aus Geitz ein unschuldiges, siebenjähriges Mädchen. Die Juden stopften
ihm den Mund, daß es nicht schreien konnte, schnitten ihm die Adern auf
und umwanden es, um sein Blut aufzufangen, mit Tüchern. Das arme Kind
starb bald unter der Marter und sie warfens in die Enz, eine Last von
Steinen oben drauf. Nach wenig Tagen reckte Margrethchen ihr Händlein
über dem fließenden Wasser in die Höhe; das sahen die Fischer und
entsetzten sich; bald lief das Volk zusammen und auch der Markgraf
selbst. Es gelang den Schiffern, das Kind herauszuziehen, das noch
lebte, aber nachdem es Rache über seine Mörder gerufen, in den Tod
verschied. Der Argwohn traf die Juden, alle wurden zusammengefodert und
wie sie dem Leichnam nahten, floß aus den offenen Wunden stromweise das
Blut. Die Juden und auch das alte Weib bekannten die Unthat und wurden
hingerichtet. Beim Eingang der Schloßkirche zu Pforzheim, da wo man die
Glockenseile zum Geläut ziehet, stehet der Sarg des Kindes mit einer
Inschrift. Unter der Schifferzunft hat sich von Kind zu Kind einstimmig
die Sage fortgepflanzt, daß damals der Markgraf ihren Vorfahren zur
Belohnung die Wachtfreiheit, “so lang Sonne und Mond leuchten” in der
Stadt Pforzheim und zugleich das Vorrecht verliehen habe, daß alle
Jahre am Fastnachtsmarkt vier und zwanzig Schiffer mit Waffen und
klingendem Spiel aufziehen und an diesem Tag Stadt und Markt allein
bewachen sollen. Dies gilt auf den heutigen Tag.
354.
Die vier Hufeisen.
+Otmar+ S. 115-118.
Zu Ellrich waren ehdem an der Thüre der alten Kirche vier ungeheure
Hufeisen festgenagelt und wurden von allen Leuten angestaunt; seit die
Kirche eingefallen ist, werden sie in des Pfarrers Wohnung aufbewahrt.
Vor alten Zeiten soll Ernst Graf zu Klettenberg eines Sonntagmorgens
nach Ellrich geritten seyn, um dort durch Trinken den ausgesetzten
Ehrenpreis einer Goldkette zu gewinnen. Er erlangte auch den Dank vor
vielen andern und die Kette über den Hals angethan wollte er durch
das Städtlein nach Klettenberg zurückkehren. In der Vorstadt hörte er
in der Niclaskirche die Vesper singen; im Taumel reitet er durch die
Gemeinde bis vor den Altar; kaum betritt das Roß dessen Stufen, so
fallen ihm plötzlich alle vier Hufeisen ab und es sinkt sammt seinem
Reiter nieder.
355.
Der Altar zu Seefeld.
Mündlich, aus Wien.
Von dem hoch und weitberühmten Wunderzeichen, so sich mit dem Altar in
Seefeld in Tirol im Jahr 1384. zugetragen. Dillingen. 1580. und Innsbr.
1603. 4.
In Tirol nicht weit von Innsbruck liegt Seefeld, eine alte Burg, wo im
vierzehnten Jahrhundert Oswald Müller, ein stolzer und frecher Ritter
wohnte. Dieser verging sich im Uebermuthe so weit, daß er im Jahr 1384
an einem grünen Donnerstag mit der ihm, im Angesicht des Landvolks und
seiner Knechte in der Kirche gereichten Hostie nicht vorlieb nehmen
wollte, sondern eine größere, wie sie die Priester sonst haben, vom
Capellan für sich foderte. Kaum hatte er sie empfangen, so hub der
steinharte Grund vor dem Altar an, unter seinen Füßen zu wanken. In der
Angst suchte er sich mit beiden Händen am eisernen Geländer zu halten,
aber es gab nach, als ob es von Wachs wäre, also daß sich die Fugen
seiner Faust deutlich ins Eisen drückten. Ehe der Ritter ganz versank,
ergriff ihn die Reue, der Priester nahm ihm die Hostie wieder aus dem
Mund, welche sich, wie sie des Sünders Zunge berührt, alsbald mit Blut
überzogen hatte. Bald darauf stiftete er an der Stätte ein Kloster und
wurde selbst als Laie hineingenommen. Noch heute ist der Griff auf dem
Eisen zu sehen und von der ganzen Geschichte ein Gemählde vorhanden.
Seine Frau, als sie von dem heimkehrenden Volk erfuhr, was sich in der
Kirche zugetragen, glaubte nicht daran, sondern sprach: “das ist so
wenig wahr, als aus dem dürren und verfaulten Stock da Rosen blühen
können.” Aber Gott gab ein Zeichen seiner Allmacht und alsbald grünte
der trockne Stock und kamen schöne Rosen, aber schneeweiße, hervor.
Die Sünderin riß die Rosen ab und warf sie zu Boden, in demselben
Augenblick ergriff sie der Wahnsinn und sie rannte die Berge auf und
ab, bis sie andern Tags todt zur Erde sank.
356.
Der Sterbensstein.
Kleine Gemälde der Schweiz von +Appenzeller+. Winterthur 1810. S. 172.
In Oberhasli auf dem Weg nach Gadmen, unweit Mayringen, liegt am
Kirchetbuel, einer engen Felsschlucht, durch welche vor Jahrhunderten
sich die trübe Aar wälzte, ein Stein auf der Erde, in welchem sich
eine von einer Menschenhand eingedrückte Form von mehrern Fingern
zeigt. Vorzeiten, erzählt das Volk, fiel hier eine Mordthat vor; die
Unglückliche suchte sich daran festzuhalten und drückte die Spuren des
gewaltsamen Sterbens dem Stein ein.
357.
Sündliche Liebe.
+Falkenstein+ thüring. Chronik I. 218. 219.
Auf dem Petersberge bei Erfurt ist ein Begräbniß von Bruder und
Schwester, die auf dem etwas erhabenen Leichensteine abgebildet sind.
Die Schwester war so schön, daß der Bruder, als er eine Zeitlang in
der Fremde zugebracht und wiederkam, eine heftige Liebe zu ihr faßte
und mit ihr sündigte. Beiden riß alsbald der Teufel das Haupt ab. Auf
dem Leichensteine wurden ihre Bildnisse ausgehauen, aber die Köpfe
verschwanden auch hier von den Leibern und es blieb nur der Stachel,
woran sie befestiget waren. Man setzte andere von Messing darauf, aber
auch diese kamen fort, ja, wenn man nur mit Kreide Gesichter darüber
zeichnete, so war andern Tags alles wieder ausgelöscht.
358.
Der schweidnitzer Rathsmann.
+Lucä+ schles. Denkwürdigk. Fft. 1689. 4. S. 920. 921.
Es lebte vorzeiten ein Rathsherr zu Schweidnitz, der mehr das Gold
liebte als Gott, und eine Dohle abgerichtet hatte, durch eine
ausgebrochene Glasscheibe des vergitterten Fensters in die seinem
Hause grad gegenüber liegende Rathskämmerei einzufliegen und ihm ein
Stück Geld daraus zu hohlen. Das geschah jeden Abend und sie brachte
ihm eine der goldnen oder silbernen Münzen, die gerade von der
Stadt Einkünften auf dem Tische lagen, mit ihrem Schnabel getragen.
Die andern Rathsbedienten gewahrten endlich der Verminderung des
Schatzes, beschlossen dem Dieb aufzulauern und fanden bald, daß die
Dohle nach Sonnenuntergang geflogen kam und ein Goldstück wegpickte.
Sie zeichneten darauf einige Stücke und legten sie hin, die von der
Dohle nach und nach gleichfalls abgeholt wurden. Nun saß der ganze
Rath zusammen, trug die Sache vor und schloß dahin, falls man den
Dieb herausbringen würde, so sollte er oben auf den Kranz des hohen
Rathhausthurms gesetzt und verurtheilt werden, entweder oben zu
verhungern oder bis auf den Erdboden herabzusteigen. Unterdessen wurde
in des verdächtigen Rathsherrn Wohnung geschickt und nicht nur der
fliegende Bote, sondern auch die gezeichneten Goldstücke gefunden. Der
Missethäter bekannte sein Verbrechen, unterwarf sich willig dem Spruch,
den man, angesehen sein hohes Alter, lindern wollte, welches er nicht
zugab, sondern stieg vor aller Leute Augen mit Angst und Zittern auf
den Kranz des Thurms. Beim Absteigen unterwärts kam er aber bald auf
ein steinern Gelender, konnte weder vor noch hinter sich und mußte
stehen bleiben. Zehn Tage und Nächte stand der alte, arme Greis da zur
Schau, daß es einen erbarmte, ohne Speis und Trank, bis er endlich vor
großem Hunger sein eigen Fleisch von den Händen und Armen abnagte und
reu- und bußfertig durch solchen grausamen, unerhörten Tod sein Leben
endigte. Statt des Leichnams wurde in der Folge sein steinernes Bild
nebst dem der Dohle auf jenes Thurmgelender gesetzt. 1642 wehte es ein
Sturmwind herunter, aber der Kopf davon soll noch auf dem Rathhaus
vorhanden seyn.
359.
Regenbogen über Verurtheilten.
+Westenrieder’s+ histor. Kalender 1803.
Als im Juni 1621. zu Prag sieben und zwanzig angesehene Männer, welche
in den böhmischen Aufruhr verwickelt waren, sollten hingerichtet
werden, rief einer derselben, Joh. Kutnauer, Bürgerhauptmann in der
Altstadt, inständig zum Himmel empor, daß ihm und seinen Mitbürgern
ein Zeichen der Gnade gegeben werde, und mit so viel Vertrauen, daß
er sprach, er zweifle gar nicht, ein solches zu erhalten. Als nun
der Vollzug der Todesstrafen eben beginnen sollte, erschien nach
einem kleinen Regen, über dem sogenannten Lorenz-Berge ein kreuzweis
übereinander gehender Regenbogen, der bei einer Stunde zum Troste der
Verurtheilten stehen blieb.
360.
Gott weint mit dem Unschuldigen.
Mündlich, aus Hessen.
In Hanau ward zu einer Zeit eine Frau wegen eines schweren Verbrechens
angeklagt und zum Tod verurtheilt. Als sie auf den Richtplatz kam,
sprach sie: “wie der Schein auch gegen mich gezeugt hat, ich bin
unschuldig, so gewiß, als Gott jetzt mit mir weinen wird.” Worauf es
von heiterem Himmel zu regnen anfing. Sie ward gerichtet, aber später
kam ihre Unschuld an den Tag.
361.
Gottes Speise.
+Luther’s+ Tisch-Reden S. 90 b. 91 a.
Nicht weit von Zwickau im Voigtlande hat sich in einem Dorf zugetragen,
daß die Eltern ihren Sohn, einen jungen Knaben, in den Wald geschickt,
die Ochsen, so allda an der Weide gegangen, heimzutreiben. Als aber
der Knabe sich etwas gesäumt, hat ihn die Nacht überfallen, ist auch
dieselbe Nacht ein großer tiefer Schnee herabgekommen, der allenthalben
die Berge bedeckt hat, daß der Knabe vor dem Schnee nicht hat können
aus dem Wald gelangen. Und als er auch des folgenden Tags nicht heim
kommen, sind die Eltern nicht so sehr der Ochsen, als des Knaben wegen,
nicht wenig bekümmert gewesen und haben doch vor dem großen Schnee
nicht in den Wald dringen können. Am dritten Tag, nachdem der Schnee
zum Theil abgeflossen, sind sie hinausgegangen, den Knaben zu suchen,
welchen sie endlich gefunden an einem sonnigten Hügel sitzen, an dem
gar kein Schnee gelegen. Der Knab, nachdem er die Eltern gesehen, hat
sie angelacht und als sie ihn gefragt, warum er nicht heimgekommen?
hat er geantwortet, er hätte warten wollen, bis es Abend würde; hat
nicht gewußt, daß schon ein Tag vergangen war, ist ihm auch kein Leid
widerfahren. Da man ihn auch gefragt, ob er etwas gegessen hätte, hat
er berichtet, es sey ein Mann zu ihm kommen, der ihm Käs und Brot
gegeben habe. Ist also dieser Knabe sonder Zweifel durch einen Engel
Gottes gespeist und erhalten worden.
362.
Die drei Alten.
Mitgetheilt von +Schmidt+ aus Lübek, im Freimüthigen 1809. Nr. 1.
Im Herzogthum Schleswig, in der Landschaft Angeln, leben noch Leute,
die sich erinnern, nachstehende Erzählung aus dem Munde des vor einiger
Zeit verstorbenen, durch mehrere gelehrte Arbeiten bekannten Pastor
Oest gehört zu haben; nur weiß man nicht, ob die Sache ihm selbst, oder
einem benachbarten Prediger begegnet sey. Mitten im 18. Jahrhundert
geschah es, daß der neue Prediger die Markung seines Kirchsprengels
umritt, um sich mit seinen Verhältnissen genau bekannt zu machen. In
einer entlegenen Gegend stehet ein einsamer Bauernhof, der Weg führt
hart am Vorhof der Wohnung vorbei. Auf der Bank sitzt ein Greis mit
schneeweißem Haar und weint bitterlich. Der Pfarrer wünscht ihm guten
Abend und fragt: was ihm fehle? “Ach,” gibt der Alte Antwort, “mein
Vater hat mich so geschlagen.” Befremdet bindet der Prediger sein
Pferd an und tritt ins Haus, da begegnet ihm auf der Flur ein Alter,
noch viel greiser als der erste, von erzürnter Gebärde und in heftiger
Bewegung. Der Prediger spricht ihn freundlich an und fragt nach der
Ursache des Zürnens. Der Greis spricht: “ei, der Junge hat meinen Vater
fallen lassen!” Damit öffnet er die Stubenthüre, der Pfarrer verstummt
vor Erstaunen und sieht einen vor Alter ganz zusammengedrückten, aber
noch rührigen Greis im Lehnstuhl hinterm Ofen sitzen.
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+Druckfehler.+
S. 71. Zeile 3. Statt ~Vormius mons.~ lies: ~+Wormius monim+~. S. 137.
-- 10. von unten st. behütet +es+ l. behütet +er+.
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