Nun reichte sie ihm die Hand von selbst.
»Das freut mich von Herzen,« sagte sie so warm, so schlicht und voll
wirklicher Anmut, wie er nie geahnt hatte, daß sie sich geben konnte. Und
all' das war nicht für ihn, zu hoch, zu unerreichbar, und wie das Auge
von ferne nur glorreiche, wunderbare Berggipfel anzustaunen vermag, die
unzugänglich sind für Menschenwitz, Menschenneugierde und Menschenfuß,
so auch wurde ihm gezeigt, was er ohne die goldene Fessel, die ihn
gefesselt hatte, nicht schauen gedurft.
»Und nun zu Ihrer Bitte, Vetter Alfred,« rief sie heiter nach einer
langen Pause, die ihr das innere Gleichgewicht wiedergeben mußte. »Ich
bin furchtbar stolz darauf, die Erfüllung eines Ihrer Wünsche in meiner
Macht zu haben!«
»Ich bin nur nicht ganz sicher, ob Sie meine Bitte nicht für Neugierde
=sans phrase= halten,« erwiderte Falkner, mühsam auf ihren Ton eingehend.
»Jetzt machen Sie mich aber unverhältnismäßig neugierig!«
»Ich möchte gern die Prophezeiung der Ahnfrau hören,« erwiderte er
bittend. »Ist das eine große Schwäche?«
Da wechselte die Blässe ihres Gesichtes mit jäher Röte.
»Nein, nein,« sagte sie erschreckt, aber sie erhob sich im Moment.
»Einen Augenblick Geduld,« fügte sie hinzu, »ich hole meinen Fund
sogleich.«
Im Nebenzimmer aber stand sie einen Moment still und preßte die Hände
gegen die Schläfen.
»Das also war's,« dachte sie mit Bezug auf das Gefühl nahenden Unheils,
das sie vorhin beschlichen.
Dann holte sie das Missale der Ahnfrau aus seinem Versteck.
»Vorwärts!« sagte sie sich. »Auch das muß noch überwunden werden.«
Und wieder trat sie in den Saal, wo Falkner vor dem Bilde der Freifrau
Dolorosa stand.
»Es war doch ihr Ernst mit dem Bericht von dem wunderbaren Funde der
Prophezeiung?« fragte er, als sie vor ihm stand.
»Ja gewiß,« und nochmals erzählte sie ihm ausführlich von ihrem Traume
und versprach, ihm das dadurch entdeckte Geheimfach zu zeigen.
Und nun nahm er mit einem gewissen Gefühl von Ehrfurcht und Rührung das
Buch mit den verblichenen, vielfarbigen Bändern aus ihrer Hand und schlug
den Deckel auf, und las laut und langsam die steilen, krausen Schriftzüge:
Wenn sich die Bas' dem Vetter soll vermählen,
Wird sich der Falk' ein dauernd Nestlein wählen.
Die letzte Falkin muß in Schmerzen büßen,
Die Grabesruh' der Ahne zu versüßen.
Wenn neu sie auflebt in der Huldgestalt,
Die einst im Brautgewande ward gemalt,
Kann diese Falkin siegen ob dem Bösen.
Wird meine arme Seele sie erlösen,
Kann sie des Falken Herz zu sich bekehren,
Werd' ich der Engel Alleluja hören.
Dann ist ein tausendjährig Blühn beschieden
Dem Stamm der Falkner auf der Erd' hienieden.
Kann sich das Edelfalkenpaar nicht finden,
So wird ihr Stamm erlöschen und verschwinden.
* * * * *
Und dieses Edelfalkenpaar, die letzten Falken aus dem alten Nest, für
die drei Jahrhunderte früher die Hand einer Unglücklichen diese Zeilen
niedergeschrieben zu haben schien -- sie standen sich jetzt gegenüber
unter dem Bilde der unseligen Prophetin -- Falkner wunderbar erregt,
Dolores blaß zwar, aber scheinbar unbewegt und kühl.
»Ein seltsames Elaborat,« unterbrach er dann die herrschende Stille. »Es
fällt, angesichts dieser verworrenen, gereimten Andeutungen schwer, an
den klaren Geisteszustand der Schreiberin zu glauben, den sie selbst so
feierlich betont, doch das Geheimnisvolle, Unklare ist ja das Zeichen aller
Sybillen.«
Dolores nickte.
»Wollen Sie das Geheimfach sehen?« fragte sie etwas unvermittelt. Er
schien die Frage gar nicht gehört zu haben.
»Dolores, Sie und ich, wir sind die letzten Falkner,« sagte er, sie voll
anblickend.
Sie versuchte zu lächeln.
»Uns hat sie aber nicht gemeint,« rief sie, auf das Bild deutend.
»Abergläubische würden das trotzdem glauben,« entgegnete er, »denn
drei Zeilen dieses wunderbaren Ergusses zeigen ja geradezu mit Fingern auf
uns. Die erste ist auch der Beginn der Prophezeiung, wenn man's überhaupt
eine solche nennen will -- die andern beiden Zeilen:
Wenn neu sie auflebt in der Huldgestalt,
Die einst im Brautgewande ward gemalt, --
diese Zeilen werden ja lebendig, wenn Sie neben dies Bild treten!«
»Das ist Zufall,« sagte sie lächelnd. »Denn wenn auch diese Zeilen
anwendbar sind auf Sie und mich, so wissen wir's doch nicht, ob wir die
letzten Falken sind, weil eine Freifrau von Falkner =in spe= alle Lust
bezeugt, die dritte im Bunde zu werden.«
»Ah, das ist freilich ein schlagender Beweis,« erwiderte Falkner, indem
er das Buch in ihre Hände zurücklegte.
»Ich hebe es als Familienreliquie auf für --« für Ihre Kinder, wollte
sie sagen, brach aber ab und fügte hinzu: »Für Sie.«
Und dann zeigte sie ihm das Geheimfach hinter dem Madonnenbilde des
Beato Angelico, und nachdem sie davon noch harmlos eine Viertelstunde
verplaudert, empfahl er sich, und sie gab ihm das Geleit bis zur Thür.
»Sie haben Ihrer Mutter von Ihrer Verlobung natürlich schon Mitteilung
gemacht?« fragte sie während des kurzen Ganges.
»Gewiß. Ich war zuerst bei ihr.«
»Und sie freute sich natürlich sehr?«
»Soweit sie Gefühle äußern kann und darf, glaube ich es annehmen zu
dürfen,« erwiderte Falkner bitter, fügte aber gleich in anderem Tone
hinzu: »Und werden Sie kommen, in Monrepos zu gratulieren?«
»Ich komme heut' noch,« versprach sie, und als sie ihm dann die Hand
reichte, sagte er:
»Also unser Bündnis gilt von heut' an? Denn ich habe Ihr Versprechen des
Vergebens und -- des Vergessens.«
»Ja,« antwortete sie, ihm frei ins Auge sehend: »Alle Falken ehrlich!«
Und Falkner ging, aber nicht so leichten Herzens, wie er gedacht hatte.
Er wußte, sie würde ihr Versprechen halten; das war ihm ein wahrhaft
freudiges Gefühl, als hätte er dadurch etwas Dunkles, Schweres
abgestreift, das ihn befleckt hatte, und er fühlte sich frei und
erfrischt. Aber das Weh im tiefsten Herzen -- das Weh war zurückgeblieben,
und am liebsten wäre er umgekehrt auf der Treppe und wäre wieder vor sie
hingetreten und hätte gesagt: »Dolores, wir sind das Edelfalkenpaar, das
letzte! Wann werden wir uns finden?« -- Aber er durfte nicht mehr, seine
Ehre war verpflichtet, sein Wort gegeben. »Arme Lolo!« dachte er. »Aber
du sollst nicht leiden darunter, denn nun, da sie vergeben und vergessen
hat, werd' ich dir leichteren Herzens so viel Glück geben, wie mir übrig
geblieben ist.« -- Und während er nicht ohne Rührung der rückhaltlosen
Liebe des Fürstenkindes für ihn gedachte, war es sein heißer Wunsch, das
kleine, elfengleiche Wesen wirklich glücklich zu machen.
Am Fuß der Treppe begegnete ihm »zufällig« sein Stiefvater.
»Ei der Tausend! Das war ja ein langer Besuch -- wenn das durchlauchtige
Bräutchen dadurch nur nicht eifersüchtig gemacht wird,« sagte Doktor
Ruß scherzend.
»Das könnte passieren, wenn du es ihr in geschickter Weise plausibel
machst,« gab Falkner gereizt zurück, denn der zweite Gatte seiner Mutter
machte ihn nervös. Er ärgerte sich selbst stets darüber, aber immer
wieder brach die unsägliche Antipathie durch.
Doktor Ruß lachte leise vor sich hin, wie er's gleichfalls unabwendlich
gewohnt war, wenn sein Stiefsohn unter seinen Worten wie ein gestochenes
Roß sich emporbäumte. Was aber die Worte nicht thaten, vollendete dann
dieses Lachen -- wütend ließ Falkner den Doktor stehen und ging zu seiner
Mutter, um ihr Lebewohl zu sagen.
»Meine Braut wird zu dir kommen mit Fräulein von Drusen,« sagte er
ihr, und über die blassen, käsigen Züge der Frau Ruß flog ein Rot des
Stolzes, und die kalten Augen blitzten triumphierend und fast zärtlich zu
dem Sohne hinüber.
»Ich freue mich so sehr,« sagte sie im heftigsten Stricken, »besonders
aber, weil du den Rotkopf nicht hast zu heiraten brauchen.«
»Ist Dolores dir so unsympathisch?« fragte er erstaunt.
»Ich kann sie nicht leiden,« stieß Frau Ruß hervor. »Ich habe sie
schon als Kind nicht gemocht, den wilden, ungezogenen Balg. Und daß Ruß
wieder versprochen hat, bis zum Herbst hier zu bleiben, ist mir gar nicht
recht. Aber was ist da zu machen -- er will eben!«
Falkner konnte sich's schon denken, warum »er« wollte, denn er wußte es
so gut wie jener, daß sich hier besser und bequemer die gesuchte Professur
erwarten ließe. Aber er überging dies Thema wohlweislich, denn einmal
hatte seiner Mutter langer Aufenthalt das Peinliche für ihn verloren, und
dann war es sein Grundsatz, die Wege des Doktor Ruß so wenig wie möglich
zu kreuzen.
»Dolores ist aber eigentlich sehr nett dir gegenüber,« sagte er deshalb
nur. »Ich begreife deine Abneigung nicht.«
Frau Ruß ließ den Strickstrumpf sinken, sah sich um, ob niemand
Unberufenes in der Nähe war, überzeugte sich auch, daß ihr Gatte
draußen immer noch vor einer seltenen Zierpflanze stand, und sagte dann
flüsternd:
»Ich bin eifersüchtig auf sie, Alfred!«
»Aber Mutter -- --«
»Eifersüchtig, sage ich dir,« fuhr sie leidenschaftlich fort.
»Freilich, noch weiß ich's nicht gewiß, ob sie _ihn_ verführen will,
oder ob _er_ Feuer gefangen hat an den roten Satanshaaren. Aber so oder so
-- sie stört meinen Frieden!«
»Da kannst du ruhig sein, Mutter -- _sie_ wird deinen Frieden nicht
antasten,« entgegnete Falkner, warm für Dolores eintretend und zugleich
voll Mitleid für die arme Frau, die sich das elende Leben, das sie
führte, selbst noch zu verbittern versuchte in der schlimmsten Weise.
Hinten herum, um Doktor Ruß nicht noch einmal zu begegnen, ging er nach
Monrepos zurück, und Ekel erfaßte ihn bei dem Gedanken, daß das
Herz seines Stiefvaters wirklich schneller schlagen könnte für seine
Gastfreundin. Und dann mußte er lachen, als er der anderen Version seiner
Mutter gedachte. Vor einem Monat hätte er vielleicht noch daran geglaubt
und die Achseln dazu gezuckt, aber heute konnte er darüber lachen,
gottlob.
Wohin aber mit seiner Mutter, wenn der Aufenthalt im Falkenhofe endlich
einmal zu Ende ging? Sie zu sich nehmen? Gern, obwohl er und sie sich nicht
verstanden, nie verstanden hatten. Aber das hätte ihn nicht zum Gegenteil
bestimmt. Doch _mit_ ihrem Gatten sie aufnehmen -- nun und nimmermehr! Und
Falkner überlegte, wo er darauf wirken konnte, daß Ruß eine unabhängige
Stellung irgendwo erhielt, die ihm eine anständige Subsistenz für
seine Frau ermöglichte und deren Lebensstellung nicht herabdrückte zur
Unerträglichkeit für die stolze Frau.
Als er nach Monrepos kam, sah er den Herzog im Gartenkostüm, mit einer
Riesenschere bewaffnet, den Hut im Genick, vor seiner jüngsten Tochter
stehen, welche auf einem niedrigen Gartenstuhle mehr lag als saß, das
Gesicht mit beiden Händen verhüllt hatte, anscheinend weinend, und von
Zeit zu Zeit den Fußboden mit den niedlich bekleideten Füßchen stampfte
und schlug. Erstaunt blieb er einen Augenblick an der Pforte stehen -- was
war da vorgegangen?
»Höre, Lolo,« hörte er den Herzog sagen, »das ist eine Unvernunft!«
Die Antwort schien nur erneutes Schluchzen zu sein.
Anscheinend ratlos schnappte der hohe Herr ein paarmal mit der Gartenschere
in die leere Luft.
»Und außerdem blamierst du dich vor den anderen und machst dich vor den
Dienstboten lächerlich,« fuhr er fort, und als ihm darauf ein leiser
Schrei, etwa wie ungezogene Kinder zu schreien pflegen, antwortete, da
sagte er ganz ärgerlich: »Wo hat denn nur der Kuckuck diesen Falkner?«
»Hier, Hoheit,« antwortete der vom Gitter her, das er nun hinter sich
schloß und der Gruppe zuschritt. Seine Stimme aber gab nur das Signal zu
einem Schrei- und Weinkonzert, welches nun bei Prinzeß Lolo unaufhaltsam
losbrach und zwar mit einer Vehemenz, daß der Herzog sich die Stirn
zu trocknen begann und Falkner nicht wußte, ob er stehen bleiben oder
vorwärts gehen sollte. Als er letzterem denn doch den Vorzug gab, neben
die Prinzeß trat, den Arm um ihre Schultern legte und leise sagte: »Lolo!
Ich bin hier,« da sprang sie empor, ballte die niedlichen Fäustchen und
stampfte wütend den Boden.
»Du kannst bleiben, wo du warst! Wohl bei ihr, der rotköpfigen
Komödiantin! Mich so warten zu lassen -- und am ersten Tage unserer
Verlobung -- geh'. Ich mag dich nicht mehr sehen!«
Ganz erstaunt hatte Falkner diesen Ausbruch über sich ergehen lassen --
jetzt zog er ruhig die Uhr hervor.
»Als ich heut' früh nach dem Falkenhofe fortging, sagte mir Lolos
Kammerfrau, daß Durchlaucht vor zwölf Uhr mittags _niemals_ draußen
erschienen und zu sprechen sei. Es ist jetzt zehn Minuten _vor_ zwölf
Uhr,« sagte er.
»Das ist nicht wahr! Es ist mindestens zwei Uhr! Ihr habt die Uhren
zurückgestellt, um mich zu täuschen!« tobte das Prinzeßchen weiter,
aber nicht mehr so heftig als vorher.
»Kommen Sie, Falkner,« rief der Herzog, dessen Geduld entschieden zu Ende
zu gehen schien. »Gegen die Unvernunft giebt's kein Mittel!«
Falkner zögerte einen Moment.
»Lolo! Aber Lolo!« sagte er leise.
Da flog sie an seine Brust und in seine offenen Arme, und vergnügt
schmunzelnd ging der Herzog seiner Wege.
»Ja, ja, Sascha hat recht,« dachte er, »für dieses Köpfchen brauchten
wir einen Petrucchio. Und fürstliche Petrucchios giebt's nicht. Habe
wenigstens nie etwas davon gehört. Wird ja Grund zum Gerede geben, diese
Heirat -- billiges Vergnügen das -- kann man sich gefallen lassen.«
Indes hielt Falkner seine kleine, blonde Braut in den Armen und streichelte
ihr weiches, lichtes Haar.
»Ich hatte mich heut' schon so auf dich gefreut,« gestand sie ihm, »ich
war schon um halb elf Uhr draußen -- da warst du fort, und nun habe ich
gewartet, gewartet, gewartet -- o, so schrecklich lange!«
»Eine halbe Ewigkeit,« ergänzte Falkner lächelnd und küßte das
reizende Gesichtchen, das sich so innig an seine Brust schmiegte, aus
dessen Augen er las, daß er wirklich geliebt sei, geliebt, wie kein
anderer Mensch auf der weiten Welt ihn liebte. Was also nützte es, nach
einer anderen Liebe zu verlangen, die für ihn nicht erreichbar war?
Und während er auf das leidenschaftliche Geschöpfchen an seiner Brust
herabsah, gelobte er sich, es zu führen und zu leiten und dessen nicht
mehr zu gedenken, was hätte sein können.
Auf Monrepos war nun mit der Verlobung des jüngsten Prinzeßchens ein
neues Leben eingezogen. Der Herzog hatte die Vermählung seiner Tochter
für den Herbst fixiert, ehe man den Landbesitz, fern von der großen
Straße, verließ, um in die Residenz zurückzukehren. Dann sollte das
junge Paar eine Hochzeitsreise machen, und bis dahin gedachte der Herzog
seinem Schwiegersohn einen Gesandtschaftsposten zu erwirken, oder besser
gesagt, einen Posten als Gesandter. Außerdem war Monrepos als Morgengabe
der fürstlichen Braut zugedacht und diese Schenkung schon verbrieft, und
der Herzog dachte nicht daran, an diesen längst getroffenen Bestimmungen
zu ändern oder zu rütteln.
Daneben gestaltete sich der Verkehr zwischen Monrepos und dem Falkenhofe
immer nachbarlicher und freundschaftlicher, denn der Umstand, daß Prinzeß
Sascha sich mehr und mehr zu Dolores hingezogen fühlte und auch der
Erbprinz sich sehr wohl in ihrer Gesellschaft befand und dieselbe häufig
auch suchte, ließ viel von den Schranken fallen, welche die Etikette sonst
aufrichten mußte. Aber die fürstliche Familie kannte in der Sommerfrische
keinen Etikettenzwang, von dem sie im Winter noch genug verspürte, denn
gewöhnlich werden die starren Gesetze aus dem Codex der Etikette an
kleinen Höfen viel strenger und verschärfter befolgt, als an großen
Hoflagern -- wahrscheinlich ist der Grund dafür der, daß man fürchtet,
der heilsame »Zug,« der das eintönige Leben zusammenhält, möchte
bei milderer Anwendung nach und nach einschlafen und der »Hof« zu einem
einfachen adeligen Haushalt herabsinken. Aber zu Monrepos war man, wie
gesagt, nur Gutsnachbar, nicht regierender Herr, um so mehr und um so
lieber, als Schloß und Gut auf fremdem Boden lagen. Im Bunde die Dritten
waren oft Graf und Gräfin Schinga, und wenn ersterem auch, wie er daheim
unverblümt versicherte, die Leute in Monrepos und Falkenhof zu »gebildet
waren,« »ihm zu viel auf dem Flügel droschen, grölten und sogenanntes
ästhetisches Blech quasselten,« so fühlte er sich doch, wie er sich
allein gestand, »kolossal gekratzt,« in ihrem exklusiven Kreise, der sich
über ihn amüsierte, ein ständiges Glied zu sein. Dabei versicherte
er seiner Frau unverblümt und mit naivster Offenheit, daß er in das
»prachtvolle Weib,« Dolores Falkner, bis über die Ohren »verschossen«
sei und ihr »riesig die Cour schneiden« müsse. Die Gräfin rührte dies
Bekenntnis nicht weiter, geschweige denn, daß es sie eifersüchtig machte,
denn da ihr Gehirn entschieden ausgebildeter war, als das ihres Gatten,
Eifersucht außerdem ein Luxus war, den ihre Ehe nicht kannte, und Dolores
ihr sympathisch war, so nahm sie des Grafen in Hyperbeln sich bewegenden
Enthusiasmus so kühl hin, wie alles andere von ihm. Dolores hingegen bat
recht oft um den Besuch der Arnsdorfer Herrschaften, erklärte der Gräfin
aber die positive Unmöglichkeit, zu ihr kommen zu können wegen
der Schlangen. Gleichmütig wie alles und absolut erhaben über die
Kleinlichkeiten eines Kerbholzes über abgestattete und abzustattende
Besuche nahm Gräfin Schinga auch diese Erklärung auf, versprach recht
oft von selbst zu kommen und nahm Dolores den angegebenen Grund gar nicht
übel.
»Ich begreife nur nicht, wie Sie mit dieser Aversion gegen Schlangen in
Brasilien existieren können,« meinte sie, und Dolores gestand, daß
ihr diese exotische Landplage den Aufenthalt im Heimatlande ihrer Mutter
allerdings unerträglich machen würde.
Das freundnachbarliche Verhältnis zwischen Falkenhof und Arnsdorf wurde
aber noch durch den Umstand besiegelt, daß Dolores den berühmten Pony des
Grafen Schinga kaufte und einen Preis dafür zahlte, für welchen sie ein
Vollblutpferd erster Klasse erhalten hätte.
»Dreitausend Mark für diesen Ziegenbock, welcher rohrt, Gallen hat und
am Hahnentritt leidet!« schrie Engels, als er die Anweisung zur Auszahlung
erhielt. »Nicht dreihundert ist dieses Biest wert! Und außerdem alt wie
Methusalem. Das ist ja niederträchtiger Betrug!«
Aber Dolores lachte.
»Das weiß ich ja alles, lieber Engels,« sagte sie sehr heiter. »Aber
Sie wissen, das Pferd ist Graf Schingas Tollpunkt und für gute Beziehungen
mit den lieben Nachbarn kann man schon 'mal etwas ausgeben.«
»Ja, wenn Sie sich noch in den Reichstag, oder ins Abgeordnetenhaus
wählen lassen wollten, aber so --!« Und Engels zuckte mit den Achseln
und erklärte Dolores innerlich für »meschugge.«
Und doch wußte sie, was sie mit diesem lächerlichen Kaufe that, denn
auch sie war, wie alle Welt, von den derangierten Verhältnissen des Grafen
unterrichtet, sowie von seiner dadurch bedingten, krampfhaft und chronisch
gewordenen Eigentümlichkeit, alle Welt anzuborgen (pumpen nannte er selbst
diesen Vorgang). Um diesen unvermeidlichen Akt in eine andere Form zu
kleiden und ihm zuvorzukommen, proponierte Dolores dem Grafen den Kauf der
Schindmähre und bat ihn, den Preis selbst zu fixieren. Da nun Graf Schinga
überzeugt war, daß Dolores versuchen würde, von der genannten Summe nach
dem Grundsatze: »Sagt er zwölfe, meint er zehne, will er acht haben
-- sechs ist's wert, vier möcht' ich geben, biet' ich zwei« -- einen
beträchtlichen Teil abzuhandeln, so nahm er den Mund gleich ordentlich
voll und forderte den exorbitanten Preis, der Engels in helle Wut versetzt
hatte. Aber Graf Schinga blieb einfach der Mund offen stehen, als Dolores
sich, ohne zu zucken, mit der Summe einverstanden erklärte -- er fuchtelte
mit den langen Armen umher, schlug sich auf die Kniee, daß es knallte und
-- schämte sich eigentlich »kolossal.«
»Nee, nee!« schrie er endlich, »das geht nicht! Soviel können Sie
dafür nicht geben!«
»Doch,« erklärte Dolores etwas von oben herab. »Sonst müßte ich ja
glauben, daß Sie mich hätten übervorteilen wollen.«
Darauf wurde Graf Schinga ordentlich rot, denn seinen »Schmu« hatte er ja
machen wollen, das »stimmte wie Apfelkuchen mit Schlagsahne,« und wenn er
sich nicht bloßstellen wollte, mußte er dies Geld einfach nehmen. Und er
nahm es auch. Dolores aber hatte dadurch wirklich den gefürchteten Borg
verhindert, denn nach diesem Kauf noch damit zu kommen -- das that selbst
ein Graf Schinga nicht.
Aber er that etwas anderes mit dem Gelde -- er erklärte, davon eine
»kolossal noble Gesellschaft, das reine Katzenschießen« geben zu wollen.
Er fuhr also zum Zweck der nötigen Einkäufe nach Berlin, verspielte dort
zwei Drittel des Geldes, vergeudete von dem übrig gebliebenen die Hälfte
und kam dann mit einem Riesenkater, sowohl physischem als moralischem, nach
Hause. Der erstere hielt aber bedeutend länger vor.
Jedenfalls waren das Resultat dieser Kunstreise Einladungen auf steifstem
Kartonpapier, welche im »Triangel« versendet wurden, und nach deren Tenor
Graf und Gräfin Schinga sich die Ehre gaben, zur Soiree -- u. s. w.
u. s. w. ganz ergebenst einzuladen. Auf der an Dolores adressierten Karte
hatte die Gräfin in Parenthese bemerkt, daß die Schlangen für diesen
Abend in einem verschlossenen Kasten beim Inspektor aufbewahrt werden
würden, und Graf Schinga hatte in seiner unbehilflichen Sextanerhand
dazugeschrieben: »Sagen Sie um Gottes willen diesen sauren Mops nicht ab
-- es giebt Hummern und kein solch verächtliches Zeug, wie deutschen Sekt,
sondern Röderer =carte blanche=.«
Dolores lachte Thränen über diese vorgehaltene Lockspeise, aber Engels,
der gerade dabei war, als die Einladung ankam, sagte wütend:
»Das ist _Ihr_ Geld.«
»Ei behüte, wir haben ja das Pferd dafür,« erwiderte Dolores, und sagte
dann ernster: »Hören Sie, Engels, ich habe schon daran gedacht, Arnsdorf
zu kaufen. Was meinen Sie dazu?«
»Wenn Sie's so billig kriegen können, wie das Pferd --«
»Ah, das war ein Extravergnügen.«
»Na, warten wir damit, bis es subhastiert wird, dann ist's ja am Ende
keine so üble Erwerbung,« schlug Engels vor, und Dolores beugte sich gern
seiner besseren Einsicht und Erfahrenheit.
Natürlich war das Fest bei Schingas ein glänzendes Unikum. Abgesehen
von der schäbigen Eleganz der Einrichtung des wackeligen Arnsdorfer
Herrensitzes, abgesehen auch von dem Umstande, daß das Abstäuben selbst
an diesem Tage als rein äußerlich für unnötig befunden ward, brachte
der Abend nur Überraschungen, wie alte Kochtöpfe als Sektkühler neben
den schwersten Silberschüsseln, verbogene Hornmesser neben prachtvollen
Bestecks, und in den herrlichen Damasttafeltüchern Mäuselöcher und
Messerschnitte. Daß die berühmten Hummern unaufgeschlagen erschienen,
soll nur nebenbei erwähnt werden, da es schon in größeren Häusern
ähnlich passiert sein soll, aber daß die kleinen Rosinen im Apfelmus sich
als schnöde darin ertrunkene Fliegen erwiesen, als man der Sache auf den
Grund ging, war doch schon eine stärkere Zumutung, die allein die Spitze
verlor durch den unleugbaren Umstand, daß alles mit dem freundlichsten
Gesicht von der Welt gegeben ward und die Wirte selbst ersichtlich
ahnungslos darüber waren, daß es bei ihnen so ganz anders war, als
sonstwo.
Prinzeß Lolo wollte sterben vor Lachen über alles was sie sah und genoß,
oder vielmehr genießen sollte, denn es war wirklich nicht alles dafür
geeignet, und Falkner hatte alle Mühe, laute Lachsalven und leise sein
sollende Bemerkungen seiner übermütigen Braut durch Bitten zu dämpfen
oder im Sinne von »Europens übertünchter Höflichkeit« auszulegen,
denn wenn jemand uns etwas bietet mit der ersichtlichen Überzeugung,
sein Bestes gethan zu haben, und wäre dieses Beste auch wirklich mehr
außergewöhnlich und grotesk als unseren Lachmuskeln zuträglich ist, so
haben wir immer noch nicht das Recht, den Geber ins Gesicht zu verhöhnen,
selbst wenn wir die löbliche Absicht haben, ihn hinter seinem Rücken
lächerlich zu machen. Im Grunde genommen ist eins so jammervoll wie das
andere, aber obgleich das erstere noch wenigstens Mut bezeugt, so ist
es doch peinlich für den Dritten, und so erging's Falkner auch bei den
rücksichtslosen Heiterkeitsausbrüchen seiner kleinen Braut, und aus dem
peinlichen Gefühl wurde heller Ärger, als er sah, wie sie sich, eines
besseren Publikums sicher, an Dolores wandte, und diese, errötend über
die taktlos lauten Witzeleien, auf dieselben nicht nur nicht einging,
sondern sie sogar sehr kühl und entschieden ablehnte. Obgleich der
herrschende Ton dieses Festes zwanglos und heiter war, so atmete Falkner
doch auf, als die Wagen von Monrepos vorfuhren und der Abend damit ein Ende
nahm. Und beim »Gute Nacht,« als Dolores ihm freundlich die Hand reichte,
sagte er ihr: »Wenn Sie wüßten, wie oft ich Ihnen schon im Herzen
abgebeten habe --«
»Aber wir haben ja abgemacht, am Vergangenen nicht mehr zu rühren,«
sagte sie lächelnd und mit bittendem Blick.
»Ich meine ja nur so, Cousine, weil Sie meine Braut heut' vor ihrem
Übermut bewahrt haben. Ich habe es wohl beobachtet.«
»O, das wird niemand scharf auffassen,« entgegnete Dolores, »denn
Prinzeß Eleonore ist noch so jung, so voll von Lustigkeit --«
»Und Sie schon so alt und gesetzt!« erwiderte er scherzend.
Da lachte sie doch, trotz ihrer Bemühung, die Mißstimmung Falkners zu
besänftigen.
»Vier Jahre Unterschied machen viel bei einer Frau,« meinte sie dann
weise, »und außerdem,« fuhr sie ernster fort, »außerdem habe ich so
etwas wie eine Schule des Lebens durchgemacht.«
»Ich wollte, Lolo hatte auch ein paar Klassen dieser Schule hinter sich,«
murmelte Falkner. Er war ernstlich mißgestimmt, denn das Benehmen seiner
Braut dünkte ihm weniger kindliche Lustigkeit als Mangel an Herz und
Gemüt, und wenn ein Bräutigam das findet, so ist es ein schlimmes Zeichen
für die künftige Ehe.
Dasselbe dachte Dolores auch, als sie, selbst kutschierend, durch die
warme, sternenhelle Nacht nach Hause fuhr, und sie freute sich nur, daß
er nicht dabei gewesen und es nicht gesehen, wie Prinzeß Lolo die Gräfin
Schinga so lange gequält, bis diese ihre Schlangen holen ließ und um
die Arme legte, und die Ahnungslose dann mit hellem Gelächter auf die
vor Abscheu blasse Dolores zustieß, daß die kalten, glatten Leiber der
ekelhaften Reptile sie berührten und das eine derselben zischend und
züngelnd auf sie losfuhr. Diesen »Scherz« nannte sie ihrerseits nun
wieder mit anderem Namen, um so mehr, als ihr bei dem bloßen Gedanken an
die Berührung mit den verhaßten Tieren noch die Zähne zusammenschlugen
vor Entsetzen. Über solche Abneigungen gegen gewisse Tiere zuckt die
Wissenschaft nur die Achseln, nennt sie gelehrt Idiosynkrasie, aber eine
Erklärung dafür hat sie noch nicht gefunden.
Dolores war's jedenfalls lieb, daß Falkner der Schlangenscene
nicht beigewohnt hatte, denn wozu Flecken werfen auf das Bild seiner
Auserwählten. Freilich waren ihr schon Zweifel gekommen, ob Prinzeß Lolo
wirklich sein Ideal, seine Erwählte sei, oder ob nicht der Vorfall in und
an der Gruftkapelle ihn dazu verpflichtet hatte, ihre Hand zu erbitten. Das
allerdings begriff sie nicht, warum die herzogliche Familie sich so schnell
bereit gefunden hatte, diese fürstliche Hand dem Vasallen zu bewilligen,
denn am Ende war die öffentliche Liebeserklärung der Prinzeß ja nicht
vor der ganzen Welt, sondern vor einem kleinen Kreise geschehen, dem man
durch ein Wort hätte bedeuten können, von dem Gehörten keinen Gebrauch
zu machen.
Aber es geschehen mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, als jedermann sich
erklären und zusammenreimen kann, und darum grübelte Dolores auch nicht
weiter darüber, »wie es wohl gewesen sein könnte,« aber mit tiefem
Schmerz im Herzen sagte sie sich, daß Glück und innere Befriedigung ihm
durch diese Braut wohl nicht erblühen könnte. Und dieser Gedanke machte
sie unsäglich traurig, und sie verwünschte die Fügung, die sie vor Jahr
und Tag zur Bühnenlaufbahn gedrängt, denn längst hatte sie diese als
Wurzel alles Übels erkannt, und das war's, was ihr die Wiederaufnahme
derselben zur Unmöglichkeit machte, wenn auch Prinzeß Alexandra freudig
_ihre_ Überredungsgabe als das Entscheidende bei diesem Entschlusse pries.
Erst hatten der Stolz und der Widerspruchsgeist sich in ihr aufgebäumt
gegen den Entschluß, aber nicht, weil Prinzeß Alexandras engerer Horizont
die Tiefen einer echten Künstlerlaufbahn nicht umspannte, sondern weil
Falkner sich in Antipathie davon abwandte, und sie um keinen Preis _ihn_
hätte glauben machen wollen, es geschehe seinetwegen, daß sie ihrem
zuerst gewählten Berufe entsagte. Und dann hatte der Impuls eines Momentes
die Entscheidung gebracht, und nun -- nun that es nichts mehr zur Sache,
was er sich dabei dachte. Sie hatten Frieden geschlossen miteinander,
ehrlichen Frieden durch sein männlich mutiges Eingeständnis seiner
Vorurteile und des daraus entsprungenen Unrechts -- was wollte sie weiter?
Am Eingang zum Falkenhofer Park hielt sie die Pferde an und sprang vom
Wagen -- es gelüstete sie, bis zum Hause zu gehen, um die Kühle nach dem
heißen Tage noch zu genießen. Nachdem sie dem Groom die Zügel gegeben
und ihm empfohlen hatte, im Schritt zum Stalle zu fahren, bog sie in eine
Seitenallee des Fahrwegs ein, nahm den Hut ab und ging langsam dahin --
kaum daß der Kies unter ihrem leichten Fuß knirschte.
In einem Rondel, das sie durchschreiten wollte, sah sie eine Cigarre
glühen und erkannte in dem Raucher bald den Doktor Ruß, welcher also in
seiner Weise den schönen Abend genoß. Eigentlich lag ihr nichts an einem
erneuten Plauderzwang, aber da sie fürchten mußte, in dem weißen Kleide,
das sie der Hitze wegen mit dem schwarzen heut' zum erstenmal vertauscht
hatte, auch in dem Dunkel des Baumschattens entdeckt zu werden, so ergriff
sie lieber die Initiative und rief heiteren Tons:
»Wo man raucht, da laß uns ruhig harren,
Bösewichter führen nicht Cigarren.«
»Dolores, sind Sie's?« rief Doktor Ruß aufspringend. »Ich hörte den
Wagen zurückkehren und dachte Sie nun längst in Ihren Zimmern.«
»Die schöne Nacht verlockte mich noch zu einem Spaziergange,« erklärte
sie. »Doch ich bin auf dem direkten Wege zum Hause und bitte Sie, sich
nicht stören zu lassen.«
»Ganz und gar nicht,« versicherte Ruß. »Es ist ohnedem Zeit zur
Ruhe, und meine Frau wird mir eine Gardinenpredigt halten wegen
Nachtschwärmens.«
Dolores mußte bei dieser affektierten Pantoffelheldenerklärung lächeln,
denn sie zweifelte, ob Frau Ruß die Courage zu einer ganzen Predigt finden
würde. Sie traute der verschlossenen und von ihrem Gatten wohltrainierten
Frau kaum das tadelnde Wort zu, das sie vielleicht erleichtert hätte,
während sie ihre Mißbilligung in sich hineinwürgte und mit vermehrter
Bitterkeit an ihrem Herzen nagen ließ.
Ruß erkundigte sich nun, wie es bei Schingas gewesen sei. Er hatte mit
seiner Frau niemals in Arnsdorf Besuch gemacht, war daher auch nicht
eingeladen worden, aber er und der Graf kannten sich vom Begegnen, und
er hatte genug von der polnischen Wirtschaft bei demselben gehört,
um Interesse für ihn zu haben. Dolores antwortete aber nur mit der
allgemeinen Erklärung: »sehr nett,« und da sie gern eine Kritik des
heutigen Abends vermeiden wollte, mit welcher Doktor Ruß am Ende an
seinen Stiefsohn gegangen wäre, so ließ sie dies Thema schnell fallen
und erzählte ihm, was sie bisher unterlassen hatte zu thun -- nämlich
die Entdeckung von der verstellbaren Kaminwand, welche ihr Zimmer mit dem
Nordflügel verband.
»Ah,« meinte Ruß mit Interesse, »das würde ich an Ihrer Stelle
ordentlich verschließen lassen, denn wenngleich ein Eindringen von
dieser Seite wohl kaum zu fürchten ist, das Bewußtsein dieser
Geheimverbindungen, wie unsere Vorfahren sie liebten, ist immerhin
unbehaglich genug.«
Dolores erklärte nun, daß Ramo diesen sicheren Verschluß bereits besorgt
und zum Überflusse noch auf der anderen Seite ein Fuchseisen gelegt habe.
»Nun, ich hab' es ja immer gesagt, dieser Ramo ist eine Perle,« rief Ruß
scheinbar sehr amüsiert. »Da wäre es ihm ja ordentlich zu wünschen,
daß sich der Fuchs in dieser unfreundlichen Falle finge. Freilich
zweifle ich, daß es je einer versucht hat, bei Ihnen auf diesem Wege
einzudringen.«
Jetzt erörterte Dolores auch die gefundenen Fußspuren, was Doktor Ruß
entschieden ernst nahm, denn er versprach bei der Nachforschung zu helfen,
auf welchem Wege wohl der Inhaber dieser Pedalabdrücke in den Nordflügel
gekommen sein könnte. Und damit trennte sich Dolores von ihrem Gaste,
der noch einen Moment draußen zögerte und dann bei seiner Frau eintrat,
welche sich sogleich erhob und ihr Strickzeug zusammenrollte. Dabei warf
sie einen scharfen Blick auf ihren Gatten, welcher mit unsicheren Händen
Bücher zusammenraffte, welche den Tisch mit der Lampe darauf bedeckten.
»Ist dir schlecht, Ruß?« fragte sie. »Du bist so blaß.«
Er schüttelte den Kopf und begann leise eine Melodie zu pfeifen.
»Das ist keine Antwort,« sagte sie gereizt, und als er auch darauf nichts
erwiderte, fuhr sie heftig fort: »Aber du wirst dir noch ein tüchtiges
Wechselfieber holen mit diesem Herumstrolchen in den ungesunden
Nachtnebeln. Wie dir _das_ so allein Vergnügen machen kann, fasse ich
nicht.«
»O, ich war aber nicht allein, mein Täubchen,« erwiderte er sanft.
»Dolores war, als sie von Schingas nach Hause kam, durch den Park
gegangen. Dort begegneten wir uns, und ich begleitete sie nach Hause.«
Nun war die Reihe, blaß zu werden, an Frau Ruß, denn ihr Mann wußte,
daß sie eifersüchtig war, und er hatte seinen Pfeil wohlbedacht
entsendet, doch daß er getroffen, wagte sie ihm nicht zu sagen, und so
ließ sie ihn sich weiter bohren in ihr thörichtes, altes Herz, und was er
wirkte, war Gift und Galle und Haß und Bitterkeit.
Das freilich hatte Doktor Ruß mit seinem Trumpf erreicht, daß die
Aufmerksamkeit seiner Frau von ihm und seiner Blässe abgelenkt ward, denn
was, zum Teufel, brauchte sie's zu wissen, daß die Fußspuren droben im
Nordflügel ihm mehr noch zu überlegen gaben, als der vernietete Kamin und
das Fuchseisen des braven Ramo? -- -- --
-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
Und zur selben Zeit durchlebte Falkner auf Monrepos böse Stunden, denn
zu all seiner Mißstimmung hatte Prinzeß Lolo ihm selbst mit kleinen
Übertreibungen ihrer Heldenthat die Geschichte mit den Schlangen erzählt
und aus vollem Halse über das geradzu wahnsinnige Entsetzen »der dummen
Satanella« gelacht.
»Du, zu ihrem Geburtstage schicke ich ihr anonym eine kleine Natter in
einem Kästchen zu,« hatte sie geschlossen, »wenn ich nur dann bloß
den Luftsprung sehen könnte, den sie machen wird, wenn das Vieh ihr so --
tsch! -- entgegenzischt.«
Falkner war außer sich, denn was wirklich über die Hälfte ungebundener,
fesselloser Übermut war, nannte er, gereizt, wie er einmal war, herzlos
und unweiblich.
Auf Monrepos angelangt, arbeitete ihm Prinzeß Alexandra, welche seinen
tadelnden Blick in Arnsdorf und sein Schweigen auf die Erzählung seiner
Braut bei der Heimfahrt ganz richtig aufgefaßt hatte, noch in die Hände,
indem sie beim Gute Nacht sagen die Schwester liebevoll umfaßte und,
Falkner die andere Hand reichend, sagte:
»Zu deinem Besten, Lolo, weil ich dich so lieb habe und deinen Verlobten
schon als meinen Bruder betrachte, muß ich dir heut' etwas sagen, und zwar
vor seinen Ohren, damit es auch wirkt und nicht bloß als leerer Schall
verhallt. Du warst heut' Abend zu laut, Herzchen, zu wild fast! Das schickt
sich nicht für eine junge Braut, welche vor dem ernstesten Schritt ihres
Lebens steht!«
Da riß Prinzeß Lolo sich los aus den Schwesterarmen und stand nun
sprühenden Auges, mit geballten Fäustchen vor den beiden.
»Nun hab' ich's satt, das ewige Schulmeistern und Sittenpredigen,«
sprudelte es rapid über ihre Lippen. »Eben weil ich eine Braut bin,
verbitte ich's mir, eben weil ich Braut bin, kann ich sein wie ich will.
Ich will hinaus aus eurem ledernen Zwange, aus der tödlichen Langeweile
eures lächerlichen kleinen Hofes, und weil ich mich nicht in eine eben
solch' blödsinnige Mausefalle sperren lassen will, heirate ich mir statt
eines dummen Prinzen lieber den da, als dessen Frau ich wenigstens thun
kann, was mir paßt und was ich mag!«
»Nun, nun, Lolo, ich denke doch, du heiratest den Baron, weil du ihn so
recht von Herzen lieb hast,« sagte Prinzeß Alexandra sanft, als ihre
Schwester atemlos schwieg.
»Natürlich, deswegen auch,« rief die kleine Durchlaucht mit einem
raschen Blick auf Falkner. Sie war über und über rot geworden.
»O nein, nur deshalb« meinte die ältere Schwester mit einem bittenden
Blick, der die ganzen Unabhängigkeitsgefühle in der kleinen Furie wieder
entfesselte.
»Ich will nicht geschulmeistert werden, und was ich gesagt hab', das hab'
ich gesagt,« zischte sie und flog dann ohne weiteren Gruß von dannen und
in ihr Zimmer, wo sie sich durch das Zerschlagen einiger kostbaren Nippes
wesentlich erleichterte. Prinzeß Alexandra aber blickte Falkner trüben
Lächelns an.
»Da werden Sie noch viel zu erziehen haben, trotz meiner redlichen und
unverdrossenen Mühe,« sagte sie leise.
Er küßte ehrfurchtsvoll die warm gebotene Hand.
»Das ist gärender Most, Durchlaucht,« erwiderte er gegen seine bessere
Überzeugung, denn was sollte er sonst sagen? »Aber ich will dafür
sorgen, daß es klarer, goldiger Wein wird,« setzte er, sich mit Gewalt
bezwingend, in ehrlichster Meinung hinzu.
»Gott geb's!« seufzte sie.
Falkner aber konnte heute nicht zur Ruhe kommen, denn die erlebten Scenen
hatten ihm einen starken Stoß gegeben. Ihm graute vor der Zukunft, ihm
graute vor dem, was hinter ihm lag, nur beides in verschiedener Weise. Was
sollte daraus werden? Wie würde die Frau erst die Würde verlieren, welche
die Braut schon, wie vorhin, mit Füßen trat, als ob solch' zertretenes
und zerknülltes Ding sich wieder ganz glätten und mit Erfolg anziehen
ließe! Und wenn er sich als redlich wollender Mensch auch vorzustellen
versuchte, daß vielleicht gerade dies unverdrossene »Erziehen,« das
Prinzeß Alexandra an der ihr anvertrauten Schwester erprobt, zu dem
negativen Resultat geführt hatte, weil nicht eben jede Natur sich in
die Form pressen läßt, die andere für sie ausgesucht und ausgeklügelt
haben, so war es doch immerhin noch zweifelhaft, in welcher Form der
eigenwillige Sprühteufel aus seinen Händen hervorgehen würde. Und es ist
auch solch' eine eigene Sache mit der Erziehung der Frau durch den Mann,
denn wenn die Liebe der ersteren nicht groß und nicht stark genug, wenn
ihr Charakter nicht doch schon so fest ist, um ihn unbedingt dem
ihres Mannes anzupassen, so giebt's doch nur einen Mißklang, den das
»Erziehen« nur noch schlimmer macht, wenn's eben so betrieben wird, daß
es ein Schulmeistern bleibt und nicht ein ganz unbewußtes Führen an der
Hand der Liebe, die ja alles vermag. Denn wenn den Menschen etwas toll
machen kann, widerspruchsvoll und eigensinnig, so ist es unablässiges
Reden, Korrigieren und Verweisen.
Das alles sagte sich Falkner ohne Beschönigung, und dabei mußte er an
die Ironie des Schicksals denken, das ihm jetzt als zu hoch vorstellte für
seine Wünsche, was ihm früher zu niedrig gewesen. Und als ihm dann die
Augen aufgingen und er sich bücken wollte und dem so niedrig geglaubten
Wesen die Hand reichen, da war es zu weit geworden dazu, und jetzt --?
Jetzt war es zu hoch und vielleicht auch zu spät. _Vielleicht?_ Nein, es
war _gewißlich_ zu spät, denn er war gebunden, gebunden durch sein Wort
und durch seine Ehre. Und als er dessen gedachte, da preßte er die Zähne
fest zusammen.
»Vorwärts,« sagte er sich, »vorwärts und nicht rückwärts geschaut --
das hat noch kein Falkner gethan. Und sie drüben im Falkenhof, sie wird
es auch so halten, denn nicht umsonst tragen wir die Devise: ›Alle Falken
ehrlich!‹«
[Illustration]