
Schreibereien zusammen zu packen begann.
Da kehrte Frau Ruß leise auf ihren Platz zurück und saß ruhig nähend
da, als nach zehn Minuten ihr Mann wieder erschien, den Hut auf dem Kopfe
und den leinenen Staubmantel an.
»Engels wollte um elf Uhr den Arzt wieder holen lassen,« sagte er, »und
da mir Schreibmaterialien fehlen, so werde ich mitfahren und dieselben
besorgen. Du magst mir also vom Lunch einiges aufheben lassen.«
»Ja,« nickte sie, »es ist gut. Wann soll ich mit dem Packen beginnen?«
»Das hat Zeit,« erwiderte er und ging.
Wieder saß Frau Ruß still, bis sie einen Wagen aus dem Stallhofe
rollen hörte und sie, hinausspähend, Doktor Ruß in seinem Staubmantel
fortfahren sah. Da erhob sie sich und ging in das Zimmer ihres Gatten
und an dessen Schreibtisch, dessen Pult verschlossen war, wie die
Schrankthüren des Aufsatzes. Zunächst suchte sie nun die Schublade an der
linken, stumpfen Ecke des letzteren, und nachdem sie mehrere dieser langen
engen Dinger herausgezogen und die Fächer untersucht hatte, fand sie in
dem mittelsten derselben einen ziemlich flachen Knopf, welcher sich in
einer Rille weiterschieben ließ. In der Aufregung, in welcher sie
sich befand, machte sie sogleich ein Experiment damit, und ein scharf
schnappendes Geräusch im Innern des Schränkchens belehrte sie, daß hier
ein Mechanismus ein verborgenes Fach geöffnet haben mußte, und zwar ein
in dem Schränkchen selbst zugängliches Fach. Doch wie hierzu gelangen
ohne Schlüssel? Mechanisch zog sie ein kleines Schlüsselbund aus
der Tasche, das ihre eigene Spinde und Kommode schloß, und ließ es
nachdenklich durch die Finger gleiten. Es war unter den französischen
Schlüsseln auch einer, der in eine kleine Rokokokommode paßte, in welcher
sie ihre Hauben und feine Wäsche verwahrte -- ein elendes Ding von einem
Schlüssel mit verschnörkeltem Bartausschnitt. Diesen Schlüssel steckte
sie zweifelnd und ohne seine Schließfertigkeit zu erhoffen, in das
Schloß des Pultes -- und siehe da, er schloß das primitive Schloß ohne
Schwierigkeiten auf.
Klopfenden Herzens, aber mit vorsichtiger Hand zog sie die Ledermappe mit
Löschblattfüllung, auf welcher ihr Gatte stets schrieb, heraus, und da
lagen auch gleich die frischen Schriftproben -- Blätter, auf denen der
Schreiber einzelne Worte geübt und einzelne Buchstaben -- alles in den
charakteristischen, auffallenden Schriftzügen von Dolores Falkner! Und
hier -- hier war auch ein Brief von ihr mit nichtigem Inhalt, der als
Vorlage für diese Übungen gedient haben mußte.
Vorsichtig schob sie alles wieder zusammen und schloß das Pult und --
siehe da, der verachtete und oft geschmähte kleine Schlüssel schloß auch
die Schrankthür des Aufsatzes auf. Nun probierte sie wieder den Knopf
in dem Schubfache -- er arbeitete leicht und sicher und öffnete in dem
Schränkchen, das mit allerlei Bildern vollgeklebt war, wie man es oft in
diesen alten Spinden findet, ein Geheimfach, dessen Thür unfindbar für
den aufmerksamsten Sucher, mit einem bunten kleinen englischen Stich, der
die Porträts des Königs Wilhelm III., der Königinnen Mary II. und Anna
und deren Gemahl, dem Prinzen Georg von Dänemark, trug, verkleidet war
-- ein seltenes Schmähblatt dadurch, daß es die für die letzten Stuarts
schmeichelhafte Unterschrift trug:
=There is Mary the Daughter, and Willy the Cheater,
And Georgie the Drinker, and Annie the Eater. --=[2]
[2]: Seltenes Flugblatt aus der Regierungszeit Wilhelms III. von
England und der Königin Mary II.
Frau Ruß interessierte dies illustrierte Pamphlet von der Größe eines
Oktavblattes aber gar nicht. Mit fliegender Hand langte sie hinein in das
Fach -- es enthielt nichts als ein paar Pappschachteln mit weißem Pulver
ohne Aufschrift, nur mit lateinischen Ziffern in I und II numeriert und ein
kleines Fläschchen von blauem Glase mit Glasstöpsel. Vorsichtig zog sie
diesen halb heraus und roch daran -- ein betäubender Duft von bitteren
Mandeln machte sie aber sogleich zurückfahren und aufhusten. Schnell
setzte sie alles wieder an Ort und Stelle, schloß Geheimfach und Schrank,
schob die Schublade in ihr Fach und setzte sich dann hin, die Hände
verschränkend und dachte nach.
Aber nicht lange, denn ein Blick auf die Uhr ließ sie bald wieder
aufschrecken. Schnellen Schrittes verließ sie das Zimmer und fragte
draußen im Korridor nach Mamsell Köhler, zu welcher sie in die
Speisekammer gewiesen wurde.
Dort, in dem kühlen, gewölbten Raum stand das kleine graue Hausgeistchen
des Falkenhofes und hatte alle Hände voll zu thun, um zum Lunch kalten
Schinken, Roastbeef und Braten aufzuschneiden, Pasteten mit goldklarem,
pikantem Aspic zu verzieren und eine Schüssel delikaten russischen
Fleischsalates mit zierlich ausgestochenen roten Rüben, Pilzen, Haricots
u. s. w. zu garnieren, indes drüben in der Küche die warmen Gerichte
auf dem mächtigen Herde in kupfernen, spiegelblanken Kasserollen und
Töpfen, welche zum Lehen gehörten und mit dem Falknerschen Wappen
graviert waren, zischten, brodelten und brieten.
Frau Ruß trug das Anliegen ihres Mannes wegen Aufhebens von Essen für ihn
vor.
»Sehr wohl, Frau Baronin, soll besorgt werden,« versprach Mamsell
Köhler, welche nie unterließ, Frau Ruß ihren Titel aus der ersten Ehe zu
geben, wie sie Lolo Falkner stets mit einer Sündflut von »Durchlauchts«
überschüttete, wo sich es thun ließ. »Ich weiß wieder nicht, wo mir
der Kopf steht,« schwatzte sie weiter, eine dem Eisschrank entnommene
Blechbüchse mit Kaviar öffnend und den milden, grauen, großkörnigen
Inhalt in eine Schüssel entleerend. »Die Herren Offiziere können jeden
Augenblick von dem Manöver zurückkommen und haben dann stets einen
gottgesegneten Hunger. Lieber Himmel, mit solchem Appetit aß unsere
gnädige Baronesse früher auch, und jetzt --? Was hat sie sich bestellt?
Ein Kaviarbrötchen und eine Scheibe Roastbeef! Wie für einen Sperling!
Und wird auch davon noch die Hälfte herunterschicken, da wette ich
darauf!«
Während Mamsell Köhler ihre Zunge gehen ließ wie ein wohlgeöltes
Maschinenrad, musterte Frau Ruß den Inhalt dieses geschmackvollen Raumes,
insbesondere aber ein Regal, auf welchem Kolonial- und Spezereiwaren in
weißen Porzellanfäßchen mit Aufschrift des Inhalts standen. Daneben
waren Blechkästen und Büchsen mit Thee, Cakes und Dessert aufgestellt --
alles so appetitlich und einladend wie möglich, wie es eben »nur Mamsell
Köhler« verstand.
»Haben Sie noch gebrannte Mandeln?« fragte Frau Ruß.
»Sind leider ganz alle, Frau Baronin,« seufzte die Kleine mit Bedauern
und viertelte eine Citrone. »Ach Gott, überhaupt die Süßigkeiten! Die
essen die jungen Herren Leutnants auch wie das liebe Brot -- tellerweise!
Und dabei noch die viele Schlagsahne -- man wundert sich bloß, daß den
jungen Herren nicht manchmal schlecht wird in dem Magen --«
»Ich werde mir ein paar rohe Mandeln zum Knuspern mitnehmen,« unterbrach
Frau Ruß diese Bewunderung eines Leutnantsmagens, hervorgegangen aus
der völligen Unkenntnis dieses oft verblüffenden Organs. Und mit diesen
Worten öffnete sie eine der Porzellantonnen und griff tief in dieselbe
hinab.
»Das sind ja bittere,« rief Mamsell Köhler warnend, indem sie die
Kaviarschüssel mit Citrone und Petersilienbüscheln garnierte.
»Ach so -- ich habe mich versehen,« erwiderte Frau Ruß, und ließ den
Inhalt ihrer Rechten ungesehen in die Kleidertasche gleiten. Dann entnahm
sie der Tonne mit der Aufschrift »Knackmandeln« eine Handvoll der
großen, süßen Früchte, nickte Mamsell Köhler zu und ging in ihr
Zimmer zurück, wo sie die Schalmandeln ruhig in ein Kästchen that und die
»irrtümlich« ergriffenen und behaltenen bittern Mandeln hervorholte.
Auf einem saubern Papier unterzog sie sich der Mühe, die Mandeln mit einem
Federmesser zu schaben, und hatte dann die feinen Spänchen eben in ein
Musselinläppchen gebunden und in ein Viertel Wasserglas voll Wasser
gelegt, als der Tamtam durch den Falkenhof dröhnte zum Zeichen, daß der
Lunch serviert sei. Schnell schloß sie das Glas fort in ein Schränkchen,
ordnete ihren Scheitel, wusch die Hände und ging nach dem Speisesaal, wo
sie an Stelle ihrer Nichte der Tafel präsidierte.
-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
Am Nachmittage kam Falkner mit Lolo von Monrepos herüber, um sich nach dem
Befinden von Dolores zu erkundigen und fanden sie, trotz des warmen Wetters
fröstelnd in ein großes, weiches Tuch aus weißer Wolle gehüllt, in
ihrem Salon vor, »blaß und durchsichtig wie ein schönes Gespenst; -- wie
die ›Traviata‹ im letzten Akt,« sagte Lolo Falkner später zu ihren
Gästen.
Falkner war tief erschüttert von diesem Schattenbilde der einst so
strahlenden Dolores und wollte gleich wieder gehen, um sie ruhen zu lassen.
»Ach nein, bleibt nur,« bat sie. »Ihr wißt, daß die Einsamkeit mir
sonst so lieb ist, aber heut' habe ich mich förmlich vor ihr gefürchtet.
Ich bin so schrecklich allein --«
Falkner wußte, daß seine Mutter nicht die Sympathien von Dolores hatte,
darum brachte er sie nicht als Gesellschaft in Vorschlag.
»Wenn du die Gräfin Schinga zu dir herüberbitten wolltest -- sie käme
gewiß gern,« meinte er.
»O ja, ich habe an sie noch nicht gedacht,« sagte Dolores, angeregt von
der Idee. »Sie müßte nur nicht verlangen, daß ich spreche,« setzte sie
hinzu, »denn ich bin so müde -- --«
»Ich werde gleich hinüberfahren nach Arnsdorf und die Gräfin selbst
holen,« meinte Falkner aufstehend. Dolores war sehr erfreut über Falkners
Bereitwilligkeit und versicherte ihm mit mattem Lächeln, es sei sehr
gütig von ihm.
Lolo, froh, auf so gute Manier aus der »langweiligen Bude,« wie sie den
Falkenhof nannte, heraus zu können, schloß sich ihrem Gatten an, und
Dolores war wieder allein.
Aber nur wenige Minuten, da klopfte es leise und Frau Ruß trat hinein,
schüchtern fast, denn sie hatte Dolores seit dem vorigen Abend nicht
wiedergesehen und wurde selbst ganz blaß bei dem Anblick der weiß
eingehüllten, durchsichtigen Erscheinung ihrer Nichte. Dolores selbst
hatte das Entsetzen noch nicht vergessen, das diese Frau ihr gestern
Abend eingeflößt durch ihren Blick, und darum klang ihr erzwungener
Willkommsgruß vielleicht kälter und kürzer, als sie selbst gewollt.
»Mein Mann ist noch nicht zurück aus der Stadt -- der Arzt muß also
auswärts gewesen sein,« sagte Frau Ruß fast schüchtern.
»Wahrscheinlich. Er kann mir ja doch nichts nützen,« erwiderte Dolores.
»Nein,« stimmte Frau Ruß bei, »_der_ kann dir nichts nützen. Du mußt
einen anderen Arzt haben. Darf ich für dich an X. nach Berlin schreiben?
Er wird gewiß dann bald kommen?«
»O, das ist überflüssig. Es wird schon von selbst wieder werden,«
entgegnete Dolores gleichgültig.
»Nein, du darfst das so nicht hingehen lassen,« rief Frau Ruß dringend,
»wirklich nicht! Laß mich an den Arzt schreiben, oder besser noch
telegraphieren.«
»Das würde mich sofort mit dem behandelnden Arzte überwerfen -- wir
müssen _sein_ Gutachten erst abwarten,« sagte Dolores kurz.
Vor diesem Einwande verstummte Frau Ruß.
»Kann ich dir deine Arznei geben?« fragte sie nach einer Weile.
»Du bist sehr gütig. Sie steht dort auf dem Tisch.«
Frau Ruß ging hin, nahm die Flasche und entkorkte sie.
»Du hast wenig davon genommen.«
»Zweimal,« sagte Dolores. »Mir ist der nichtssagende Geschmack so
widerwärtig. Aber es schmecken mir viele andere Dinge ebenso -- meist der
Thee am Abend.«
»Ja,« nickte Frau Ruß, aber indem sie die Flüssigkeit in den Löffel
laufen lassen wollte, fiel die Flasche herab und entgoß ihren Inhalt auf
den Teppich, welcher ihn sofort aufsaugte.
»Nun habe ich wenigstens eine Entschuldigung für mein Nichtnehmen,«
meinte Dolores erleichtert.
In diesem Augenblick ließ Keppler sich melden. Er hatte bis jetzt drüben
im Marmorsaal an dem Porträt gemalt, d. h. an dem Kleide, welches zu
diesem Ende auf dem Podium auf einem Kleiderständer drapiert war. Dolores
ließ den Künstler bitten, einzutreten, froh, daß sie des Alleinseins
mit Frau Ruß überhoben war. Diese blieb indes auch -- sie ward aber
schweigsam wie gewöhnlich und ging endlich, als Falkners mit der Gräfin
Schinga zurückkehrten -- aber sie hatte auf Keppler den Eindruck gemacht,
als hätte sie etwas sagen wollen und die Gelegenheit dazu nicht gefunden.
Dolores war froh, als sie fort war, und begrüßte die Gräfin mit
freudiger Dankbarkeit für ihr Kommen. Und so nahmen die vier denn Platz um
die Kranke, und eine halblaute, aber eifrige Konversation, welche Dolores
sichtlich anregte, begann, bis sie sich müde und erschöpft zurücklehnte.
»Wollen Sie etwas Musik?« fragte Gräfin Schinga, und Dolores nickte.
»Aber etwas recht Sanftes,« bat sie.
Die Gräfin öffnete den Flügel, dachte eine Weile nach, und dann
spielte sie die Introduktion zum letzten Akt der »Traviata,« diese von
Todesahnung durchzitterte Weise, in welcher das zum Sterben verurteilte
Herz noch einmal hoch aufklopft für einen kurzen Moment und dann erlischt:
[Illustration (Musik-Noten)]
Während Gräfin Schinga spielte, hatte Dolores sich aufgerichtet, hatte
das Tuch von sich geworfen und war neben die Spielende getreten, sich mit
ihr durch einen Blick verständigend. Und so flocht letztere denn nach der
beendeten Einleitung ein paar Accorde der Recitative mit ein und ging über
in die Begleitung des letzten Aufschluchzens der Violetta, und Dolores fiel
ein mit ihrer Stimme, leise, leise, wie ein Hauch zuerst, dann stärker
anschwellend und wieder erlöschend, wie das junge Leben der Singenden:
=Addio del passato, beisogni, ridenti,
Le rose del volto già sono pallenti;
L'amore d'Alfredo perfino mi manca
Conforto, sostegno dell' anima stanca= -- --
Sie schloß schon nach dem ersten »=tutto, tutto fini=« -- »alles, alles
zu Ende,« aber nie vielleicht hatte sie so erschütternd gesungen. Einmal
hatte sie gestockt nach den ersten Zeilen, als der Name »Alfredo« ihr auf
die Lippen trat, aber sie hatte weiter gesungen. -- Was that es zur Sache,
daß sie seinen Namen jetzt in der Verbindung mit ihrer Liebe nannte --
denn =tutto, tutto fini= -- --
Und wie sie geendet hatte und Gräfin Schinga die Hände von den Tasten
sinken ließ, da war es einen Augenblick sehr still in dem kleinen
Kreise, so still, daß man das Summen der Bienen draußen in der warmen
Spätsommerluft hörte. Und Dolores strich mit der Hand über ihre Stirn.
»=Tutto fini= --« sagte sie. »Das war mein letztes Lied.«
»Nein, nein!« rief Keppler abwehrend, die Stimme rauh vor Erregung.
»=Tutto fini=,« wiederholte Dolores. »Mir bleibt nur noch einiges zu
besprechen mit dem Erben vom Falkenhof.« --
-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
Indes war unten Doktor Ruß endlich mit dem Arzt angelangt, und Frau Ruß
unternahm es, den jovialen alten Herrn hinaufzuführen.
»Nun, wie geht's oben?« fragte er so heiter, als hätte Dolores den
Schnupfen.
»Es flackert so auf mit ihr und läßt wieder ganz nach,« erwiderte
Frau Ruß. »Ich hörte sie eben noch singen. Aber sie ist doch sehr
krank -- --«
»Krank?« lachte der kleine Doktor. »Ich bitte Sie, Verehrteste! Ihr
Herr Gemahl hat mir so Andeutungen gemacht über eine unglückliche
Herzensangelegenheit -- wer ist es denn, der _Er_ nämlich?«
»Mir ist davon nichts bekannt,« sagte Frau Ruß erstaunt.
»Haha!« pustete der alte Herr, »na, dann nicht, liebe Seele! Ich werde
an dem Ungenannten nicht ersticken! Herr Gemahl war aber kolossal positiv,
ja, ja! Hat Selbstmordgedanken, die schöne Herrin vom Falkenhof -- lustige
Gesellschaft, frische Luft -- ein =chacun= für die =chacune=, das ist die
richtige Medizin dafür -- werden ja sehen -- hm, hm --!«
»Selbstmordgedanken?« fragte Frau Ruß, entsetzt stehen bleibend.
»Pst! So 'was sagt man nicht so laut wie Sie,« tuschelte der Doktor.
»Dazu braucht's aber keine Apotheke, sondern man muß es eben nur wissen!
Ja, wenn ich zur Diagnose immer die Winke des Herrn Doktor Ruß hätte,
dann wollt' ich sie schon immer richtig stellen!« -- -- --
-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
In den nächsten zwei Tagen wurde es wieder besser mit Dolores, so daß sie
spazieren fahren und sich auch etwas an der Gesellschaft beteiligen konnte.
Von Monrepos kamen täglich Boten nach dem Falkenhof, welche sich nach dem
Befinden der Kranken erkundigten -- Falkner selbst aber kam nicht, denn
Lolo behauptete, sie könnte kranke Leute nicht leiden und es nicht hören,
wenn jemand von seinem Tode redete -- _ihr_ sei gar nicht zum Sterben zu
Mute, im Gegenteil --!
Und so hielt auch er sich fern und hörte nur von Keppler Genaueres. Danach
war sie ja, mit Ausnahme des bleischweren Gefühls in den Gliedern, einiger
Frostanfälle und Stunden gänzlicher Apathie, relativ wohl, ja selbst
heiter, und klagte nur über die schlaflosen Nächte, die so langsam und
tödlich bedrückend dahinschlichen. Der gute Doktor Müller mit seiner
Rußschen Diagnose kam nicht mehr wieder.
»Einquartierung hilft besser als ich,« hatte er pfiffig behauptet,
Dolores Sekt und Kaviar verordnet und war froh gewesen, die langen Fahrten
nach und von dem Falkenhofe wieder mit seinem gewohnten Skat im »Grünen
Hirsch« zu Kuckucksnest vertauschen zu dürfen. Von einem anderen Arzte
wollte Dolores nichts wissen, und die Gesellschaft der darauf dringenden
Frau Ruß vermied sie möglichst, besonders unter vier Augen.
Am Abend des vierten Tages, als Gräfin Schinga, die ihr treulichst
Gesellschaft leistete, nach Hause gefahren war, trat Doktor Ruß bei der
müde und abgespannt dasitzenden Dolores ein.
»Ich kann es gar nicht mehr mit ansehen, daß Sie nicht schlafen,« sagte
er sanft und teilnahmsvoll. »Darum bin ich heut' Nachmittag nach der Stadt
gefahren und habe mit Doktor Müller gesprochen. Derselbe konnte leider
nicht selbst kommen, hat mir aber ein Schlafmittel für Sie mitgegeben,
welches Sie in Wasser nehmen sollen, sobald Sie fühlen, daß der Schlaf
wieder nicht von selbst kommt.«
»O, ich danke Ihnen tausendmal,« rief Dolores, das Fläschchen von blauem
Glase entgegennehmend, das er ihr reichte.
»Ich habe das Rezept gelesen,« meinte Doktor Ruß. »Chloralhydrat mit
etwas Sirup und Bittermandelwasser -- es wird schon seine Dienste thun.«
Damit wollte er sich entfernen, doch Dolores reichte ihm nochmals die Hand.
»Gute Nacht und herzlichen Dank,« sagte sie, und fügte hinzu: »Durch
diesen Zaubertrank kann ich ja mit Wallenstein sagen:
Ich denke einen langen Schlaf zu thun,
Denn dieser letzten Tage Qual war groß.
Freilich hatte der Generalissimus einen längeren Schlaf als er dachte,
denn er wurde ermordet.«
»Gute Nacht,« erwiderte Doktor Ruß so leise und mit so veränderter
Stimme, daß Dolores dieselbe gar nicht wieder erkannte. Und er glitt zur
Thür hinaus wie ein Schemen.
Ein Weinglas mit Wasser neben sich nebst der blauen Flasche, legte sie
sich zeitig zur Ruhe und wartete auf den Schlaf, doch derselbe kam nicht.
Nebenan in dem Ankleidekabinett war Tereza eingeschlafen -- die treue Seele
hatte all' die vorigen Nächte gewacht und war zu Tode ermüdet.
Auf dem Uhrturm des Falkenhofes schlug es elf Uhr, und als es Mitternacht
schlug, machte Dolores Licht, goß den Inhalt des Fläschchens in das
Wasser und trank das stark nach bitteren Mandeln duftende Medikament in
einem Zuge aus. -- -- -- -- --
Und es schlug Eins. Da erhob Dolores sich resigniert von ihrem Lager,
weil doch auch das Schlafmittel nicht wirken wollte, warf ihren Schlafrock
über, nahm ein Licht und ging in die kleine Bibliothek, mit Lesen die
langen, langen Nachtstunden zu kürzen.
Sie entzündete eine Lampe und holte ein Buch, aber es wollte nicht gehen
mit dem Lesen, denn sie war zu müde, ihre Augen zu übernächtig. Und weil
die Augen sie schmerzten von dem vielen Wachen und vom Licht, so lehnte
sie sich zurück und schloß die Lider, und wer jetzt hineingetreten wäre,
hätte sie müssen für gestorben halten, so blaß und regungslos saß sie
da in dem matten Lichte der bläulichen Glaslampe. Mit einem Mal war's ihr,
als hörte sie nebenan im Saal eine Thüre gehen und leise, leise Schritte
-- -- »Tereza,« dachte sie müde und blinzelte unter den Lidern hervor
nach den Portieren, welche den Saal von dem Kabinett abschlossen. Und die
Schritte kamen näher und hin und wieder knisterte unter ihnen ein locker
gewordenes Teilchen des alten Parketts -- endlich ward die Portiere
zurückgeschlagen und -- -- Doktor Ruß stand auf der Schwelle.
Dolores sah ihn stehen und der Gedanke durchfuhr sie: »Was will er
hier, mitten in der Nacht?« Still und ruhig blieb sie sitzen, die Augen
geschlossen, und leise, leise schlich er näher und stand endlich dicht
vor ihr und beugte sich herab, auf ihre Atemzüge zu lauschen, die sie
künstlich zurückhielt.
»Sie ist tot,« murmelte er, griff in die Brusttasche seines Rockes und
zog ein Blatt Papier hervor, das er auf den Tisch legte.
Da schlug Dolores die Augen auf zu ihm.
»Was wollen Sie hier, Doktor Ruß?« fragte sie laut.
Da fuhr er zurück mit einem heiseren Schrei, der wie das Brüllen eines
gereizten Panthers klang.
»Was haben Sie mich erschreckt,« sagte er nach einer sekundenlangen Pause
gefaßt, »ich dachte, Sie schliefen --«
»Den ewigen Schlaf. Sie sagten so,« ergänzte Dolores.
Langsam trat er wieder näher und legte die Hand wie zufällig auf das
Papier auf dem Tische.
»Sie sahen so furchtbar bleich aus,« entgegnete er. »Das macht dies
nichtswürdige blaue Licht,« setzte er hinzu, und es klang wie wenn er
dazu mit den Zähnen knirschte. Dabei fuhr die Hand mit dem Papier zurück
in die Brusttasche.
»Sie haben mir noch immer nicht gesagt, warum Sie hier sind zu so
ungewöhnlicher Zeit,« erwiderte sie kühl, aber im Herzen ein vages
Gefühl von Angst.
»Ich war aufgewacht, und es war mir eingefallen, daß ich vergessen hatte,
Ihnen zu sagen, Sie sollten nur die halbe Dosis des Schlafmittels nehmen,«
erklärte er sein Erscheinen plausibel genug. »Da hatte mich die Angst,
Ihnen durch Nachlässigkeit geschadet zu haben, aus dem Bette getrieben,
und ich war leise heraufgekommen --«
»Sehr leise. Zu leise für Ihre gute Absicht,« warf sie ein.
»Aber ich sehe zu meiner Beruhigung, daß Sie das Mittel gottlob gar nicht
gebraucht haben,« schloß er.
»Doch,« sagte sie, »ich habe es sogar ungeteilt genommen -- Ihre
Vorsicht käme also zu spät, wenn das Mittel, wie alle Mittel des Doktor
Müller, nicht so ausgezeichnet wirkungslos gewesen wäre.«
»Genommen? Das Ganze genommen?« wiederholte er wie ein Träumender.
»Bis zum letzten Tropfen,« nickte Dolores etwas spöttisch.
»Das ist nicht wahr!« brach er los.
Da erhob sie sich heftig, schritt in ihr Schlafzimmer und kam gleich darauf
mit der leeren Flasche zurück, die sie auf den Tisch warf.
»Hier,« sagte sie sprühenden Blickes. »Und nun verlassen Sie mich,
und wenn ich's Ihnen nachsehe, daß Sie mich der Lüge geziehen haben, so
schieben Sie's auf das Konto dieser späten Stunde, in der Sie vielleicht
nicht wußten, was Sie redeten!«
Doktor Ruß hatte mit zitternden Händen die blaue Flasche ergriffen und
stand Dolores gegenüber, stumm, aber mit keuchendem Atem und gierigem,
raubtierartigem Blick. Und wieder packte Dolores, die stets so mutige,
ein unbestimmtes Angstgefühl -- im Falkenhof war's still zu dieser
Nachtstunde, keine Menschenseele war wach und Tereza schlief so fest,
daß man sie bis hier herein atmen hörte -- -- und wenn dieser Mann
wollte -- --
Da glitt ein Schatten über die Lampe und im selben Momente stand Ramo
zwischen seiner Herrin und ihrem Gaste.
»Baronesse haben geläutet?« fragte er ruhig, als wäre es mitten am
Tage. Sie hatte es nicht gethan, aber sie begriff die Wachsamkeit des
treuen Menschen.
»Du sollst Herrn Doktor Ruß die Treppe herab leuchten -- er hat kein
Licht,« sagte sie mit einem tiefen, freudigen Atemzuge.
Doktor Ruß aber hatte sich ganz wiedergefunden.
»Gute Nacht, liebe Dolores -- versuchen Sie's noch, ein wenig zu
schlummern. Ich werde wegen des Chlorals morgen mit Doktor Müller
sprechen. Er hat Ihre Natur für allzu nachgiebig gehalten mit dieser
schwachen Dosis,« sagte er und reichte ihr die Hand.
Aber Dolores schien dieselbe nicht zu sehen, sondern wandte sich einfach ab
und ging gelassen in ihr Schlafzimmer, das sie hinter sich verschloß mit
klopfendem Herzen und fliegenden Pulsen.
Aber sie fand dennoch ein wenig Schlaf, und es träumte ihr, die »böse
Freifrau« streiche leise mit ihrer kalten Hand über ihr Haar, und sage
mit frohem Lächeln in ihr Ohr: »Bald! Bald! Dolores! Erlöserin!« Ganz
wie in ihrer ersten Nacht im Falkenhofe.
* * * * *
Frau Ruß aber hatte am andern Morgen eine böse Zeit mit ihrem Gatten,
der in seiner schlechtesten Laune war und sie mit giftigstem Hohne
überschüttete, nervös lachte und in einem Zustande fieberhafter
Reizbarkeit seine Kleider durchsuchte nach einem Blatt Papier in einem
offenen, unbeschriebenen Couvert, das er verloren haben wollte. Frau Ruß
suchte schweigend mit, aber es war nicht zu finden, und dann mußte
sie hinausgehen in die kleine Bibliothek, um nachzusehen, ob er es dort
verloren habe. Doch es war auch dort nicht zu finden, trotzdem noch niemand
das Kabinett betreten hatte, weil es dicht neben dem Schlafzimmer der
Schloßherrin lag, diese aber noch schlief und nicht gestört werden
sollte. Auch Ramo, welcher die Lampe ausgelöscht hatte, nachdem er Doktor
Ruß herabgeleuchtet, hatte nichts gesehen oder aufgehoben.
Hätte Doktor Ruß geahnt, daß sich ihm das Papier so nahe befand, daß
es in der Kleidertasche seiner Frau war --! Aber _das_ ahnte er nicht. Und
während er umherging, rastlos, blaß, mit unstetem Blick, da saß seine
Frau da, die Hände im Schoß gefaltet, müßig, und unter den Augen tiefe,
blaue Ränder, die Wangen hohl und in dem verblaßten, blonden Haar ein
schneeweißer Streifen, der gestern noch nicht dagewesen war.
»Wie sitzest du da? Arbeite!« fuhr er sie an, und als sie sich
daraufhin nicht rührte, höhnte er: »Du siehst aus, wie eine getrocknete
Leichenpredigt! Was fehlt dir? Hast du einen Geist gesehen?«
»Das ganze wilde Heer,« erwiderte sie mit zuckenden Lippen.
»Wohl bekomm's!« zischte er.
Um die Mittagszeit, ehe zum Lunch geläutet wurde, kam Falkner und fragte
nach Dolores, die er in der Halle mit Engels traf -- blässer denn je, aber
scheinbar wohler.
»Lolo hat sich in den Kopf gesetzt, heut' ein Picknick am Hexenloch zu
veranstalten,« sagte er, »und da bin ich denn beauftragt, dich zu fragen,
ob du es uns erlaubst und selbst teilnehmen wirst mit deinen Gästen. Es
soll statt des Diners gelten.«
»Ach ja, das ist eine hübsche Idee,« erwiderte sie freundlich. »Wir
wollen das gleich mit Mamsell Köhler besprechen, meine Gäste treffe ich
jetzt beim Lunch und werde es ihnen dabei sagen, damit sie ihren Dienst
vorher abmachen.«
»Aber wirst du selbst denn kommen können?«
»Ich hoffe, ja. Und wenn ich mich heimlich eher entferne als die anderen,
so bitte ich dich, die Pflichten des Wirtes zu übernehmen und meinen
Rückzug zu decken. Bleibst du zum Lunch?«
»Nein -- ich danke dir. Ich will Lolo nicht daheim allein lassen mit den
Herren.«
»Das ist recht,« stimmte sie zu. »In diesem Sinne darf ich dich nicht
halten.«
Fräulein Köhler stöhnte innerlich zwar große Stücke über »den
Picknickunsinn,« aber er wurde dennoch ins Werk gesetzt.
Dolores zog sich sofort nach dem Lunch zur Ruhe in ihr Zimmer zurück, und
so oft Frau Ruß an diesem Tage oben anklopfte oder bei dem unablässig
wachsamen Cerberus Ramo anfragte, ob sie Dolores sehen könnte, so oft
wurde ihr gesagt, daß die Herrin vom Falkenhof ruhe, und als es so weit
war, um zum Picknick am Hexenloch aufzubrechen, da war Gräfin Schinga oben
-- Frau Ruß also überflüssig geworden.
Dolores war seit jenem verhängnisvollen Abende nicht mehr am Hexenloch
gewesen, trotzdem sie diesen wildromantischen, geheimnisvoll malerischen
Fleck Erde unter den Blutbuchen und den hohen, ernsten Tannen früher so
sehr geliebt hatte. Daß der Platz, an den sich so viele unheimliche Sagen
knüpften, an dem sie die süßeste und doch auch bitterste Stunde ihres
Lebens verlebt, an welchem sie fast den Tod gefunden, heut' wiederhallen
sollte von heiterem Lachen und lustigen Worten, das schien ihr, als sie
sich's überlegte, freilich ganz undenkbar, aber es ist ja schließlich
der Lauf der Welt, und so fuhr sie im leichten Parkwagen an der Seite ihres
vornehmsten Gastes, des Kommandeurs, zum Picknickplatz, denn der Weg war
ihr zu weit geworden für ihre schwankende Gesundheit, und sie wollte dann
lieber zurück gehen. Die anderen waren alle schon da, als sie am Hexenloch
ankamen, und lagerten auf dem grünen Rasen um das weiße, ausgebreitete
Tafeltuch, darauf ausgebreitet stand, was eine feine Küche zu liefern
vermag.
Dolores überlief unwillkürlich ein kalter Schauer, als sie die Stätte
betrat, wo sie mit den dunkeln, tückischen Wassern um ihr Leben gekämpft
-- aber damals war es offener Kampf gewesen mit einem Feinde, der sie
besiegt hätte ohne Alfred Falkners Hilfe; heut' aber kämpfte sie
denselben Kampf mit einem Feinde, den sie nicht zu nennen wußte, und ihr
ahnte, daß sie diesem verkappten Unhold erliegen würde. Denn er hatte
sich zu ihr gestohlen wie der Dieb in der Nacht, er hatte ihre blühende
Gesundheit untergraben, ihr Kraft und Lebensmut geraubt und lag mit
bleierner Schwere in ihren Gliedern.
Und es war fast wie damals am Hexenloch, nur daß die Sonne höher
stand und neugierige Strahlen warf auf das blitzende Silberzeug der
improvisierten Tafel auf dem Rasen, auf die leuchtenden Uniformen der
Husaren, auf Dolores Falkners schimmerndes Haar. Es waren außer ihr nur
noch drei Damen zugegen: Lolo, Gräfin Schinga und Frau Ruß. Und letztere
hatte sich neben Dolores gesetzt, doch wurde sie, der bunten Reihe wegen,
bald von ihrer Seite gedrängt.
Als man beim ersten Glase Sekt miteinander anstieß, da ließ Dolores auch
das ihrige mit dem des Doktor Ruß zusammenklingen.
»Seien Sie nicht böse -- ich bin eine kranke und nervöse Person,« sagte
sie mit Bezug auf die Vorgänge der letzten Nacht, denn sie hatte sich's
überlegt, wie leicht man manchmal ein Wort spricht, wie »es ist nicht
wahr,« ohne dabei etwas zu meinen in diesem Ausruf des Staunens. Und der
Mann hier, dessen Blick sie mehr erschreckt, als seine Worte sie empört
hatten -- er war _ihr_ Gast.
»Man ist Damen niemals böse,« erwiderte Doktor Ruß und zog ihre Hand an
seine Lippen.
Bald thaten der Sekt und die muntere Gesellschaft ihre Schuldigkeit --
denn durch den Park klang weithin das laute, herzliche Lachen des sorglos
fröhlichen Kreises. Und die lauteste darunter, ein Sprühteufel an Witz
und Laune, war Lolo Falkner!
Doch auch Dolores' matte Lebensgeister belebte der Wein und die hinreißend
gute Laune der künftigen Schlachtenlenker, und sie lachte ein paarmal
sogar fröhlich auf bei einem besonders unwiderstehlich guten Scherz
derselben.
Da jagten sich lustige Manövergeschichten mit lustigeren Schnurren, und
manch' ein Kalauer wurde mit lachendem »Au! au!« im Chore abgelehnt --
ein Kobold, der zu einer Thür hinausgeworfen, zur anderen wieder hereinkam
mit lachendem Gesicht, ein gar nicht loszuwerdender Lachgeist im heiteren
Kreise.
Da fiel es plötzlich jemand ein, nach dem Ursprung des Namens
»Hexenloch« zu fragen, und Doktor Ruß erzählte mit seinem wohltönenden
Organ die Legende desselben, wie sie verzeichnet stand in den Annalen des
Falkenhofs. Erst hörte nur der Frager zu, dann noch andere und zuletzt
schwieg der ganze Kreis und lauschte auf eine jener finsteren Tragödien
finsteren Aberglaubens aus längstverklungener Zeit, meisterhaft erzählt
mit allen Mitteln, allen Raffinements eines Vortragsmeisters.
»Donner Wachsstock! Auf das gruselige Zeug muß man eins gießen,« sagte
Graf Schinga, als Doktor Ruß geendet.
Und damit trank er ein großes Glas Sekt, das er sich schon _während_ der
Erzählung vom Hexenloch mit frischen Pfirsichen präpariert hatte, auf
einen Zug aus.
Das wievielte es war, wußte kein Mensch zu sagen, man konnte es aber an
seinen funkelnden Äuglein und der sich sanft rötenden Nase ungefähr
berechnen.
»Hu! 's wird einem ganz kalt!« sagte Lolo Falkner und schüttelte
sich. »Wie kann man sich nur einen so schönen, lustigen Abend mit solch'
schauerlichen Geschichten verderben! Mir sind die lustigen Geschichten
lieber. Wer erzählt eine?«
»Du, Erfurt, erzähle 'mal der Baronin deine Erlebnisse aus dem letzten
Quartier,« rief ein Leutnant dem andern zu.
»Ja, ja, erzählen! Das ist nämlich eine kapitale Geschichte! Und dazu
der Erfurt --! Nein, zum Schreien!« schwirrte es durcheinander.
»Silentium! Der alte Graf will eine Geschichte erzählen!« rief der
Kommandeur lachend.
Der also Aufgeforderte war ein ganz ›junger‹ Leutnant, der etwas spät
erst des Königs Rock angezogen und einen kahlen Kopf hatte, weshalb er der
alte »Graf Erfurt« genannt wurde. Charakteristisch bei ihm war, daß er
sehr zerstreut war und nie eine Geschichte zu Ende erzählte, da er diese
durch das Dreinreden und Aushelfen der Kameraden längst vergessen hatte,
bis er dazu kam.
»Ja,« sagte er jetzt nachdenklich. »Wie war denn die Geschichte
eigentlich?«
»Na, du lagst beim Bankier Schweigeles im Quartier,« half ein Leutnant
ein.
»Richtig,« nickte der alte Graf erfreut. »Schöne Frau, wohlerzogen und
vornehm --«
»Die Schweigelessen?« fragte Graf Schinga.
»Ja. Konnte ebensogut _Gräfin_ Schweigeles sein. Famose Frau! Wirklich!
Reizend, nett und so was Angenehmes --«
»Und der alte Schweigeles?« fragte jemand.
»Greulicher Kerl, protzig, eklig -- auf jedem Finger einen Brillantring --
wie der zu _dieser_ Frau gekommen, ist mir ein Rätsel!«
Pause.
»Aber die Geschichte, Erfurt!« rief der Kommandeur.
»Ja so!« sagte der alte Graf zur allgemeinen Heiterkeit. »Also dieser
Lulatsch, der Schweigeles --«
»Halt!« rief Lolo dazwischen, »das ist etwas für den Doktor Ruß!
Er muß uns einen Vortrag halten über den klassischen Ursprung und die
ästhetische Berechtigung des Wortes ›Lulatsch.‹«
»Nachher! Der Herr Vorredner hat das Wort,« erwiderte Ruß lächelnd.
»Ja, nun weiß ich gar nicht mehr, wie es war,« sagte der alte Graf
perplex.
»Es fing mit dem Mittagessen an,« soufflierte einer der Offiziere.
»Ah, ja richtig!« nahm der alte Graf den Faden wieder auf.
»Mockturtlesuppe. Dann gab es solches grünes Zeug --«
Er machte die Bewegung des Bohnenschnitzelns und man begriff.
»Dazu Lachs und -- na, wie nennt man das?« fragte er, auf seine
herausgestreckte Zunge tippend.
»Ochsenzunge,« übersetzte nach dem Anblick des fraglichen Objektes ein
Leutnant die Pantomime, und als sich das um den Kreis laufende Kichern
gelegt hatte, fuhr der Erzähler fort:
»Eben! =Ox tongue= heißt es englisch. Nachher kam so eine gebackene
Splitterteig-Chose, gefüllt mit einem Mansch von Krebsschwänzen, Spargeln
und -- und -- und« er klopfte mit dem Zeigefinger auf den Kopf.
»Kalbsgehirn,« interpretierte man die bezeichnende Bewegung.
»Jawohl,« sagte der Erzähler freudig, aber nun war es vorbei mit aller
Fassung und ein brausendes Gelächter versenkte auf ewig die »kapitale
Geschichte« in das Meer der Vergessenheit. Der Graf nahm auch den Fund von
Kalbsgehirn und Ochsenzunge bei ihm selbst gar nicht übel, er war froh,
daß er schweigen durfte und den guten Sekt trinken.
»Und nun der Vortrag des Doktor Ruß,« rief Lolo, als das Lachen sich
gelegt hatte.
»Er ist noch nicht ausgearbeitet,« wehrte der Angeredete ab.
»Ich höre hübsche, nette Geschichten für mein Leben gern,« gestand der
Kommandeur. »Es hört sich so behaglich zu, besonders hier im Freien, eine
gute Cigarre dazu als Würze. Wer erzählt noch eine Geschichte?« rief er
laut.
»Ich,« sagte Frau Ruß in das allgemeine Schweigen hinein.
»Du? Liebes Weib, du scherzest,« flötete Doktor Ruß taubensanft.
»Frau Ruß hat das Wort,« sagte der Kommandeur erstaunt, aber sehr
höflich, und alles lauschte gespannt, was wohl diese Frau, welche immer
die Rolle der Stummen spielte, erzählen könnte.
Frau Ruß aber suchte mit den Augen ihren Sohn und nickte ihm zu, dann
richtete sie die Augen auf das Wasser und begann:
»Es war einmal eine Frau --«
»Also ein Märchen,« sagte Graf Schinga mit langem Gesicht.
»Ja, ein Märchen,« sagte Frau Ruß und begann nochmals: »Also, es
war einmal eine Frau, die war Witwe und hatte ein Kind, das einmal einen
großen Besitz erben sollte. Erbschaften aber sind Güter im Monde --
Luftschlösser. Und auch dieses Luftschloß zerfiel in Staub und Spreu und
das Kind der Witwe blieb arm. Die Witwe aber heiratete wieder --«
»Kommt zuweilen vor,« brummte Graf Schinga.
»Und sie heiratete einen bösen Mann,« fuhr Frau Ruß fort.
»So? Sonst sind meist die Weiber die Xantippen,« sagte Graf Schinga
trocken, doch Frau Ruß erzählte unbeirrt weiter.
»Sie heiratete einen bösen Mann -- einen _schlechten_ Mann. Denn er
liebte, weil seine Frau alt und welk wurde, ein junges, schönes
Mädchen, die Erbin der Güter, als deren Herrn er seinen Stiefsohn
erträumt -- --«
Sie hielt einen Augenblick inne, ohne den Blick vom Wasser abzuwenden, ohne
auf das fest auf sie gerichtete Antlitz ihres Sohnes zu sehen, ohne das
blasse Gesicht von Dolores mit den Augen auch nur zu streifen.
»Eine recht uninteressante Geschichte, mein Herz,« sagte Doktor Ruß
leise, mit seltsam schwankender Stimme.
Währenddem war auch Falkner neben seine Mutter getreten.
»Möchtest du uns deine Geschichte nicht lieber zu Hause erzählen,
Mutter?« fragte er leise, sich über sie beugend. Aber sie achtete weder
auf den einen, noch auf den anderen.
»Und weil der zweite Mann der Witwe das junge Mädchen nicht sein nennen
konnte, und weil sie ihn nicht wieder liebte, beschloß er sie zu töten.«
»Gott, wie romantisch,« gähnte Lolo.
»Unangenehmer Gentleman,« knurrte Schinga, Doktor Ruß aber lachte laut
auf. Er lachte sonst immer leise.
»Das glaubte nämlich seine Frau,« fuhr Frau Ruß in ihrer gleichen,
monotonen Weise fort. »Aber es mochte ihn noch anderes treiben -- der
Besitz. Denn der Sohn der Witwe war der Erbe des Mädchens, und als
Stiefvater des Besitzers dachte er sich wohlversorgt. Vielleicht war das
auch der richtige Grund -- aber die Frau war eifersüchtig, weil sie alt
geworden war, weil er jünger war als sie, und sie keinen Reiz mehr auf ihn
ausüben konnte. Und weil die Frau eifersüchtig war, da spürte sie seinen
Wegen nach -- o, so sacht, so unverdächtig, so sicher! Sie schlief
nachts nicht einmal mehr, denn der Mann hatte die Gewohnheit im Schlafe
zu sprechen, und sie lauschte alle Nächte mit bitterem Weh und wild
schlagendem Herzen, ob er von dem schönen Mädchen und seiner Liebe zu
ihr im Traume reden würde. Doch nur selten nannte er ihren Namen. Aber die
Frau erfuhr aus seinen Reden etwas anderes -- nämlich, daß er ein Mörder
sei, daß er das Mädchen töten wollte. Und so erfuhr sie, wie er sie
belauscht am Wasser, und daß sie einen anderen liebte -- wen sagte er
nicht. Aber er redete wild davon, wie er sie ins Wasser gestoßen und ein
anderer sie gerettet -- ›Wer hätte auch voraussehen können, daß sie
schreien würde!‹ so sagte er unablässig in jener Nacht.«
Von den Zuhörern flüsterten längst während der Erzählung der Frau
Ruß Zwei und Zwei oder Gruppen miteinander. Nur Dolores hörte hoch
aufgerichtet, aber leichenblaß zu, Doktor Ruß zupfte die Rippen eines
Buchenblattes aus und Falkner stand wie hypnotisiert und sah nach Dolores
hinüber.
»Als aber das Mädchen aus dem Wasser errettet worden war, versuchte
es der Mann mit einem anderen Mittel,« fuhr Frau Ruß fort. »Denn das
Mädchen hatte eine Schußwaffe, die nahm er, als sie abwesend war, und
übte sich damit. Er wollte sie erschießen und die Pistole dann in ihre
Hand geben, als hätte sie es selbst gethan, und er bereitete alles vor,
indem er erzählte, daß das Mädchen lebensmüde sei aus unglücklicher
Liebe. Aber der Schuß ging fehl, und er fand Zeit, die Waffe
zurückzulegen an ihren Platz, ehe das Mädchen sie suchen konnte. O, seine
Frau spürte ihm wohl nach und sah alles, alles, alles. Denn sie hatte eine
wilde Freude an seinem Thun, weil sie das Mädchen haßte, haßte, haßte!
Und weil sie eifersüchtig war. Als nun aber der Mann sah, daß er
so nichts ausrichtete, da fing er an, dem Mädchen Gift zu geben, ein
langsames, schleichendes Gift, das die sonst so Gesunde hinsiechen und
hinwelken machte, wie eine Blume im Herbst. Da erwachte das Gewissen der
Frau bei dem Anblick dieser welkenden Lilie und sie schlug an ihre Brust
und sagte: ›=mea culpa, mea culpa, mea maxima culpa=,‹ wie sie in der
Messe oft so gedankenlos gethan. Aber sie sagte dem Manne nicht, daß sie
ihn entdeckt habe, denn sie wußte, er würde sie töten aus Rache und
Angst vor ihrer Mitwisserschaft, sie wußte, daß der Tod ihr sicher sei
für ihre Entdeckung, weil der Mann grausam war -- eine Bestie unter dem
Firnis höchster Kultur. Und die Frau suchte seine Wege zu durchkreuzen, um
das fressende Gift in dem Mädchen aufzuhalten und es womöglich zu retten.
Aber das Mädchen verstand nicht, was sie wollte, und entsetzte sich vor
den warnenden Zeichen, die sie ihm gab. Und das Gift wirkte dem Manne zu
langsam, unerkannt sogar von dem Arzte, der herbeigeholt werden mußte,
und er beschloß, die Sache abzukürzen. Wieder erzählte er von dem
Lebensüberdruß und den Selbstmordgedanken des Mädchens, denn er
wollte sie mit einem schnellen Gift töten und neben ihre Leiche
einen gefälschten Brief legen, darin er sie ihren Selbstmord bekennen
läßt -- --«
So weit war Frau Ruß gekommen, jetzt aber wandte sie sich um und sah die
wenigen, die ihr zuhörten, triumphierend an.
»Aber die Frau hatte einen Nachschlüssel. Sie schüttete das Gift aus,
das die Aufschrift ›Blausäure‹ trug, und weil es nach bitteren Mandeln
roch, that sie in die leere, sorgsam gereinigte Flasche etwas Wasser,
parfümiert mit bitteren Mandeln -- mit weniger, als man zur Würze einer
Mehlspeise braucht. Der Mann aber, der davon nichts ahnte, machte die
Etikette los von der Flasche, schrieb eine andere Etikette und brachte sie
dem Mädchen als Schlaftrunk. Und ohne die rastlos spürende Frau schliefe
sie jetzt den ewigen Schlaf --«
»Den ewigen Schlaf --« wiederholte Dolores leise, denn sie spürte ein
seltsames, unbekämpfbares Ohnmachtsgefühl in sich aufsteigen.
»Nun, und wie endete die Geschichte?« fragte der Kommandeur interessiert.
»Ich kenne den Schluß nicht,« sagte Frau Ruß sichtlich erschöpft.
»_Wahrscheinlich_ endete sie mit dem Tode des armen Mädchens,« meinte
der Kommandeur.
»_Hoffentlich_ mit dem Zuchthause des bestialischen Lumpen, der seine
Verbrechen so unmenschlich überlegt verübte,« sagte Falkner heiser.
»_Ganz sicher_ endete sie damit, daß man die Frau in ein Irrenhaus
sperrte. Denn solch' eine Geschichte kann sich doch nur eine Wahnsinnige
ausdenken,« vollendete Doktor Ruß kalt und lächelnd und schüttelte
ungläubig den Kopf.
Dolores sagte nichts. Sie lehnte, unfähig sich zu rühren, an einem
Baumstamm, aber sie fühlte Falkners Augen mit dem Ausdruck unsäglicher
Angst auf sich gerichtet, einer Angst, die in der Frage wurzelte:
»Ist sie, die das erzählt, wirklich wahnsinnig, oder sprach sie die
Wahrheit, die entsetzliche Wahrheit, deren Ende der Tod sein müßte?«
»Nehmt es mir nicht übel, aber warum wir heut' nichts wie solche grausige
Geschichten erzählen, sehe ich nicht ein,« sagte Lolo. »Das gehört an
den Kamin im Winter, da gruselt es sich schön dabei, aber hier im Sommer,
im Grünen, will ich lustige Dinge hören. Allons, Alfred,« rief sie
Falkner an, ihm einen abgebrochenen Zweig zuschleudernd. »Allons! Die
Reihe ist an dir, uns eine lustige Geschichte zu erzählen!«
Aber Falkner hörte nicht. Er stand da und wollte auf dem Antlitz von
Dolores entziffern, was ihm ein schreckliches Rätsel war, dessen Lösung
er sich jetzt nicht ertrotzen konnte, so lange die Gesellschaft ihm die
Pflicht auferlegte, zu _scheinen_, als ob er die Erzählung seiner Mutter
nur für eine Geschichte hielt, die sein Haus nichts anging. Denn wenn
etwas geschehen sollte, so mußte jedes Aufsehen vermieden werden.
»Nun?« fragte Lolo scharf, und als er auch darauf nicht antwortete,
flammte es auf in ihrer leicht erregbaren Seele. »Du schweigst ja, wie
Ekkehard, als er Frau Hadwig eine Geschichte erzählen sollte unter der
Zeltlaube auf dem Hohentwiel,« rief sie hinüber. »Willst du uns am Ende
auch eine Geschichte erzählen von einem Nachtfalter, der um ein Licht
flog, das eine Rose im Stirnbande trug?«
Da that Falkner einen tiefen Atemzug, wie wenn er jetzt erst erwacht wäre
aus einem schrecklichen Traume.
»Nun passen Sie auf, jetzt wird er uns zum besten geben, wie er seine
Cousine Dolores aus dem Hexenloch zog,« sagte die junge Frau zu dem sie
umringenden Herrenkreise. »Er _hat_ sie nämlich faktisch einmal dort
herausgeholt,« beteuerte sie, als man diese Sache nicht ernst zu nehmen
schien. »Ich möchte wirklich wissen, Alfred, ob du es noch einmal thun
würdest, wenn ich zum Beispiel hineinfiele,« setzte sie nachdenklich
hinzu.
Doch Falkner war nicht dazu aufgelegt, solch' kindische Fragen zu
beantworten.
»Sei froh, daß du noch nicht hineingefallen bist,« sagte er zerstreut.
»Ich könnte ja hineinspringen, um zu sehen, ob du mich retten würdest,«
gab sie pikiert zurück.
»Na, das werden Sie hübsch bleiben lassen, gnädige Frau,« meinten die
Offiziere lachend.
»Hoho, denken Sie, ich habe keine Courage?« fragte sie pikiert.
»O, die haben Sie selbstverständlich wie ein Löwe,« wurde ihr lachend
geantwortet, »aber zwischen dem Hineinspringen in eine Regenpfütze
oder in dieses, jedenfalls heillos tiefe Wasser ist doch ein gewaltiger
Unterschied, besonders da hier noch der gurgelnde Strudel in Betracht
kommt.«
»Nun, wenn's nicht ein bißchen gefährlich wäre, dann hätte ein
Rettungsversuch ja auch keinen Wert,« erwiderte Lolo kokett.
»Ein _bißchen_ gefährlich? Gnädige Frau, hier sind die Chancen zum
Ertrinken größer als die des Rettens, das Hexenloch ist ganz zu empfehlen
für spleenige Engländer,« war die allgemeine Meinung.
»Natürlich -- Sie wollen sich bloß von dem Retten ›drücken,‹«
sagte Lolo noch koketter.
»Ich glaube, gnädige Frau drücken sich eher vom Hineinspringen,« wurde
ihr animiert erwidert.
»Ich?« rief sie, aufspringend. »Nun dann -- ich wollte heut' so wie so
ein kaltes Bad nehmen -- eins, zwei, drei -- =houp là, cousin!=«
Und ehe ein Mensch sie halten konnte, ehe jemand im entferntesten glauben
konnte, daß sie Ernst machen könne, spritzte das Wasser des Hexenloches
hoch auf und die kleine, weiße, zierliche Gestalt verschwand mit einem
hellen Gelächter der Schadenfreude, das in einem gellenden Schrei endete,
in der schwarzen unheimlichen Flut.
»Lolo! Herr des Himmels!« schrie Falkner auf -- er hatte auf das
Gespräch in seinen tiefen Gedanken nicht geachtet, es gar nicht gehört
und, hätte er es gehört, für ein kindisches Renommieren gehalten.
Und nun kämpfte er wieder mit dem Strudel des Hexenloches, diesmal
unterstützt von den Schwimmern unter den Offizieren, welche, ohne sich
zu besinnen, den Attilla abgeworfen hatten, und gleich Falkner, nach dem
Körper seiner jungen Frau tauchten und suchten -- -- vergebens.
Währenddem waren andere nach Rettungsapparaten fortgeeilt, aber es währte
doch geraume Zeit, ehe ein flaches Boot herbeigeschafft wurde, von welchem
aus man Fischernetze warf, trotzdem nach so langer Zeit wohl niemand mehr
daran glauben konnte, die Verunglückte lebend ans Land zu schaffen.
Aber das Hexenloch wollte sein Opfer nicht mehr herausgeben, denn alle
Bemühungen, Lolos Leiche ans Licht zu bringen, schienen eitel und nutzlos
zu sein. Fischer von Beruf arbeiteten unter Falkners Aufsicht die ganze
Nacht bei Fackellicht, doch erst als es wieder Tag geworden war, gelang
es durch künstliches Aufrühren des Wassers den Körper so nach oben zu
treiben, daß ihn der Strudel ergriff und sie ihn mit Hakenstangen ans Land
ziehen und auf den grünen Rasen legen konnten.
Und nun kniete im Morgenrot Falkner neben den Überresten des zarten,
elfenhaften Wesens, welches schon angefangen hatte, die große
Enttäuschung seines Lebens zu werden, und das nun das Opfer eines
unüberlegten, tollkühnen und kindischen Streiches geworden.
Vor der Majestät des Todes aber verstummt jede irdische Regung, Haß,
Bitterkeit, Schmerz, erlittenes Unrecht und die Erinnerung an trübe und
böse Stunden -- nur die Liebe bleibt, denn diese besiegt selbst den Tod.
Und wie Falkner im tiefsten Herzen erschüttert neben der Leiche seiner
jungen Frau kniete, da erlosch auch in ihm alle Bitterkeit, die er
empfunden, alle Reue -- er sah nur in der entflohenen Seele alles, was
liebenswert war, er dachte nur, wie sie ihn wirklich geliebt in ihrer
flatterhaften, unreifen Art; er vergaß sogar, daß _er_ sie niemals
geliebt, und die Augen wurden ihm trüb und trüber, und er schämte sich
der heißen Thränen nicht, welche langsam auf ihr blasses Totengesicht
herabtropften. Und dann erhob er sich und brach von einem rosigen
Spireenstrauch ein paar Dolden und legte sie ihr auf die junge Brust, in
der das lebensfrohe Herz aufgehört hatte zu schlagen und die Sänger des
Waldes sangen ihr zum Rauschen des Morgenwindes in den Buchen und Tannen
ein süßes Abschiedslied, das ihre Seele im Himmel vielleicht vernahm und
den Bann des schrecklichen Todes von ihr löste.
Alfred Falkner aber folgte der Bahre seiner jungen Frau als einziger
Leidtragender nach Monrepos, und als er das Parkgitter hinter sich schloß,
da durchzuckte ihn jäh wie ein Dolchstich der Gedanke:
»Was mag indes im Falkenhofe vorgefallen sein?«
* * * * *
Als man Dolores hinweggeführt hatte vom Hexenloch, das erst eine Stätte
heiterster Laune und jetzt eine Stätte des Todes geworden war, als sie in
ihren Parkwagen stieg, da die Glieder nach der mächtigen Erschütterung
dieser Stunde ihr den Dienst versagten, und Gräfin Schinga schon zu ihr
einsteigen wollte, um sie nach dem Falkenhof zu bringen, da erschien, dicht
am Wagen, aus tiefem Gebüsch heraus, Frau Ruß, wilde Angst in den Augen.
»Nimm mich mit,« brachte sie mühsam hervor, drängte Gräfin Schinga zur
Seite und saß neben Dolores, ehe diese die kleine Scene noch beobachtet
hatte. Aber sie ließ, ohne zu fragen, die Pferde anziehen und im scharfen
Trabe nach dem Falkenhof gehen.
»Er sucht mich am Hexenloch,« flüsterte Frau Ruß atemlos, »aber ehe er
im Hause ist, bin ich schon da. Dolores, erbarme dich und rette mich, wie
ich dich gerettet habe!«
»Tante, ist es denn wahr? Soll ich deine Erzählung wirklich auf mich
beziehen?« fragte Dolores.
»Ja, ja! Aber du mußt mich retten, denn er wird mich heut' Nacht
töten!«
»Sei unbesorgt, Tante. Das würde ihn ja sofort ins Zuchthaus bringen.
Aber jedenfalls bleibst du bei mir.«
»Gottlob!« murmelte Frau Ruß.
Der Weg vom Hexenloch bis zum Falkenhofe war mit dem Wagen nur wenige
Minuten lang, und so waren die beiden Damen auch sehr schnell da. Sie
gingen sofort zu Dolores hinauf, und Ramo erhielt den strengen Befehl,
Doktor Ruß keinesfalls vorzulassen. Frau Ruß aber schritt sogleich zu dem
Schreibtische.
»Laß mich ein Telegramm an einen Arzt aufsetzen,« bat sie. »Ich weiß
nicht genau, wie oft er dir Gift gegeben und wieviel -- du bist vielleicht
trotz der momentanen Besserung eine Sterbende!«
Dolores nickte, und Frau Ruß schrieb das Telegramm, das klar ausdrückte,
um was es sich handelte. Als sie die Feder weglegte, deutete sie auf den
Kamin.
»Dort hatte er auch einen Schlupfwinkel, durch den Nordflügel her. Aber
du hast ihn zugebaut. Man kommt aus dem Souterrain auf einer kleinen Treppe
hinauf, die jetzt niemand mehr kennt.«
Nun war auch das Rätsel der Fußstapfen gelöst, und Dolores schauerte
es, als sie daran dachte, wie der Mörder durch diese geheime Verbindung
in tiefster Nacht zu ihr gelangen und sie töten konnte, ohne daß auch nur
ein Hahn danach gekräht --!
»O Tante, warum hast du mir das nicht früher gesagt!« rief sie, als Frau
Ruß das Telegramm an Ramo gegeben hatte. »Nicht das Geheimnis des Kamins,
aber die Mordgedanken deines Mannes! Warum mich sterben lassen, ungerührt,
und ich bin doch noch so jung! denn ich weiß, daß ich sterben muß!«
»Nein, nein,« schluchzte Frau Ruß erschüttert und sank vor Dolores auf
die Kniee nieder. »Ich sagte dir schon, daß ich dich haßte, weil ich an
meines Mannes Liebe zu dir glaubte und eifersüchtig war. Sein Attentat auf
dich am Hexenloch erfuhr ich erst durch sein gewohnheitsmäßiges Sprechen
im Traume -- den Schuß auf dich sah ich im voraus, weil er sich dein
Pistol genommen, als du zu Alfreds Hochzeit fort warst, und sich damit
übte, wenn er sich unbeobachtet glaubte -- aber woher sollte ich wissen,
_wann_ er die Waffe auf _dich_ abfeuern würde? Und sollte ich ihn
denuncieren auf einen bloßen Verdacht hin? Er war doch immerhin mein Mann
und ich habe neben ihm am Altar gestanden!«
»Halt,« unterbrach sie Dolores, »mir fällt etwas ein.«
Und sie erhob sich, um bald darauf mit dem kleinen Teschinpistol wieder zu
kommen, das sie neben sich auf den Tisch legte.
»Ich fürchte, ich habe in vergangener Nacht nicht seinen letzten Besuch
empfangen,« sagte sie mit seltsam entschlossener Miene. Als sie wieder
saß, fuhr Frau Ruß fort:
»Er muß dir wohl schon mehrere Giftdosen beigebracht haben, ehe ich
entdeckte, daß er mit diesen Mitteln gegen dich vorging. Ich sah es zum
erstenmal beim Thee, daß er ein weißes Pulver in deine Tasse schüttete.
Und damals war es noch eine mit Gewissensbissen vermengte Freude, die ich
Unholdin dabei empfand. Erst als ich dich verfallen und welken sah wie eine
Blume, da gingen mir die Augen auf und ein namenloses Mitleid ergriff
mich für dich! Wie aber dich warnen, ohne _ihn_ preiszugeben? Und
so durchkreuzte ich jeden seiner Wege, immer wachsam, Tag und Nacht
beobachtend und lauschend -- es war ein Höllenleben. Weißt du noch den
Abend, als Engels den geschossenen Adler brachte? Während mein Mann das
Maß suchte auf dem Tische, that er sein Höllenpulver in deine Tasse; ich
sah es und stieß dich an, um es dich gleichfalls sehen zu lassen. Aber du
wußtest nicht, was ich meinte, und um dich am Trinken zu verhindern,
sah ich dich so lange starr und stier an, bis mein Blick dich so jäh
erschreckte. Und ich zerbrach auch mit Absicht die Arzneiflasche hier in
deinem Zimmer, denn er hatte dir den nichtssagenden Trank mit seinem
Gifte gewürzt. An diesem Tage wollte ich sprechen, wollte meinen Gatten
anklagen, aber du wandtest dich ab von mir, und Gräfin Schingas Ankunft
vereitelte meine Absicht. Wie ich die Blausäure unschädlich machte in
seinem Geheimfach -- das erlasse mir zu schildern. Aber hier --« und sie
zog ein Blatt Papier aus der Tasche, »hier ist der Brief, den er neben
deine Leiche legen wollte, nachdem du das Gift genommen --«
Schaudernd und mit einer Ohnmacht kämpfend sah Dolores auf das Blatt
herab, auf welchem ihre Schriftzüge in meisterhafter Nachahmung es schwarz
auf weiß der Welt erzählten, daß sie selbst Hand an sich gelegt. Jetzt
erst konnte sie sich den nächtlichen Besuch des Doktors erklären: er war
nur gekommen, um sich von ihrem Tode zu überzeugen und dessen Schuld auf
die zu wälzen, deren Mund ihn nicht mehr Lügen strafen konnte. Und ein
ungeheurer Ekel ergriff sie vor der Erbärmlichkeit der Menschen, die
lieber ihren Nächsten aus dem Hinterhalte angreifen und vernichten, ehe
sie offen vor ihn hintreten und sagen: Das will ich von dir, _kannst_ du es
geben, so gieb!
»Heut' den ganzen Tag habe ich's dir sagen wollen, wie ich's jetzt gesagt
habe,« sagte Frau Ruß traurig, »du aber hast mich niemals sehen und
sprechen wollen. Da blieb mir nichts übrig, als jene Erzählung draußen
am Hexenloch, denn ich fürchtete alles für dich in der kommenden Nacht.
Aber wenn du mich jetzt nicht schützen kannst --«
Und sie rang verzweiflungsvoll die Hände.
»Er wird dir nichts mehr anhaben dürfen,« sagte Dolores matt, denn ihre
überreizten Nerven fingen an nachzugeben, und sie fühlte, daß sie vor
einer physischen Katastrophe stand.
Doch die Stimme des Doktor Ruß draußen im Korridor stachelte sie
noch einmal auf. Sie drängte die schreckensbleiche Frau hinein in ihr
Schlafzimmer und wartete gespannt darauf, was er thun würde. Aber Ramo
verteidigte seine Festung gut und alles ward wieder still. Nun kam das
Ruhebedürfnis mächtig über sie, und gerade wollte sie demselben Folge
geben, als Doktor Ruß draußen abermals vernehmbar ward. Nun fühlte sie,
daß es am besten war, diese Sache ein für allemal abzuthun, darum schritt
sie entschlossen zur Thür, öffnete sie und stand ihrem Feinde gegenüber.
»Ich hatte gewünscht, allein zu bleiben,« sagte sie kühl.
Doktor Ruß trat sogleich über die Schwelle und auf einen Wink von Dolores
schloß Ramo die Thür.
»Teuerste Nichte, ich wünsche Ihre Ruhe nicht für einen Moment zu
stören,« sagte er in seiner gewohnten leisen und verbindlichen Weise.
»Ich suche meine Frau. Ist sie bei Ihnen?«
»Ja,« sagte Dolores kurz.
»Ach, ich hatte also recht gehört. Gestatten Sie mir also, sie
hinabzuführen in unsere Zimmer.«
»Nein!« erwiderte Dolores.
»Nein?« wiederholte er. »Aber ich verstehe, wie Sie in Ihrem Edelmut
dieser armen Unglücklichen Pflege angedeihen lassen wollen. Dennoch bitte
ich Sie um Ihrer eigenen Sicherheit willen, _meine_ Frau in _meine_ Obhut
zu geben.«
»Tante Adelheid wird bei mir bleiben,« entgegnete Dolores ruhig.
Er wehrte mit der Hand ab.
»Dolores seien Sie vernünftig! Meine Frau leidet an Wahnvorstellungen,
an Irrsinn! Wer bürgt mir, daß dieser nicht in Tobsucht ausartet und Sie
schwer schädigt?«
»Ich bürge dafür, Herr Doktor Ruß! Meine Tante war nie klarer, geistig
niemals zuverlässiger als heut'!«
»Aber, teure Dolores,« entgegnete Ruß eindringlich. »Bedenken
Sie doch --! Diese schweigsame, stille Frau tritt in einer großen
Gesellschaft plötzlich aus sich heraus und erzählt eine lange Geschichte
ohne Pointe, die sie sich aus den Gerichtsartikeln verschiedener Zeitungen
zusammengestoppelt hat --«
»Halt, Doktor Ruß,« unterbrach ihn Dolores. »Ich bin mir über Ihre
Pläne jetzt ganz klar. Sie wollen Ihre Frau in ein Irrenhaus bringen.«
Doktor Ruß lächelte mitleidig.
»Aber liebste Dolores, halten Sie mich für so unmenschlich, daß ich
meiner eigenen Frau die einzige Pflege entziehen würde, die ihrem Zustande
frommt? Ich bin leider nicht reich genug, um ihr diese Privatpflege
in meinem Hause angedeihen zu lassen. Ich sehe aber, Sie sind der Ruhe
bedürftig, lassen Sie uns daher kurz sein und mich meiner Frau selbst
annehmen. Es ist das beste, glauben Sie mir --«
»Ich bedaure. Tante Adelheid hat sich unter meinen Schutz gestellt und
weigert sich mit Entschiedenheit, Sie zu sehen,« entgegnete Dolores
unbewegt.
Doch Doktor Ruß zuckte mit den Achseln.
»Da haben Sie wieder einen Beweis ihres Irrsinns, denn der Grund dieser
Weigerung geht _über_ mein Begriffsvermögen,« sagte er.
Nun aber wallte es heiß auf in Dolores und stieg zornesrot in ihre
bleichen Wangen.
»Herr Doktor Ruß, Sie verlassen in diesem Augenblick das Zimmer,« sagte
sie befehlend. »Ich wünsche mit Ihnen nicht dieselbe Luft zu atmen.«
»Ah -- wie Sie befehlen,« erwiderte er nachlässig. »Die Herausgabe
meiner Frau aus Ihrer Gewalt wird das Gesetz mir erzwingen. Wenn Sie also
in Kollisionen mit diesem schon morgen treten, so ist es meine Schuld
nicht. Ich habe den gütlichen Weg voll betreten, wie Sie mir bezeugen
werden können. Wenn ich also morgen in aller Frühe die Gerichte anrufe,
so darf es Sie nicht wunder nehmen.«
Empört trat Dolores einen Schritt zurück.
»Die Gerichte, Herr Doktor Ruß, werden Ihre Frau in meinem Schutze
lassen, die Richter aber, welche den Falkenhof betreten auf _Ihren_
Ruf, werden Sie auf _meine_ Anklage hin wegen vierfachen Mordversuches
verhaften. Und Ihre Frau wird dann als Zeugin gegen Sie auftreten.«
Doktor Ruß hob beide Hände zum Himmel auf.
»Jetzt scheine _ich_ verrückt geworden zu sein,« sagte er ergeben.
»Kennen Sie diesen Brief?« rief Dolores, das Blatt hervorziehend, das
Frau Ruß ihr gegeben.
Da wurde er so bleich, daß seine Farbe ins Grüne überspielte, aber er
hielt sich tapfer.
»_Ihre_ Handschrift, Dolores.«
»O ja -- insoweit vortrefflich kopiert,« entgegnete sie bitter. »Ein
Autograph von mir selbst -- ein sinniges Gastgeschenk von Ihnen. Aber es
liegt mir nichts daran, den Namen Falkner durch den Schmutz eines
langen Kriminalprozesses zu schleifen, und darum stelle ich Sie vor die
Alternative, entweder Ihre Intentionen auszuführen, welche dann zweifellos
zu Ihrer Verhaftung führen würden, oder aber eine von mir ausgesetzte
Rente im Auslande zu verzehren. Sie haben also die Wahl und können sich's
bis morgen überlegen. Und nun gehen Sie!«
Aber er rührte sich nicht.
»Ich bewundere Sie schon lange,« sagte er ironisch, »aber heute
bewundere ich einen noch nie geahnten Charakterzug in Ihnen: den,
peremptorischer Kürze und eines wahrhaft souveränen Willens. Schade nur,
daß derselbe mir nicht in der Weise imponiert, als er vielleicht sollte.«
»Doktor Ruß,« sagte Dolores mühsam beherrscht, »ich sagte Ihnen schon,
daß meine Konversation mit Ihnen beendet ist. Verlassen Sie mich -- ich
wünsche allein zu sein.«
Jetzt aber warnte sie ein seltsames Glitzern in seinen Augen, auf ihrer Hut
zu sein.
»Gehen Sie,« wiederholte sie, indem sie die Pistole aus ihrer Tasche zog
und den Hahn spannte. »Gehen Sie -- oder bei Gott, ich schieße Sie nieder
wie einen tollen Hund, wenn Sie das Zimmer nicht verlassen haben, bis ich
drei gezählt --«
»Hoho! Ich denke, Brasilianerinnen führen nur ein Stilett,« höhnte er,
ohne sich zu rühren.
»Nicht doch -- wenigstens schieße ich besser als Sie,« erwiderte sie
vollkommen kalt und besonnen und begann zu zählen: »Eins -- zwei --«
»Ich gehe,« sagte er, etwas bleicher werdend, »denn wenn man wehrlos
ist, kann ein Rückzug nicht für Feigheit gelten. Und,« setzte er
salbungsvoll hinzu, »und obwohl diese Bedrohung meiner Person --«
»Notwehr!« fiel sie kühl ein.
»... die Bedrohung meiner Person ein teurer Spaß für Sie werden
_könnte_, so will ich dennoch keine Schritte thun, dieselbe zu ahnden,«
vollendete er. »Denn,« setzte er hinzu, »denn ich hege keinen Groll
gegen Sie und vergebe Ihnen, teure Dolores.«
Und damit ging er mit einer tiefen Verbeugung.
Aber als dieser künstliche Nervenreiz verflogen war, brach Dolores
zusammen. Sie hatte nur noch Zeit, Frau Ruß zu fragen, ob sie alles
gehört, und als diese bejahte, sagte sie:
»So sage es Alfred, genau Wort für Wort, wenn er herüber kommt.«
Dann fiel sie in eine ohnmachtsähnliche Lethargie -- Fieber stellte sich
ein und Frau Ruß durchwachte mit Tereza eine angstvolle Nacht an ihrem
Bette.
* * * * *
Als Falkner am folgenden Mittag, nachdem er Stunden mit sich allein
verlebt, erschöpft an Leib und Seele, alles Traurige mit Kepplers Hilfe
besorgt und angeordnet hatte, als er noch einen Blick warf auf seine tote
Frau, welche im weißen Sterbehemd auf ihrem Bette lag, im Haare einen
Kranz von weißen Rosen, von jenem =Boule de neige=, den der Herzog
so sorgsam veredelt, da ging er hinüber nach dem Falkenhof, denn sein
Instinkt sagte ihm, daß man dort seiner bedurfte.
Zu gleicher Zeit mit ihm traf der Arzt aus Berlin ein, den Engels von der
Station geholt, und Falkner wartete, nachdem er ihn hinaufgeführt hatte,
im Ahnensaal, bis die Konsultation zu Ende sein würde.
Mit begreiflicher Spannung trat er dem berühmten Manne entgegen.
»Ich muß bis zum Abend hier bleiben, um den Erfolg eines Mittels
abzuwarten,« sagte er auf Falkners Frage. »Es scheint hier eine
komplizierte Vergiftung vorzuliegen, welche Ihre Frau Mutter mir auch
bestätigt hat. Leider hat das Gift schon größere Fortschritte in dem
Körper gemacht, welche bedauern lassen, daß nicht früher Hilfe dagegen
angerufen worden ist.«
Hier trat Frau Ruß ein, da sie ihres Sohnes Stimme gehört und der Arzt
benutzte ihre Anwesenheit, um sie zu fragen, auf welche Weise Dolores zu
dem Gifte gekommen sei, ob durch Unvorsichtigkeit, aus eigener Initiative,
oder durch fremde Personen.
»Der zweite Fall ist ausgeschlossen, und wir fürchten auch der erste,«
erwiderte Frau Ruß fest, und als der Arzt überrascht aufsah, setzte sie
hinzu: »Es ist der dringende Wunsch meiner Nichte, daß von dem Verdacht
gegen eine Person nichts in die Welt dringt. Der Arzt ist ja in so vielen
Fällen auch ein Beichtvater -- lassen Sie, Herr Professor, also diese
Mitteilung unter dem Beichtsiegel Ihres Wortes nicht aus dem Falkenhofe
herausdringen, denn er betrifft ein Glied der Familie.«
»Ich verstehe,« sagte der berühmte Mann, »und ich werde schweigen. Nur
könnten Sie mir meine Arbeit wesentlich erleichtern, wenn Sie mir einen
Anhalt über die Natur des Giftes geben könnten, falls dies im Bereiche
der Möglichkeit liegt.«
Aber Frau Ruß schüttelte mit dem Kopfe -- sie wußte, daß der Inhalt
der gewissen Pappschächtelchen aus dem Geheimfach des Rokokosekretärs
verschwunden war -- ob er das Gift enthalten, war dabei noch immer
fraglich, und sie klagte sich jetzt an, daß sie nicht Proben davon
entnommen.
»Ist meine Cousine in Gefahr?« fragte Falkner dann und sah den Arzt fest
an.
»Ja,« sagte dieser ohne Bedenken. »Die Gefahr ist nicht unmittelbar,
aber sie droht ohne Zweifel.«
»Und ist noch Hoffnung?« fragte Falkner leiser.
»So lange noch Leben ist, ist auch noch Hoffnung,« erwiderte der Arzt.
Das war aller Trost, und er war, bei Gott, schwach genug.
* * * * *
Noch am selben Abende reiste Doktor Ruß ab, nachdem er eine längere
Unterredung mit seinem Stiefsohne gehabt.
Die Husaren aber ließen ihre Trompeter noch einmal blasen -- als Lolo
Falkner in die Gruftkapelle zur ewigen Ruhe gebettet wurde.
Die pathetischen Klänge des Chopinschen Trauermarsches und das Läuten des
Totenglöckchens, das der Wind hinübertrug zum Falkenhofe, weckten
Dolores aus dem Halbschlummer, in welchem sie seit den letzten drei Tagen
fortwährend gelegen.
»Was ist das?« fragte sie.
»Sie tragen Alfreds Frau zur Gruft,« erwiderte Frau Ruß, welche daheim
geblieben war, angstvoll, ob es die Kranke zu hören sehr erschüttern
würde.
»Die arme Lolo,« sagte Dolores, indem heiße Thränen aus ihren Augen
stürzten. »So reizend, so jung, und _seine_ Frau! Da scheint das Sterben
allzu hart.«
»Sie ist glücklich, denn sie ist bei Gott,« entgegnete Frau Ruß. »Hart
ist das Sterben nur für die, welche zurückbleiben.«
Draußen verklang der Trauermarsch und nur das Glöckchen läutete fort
und fort mit seinem feinen, hellen Ton, der durch die klare,
marienfädendurchzogene Spätsommerluft vibrierte wie ein Gruß aus einer
anderen Welt.
Da richtete sich Dolores auf.
»Zwei Plätze waren noch frei in der Falknergruft,« sagte sie, »und ich
habe in Schmerzen gebüßt nach der Prophezeiung der Ahnfrau, doch ich habe
sie nicht erlöst. Denn der zweite Platz, es ist mein Platz, und ihr sollt
mir darüber schreiben lassen den Spruch des Propheten Tobias: Der Mensch
blüht auf wie eine Blume und wird gebrochen.«
[Illustration]
Epilog.
Drei Jahre sind seitdem vergangen.
Es war wieder Herbst geworden, und die Blätter fingen an sich zu färben
in dem herrlichen Parke des Falkenhofes und zauberten im Verein mit dem
Sonnenlichte Tinten hervor, auf denen das entzückte Auge trunken weilte.
Die Sonne aber drang mit ihren Strahlen durch das fallende Laub mitunter
bis hinab zur Erde und machte das goldene Kreuz auf der Gruftkapelle in
siegreichem Feuer aufleuchten.
Die Pforten der Kapelle waren geöffnet, und unten in der Gruft kniete ein
großes, schönes junges Paar neben einem Sarge, auf welchen es eben einen
Strauß wundervoller weißer Moosrosen niedergelegt hatte. Zu Häupten des
Sarges aber war eine Tafel in der Mauer eingelassen, auf welcher die Worte
des Propheten Tobias geschrieben standen: »Der Mensch blüht auf wie eine
Blume und wird gebrochen.«
Nachdem sie lange in stillem Gebet gekniet, erhob sich die Dame.
»Laß uns zum Sarge der Ahnfrau gehen,« flüsterte sie, »ich habe hier
drei Rosen für sie -- die weiße ihrer schuldlosen Tage, die rote ihrer
Leiden und die goldfarbige ihrer Verklärung --«
Der Herr nickte und sie traten ein in die Bleikammer der Gruft. Dort schob
er den nur eben aufgesetzten, schweren Deckel des Prunksarges zurück, und
sie beugten sich beide herab, das einst so schöne Antlitz zu sehen, das
den unseligen Bruderzwist entfacht und nach mehr denn zwei Jahrhunderten
noch völlig kenntlich und wunderbar erhalten war.
Und die Dame nahm die drei Rosen und legte sie leise und vorsichtig, um den
Körper nicht zu berühren, der Ahnfrau auf die Brust, und als sie die Hand
kaum zurückgezogen, da geschah etwas Seltsames:
Vor den Augen der beiden zerfiel der sterbliche Rest der Freifrau Maria
Dolorosa von Falkner zu Staub und binnen wenigen Minuten, während denen
sie staunend neben dem entschwindenden Körper standen und schauten, ward
der Raum in dem Sarge leerer und leerer, und zuletzt lagen auf dem Boden
desselben inmitten einer grau scheinenden Asche nur noch die Schmucksachen,
welche man ihr mitgegeben, und -- die drei frischen Rosen von liebender
Hand.
Das Paar aber stand stumm und reichte sich die Hände über den Sarg
hinweg, durchschauert in tiefster Seele von Ehrfurcht vor dem, in dessen
Hand wir nur Staub und Asche sind. Und da war es beiden zu gleicher Zeit,
als hauchte ein unsichtbarer Mund einen Kuß auf ihre Stirn und ein kühler
Hauch berührte sie, wie wenn jemand vorüberschritte an ihnen.
Da sank die Dame erschüttert in die Kniee.
»Sie ist erlöst -- jetzt wird sie der Engel Alleluja hören, nach dem sie
sich so lange gesehnt!« flüsterte sie.
»Sie ist erlöst,« sagte auch er, aber laut und freudig und überzeugt,
und zog die Knieende empor an seine Brust.
Denn das Paar, es ist Alfred und Dolores von Falkner, das letzte
Edelfalkenpaar hat sich gefunden, und der Falkenhof hat wieder einen Herrn
und eine Herrin.
Dolores hatte lange ringen müssen mit dem Tode und hatte über ihn
gesiegt. Mit Frau Ruß war sie dann nach dem Süden gegangen, dessen warme
Sonne ihr die entschwundene Lebenskraft zurückgab -- nicht auf einmal,
aber allmählich Schritt vor Schritt. Und nachdem Lolo Falkner schon mehr
als ein und ein halbes Jahr ruhte in der Falkengruft unter dem Spruche des
Propheten Tobias, da kam Alfred Falkner auch nach dem Süden, und dort,
unter dem blauen Himmel von Capri legten sie die Hände zusammen zum Bunde
fürs Leben -- die Herzen hatten sich ja längst gefunden.
In Rom, der ewigen Stadt, wurden sie vermählt und blieben an der Stätte
ihres ersten, stillen Glückes monatelang, bis die Osterglocken verklungen
waren und das Pfingstgeläute sie zurücklockte in die deutsche Heimat, in
die grandiose grüne Waldeinsamkeit des Falkenhofes, des vielgeliebten.
Hier aber ward zum Erntefest ein Erbe getauft, ein junger Falke, ein
kräftiger Sproß am alten Stamm.
Und heut' war Dolores zum erstenmal hinausgegangen zur Gruft, einen Akt der
Pietät zu erfüllen an der Ahnfrau, deren Hand so wunderbar eingegriffen
in ihr Geschick, und an der unseligen, so vorzeitig geknickten
Menschenblume, die ihres Gatten erste Frau gewesen.
Langsam und schweigend schritten sie durch die schattige Eichenallee
zurück zu dem Falkenhofe, noch ganz erfüllt von dem Wunderbaren, das sie
unten erlebt in der stillen, kühlen Gruft. Und sie kamen überein, daß
sie niemand davon sagen wollten, damit nicht am Ende noch Spott oder eine
nüchterne, wissenschaftliche Erklärung den Hauch der Weihe abstreifte,
der unten über sie gekommen.
Als sie aber vor der Terrasse anlangten, da hatten sie ein liebliches Bild,
das sie ganz ins volle Leben zurückführte und ihnen das Herz in stolzem
Glücke klopfen ließ -- denn da stand eine lachende Wärterin in der
malerischen Tracht ihrer Heimat und hielt auf den Armen ein schneeweißes
Bündel von Spitzen, das mit blauen Schleifen umbunden war, und aus dem
Bündel guckte ein kleines Köpfchen hervor mit goldblondem Haar und ein
paar rosigen Fäustchen -- --
Daneben saß Frau Ruß, über einem Kinderjäckchen strickend, aber ihr
sonst so kaltes, ausdrucksloses Gesicht strahlte vor innerer Freude wie
verklärt und in ihren lichtblauen Augen leuchtete es mild und weich
wie nie vorher. Und sie kann wohl ruhig aussehen und zufrieden, denn der
Falkenhof ist ihre Heimat und die Liebe ihrer Kinder thaut alles auf,
was noch als Eis um ihr Herz gelegen hat -- und -- Doktor Ruß lebt in
Australien, als hochgeachteter Mann und Träger einer Würde, von seiner
Revenue, die ihm alljährlich aus dem Falkenhofe zufließt.
Vor dem kleinen Werner Falkner aber steht auch der alte Engels und
schmunzelt vergnüglich und hält den Atem an, als könnte der schon dem
Edelfalken vor ihm schaden. Und als er die schönen, stolzen Eltern dieses
kleinen Wunders erblickte, da schwenkte er den alten Filz und rief ihnen
lachend und gerührt zugleich entgegen:
»Hurra, es lebe der Sproß des prophezeiten tausendjährigen Reiches der
Falken. Und wenn's auch etwas kürzer wird, was thut's? Denn unsere Augen
sehen sie noch blühen, die Falkner vom Falkenhof!«
[Illustration]
[ Hinweise zur Transkription
Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt.