»Die Augen -- sie hat die Augen aufgemacht --« kam es in Tönen des
Entsetzens von Prinzeß Lolos Lippen, und die Arme wild emporgereckt, die
Augen stier und die Lippen blaß, flog sie auf Falkner zu und brach zu
seinen Füßen zusammen.
»Das ist die Folge, wenn Backfische das Gruseln lernen wollen,« murmelte
Doktor Ruß vor sich hin, während Dolores sagte:
»Schnell -- schaffen Sie sie hinauf, Alfred! Das arme Kind kann Krämpfe
davon tragen von ihrer Angst --«
Falkner hatte sich schon gebückt und hob die Prinzeß empor, welche
krampfhaft schluchzend die Arme um seinen Hals schlang und das blonde
Köpfchen an seine Wange drückte wie ein kleines Kind, das man mit dem
schwarzen Mann in Schrecken gejagt. Der gellende Schrei hatte auch die vor
der Kapelle Zurückgebliebenen aufgeschreckt.
»Das war Lolo --! O, ich dachte es wohl!« rief Prinzeß Alexandra und
trat in die Kapelle. Doch da erschien schon Falkner oben an der Treppe mit
seiner Bürde, die sich schluchzend fest an seinen Hals klammerte.
»Sie wird sich in der frischen Luft bald erholen,« sagte er auf den
fragenden Blick der älteren Schwester.
Aber Prinzeß Lolo erholte sich nicht so schnell. Sie war von Falkners
Halse nicht loszureißen und weinte Ströme von Thränen.
»Sie hat die Augen aufgemacht und mir gewinkt,« schluchzte sie, »aber
ich will nicht sterben, Alfred, ich lasse dich nicht -- laß du mich auch
nicht -- du bist mir gut -- nicht wahr? Laß mich nicht sterben -- nicht
sterben -- nicht sterben!«
Jetzt riß dem Erbprinzen die Geduld.
»Eleonore!« sagte er streng und scharf, daß das Schluchzen sofort
nachließ, wie oft bei grundlos weinenden Kindern. »Eleonore, was soll
das? Schäme dich!«
Langsam lösten sich die runden, weichen Arme von Falkners Hals, aber
das verweinte Gesichtchen blieb an seine Brust gelehnt, bis der Herzog
hinzutrat und, seine Tochter an der Hand fassend, diese hinwegzog.
»Fräulein von Drusen,« sagte er, »haben Sie die Güte, die Prinzeß
nach Hause zu begleiten und dort zu Bett bringen zu lassen!«
»Papa!« schrie sie empört auf.
»Du weißt, ich liebe Scenen nicht,« entgegnete der Herzog ärgerlich.
»Außerdem wünsche ich nicht, mir den schönen Abend weiter zu verderben.
-- Sie werden uns nämlich noch nicht los,« wandte er sich an Dolores,
»denn Sie haben uns ein Lied versprochen.«
»Und ich hoffe, meine Schuld mit Zinsen einlösen zu können, Hoheit,«
erwiderte Dolores liebenswürdig, und nur ein feiner Kenner hätte in ihrer
Stimme ein leises Schwanken wahrnehmen können. Und so ging es die Allee
zurück nach dem Falkenhof -- fast in der alten Ordnung -- Dolores voran
mit dem Herzog, Ruß mit Fräulein von Drusen, der Kammerherr mit Frau
Ruß, welche leichenblaß war und vor Aufregung zitterte infolge der Scene
vor der Kapelle. Dem ersten Paare hatte sich Gräfin Schinga, dem zweiten
ihr Gatte zugesellt, Prinzeß Alexandra folgte, den Arm um ihre Schwester
geschlungen und leise mit dieser flüsternd, zuletzt, etwas weiter zurück,
folgten der Erbprinz und Falkner.
Nach einer Pause ergriff ersterer das Wort.
»Baron Falkner,« sagte er, »wie soll ich mir diese Scene mit meiner
Schwester deuten?«
»Genau wie Hoheit sie sahen. Es liegt nichts dahinter,« erwiderte
Falkner ruhig. Daß man eine Erklärung fordern würde, dessen hatte er
von Anbeginn sicher sein können, und er sah ihr gefaßt entgegen mit dem
Gefühl eines Mannes, dem das hingebende Anschmiegen, das rückhaltlose
Hervorbrechen der Zuneigung eines reizenden Weibes wohlgethan hatte,
nachdem die Zärtlichkeit einer Mutter für ihn unter Kontrolle stand, und
er verscherzt glaubte, was niemals sein gewesen.
»Es liegt nichts dahinter?« wiederholte der Erbprinz. »Meinen Sie damit,
daß die Reden meiner Schwester spontane Eingebungen waren, welche Sie
selbst überraschten?«
»Zum Teil thaten sie dies allerdings, Hoheit,« war die ebenso ruhige und
sichere Antwort.
»Zum Teil! Und zum anderen Teil?« war die heftigere Frage.
»Zum anderen Teil bekenne ich mich schuldig, auf dem Wege zur Kapelle
durch ein unvorsichtiges Wort Hoffnungen in dem jungen Herzen erweckt zu
haben, welche, so fürcht' ich, nur auf Sand gebaut sind.«
»Wie soll ich das verstehen?«
»Fürstentöchter sind schon zu Vasallen herabgestiegen -- doch diese
hatten dann mehr zu bieten als Äquivalent, als ich.«
»Darauf kommt es nicht an, Falkner,« erwiderte der Erbprinz ruhiger. »Es
handelt sich für mich nur darum, zu wissen, wessen Neigung stärker ist --
die meiner Schwester für Sie, oder die Ihrige für meine Schwester!«
»Dann fragen Hoheit die Prinzessin Eleonore selbst -- ihre Antwort ist die
meinige,« entgegnete Falkner.
Der Erbprinz seufzte, aber schwieg. Er konnte sich's ungefähr erklären,
wie alles gekommen war, er kannte seine »kleine Schwester,« und im Grunde
seines Herzens lebte die feste Überzeugung, daß Prinzeß Lolo bei ihrer
Neigung »zum Durchgehen« besser aus der Sphäre herausgedrängt wurde,
in welcher sie geboren war, und an der Seite eines Mannes wie Falkner die
Festigkeit erlangte und die Stütze fände, deren sie so sehr bedurfte,
als daß sie in einer Konvenienzehe, sich selbst überlassen, dem Abgrunde
zutrieb, von dem vielleicht nichts mehr sie retten konnte.
Im Falkenhof wieder angelangt, blieb man, Prinzeß Lolo inbegriffen, noch
versammelt, aber die Konversation blieb gezwungen und die Gemütlichkeit
war entflohen, und während Gräfin Schinga eine der wundervollen
ungarischen Rhapsodien von Liszt spielte, beobachtete Doktor Ruß,
scheinbar in den Kunstgenuß versunken, wie es in den Zügen des kleinen
Kreises nacharbeitete von der Scene an der Grabkapelle. Denn der sonst
stets gutgelaunte Herzog suchte ersichtlich Herr seiner Mißstimmung zu
werden, und mitunter flog ein Blick aus seinen gutmütigen Augen hinüber
nach seiner zweiten Tochter, der so ernst und mißbilligend war, als er's
überhaupt zuwege bringen konnte. Der reizenden Delinquentin sah man's an,
daß Zorn und Thränen in ihr kämpften. Prinzeß Alexandra sah bekümmert
aus, Frau Ruß rang nach Atem, und Falkner stand da wie einer, der den
drohenden Sturm gefaßt erwartet. Die Unbefangenen waren Keppler und Graf
Schinga -- unbefangener und ganz gelassen _schien_ Dolores, als ginge
der Sturm im Wasserglase sie gar nichts an. Und wirklich hatte die Scene
draußen sie nicht in dem Maße überrascht, als die anderen -- sie war ja
die Vertraute der kleinen Prinzeß --
»Sie wird weinen, er wird sich in Stolz hüllen, und dann wächst Gras
über die ganze alberne Sache,« dachte sie, nicht ohne Bitterkeit.
Und dabei ahnte sie nicht einmal, was diese Selbstbeherrschung ihr wert
war. Denn Doktor Ruß beobachtete scharf, und hätte er _ein_ Zucken in
ihren schönen Zügen entdeckt, _einen_ verräterischen Blick erhascht
-- -- was alles hängt nicht im Leben oft an einem »wenn!« Und als
Gräfin Schinga ihre leidenschaftliche Rhapsodie geschlossen, da sang
Dolores einige Lieder mit fester, klarer Stimme, und als ihre Gäste dann
die Heimkehr antraten, nahm sie Abschied von ihnen, als sei niemals etwas
geschehen, was die Harmonie des heutigen Abends stören konnte.
»Das war ein interessanter Abend,« sagte Doktor Ruß, als er Dolores gute
Nacht wünschte.
»Ach ja -- die Herrschaften sind wirklich sehr angenehme Nachbarn,«
erwiderte sie, ohne den doppelten Sinn verstehen zu wollen.
»Schade nur, daß das blonde Prinzeßchen ihre romantische Idee, nachts
die Gruft zu besuchen, so schwer büßen mußte,« setzte er lächelnd
hinzu. »Aber wer weiß, wozu es gut war, daß sie ihr Herzensgeheimnis
dabei verriet,« meinte er sinnend. »Es wird wohl einen Sturm geben,
drüben in Monrepos, aber nach Stürmen pflegt die Sonne gemeiniglich viel
heller zu scheinen.«
»Man muß es hoffen,« entgegnete Dolores.
* * * * *
Zu einem richtigen Sturm kam es aber in Monrepos doch nicht, kaum daß ein
Donnerwetter die nötige Luftreinigung besorgte. Der Herzog hatte am selben
Abend noch eine längere Unterredung mit seinen beiden ältesten Kindern
und darauf eine bedeutend kürzere mit Falkner, der abermals hier alle
Schuld auf sich selbst lud und die Neigung der Prinzeß für sich selbst
also in ein ideales Licht stellte.
Und die dem Idealen stets so geistig nahe Prinzeß Alexandra brachte ihrer
Überzeugung und ihrer an das Erhabene streifenden Schwesterliebe ihre
hohen Ideen vom Fürstenberuf zum Opfer und ward die Fürsprecherin einer
Verbindung, welche der Erbprinz aus Prinzip, der Herzog aber in dem
vagen Gefühl bekämpfte, daß es seine Pflicht sei, eine Mesalliance zu
verhindern. Daß Falkner keinen Reichtum zu bieten hatte, machte ihm nicht
die größten Sorgen.
»Seine Kinder sind versorgt, die erben den Falkenhof,« meinte er. »Und
Gott sei Dank, ich hab's ja, um meine Tochter ihr Leben lang ganz passabel
glänzend zu stellen.«
Prinzeß Alexandra aber siegte mit ihren Argumenten. Sie zeichnete
dem Vater rückhaltlos den Charakter ihrer Schwester mit all' seinen
Schwächen, sie stellte ihm all' die Gefahren vor, welchen ein solcher
Charakter ausgesetzt ist, Gefahren, die eine Konvenienzehe geradezu
beschwört, und die nur eine Herzensneigung abwenden kann. Und als der
Herzog immer noch ablehnend sich verhielt, da wagte sie das letzte, das
stärkste.
»Papa, denke an unsere Mutter, und wie sehr Lolo ihr in allem und jedem
gleicht,« sagte sie leise und mit glühenden Wangen.
Da senkte der alte Herzog traurig sein graues Haupt, und die vergangene
schwere Zeit, da die hochselige Herzogin ohne Liebe seine Gemahlin wurde,
und ihr heißes Herz erwacht war, diese Zeit kam mit Gewalt zu ihm zurück.
Aber er wußte auch, was es seiner Tochter kosten mußte, um ein Bild
herauf zu beschwören, das er und seine Kinder mit dem Schleier der
Vergebung und der Pietät verhüllt hatten, und er begriff jetzt ihre
Herzensangst um das Wesen, dem sie mehr als eine Schwester, dem sie eine
Mutter gewesen war. Sie hatte die wilden Triebe in der jungen Seele nicht
ganz ausrotten können, sie wußte, daß sie eines Tages emporschießen
würden, und hoffte, daß die Liebe allein mit starker Hand und ohne
Schmerz zurückhalten würde, was ohne ihren Sonnenglanz nicht zu gedeihen
vermag.
Und so kam es, daß Falkner nach Mitternacht sich zur Ruhe begab als
verlobter Bräutigam und als anerkannter künftiger Schwiegersohn des
Herzogs von Nordland. Der Wahrheit die Ehre zu geben, er fühlte sich
in beiden Eigenschaften gehoben, denn einmal that ihm die rückhaltlos
offenbarte Liebe des reizenden Fürstenkindes wohl, und dann schmeichelte
ihm der Gedanke, einem regierenden Hause so nahe zu treten.
Drüben im Falkenhof war alles still und umfangen vom nächtlichen Frieden,
und wirklich schlief die junge Lehnsherrin einen erquickenden Schlaf,
unbehelligt durch schwere Träume, während Doktor Ruß seinerseits sich
leise erhoben hatte, als seine furchtbar von den Ereignissen des Abends
aufgeregte Gattin endlich zur Ruhe gekommen war, ahnungslos über das, was
sich drüben »bei Hofe« indes vollzog. Rastlos und leise, als schritte er
auf Gummisohlen, ging er im Wohnzimmer auf und nieder und dachte, dachte,
dachte, bis das erste Flimmern des jungen Tages durch die Ritzen der
geschlossenen Vorhänge drang -- da erst legte er sich nieder und stand ein
paar Stunden später mit der Miene eines Mannes auf, der die ganze Nacht
wie ein Heiliger geschlafen, und als er, nach seinem kalten Bade frisch
und bis zum Tüpfelchen auf dem i jeder Zoll ein gutgekleideter Gentleman,
seine Gattin am Frühstückstisch fand, da hätte diese sicher am letzten
geahnt, daß er die ganze, liebe, lange Nacht hindurch nicht nur nicht
geschlafen, sondern anstrengend gedacht hatte.
Als der Morgen dann zu einer decenten Stunde vorgeschritten war, stieg
er hinauf zu Dolores und ließ sich bei ihr melden. Er fand sie in dem
Turmzimmer am Schreibtische vor, Bücher und Belege vor sich.
»Immer thätig, immer bei der Arbeit,« sagte er, und küßte ihre Hand.
»Was hilft's? Engels zwingt mich ja zu diesem reizlosen Geschäft,«
lächelte Dolores und seufzte dazu resigniert. »Er giebt keine Ruhe, ehe
ich nicht selbst die Bücher vergleiche und die Belege revidiere. Und dabei
hasse ich nichts mehr, wie Rechnen und Zahlen. Aber ›ich bin des trocknen
Tons nun satt,‹« setzte sie mit dem übermütigen Blick früherer Tage
hinzu, indem sie das Buch zuklappte und ihre Hand darauf legte.
»Ich wundre mich nur, daß Sie den ›trocknen Ton‹ so lange ertragen
haben,« gab Doktor Ruß zurück.
»Nun, was Mephisto konnte, wird doch von Satanella nachzuahmen sein?«
sagte sie leicht.
»Wer weiß,« erwiderte er und setzte dann hinzu: »Wissen Sie, Dolores,
daß Sie mich damit unbewußt auf das Thema gebracht haben, wegen dessen
ich eben zu Ihnen heraufkam? Ich habe, offen gesagt, nicht recht gewußt,
wie beginnen, denn ich möchte Ihr Mißtrauen nicht erwecken und
nicht selber die Rolle einer mißgünstigen Rothaut in Ihren Augen
spielen --« --
»Das ist ja eine schreckliche Vorrede,« lachte Dolores, sichtlich
sympathisch berührt von dem Tone des Biedermanns, den Doktor Ruß so
meisterhaft beherrschte.
»Eine schreckliche Vorrede, nicht wahr?« gab er mit komisch-kläglichem
Tone zu, fügte aber gleich wieder ernst hinzu: »Aber sie ist noch nicht
zu Ende, meine Vorrede. Denn sehen Sie, Dolores, Sie müssen mich nicht
mißverstehen, nicht glauben wollen, daß ich Ihnen einen Rat aufdränge,
dessen Sie nicht bedürfen und den Sie nicht wünschen, oder gar, daß ich
mich von irgend welchem Übelwollen leiten lasse -- von einem Übelwollen
gegen Engels, der mich nicht leiden mag. Denn um Engels handelt es sich.«
»Ach bitte, sagen Sie nichts gegen ihn,« bat Dolores so treuherzig, daß
ein anderer, als Doktor Ruß, sicher still gewesen wäre.
»Nein, o nein,« beeilte er sich zu versichern. »Sie müssen nicht
denken, daß ich ihn verdächtigen will, denn die Offenheit, mit welcher
er seine Abneigung gegen mich zur Schau trägt, gemahnt an das klassische
Vorbild der Nibelungenzeiten und hat mich immer mehr ergötzt als
beleidigt. Denn gegen seine Antipathie kann kein Mensch, nur daß sie in
diesem Falle wirklich nicht auf Gegenseitigkeit beruhte --« --
»Jetzt fang' ich aber wirklich an, neugierig zu werden, um was es sich
handelt,« sagte Dolores amüsiert.
»Ich komme schon zur Sache, aber diese Einleitung hielt ich eben für
nötig, denn meine Angelegenheit ist zu ernst, um mit der Thür ins Haus
zu fallen,« erwiderte Doktor Ruß. »Es handelt sich also um den guten
Engels, oder, wenn Sie wollen, um den Falkenhof. Sie wissen ja, wie der
verstorbene Freiherr, Ihr Onkel, stets in die Verwaltungsgeschäfte selbst
mit eingegriffen hat und Engels in allem und jedem dareinredete, als
wäre derselbe nichts gewesen, als ein subalterner Beamter und nicht
der selbständige Verwalter eines solch' enormen Güterkomplexes wie der
Falkenhof. Das aber lähmt die Thatkraft, schwächt das Selbstvertrauen,
und Engels, dessen landwirtschaftliche Kenntnisse und Ansichten noch von
Anno Tobak datieren, hat nichts dazu gelernt, wie ich gern zugebe, aus dem
obengenannten Grunde. Und in der That ist er nichts weiter, als ein guter,
tüchtiger Inspektor, dem seine Buchführung nachgerade sauer genug wird
und sie, wie =figura= zeigt, gern teilweise auf Sie abholzen möchte.«
»Und der langen Rede kurzer Sinn ist, daß ich Engels pensionieren soll,«
warf Dolores kühl und scharf ein.
»Da -- hatt' ich unrecht, wenn meine ›schreckliche Vorrede‹ Ihrem
Mißtrauen vorbeugen sollte?« fragte Doktor Ruß lächelnd und in ganz
harmlosem Tone. »Also für's erste und letzte -- nein, tausendmal nein,
ich will nicht, daß Sie Engels pensionieren sollen, denn das hieße den
Besitz schädigen. Was ich meine, betrifft nur die rentamtliche Verwaltung.
Die hat Ihr Onkel stets besorgt, wie Sie aus den Büchern ersehen werden,
und wenn Engels dazu jetzt nicht taugt, so ist's nicht seine Schuld, denn
woher soll ihm plötzlich eine Wissenschaft kommen, die er nie gepflegt
hat. Nun aber sind Sie, liebe Dolores, gleichfalls unerfahren in der
Verwaltung eines solchen Besitzes, Sie halten Engels für Ihre beste,
zuverlässigste Stütze und haben darin auch nicht unrecht. Aber Sie
vergessen, daß die Kopfarbeit ihm auch über den Kopf wachsen muß, und
daher halte ich es für meine Pflicht, mögen Sie es so oder so deuten,
Sie darauf aufmerksam zu machen, daß der Falkenhof nicht vorwärts
kommen kann, wenn, bei aller Sorgfalt und Pflichttreue des Verwalters, das
geistige Oberhaupt mangelt. Verstehen Sie, was ich meine?«
Dolores hatte sehr aufmerksam zugehört und antwortete nicht sogleich.
»Ich verstehe all' das vollkommen, mehr noch, ich sehe ein, daß die ganze
Last für Engels zu groß ist,« sagte sie dann. »Aber nichtsdestoweniger
danke ich Ihnen herzlich für den guten Rat, der mir Ihre freundschaftliche
Gesinnung so warm dokumentiert.«
»Sie wälzen einen Stein von meinem Herzen, wenngleich Sie mir deshalb
nicht zu danken brauchen,« erwiderte Ruß lebhaft -- eine seltene
Kundgebung bei ihm.
»Doch, doch,« rief Dolores. »Hat doch der König seine Räte! Aber,
aber, die ganze Vorrede hat mir doch gezeigt, daß die kleine Scene drüben
im Ahnensaal Sie verletzt hat, daß Sie meinen Abweis jeglicher Einmischung
in _persönliche_ Angelegenheiten falsch oder doch zu scharf aufgefaßt
haben. Denn wirklich, es galt nur dem Persönlichen, galt einer delikaten
Frage, welche ich abgethan und begraben wähnte --« --
»Ihre Entschuldigung beschämt mich nur noch mehr,« fiel Ruß ein und
reichte ihr seine Hand herüber, in die sie flüchtig die ihre legte. »Und
um nun auf unser früheres Thema zurückzukommen --« --
»O, in diesem Falle bin ich sehr stolz, daß mein Instinkt mit Ihrer
Fachkenntnis und Ihrer tiefen Einsicht im Einklange steht,« unterbrach
ihn Dolores freundlich, »denn ich selbst habe längst gefunden, daß
die Regierungsmaschine des Falkenhofes geordnet und einer Autorität
unterstellt werden muß --« --
»Ah, sehen Sie wohl --!« rief Doktor Ruß mit einem Blick des Triumphes.
»Und gewissermaßen ist diese Angelegenheit schon geordnet,« fuhr Dolores
fort, nicht ohne eine gewisse, sie sehr gut kleidende Wichtigkeit in Ton
und Miene zu legen. »Ich habe Engels zum Generalbevollmächtigten ernannt
und werde ihm einen Inspektor speciell für den Falkenhof unterstellen und
damit den Stab seiner Inspektoren um einen leitenden technischen Beamten
vermehren. Die nötigen Gehilfen für Engels auf dem Rentamte wird
Justizrat Müller auf meinen Wunsch anwerben und mir verpflichten.«
Sie hatte all' das mit Eifer und, wie gesagt, mit einer sehr reizenden
Wichtigthuerei berichtet, und, obgleich sie sich damit direkt an Doktor
Ruß wendete, nicht bemerkt, daß er um einen Schatten blässer wurde
und seine, den Bart drehende, weiße und wohlgepflegte Hand plötzlich
so unsicher ward, daß er sie herabnehmen mußte und, um ihr Zittern zu
verbergen, tief in seine Rocktasche vergrub.
»Und nun, was sagen Sie zu diesem excellenten Plan, auf den _ich_ sehr
stolz bin?« schloß Dolores heiter.
»Ich auch,« erwiderte Ruß mit seltsam schwerer Zunge, so daß sie ihn
verwundert anschaute. »Und ist alles schon legal und perfekt?« fragte er
dann in seiner gewöhnlichen, gewinnenden Weise.
»Ja. Ich erwarte den Justizrat heut' oder morgen. Aber,« fuhr
sie liebenswürdig fort, sichtlich bemüht, für den anscheinend so
uneigennützig und bieder gegebenen Rat Dankbarkeit zu zeigen, »aber ich
rechne beim Einrichten der neuen Verwaltung auf Ihren Rat. Da Sie mir die
Freude machen wollen, bis zum Herbst mein Gast zu sein, so hoffe ich noch
viel von Ihrem praktischen, sowie auch nicht minder von Ihrem theoretischen
Wissen zu profitieren.«
Doktor Ruß verbeugte sich.
»Es macht mich stolz, mein geringes Können von Ihnen so hoch gestellt
zu sehen,« sagte er mit seinem musikalischen Tonfall. »Aber,« setzte
er lebhafter hinzu: »Aber ich fürchte, fürchte, daß Engels meinen Rat
nicht begehren, mehr noch, nicht dulden wird --«
»Nein, da thun Sie ihm unrecht. Er ist so einsichtsvoll und weiß sehr
genau, wo es ihm fehlt. Er wird sich freuen, bezüglich der Verwaltung
wertvolle Winke von Ihnen zu erhalten.«
Doktor Ruß wiegte lächelnd den Kopf.
»Ich zweifle dennoch,« meinte er.
»Aber ich bitte Sie, wenn ich es wünsche!« rief Dolores, deren
Widerspruch und Machtgefühl eine kleine Reizung erhielt. Doch Doktor Ruß
wehrte ihr mit leisem Lachen mit beiden Händen ab.
»Ich den guten Engels unterrichten, der Vorurteile hat wie ein Italiener
und eigensinnig ist wie gewisse graue Tiere -- nein, liebe Dolores, so weit
reicht Ihre Macht nicht. Das müßten Sie mir schriftlich geben, wenn Sie
mich wünschen.«
»Nun, wenn Sie meinen, daß mein geschriebenes Wort Engels mit größerer
Ehrfurcht erfüllt, so sollen Sie's haben,« lachte Dolores, auf den
Scherz, für den sie das Ganze hielt, eingehend. Dabei ergriff sie einen
großen Bogen Papier, warf hastig ein paar Zeilen daraus und reichte sie
lächelnd Ruß herüber.
»Ich ernenne hiermit den Herrn Doktor Ruß zum Bureauvorsteher meines
Rentamtes,« las er unterhalb des Datums. »Sehr gut. Sie haben nur die
Unterschrift vergessen.« Und damit legte Ruß das Papierblatt wieder vor
Dolores auf den Schreibtisch, welche sich höchlich über den »Spaß«
amüsierte.
»Und die zwei Zeugen!« meinte sie, die Feder über den leeren Platz
gleiten lassend. »Dolores Freiin von Falkner,« schrieb sie mit ihren
großen, kräftigen Zügen, die so viel Charakter verrieten.
Doch als Doktor Ruß wieder nach dem Blatte griff, nahm sie es schnell fort
und zerriß es noch rascher in mehrere Stücke.
»Nehmen Sie den Unsinn mit dem ›Bureauvorsteher‹ nicht übel,« sagte
sie und warf die Fragmente in den Kamin.
Wieder lachte Doktor Ruß, aber diesmal ging Dolores der Ton durch und
durch, daß sie zusammenzuckte.
»Was sich liebt, neckt sich,« sagte er und mußte sich räuspern, weil
seine Stimme heiser geworden war. »Doch verzeihen Sie, daß ich Sie so
lange belästigt habe, ja?« --
»Nein, es war ja so sehr freundlich von Ihnen,« erwiderte sie ganz
überzeugt, worauf Doktor Ruß wieder ihre schlanke, feine Hand küßte und
sich empfahl.
Draußen im Korridor aber kam es ein-, zweimal röchelnd aus seiner Brust,
daß er den Knopf seines Leinenkragens lösen mußte, weil er ihm zu eng
wurde.
»Es war der letzte Versuch,« stöhnte er. »Vom Hoffen zum Fehlschlagen,
von der dann erreichten ersten Staffel in den Abgrund zurückgeschleudert
-- das macht die Nerven kaput. O Dolores!«
Und wieder schloß er den Knopf, denn die Selbstbeherrschung war sein
oberstes Lebensprinzip.
»Ich hab's ehrlich gemeint -- was kann ich dafür, wenn es nicht
angenommen wurde?« sagte er im Weiterschreiten zu sich selbst.
»Ehrlich, wirklich ehrlich, denn ich bin kein Zulukafferhäuptling und
kein Schusterle, dem's nur um das Abschlachten zu thun ist. Also jetzt
Geduld, Geduld! Damit hat Napoleon die Welt unterjocht, und mit ihm sage
ich: =Tout le monde vient à celui qui sait attendre.=«
O du stolze Frau Ruß, der das bloße Brot der Duldung in diesem Hause
stets so hart und bitter war, dich hätte der Schlag getroffen, wenn du
geahnt hättest, daß nach dem fehlgeschlagenen Versuch deines Gatten, sich
zum Generaldirektor des Falkenhofs zu machen, dieser den »Scherz« der
Lehnsherrin mit dem Bureauvorsteherposten für bitteren Ernst genommen
hatte! »Denn,« so hatte er gerechnet, »wer das Kleine nicht ehrt, ist
des Großen nicht wert,« und einmal im Nest, wäre der unbequeme Engels
schon herauszudrücken, und der lockende Posten, der das Einkommen jeder
Professur weit überschritt, dann dennoch sein gewesen. Denn darin machen's
die Menschen nicht besser als die Tiere -- es drückt einer den anderen
fort, wenn er dessen Nest für das wärmere und bessere hält. »Nur die
Lumpe sind bescheiden,« sagte Altmeister Goethe, und der hat das Leben
doch sicher verstanden.
Daß dem Doktor Ruß nichts daran lag, den Falkenhof und mithin die
Fleischtöpfe Ägyptens zu verlassen, um in einer Welt, der er fremd
geworden, ein Brot zu suchen, dessen Sicherheit und Güte er durchaus nicht
gewiß war, war ihm am Ende nicht zu verargen. Es schreibt sich am täglich
kostenlos gedeckten Tisch, der unter dem Regimente der neuen
Lehnsherrin bedeutend besser geworden war, leichter hin und wieder ein
geistreich-ästhetisches Essay, als beim ängstlich eingeteilten Brot ums
liebe Leben, und wenn Doktor Ruß auch zu denen gehörte, welche selbst
in der Einsamkeit nicht rückwärts schreiten, weil sie den Drang zur
Fortbildung in sich tragen, so wußte er doch sehr genau, daß die Zeit
manche Lücken in seinem Wissen verursacht hatte, und daß es ihm
blutsauer werden würde, in der Welt einigermaßen anständig fortzukommen.
Andererseits aber hatte Dolores auch keinen Grund, die Familie Ruß dauernd
als notwendiges Übel unter ihrem Dach zu behalten, denn wenn sein Wissen
sie auch anregte und seine Person ihr nicht gerade unsympathisch war, so
konnte sie an Frau Ruß doch keine Spur von Sympathie verschwenden, und
im Gegenteil war ihr deren Gegenwart so antipathisch, daß sie ihr, wo nur
thunlich, gern auswich. Die kalten, hellen, harten Fischaugen dieser Frau
schafften ihr ein Unbehagen, das sie nicht überwinden konnte, und wenn sie
sich auch gelobt hatte, späterhin wieder eine Einladung an das Ehepaar aus
verwandtschaftlichen Rücksichten ergehen zu lassen, so hatte sie sich doch
darauf gefreut, der Frau nicht mehr zu begegnen. Und nun wollten sie noch
bis zum Herbst bleiben -- mehr als ein Vierteljahr vielleicht? Dolores
hatte zwar über diese gezwungene Gastfreundschaft geseufzt, sich aber fest
vorgenommen, sich zu bezwingen und beiden den Aufenthalt im Falkenhof,
so lange sie ihre Gäste waren, so angenehm als möglich zu gestalten und
ihnen zu beweisen, daß sie hierin nicht in die Fußstapfen ihres seligen
Onkels trat, der dem _geduldeten_ Paare das _Gnadenbrot_ gab. Sie nahm also
mit ihnen ein gemeinschaftliches, spätes Mittagbrot und oft das zweite,
das Gabelfrühstück ein, ohne sich gegebenenfalls in dieser Hinsicht Zwang
aufzulegen. Im übrigen wurde die Bedienung des Paares bedeutend besser.
-- Dolores hatte, als Doktor Ruß sie droben in ihrem Turmboudoir verlassen
hatte, mechanisch eine Streichholzbüchse ergriffen und die Fragmente der
im Scherz ausgestellten Urkunde im Kamin entzündet. Sie wußte selbst
nicht, weshalb sie es that, aber es kommt ja oftmals vor, daß die Hände
etwas vornehmen, wovon der mit anderem beschäftigte Geist keine Ahnung
hat. Und wie sie sich so vor den Kamin kauerte und zusah, wie die Flamme
die einzelnen Papierstücke zu verzehren begann, da fiel ihr mit einem
Mal der erste Teil des seltsamen Traumes ein, daß ihr neulich nachts
geträumt, wie Doktor Ruß ihr das große Blatt Papier gereicht, wie sie
es zerrissen und dann verbrannt. »Das ist seltsam,« dachte sie, und dann
erinnerte sie sich daran, wie ihr weiter geträumt, daß Doktor Ruß durch
den Kamin verschwunden sei. »Und das ist der Unsinn dabei,« sagte sie
vor sich hin, doch stand sie trotzdem auf und begann den Mantel des Kamins
genau zu untersuchen, hier drückend, dort zu schieben versuchend, aber
ohne Erfolg. Nun überlegte sie, welcher Raum wohl an den Turm stoßen
mochte, und da sie den nördlichen Flügel noch nicht betreten, so
beschloß sie sofort, eine Expedition in denselben zu unternehmen --
vielleicht, daß sich die seit geraumen Zeiten unbewohnten Räume irgendwie
ausstatten und als Fortsetzung ihrer eigenen Zimmerflucht mit derselben
verbinden ließen. Da einmal gefaßte Entschlüsse bei Dolores stets zur
raschen Ausführung kamen, so läutete sie Ramo, dem sie alsbald ihren
Wunsch mitteilte, und der wiederum seinerseits mit dem notwendigen
Schlüsselbunde erschien, eigentlich mit nur zwei notwendigen Schlüsseln,
indem er Dolores respektvoll mitteilte, Mamsell Köhler sei sehr froh, die
Expedition nicht mitmachen zu müssen, da es im nördlichen Flügel umgehe,
denn sie habe, auch in letzter Zeit, deutlich bei später Arbeit in den
zur ebenen Erde liegenden Vorratsräumen eben dieses Flügels gehört, wie
leise Schritte durch die unbewohnten Räume gegangen waren.
»Ratten,« schloß Ramo bedeutungsvoll.
»Natürlich,« nickte Dolores, »der guten Mamsell Köhler ist's ja gar
nicht wohl, wenn sie sich nicht vor irgend einem Gespenst fürchten kann.«
Ramo öffnete, voranschreitend, die eiserne Thür, welche dicht neben
dem Turmzimmerausgange den nördlichen Flügel beinahe hermetisch von der
übrigen Außenwelt abschloß. Es bot sich ihren Augen nun vor allem ein
eichengetäfelter Korridor, dessen Fenster nach dem Hofe herausgingen, wie
die der anderen Korridore des Falkenhofs. Die Thüren, welche in die Zimmer
selbst führten, waren aber alle fest verschlossen und widerstanden jedem
Öffnungsversuche. Am Ende des Korridors endlich schloß der zweite der von
Mamsell Köhler bezeichneten Schlüssel eine schmale, einfache Thür auf,
und diese, in den nördlichen Turm führend, gestattete den Eintritt in den
verlassenen Flügel, dessen weite und hohe Räume es sicher nicht verdient
hatten, von den Herren vom Falkenhof so stiefmütterlich behandelt zu
werden. Daran aber war die Überfülle an Raum schuld, welche dies feudale
Schloß barg, und -- --
»Aber Ramo, sind das nicht die Zimmer, in denen meine Eltern wohnten?«
fragte Dolores erstaunt beim Weiterdringen, während Ramo vorausging, die
meist ganz verschlossenen Fensterläden zu öffnen.
»Ja, Herrin,« erwiderte der alte Diener mit einem Seufzer, in welchen
Dolores einstimmte. Denn wohl waren diese Zimmer groß und teilweise
sogar mit wertvollen alten Möbeln ausgestattet, aber sie entbehrten des
Sonnenlichts, und eine beklemmende Moderluft lag in den Räumen, in denen
die Stille des Todes herrschte.
»Arme Mutter,« dachte Dolores wehmütig, »und sie hatten keinen anderen
Raum hier für dich, als diese gruftartige Zimmerflucht, in der du,
des Südens sonnengewohnte Tochter, jahrelang dahinsiechen und welken
mußtest -- -- -- --«
Sie waren jetzt in einem Gemach angelangt, das, vollkommen eingerichtet mit
schweren, geschnitzten, schwarzen Eichenmöbeln, nur diesen einen
Eingang zu haben schien, und durch dessen letztes Fenster ein schräger
Sonnenstreifen hineinfiel, direkt auf einen tiefen gepolsterten Sessel,
welcher in der Fensternische stand.
»Hier hat die Herrin immer gesessen und auf die Sonne gewartet, und
die Sonne dann solange auf ihr Gesicht scheinen lassen, bis sie wieder
fortging,« erklärte Ramo bewegt und deutete auf den Sessel am Fenster.
Da wurde es Dolores recht schwer ums Herz, und auch sie setzte sich an den
Platz, auf dem ihre Mutter die vielgeliebte Sonne erwartet hatte, welche
ihr nur einen so kurzen und spärlichen Besuch machte zur Sommerszeit,
während sie im Winter diese verlorene Ecke gar nicht erreichte.
»Stößt dies Zimmer nicht an meinen Turm?« fragte Dolores nach
einer Pause, und als Ramo bejahte, sprach sie die Absicht aus, die
Verbindungswand durchbrechen zu lassen, um wenigstens diesen Raum mit dem
von ihr bewohnten Flügel zu verbinden. Doch statt aller Antwort sagte Ramo
mit einem Mal:
»Mamsell Köhler hat doch Schritte gehört, keine Ratten. Und hier sind
die Fußspuren!«
Er deutete nach dem Fußboden, auf dessen Parkett, wie in den anderen
Zimmern auch, dichter Staub lag; Staub, der so alt war, als die Falkners
damals nach dem Streite der Brüder den Falkenhof verlassen hatten. Und
in dieser dicken, grauen Decke waren in der That Fußspuren zu sehen,
augenscheinlich von dem Fuße eines Mannes, der in absatzlosen Schuhen
durch das Zimmer gegangen war, und zwar führten diese Spuren aus der
linken Ecke der nördlichen Schmalseite des Zimmers erst planlos und
vielfach durchkreuzt durch das Zimmer, dann aber nach dem Kamin zu,
der, wie Dolores sich's berechnete, genau mit dem ihres Turmzimmers
zusammenstoßen, und dessen Feuerstätte in denselben Schornstein münden
mußte.
»Ramo, wie alt sind diese Fußstapfen?« fragte sie nach einer Weile,
nicht sehr erbaut über diese ungebetene und unheimliche Nachbarschaft.
»Die sind ganz frisch,« erklärte Ramo kopfschüttelnd. »Hier sind noch
mehr Spuren, aber sie sind schon wieder halb verstaubt.«
Mit diesen Worten ging er den direkt zum Kamin führenden Schritten nach
und entdeckte, daß die Fußspuren sich jenseits des vergoldeten Gitters
in dem weiten Feuerschlunde fortsetzten, und ein schnell entzündetes
Streichholz zeigte ihm nun auch Fingerabdrücke an der verräucherten
eisernen Rückwand des Feuerplatzes.
Diesen Spuren folgend, tastete er ohne Rücksicht auf seine tadellos
weißen Manschetten an der Wand entlang, bis er unten einen Knopf fand,
welcher, seinem kräftigen Drucke nachgebend, leise, wie frisch geölt,
sich bewegte, worauf die Wand leicht und lautlos sich nach oben bewegte
und, einen Raum lassend, daß ein Mensch tiefgebückt durchschreiten
konnte, die Aussicht freigab auf einen zweiten Feuerplatz, der in demselben
Rauchfang mündete, und von diesem in -- das Turmzimmer, welches Dolores
als ihre ureigenste Domäne betrachtete.
»Höre, Ramo, das ist ja eine recht unangenehme Entdeckung,« rief sie
nach der ersten Pause des Erstaunens. »Wer weiß, wer mir da schon manch'
ungebetenen Besuch und zu Gott weiß welchem Zweck abgestattet hat.«
Ramo betrachtete seine rußigen Hände und schüttelte den Kopf.
»Herrin,« sagte er dann, »vor allen Dingen werde ich selbst den
Schlosser aus dem Dorfe holen und so hereinbringen, daß er nicht gesehen
wird. Der mag die Feder hier zusammenschweißen mit der Thür, und niemand
kann mehr durch -- oder er mag die Thür im Zimmer der Herrin mit dem Boden
zusammennieten. Dann aber will ich suchen, wo die Fußspuren hereingekommen
sind.«
Dolores war damit zufrieden und dankte innerlich ihrem Schöpfer, daß sie
in Ramo solch' treuen und intelligenten Wächter besaß, doch das hatte
er ihr freilich nicht gesagt, daß er eines Fuchseisens Aufstellung in dem
diesseitigen Kaminschlunde plante, »denn wenn man soviel entdeckt, will
man den Lump doch auch haben,« meinte er voll gerechter Entrüstung.
Dolores aber dachte an ihren Traum von dem sich drehenden Kamin, und es
überlief sie ein leiser Schauer, als sie die Wirklichkeit mit demselben
verglich. Und da sie allzeit ein guter Denker gewesen, so trat die Figur
des Doktor Ruß vor ihr geistig Auge.
Sollte ihr dadurch zur Warnung dienen, daß Doktor Ruß -- --?
Aber mit großer Willenskraft wies sie diesen unwürdigen Gedanken von
sich, und sie schämte sich dieses momentanen Verdachtes gegen einen
Menschen, der gut erzogen und gebildet wie sie selbst, ihr noch keine
Beweise gegeben hatte, daß er ein feindlicher Eindringling sei, der
nächtlicherweile kam, um ihre Papiere zu durchstöbern. Denn was anders
hätte _er_ wollen können? Nein, dem diese Fußspuren im Staube gehörten,
er war gekommen oder wollte kommen, um zu stehlen -- ein niedriger Mensch,
ein Dieb, denn wenn er auch vielleicht noch nicht vollführt, was er
geplant -- -- schon der Gedanke, schon die Absicht, nicht die That allein
macht zu dem, was man werden will.
Fröstelnd wendete sie sich ab, den nördlichen Flügel zu verlassen, aus
dessen düsteren Räumen aller Ecken Schatten zu kriechen schienen wie
Gespenster, und so stark wurde dies Gefühl des Unheimlichen in ihr, daß
sie schnellen Schrittes hinauseilte und erst aufatmete, als im Korridor
das helle Licht sie umwogte, und sie in die sonnengebadete Landschaft
hinausblickte.
Und dennoch -- sie fühlte es über sich hängen, wie die Wolke
kommenden Unheils, und wenn die Sonne auch jenes eben gespürte Unbehagen
fortscheuchte aus ihrem Herzen, die Wolke blieb, die hatte sie mitgebracht
aus den verlassenen Räumen, in denen das Verbrechen einherschritt und sein
lichtscheues Wesen trieb.
Aber sie schalt sich selbst ernsthaft wegen dieser Ahnung nahenden Unheils,
sie nannte sich hysterisch, unvernünftig, thöricht. Freilich, der Wille
thut's auch nicht immer, und die Wolke blieb, und sie sah nach ihr aus,
wie der Landmann, der einen vernichtenden Hagelschlag fürchtet und die
drohende Angst nicht los werden kann.
Und wie sie am Fenster ihres Schlafgemaches stand, in welchem ihr die
früher ganz ungekannte Gewohnheit des Träumens gekommen war, da sah
sie Alfred Falkner von Monrepos herüberkommen, mit festem Schritt, hoch,
stolz, jeder Zoll der Sproß eines edlen Hauses. Und es kam ihr die Frage
an das Schicksal: »Warum hat er mich hassen gemußt, daß ich den Panzer
des Stolzes wider ihn anlegen mußte? Er, der einzige Mensch, an dessen
Liebe mir gelegen gewesen wäre? Warum? Warum?«
Und sie versank in ein Grübeln und dachte darüber nach, was sie
gethan haben mußte, das zu verscherzen, was sie ihr Glück genannt
hätte -- -- --
Nach einer halben Stunde wurde der Freiherr von Falkner ihr gemeldet, und
sie empfing ihn im Ahnensaal. Ihm fiel auf, daß sie ungewöhnlich blaß
war.
»Ich komme wegen zweierlei Dingen,« sagte er, als sie ihn unbefangen,
aber ein wenig hochmütig begrüßte, jede Vertraulichkeit von vornherein
ausschließend, denn sie hatte eine stolze Seele, die zwar bereitwillig
vergab, aber so schnell nicht vergessen konnte und -- wollte.
»Sie machen mich neugierig,« antwortete sie Platz nehmend.
»Ja, das erste ist eine Mitteilung, das zweite eine Bitte.«
»Eine Bitte?« wiederholte sie erstaunt und setzte mit dem alten Spott,
der ihn stets so sehr verletzt hatte, hinzu: »Also eine natürliche, von
vornherein sichere Angelegenheit, die von meinem Gewähren oder Versagen
unabhängig ist, nicht wahr?«
»Vielleicht doch nicht,« erwiderte er ruhig. »Eine ganz richtige
Bitte,« fügte er mit leisem Lächeln hinzu.
»Das ist ja fast, als ob ein Eskimo seinen Antipoden um einen Trunk aus
der Feldflasche bitten wollte,« gab sie ebenso zurück. »Oder sollte das
Ende der Welt nahe sein?«
Einen Moment gab er keine Antwort, denn es stieg eine tiefe Röte in seinen
braunen Wangen auf, welche erst herabgekämpft werden mußte.
»Ich denke, wir haben Frieden geschlossen?« fragte er dann ruhig und
nicht ohne Humor.
»Ach ja, richtig!« rief sie lachend. »Schieben Sie das Vergessen auf das
Ungewohnte. Also zur Sache!«
»Zur Sache,« erwiderte er. »Zuerst nun meine Mitteilung. Ich habe mich,
unter Zustimmung des Herzogs, mit der Prinzessin Eleonore von Nordland
verlobt.«
Also doch! Aber Dolores kämpfte tapfer ein seltsames Gefühl von
Hoffnungslosigkeit nieder, das ihr ans Herz griff, und sie reichte Falkner
lächelnd die Hand. Nur so weit reichte ihre Beherrschung nicht, daß sie
dieser kalten Hand ihre natürliche Wärme hätte wiedergeben können.
»Ich gratuliere,« sagte sie und setzte, scheinbar heiter, hinzu: »Aber
Sie überraschen mich nicht --«
»O, nach dem, was gestern Abend vorgefallen ist --« warf er ein.
»Ich hatte daran gar nicht gedacht,« meinte sie. »Doch da Ihre Prinzeß
Braut mich schon vorher zur Vertrauten zu machen geruhte, so war mir das
Neue in der That nicht mehr ganz neu. Ich freue mich aber sehr, daß die
Zustimmung des Herzogs zu diesem glücklichen Ausgange geführt hat.«
»Es ist sehr großmütig von Ihnen, sich überhaupt mit mir zu freuen,«
erwiderte Falkner in einem Ton, von dem Dolores nicht genau wußte, wie sie
ihn deuten sollte, ob ironisch, ob einfach konversationsmäßig, oder ob
beziehungsvoll.
»Gehört wirklich Großmut dazu, anderer Leute Freude zu begreifen?«
fragte sie mit einem matten Lächeln. »Mir scheint, Ihr Glaube an meine
vielgerühmte Herzlosigkeit hat seinen Umsturzprozeß doch noch nicht ganz
vollzogen.«
Ein bitteres Gefühl hatte ihn seine Worte nicht ohne Ironie meinen lassen,
jetzt aber bereute er dieselbe sofort.
»=Mea culpa=,« sagte er bittend. »Aber,« setzte er lächelnd hinzu,
»Sie selbst sind auch nicht ganz ohne Schuld, denn wenn man meint,
Ihr wahres Ich zu erblicken, so setzen Sie flugs die berühmten zwei
Satanellahörnchen auf, die einen so schadenfroh anfunkeln, daß man ein
kaltes Sturzbad zu erhalten meint.«
»Nun gestehen Sie selbst Ihr Unrecht,« entgegnete sie. »Kalt Wasser
ist allzeit wohlthuend -- ich dachte aber, daß es in der Hölle -- heiß
sei.«
»O, allzu heiß und allzu kalt -- das sind Gegensätze, die entschieden
in der Hölle erfunden worden sind,« sagte er mit einem Seufzer und fügte
warm hinzu, wie sie ihn nie sprechen gehört: »Nein, wirklich, Dolores,
auch Sie müssen an meine schwer errungene, bessere Überzeugung glauben!«
»Soll das ein Kompliment sein?« fragte sie neckend.
»Nein,« erwiderte er ehrlich. »Aber warum auch nicht das? Eine schwer
errungene Sache zeugt von einem Siege gegen manche menschliche Schwachheit,
und da ich die gewonnene Überzeugung eine bessere nannte, so kann dies
auch ein Kompliment sein, nur ums Himmels willen nicht im gewöhnlichen
Sinne gedankenlosen Salongeschwätzes.«
Da sah Dolores ihn ernst an und freundlich dazu.
»Sie haben recht,« sagte sie mit gänzlich verändertem Ton. »Ich
will mich bemühen, stets dieser Auffassung eingedenk zu sein nach dem
Wahlspruch unseres Hauses: ›Alle Falken ehrlich.‹ Und mehr noch --
heut', da Sie mir die Nachricht bringen, daß die Freifrau von Falkner
gewählt worden ist von Ihnen, heut' verspreche ich, Vergangenes vergangen,
vergessen und begraben sein zu lassen!«
»Dolores!« rief er und ergriff ihre Hand und küßte sie, die willig aber
ohne Druck in der seinen lag, und dann sah er sie an, lange, mit seltsam
verschleiertem Blick: »Das also war der Preis, die Bedingung unseres
Friedens?« fragte er langsam.
»Ja,« sagte sie mit fester, aber freundlicher, beinahe freudiger Stimme.