Bei Lichtenwalde im sächsischen Erzgebirge zeigt man an dem

Zschopauthal eine Stelle, genannt der +Harrassprung+, wo vor Zeiten ein

Ritter, von seinen Feinden verfolgt, die steile Felsenwand hinunter in

den Abgrund geritten seyn soll. Das Roß wurde zerschmettert, aber der

Held entkam glücklich auf das jenseitige Ufer.

322.

Der Riese Hidde.

+Pierius Winsemius+ Geschiedenisse van Friesland. Franeker 1622. ~fol.~

Buch III. S. 93.

Zu Carls des Großen Zeit lebte ein Friese Namens +Hidde+, groß von Leib

und ein starker Mann, ging ins Land Braunschweig und wurde vom Herzog

zum Vogt seiner Wälder und Bäume gemacht. Als er einmal durch die

Wildniß ging, stieß er auf eine Löwin mit ihren jungen Welpen im Nest,

tödtete die Alte und brachte die Jungen, als Wölfe die er gefangen

habe, dem Herzog an Hof. Diesem gefiel die Einfalt des Mannes, welcher

keinen Unterschied machte zwischen Löwen und Wölfen und begabte ihn mit

vielen Ländereien in der Gegend der Elbe. Da baute er sich ein Wohnhaus

und nannte es +Hiddesacker+ nach seinem Namen.

323.

Das ilefelder Nadelöhr.

+Behrens+ cur. Harzwald S. 126. 127.

Bei dem Kloster Ilefeld, zur linken Hand gleich bei dem Harzfahrwege,

steht aus einem hohen Berg ein starker Stein hervor, der in seiner

Mitte eine enge und schmale durchgehende Höhle hat. Alle Knechte aus

Nordhausen und den umliegenden Örtern, wann sie das erstemal in den

Harzwald hinter Ilefeld nach Brennholz fahren, müssen durch dieses

Nadelöhr dreimal kriechen, mit großer Müh und Beschwerde, und werden

beim Ein- und Auskriechen von ihren Cameraden dazu mit Peitschenstielen

tapfer abgeschlagen. Wollen sie die Kurzweil nicht ausstehen, so müssen

sie sich mit Gelde loskaufen. Die Obrigkeit hat diese Sitte schon

mehrmals bei ziemlicher Strafe, aber fruchtlos verboten und der Knecht,

der sich dem Brauch entziehen will, hat vor seinen Cameraden keinen

Frieden und wird nicht bei ihnen gelitten. Vom Ursprung dieses Steins

gibt der gemeine Mann vor: ein +Hühne+ sey einsmals etliche Meilen Wegs

gereist; als er nun hinter Ilefeld gekommen, habe er gefühlt, daß ihn

etwas in dem einen Schuh drücke, ihn also ausgezogen und diesen Stein

drin gefunden. Darauf habe er den Stein an den Ort, wo er noch liege,

geworfen.

324.

Die Riesen zu Lichtenberg.

Mündlich, aus dem Odenwald.

Der Lichtenberg ist ein Bergschloß, das man späterhin aus den uralten

Trümmern wieder erneuert hat, und in allen Dörfern, die in seiner

Nähe liegen, lebt noch die Sage fort, daß es hier vor alten Zeiten

Riesen gegeben habe. Unter den Steinen befinden sich manche, die keine

Menschenkraft den jähen Berg hinauf hätte tragen können. Ein Riese

schleppte einen über achtzig Centner schweren Block auf seiner Schulter

herbei, aber er zerbrach ihm unterwegs und blieb eine Stunde von

Lichtenberg auf der Höhe liegen; er wird noch heut zu Tag Riesenstein

genannt. Im Schloß wird ein Knochen, anderthalb Schuh im Umfang haltend

und mit einem andern, einen halben Schuh dicken, einen Fuß langen

Bein verwachsen, aufbewahrt; auch soll daselbst vor fünf und zwanzig

Jahren noch eine ungeheure Bettlade außer den Knochen zu sehen gewesen

seyn. Es wird auch wiederum erzählt, daß die Riesenfrau einmal weiter

als gewöhnlich von dem Lichtenberg weggegangen sey und einen Bauer

getroffen habe, der mit Ochsen seinen Acker pflügte. Das hatte sie noch

nie gesehn, nahm also Bauer, Pflug und Ochsen zusammen in ihre Schürze

und brachte es ihrem Mann aufs Schloß mit den Worten: “sieh einmal

Mann, was ich für schöne Thierchen gefunden habe.”

325.

Das Hühnenblut.

+Otmar+ S. 267-270.

Zwischen dem magdeburgischen Städtchen Egeln und dem Dorfe Westeregeln,

unweit des Hakels, findet sich in einer flachen Vertiefung rothes

Wasser, welches das Volk: +Hühnenblut+ nennet. Ein Hühne floh verfolgt

von einem andern, überschritt die Elbe und als er in die Gegend kam,

wo jetzo Egeln liegt, blieb er mit einem Fuße, den er nicht genug

aufhob, an der Thurmspitze der alten Burg hangen, stolperte, erhielt

sich noch ein Paar tausend Fuß zwischen Fall und Aufstehen, stürzte

aber endlich nieder. Seine Nase traf gerade auf einen großen Feldstein

bei Westeregeln mit solcher Gewalt, daß er das Nasenbein zerschmetterte

und ihm ein Strom von Blut entstürzte, dessen Ueberreste noch jetzt zu

sehen sind.

Nach einer zweiten Erzählung, wohnte der Hühne in der Gegend von

Westeregeln. Oft machte er sich das Vergnügen, über das Dorf und seine

kleinen Bewohner wegzuspringen. Bei einem Sprung aber ritzte er seine

große Zehe an der Thurmspitze, die er berührte. Das Blut sprützte aus

der Wunde in einem tausendfüßigen Bogen, bis in die Lache, in der sich

das nieversiegende Hühnenblut sammelte.

326.

Es rauscht im Hühnengrab.

+Micrälius+ Pomm. Gesch. B. ~II. c.~ 52.

Bei Cößlin in Pommern zeigt man einen Hühnenberg, und man hat da ein

großes Horn, ein großes Schwert und ungeheure Knochen ausgegraben.

Auch in Vorpommern sollen vor Zeiten Riesen gewesen seyn. In der

Gegend von Greifswalde ließ man 1594. solche Hühnengräber “kleuben und

abschlichten,” da fanden die Steinmetzen Leiber elf und wohl sechszehn

Schuh lang, und Krüge daneben. Wie sie aber an einen andern Graben,

dem vorigen gleich, kamen und ihn auch versuchen wollten, soll sich

ihrem Vorgeben nach ein Getümmel, als wenn etwas mit Schlüsseln um sie

herrauschte und tanzte, haben vernehmen lassen. Da standen sie ab vom

Stören des Grabs.

327.

Todte aus den Gräbern wehren dem Feind.

+Otmar’s+ Samml.

Wehrstedt, ein Dorf nahe bei Halberstadt, hat nach der Sage seinen

Namen davon erhalten, daß bei einem gefahrvollen Ueberfall fremder

Heiden, da die Landesbewohner der Uebermacht schon unterlagen, die

Todten aus den Gräbern aufstanden, diese Unholde tapfer abwehrten und

so ihre Kinder retteten.

328.

Hans Heilings Felsen.

+Körner’s+ Nachlaß 2. 132-152. aus der deutschböhmischen Volkssage,

vgl. 174.

An der Eger, dem Dorfe Aich gegenüber, ragen seltsame Felsen empor,

die das Volk: Hans Heilings Felsen nennt und wovon es heißt: vor

alten Zeiten habe ein gewisser Mann, Namens Hans Heiling, im Lande

gelebt, der genug Geld und Gut besessen, aber sich jeden Freitag

in sein Haus verschlossen und diesen Tag über unsichtbar geblieben

sey. Dieser Heiling stand mit dem Bösen im Bunde und floh, wo er ein

Kreuz sah. Einst soll er sich in ein schönes Mädchen verliebt haben,

die ihm auch anfangs zugesagt, hernach aber wieder verweigert worden

war. Als diese mit ihrem Bräutigam und vielen Gästen Hochzeit hielt,

erschien Mitternachts zwölf Uhr Heiling plötzlich unter ihnen und rief

laut: “Teufel, ich lösche dir deine Dienstzeit, wenn du mir diese

vernichtest!” Der Teufel antwortete: “so bist du mein” und verwandelte

alle Hochzeitleute in Felsensteine. Braut und Bräutigam stehen da,

wie sie sich umarmen; die übrigen mit gefaltenen Händen. Hans Heiling

stürzte vom Felsen in die Eger hinab, die ihn zischend verschlang und

kein Auge hat ihn wieder gesehen. Noch jetzt zeigt man die Steinbilder,

die Liebenden, den Brautvater und die Gäste; auch die Stelle, wo

Heiling hinabstürzte.

329.

Die Jungfrau mit dem Bart.

+Prätorius+ Wünschelruthe S. 152-153. aus mündl. Erzählung.

vgl. Kinder- und Haus-Märchen II. 66.

Zu Salfeld mitten im Fluß steht eine Kirche, zu welcher man durch eine

Treppe von der nahgelegenen Brücke eingeht, worin aber nicht mehr

gepredigt wird. An dieser Kirche ist als Beiwappen oder Zeichen der

Stadt in Stein ausgehauen eine gekreuzigte Nonne, vor welcher ein Mann

mit einer Geige kniet, der neben sich einen Pantoffel liegen hat. Davon

wird folgendes erzählt. Die Nonne war eine Königs-Tochter und lebte zu

Salfeld in einem Kloster. Wegen ihrer großen Schönheit verliebte sich

ein König in sie und wollte nicht nachlassen, bis sie ihn zum Gemahl

nähme. Sie blieb ihrem Gelübde treu und weigerte sich beständig, als

er aber immer von neuem in sie drang und sie sich seiner nicht mehr

zu erwehren wußte, bat sie endlich Gott, daß er zu ihrer Rettung die

Schönheit des Leibes von ihr nähme und ihr Ungestaltheit verliehe; Gott

erhörte die Bitte und von Stund an wuchs ihr ein langer, häßlicher

Bart. Als der König das sah, gerieth er in Wuth und ließ sie ans Kreuz

schlagen.

Aber sie starb nicht gleich, sondern mußte in unbeschreiblichen

Schmerzen etliche Tage am Kreuz schmachten. Da kam in dieser Zeit aus

sonderlichem Mitleiden ein Spielmann, der ihr die Schmerzen lindern

und die Todes-Noth versüßen wollte. Der hub an und spielte auf seiner

Geige, so gut er vermogte, und als er nicht mehr stehen konnte vor

Müdigkeit, da kniete er nieder und ließ seine tröstliche Musik ohn

Unterlaß erschallen. Der heiligen Jungfrau aber gefiel das so gut,

daß sie ihm zum Lohn und Angedenken einen köstlichen, mit Gold und

Edelstein gestickten Pantoffel von dem einen Fuß herabfallen ließ.

330.

Die weiße Jungfrau zu Schwanau.

+Joh. Müller+ Schweiz. Gesch. II. 3.

Die freien Schweizer brachen die Burg Schwanau auf dem lowerzer See,

weil darin der böse und grausame Vogt des Kaisers wohnte. Einmal

jährlich erschüttert bei nächtlicher Stille ein Donner die Trümmer und

ertönt im Thurm Klaggeschrei; rings um die Mauer wird der Vogt von dem

weißgekleideten Mädchen, das er entehrt hatte, verfolgt, bis er mit

Geheule sich in den See stürzt. Drei Schwestern flohen vor der Vögte

Lust in des Rigi Klüfte und sind nimmer wieder herausgekommen. Sanct

Michels Capelle bezeichnet den Ort.

331.

Schwarzkopf und Seeburg am Mummel-See.

Erzählungen und Märchen von +Gustav+. Lpzg. 1804.

Der Mummel-See liegt im tiefen Murgthale rings von ehemaligen Burgen

umgeben; gegen einander stehen die Ueberreste der ehemaligen Festen

+Schwarzkopf+ und +Seeburg+. Die Sage erzählt, daß jeden Tag, wann

Dämmerung die Bergspitzen verhüllt, von der Seite des Seeburger

Burghofes dreizehn Stück Rothwild zu einem Pförtchen herein, über den

Platz, und zu dem entgegengesetzten flügellosen Burgthore hinaus eilen.

Geübte Wildschützen bekamen von diesen Thieren immer eins, aber nie

mehr in ihre Gewalt. Die andern Kugeln gingen fehl, oder fuhren in die

Hunde. Kein Jäger schoß seit der Zeit auf ein anderes Thier, als das in

diesem Zuge lief und sich durch Größe und Schönheit auszeichnete. Von

diesem täglichen Zuge ist jedoch der Freitag ausgenommen, der deswegen

den noch jetzt üblichen Namen Jäger-Sabbath erhielt und an welchem

niemand die Seeburg betritt. Aber an diesem Tage, um die Mitternacht,

wird eine andere Erscheinung gesehen. Zwölf Nonnen, in ihrer Mitte ein

blutender Mann, in dessen Leib zwölf Dolche stecken, kommen durch die

kleine Waldpforte in den Hof und wandeln still dem großen Burgthore zu.

In diesem Augenblick erscheint aus dem Portale eine ähnliche Reihe,

bestehend in zwölf ganz schwarzen Männern, aus deren Leibern Funken

sprühen und überall brennende Flecken hervorlodern; sie wandeln dicht

an den Nonnen und ihrem blutigen Begleiter vorüber, in ihrer Mitte

aber schleicht eine weibliche Gestalt. Dieses Gesicht erklärt die Sage

auf folgende Weise: in der Seeburg lebten zwölf Brüder, Raub-Grafen,

und bei ihnen eine gute Schwester; auf dem Schwarzkopf aber ein edler

Ritter mit zwölf Schwestern. Es geschah, daß die zwölf Seeburger in

einer Nacht die zwölf Schwestern vom Schwarzkopf entführten, dagegen

aber auch der Schwarzkopfer die einzige Schwester der zwölf Raubgrafen

in seine Gewalt bekam. Beide Theile trafen in der Ebene des Murgthals

auf einander und es entstand ein Kampf, in welchem die Seeburger bald

die Oberhand erhielten und den Schwarzkopfer gefangen nahmen. Sie

führten ihn auf die Burg und jeder von den Zwölfen stieß ihm einen

Dolch vor den Augen seiner sterbenden Geliebten, ihrer Schwester, in

die Brust. Bald darnach befreiten sich die zwölf geraubten Schwestern

aus ihren Gemächern, suchten die zwölf Dolche aus der Brust ihres

Bruders und tödteten in der Nacht sämmtliche Mord-Grafen. Sie

flüchteten nach der That, wurden aber von den Knechten ereilt und

getödtet. Als hierauf das Schloß durch Feuer zerstört ward, da sah

man die Mauern, in welchen die Jungfrauen geschmachtet, sich öffnen,

zwölf weibliche Gestalten, jede mit einem Kindlein auf dem Arm, traten

hervor, schritten zu dem Mummel-See und stürzten sich in seine Fluten.

Nachher hat das Wasser die zertrümmerte Burg verschlungen, in welcher

Gestalt sie noch hervorragt.

Ein armer Mann, der in der Nähe des Mummel-Sees wohnte und oftmals für

die Geister des Wassers gebätet hatte, verlor seine Frau durch den

Tod. Abends darauf hörte er in der Kammer, wo sie auf Spänen lag, eine

leise Musik ertönen. Er öffnete ein wenig die Thüre und schaute hinein

und sah sechs Jungfrauen, die mit Lichtlein in den Händen um die Todte

standen; am folgenden Abend waren es eben so viel Jünglinge, die bei

der Leiche wachten und sie sehr traurig betrachteten.

332.

Der Krämer und die Maus.

+Wenzel+ dramat. Erzählungen.

Vor langen Jahren ging ein armer Krämer durch den Böhmerwald gen

Reichenau. Er war müd geworden und setzte sich, ein Stückchen Brot zu

verzehren; das einzige, was er für den Hunger hatte. Während er aß,

sah er zu seinen Füßen ein Mäuschen herumkriechen, das sich endlich

vor ihn hinsetzte und aufschaute, als erwartete es etwas. Gutmüthig

warf er ihm einige Bröcklein von seinem Brot hin, so noth es ihm selber

that, die es auch gleich wegnagte. Dann gab er ihm, so lang er noch

etwas hatte, immer sein kleines Theil, so daß sie ordentlich zusammen

Mahlzeit hielten. Nun stand der Krämer auf, einen Trunk Wasser an

einer nahen Quelle zu thun; als er wieder zurückkam, siehe, da lag ein

Goldstück auf der Erde und eben kam die Maus mit einem zweiten, legte

es dabei und lief fort, das dritte zu holen. Der Krämer ging nach und

sah, wie sie in ein Loch lief und daraus das Gold hervorbrachte. Da

nahm er seinen Stock, öffnete den Boden und fand einen großen Schatz

von lauter alten Goldstücken. Er hob ihn heraus und sah sich dann nach

dem Mäuslein um, aber das war verschwunden. Nun trug er voll Freude das

Gold nach Reichenau, theilte es halb unter die Armen und ließ von der

andern Hälfte eine Kirche daselbst bauen. Diese Geschichte ward zum

ewigen Andenken in Stein gehauen und ist noch am heutigen Tage in der

Dreieinigkeitskirche zu Reichenau in Böhmen zu sehen.

333.

Die drei Schatzgräber.

+Falkenstein+ thüring. Chronik I. 219.

Unter der St. Dionysien Kirche, nicht weit von Erfurt, sollte ein

großer Schatz liegen, welchen drei Männer miteinander zu heben sich

vornahmen, nämlich ein Schmidt, ein Schneider und ein Hirt oder

Schäfer. Aber der böse Geist, der den Schatz bewachte, tödtete sie

alle dreie. Ihre Häupter wurden an dem Gesims der Kirche unterm Dache

in Stein ausgehauen, nebst einem Hufeisen, einer Scheere und einem

Schäferstock oder einer Weinmeisters-Hippe.

334.

Einladung vor Gottes Gericht.

~+Casp. Henneberg+ chronicon Prussiae. p. 254.~

+Prätorius+ Weltbeschr. I. 285-288.

Zu Leuneburg in Preußen war ein sehr behender Dieb, der einem ein Pferd

stehlen konnte, wie vorsichtig man auch war. Nun hatte ein Dorfpfarrer

ein schönes Pferd, das er dem Fischmeister zu Angerburg verkauft,

aber noch nicht gewährt. Da wettete der Dieb, er wolle dieses auch

stehlen und darnach aufhören; aber der Pfarrer erfuhr es und ließ es so

verwahren und verschließen, daß er nicht dazu kommen konnte. Indeß ritt

der Pfarrer mit dem Pferd einmal in die Stadt, da kam der Dieb auch in

Bettlerskleidern mit zweien Krücken in die Herberge. Und als er merkt,

daß der Pfarrer schier wollte auf seyn, macht er sich zuvor auf das

Feld, wirft die Krücken auf einen Baum, legt sich darunter und erwartet

den Pfarrer. Dieser kommt hernach, wohl bezecht, findet den Bettler da

liegen und sagt: “Bruder, auf! auf! es kommt die Nacht herbei, geh zu

Leuten, die Wölfe mögten dich zerreißen.” Der Dieb antwortet: “ach!

lieber Herr, es waren böse Buben eben hier, die haben mir meine Krücken

auf den Baum geworfen, nun muß ich allhier verderben und sterben, denn

ohne Krücken kann ich nirgend hinkommen.” Der Pfarrer erbarmt sich

seiner, springt vom Pferde, gibt es dem Schalk, am Zügel zu halten,

zieht seinen Reitrock aus, legt ihn aufs Pferd und steigt dann auf

den Baum, die Krücken abzugewinnen. Indessen springt der Dieb auf das

Pferd, rennt davon, wirft die Bauerskleider weg und läßt den Pfarrer zu

Fuß nach Hause gehen. Diesen Diebstahl erfährt der Pfleger, läßt den

Dieb greifen und an den Galgen henken. Jedermann wußte nun von seiner

Listigkeit und Behendigkeit zu erzählen.

Einsmals ritten etliche Edelleute, wohl bezecht, an dem Galgen vorbei,

redeten von des Diebs Verschlagenheit und lachten darüber. Einer von

ihnen war auch ein wüster und spöttischer Mensch, der rief hinauf:

“o du behender und kluger Dieb, du mußt ja viel wissen! komm auf den

Donnerstag mit deinen Gesellen zu mir zu Gaste und lehre mich auch

Listigkeit.” Deß lachten die andern.

Auf den Donnerstag, als der Edelmann die Nacht über getrunken hatte,

lag er lang schlafend, da kommen die Diebe Glocke neun des Morgens

mit ihren Ketten in den Hof, gehen zur Frau, grüßen sie und sagen,

der Junker habe sie zu Gast gebeten, sie solle ihn aufwecken. Dessen

erschrickt sie gar hart, geht vor des Junkers Bett und sagt: “ach! ich

habe euch längst gesagt, ihr würdet mit euerm Trinken und spöttischen

Reden Schande einlegen, steht auf und empfanget eure Gäste;” und

erzählt, was sie in der Stube gesagt hätten.

Er erschrickt, steht auf, heißt sie willkommen und daß sie sich setzen

sollten. Er läßt Essen vortragen, so viel er in Eile vermag, welches

alles verschwindet. Unterdessen sagt der Edelmann zu dem Pferdedieb:

“lieber, es ist deiner Behendigkeit viel gelachet worden, aber jetzund

ist mirs nicht lächerlich, doch verwundert mich, wie du so behend

bist gewesen, da du doch ein grober Mensch scheinest.” Der antwortet:

“der Satan, wann er sieht, daß ein Mensch Gottes Wort verläßt, kann

einen leicht behend machen.” Der Edelmann fragte andere Dinge, darauf

jener antwortete, bis die Mahlzeit entschieden war. Da stunden sie

auf, dankten ihm und sprachen: “so bitten wir euch auch zu Gottes

himmlischem Gericht, an das Holz, da wir um unserer Missethat willen

von der Welt getödtet worden: da sollt ihr mit uns aufnehmen das

Gericht zeitlicher Schmach und dies soll seyn heut über vier Wochen.”

Und schieden also von ihm.

Der Edelmann erschrack sehr und ward heftig betrübt. Er sagte es vielen

Leuten, der eine sprach dies der andere jenes dazu. Er aber tröstete

sich dessen, daß er niemanden etwas genommen und daß jener Tag auf

Allerheiligen-Tag fiel, auf welchen um des Fests willen man nicht

zu richten pflegt. Doch blieb er zu Hause und lud Gäste, so etwas

geschähe, daß er Zeugniß hätte, er wäre nicht auskommen. Denn damals

war die Rauberei im Lande, sonderlich Gregor Maternen Reiterei, aus

welchen einer den Hauscomthur D. Eberhard von Emden erstochen hatte.

Derhalben der Comthur Befehl bekam, wo solche Reiter und Compans zu

finden wären, man sollte sie fangen und richten, ohn einige Audienz.

Nun war der Mörder verkundschaftet und der Comthur eilte ihm mit den

seinigen nach. Und weil jenes Edelmannes der letzte Tag war und dazu

Allerheiligen-Fest, gedacht er, nun wär er frei, wollte sich einmal

gegen Abend auf das lange Einsitzen etwas erlustigen und ritt ins

Feld. Indessen als seiner des Comthurs Leute gewahr werden, däucht

sie, es sey des Mörders Pferd und Kleid und reiten flugs auf ihn zu.

Der Reuter stellt sich zur Wehr und ersticht einen jungen Edelmann,

des Comthurs Freund und wird deshalb gefangen. Sie bringen ihn vor

Leuneburg, geben einem Litthauen Geld, der hängt ihn zu seinen Gästen

an den Galgen. Und wollte ihm nicht helfen, daß er sagte, er käme aus

seiner Behausung erst geritten, sondern muß hören: “mit ihm fort, eh

andere kommen und sich seiner annehmen, denn er will sich nur also

ausreden!”

335.

Gäste vom Galgen.

+Bräuner’s+ Curiositäten S. 296-298.

Ein Wirth einer ansehnlichen Stadt reiste mit zwei Weinhändlern aus

dem Weingebürge, wo sie einen ansehnlichen Vorrath Wein eingekauft

hatten, wieder heim und ihr Weg führte sie am Galgen vorbei und obwohl

sie berauscht waren, sahen sie doch und bemerkten drei Gehenkte,

welche schon lange Jahre gerichtet waren. Da rief einer von den zwei

Weinhändlern: “du, Bären-Wirth, diese drei Gesellen, die da hängen,

sind auch deine Gäste gewesen.” -- “Hei! sagte der Wirth in tollem

Muthe, sie können heut zu Nacht zu mir kommen und mit mir essen!” Was

geschieht? Als der Wirth also trunken anlangt, vom Pferd absteigt, in

seine Wohnstube geht und sich niedersetzt, kommt eine gewaltige Angst

über ihn, so daß er nicht im Stande ist, jemand zu rufen. Indeß tritt

der Hausknecht herein, ihm die Stiefel abzuziehen, da findet er seinen

Herrn halb todt im Sessel liegen. Er ruft alsbald die Frau und als sie

ihren Mann mit starken Sachen ein wenig wieder erquickt, fragt sie, was

ihm zugestoßen sey. Darauf erzählt er ihr, im Vorbeireiten habe er die

drei Gehängten zu Gast geladen und da er in seine Stube gekommen, seyen

diese drei in der entsetzlichen Gestalt, wie sie am Galgen hängen, in

das Zimmer getreten, hätten sich an den Tisch gesetzt und ihm immer

gewinkt, daß er herbei kommen solle. Da sey endlich der Hausknecht

hereingetreten, worauf die Geister alle drei verschwunden. Dieses wurde

für eine bloße Einbildung des Wirths ausgegeben, weil ihm trunkener

Weise eingefallen, was er im Vorbeireiten den Sündern zugerufen, aber

er legte sich zu Bett und starb am dritten Tage.

336.

Teufels-Brücke.

Mündlich.

Ein Schweizer-Hirte, der öfters sein Mädchen besuchte, mußte sich

immer durch die Reuß mühsam durcharbeiten, um hinüber zu gelangen,

oder einen großen Umweg nehmen. Es trug sich zu, daß er einmal auf

einer außerordentlichen Höhe stand und ärgerlich sprach: “ich wollte

der Teufel wäre da und baute mir eine Brücke hinüber.” Augenblicklich

stand der Teufel bei ihm und sagte: “versprichst du mir das erste

Lebendige, das darüber geht, so will ich dir eine Brücke dahin bauen,

auf welcher du stets hinüber und herüber kannst.” Der Hirte willigte

ein; in wenig Augenblicken war die Brücke fertig, aber jener trieb eine

Gemse vor sich her und ging hinten nach. Der betrogene Teufel ließ

alsbald die Stücke des zerrissenen Thiers aus der Höhe herunter fallen.

337.

Die zwölf Johanneße.

+Falkenstein+ thüring. Chronik I. 218.

Ein fränkischer König hatte zwölf Jünglinge, die wurden die deutschen

Schüler genannt, und hieß jeglicher +Johannes+. Sie fuhren auf einer

Glücksscheibe durch alle Länder und konnten binnen vier und zwanzig

Stunden erfahren, was in der ganzen Welt geschehen war. Das berichteten

sie dann dem Könige. Der Teufel aber ließ alle Jahre einen von der

Scheibe herabfallen und nahm ihn zum Zoll. Den letzten ließ er auf den

Petersberg bei Erfurt fallen, der zuvor der Berbersberg genannt war.

Der König bekümmerte sich, wo doch der letzte hingekommen wäre, und

als er erfuhr, daß es ein schöner Berg sey, auf den er herabgefallen,

ließ er eine Capelle daselbst bauen und nannte sie ~Corpus Christi~;

setzte auch einen Einsiedler hinein. Es war aber damals schiffbar

Wasser rings umher und nichts angebaut und an der Capelle hing eine

Leuchte, darnach sich jeder richtete, bis das Wasser an der Sachsenburg

abgestochen wurde.

338.

Teufels-Graben.

Mündlich.

In der Nähe des Dorfes Rappersdorf, das nicht weit von der Stadt

Strehlen in Niederschlesien liegt, erblickt man in flachem Boden einen

tiefen Graben, gegen einen etwas entfernten Bach laufend, welcher vom

Volk der +Teufels-Graben+ genannt wird. Ein Bauer aus Rappersdorf

war sehr in Noth, weil er nicht wußte, wie er das überhand nehmende

Regen-Wasser von seinen Feldern ableiten solle. Da erschien der Teufel

vor ihm und sprach: “gib mir sieben Arbeiter zur Hülfe, so will ich

dir noch in dieser Nacht einen Graben machen, der alles Wasser von

deinen Äckern abzieht und fertig seyn soll, eh der Morgen graut.”

Der Bauer willigte ein und überlieferte dem Teufel die Arbeiter mit

ihren Werkzeugen. Als er am folgenden Tag hinausging, die Arbeit zu

besichtigen, war zwar der große breite Graben vollendet, aber die

Arbeitsleute waren verschwunden, bis man die zerrissenen Glieder dieser

Unglücklichen auf den Feldern rings umher zerstreut fand.

339.

Der Kreuzliberg.

Kleine Reminiscenzen und Gemählde. Zürch 1806.

Deutsche Sagen · 第 24 / 26 段