Ich lächle unter Thrä--ää--äää--äääänen --

das ist ja kolossal rührend, aber doch nicht so steinerweichend.«

Nach dieser Erklärung kam Doktor Ruß wieder auf die Freifrau Dolorosa

zurück, und er schilderte ihr traurig Ende.

»Sie soll aber noch einmal zu klarem Bewußtsein gelangt sein,« schloß

er. »Denn es wird in der Chronik berichtet, daß Gott den Schleier des

Wahnsinns kurz vor ihrem Tode von ihrer Seele nahm und ihr die Gabe des

Hellsehens verliehen habe. In diesem Zustande, in welchem sie von allem

wußte, nach allem fragte und Anordnungen traf für ihr letztes Stündlein,

in diesem Zustande soll sie dem Geschlechte der Falkner eine Prophezeiung

hinterlassen und sogar aufgezeichnet haben.«

»Eine Prophezeiung?« fragte man unwillkürlich, Falkner mit inbegriffen,

der so gesessen hatte, daß er während der ganzen Geschichte der Freifrau

Dolorosa fortwährend das Profil von Dolores sehen mußte, welches sich von

dem rubinroten Plüsch ihres Sessels klar und bleich abhob wie eine antike

Kamee.

»Und wie lautet diese Prophezeiung?« fragte Gräfin Schinga interessiert.

»Sie mag wohl verloren gegangen sein,« antwortete Doktor Ruß. »Ich

habe sie wenigstens beim Ordnen des Archivs und der Bibliothek nicht finden

können.«

»Oder sie ist überhaupt eine Fabel,« meinte der Herzog. »Und wenn sie's

ist, so wär's das beste, denn meist erwecken solche Prophezeiungen,

selbst wenn sie nachträglich gemacht werden, nur den Aberglauben und seine

traurigsten Folgen. Ich halte nicht viel davon, denn etwas Humbug ist immer

dabei im Spiel.«

»Da möchte ich zu widersprechen wagen, Hoheit,« entgegnete Doktor Ruß.

»Was wir gemeinhin Hellseherei und als deren Produkt Prophezeiung nennen,

ist ein hypnotischer Zustand, der für uns zwar heutzutage noch viel

Unerklärtes in sich schließt, wissenschaftlich beleuchtet aber immer

verständlicher wird. Und warum sollen die Leute dazumal dem Hypnotismus

weniger zugänglich gewesen sein, als heut' die vielen ›Medien‹ von

Profession? Die Prophezeiungen alter Tage sind in hypnotischem Zustand

abgegebene Erklärungen -- Reisefrüchte einer Seele in jenes ferne Land,

das wir die Zukunft nennen.«

»Hm! Hm! Ich bin hierin etwas skeptisch, lieber Doktor,« erwiderte der

Herzog, während der Erbprinz ausrief:

»Ah, also ein Bundesgenosse! Du siehst daraus, lieber Papa, daß ich nicht

allein stehe mit dem, was du gemeinhin unter die Rubrik ›Blödsinn‹

rangierst.«

»Kinder, laßt mich in Ruhe,« meinte der Herzog mit behaglichem Lächeln.

»Zu meiner Zeit, da wußte man nichts von Hypnotismus und solchem Zeug,

womit die Leute nur verrückt gemacht werden. Da ließ man die Menschen

wahrsagen und träumen, was sie Lust hatten, und man brauchte es nicht zu

glauben, wenn man nicht wollte. Aber jetzt möchte man sich abends schon

mit Angst ins Bett legen bei dem Gedanken, daß die Seele einen kleinen

Abstecher macht, Gott weiß wohin, und am Ende das Wiederkommen gar

vergißt. Denn nach meinem Herrn Sohn sind Träume auch hypnotische

Produkte, zu welcher Ansicht ich mich leider so lange nicht bekennen kann,

als ich noch jedesmal vor feierlichen Gelegenheiten träume, daß mir bei

Staatsakten allemal die notwendigsten Kleidungsstücke fehlen. Prophetisch

können die Angstträume nicht sein, denn so lange ich noch bei Verstande

bin, werde ich voraussichtlich Landtage und Ausstellungen nicht in einem

Kostüm eröffnen, das für meine afrikanischen Kollegen ganz praktisch,

bei uns aber ganz ungewöhnlich ist.«

»Papa ist eben ganz unüberzeugbar,« sagte der Erbprinz, wider Willen

einstimmend in das lustige Lachen, das die herzogliche Traumdeutung

hervorrief durch die ruhige, trockene Art, wie der hohe Herr sie vortrug.

Falkner, der nicht lachte, weil er gar nichts von des Herzogs Rede gehört

hatte, sah nur das feine bleiche Profil an der Stuhllehne ihm gegenüber

sich wenden und den schönen Mund lachen -- eigentlich nur lächeln, um

sofort wieder ernst zu werden.

»Trotz der entschieden unprophetischen Träume Eurer Hoheit gehöre ich

aber auch zu den Frondeuren gegen Ihre Ansicht,« sagte Dolores. »Darf ich

_meine_ Beweise vorbringen, daß Träume kein bedeutungsloser Unsinn sind,

oder sein können?«

»Ich bitte darum, und bin ganz Ohr,« erwiderte der Herzog, und alles

lauschte gespannt, als Dolores begann:

»O, ich werde kurz sein. Mir träumte also von der bösen Freifrau, und

ich sah sie naturgemäß, genau in derselben Kleidung, wie hier vor uns auf

dem Bilde!«

»Hu! Wie graulich,« machte Prinzeß Lolo mit kokettem Erschauern.

»Nein, mir war es nicht zum Fürchten,« fuhr Dolores fort, »denn sie

sprach sehr freundlich und liebevoll mit mir. Und mir träumte weiter, daß

sie mir ein Geheimfach zeigte, und ich sah deutlich, wie es zu öffnen

war. Daran wäre nun nichts Wunderbares -- Bedeutung erhält der Traum aber

durch den Umstand, daß ich später das Geheimfach wirklich fand und es

öffnen konnte durch den Mechanismus, welchen mir die Ahnfrau im Traume

gezeigt.«

Ein allgemeines »Ah« des Staunens durchlief den kleinen Kreis bei dieser

Erzählung, und der Herzog meinte schmunzelnd:

»Hoffentlich hat der allerdings ganz wunderbare Traum auch seine

praktische Seite, denn ich vermute, daß Sie in dem Geheimfache einen

Schatz gefunden haben.«

»Einen Schatz fand ich zwar nicht darin, wohl aber die Prophezeiung, deren

Doktor Ruß vorhin erwähnte!«

Ein plötzliches, wunderbares Naturereignis hätte den kleinen Kreis nicht

in stupenderes Staunen, in größere Aufregung versetzen können, als die

einfachen, ruhig gesprochenen Worte Dolores Falkners es thaten. Namentlich

der Erbprinz war ganz Feuer und Flamme geworden und wollte von der

Erzählerin alle Details des Traumes wissen, was sie während desselben

gefühlt, was nachher empfunden.

»O, wenn ich die Wahrheit bekennen soll, so muß ich eingestehen, daß ich

heut' noch darauf schwören möchte, alles im wachenden Zustande erlebt,

nicht geträumt zu haben,« erwiderte Dolores. »Doch das ist ja natürlich

Unsinn -- es _war_ ein Traum, das beweist die Unfähigkeit, mich zu regen,

welche ich während desselben empfand.«

»Hypnotismus!« rief der Erbprinz triumphierend. »Gnädiges Fräulein,

Sie ahnen nicht, welchen Wert Ihr Zeugnis für meine Studien hat!« --

»Ach liebes, liebes Fräulein Dolores, bitte, geben Sie uns doch diese

Prophezeiung zum besten,« schmeichelte Prinzeß Lolo und gespannt blickte

Doktor Ruß nach der Angeredeten hinüber. Sie aber schüttelte nur mit dem

Kopfe.

»Es steht nichts darin von Gift und Dolch, Mord und Totschlag -- ist also

gar nicht pikant,« sagte sie.

»Ja, aber irgend etwas muß doch darin stehen, wenn es eine Prophezeiung

ist,« beharrte die Prinzeß auf ihrem Wunsche. »Ich meine, irgend etwas

Interessantes für die Familie.«

»Es scheint so,« erwiderte Dolores kühl. »Durchlaucht werden mich aber

trotzdem entschuldigen, wenn ich es als gegenwärtige Lehnsherrin ablehnen

muß, ein Dokument zu zeigen, das ich als ›sekret‹ betrachte.«

»Wenn dies mit Grund geschieht, so kann ich Ihnen nur zustimmen,

Cousine,« sagte Falkner fest.

»Nun hetzen Sie auch noch,« schmollte die Prinzeß, der wohl noch selten

eine Bitte versagt worden war, doch Prinzeß Alexandra sagte verweisend:

»Unsere liebenswürdige Wirtin ist im Recht, Lolo, und wir haben

keines, aus bloßer Neugier oder zum Spaß Familienangelegenheiten zu

durchstöbern!«

»Meinetwegen kann die ganze, dumme Prophezeiung auch eingepökelt

werden,« sagte die junge, fürstliche Dame schmollend mit dem ganzen Trotz

eines ungezogenen Backfisches, der für gleichgültig erklärt, was ihm

verboten worden ist, und als Prinzeß Alexandra ein leis ermahnendes »Aber

Lolo« hören ließ, spannte der kleine reizende Übermut die niedlichen

Hände mit den rosigen Fingern Tandem vor ihr Näschen als Antwort,

d. h. sie machte der entthronten Autorität ihrer Schwester eine ganz

unfürstliche, schusterjungenmäßige »lange Nase.«

Als sie diese Heldenthat vollbracht, sprang der stets bizarre Sprünge

machende Geist Prinzeß Lolos sofort auf eine andere Idee über.

»Famos, solch' ein Familiengespenst,« rief sie und betrachtete das Bild

der bösen Freifrau. »Wir haben ja natürlich auch unsere graue Dame, aber

ich hab' sie leider noch nicht gesehen, auch nicht von ihr geträumt, wie

Sie! Sie geht immer die Korridore im Schlosse lang bis in die Kapelle und

steigt dann zur Ahnengruft hinab. Apropos, Baroneß, haben Sie auch eine

Ahnengruft? Und ist die Freifrau Dolorosa dort beigesetzt?«

»Ich habe wirklich noch nicht danach gefragt,« sagte Dolores.

»Da kann ich Auskunft geben,« warf Doktor Ruß ein. »Der Sarg der

Freifrau Dolorosa steht in dem verschlossenen Raum der Gruftkapelle

zwischen den Särgen der beiden Brüder Falkner, welche ihre Gatten gewesen

sind.«

»In der sogenannten Bleikammer,« ergänzte Falkner.

»Ach, gehen wir doch hinein -- bei Fackellicht! Es ist schon ganz

finster,« rief Prinzeß Lolo aufspringend.

»Unsinn, Lolo,« sagte der Erbprinz.

»Na, ich dächte, das wäre doch ein unschuldiges Vergnügen,« erwiderte

sie empört.

»Unschuldig -- ja! Vergnügen -- nein!«

»Das ist Geschmacksache,« entgegnete das blonde Prinzeßchen weise. »Mir

zum Beispiel macht es ein wonnevoll grausiges Vergnügen, nachts in eine

Ahnengruft zu steigen, um den Sarg einer spukenden Ahnfrau zu sehen. Und

die Baronin Dolores wohnt sogar in ihren Zimmern und schläft in ihrem

Bett. Aber _ihr_ gönnt mir nichts. Nicht wahr, Baronin, ich darf in die

Ahnengruft?!«

»Natürlich,« lächelte Dolores ergötzt.

»Ach, da kommen wir gleich,« rief Prinzeß Lolo und sprang auf.

»Heut' noch, Durchlaucht? Ein andermal --« --

»Nein, nein, gleich!« beharrte die Prinzeß. »Sascha würde zu Haus

bloß predigen und mir haarklein beweisen, daß einer Prinzeß von Nordland

nicht Extrawürste, wie andere Sterbliche sie speisen, gebraten werden

dürfen. Das kenne ich schon!«

»Nun denn, vorwärts, wenn Seine Hoheit nichts dagegen hat,« sagte

Dolores resigniert und amüsiert zugleich, während Prinzeß Alexandra

ihrem Bruder zuflüsterte:

»Wenn ich nur wüßte, wo Eleonore diese Ausdrücke her hat!« --

Der Herzog hatte natürlich gar nichts dagegen, und nachdem Dolores an

Ramo die nötigen Befehle gegeben hatte, brach man auf zu der alten

Gruftkapelle, welche, in einem fernen Parkwinkel gelegen, unter hohen,

uralten Eichen ein engbegrenztes, aber sehr stimmungsvolles Bild gab. In

einem früheren Stil als der Falkenhof erbaut, hatte die Gruftkapelle schon

Geschlechtern zur letzten Ruhestätte gedient, welche dahingegangen und

erloschen waren, und durch die Eichenallee, durch welche nun die kleine

Tafelrunde der Lehnsherrin Dolores lachend und plaudernd dahinschritt, war

manch' ein Falkner hinausgetragen worden zum letzten langen Schlafe.

Alfred Falkner mußte unwillkürlich an seinen letzten Gang durch diese

Eichenallee denken -- als er dem Sarge des Onkels folgte, ein entthronter

Erbe, ein bloßer Agnat im Gefolge der »Theaterprinzeß«! Auch heut'

schritt sie ihm voran, aber an der Seite eines regierenden Herzogs, und er

konnte nicht anders, als hinblicken auf sie, auf diese leicht schreitende,

schlanke Gestalt, in deren goldnem Haar sich mitunter ein Mondenstrahl

fing, der durch eine Lichtung im Gezweig huschte. Und dann glänzte dies

Haar auf und sprühte wie Feuer und leuchtete metallisch wie poliertes

Kupfer -- dies Haar, dessen »Satansfarbe« er so gehaßt hatte. Nun

freilich wußte er, daß dieser Haß Selbstbetrug gewesen -- --

Da hing sich leicht ein Arm in den seinen, und ein reizendes Gesichtchen

blickte auf zu ihm mit thränengefüllten Augen -- Prinzeß Lolo.

»Sehen Sie nicht immer nur hin nach _ihr_,« flüsterte sie mit erstickter

Stimme, »sie macht sich doch nichts aus Ihnen -- gar nichts!«

»Das wußt' ich eher, wie Sie, Prinzeß,« erwiderte er in der Bitterkeit

seines Herzens, und dann ärgerte ihn das rasche Wort. Was brauchte dies

kleine Schoßkind des Glückes davon zu wissen?

»Das wissen Sie? Gott sei Dank!« flüsterte es an seinem Arme zurück.

»Wie meinten Durchlaucht?« fragte er steif.

»Ich sagte: Gott sei Dank, daß Sie es wissen,« kam es trotzig zurück,

aber etwas lauter. »Ich _will_ nicht so laut sprechen -- was brauchen es

die andern zu hören?«

»Was hören?«

»Daß Sie umsonst den Toggenburg spielen vor dem Falkenhof:

Ritter, treue Schwesterliebe

Widmet Euch dies Herz --

Fordert keine andre Liebe,

Denn es macht mir Schmerz --«

deklamierte die kleine Prinzeß.

»Durchlaucht belieben starke Ausdrücke,« gab er hochmütig zurück.

»Denn wenn ich zu etwas _nicht_ Anlage habe, so ist es zum Toggenburg.«

»Dazu wären Sie auch zu schade --« --

»O wirklich --?«

»Ja, denn Sie sollen siegen, aber nicht schmachten. Schmachten ist für

einen Mann etwas Gräßliches -- Jämmerliches. Wenn man Sie als Prometheus

an einen Felsen schmiedete, und die Geier an Ihrem Herzen hackten --« --

»Es war die Leber, Durchlaucht!« -- unterbrach er sie ironisch.

»Und die Geier an Ihrem Herzen hackten,« fuhr sie unbeirrt fort, »dann

würde ich so viel glühende Thränen weinen auf Ihre Fesseln, bis sie

schmölzen. Aber für einen Gefangenen im Bagno mit der Kugel am Fuß

rühre ich keinen Finger!«

Die kleine, leidenschaftliche Rede verfehlte ihre Wirkung nicht. Falkner

führte gerührt und geschmeichelt -- vielleicht letzteres noch mehr, das

reizende kleine Händchen, das auf seinem Arm lag, an die Lippen.

»O, Prinzeß Lolo!« murmelte er.

»Nennen Sie mich doch nicht auch mit diesem schrecklichen Namen,« bat sie

leise mit schmeichelnder Stimme.

»Eleonore!« sagte er da, ohne Titel, ohne Prädikat.

»Alfred!« jauchzte es noch leiser zurück, aber mit solchem Herzensjubel,

daß er davor erschrak. Was war geschehen? Was hatte er gethan? Doch zum

Überlegen war keine Zeit -- man war an Ort und Stelle.

Vor der Kapelle, die grau und verwittert unter dem dichten Blätterdach der

sie umgebenden Eichen lag, standen zwei Diener mit Fackeln -- sie hatten

einen näheren Weg genommen, um die Herrschaften zu erwarten.

Der Herzog setzte sich sogleich auf eine Steinbank vor der Pforte. »So!

Nun macht, was ihr wollt, ich bleibe hier,« erklärte er behaglich; die

Lust in die Gruft hinabzusteigen, war übrigens auch bei den anderen nichts

weniger als groß und man zögerte vor der nun geöffneten Pforte, bis

Dolores zu Prinzeß Lolo sagte:

»Nun denn, so muß ich Ihnen allein die Honneurs dort unten machen,

Durchlaucht!«

Aber der kleinen Durchlaucht war längst die Lust vergangen -- sie hatte

durchgesetzt, was sie sich eingebildet hatte, mehr wollte sie eigentlich

nicht, und ihr Hasenherzchen fing merkwürdig an zu zittern und zu klopfen

vor der Kapellenthür, auf welcher das Fackellicht unheimlich flackerte.

»Gehen Sie mit?« fragte sie zaghaft, zu Falkner emporsehend.

»Gewiß,« sagte dieser. »Dort unten habe _ich_ sogar

Repräsentationspflichten und größere Rechte, als meine Cousine, die

Lehnsherrin!«

»Ein bitterer und grausiger Humor,« meinte Dolores ernst und gelassen.

»Ich schließe mich gleichfalls an,« erklärte Doktor Ruß sehr zum

Mißfallen seiner Frau, und die Vier betraten die Kapelle, gefolgt von

Ramo, der eine Stocklaterne entzündet hatte und mit derselben leuchtete.

Im Kapellenraum brannte hinter rotem Glase eine ewige Lampe, deren

herrliche Form in schwerem Silber von der Decke herabhing. Der Altar, darin

an bestimmten Tagen ein Priester Seelenmessen las für die ewige Ruhe der

hier beigesetzten Falkner, war reich und prächtig bestellt -- fromme Gaben

Hinterbliebener, welche all diese gold- und silberstrotzenden Antependien,

Leuchter, Vasen, Evangelien- und Episteltafeln als Opfer niedergelegt

hatten für die dahingeschiedenen Geliebten.

Dolores, Falkner und Ramo neigten sich bekreuzend vor dem geschlossenen

Tabernakel -- dann öffneten sie ein Gitter, das eine steile aber breite

Treppe abschloß und sie schritten, Ramo voran, dieselbe herab, hinter der

Prinzeß, welche nur zaghaft den ihr zukommenden Vortritt nahm. Die Treppe

mündete in einen hallenartigen Keller, in dessen gewölbten Nischen Särge

standen von allen Größen, viele bedeckt mit verdorrten Kränzen.

»Hu, wie schrecklich!« flüsterte die Prinzeß halb weinend.

»Das sind neuere Generationen,« erklärte Falkner. »Die eigentliche

Gruft liegt hinter jener Thür, und dieser Raum wurde ehedem als Kapelle

benutzt, ehe es da drinnen zu enge wurde und man die Vorhalle droben als

Kapelle einrichten mußte. =Tempus fugit=,« setzte er bedeutungsvoll

hinzu.

»=Tempus fugit=,« wiederholte Doktor Ruß. »Künftige Geschlechter

werden sich eine neue Stätte für ihren letzten Schlaf errichten

müssen.«

»Es ist noch Platz hier für die beiden letzten Falkner,« erwiderte

Dolores, seltsam bewegt. »Die Nischen sind gefüllt -- hier aber, mitten

im Raum, sind zwei aufgemauerte Postamente für die Särge, und hier

trifft sie früh die Morgensonne durch das Gitterfenster, und frei kann

die Waldluft sie umwehen. Es sind die besten Plätze, und niemand kann sie

›dem letzten Falkenpaare‹ wehren, denn wenn der letzte hinabgetragen

ist, dann wird die Thür oben zugemauert, und die ewige Lampe

erlischt --«

»Wer aber wird das letzte Falkenpaar sein?« fragte Prinzeß Lolo

beklommen, und als niemand antwortete, stieß sie einen leisen Schrei aus.

»Sie beiden?« flüsterte sie scheu, auf Alfred und Dolores deutend.

»Wer weiß es?« sagte ersterer und schritt der verschlossenen Thür

zu, sie zu öffnen, während Dolores die prophetischen Worte der Ahnfrau

einfielen:

Kann sich das Edelfalkenpaar nicht finden,

Dann wird der Stamm erlöschen und verschwinden.

»Verschwinden,« schien das Echo zu sagen, welches das gedachte Wort gar

nicht erweckt hatte.

Der Raum, den sie jetzt betraten, war bedeutend kleiner, und die feuchte

Grabesluft des großen Gruftgewölbes fehlte ihm, denn die Wände waren

mit Blei bedeckt, von dessen blinden Flächen noch schwarze Tuchfetzen

herabhingen, mit denen die Wände ehedem zum »=pompe funèbre=« behangen

waren.

»Der Luxus unserer Vorväter hatte dieselben mehr konserviert als es

jede Einbalsamierung thun konnte,« sagte Doktor Ruß, indem er auf die

Bleiwände deutete. »Deshalb können wir auch heute noch beurteilen, ob

der Maler der ›bösen Freifrau‹ geschmeichelt hat oder nicht.«

Er winkte Ramo, und dieser beleuchtete drei nebeneinander stehende

reichbeschlagene, mit Samt bekleidete Prachtsärge, auf deren mittelsten

eine Tafel angebracht war zu Füßen des Kruzifixes, auf welcher man

deutlich den Namen: »Dolorosa, Freifrau von Falknerin« lesen konnte.

Doktor Ruß und Falkner faßten den Deckel bei den Handhaben, hoben

ihn herab und enthüllten einen zweiten Bleisarg, der in dem Prunksarg

eingelassen war. Auch dessen Deckel wich und Dolores sah mit einem Ausruf

höchster Überraschung eine Gestalt in dem Sarge liegen, von deren Haupt

das Haar zwar glanzlos, aber genau so kupferrot leuchtete, wie auf dem

ihren, und näher tretend konnte sie die von der Zeit zwar vergilbten, aber

wunderbar erhaltenen Züge der »bösen Freifrau« erkennen, wie sie hier

so friedlich zu schlafen schien im silbergestickten, weißen Damastkleide,

das sich über einem goldgestickten, mattgrünen Unterkleide von Atlas

öffnete. Die schmalen, schlanken Hände, welche aus den übergeschlagenen

Spitzenmanschetten der hochgepufften Ärmel hervorragten und nun wie

vergilbtes Elfenbein aussahen, waren über der Brust gefaltet, welche

ein tiefer Ausschnitt des Kleides halb entblößte, der feingestickte,

spitzenbesetzte mächtige Kragen aber leicht bedeckte. Um den Hals lag ein

dünnes Goldkettlein, die rotgoldenen Haare waren dicht gekräuselt und

in den leichten Federlöckchen lag im seltsamen Gegensatze zu dem grünen

Unterkleide, eine spitze, lange, schwarze Witwenschneppe.

Mächtig erschüttert sah Dolores auf die Ahne herab, deren Züge sie trug,

diese Züge, auf denen die Bleibekleidung der Wände und der bleierne

Sarg dies Wunder der Erhaltung ihrer irdischen Reste bewirkt -- sie hatte

unwillkürlich die Hände gefaltet, und ihre Augen wurden feucht, als sie

den Körper der Unglücklichen vor sich sah, die im Leben so heiß geliebt,

so schwer gelitten hatte --

Die Falkner vom Falkenhof. Zweiter Band. · 第 5 / 12 题