XIX.

Eine Straße. Sudarschana und Surangama.

_Sudarschana_

Welche Erlösung, Surangama, welche Freiheit! Meine Niederlage ist es,

die mir die Freiheit gebracht hat. Oh, was besaß ich für einen ehernen

Stolz! Nichts konnte ihn rühren oder erweichen. Mein verfinsterter Geist

konnte auf keine Weise dazu gebracht werden, die schlichte Wahrheit zu

sehen, daß nicht der König zu kommen hatte, sondern daß ich zu ihm gehen

sollte. Die ganze Nacht hindurch gestern lag ich allein im Staub auf

dem Boden am Fenster -- lag da trostlose Stunden lang und weinte! Die

ganze Nacht bliesen die Südwinde und schrien und stöhnten wie die Qual,

die an meinem Herzen nagte; und immer hindurch hörte ich das klagende:

»Sprich, Weib!« des Nachtvogels, das in dem Aufruhr draußen als Echo

tönte!... Es war das hilflose Wehklagen der dunklen Nacht, Surangama!

_Surangama_

Die schwere melancholische Weise der letzten Nacht schien eine Ewigkeit

forttönen zu wollen -- oh, welch trübe düstere Nacht!

_Sudarschana_

Aber willst du es glauben -- mir war, ich hörte die sanften Akkorde

der Laute durch all den wilden Lärm und Aufruhr strömen! Konnte er so

süße und zarte Weisen spielen, er, der so grausam und schrecklich ist?

Die Welt kennt nur meine Entwürdigung und Schmach -- aber keiner als

mein eigenes Herz konnte diese Akkorde hören, die durch die einsame und

klagende Nacht hin nach mir riefen. Hörtest du, Surangama, diese Laute

auch? Oder war das nur ein Traum von mir?

_Surangama_

Aber eben um die Musik dieser Laute zu hören, bin ich ja immer an deiner

Seite. Auf diesen Ruf der Musik, von dem ich wußte, er würde eines Tages

kommen und all die Schranken der Liebe zunichte machen, habe ich mit

gespanntem Ohr all die Zeit her gelauscht.

_Sudarschana_

Schließlich schickte er mich auf die Landstraße -- ich konnte seinem

Willen nicht widerstehen. Wenn ich ihn finde, werden die ersten Worte

sein, die ich ihm sage: »Ich bin freiwillig gekommen -- ich habe nicht

abgewartet, bis du kamst.« Ich werde sagen: »Um deinetwillen bin ich die

harten beschwerlichen Straßen gewandert, und bitter und unaufhörlich war

auf dem ganzen Weg mein Weinen.« Ich werde wenigstens diesen Stolz in

mir haben, wenn ich zu ihm komme.

_Surangama_

Aber selbst dieser Stolz wird nicht dauern. Er kam vor dir -- wer sonst

hätte dich auf die Straße schicken können?

_Sudarschana_

Vielleicht ist es so. Solange noch ein Gefühl gekränkten Stolzes in

mir war, mußte ich glauben, er hätte mich für immer verlassen; aber

als ich meine Würde und meinen Stolz in die Winde schleuderte und auf

die gemeinen Straßen hinausging, da schien es mir, als wäre auch er

herausgekommen: ich habe angefangen, ihn zu finden, seit ich auf der

Straße bin. Ich fürchte nun nichts mehr. All diese Leiden, durch die

ich um seinetwillen hindurchgegangen bin, gerade die Bitterkeit all

dieser Leiden bringt ihn zu mir. Ach ja, er ist gekommen, er hat mich

bei der Hand genommen, gerade wie er es in jener Kammer der Dunkelheit

gern tat, wo bei seiner Berührung all mein ganzer Leib in plötzlicher

Wonne erbebte: es ist dieselbe, dieselbe Berührung wieder! Wer sagt, er

sei nicht hier? -- Surangama, kannst du nicht sehen, daß er gekommen

ist, schweigend und insgeheim?... Wer ist jener dort? Sieh, Surangama,

dort ist ein dritter Wanderer auf dieser dunklen Straße zu dieser

nächtlichen Stunde.

_Surangama_

Ich sehe, es ist der König von Kantschi, meine Königin.

_Sudarschana_

Der König von Kantschi!

_Surangama_

Fürchte dich nicht, meine Königin!

_Sudarschana_

Fürchten! Warum sollte ich mich fürchten? Die Tage der Furcht sind für

mich für immer vorbei.

_Kantschi_ (tritt auf)

Mütterchen Königin, ich sehe euch beide auf dieser Straße! Ich bin ein

Wanderer auf demselben Weg wie du. Habe keine Furcht vor mir, o Königin!

_Sudarschana_

Es ist gut, König von Kantschi, daß wir zusammen gehen, Seite an Seite

-- das ist nur in Ordnung. Ich kam dir in den Weg, als ich zuerst mein

Heim verließ, und nun begegne ich dir wieder auf dem Rückweg. Wer hätte

sich träumen lassen, daß diese unsre Begegnung voll so guter Verheißung

war?

_Kantschi_

Aber, Mütterchen Königin, es gebührt sich nicht, daß du zu Fuß über

diese Straße wanderst. Willst du mir gestatten, einen Wagen für dich zu

besorgen?

_Sudarschana_

Oh, sage das nicht: ich wäre nie wieder glücklich, wenn ich nicht auf

meinem Rückweg nach Hause auf den Staub der Straße treten könnte, die

mich von meinem König weggeführt hat. Ich würde mich selbst betrügen,

wenn ich jetzt in einem Wagen fahren würde.

_Surangama_

König, auch du wanderst heute im Staub: diese Straße hat niemals einen

gekannt, der Pferd oder Wagen über sie gelenkt hätte.

_Sudarschana_

Als ich die Königin war, schritt ich auf Silber und Gold -- ich habe nun

für das Unglück meiner königlichen Geburt zu büßen, indem ich auf Staub

und nackter Erde wandre. Ich hätte mir nicht träumen lassen, daß ich

heute bei jedem meiner Schritte im gemeinen Staub der Erde meinen König

finden würde.

_Surangama_

Sieh, meine Königin, dort im Osten dämmert der Morgen. Wir haben nicht

mehr lange zu wandern: ich sehe die Spitzen der goldenen Türme des

Königspalastes.

Der Großvater tritt auf.

_Großvater_

Mein Kind, es tagt -- endlich!

_Sudarschana_

Du hast mir deinen Segen zum Geleit gegeben, und hier bin ich nun.

_Großvater_

Aber siehst du, was für schlechte Manieren unser König hat? Er hat

keinen Wagen geschickt, keine Musik, nichts von Glanz und Pracht.

_Sudarschana_

Nichts von Pracht, sagst du? Sieh hin, der Himmel ist rosig und

purpurn über und über, und die Luft ist voll von dem Willkommgruß der

Blumendüfte.

_Großvater_

Ja, aber so grausam unser König sein mag, dürfen wir doch nicht suchen,

mit ihm zu wetteifern: ich kann mich des Schmerzes nicht erwehren, wenn

ich dich in diesem Zustand sehe, mein Kind. Wie können wir ertragen,

dich in dieses arme zerlumpte Gewand gekleidet in den Königspalast

eingehn zu sehen? Warte etwas -- ich laufe und hole dir deine

Königsgewänder.

_Sudarschana_

O nein, nein, nein! Er hat diese Königskleider für immer von mir

genommen -- er hat mich vor den Augen der ganzen Welt in das Kleid einer

Magd gekleidet: welche Erlösung ist das für mich gewesen! Ich bin nun

seine Magd, nicht länger seine Königin. Heute stehe ich tiefer als alle

die, die irgendeine Verwandtschaft mit ihm beanspruchen können.

_Großvater_

Aber deine Feinde werden nun über dich lachen: wie kannst du ihren Spott

ertragen?

_Sudarschana_

Laß ihr Gelächter und ihren Spott unauslöschlich sein -- laß sie auf den

Straßen Staub nach mir werfen: dieser Staub wird heute der Puder sein,

mit dem ich mich schmücken will, ehe ich meinem Herrn entgegentrete.

_Großvater_

Danach habe ich nichts mehr zu sagen. Nun wollen wir das letzte Spiel

unsres Frühlingsfestes spielen -- anstatt mit Blütenstaub soll der

Südwind alles mit dem Staub der Demut überschütten! Wir werden zum Herrn

gehen, gekleidet in das gemeine Grau des Staubes. Und wir werden auch

ihn über und über mit Staub bedeckt finden. Denn, meint ihr, die Leute

schonen ihn? Selbst er kann ihren schmutzigen und staubigen Händen

nicht entgehen, und er denkt nicht einmal daran, den Schmutz von seinen

Kleidern zu bürsten.

_Kantschi_

Großvater, vergiß mich nicht in deinem Spiel! Ich will auch dies mein

Königsgewand beschmutzen lassen, bis es nicht mehr zu erkennen ist.

_Großvater_

Das wird nicht viel Zeit brauchen, mein Bruder. Nun du so tief

heruntergekommen bist, wirst du deine Farbe in kürzester Frist wechseln.

Sieh nur unsre Königin an -- sie geriet in Zorn gegen sich selbst und

dachte, sie könnte ihre unvergleichliche Schönheit zerstören, indem

sie all ihren Schmuck wegwarf: aber diese Beleidigung ihrer Schönheit

ließ sie in zehnfachem Glanz erstrahlen, und nun ist sie in dieser

Schmucklosigkeit zur Vollendung gelangt. Unser König selbst ist

gestaltlos und ohne Schönheit, darum liebt er sie in seinen mannigfachen

Erscheinungen als seinen höchsten Schmuck. Und diese Schönheit hat heute

den Schleier von Stolz und Eitelkeit abgetan! Was gäbe ich nicht darum,

wenn ich die wunderbare Musik und den Gesang hören dürfte, der heute

meines Königs Palast erfüllt!

_Surangama_

Seht, dort geht die Sonne auf!

Der König der dunklen Kammer · 第 33 / 35 题