III.

Ich sprach zum Geier: Reiß aus dem Herzen

Den Namen mir, der drin gegraben steht,

Vergessen lernen will ich und verschmerzen. --

Der Geier sprach: »_Es ist zu spät._«

E. Geibel nach François Coppée.

Die Redensart: »Man weiß nicht was der nächste Tag bringt,« ist eine

oft gedankenlos gehörte, gedankenlos gesprochene -- d. h. gedankenlos

im Sinne des Gewohnheitsmäßigen, das ja meist gedankenlos ist, weil

maschinenhaft. Es denken aber wirklich nur wenige an den tiefen Sinn

der Redensart vom nächsten Tage und der Ungewißheit menschlicher

Vorausbestimmung, denn mit demselben Recht wie den nächsten Tag, können

wir die nächste Stunde nennen, und auch von den sechzig Minuten dieser

kurzen Zeitspanne, die vielen so lang werden kann, ist keine einzige, über

die wir mit Gewißheit gebieten können. Und das ist einer der größten

Beweise göttlicher Weisheit, daran geistiger Hochmut jene Demut lernen

könnte, die der Heiland von uns verlangt.

Es ist ja nicht allein, daß der menschliche Geist, dessen Stärke die

Tiefen der Erde und die Höhen der Luft durchdringt, dessen Ziel keine

Grenzen kennt, daß dieser willensstarke Geist machtlos steht wie ein Kind

vor der nächsten Stunde, von der er zwar sagt: ich werde sie so oder so

ausfüllen und anwenden. Aber der menschliche Geist in seinem Hochmut --

dem schlimmsten, den es giebt -- im Vollgefühl seiner Stärke, durch die

er Großes geschafft und noch Größeres schaffen will -- was ist er im

Angesicht jener Macht, die ihm die nächste Stunde nicht einmal anvertraut

zur eigenen Verfügung? Was ist er, daß er diese Macht so gerne leugnet

und sich über sie stellt? Die Antwort ist tief demütigend. Und so hat's

der Schöpfer wohl gewollt in seiner Weisheit, doch wer denkt daran, wenn

man sagt: »Ich werde dann das und das thun, morgen jenes vornehmen und

in Wochen, in Monaten soll dies geschehen --« Es ist, als wenn ein Kind

sagt: »Mutter, ich werde den Mond herunternehmen und putzen -- er sieht

so trübe aus.« Ja, da lächeln wir wohl oder ärgern uns gar über den

kindlichen Unverstand, über das Unsinnige solcher Reden, für die, wenn

ein Erwachsener sie anwendet, er sicherlich unter geistige Bewachung kommt,

d. h. für verrückt erklärt wird, aber sind wir denn anders als die

Kinder mit ihrem »ich _werde_ das und das thun?« Darin eben liegt der

Hochmut, der Größenwahn des menschlichen Geistes, der mit Bewußtsein

darüber gebietet, worüber er keine Macht hat, nur das er sich diese

Machtlosigkeit nicht klar macht, nicht klar machen will in jener

Selbsttäuschung, die so süß ist. Und darum sage ich, daß die Redensart:

»Man weiß nicht, was der nächste Tag bringt,« nur gedankenlos in

Anwendung kommt, denn wäre man sich klar darüber, man würde mit weniger

Sicherheit und mehr Demut über denselben verfügen.

Auch der Tag nach dem Schingaschen Feste brachte Veränderungen in den

herzoglichen Landaufenthalt, welche man vor vierundzwanzig Stunden noch

für unmöglich gehalten. Man hatte schon so schön für kommende Tage

»Bestimmungen zu treffen geruht,« man »gedachte« noch etwa zwei Monate

in der stillen Zurückgezogenheit von Monrepos zu verleben, dann die

Hochzeit der Prinzeß Lolo in kleinem Kreise zu feiern u. s. w.

u. s. w. Und während man noch über all' das Beratungen pflog, reiste

das kleine, beschriebene Blättchen Papier schon, das alles, alles änderte

und umstürzte.

Dieses Briefblatt aber war ein Heiratsantrag für Prinzeß Alexandra.

»Als ich vor fünf Jahren um den unschätzbaren Besitz Ihrer Hand bat,«

schrieb der Fürst, von dem er kam, »da sagten Sie mir, Ihre Mission an

Ihrer Prinzeß Schwester sei noch nicht erfüllt, und Sie hätten sich

gelobt, Ihren Posten nicht eher zu verlassen, bis Eleonore von Nordland

versorgt und geborgen sei. Ihr Entschluß schien unabänderlich damals, und

ich mußte mich ihm beugen, doch ich ging mit Ihrem Geständnis, daß ich

Ihnen nicht gleichgültig sei. Heut' höre ich, daß Prinzeß Eleonore sich

vermählt, und unverweilt klopfe ich wieder an Ihre Thür und an Ihr Herz,

und wenn Jakob um Rahel auch noch länger freite -- fünf Jahre geduldigen

Wartens aber sind für unsere kurzbemessene Lebensspanne wohl auch eine

Probe, eine Liebesprobe, Alexandra, von der ich hoffe, daß sie nicht

umsonst war --« -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- Und sie war

nicht umsonst. Was lange Jahre hindurch verborgen und ungeahnt von andern

im Herzen dieses edlen Fürstenkindes geruht, es wachte auf mit diesen

Zeilen und sehnte und drängte ans Tageslicht, denn das Glücksbedürfnis

lebt in jeder Menschenbrust und stirbt nicht, wenn es auch künstlich zum

Schlafen gebracht wird.

Der alte Herzog war entzückt, als seine Tochter ihm von diesem Briefe

erzählte, denn er liebte den Schreiber desselben, und der Korb, den er

vor fünf Jahren erhalten, hatte ihn mit großem Unwillen erfüllt, ganz

abgesehen von den übrigen Körben, welche sie in Abundanz ausgeteilt.

Aber der treffliche alte Herr ward noch viel mehr entzückt, als Prinzeß

Alexandra ihm auf sein Befragen errötend gestand, daß sie die Hand des

treuen Bewerbers annehmen wolle. Auch der Erbprinz war hoch erfreut, doch

Prinzeß Lolo sagte lachend:

»Also den alten, langweiligen Stiefel willst du heiraten? Na, dann guten

Morgen! Was doch die Leute für verdrehte Geschmäcker haben!«

Unwillig verwies Prinzeß Alexandra ihrer Schwester einmal die schlechte

Grammatik ihrer Apostrophe, dann aber besonders scharf den ganz unpassenden

Ausdruck »Stiefel« für einen Menschen, der ihr so hoch stände -- einen

Ausdruck überhaupt, der sich wohl für die Grooms schicke, nicht aber für

eine Dame von hoher Geburt.

Die kleine Durchlaucht war aber nicht mundtot zu machen.

»Bitte, ich habe den famosen Ausdruck schon gefürstet gebraucht,«

entgegnete sie, »denn die Grooms sagen: Stiebel!«

Prinzeß Alexandra wandte sich ernstlich erzürnt ab mit der Frage, woher

ihr die Kenntnis des Stalljargons käme.

»Ich höre ihnen immer vom Balkon aus zu, wenn sie die Pferde putzen und

satteln,« gestand Prinzeß Lolo lachend, »und dabei sangen sie gestern

ein reizendes Lied:

Stiebel, du mußt sterben,

Bist noch so jung, jung, jung!«

Prinzeß Alexandra gab es seufzend auf, hier noch Unkraut jäten zu wollen

und dachte über das Rätsel der Natur nach, daß trotz sorgfältigster

Erziehung und gänzlicher Fernhaltung alles und jedes Gemeinen ein Wesen

dennoch die Gassenhauer der Grooms für »reizend« erklären und den

ungeschminkten Naturlauten dieser Menschenklasse überhaupt mit Vergnügen

und ersichtlich mehr Erfolg als den höchsten Erziehungsprinzipien lauschen

kann. Und wenn Prinzeß Alexandra in dieser bittern Stunde der Erkenntnis,

daß ihre Opfer umsonst gebracht und verfehlt waren, es thatsächlich

bereute, das ersehnte Glück nicht schon vor fünf Jahren erreicht zu

haben, so wird ihr dies niemand verargen können, denn das Bewußtsein

treuester Pflichterfüllung konnte ihr selbst diese egoistische Regung

nicht rauben.

Mit wendender Post traf auf das gegebene Jawort ein dreifacher Brief des

Entzückens von dem fürstlichen Bräutigam an den Herzog, den Erbprinzen

und die hohe Braut selbst ein; doch neben der Verheißung, daß die Werbung

in aller Form und der nötigen Etikette wiederholt werden sollte, wurde

auch die Bitte dringend laut, verschiedener Angelegenheiten wegen den

Termin der Vermählung zu beschleunigen, und da diese Angelegenheiten dem

Herzoge zwingender und wichtiger deuchten als die ersichtliche Ungeduld des

endlich Erhörten, das langerwartete Glück auch zu besitzen, so wurde als

zeitigster Termin der Hochzeit der Geburtstag der Prinzeß, sechs Wochen

de dato fixiert. Doch da hierbei auch der Brautstand der Prinzeß Lolo in

Betracht kam, d. h. die Stellung, welche dem Freiherrn von Falkner bei

den Vermählungsceremonien einzuräumen war, der zur Konferenz zugezogene

Kammerherr als stellvertretender Hofmarschall aber der entschiedenen, von

Fräulein von Drusen eingeimpften Ansicht war, daß eine Stellung bei

der Vermählung der älteren Prinzeß mit einem regierenden Fürsten dem

Freiherrn von Falkner nur als Gatten der jüngeren Prinzeß zu geben

sei, indem ein -- hm, hm -- unebenbürtiger, also auf diplomatischem Wege

amtlich nicht notifizierter Bräutigam einer Prinzeß überhaupt gar keine

Stellung habe, so wurde die Vermählung dieses Paares um acht Tage früher

als die andere fixiert und Falkner dies mitgeteilt. Es bedurfte übrigens

gar nicht der drastischen Neckereien des Prinzeßchens, mit denen sie

Falkner »sein auf diplomatischem Wege amtlich nicht notifiziertes

Bräutigamsdasein« drollig genug vorhielt, um ihn verstehen zu machen, was

der Grund dieses beschleunigten Hochzeitstermins war, denn er hatte lange

genug an Höfen gelebt, um das zu begreifen, aber im Grunde war er ganz

damit zufrieden. Das Band war ja durch ihn nicht mehr löslich, und ob es

zwei oder drei Monat später für ihn zur lebenslänglichen Fessel wurde

oder in fünf Wochen -- was that das?

Doch es wurde noch mehr beschlossen im Rate der Familie, denn da man das

Ende des Juli noch für zu früh im Jahre hielt für den programmmäßigen

Ausflug nach dem Süden, so ward die Ummöblierung von Monrepos alsbald

festgesetzt, damit das junge Paar daselbst seine Flitterwochen verleben

konnte. Andere Vorschläge von seiten des Bräutigams wurden, als nicht

üblich, gar nicht erbeten, und auch Prinzeß Lolo opponierte nicht, denn

es war schon eine ganz andere Sache, Schloßherrin auf Monrepos zu sein,

nach dem berühmten Muster Cäsars, welcher auch lieber auf dem Dorfe der

erste, als in Rom der zweite war. Zudem spukten in dem blonden Köpfchen

eigene Ideen von Visiten in Stadt und Land -- und es sollte ganz amüsant

werden auf Monrepos. »Die alte Bude soll sich wundern, wie ich sie

aufmöbeln und aufkratzen werde,« gelobte sie sich innerlich.

Doch so sehr des Herzogs Vaterherz sich freute über das Glück seiner

Töchter, die er so gern echt bürgerlich und gemütlich »seine

Mädels« nannte -- die fortgesetzten Konferenzen, Korrespondenzen und

Depeschenwechsel dieser letzten Tage versetzten sein ruhebedürftiges

Gemüt in einen harten Anklagezustand gegen das Schicksal, das ihm nicht

'mal seine paar Sommermonate in Ruhe gönne und seinen Rosen ungestraft

gestatte, so wilde Triebe anzusetzen, als ihnen beliebe, denn wer kam in

diesem Trubel dazu, auch nur eine Raupe von den Stämmen zu lesen? Und

nun sollte es gar vorzeitig zurückgehen in die staubige Residenz, in das

große Schloß mit dem englischen Park, in welchem ihm die Etikette verbot,

zu arbeiten -- kurz, er sollte um zwei volle Monate eher aufhören, ein

Mensch zu sein! Das war mehr für das geduldige Temperament des trefflichen

alten Herrn, als er es ertragen konnte, und Entschlüsse, welche vorläufig

nur als schwarze Gedanken in seinem Busen geruht, wurden in ihm reif --

Entschlüsse, welche zwar nicht erschütternd an die Fundamente seines

Landes und des Reiches griffen, welche aber für sein Haus immerhin

Bedeutung hatten. Und nun war die Reihe, Konferenzen abzuhalten, an ihm

-- d. h. er legte, als seine Entschlüsse zur Reife gediehen und

unwiderstehlich in ihm aufstiegen, Gartenschere und Okuliermesser mit

der Entschiedenheit und der Hast beiseite, welche ebensosehr auf eine

Unabänderlichkeit seiner Ideen, als auch auf deren rasche Erledigung

deuteten, und nachdem er sich noch etlichemal die Hände gerieben und ein

halb Dutzend Mal um ein Rosenrondel gegangen war, ließ er seinen Sohn,

den Erbprinzen, zu sich bitten und blieb mit demselben nahezu zwei Stunden

eingeschlossen. Des Herzogs Kammerdiener hörte seinen hohen Herrn dabei

mehrmals mit erhobener Stimme reden -- aber was immer auch besprochen

wurde, es hatte einen friedlichen und befriedigenden Ausgang, denn als nach

besagten zwei Stunden der Herzog mit seinem Erben wieder hinaustrat in den

Garten und der Erbprinz nach seinem Hute griff, da reichte der Vater dem

Sohne die Hand.

»So, dann Glück auf, mein Junge,« sagte er herzlich. »Es hat so

kommen sollen -- und =contre la force il n'y a point de résistance=. Die

zwingende Gewalt liegt eben im Menschen selbst -- das ist die Natur. Willst

du heut' noch nach dem Falkenhofe?« --

»Ja, Vater. Wozu auf morgen verschieben, was man heut' ebensogut erfahren

kann?« --

»Ja, ja! Also nochmals: Glück auf, Emil!« --

Der Erbprinz küßte seines Vaters Hand und verließ Monrepos auf dem Wege

zum Falkenhofe. Er ging aber nicht schnell, wie ein Mensch, der seiner

Sache gewiß ist. Langsam schritt er hin und blieb oftmals grübelnd

stehen, aber am Ende kam er doch an sein Ziel und wurde von Ramo

unverzüglich bei der Herrin des Falkenhofes gemeldet.

Draußen brütete die Schwüle des Sommernachmittags über den Bäumen --

aber die Sonne neigte sich schon nach dem Westen. Die dicken Mauern, wie

sie nur die Architektur vergangener Jahrhunderte kannte, ließen nicht

viel Hitze von außen hinein in die gewölbten Räume des Falkenhofes, und

erquickt atmete der Erbprinz die Kühle ein, die ihm beim Eintritt in das

feudale Schloß entgegenwehte. In denkbar kürzester Zeit kam Ramo

wieder herab und meldete, daß Dolores den Erbprinzen erwarte. Gerade als

letzterer sich anschickte, die Treppe hinaufzusteigen, erschien Doktor Ruß

in der Vorhalle und begrüßte überrascht den hohen Besucher und schickte

sich an, denselben nach oben zu begleiten.

»Ich war gerade im Begriff, meiner Nichte dieses Buch, das eben eintraf,

zu bringen,« sagte er, auf eine Broschüre in seiner Hand deutend.

Doch zu seiner größten Überraschung nahm der Erbprinz ihm das Heft aus

der Hand, ohne auch nur einen Blick auf den Titel zu werfen.

»Ich kann Ihnen diese Mühe abnehmen,« meinte er, grüßte freundlich,

aber in der Weise, welche nur den Regierenden eigen ist, wenn sie jemand

entlassen, und schritt, dem voraneilenden Ramo folgend, die breite,

teppichbelegte Treppe zu dem von Dolores bewohnten Flügel hinan.

Doktor Ruß aber richtete sich von seiner tiefen Verbeugung auf und

konzentrierte sich rückwärts nach seinen Gemächern.

»Das war kurz -- und deutlich,« murmelte er vor sich hin. »Hm! Hm! Also

man will allein sein oben. Vielleicht =enfin seuls=! Und warum will

man allein sein? Weil man etwas zu besprechen hat, wozu ein Dritter

überflüssig ist. Um das zu erraten, dazu gehört nicht viel

Kombinationsgabe. War dieser Besuch erwartet? Kommt er unerwartet? Schade

nur, daß --«

Und die Gedanken des Doktor Ruß verloren sich in ein vielsagendes

Kopfschütteln.

Oben im Korridor aber sagte der Erbprinz zu Ramo:

»Ich wünsche Ihre Herrin, die Baroneß, allein und ungestört zu

sprechen. Bitte, sorgen Sie also dafür, daß niemand gemeldet oder

ungemeldet eindringt, so lange ich hier bin. _Niemand_; -- auch Doktor Ruß

nicht!«

»Sehr wohl, Hoheit,« erwiderte Ramo respektvoll, aber nicht servil. Er

mochte den Erbprinzen gern leiden, den Doktor Ruß aber nicht, trotzdem

sich letzterer stets sehr freundlich dem Kammerdiener gegenüber zeigte.

»Willkommen, Hoheit,« sagte Dolores, als der Thronerbe bei ihr eintrat.

»Ah -- Sie bringen mir ein Buch!«

»Ich nahm es Doktor Ruß ab, der es Ihnen eben bringen wollte,« erklärte

der Erbprinz, die dargebotene Hand küssend.

»O, zu gütig --« --

»Nein, es war keine Güte, nicht einmal Gefälligkeit. Ich wollte Sie

heut' allein sprechen.«

»Allein, Hoheit?« fragte Dolores erstaunt. »Das klingt ja ganz

mysteriös und macht mich sehr neugierig. Sind es Staatsgeheimnisse, welche

ich hören soll?« --

»Auch das,« erwiderte er, auf ihren Ton eingehend. »Große

Staatsgeheimnisse eines kleinen Staates. Also nur für Ihre Ohren allein

bestimmt!« --

»Ei, wie reizend! Ich habe mir immer gewünscht, Mitwisserin von

Staatsgeheimnissen zu sein,« meinte sie nicht ohne ein leises Staunen,

denn er hatte den letzten Satz merkwürdig ernst gesprochen, ernster, als

er sonst zu reden pflegte.

Ramo hatte inzwischen die Jalousien des Salons, wo Dolores ihren Gast

empfangen hatte, emporgezogen, denn die Sonne lag nicht mehr darauf, aber

er hatte die Fenster trotzdem noch geschlossen.

»O Ramo, die Fenster auf!« rief Dolores, als er eben noch die Salonthür

schloß.

»Es ist noch zu heiß draußen, Herrin,« murmelte er in seinem leisen,

wohlerzogenen Kammerdienertone und setzte noch leiser spanisch hinzu: »Man

versteht unten auf der Terrasse jedes hier gesprochene Wort bei offenen

Fenstern.«

Und damit glitt er leise aus dem Salon und schloß sogar die Thür zum

Turmzimmer hinter sich.

Dolores fühlte sich entschieden intriguiert. Zwar mochte sie

Angelegenheiten von Wichtigkeit auch nicht mehr im Turmzimmer besprechen,

seit sie das Geheimnis des Kamins kannte, durch welches die Passage

freilich abgeschnitten war, hinter dessen Wand man aber im Nordflügel

jedes im Turmzimmer gesprochene Wort vernehmen konnte. Denn selbst der

findige Ramo hatte nicht entdecken können, wie der Inhaber der gefundenen

Fußspuren in dieses Zimmer hinein gelangt war. Aber Ramo kannte auch die

unausgesprochenen Wünsche seiner Herrin -- er wußte, daß das Turmzimmer

ihr nicht eher wieder lieb werden konnte, ehe es nebenan nicht sicher war,

und da er selbst ein leises Unbehagen empfand bei dem Gedanken, daß es

dicht neben den Wohnräumen dieser geliebten Herrin einen geheimnisvollen

Schlupfwinkel gab für unbekannte Schleicher, daß die Wände dieses

Zimmers sozusagen Ohren hatten, so schnitt er diesen lieber ab, was der

Erbprinz zu sagen hatte.

Dieser und Dolores nahmen im Salon indes einander gegenüber Platz.

»Also nun zu den Staatsgeheimnissen,« meinte sie, ersichtlich gespannt.

»Nach dem zu dieser Unterredung nötigen Apparate bin ich doch wohl

berechtigt, etwas ganz Außergewöhnliches zu erwarten und zu hören!«

»Und doch erraten Sie gewiß nicht, daß von Ihnen in dieser Stunde das

Bestehen oder Aufhören eines Staates abhängt,« erwiderte der Erbprinz

mit jenem Lächeln, das auch Ernst bedeuten kann.

»Von mir?« fragte Dolores erstaunt. Aber dann lachte sie. »O Hoheit, die

Hundstage und die Sauregurkenzeit, wo man vergebens nach Enten sucht, um

die Zeitungen zu füllen und die Konversation zu beleben -- die sind doch

noch nicht da, und vor denen brauchen Sie sich doch nicht zu fürchten!«

»Das ist sehr freundlich bemerkt, aber mir lag wirklich jeder Scherz

fern,« versicherte der Erbprinz. »Also darf ich mein Staatsgeheimnis

erzählen? Und werden Sie mich geduldig anhören, bis ich zu Ende damit

bin?«

»Ich werde keine Silbe sagen, bis Hoheit mir erklären, daß Sie fertig

sind,« entgegnete sie freundlich und lehnte sich zurück in ihren Sessel.

»Also ich höre und verspreche, kein Wort zu verlieren.«

»Nun wohl,« sagte der Erbprinz, »ich verspreche dagegen auch, kurz zu

sein und Ihre Geduld nicht zu schwer zu prüfen. Um mit dem neuesten

zu beginnen, so muß ich also berichten, daß wegen der in sechs Wochen

stattfindenden Vermählung meiner Schwester Alexandra, von der Sie gestern

ja gehört haben, die Hochzeit meiner Schwester Lolo schon Anfang August

stattfinden muß. Entscheidend waren dabei Etikettenfragen in Rücksicht

auf meinen künftigen Schwager Falkner -- wir haben das heute Morgen

besprochen und bestimmt.«

»Gehört das zur Sache?« warf Dolores etwas kühl ein.

»Doch, denn es leitet die Sache selbst ein,« entgegnete der Erbprinz und

fuhr fort: »Aber der durch diese Hochzeiten zu erwartende Trubel und der

Umstand, daß, da Monrepos dem jungen Paare als =buen retiro= für den

Honigmond eingerichtet werden soll, wir alle diesen lieben Aufenthalt in

den nächsten Tagen verlassen müssen, all' dies hat den Herzog, meinen

Vater, etwas nervös gemacht. Er ist ein Mensch mit stillen Neigungen und

dem Hange zu einem ruhigen Leben, und nichts ist ihm schrecklicher, als

sich in eine Uniform zwängen zu müssen und Pflichten zu erfüllen, die

ihn nicht befriedigen, die ihm das leere Gefühl hinterlassen, nichts

gethan zu haben und doch in Bewegung gewesen zu sein. Und nun sein Haus

leer wird und ihn die Rücksicht für seine Töchter nicht mehr fesselt,

nun will der Herzog einen langgehegten Wunsch erfüllen und auf die

Regierung verzichten. Er ließ mich also vorhin zu sich rufen und teilte

mir seinen Entschluß mit.«

»Ah, das also ist das Staatsgeheimnis!« rief Dolores interessiert.

»Aber, Hoheit, warum würdigen Sie mich, es mir gerade anzuvertrauen?«

»Weil, wie ich Ihnen schon sagte, das Bestehen und Aufhören unseres

kleinen Staates von Ihnen abhängt,« erwiderte der Erbprinz.

»Sesam, öffne dich!« rief sie lächelnd.

»Ich komme zur Sache. Nachdem der Herzog mir also seinen Entschluß, zu

resignieren, kundgegeben hatte, billigte ich denselben vollständig, denn

ich teile ganz die Lebensansichten meines Vaters und dessen Neigungen. Ich

sagte ihm also, ich begriffe voll und ganz die Motive, die ihn Scepter

und Krone niederlegen ließen, aber ich würde diese Resignation auch

gerechtfertigt finden, wenn sie aus dem Grunde geschähe, daß damit

zugleich unser Land dem Reiche einverleibt würde, welches unsere

Souveränität vertragsmäßig anerkennt, dem wir aber damit doch ein

Hindernis sind. Ich habe als Vergleich dafür nur den dahinbrausenden

Blitzzug, welcher über Zeit und Raum triumphierend den Erdball durchmißt

und dazu genötigt wird, jedesmal vor einer kleinen Haltestelle ein

unliebsames Halt zu machen, um Ballast aufzunehmen, der ihn nicht

beschwert, aber aufhält und belästigt.«

»Das ist eine großherzige politische Auffassung, Hoheit!«

»Sie wäre es, Baroneß, wenn ich nicht ein Mensch wäre und als solcher

eigennützige Motive im verborgensten Winkel meines Herzens bärge.«

»Wer soll Ihnen das glauben, Prinz?«

»Hören Sie mich zu Ende, und Sie werden es glauben müssen. Also

mein Vater gab mir von seinem Gesichtspunkt aus recht, denn seine

partikularistischen Ideen von ehedem sind längst einer wirklich

großherzigen, weiten Auffassung von politischer Einigkeit und Größe

gewichen, und er hätte auch sicher seine engbegrenzte Souveränität

für diesen großen Gedanken geopfert, wenn er nicht geglaubt hätte, das

Aufrechthalten derselben mir, seinem einzigen Sohne und Erben, schuldig

sein zu müssen. Nach dieser Eröffnung glaubte ich meinen Moment zum

Sprechen gekommen, und ich erklärte meinem Vater, daß ich seinem Beispiel

freudig folgen und auf einen Thron verzichten wollte, dem gegenüber,

ganz abgesehen von meiner politischen Überzeugung, mir ein Leben als

mediatisierter Fürst weit größere geistige Vorteile böte. Aber nun

komme ich auf des Pudels Kern. Der Herzog fragte mich, als erfahrener

Menschenkenner, ob dies allein mein Motiv sei, und da mußte ich freilich

gestehen: nein. Denn das wahre Motiv für mich ist -- eine Dame, eine Dame,

welche ich liebe, und welche mir nicht ebenbürtig ist. Und ich setzte dem

Herzog auseinander, wie ich davon geträumt hätte, den Herrscherpflichten

zu entsagen -- nicht um der Liebe willen, welche ja stets hinter Pflicht

zurücktreten muß, sondern rein meiner politischen Überzeugung wegen,

und wie ich dann, ein freier Mann, mich einfach nach meiner ererbten

Privatbesitzung Graf von Waldburg nennen wollte, um der Dame meines Herzens

mit meiner Hand auch meinen Namen bieten zu können. Was nach dieser

Erklärung zwischen meinem Vater und mir als Herzog und Erbprinz und

endlich als Vater und Sohn besprochen wurde, gehört nicht hierher,

ich will nur sagen, daß ich siegte -- vielleicht weil der Sieg meiner

Schwester Eleonore dem meinen vorausgegangen war. Aber ich habe alles von

der Entscheidung jener Dame abhängig gemacht. Nimmt sie meine Hand

an, dann werden die Reichslande um ein paar Quadratmeilen größer --

refüsiert sie mich, so übernehme ich die Regierung, bis ein geeigneter

Moment die Verzichtleistung unauffällig vollzieht.«

»Und das sollte in meiner Hand liegen?« fragte Dolores, als er schwieg.

»Ja,« sagte er fest, »weil Sie die Dame sind, die ich liebe, und weil

ich nicht als Erbprinz mit der linken Hand, sondern als Graf von Waldburg

vor Sie hintrete, Ihnen Herz, Rechte und Namen biete und Sie frage: wollen

Sie mein Weib werden?«

Dolores war aufgestanden -- blaß lehnte sie an dem Tisch, der hinter ihr

stand und sah zu dem Prinzen herüber, der sich gleichfalls erhoben hatte.

»Hoheit sehen mich aufs höchste überrascht,« sagte sie nach einer Pause

ruhig und gefaßt. »Der mich so hoch ehrende, liebe und in letzter Zeit

vertraute Verkehr mit Monrepos hat mich nie, auch nicht im entferntesten

ahnen lassen, daß --« sie stockte.

»Daß ich Sie liebe,« vollendete der Erbprinz. »Nein, Dolores, ich

weiß, daß ich mich nicht verraten habe, denn ich halte es für einen

Mann in meiner Stellung für gewissenlos, eine Frau mit seiner Liebe zu

verfolgen, der er im besten Falle nichts bieten kann als einen Trauring zur

linken Hand, einen fremden Namen und eine stets untergeordnete, peinliche

Stellung in seinem Hause. Das waren die Motive, die mich veranlaßten,

Ihnen meine Neigung zu verbergen, aber ich wußte, daß wenn Ihr Herz für

mich spräche, Sie dies auch in sich verschließen würden. Nun aber

hab' ich's erreicht, ich darf sprechen und trete vor Sie hin mit meinem

Geständnis. Dolores, darf ich auf Erhörung, darf ich auf Gegenliebe

hoffen?«

Nun ward es still in dem hohen, kühlen Raume, so still, daß man das

Summen der Fliegen an den Fensterscheiben hören konnte. Dolores stand, die

großen, dunklen Augen traumverloren in die Ferne gerichtet und sann, der

Erbprinz wartete auf ihre Antwort -- --

»Hoheit,« sagte Dolores nach einer Weile, »ich würde Sie schwer

täuschen, wenn ich Ihnen sagen wollte, daß die wahrhaft herzliche

Sympathie, welche ich für Sie empfinde, Liebe ist. Wenn Sie diese

verlangen -- ich habe sie nicht!«

»O Dolores!« rief er schmerzlich bewegt. »Ich habe es wohl geahnt, daß

ein anderer -- --«

»Nein, nein!« unterbrach sie ihn schnell, »kein anderer. Es steht

niemand zwischen Ihnen und Ihrer Werbung. Und vielleicht ist die herzliche

Sympathie, von der ich Ihnen sprach, auch der rechte Kitt für eine

glückliche Ehe -- --«

»Vielleicht ist es auch die Liebe selbst, ohne daß Sie es wissen,« fiel

er bittenden Blickes ein.

Sie aber schüttelte mit trübem Lächeln den Kopf.

»Nein, Hoheit -- wir wollen uns beide darüber nicht täuschen. Es frägt

sich nur, ob Ihnen genügt, was ich zu bieten habe -- --«

»Dolores -- --«

»Sie sollen nicht sofort ›Ja‹ sagen, Hoheit,« fiel sie ihm ins Wort,

»Sie sollen sich prüfen, ob Sie vorlieb nehmen wollen mit einem Herzen,

das ja nicht verneint, lieben zu können, und das auch nicht sagt: Ich

werde Sie niemals lieben, denn ich glaube und begreife, daß eine Frau Sie

lieben kann. Aber mehr noch als Sie bedarf ich der Prüfung. Es hat so viel

verlockendes, Ihren Antrag anzunehmen, weil es der Antrag eines redlichen,

großdenkenden Mannes ist, weil ich mir einbilde, Ihr Herz könnte eine

Heimat werden für mein heimatloses Herz und weil die Einsamkeit mich

oft so trostlos ansieht -- aber all' das darf mich nicht verleiten, das

Lebensglück -- Ihr Lebensglück auf eine Karte zu setzen, von der ich

nicht weiß, ob sie gewinnt. Und darum muß ich mich prüfen und Sie

müssen mir Zeit lassen, ja?«

»Kann ich ›Nein‹ sagen?« fragte er mit einem Seufzer zurück. »Und

wie lange soll ich auf Ihre Entscheidung warten? Denn ich habe für mich

schon entschieden!«

»Wie lange?« sagte Dolores träumerisch. »Ich kann nicht wissen, wie

lange ich brauche, um die Zweifel meines eignen Herzens zu bekämpfen. Denn

wenn ich kämpfe, so geschieht es offenen Visiers und ehrlich, auch gegen

mich selbst -- --«

»Das weiß ich, Dolores! Und ich will warten -- warten, bis Sie mich

rufen. Doch eins muß ich Ihnen sagen: auch ich werde kämpfen, aber nicht

mit mir, denn in mir ist alles klar, aber um Sie, und ich will damit nicht

eher aufhören, als bis Sie selbst mir sagen, daß es vergebens ist, daß

Sie einen anderen lieben. Und vielleicht siege ich auch, denn ich gehe ja

nicht hoffnungslos von Ihnen.«

Da lächelte sie schmerzlich.

»Mit einem armseligen ›vielleicht,‹« sagte sie leise.

»Nicht armselig,« erwiderte er warm, »denn haben Sie nicht gehört,

was ein Geistreicher gesagt, daß das Wörtchen ›vielleicht‹ die

Visitenkarte der Hoffnung ist?«

»Und wenn die Hoffnung nun darauf schriebe: =p. p. c. -- pour prendre

congé=?« fragte Dolores.

Einen Augenblick sah der Erbprinz ihr in die angstvoll auf sich gerichteten

Augen, dann erwiderte er zuversichtlich:

»Das müßte ich schwarz auf weiß haben, denn die Hoffnung nimmt niemals

für immer Abschied von den Menschen.«

Sie aber schüttelte nur mit dem Kopfe -- sie wußte es besser.

Und der Erbprinz ging, und wenn er das Wörtchen »vielleicht,« auf das er

so viel Hoffnung setzte, zurückdrängte, so blieb ihm freilich nicht mehr

viel übrig, um darauf zu bauen. Aber Menschen in seiner Lebenslage bauen

dennoch -- luftige, hohe Schlösser auf sandigen Boden, bis der Windstoß

kommt, der sie vor ihren Augen zusammenbrechen läßt und ihnen nichts

davon bleibt, als Schutt, Trümmer und Scherben. -- --

Dolores war allein zurückgeblieben mit klopfendem Herzen und fliegenden

Pulsen, denn kaum war der Erbprinz gegangen, da traten vor ihren redlichen

Sinn schon die Fragen: Was hast du gethan? Welches Recht hast du, ein Herz

zu versprechen, das du voll und ganz nicht mehr geben kannst? Welches Recht

hast du, Hoffnungen zu erwecken, die du nicht erfüllen kannst?

Und doch hätte sie am liebsten gleich »Ja« gesagt, denn ihr schien Hand

und Herz des Erbprinzen wie ein wohlgeborgener Hafen, in welchem sie sicher

war vor sich selbst, in welchen sie sich allzeit retten konnte, wenn auch

die hohe See des Lebens ihr den Gischt in die Augen schleuderte und sie

blendete, daß sie ihren Weg nicht mehr klar sah vor sich. Und sie glaubte

glücklich werden zu können an der Seite eines solch' edeln Menschen,

selbst wenn sie ihn nicht so liebte, wie sie dachte und glaubte, lieben

zu sollen, und endlich wußte sie es nicht und ahnte nicht, wie schwer ihr

Herz getroffen war und wie unheilbar seine Wunde. Diese Erkenntnis ward ihr

noch vorbehalten -- sie wäre ihr erspart geblieben, wenn es sie an jenem

Abend nicht herausgetrieben hätte, um im Freien in Gottes klarer Luft

besser denken, besser prüfen zu können, trotzdem das Zünglein der Wage

sich schon tief herabneigte nach der Wagschale des Erbprinzen, denn, wie

gesagt, Dolores hatte noch nicht genug gekostet vom Apfel der Erkenntnis,

hatte auf die Sprache des eigenen Herzens noch nicht gelauscht oder

dieselbe doch gebieterisch zum Schweigen gebracht -- kurz, sie war noch

nicht sehend geworden.

Während der Erbprinz droben war bei ihr, hatten Doktor Ruß und seine Frau

auf der Terrasse vor ihren Zimmern Platz genommen, und kurz darauf kam auch

Falkner von Monrepos herüber, um, wie er sogleich sagte, seiner Mutter den

heut' von der herzoglichen Familie fixierten Tag seiner Hochzeit zu melden.

»Die Einladungskarten werden jedenfalls zur rechten Zeit hier

eintreffen,« schloß er, »aber ich denke, der Herzog wird noch vor seiner

Abreise von Monrepos Gelegenheit nehmen, davon zu sprechen, das heißt

seine Einladung persönlich anbringen.« --

Frau Ruß strickte ihre Nadel ab, an deren Maschen sie eifrig zählte.

»Dreiundzwanzig -- vierundzwanzig,« schloß sie und ließ dann das

Strickzeug sinken, um auf die Einladungsfrage einzugehen. Diesen Moment

aber hatte Doktor Ruß sehr wohl abgepaßt.

»Wäre es nicht besser, lieber Alfred,« begann er, »wenn du drüben in

Monrepos einen Wink darüber fallen lassen könntest, daß die Einladung

besser ganz unterbleibt? Du würdest dadurch deiner Mutter den peinlichen

Moment der Entschuldigung über ihr Fernbleiben von deiner Hochzeit

ersparen.« --

Frau Ruß hatte ihren Gatten, während er sprach, angesehen, ohne ihn zu

unterbrechen. Jetzt nahm sie mit einem Ruck ihr Gestrick wieder auf, doch

um ihren festgeschlossenen Mund zuckte es seltsam.

Falkner aber hielt sein Erstaunen nicht zurück.

»Warum willst du meiner Hochzeit nicht beiwohnen, Mutter?« fragte er.

Wieder öffnete Frau Ruß den Mund zur Antwort und wieder übernahm Doktor

Ruß dieselbe.

»Deine Mutter hat drei Gründe für ihre Weigerung,« sagte er.

»_Erstens_ sind wir pekuniär nicht so gestellt, um die für einen

solchen Tag und an solchem Orte nötigen Ausgaben für Reise, Kleider etc.

bestreiten zu können.« --

»Nun, meine Mutter wird die Deckung dieser Auslagen von mir in diesem

Falle wohl annehmen,« fiel Falkner dem Redner ins Wort.

»_Zweitens_,« fuhr Ruß unbeirrt fort, abermals eine Antwort seiner Frau

abschneidend, »zweitens will deine Mutter einer derartigen Feier niemals

ohne ihren Gatten -- meine Wenigkeit -- beiwohnen.«

»Man wird aber auch am herzoglichen Hofe den Takt haben, diesen Gatten

meiner Mutter mit einzuladen,« fiel Falkner abermals ein.

»Diesen Fall vorausgesetzt, wird deine Mutter _drittens_ sich nicht der

Möglichkeit aussetzen, in der Hofrangordnung auf eine Stufe gestellt zu

werden, welche vielleicht ihrer jetzigen bürgerlichen Stellung, nicht aber

ihrem Geschmacke entspricht; ganz abgesehen davon, daß es ihr peinlich

wäre, mich, ihren Gatten, dabei übersehen und beiseite schieben zu

lassen,« schloß Doktor Ruß.

Falkner konnte dem klugen, alles erwägenden Manne in diesem Falle nicht

unrecht geben.

»Ich glaube kaum, daß ihr euch in eurem Verhältnis zu mir derartigen

Dingen aussetzen würdet,« sagte er indes sehr ruhig.

»Nein, du glaubst es nicht, und ich glaube es auch nicht, was den Herzog

und die Seinen persönlich anbetrifft,« erwiderte Ruß, »aber die

Hofrangordnung macht der Hofmarschall, und du wie wir sind dessen eben

nicht sicher, sowie seiner Ansichten über den Fall. Sparen wir also dem

Herzog das Peinliche, seine Gegenschwieger deplaziert zu sehen, und sparen

wir uns den Ärger, es zu sein!«

»Nun, das wird sich alles noch finden,« meinte Falkner, um das Gespräch

zu beenden.

»Der zweite und dritte Punkt vielleicht -- der erste sicher nicht,«

beharrte Doktor Ruß. »Denn,« fuhr er fort, »es fällt mir nicht ein,

mich in Schulden stürzen zu wollen dieses einen Tages wegen, der uns

vielleicht nur Kränkung und Zurücksetzung bringt.«

»Herrgott, wie kann man immer nur _daran_ denken,« fuhr Falkner auf.

»Dieses ewige Mißtrauen macht euch elend und stellt der übrigen Welt

doch ein geistiges Armutszeugnis aus, das sie nicht verdient.«

Doktor Ruß zuckte mit den Achseln und lächelte ein bedeutsames Lächeln,

dann aber stand er auf, trat an seine Frau heran, umfaßte sie liebevoll

und drückte sie an sich.

»Teures Weib, hier ist dein Platz, den du dir selbst gewählt,« sagte

er mit dem vollen Wohlklange seiner modulationsfähigen Stimme. »Hier ist

dein Platz, der dein bleibt, ob auch die Welt dich verstößt wegen deiner

Herzenswahl. Denn was nützen uns Rangkronen und Titel, wenn das Herz

fehlt?«

Und er beugte sich herab, ihren zuckenden Mund zu küssen und ihre vor

Rührung überquellenden Augen zu trocknen.

»Na, da schlag' Gott den Teufel tot,« murmelte Falkner ziemlich deutlich,

denn diese Komödie täuschte ihn nicht und sollte es vielleicht auch nicht

thun. Denn einmal hielt er seinen Stiefvater für einen viel zu klugen

Mann, um ihm solch' unlogisches und ungerechtfertigtes Vom-Zaun-brechen

einer Rührscene zuzutrauen, und dann wußte er sehr genau, daß es dieser

Ton war, mit welchem er seine Mutter sich gewann und unterordnete, mit dem

er sie aufreizte und zu seinen Ansichten und Plänen bekehrte. Ob es nun

zu diesen gehörte, oder ob wirklich sein Mißtrauen und die Furcht, nicht

für voll anerkannt zu werden, in ihm vorherrschte -- genug, er wußte

seine Frau genau ebenso denkend zu machen. Frau Ruß bewieß auch sofort,

daß ihres Mannes Taktik für sie berechnet und mit Erfolg gekrönt war,

wie gewöhnlich.

»Ja, mein Lieb,« sagte sie, mit den Thränen kämpfend, »wir bleiben

fern von dem Orte, an dem wir nur geduldet werden würden. Ich brauche

die ganze hochmütige Clique nicht,« fuhr sie heftig fort, »und wer mich

frägt, wer ich bin --: ich bin die Frau Ruß, nichts mehr und nichts

weniger!« --

»Aber liebe Mutter, wer ist dir denn je in dieser Beziehung zu nahe

getreten?« fragte Falkner beruhigend, doch Doktor Ruß winkte ihm nur

ab und drückte den Kopf seiner Frau lange und stumm an seine Brust. Die

Wirkung war komplett, der Sieg war gewonnen über ein verbittertes Weib.

Deshalb blieben Falkners Worte auch gänzlich unbeachtet, und er war

im Begriff, sich zu erheben und zu gehen, als Doktor Ruß, wieder Platz

nehmend, ein anderes Thema aufnahm.

»Da wir gerade einmal in Ruhe bei dem Thema deiner Heirat sind, lieber

Alfred,« sagte er, »so mag zugleich eine Frage erledigt werden, welche

nahe liegt. Was haben deine Mutter und ich von deiner Heirat zu erwarten?«

»Das verstehe ich nicht,« erwiderte Falkner verwundert.

»Nun wohl, ich meine, welch' materielle Vorteile können und sollen uns

daraus ersprießen?«

»Materielle Vorteile?« wiederholte Falkner. »Offen gesagt sehe ich für

euch als Kollektivbegriff keine, doch werde ich nach wie vor bemüht sein,

aus meinen Überschüssen meiner Mutter diejenige Hilfe zu gewähren,

welche ich eben gewähren kann.«

Frau Ruß reichte ihrem Sohne die Hand und wollte etwas sagen, doch ein

vielsagendes »Hm!« ihres Gatten hielt das freundliche und dankbare Wort

auf der Stelle zurück.

»Was soll das heißen?« fragte Falkner gereizt.

»Ich wollte damit nur sagen, daß wir natürlich keine Rothschild-artigen

Revenüen von dir verlangen,« erwiderte Ruß sehr gelassen, »denn wir

wissen ja, daß die Apanage deiner Braut durch ihre unebenbürtige Heirat

erlischt und ihr mütterliches Vermögen nur eine unantastbare Leibrente

bildet. Ich habe also auch nicht von pekuniären Vorteilen gesprochen,

sondern von materiellen.«

»Jedenfalls bist du sehr gut informiert,« sagte Falkner sarkastisch.

»Nicht wahr?« nickte Doktor Ruß seinem Stiefsohne so harmlos zu, daß

diesem das Blut in die Stirn stieg und er alle Mühe hatte, eine heftige

Antwort zurückzudrängen.

»Ich bitte also um eine Erklärung, was du unter materiellen Vorteilen von

meiner Heirat verstehst,« rief er ungeduldig, »du mußt meiner schweren

Begriffsfähigkeit hierin etwas zu Hilfe kommen.« --

»Gern, lieber Alfred,« entgegnete Ruß sehr sanft und freundlich. »Ich

meine nämlich, es dürfte jetzt die Zeit gekommen sein, wo du statt deiner

vielgerühmten Hilfen aus deinen Überschüssen --«

Nun sprang aber Falkner empor im hellen Zorn.

»Wie kannst du wagen, von ›_vielgerühmten_‹ Hilfen zu sprechen,«

sagte er leise mit flammendem Auge. »Ich habe das Wenige, was ich meiner

Mutter geben konnte, in meinem Herzen stets um seiner Wenigkeit willen

beklagt, aber ich war nie solch' ein Lump, mich dessen zu rühmen, was

ich gab; denn wer sich erfüllbarer Pflichten rühmt, ist nichts als ein

alberner Selbstanbeter und ein verächtlicher Renommist obendrein!«

Doktor Ruß sah ein, daß er zu weit gegangen war und seinen Stiefsohn

unnötig gereizt hatte. Er nickte ihm deshalb lächelnd zu und klatschte

leise Beifall.

»Bravo! Bravo!« rief er, »Adelheid, geliebtes Weib, sieh' deinen

Sohn, dein Fleisch und Blut! In welch' schönen Zorn er für dich geraten

kann --« --

»Was soll das wieder?« unterbrach ihn Falkner drohend. Aber Doktor Ruß

war nicht so leicht einzuschüchtern.

»Nein, du hast mich nicht recht verstanden, oder ich, vielmehr, habe mich

nicht richtig ausgedrückt,« sagte er mit seinem gewinnendsten Ton. »Ich

meinte vielgerühmt in dem Sinne, als deine Mutter, und ich mit ihr, es

in der That stets viel gerühmt haben, daß du von dem Deinen trotz den

großen Ansprüchen, welche deine Carriere, dein Name und die große Stadt

an dich stellten, immer noch für deine Mutter übrig hattest --«

»Daran ist auch von dir nichts zu rühmen,« unterbrach ihn Falkner kurz

und scharf, denn der schnelle Blick, den Frau Ruß auf ihren Mann geworfen

hatte, war ihm nicht entgangen und hatte ihm gesagt, daß sein Stiefvater

das böse Wort nur zu seinen Gunsten gedreht, und seine Fertigkeit in

dieser Kunst abermals bewiesen hatte.

»Doch! doch!« widersprach der Unerschütterliche auf das Süßeste, und

fuhr dann fort: »Um also endlich auf des Pudels Kern zu kommen, so hatte

ich sagen wollen, daß deine Mutter und ich erwarten, daß es dir nunmehr

gelingen wird durch deinen unleugbaren Einfluß am Hofe des Herzogs, deines

Schwiegervaters, für mich eine Stellung zu erwirken, welche deine Mutter

auf eine Stufe stellt, die für dich nichts Peinliches hat. Der meinem

Namen mangelnde Adel dürfte dann auch wohl so schwer nicht zu beschaffen

sein.«

Falkner, welcher stehen geblieben war, ergriff jetzt seinen Hut.

»Ich fürchte, dich enttäuschen zu müssen,« sagte er, sich vollständig

bezwingend. »Ich bin so ganz und gar nicht der Mann dazu, der durch

eine nähere Verbindung mit den Großen dieser Erde, diese sogleich dazu

benutzt, um seine Verwandten zu poussieren. Das war ein Geschäft für die

Pompadour und ihresgleichen. Deine eigenen Bemühungen um eine Professur

werden da jedenfalls erfolgreicher sein. Du brauchst dann auch den Adel

nicht, dessen in meinen Augen ein gebildeter Mensch überhaupt nicht

bedarf, um vorwärts zu kommen. Und bis ich soweit bin, das heißt bis ich

in der Intimität mit den neuen Verwandten soweit gedeihe, daß ich eine

derartige Bitte aussprechen würde -- bis dahin bist du längst in Amt und

Würden.«

»Natürlich,« erwiderte Doktor Ruß seltsam zerstreut.

»Dies ist meine persönliche Ansicht davon,« fuhr Falkner fort, »aber

es kommt noch ein anderer Faktor dazu, der deinem Wunsche entgegentritt. Es

ist dies die wahrscheinliche Resignation des Herzogs und seines Hauses und

die Einverleibung Nordlands in die Reichslande.«

»Ah --!« machte Doktor Ruß mit demselben unsteten Blick wie zuvor.

»Ich bitte euch, diese Mitteilung aber geheim zu halten,« schloß

Falkner, verwundert, daß die Zunge seines Schwiegervaters keinen scharf

zugespitzten Pfeil auf seine Weigerung hatte. »Ich habe,« setzte er

hinzu, »nur deshalb davon gesprochen und dir gegenüber Gebrauch von

dieser nur in Umrissen skizzierten Idee gemacht, um den Beweis zu liefern,

daß Egoismus und böser Wille mich nicht leitet.«

»Gewiß! Gewiß!« meinte Doktor Ruß, wie wenn jemand, sehr beschäftigt,

ein fragendes Kind abfertigen will.

»Und nun adieu, liebe Mutter,« sagte Falkner, sich zu Frau Ruß wendend.

»Ich reise morgen früh ab und habe heut' noch mehreres zu thun.«

»Adieu, lieber Junge,« erwiderte sie in ihrer kalten, kurzen Weise. »Es

ist noch früh am Abend -- mußt du schon gehen?«

»Ich wollte Dolores noch Lebewohl sagen, Mutter.«

»Dolores? Ah, da wirst du heut' nicht angenommen,« fiel Doktor Ruß mit

der altgewohnten Aufmerksamkeit ein. »Der Erbprinz ist oben.«

»Darin sehe ich noch keinen Grund, nicht auch angenommen zu werden,«

erwiderte Falkner, der einen Moment gestutzt hatte.

Nun berichtete Ruß mit leisem, bedeutsamem Lachen, wie er vorhin an der

Treppe kurz und bündig von dem Erbprinzen »entlassen« worden war, und er

legte in seinen Bericht eine Bedeutung, die er ja, wie wir wissen, in der

That erraten hatte, welche er aber kaum berechtigt war, hereinzulegen.

»Nun, so richtet ihr Dolores wohl meine Empfehlungen aus,« meinte Falkner

gleichgültig, küßte seiner Mutter die Hand, berührte die Fingerspitzen

des Doktor Ruß und ging durch die große Lindenallee der Grenze von

Monrepos zu. Sein Stiefvater aber raffte auch mit leisem Singen seine

Siebensachen zusammen, warf seiner Frau eine Kußhand zu und verschwand im

Hause, um es alsbald von einer anderen Seite aus wieder zu verlassen, als

er von einem Diener erfuhr, daß der Erbprinz schon fort und »Baroneß«

in den Park gegangen sei.

Falkner änderte inzwischen auch seine Absicht, direkt nach Monrepos

zurückzukehren. Das stattgehabte Gespräch mit seinem Stiefvater hatte

ihn, wie alle derartigen Gespräche mit demselben, geärgert und erregt,

mehr aber noch gab ihm die nach Ruß' Version wichtige Anwesenheit des

Erbprinzen im Falkenhofe zu denken. Was hatte dieser mit Dolores zu

besprechen, daß er keine Zeugen zu haben wünschte? Grübelnd und seltsam

erregt, ging er vorwärts, bog in dem Gefühl, sein Gleichgewicht erst

durch einen Spaziergang wiederherstellen zu müssen, in einen Seitengang

ein und schritt die denselben mehrfach kreuzenden, schattigen Laubsteige

benutzend, planlos weiter. Am Abend war eine erfrischende Brise von Osten

hergekommen, und die Sonne sank in wunderbar leuchtendem Glanz im Westen

hinab. Da begann im Dorfe die Abendglocke zu läuten -- weich und weihevoll

schwebten die gedämpften Glockentöne durch die Luft, und Falkner nahm

unwillkürlich den Hut vom Kopfe und blieb lauschend stehen. Er dachte

mit seltsam wehmütigem Gefühl der Zeit, da er noch zur Abendglocke den

Angelus betete, bis die Welt ihren Staub über jenen frommen Brauch legte

und er ihn verlor. Denn man hört ja im Geräusch der Welt und der großen

Städte keine Glocken mehr läuten, und wer ihren Klang nicht im Herzen

trägt, den rufen sie bald nicht mehr zu dem geweihten Ort, dem sie

dienen -- -- --

Und wie er stand und darüber nachsann, wie man so leicht vergißt,

was nicht von dieser Welt ist, da tönte durch den Glockenklang eine

wunderschöne, volle, weiche Frauenstimme zu ihm herüber --

»Dolores!« dachte er und eilte vorwärts. Mit wenigen Schritten war er

am Hexenloch, an dessen malerischem Ufer sie stand. Im Hintergrunde

flüsterten leis die uralten Blutbuchen. Sie hatte das Angesicht dem

purpurroten Sonnenuntergange zugewendet, der durch eine Lichtung in den

Bäumen auf die kaum bewegten Äste und auf das geheimnisvoll dunkle Wasser

des Hexenloches leuchtende Tinten zauberte. Ihr wunderschönes Antlitz mit

den dunkeln Augen, die ungeblendet hineinsahen in den Sonnenuntergang war

goldrot beleuchtet.

So stand sie im weißen Kleide, Sonnenlicht in dem schimmernden Goldhaar,

wie eine Elfe, seltsam überirdisch zu sehen, und sang ein Lied, dessen

weiche Modulation, dessen wie von Schluchzen durchbebte Melodie wunderbar

hineinpaßte in das stimmungsvolle Bild. Es war ein italienisches Lied,

vielgesungen, weitbekannt, aber hier durchweht von hoher Künstlerschaft,

von tiefstem Empfinden, das also hinausklang in den stillen,

glockendurchzitterten Abend:

»Ich möchte sterben, wenn die Frühlingslüfte

Vom heitern Himmel lau die Erd' durchwehen,

Wenn neue Blüten hauchen neue Düfte,

Die Schwalben sorgend nach dem Nestlein sehen.

Ich möchte sterben, wenn die Sonne nieder

Am Himmel sinkt und schon die Veilchen träumen --

Da flieht zu Gott die müde Seele wieder,

Zu unbegrenzten, frühlingshellen Räumen.

Doch wenn der Sturm rast und die Blitze flammen,

Wenn finstre Wolken durch die Lüfte jagen,

Und wirbelnd treibt das welke Laub zusammen,

Möcht' ich nicht sterben, nicht hinaus mich wagen.

Ich möchte sterben, wenn die Sonne nieder

Am Himmel sinkt und schon die Veilchen träumen --

Da flieht zu Gott die müde Seele wieder

Zu unbegrenzten, frühlingshellen Räumen.«[1]

[1]: Nach dem Italienischen des L. M. Cognetti von der

Verfasserin.

Und wie Falkner stand und dem Liede lauschte, ungesehen von der einsamen

Sängerin, da fiel ihm die Zeichnung des Blattes ein, das dem Liede als

Umschlag diente, und das er einst drüben in Monrepos gesehen --: vor der

untergehenden Sonne, die auf die »träumenden Veilchen« herabblickt, zwei

beschwingte Schatten, welche sich zum Kusse zusammenneigen -- --

»=Vorrei morir -- vorrei morir=« -- verklang es wie ein schluchzender

Hauch. »Dolores --!« und er stand neben ihr, plötzlich, unerwartet,

aber sie erschrak nicht vor seinem schnellen Kommen, sondern sah durch die

Lichtung hinein in das Abendsonnengold, als wäre sie allein, wie vorher.

Und es wurde still unter den Blutbuchen am Hexenloch wie in einer Kirche,

nur seine tiefen, schweren Atemzüge waren zu hören.

»=Vorrei morir= --« wiederholte er dann leise. »Warum nur möchten

_Sie_ sterben, Dolores?«

Da sah sie ihn an, wortlos, aber er schien keiner anderen Antwort zu

bedürfen.

»Ich war im Falkenhof und wollte Ihnen Lebewohl sagen, denn ich reise

morgen ab,« fuhr er nach einer Pause fort. »Und Prinzeß Alexandra läßt

Ihnen sagen, daß Sie zu meiner Hochzeit nach Nordland kommen sollen.«

»Ja,« sagte Dolores mechanisch. Es war ihr erstes Wort.

»Ja,« wiederholte er. »Leben Sie wohl!« Und er reichte ihr die Hand.

Als sie die ihre hineinlegte, ohne Druck, wie apathisch, da sprach sie

mit seltsam klingender Stimme: »Sie kommen dann vielleicht auch zu meiner

Hochzeit.«

Da prallte er zurück, wie getroffen.

»Der Erbprinz!« fuhr es ihm durch den Sinn, daß er den Namen laut

aussprach. Sie nickte bejahend.

»Und Sie haben ›Ja‹ gesagt,« fragte er.

»Noch nicht,« erwiderte sie, »aber ich werde es wohl thun. Es ist das

beste. Denn er ist ein guter, edler Mensch.«

»Und trotzdem singen Sie's in die Welt hinaus, daß Sie sterben

möchten?« fragte er wieder, und als sie darauf keine Antwort hatte, fuhr

er, dicht an sie herantretend, fort: »Wenn ich das noch sagen wollte,

_ich_, Dolores! Ich, der ich ein namenloses Glück in blindem Wahn, in

unsinniger Verblendung von mir stieß, eine königliche Lilie in den Staub

trat und dafür ein Flatterröslein erwarb! Und dieses Glück war mir

so nahe gelegt, und, meinen Sie nicht, daß es mir gelungen wäre, es zu

erwerben?«

Doch statt zu antworten, wendete sie das schöne Haupt ab von ihm und

sah wieder hinein in das Abendrot, das zu rosigen und violetten Tönen zu

verblassen begann.

»Dolores,« sagte er leise, und sich zu ihr hinneigend, »Dolores, nur

_ein_ Wort sagen Sie mir! Hätte ich mein Glück erringen können, oder war

es zu hoch für mich?«

»_Zu hoch_ ist nichts für menschliches Wünschen,« antwortete sie, ohne

ihn anzusehen, und als er mit leisem Ausruf bis dicht vor sie hintrat, fuhr

sie mit seltsamem Schwanken in der Stimme fort: »Aber jetzt ist es _zu

spät_.«

»Zu spät!« wiederholte er stöhnend. »Nun denn, wenn es zu spät ist,

so leben Sie wohl, Dolores!«

»Leben Sie wohl, Alfred,« kam es mit erstickter Stimme zurück.

»Nein,« sagte er heftig, »nein, so gehe ich nicht! Ich muß etwas

mitnehmen für diese Reise durchs Leben, etwas, das mich stärkt,

wonach mich hungert und dürstet zugleich. Sie müssen mich noch einmal

ansehen --!«

Da wendete sie den ernsten, umschleierten Blick zu ihm zurück und sah

ihm in die Augen, wortlos zwar, aber ein leises Rot stieg in ihre blassen

Wangen dabei, und dann senkte sie das blonde Haupt und ein leises,

unterdrücktes Schluchzen durchbebte ihren Körper.

Da legte Falkner seinen Arm um sie und zog sie an seine Brust, und so ruhte

sie einen kurzen, seligen Augenblick lang.

»Dolores, ich liebe dich von ganzem Herzen,« flüsterte er zu ihr herab,

»und nun weiß ich's, daß auch du mich liebst!«

»Ja,« antwortete sie einfach -- was aber lag alles in diesem kurzen,

schlichten »Ja.« Und dann machte sie sich frei aus seinen Armen. »Du

mußt jetzt gehen,« sagte sie, »denn die Sonne ist untergegangen, und es

ist spät geworden -- zu spät!«

Da sagte er gehorsam: »Lebewohl,« doch ehe er ging, nahm er einen Zweig

der Blutbuche, den sie vorhin abgebrochen hatte, aus ihrer Hand, küßte

ihn, und sprach: »Laß es mir als einziges, was mir von dir bleiben

darf --:

Dies Blatt aus sommerlichen Tagen,

Ich nahm es so im Wandern mit,

Auf daß es einst mir möge sagen

Wie süß die Nachtigall geschlagen,

Wie grün der Wald, den ich durchschritt.«

Und dann ging er, ohne sich umzuwenden, und sie sah ihm nach mit umflortem

Blick, wie er der Lichtung zuschritt, dem verblassenden Abendrot entgegen,

und seine Gestalt zeichnete sich hoch und gebietend ab auf dem goldenen

Grunde des scheidenden Lichtes, denn unter den Bäumen war es ganz dunkel

geworden, dunkler noch auf den trägen Wassern des Hexenloches, auf

welchem weiße Nymphäen blühten wie verlorene Sterne am dunkel umwölkten

Nachthimmel.

Und da war es ihr, als ob eine Hand sie herandrängte hart an den Rand des

Tümpels, und ehe sie noch erschrocken Widerstand leisten oder sich umsehen

konnte, verlor ihr Fuß den Halt, mit einem lauten Aufschrei stürzte sie

das graue Ufer hinab und die schwarzen Wellen des Hexenloches schlugen

über ihr zusammen -- -- -- --

Doch einer hörte den Schrei -- Falkner -- und sich blitzschnell

umwendend, sah er eben noch die weiße Gestalt in dem unheimlichen Tümpel

verschwinden.

Entsetzt, aber ohne einen Moment zu verlieren, kehrte er im raschesten

Laufe zurück, und wie er das Hexenloch erreichte, sah er sie wieder

emportauchen in ihrem Kleide, gehoben von den, der Sage nach unergründlich

tiefen Fluten, kämpfend, ringend mit dem nahen Tode.

Und er rang mit dem Allbesieger um dies junge Leben, lautlos in der tiefen

Dämmerung suchte er dem Strudel, dessen Wirbeln und Gurgeln dem Hexenloche

die einzige Bewegung gab, sein Opfer zu entreißen, und obwohl ein

tüchtiger Schwimmer, mußte er doch hart und verzweifelt kämpfen, um sich

mit seiner Last, die, sich an seinen Hals klammernd, jetzt das Bewußtsein

verlor, aus dem verderblichen Wirbel herauszuarbeiten. Aber er siegte,

trotz aller Schwierigkeiten, über den Tod, der seine Runen schon in

das blasse, schöne Gesicht seines Opfers gezeichnet hatte, und atemlos,

erschöpft fast, stieg er endlich ans Ufer und legte Dolores sanft auf den

grünen Rasen. Im ersten Augenblick, als er nur undeutlich ihre Züge in

dem schwachen, verglimmenden Lichte unter den hohen Bäumen unterscheiden

konnte, und vergeblich auf einen Atemzug lauschte, da glaubte er sie tot,

und ein wilder, unsäglicher Schmerz ergriff ihn, daß er ihren leblosen

Körper wieder emporrichtete, an seine Brust ihr todblasses Haupt legte und

ihre kalten Lippen küßte, als könnte er ihr mit seinem Atem wieder das

entflohene Leben einhauchen. Und da that sie einen tiefen, tiefen Atemzug

und schlug die Augen auf.

»O, _du_ hast mich gerettet?!« murmelte sie matt, wie schlafbefangen.

Doch nun ließ er sie nicht ruhen. Er rieb ihre kalten Hände, und strich

ihr das nasse Haar aus der Stirn, und richtete sie endlich völlig empor.

»Fühlst du dich stark genug, nach dem Falkenhof zu gehen?« fragte er

liebevoll, »sonst mußt du hier bleiben, bis ich Leute hole, die dich ins

Haus tragen helfen, denn es ist ein weiter Weg für dich!«

»Nein, nein, nicht hierbleiben,« erwiderte sie, mit leisem Schauer

hinüberblickend nach dem Hexenloch, das wieder ruhig und unbewegt dalag,

als hätte ein Mensch nicht eben noch in ihm um sein Leben gekämpft und

gerungen. »Ich bin ganz stark und erholt und kann sehr gut gehen --«

Aber es ging doch noch ein wenig schwach und matt, woran die nassen Kleider

viel schuld hatten, die Nervenerschütterung und die Erschöpfung aber noch

mehr. Falkner stützte und trug sie halb, und so gingen sie langsam auf

dem kürzesten Wege nach dem Falkenhofe zurück, und wenn sie, blasser und

blasser werdend, einhielt im Gehen, da legte er sanft ihren Kopf an seine

Schulter und strich ihr ebenso sanft über Stirn und Haar.

»Warum bin ich nicht lieber gestorben?« fragte sie einmal und faltete die

Hände.

»Es hing an _einem_ Haare!« erwiderte er ernst. »Aber es scheint, du

sollst noch leben!«

Und langsam weiterschreitend, fragte er sie, wie es gekommen, denn im

ersten jähen Schrecken hatte er geglaubt, sie habe selbst den Tod gesucht.

»O nein,« erwiderte sie stolz, »Selbstmord ist eine Feigheit, und ich

habe sogar den Mut zum Leben.«

»Daran erkenn' ich meine _stolze_ Dolores,« sagte er bewundernd, und als

sie mit einem halben Lächeln zu ihm emporsah mit ihren großen, dunkeln

Augen, die jetzt einen so ganz anderen, weichen Ausdruck hatten, da setzte

er hinzu: »Denn die stolze Dolores war bewunderungswürdig und schön --

die demütige Dolores aber ist noch tausendmal schöner.«

Da senkte sie, matt errötend, den Blick wieder zu Boden.

»Nein,« sagte sie nach einer Pause, »nein, es war nicht mein Wille, das

Hexenloch zu meinem Grabe zu machen. Ich weiß auch nicht mehr, wie es kam

-- ich muß durch einen unbedachten Schritt ausgeglitten sein, und wenn es

nicht einfach unmöglich wäre, es zu behaupten, so würde ich sagen, ich

hatte das Gefühl, als hätte mich irgend etwas _hinabgestoßen_.«

»Vielleicht hat das plötzliche Ausgleiten und die damit verbundene

Erschütterung das Gefühl erzeugt,« meinte er.

»So wird, so muß es sein,« sagte sie matt.

Endlich kamen sie zum Falkenhof, der im matten Dämmerlicht, im letzten

Schimmer des geschiedenen Tages dalag, ruhig und friedlich, und

großartig. Vor der Terrasse unten stand Doktor Ruß und schnitt mit

seinem Taschenmesser welke Blätter von einem Rosenbaum, doch schien er die

Schwüle des zur Rüste gegangenen Tages noch nicht überwunden zu haben,

denn er mußte sein Geschäft oft unterbrechen, um seine Stirn mit dem

Taschentuch zu trocknen, ja der sonst so kühle, blasse Mann war rot und

erhitzt, als wäre er überrasch gegangen. Da er mit dem Rücken gegen

den Park stand, so sah er das Paar auch nicht, das über das weiche

=bowling-green= quer geschritten kam, und wandte sich erst um, als er die

Stimme seines Stiefsohnes hörte, der Dolores eben sagte, daß er sie bis

nach oben führen würde. Überrascht, Falkner heut' Abend nochmals hier

zu sehen, wandte Doktor Ruß sich um, und fuhr bei dem Anblick der

totenblassen, von ihren schweren, nassen Kleidern umhüllten Dolores so

heftig zurück, daß ihm das Messer abglitt und tief in seine Hand fuhr.

»Herr des Himmels, was ist geschehen?« preßte er, blasser als Dolores

selbst, hervor.

Doch diese lächelte. »Ich habe die Hexenprobe im Hexenloch bestanden,«

sagte sie scherzend. »Das heißt,« fuhr sie sich verbessernd fort,

»ich habe bewiesen, daß ich keine Hexe bin, denn ich wäre entschieden

untergesunken, wenn Alfred mich nicht herausgeholt hätte, was ihm schwer

genug gefallen ist.«

»Aber, um alles in der Welt, wie kam es denn, daß Sie in den

gefährlichen Tümpel fielen?« forschte Doktor Ruß weiter, das

Taschentuch um seine blutende Hand wickelnd.

»Mir war's, als hätte mich jemand, der nicht da war, hineingestoßen,«

erwiderte sie, immer im scherzenden Tone, »aber das ist nur die

sensationelle Lesart -- die richtige ist leider, daß ich einfach

ausgeglitten bin und das Gleichgewicht verloren habe, was einem zuweilen

passieren soll,« fügte sie mit einem matten Abglanz früherer Schelmerei

hinzu.

»Du bist dem sicheren Tode nur durch den Umstand entronnen, daß ich noch

nahe genug war, deinen Schrei zu hören und zu Hilfe zu eilen,« sagte

Falkner ernst. »Aber zu Erklärungen ist jetzt keine Zeit, denn vor

allem mußt du die Kleider wechseln und sofort zur Ruhe gehen, damit das

Nachspiel dieses Falles nicht tragischer endet, als dieser selbst.«

»Gewiß -- so schnell wie möglich zu Bette, liebe Dolores,« redete nun

Doktor Ruß auch zu; »doch auch du, Alfred, mußt dich hier umkleiden. Ich

gehe, Ihnen aus meiner Apotheke ein Vademekum gegen Erkältung zu holen!«

-- Damit eilte er hinein, und Falkner führte Dolores ins Haus und bis vor

ihre Zimmer. Dort wollte sie ihm danken, aber er ließ es nicht zu.

»Daß deine Rettung mir gelang, war ja keine Heldenthat, sondern barer

Egoismus,« meinte er, und verließ sie so schnell, daß sie ihm eben nur

noch ein halb ersticktes »Lebewohl« zurufen konnte.

In Kleidern von Doktor Ruß, die ihm zur Not paßten, langte Falkner erst

spät in Monrepos an, begrüßt von besorgten Fragen seines späten Kommens

wegen, das man natürlich einem besonderen Ereignis zuschrieb. Nur Prinzeß

Lolo, welche sich in Zorn und Ungeduld über das lange, unentschuldigte

Ausbleiben ihres Verlobten in Wein- und Schreikrämpfe versetzt hatte,

wollte von triftigen Gründen nichts wissen, und beruhigte sich erst,

als Falkner nach diversen, sehr geduldigen Versuchen, sie zur Vernunft zu

bringen, sich kurz auf dem Absatz umdrehte und das Zimmer verlassen wollte.

Da hörte das Schluchzen und Schreien wie mit einem Zauberschlage auf, und

derselbe Mund, der eben noch verzerrt und zuckend geschrieen hatte, wie ein

eigensinniges Kind, er lachte hell auf und fragte:

»Aber wie siehst du denn aus? Dein Rock schlägt ja auf dem Rücken eine

Wasserfalte.«

»Weinen und Lachen steckt in einem Sacke,« murmelte der Herzog, dessen

Autorität sich diesem Kinde gegenüber wieder als machtlos bewiesen,

während die Bitten der Prinzeß Alexandra um Mäßigung die Sache

entschieden verschlimmert hatte.

Falkner wandte sich auf die Anrede seiner Braut um, heißen Zorn im

Antlitz, aber äußerlich sehr ruhig und beherrscht.

»Ich werde dir den Rock, der einen so wohlthätigen Einfluß auf deine

Stimmung hat, schenken,« sagte er nicht ohne Schärfe, welche dem

Erbprinzen, den das Benehmen seiner Schwester unsäglich reizte und

empörte, viel zu schwach und »bräutigamhaft« erschien. »Vielleicht,«

fuhr er nicht ohne Galgenhumor fort, »vielleicht ist die Wasserfalte eine

natürliche Folge davon, daß ein Sprung ins Wasser mein spätes Kommen

verschuldet hat.«

Und nun berichtete er kurz von dem Unfall, der Dolores betroffen, bei

größter Anteilnahme der herzoglichen Familie, welche seinem von ihm nur

flüchtig berührten Rettungswerke die wärmste Bewunderung spendete.

»Da hättest du denn bei dem Herausfischen deiner Cousine selbst ertrinken

können?« fragte Prinzeß Lolo, welche bis dahin mit großen Augen

zugehört.

»Es gehört ein harter Kampf dazu, dort das eigene Leben zu retten,

geschweige denn das anderer,« sagte der Erbprinz, welchen die Gefahr, in

welcher Dolores geschwebt, aufs Tiefste erschüttert hatte.

»Dann war es schlecht von dir, hinein zu springen,« rief Prinzeß Lolo

außer sich, »du hast kein Recht dazu, dich für andere in Gefahr zu

begeben, du gehörst _mir_!«

»Lolo!« mahnte Prinzeß Alexandra empört, »vergiß nicht, was der

Dichter sagt:

Ein braver Mann denkt an sich selbst zuletzt,

Vertraut auf Gott und rettet die Bedrängten.

Und Falkner hat sich als ›ein braver Mann‹ gezeigt! Muß dich das nicht

mit Stolz erfüllen? Die einzige Entschuldigung für dich ist, daß

dieser empörende Egoismus nur ein Ausbruch deiner nachträglichen und

gerechtfertigten Angst um sein Leben war!«

»Ratteltatteltattel!« äffte die kleine Durchlaucht blitzenden Auges

ihrer Schwester nach. »Was ihr nicht immer über mir zu meistern habt! Ich

habe mir gar nichts anderes gedacht, als ich gesagt habe, und bleibe dabei,

daß Alfred gar nicht das Recht hat, sich in Gefahr zu begeben. Was hast

du überhaupt mit Dolores Falkner abends am Hexenloch zu thun?« setzte sie

eifersüchtig hinzu.

Falkner wollte diesen unbewußt gerechtfertigten Ausbruch mit

Stillschweigen übergehen und unbeantwortet lassen, aber ein forschender

Blick des Erbprinzen schien ihm dieselbe Frage vorzulegen. Er antwortete

daher, was die reine Wahrheit war:

»Ich wollte auf dem Wege über das Hexenloch nach Monrepos zurückkehren

und traf sie dort an. Der Unfall ereignete sich erst, als ich schon im

Weitergehen war -- glücklicherweise nicht weit genug, um noch helfen zu

können.«

»Glücklicherweise!« höhnte Prinzeß Lolo mit so eigenem Ausdruck, daß

Falkner auffuhr, sich aber beherrschte und von dem Herzog die Erlaubnis

ausbat, sich zurückziehen zu dürfen, da das lange Tragen der nassen

Kleider ihm ein gewisses Gefühl des Unbehagens verursacht habe. Als er

seiner Verlobten aber Gute Nacht sagte, hatte diese schon die Reue erfaßt.

»Sei nicht böse,« flüsterte sie, »es war ja nur, weil ich

eifersüchtig auf dich bin! Ich werde mir heut' Nacht noch die Augen

ausweinen in dem Gedanken an die Gefahr, in der du geschwebt -- und weil

ich dich geärgert habe. Aber du darfst wirklich nicht böse sein!«

Er küßte ihr die kleine, rosige Hand und ging -- schuldbewußt, elend und

glücklich zugleich, denn er war sich einer Untreue gegen seine Verlobte

bewußt, welche nur strengste Buße, absolutes, unbedingtes Entsagen zu

sühnen vermochte vor dem Richterstuhl seines eigenen unbeugsamen, strengen

Gewissens, das selbst seinen Schmerz um ein verscherztes Glück und seinen

Unwillen gegen die Ungezogenheiten seiner Braut nicht freisprechen wollte.

Und was er sich der Stimme seines Gewissens gegenüber heut' Abend gelobte,

er wußte, er würde es halten, und er wußte, daß Dolores es achten

würde.

Die herzogliche Familie schickte am selben Abend noch nach dem Falkenhof

einen Boten, der sich nach dem Befinden der Baroneß erkundigen sollte und

die Nachricht zurückbrachte, daß sie ruhig und fest schlafe.

Und in der That schlief Dolores ruhig und fest, erschöpft von ihrem Kampfe

mit den schrecklichen Wassern, bewacht von der alten treuen Tereza, welche

die Nacht nicht von dem Bette der Herrin wich. Diese aber träumte, sie

flöge durch einen weiten, weiten Raum, unten aber stand Falkner mit

ausgebreiteten Armen sie aufzufangen, doch ein Windstoß riß sie dahin,

bis sie in den Wolken verschwand und nichts mehr sah. Plötzlich aber

zerrissen die Wolken wie ein Vorhang, und einer =Laterna magica= gleich zog

die Scene am Hexenloch noch einmal an ihr vorüber, nur anders in einzelnen

Dingen, und wie sie das Wasser über sich zusammenschlagen sah auf dem

Bilde in den Wolken, da wachte sie auf und wußte, sie hatte das schon

einmal geträumt -- --

Geträumt _und_ erlebt?

Doch ihr Geist war allzu schlafbefangen, um darüber grübeln zu können,

und als sie die Augen wieder schloß, glaubte sie es neben ihrem Bette

rauschen zu hören wie von seidenen Kleidern, und als sie die Augen deshalb

wieder mühsam öffnete, sah sie die Ahnfrau Dolorosa über sich gebeugt.

»Das war der zweite Traum, den ich dir gezeigt,« meinte sie es flüstern

zu hören. »Denk' an die beiden anderen Traumbilder und hüte dich!«

Da fuhr sie hoch empor aus ihren Kissen -- es war niemand zu sehen.

»Tereza, war jemand hier?« fragte sie die sich besorgt über sie beugende

Dienerin.

»Verzeihe, Herrin -- ich war eingeschlafen,« sagte diese, »da hat mir

geträumt, es kam eine schöne, fremdartig gekleidete Dame herein und ging

an dein Bett, und ich hörte sie mit dir flüstern. Und wenn es nicht ein

Traum sein müßte, weil doch niemand hier ist, so würde ich schwören,

ich hätte sie mit eigenen Augen gesehen!«

»Es war doch nur ein Traum,« dachte Dolores und schlief wieder ein.

* * * * *

Doch noch ein anderer hatte im Falkenhof unruhige Träume -- das war der

Doktor Ruß, und wenn er auch dabei fast ununterbrochen schlief, so

störte er doch seine Frau durch sein lautes Sprechen im Schlafe, und

ihre Müdigkeit wich vollends, als sie ihren Gatten öfters den Namen

»Dolores« aussprechen hörte. Wilde, wahnsinnige Eifersucht ergriff

das Herz der alternden Frau, und mit der Freude der Selbstqual, mit

dem Verlangen jener Leidenschaft, »welche mit Eifer sucht, was Leiden

schafft,« opferte sie gern den eigenen Schlaf, um aus den abgerissenen

Worten und Sätzen ihres sich unruhig hin- und herwerfenden Mannes einen

Zusammenhang herauszufinden, aus dem sie mit wilder Freude neue Qualen

herausdüfteln konnte für ihr altes Herz, das in seiner eisigen Hülle in

dem einen Punkt schlug wie vor dreißig Jahren, als der selige Freiherr von

Falkner, ihr erster Gatte, ihr noch Grund gab zur Eifersucht.

Aber die Ausbeute dieser Nacht war nur gering, denn alles, was sie

erlauschte und verstand, drehte sich unablässig um drei Dinge: »Dolores

-- zum zweitenmal gerettet -- wer hätte gedacht, daß sie schreien

würde. --« -- -- --

Daraus konnte sie sich keinen Vers machen.

* * * * *

Der Haushalt in Monrepos wurde einige Tage nach dem Unfall am Hexenloch

aufgelöst, und die herzogliche Familie nahm herzlichen und warmen Abschied

von Dolores, welche das Versprechen geben mußte, den Hochzeiten in

Nordland beizuwohnen -- ersterer als Verwandte des Bräutigams, letzterer

als Freundin und Palastdame der künftigen Großherzogin Alexandra,

welche ihr versprach, das Patent rechtzeitig von ihrem hohen Verlobten

zu erbitten. Dolores war tief bewegt von soviel Güte und wahrhaft tiefe

Herzensbildung verratendem Entgegenkommen, doch Prinzeß Alexandra, welche

ihr etwas altjüngferliches Wesen mit einem Schlage abgeworfen zu haben

schien, wollte davon nichts einräumen, sondern schob alles auf die

glänzenden äußeren und inneren Eigenschaften der einst so angezweifelten

Herrin vom Falkenhof, welche das Vorurteil so rasch besiegt und gründlich

ausgerottet hatte, das man gegen sie gehegt. Und als dann Dolores

versicherte, dieser Sieg sei der schönste ihres Lebens, und sie fühle

sich so hoch erhoben und beglückt durch die Freundschaft der hohen Frau,

daß es wahrlich nicht noch jenes vielbeneideten und heißersehnten Titels

einer Palastdame bedürfe, um ihr das kostbare Gut dieser Freundschaft

gewissermaßen auf dem Wege eines Gnadenaktes verbrieft und versiegelt

zuzusichern, da sagte Prinzeß Alexandra mit jenem feinen Takt und jener

seltenen Gabe, welche ein Geschenk wert macht durch die Absicht:

»Nein, liebe Dolores, Ihre Ernennung soll auch kein Gnadenakt sein,

keine sogenannte Rehabilitierung als Lehnsherrin vom Falkenhof nach Ihrer

Bühnenlaufbahn, am allerwenigsten aber ein leerer Schall -- aber ich

will's Ihnen bekennen, was ich dabei im Auge habe. Sie würden in Ihrer

Bescheidenheit von selbst ja doch nicht kommen, mich aufzusuchen, Sie

würden sogar eine Einladung ablehnen aus demselben Motiv -- aber Sie

müssen kommen, wenn Ihr Amt Sie ruft, bei besonderen Gelegenheiten Dienst

zu thun bei mir. Sie sehen also, daß Ihr Patent nur mein Anrecht an Sie

verbriefen und den schnödesten selbstsüchtigsten Motiven dienen soll.«

Was konnte Dolores thun dieser herzgewinnenden Art, zu geben, gegenüber?

Sie konnte nur geben, was so geboten wurde, und daß es ein warmes Gefühl

im eigenen Herzen verursachte, war eine ganz natürliche Folge.

Doch ehe es leer wurde und still in Monrepos, waren es drei Dinge, die ihr

Schmerzen verursachten und Pein. Das erste war Falkners Abschied. Er war

am Morgen nach dem Unfall abgereist, ohne sie gesehen zu haben, ohne Wort,

ohne Botschaft. Sie mußte ihn dafür um so höher achten, er stieg darum

in ihrer Bewunderung, und sie sagte sich auch, daß er als Ehrenmann nur so

handeln durfte -- aber es schmerzte sie darum doch, und sie war noch

nicht so gestählt im Entsagen, daß es sie nicht mit Bitterkeit gegen ihr

Schicksal und tiefstem Schmerz erfüllt hätte. Und dabei bäumte ihr Stolz

sich in heftigen Selbstvorwürfen auf, daß es _ihm_ gelungen war, ihr

das Geständnis ihrer Liebe zu entreißen, gegen ihren festen Willen,

der so stark gewesen, und ihr reines, thörichtes Herz so

schwach. -- -- -- -- --

Und Pein machte ihr dann der Erbprinz, dessen Augen mit stummen Fragen

auf sie gerichtet waren, dem sie _jetzt_ nicht um alles in der Welt hätte

sagen können, daß sie seine Werbung nicht annehmen könnte, weil eine

hoffnungslose Liebe es ihr so bald schon unmöglich mache, einen Bund fürs

Leben zu schließen. Und aus diesem Grunde mied sie es, mit ihm allein zu

sein, und als er an einem der letzten Tage dennoch Gelegenheit fand, sie

ohne Zeugen zu sprechen, das heißt ihr einfach zu sagen:

»Scheide ich mit oder ohne Hoffnung? Sagen Sie mir nur soviel!« -- da

rang sie stumm die Hände und erwiderte dann schmerzlich:

»Sie _müssen_ mir Zeit lassen, Prinz! Ich bin ja noch nicht fertig mit

mir selbst. Soll ein entscheidendes Wort aber heute noch fallen, so ist es

ein ›Nein.‹«

»Ich werde warten,« hatte er einfach geantwortet.

Der dritte aber, der ihr Pein verursachte, war Keppler, welcher auch bis

zum letzten Moment bleiben mußte, an seinen Porträts beider Prinzessinnen

zu malen, um dieselben für die letzten Lasuren und Retouchen in seinem

Atelier fertig zu stellen. Er kam, um von ihr Abschied zu nehmen, mit

finsteren Zügen, wie ein Fremder zurückhaltend, so daß sie verwundert

den Kopf schüttelte.

»Was habe ich Ihnen gethan?« fragte sie sanft und vorwurfsvoll.

»Mir? Nichts und alles,« erwiderte er, »aber Sie haben sich selbst am

meisten getroffen.«

»Können Sie mir's immer noch nicht vergeben, daß ich zur Bühne nicht

zurückkehren will?« sagte sie mit mattem Lächeln, aber freundlich.

»Das wäre der eine Punkt,« gab er nach einer Pause zu. »Ich hoffe aber,

Sie haben Ihr Ultimatum darin noch nicht gesprochen.«

»Doch, lieber Freund, es ist entschieden.«

»Es ist eine himmelschreiende Sünde an der Kunst. Sie hätten berühmt

werden können wie die Catalani und die Malibran und der erbleichende Glanz

des Sternes einer Patti fing an, auf Sie überzugehen!« rief Keppler,

aufrichtige Überzeugung im Tone.

»Man soll nach den Sternen nicht begehren,« erwiderte Dolores, mit einem

Versuche zu scherzen.

»Sie thaten es einst -- warum jetzt nicht mehr?« fragte er erregt.

Sie errötete tief und sah zur Seite.

»Ich kann nicht -- diese Sterne haben ihren Reiz für mich verloren, ich

begehre sie nicht mehr.«

Da seufzte er tief, fast ungeduldig.

»Was würden Sie von mir sagen, würfe ich eines Tages Pinsel und Palette

ins Feuer und sagte: Ich kann nicht mehr malen.«

»Ich habe ja aber nur Schminke und Puderquasten und falschen Hermelin ins

Feuer geworfen,« entgegnete Dolores. »Mir bleibt meine Musik für alle

Zeit, und ich hoffe noch manches Lied zu ersinnen, das ›den Komponisten

der Satanella‹ dem Herzen näher bringt -- Sie wissen, solch' ein Lied,

von dem Geibel sagt:

Es singen's bald zu Nacht am Born

Die Mägde mit den Krügen;

Der Jäger summt es vor sich her,

Spürt er im Buchenhage,

Der Fischer wirft das Netz ins Meer

Und singt's beim Ruderschlage.

Hat dieser Ehrgeiz Grenzen, welche Ihnen weit genug dünken für mich? Muß

ich denn durchaus dabei noch heut' den armen Lohengrin fragen, woher er

kommt, morgen dem Troubadour versichern, daß ich unter Thränen lächle

und übermorgen als Traviata an der Schwindsucht sterben?«

Keppler mußte unwillkürlich lächeln.

»Mit Frauen läßt sich nicht logisch streiten,« sagte er, »aber ich

will ja auch nicht weiter forschen, denn Sie würden mir ja doch nicht

sagen, was diese Wandlung in Ihnen bewirkt hat. Nur eine Frage muß ich

thun: Haben Sie hier schon komponiert?«

»Im Anfang schrieb ich ein paar Lieder,« erwiderte sie zögernd.

»Und seitdem nichts mehr?«

»Nichts.«

»O, was hat dieser Falkenhof aus Ihnen gemacht!« rief er schmerzlich.

»Es hat doch jeder Mensch einmal im Jahre Ferien,« meinte Dolores, mit

einem Versuche gleichgültig zu bleiben.

»Als ob Ihnen das Schaffen, das Denken in Tönen eine Arbeit wäre, die

der Erholung bedürfte,« entgegnete Keppler finster. »Ihre Schwingen sind

Ihnen eben salonfähig gestutzt worden, und man hat dabei leider auch die

ganze Schwungkraft derselben gelähmt. Ist's nicht so?«

»Vielleicht,« nickte sie etwas kühl.

»Soweit wäre es nie gekommen, wenn Sie meine Frau hätten werden

wollen,« rief er heftig.

Die Falkner vom Falkenhof. Zweiter Band. · 第 8 / 12 题