Königstochter, welche oft zu einem nah gelegenen Hügel ging, da im
Schatten des Gebüsches zu ruhen. Diesen Berg aber bewohnten innen
Geister und er ward einmal bei einem furchtbaren Wetter von ihnen
verwüstet und zerrissen. Die Königstochter, als sie wieder hinzukam,
beschloß in die geöffnete Tiefe hinabzusteigen, um sie beschauen zu
können. Sie trat, als es Nacht wurde, hinein, wurde aber alsbald von
wilden, entsetzlichen Gestalten ergriffen und über eine große Menge
Fässer immer tiefer und weiter in den Abgrund gezogen. Folgenden Tags
fand man sie auf einer Anhöhe in der Nähe des verwüsteten Bergs, die
Füße in die Erde gewurzelt, die Arme in zwei Baumäste ausgewachsen und
den Leib einem Steine ähnlich. Durch ein Wunderbild, das man aus dem
nahen Kloster herbeibrachte, wurde sie aus diesem furchtbaren Zustande
wieder erlöst und zur Burg zurückgeführt. Auf den Gipfel des Bergs
setzte man ein Kreuz, und noch jetzt heißt dieser der +Kreuzliberg+ und
die Tiefe mit den Fässern des +Teufels Keller+.
340.
Die Pferde aus dem Bodenloch.
~+Merssaeus (Cratepolius)+ catalogus episcop. Coloniens.~
~+Greg. Horst+~ in s. Zusätzen zu ~+Marc. Donatus+ hist. medica mirab.
cap. 9. p. 707.~
~+Balth. Bebelius+ diss. de bis mortuis p. 9.~
Rhein. Antiquarius S. 728-730.
Cölner Taschenbuch für altdeutsche Kunst 1816.
Richmuth von Adocht, eines reichen Burgermeisters zu Cöln Ehefrau,
starb und wurde begraben. Der Todtengräber hatte gesehen, daß sie
einen köstlichen Ring am Finger trug, die Begierde trieb ihn Nachts
zu dem Grab, das er öffnete, Willens den Ring abzuziehen. Kaum aber
hatte er den Sargdeckel aufgemacht, so sah er, daß der Leichnam die
Hand zusammendrückte und aus dem Sarg steigen wollte. Erschrocken floh
er. Die Frau wand sich aus den Grabtüchern los, trat heraus und ging
gerades Schritts auf ihr Haus zu, wo sie den bekannten Hausknecht bei
Namen rief, daß er schnell die Thüre öffnen sollte und erzählte ihm mit
wenig Worten, was ihr widerfahren. Der Hausknecht trat zu seinem Herrn
und sprach: “unsere Frau steht unten vor der Thüre und will eingelassen
seyn.” “Ach, sagte der Herr, das ist unmöglich, eh das möglich wäre,
eher würden meine Schimmel oben auf dem Heuboden stehen!” Kaum hatte er
das Wort ausgeredet, so trappelte es auf der Treppe und dem Boden und
siehe, die sechs Schimmel standen oben alle beisammen. Die Frau hatte
nicht nachgelassen mit Klopfen, nun glaubte der Burgermeister, daß
sie wirklich da wäre; mit Freuden wurde ihr aufgethan und sie wieder
völlig zum Leben gebracht. Den andern Tag schauten die Pferde noch aus
dem Bodenloch und man mußte ein großes Gerüste anlegen, um sie wieder
lebendig und heil herabzubringen. Zum Andenken der Geschichte hat man
Pferde ausgestopft, die aus diesem Haus zum Boden herausgucken. Auch
ist sie in der Apostelkirche abgemahlt, wo man überdem einen langen
leinenen Vorhang zeigt, den Frau Richmuth nachher mit eigner Hand
gesponnen und dahin verehrt hat. Denn sie lebte noch sieben Jahre.
341.
Zusammenkunft der Todten.
Mündlich, aus Hessen.
Eine Königin war gestorben und lag in einem schwarz ausgehängten
Trauersaal auf dem Prachtbette. Nachts wurde der Saal mit Wachskerzen
hell erleuchtet und in einem Vorzimmer befand sich die Wache: ein
Hauptmann mit neun und vierzig Mann. Gegen Mitternacht hört dieser,
wie ein sechsspänniger Wagen rasch vor das Schloß fährt, geht hinab
und eine in Trauer gekleidete Frau, von edlem und vornehmem Anstande,
kommt ihm entgegen und bittet um die Erlaubniß, eine kurze Zeit bei der
Todten verweilen zu dürfen. Er stellt ihr vor, daß er nicht die Macht
habe, dies zu bewilligen, sie nennt aber ihren wohlbekannten Namen und
sagt, als Oberhofmeisterin der Verstorbenen gebühre ihr das Recht,
sie noch einmal, eh sie beerdigt werde, zu sehen. Er ist unschlüssig,
aber sie dringt so lange, daß er nichts schickliches mehr einzuwenden
weiß und sie hineinführt. Er selbst, nachdem er die Thüre des Saals
wieder zugemacht, geht haußen auf und ab. Nach einiger Zeit bleibt
er vor der Thüre stehen, horcht und blickt durchs Schlüsselloch, da
sieht er, wie die todte Königin aufrecht sitzt und leise zu der Frau
spricht, doch mit verschlossenen Augen und ohne eine andere Belebung
der Gesichtszüge, als daß die Lippen sich ein wenig bewegen. Er heißt
die Soldaten, einen nach dem andern, hineinsehen und jeder erblickt
dasselbe; endlich naht er selbst wieder, da legt sich die Todte eben
langsam auf das Prachtbett zurück. Gleich darnach kommt die Frau wieder
heraus und wird vom Hauptmann hinab geführt; dieser fühlt, indem er
sie in den Wagen hebt, daß ihre Hand eiskalt ist. Der Wagen eilt,
so schnell er gekommen, wieder fort und der Hauptmann sieht, wie in
der Ferne die Pferde Feuerfunken ausathmen. Am andern Morgen kommt
die Nachricht, daß die Oberhofmeisterin, welche mehrere Stunden weit
auf einem Landhause wohnte, um Mitternacht und gerade in der Stunde
gestorben ist, wo sie bei der Todten war.
342.
Das weissagende Vöglein.
+Micrälius+ Pomm. Gesch. Buch IV. S. 159.
Im Jahr 1624. hörte man in der Luft rufen: “weh, weh über Pommerland!”
Am 14. Juli ging des Leinenwebers Frau von Colbatz nach Selow, mit
Namen Barbara Sellentius, daselbst Fische zu kaufen. Da sie auf dem
Rückwege nach Colbatz unterwegs war, hörte sie den Steig herunter am
Berge ein Geschrei von Vögeln, und wie sie besser hinankam, schallte
ihr die Stimme entgegen: “höre, höre!” Sie sah mittlerweile ein klein
weiß Vögelein, einer Schwalben groß, auf einer Eiche sitzend, das
redete sie mit deutlichen, klaren Worten an: “sage dem Hauptmann, daß
er soll dem Fürsten sagen, die Anrennung, die er kriegen wird, soll
er in Güte vertragen, oder es wird über ihn ausgehen; und soll also
richten, daß ers vor Gott und der Welt verantworten kann!”
343.
Der ewige Jud auf dem Matterhorn.
Mündlich, aus Oberwallis.
Der Matterberg unter dem Matterhorn ist ein hoher Gletscher des
Walliserlands, auf welchem die Visper entspringt. Der Leutsage nach
soll daselbst vor Zeiten eine ansehnliche Stadt gelegen haben. Durch
diese kam einmal der +laufende Jud+[16] gegangen und sprach: “wenn
ich zum zweitenmal hier durch wandere, werden da, wo jetzt Häuser
und Gassen sind, Bäume wachsen und Steine liegen. Und wenn mich zum
drittenmal der Weg daher führt, wird nichts da seyn, als Schnee und
Eis.” Jetzo ist schon nichts mehr da zu sehen, als Schnee und Eis.
[16] So nennen viele Schweizer den ewigen Juden.
344.
Der Kessel mit Butter.
Mündlich, aus Oberwallis.
Unter einem Berg des Visperthales, nicht weit von Alt-Tesch, soll ein
ganzes Dorf mit Kirche und Häusern vergraben liegen, und die Ursache
dieses Unglücks wird so erzählt: eine Bäuerin stand vorzeiten an ihrem
Heerd und hatte einen Kessel mit Anke, welche sie auslassen wollte,
über dem Feuer hangen; der Kessel war gerade halb voll Sud. Da kam ein
Mann des Weges vorbei und sprach sie an, daß sie ihm etwas von der Anke
zu seiner Speise geben möchte. Die Frau war aber hartherzig und sagte:
“ich brauch alles für mich selber und kann nichts davon verschenken.”
Da wandte sich der Mann und sprach: “hättest du mir ein weniges
gegeben, so wollte ich deinen Kessel so begabt haben, daß er stets bis
zum Rand voll gewesen und nimmer leer geworden wäre.” Dieser Mann war
unser Herrgott selber. Das Dorf aber war seit der Zeit verflucht und
wurde von einem Bergsturz ganz überschüttet, so daß nichts mehr davon
am Licht ist, als die Fläche des Kirchen-Altars, der ehdem im Ort
gestanden; +über+ den fließt nämlich jetzt das Bächlein, das vorher
+unter+ ihm hingeflossen und sich nun durch die Schlucht der Felsen
windet.
345.
Trauer-Weide.
Mündlich.
Unser Herr Jesus Christus ward bei seiner Kreuzigung mit Ruthen
gegeiselt, die von einem Weidenbaume genommen waren. Seit dieser Zeit
senkt dieser Baum seine Zweige trauernd zur Erde und kann sie nicht
mehr himmelwärts aufrichten. Das ist nun der Trauer-Weidenbaum.
346.
Das Christus-Bild zu Wittenberg.
Mündlich.
Zu Wittenberg soll sich ein Christus-Bild befinden, welches die
wunderbare Eigenschaft hat, daß es immer einen Zoll größer ist, als
der, welcher davor steht und es anschaut; es mag nun der größte oder
der kleinste Mensch seyn.
347.
Das Muttergottes-Bild am Felsen.
Mündlich, aus Oberwallis.
Im Visperthal an einer schroffen Felsenwand des Rätibergs hinter
St. Niklas stehet hoch oben, den Augen kaum sichtbar, ein kleines
Marienbild im Stein. Es stand sonst unten am Weg in einem jetzt leeren
Capellchen, daß die vorbeigehenden Leute davor beten konnten. Einmal
aber geschahs, daß ein gottloser Mensch, dessen Wünsche unerhört
geblieben waren, Koth nahm und das heilige Bild damit bewarf; es weinte
Thränen: als er aber den Frevel wiederholte, da eilte es fort, hoch an
die Wand hinauf und wollte sich auf das Flehen der Leute nicht wieder
herunter begeben. Den Fels hinanzuklimmen und es zurückzuhohlen, war
ganz unmöglich; eher, dachten die Leute, könnten sie ihm oben vom
Gipfel herab nahen, erstiegen den Berg und wollten einen Mann mit
starken Stricken umwunden so weit hernieder schweben lassen, bis er vor
das Bild käme und es in Empfang nehmen könnte. Allein im Herunterlassen
wurde der Strick, woran sie ihn oben festhielten, unten zu immer dünner
und dünner, ja als er eben dem Bild nah kam, so dünn wie ein Haar,
daß den Menschen eine schreckliche Angst befiel und er hinaufrief:
sie sollten ihn um Gotteswillen zurückziehen, sonst wär er verloren.
Also zogen sie ihn wieder hinauf und die Seile erlangten zusehends die
vorige Stärke. Da mußten die Leute von dem Gnadenbild abstehen und
bekamen es nimmer wieder.
348.
Das Gnadenbild aus dem Lerchenstock zu Waldrast.
Tyroler Sammler V. 1809. S. 251-265. aus der Volkssage und dem
waldraster Protocoll.
Im Jahr 1392. sandte die große Frau im Himmel einen Engel aus nach
Tyrol in die Waldrast auf dem Serlesberg. Der trat vor einen hohlen
Lerchenstock und sprach zu ihm im Namen der Gottesmutter:
“du Stock sollst der Frauen im Himmel Bild fruchten!”
Das Bild wuchs nun im Stock und zwei fromme Hirtenknaben, Hänsle und
Peterle aus dem Dorfe Mizens, gewahrten sein zuerst im Jahr 1407.
Verwundert liefen sie hinab zu den Bauern und erzählten: “gehet auf das
Gebirg, da stehet etwas wunderbarliches im hohlen Stock, wir trauten
uns nicht es anzurühren.” Das heilige Bild wurde nun erkannt, mit einer
Säge aus dem Stock geschnitten und einstweilen nach Matrey gebracht.
Da stund es, bis daß ihm eine eigene Kirche zur Waldrast selbst
gebauet wurde, dazu bediente sich U. L. F. eines armen Holzhackers
Namens Lusch, gesessen zu Matrey. Als der eines Pfingsttags Nacht an
seinem Bett lag und schlief, kam eine Stimme, redete zu dreienmalen
und sprach: “schläfst du oder wachst du?” Und beim drittenmal erwachte
er und frug: “wer bist du oder was willst du?” Die Stimme sprach: “du
sollst aufbringen eine Capelle in der Ehre U. L. F. auf der Waldrast.”
Da sprach der Holzhauer: “das will ich nit thun.” Aber die Stimme
kehrte wieder zu der andern Pfingsttagnacht und redete mit ihm in der
Maas als zuvor. Da sprach er: “ich bin zu arm dazu.” Da kam die Stimme
zu der dritten Pfingsttagnacht abermal an sein Bett und redete als vor.
Also hatte er dreier Nacht keine vor Sorgen geschlafen und antwortete
der Stimme: “wie meinest du’s, daß du nicht von mir willt lassen?” Da
sprach die Stimme: “du sollt es thun.” Da sprach er: “ich will sein
nit thun!” Da nahm es ihn und hob ihn gerad auf in die Höhe und sagte:
“du sollt es nun thun, berathe dich drum!” Da gedacht er: “o ich armer
Mann, was rath ich, daß ichs recht thue?” und sprach, er wollte es
thun, wo er nur die rechte Stätte wüßte. Die Stimme sprach: “im Wald
ist ein grüner Fleck im Moose, da leg dich nieder und raste, so wird
dir wohl kund gethan die rechte Stätte.” Der Holzhauer machte sich auf,
legte sich hin auf das Moos und rastete, (davon heißt der Ort: die Rast
im Walde, +Waldrast+.) Wie er entschlafen war, hörte er im Schlaf zwei
Glöckel. Da wachte er und sah vor sich auf dem Flecken, da jetzund
die Kirch stehet, eine Frau in weißen Kleideren und hätte ein Kind
am Arm, deß ward ihm nur ein Blick[17]. Da gedachte er: allmächtiger
Gott, da ist freilich die rechte Statt! und ging auf die Statt, da er
das Bild gesehen hatte, und merkts aus, nach dem als er vermeinte eine
Kirche zu machen, und die Glöckel klungen, bis er ausgemerkt hatte,
hernach hörte er sie nicht mehr. Da sprach er: “lieber Gott, wie soll
ichs verbringen? ich bin arm und habe kein Gut, da ich solchen Bau mit
verbringen möge.” Da sprach wiederum die Stimme: “so geh zu frommen
Leuten, die geben dir wohl alsoviel, daß du es verbringst. Und wann es
beschiehet, daß man es weihen soll, da wird es stillstehen 36 Jahr,
darnach wird es fürgäng und werden große Zeichen da geschehen zu ewigen
Zeiten.” Und da er die Capelle anfangen wollte zu machen, ging er zu
seinem Beichtvater und thät ihm das kund. Da schuf er ihn vor den
Bischof Ulrich gen Brixen, da ging er zu fünfmalen gen Brixen, daß ihm
der Bischof den Bau und die Capelle zu machen erlaubte. Das thät der
Bischof und ist beschehen am Erchtag (Dienstag) vor S. Pancratius im
Jahr 1409.
[17] d. h. er sah die Erscheinung nur einen Augenblick.
349.
Ochsen zeigen die heilige Stätte.
+Kasthofen+ in den Alpenrosen 1813. S. 188.
Bei Matten, einem Dorfe unweit der Mündung des Fermelthals in der
Schweiz, liegt ein gewaltiges zerstörtes steinernes Gebäude, davon
geht folgende Sage: Vor alten Zeiten wollte die Gemeinde dem heiligen
Stephan eine Kirche bauen und man ersah den Platz aus, wo das Mauerwerk
steht. Aber jede Nacht wurde zum Schrecken aller wiederum zerstört, was
den Tag über die fleißigen Thal-Leute aufgeführt hatten. Da beschloß
die Gemeinde unter Gebäten die Werkzeuge des Kirchenbaus einem ins Joch
gespannten Ochsenpaare aufzulegen, wo das stillstehen würde, wollten
sie Gottes Finger darin erblicken und die Kirche an dem Ort aufbauen.
Die Thiere gingen über den Fluß und blieben da stehen, wo nun die
Kirche St. Stephan vollendet ward.
350.
Notburga.
Notburga, eine heilige Magd auf dem Schloß Rottenburg. Auf öffentl.
Schaubühne vorgestellt den 17. Septbr. 1738.
Süddeutsche Miscellen 1813. März Nr. 26.
Miscellen für die neuste Weltkunde 1810. Nr. 44.
Im untern Innthale Tirols liegt das Schloß +Rottenburg+, auf welchem
vor alten Zeiten bei einer adlichen Herrschaft eine fromme Magd diente,
+Notburga+ genannt. Sie ward mildthätig und theilte, so viel sie
immer konnte, unter die Armen aus und weil die habsüchtige Herrschaft
damit unzufrieden war, schlugen sie das fromme Mägdlein und jagten es
endlich fort. Es begab sich zu armen Bauersleuten auf den nah gelegenen
Berg +Eben+; Gott aber strafte die böse Frau auf Rottenburg mit einem
jähen Tod. Der Mann fühlte nun das der Notburga angethane Unrecht und
holte sie von dem Berge Eben wieder zu sich nach Rottenburg, wo sie
ein frommes Leben führte, bis die Engel kamen und sie in den Himmel
abholten. Zwei Ochsen trugen ihren Leichnam über den Innstrom und
obgleich sein Wasser sonst wild tobt, so war er doch, als die Heilige
sich näherte, ganz sanft und still. Sie wurde in der Capelle des heil.
Ruprecht beigesetzt.
Am Neckar geht eine andere Sage. Noch stehen an diesem Flusse Thürme
und Mauern der alten Burg +Hornberg+, darauf wohnte vorzeiten ein
mächtiger König mit seiner schönen und frommen Tochter +Notburga+.
Diese liebte einen Ritter und hatte sich mit ihm verlobt; er war aber
ausgezogen in fremde Lande und nicht wiedergekommen. Da beweinte sie
Tag und Nacht seinen Tod und schlug jeden andern Freier aus, ihr Vater
aber war hartherzig und achtete wenig auf ihre Trauer. Einmal sprach
er zu ihr: “bereite deinen Hochzeitschmuck, in drei Tagen kommt ein
Bräutigam, den ich dir ausgewählt habe.” Notburga aber sprach in ihrem
Herzen: “eh will ich fortgehen, so weit der Himmel blau ist, als ich
meine Treue brechen sollte.”
In der Nacht darauf, als der Mond aufgegangen war, rief sie einen
treuen Diener und sprach zu ihm: “führe mich die Waldhöhe hinüber nach
der Capelle St. Michael, da will ich, verborgen vor meinem Vater, im
Dienste Gottes das Leben beschließen.” Als sie auf der Höhe waren,
rauschten die Blätter und ein schneeweißer Hirsch kam herzu und stand
neben Notburga still. Da setzte sie sich auf seinen Rücken, hielt sich
an sein Geweih und ward schnell von ihm fortgetragen. Der Diener sah,
wie der Hirsch mit ihr über den Neckar leicht und sicher hinüberschwamm
und drüben verschwand.
Am andern Morgen, als der König seine Tochter nicht fand, ließ er sie
überall suchen und schickte Boten nach allen Gegenden aus, aber sie
kehrten zurück, ohne eine Spur gefunden zu haben; und der treue Diener
wollte sie nicht verrathen. Aber als es Mittagszeit war, kam der weiße
Hirsch auf Hornberg zu ihm und als er ihm Brot reichen wollte, neigte
er seinen Kopf, damit er es ihm an das Geweih stecken mögte. Dann
sprang er fort und brachte es der Notburga hinaus in die Wildniß und
so kam er jeden Tag und erhielt Speise für sie; viele sahen es, aber
niemand wußte, was es zu bedeuten hatte, als der treue Diener.
Endlich bemerkte der König den weißen Hirsch und zwang dem Alten das
Geheimniß ab. Andern Tags zur Mittagszeit setzte er sich zu Pferd und
als der Hirsch wieder die Speise zu holen kam und damit forteilte,
jagte er ihm nach, durch den Fluß hindurch, bis zu einer Felsenhöhle,
in welche das Thier sprang. Der König stieg ab und ging hinein, da
fand er seine Tochter, mit gefaltenen Händen vor einem Kreuz kniend,
und neben ihr ruhte der weiße Hirsch. Da sie vom Sonnenlicht nicht
mehr berührt worden, war sie todtenblaß, also daß er vor ihrer Gestalt
erschrack. Dann sprach er: “kehre mit nach Hornberg zurück;” aber sie
antwortete: “ich habe Gott mein Leben gelobt und suche nichts mehr
bei den Menschen.” Was er noch sonst sprach, sie war nicht zu bewegen
und gab keine andere Antwort. Da gerieth er in Zorn und wollte sie
wegziehen, aber sie hielt sich am Kreuz, und als er Gewalt brauchte,
löste sich der Arm, an welchem er sie gefaßt, vom Leibe und blieb in
seiner Hand. Da ergriff ihn ein Grausen, daß er fort eilte und sich
nimmer wieder der Höhle zu nähern begehrte.
Als die Leute hörten, was geschehen war, verehrten sie Notburga als
eine Heilige. Büßende Sünder schickte der Einsiedler bei der St.
Michael-Capelle, wenn sie bei ihm Hilfe suchten, zu ihr: sie bätete
mit ihnen und nahm die schwere Last von ihrem Herzen. Im Herbst, als
die Blätter fielen, kamen die Engel und trugen ihre Seele in den
Himmel; die Leiche hüllten sie in ein Todten-Gewand und schmückten
sie, obgleich alle Blumen verwelkt waren, mit blühenden Rosen. Zwei
schneeweiße Stiere, die noch kein Joch auf dem Nacken gehabt, trugen
sie über den Fluß ohne die Hufe zu benetzen und die Glocken in den
nahliegenden Kirchen fingen von selbst an zu läuten. So ward der
Leichnam zur St. Michael-Capelle gebracht und dort begraben. In der
Kirche des Dorfs Hochhausen am Neckar steht noch heute das Bild der
heil. Notburga in Stein gehauen. Auch die Notburga-Höhle, gemeinlich
Jungfern-Höhle geheißen, ist noch zu sehen und jedem Kind bekannt.
Nach einer andern Erzählung war es König Dagobert, der zu Mosbach Hof
gehalten, welchem seine Tochter Notburga entfloh, weil er sie mit
einem heidnischen Wenden vermählen wollte. Sie ward mit Kräutern und
Wurzeln von einer Schlange in der Felsenhöhle ernährt, bis sie darin
starb. Schweifende Irrlichter verriethen das verstolene Grab und die
Königstochter ward erkannt. Den mit ihrer Leiche beladenen Wagen zogen
zwei Stiere fort und blieben an dem Orte stehen, wo sie jetzt begraben
liegt und den eine Kirche umschließt. Hier geschehen noch viele
Wunder. Das Bild der Schlange befindet sich gleichfalls an dem Stein
zu Hochhausen. Auf einem Altargemälde daselbst ist aber Notburga mit
ihren schönen Haaren vorgestellt, wie sie zur Sättigung der väterlichen
Rachgierde enthauptet wird.
351.
Mauerkalk mit Wein gelöscht.
~+Cuspinianus+ hist. Austr. ex relatione seniorum.~
+Aelurius+ glätzische Chronik. Buch ~II. cap. 2. p. 97.~
Im Jahr 1450. wuchsen zu Oestreich so sauere Trauben, daß die meisten
Bürgersleute den gekelterten Wein in die offene Straße ausschütteten,
weil sie ihn seiner Herbheit halben nicht trinken mochten. Diesen
Wein nannte man +Reifbeißer+; nach einigen, weil der Reif die Trauben
verderbt, nach andern, weil der Wein die Dauben und Reife der
Fässer mit seiner Schärfe gebissen hätte. Da ließ Friedrich III.,
römischer König, ein Gebot ausgehen, daß niemand so die Gabe Gottes
vergießen solle und wer den Wein nicht trinken möge, habe ihn auf den
Stephanskirchhof zu führen, da solle der Kalk im Wein gelöscht und die
Kirche damit gebaut werden.
Zu Glatz, gegen dem böhmischen Thor wärts, stehet ein alter Thurm, rund
und ziemlich hoch; man nennet ihn Heidenthurm, weil er vor uralten
Zeiten im Heidenthum erbaut worden. Er hat starke Mauern und soll der
Kalk dazu mit eitel Wein zubereitet worden seyn.
352.
Der Judenstein.
Mündlich, aus Wien.
Des tirol. Adlers immergrünendes Ehrenkränzel. durch F.A. Grafen von
+Brandis+. Botzen 1678. 4. S. 128.
+Schmiedt’s+ heiliger Ehren-Glanz der Grafschaft Tirol. Augsburg 1732.
4. II. 154-167.
Im Jahr 1462 ist es zu Tirol im Dorfe Rinn geschehen, daß etliche Juden
einen armen Bauer durch eine große Menge Geld dahin brachten, ihnen
sein kleines Kind hinzugeben. Sie nahmen es mit hinaus in den Wald und
marterten es dort auf einem großen Stein, seitdem der +Judenstein+
genannt, auf die entsetzlichste Weise zu todt. Den zerstochenen
Leichnam hingen sie darnach an einen unfern einer Brücke stehenden
Birkenbaum. Die Mutter des Kindes arbeitete gerade im Felde, als der
Mord geschah; auf einmal kamen ihr Gedanken an ihr Kind und ihr wurde,
ohne daß sie wußte warum, so angst: indem fielen auch drei frische
Blutstropfen nach einander auf ihre Hand. Voll Herzensbangigkeit eilte
sie heim und begehrte nach ihrem Kind. Der Mann zog sie in die Kammer,
gestand, was er gethan und wollte ihr nun das schöne Geld zeigen,
das sie aus aller Armuth befreie, aber es war all in Laub verwandelt.
Da ward der Vater wahnsinnig und grämte sich todt, aber die Mutter
ging aus und suchte ihr Kindlein, und als sie es an dem Baume hangend
gefunden, nahm sie es unter heißen Thränen herab und trug es in die
Kirche nach Rinn. Noch jetzt liegt es dort und wird vom Volk als ein
heiliges Kind betrachtet. Auch der Judenstein ist dorthin gebracht.
Der Sage nach hieb ein Hirt den Baum ab, an dem das Kindlein gehangen,
aber, als er ihn nach Haus tragen wollte, brach er ein Bein und mußte
daran sterben.
353.
Das von den Juden getödtete Mägdlein.
~+Thomae Cantipratani+ bonum universale de apibus. Duaci 1627. 8. p.
303.~
vgl. +Gehre’s+ pforzheimer Chronik S. 18-24.