Im Jahr 1267. war zu Pforzheim eine alte Frau, die verkaufte den Juden

aus Geitz ein unschuldiges, siebenjähriges Mädchen. Die Juden stopften

ihm den Mund, daß es nicht schreien konnte, schnitten ihm die Adern auf

und umwanden es, um sein Blut aufzufangen, mit Tüchern. Das arme Kind

starb bald unter der Marter und sie warfens in die Enz, eine Last von

Steinen oben drauf. Nach wenig Tagen reckte Margrethchen ihr Händlein

über dem fließenden Wasser in die Höhe; das sahen die Fischer und

entsetzten sich; bald lief das Volk zusammen und auch der Markgraf

selbst. Es gelang den Schiffern, das Kind herauszuziehen, das noch

lebte, aber nachdem es Rache über seine Mörder gerufen, in den Tod

verschied. Der Argwohn traf die Juden, alle wurden zusammengefodert und

wie sie dem Leichnam nahten, floß aus den offenen Wunden stromweise das

Blut. Die Juden und auch das alte Weib bekannten die Unthat und wurden

hingerichtet. Beim Eingang der Schloßkirche zu Pforzheim, da wo man die

Glockenseile zum Geläut ziehet, stehet der Sarg des Kindes mit einer

Inschrift. Unter der Schifferzunft hat sich von Kind zu Kind einstimmig

die Sage fortgepflanzt, daß damals der Markgraf ihren Vorfahren zur

Belohnung die Wachtfreiheit, “so lang Sonne und Mond leuchten” in der

Stadt Pforzheim und zugleich das Vorrecht verliehen habe, daß alle

Jahre am Fastnachtsmarkt vier und zwanzig Schiffer mit Waffen und

klingendem Spiel aufziehen und an diesem Tag Stadt und Markt allein

bewachen sollen. Dies gilt auf den heutigen Tag.

354.

Die vier Hufeisen.

+Otmar+ S. 115-118.

Zu Ellrich waren ehdem an der Thüre der alten Kirche vier ungeheure

Hufeisen festgenagelt und wurden von allen Leuten angestaunt; seit die

Kirche eingefallen ist, werden sie in des Pfarrers Wohnung aufbewahrt.

Vor alten Zeiten soll Ernst Graf zu Klettenberg eines Sonntagmorgens

nach Ellrich geritten seyn, um dort durch Trinken den ausgesetzten

Ehrenpreis einer Goldkette zu gewinnen. Er erlangte auch den Dank vor

vielen andern und die Kette über den Hals angethan wollte er durch

das Städtlein nach Klettenberg zurückkehren. In der Vorstadt hörte er

in der Niclaskirche die Vesper singen; im Taumel reitet er durch die

Gemeinde bis vor den Altar; kaum betritt das Roß dessen Stufen, so

fallen ihm plötzlich alle vier Hufeisen ab und es sinkt sammt seinem

Reiter nieder.

355.

Der Altar zu Seefeld.

Mündlich, aus Wien.

Von dem hoch und weitberühmten Wunderzeichen, so sich mit dem Altar in

Seefeld in Tirol im Jahr 1384. zugetragen. Dillingen. 1580. und Innsbr.

1603. 4.

In Tirol nicht weit von Innsbruck liegt Seefeld, eine alte Burg, wo im

vierzehnten Jahrhundert Oswald Müller, ein stolzer und frecher Ritter

wohnte. Dieser verging sich im Uebermuthe so weit, daß er im Jahr 1384

an einem grünen Donnerstag mit der ihm, im Angesicht des Landvolks und

seiner Knechte in der Kirche gereichten Hostie nicht vorlieb nehmen

wollte, sondern eine größere, wie sie die Priester sonst haben, vom

Capellan für sich foderte. Kaum hatte er sie empfangen, so hub der

steinharte Grund vor dem Altar an, unter seinen Füßen zu wanken. In der

Angst suchte er sich mit beiden Händen am eisernen Geländer zu halten,

aber es gab nach, als ob es von Wachs wäre, also daß sich die Fugen

seiner Faust deutlich ins Eisen drückten. Ehe der Ritter ganz versank,

ergriff ihn die Reue, der Priester nahm ihm die Hostie wieder aus dem

Mund, welche sich, wie sie des Sünders Zunge berührt, alsbald mit Blut

überzogen hatte. Bald darauf stiftete er an der Stätte ein Kloster und

wurde selbst als Laie hineingenommen. Noch heute ist der Griff auf dem

Eisen zu sehen und von der ganzen Geschichte ein Gemählde vorhanden.

Seine Frau, als sie von dem heimkehrenden Volk erfuhr, was sich in der

Kirche zugetragen, glaubte nicht daran, sondern sprach: “das ist so

wenig wahr, als aus dem dürren und verfaulten Stock da Rosen blühen

können.” Aber Gott gab ein Zeichen seiner Allmacht und alsbald grünte

der trockne Stock und kamen schöne Rosen, aber schneeweiße, hervor.

Die Sünderin riß die Rosen ab und warf sie zu Boden, in demselben

Augenblick ergriff sie der Wahnsinn und sie rannte die Berge auf und

ab, bis sie andern Tags todt zur Erde sank.

356.

Der Sterbensstein.

Kleine Gemälde der Schweiz von +Appenzeller+. Winterthur 1810. S. 172.

In Oberhasli auf dem Weg nach Gadmen, unweit Mayringen, liegt am

Kirchetbuel, einer engen Felsschlucht, durch welche vor Jahrhunderten

sich die trübe Aar wälzte, ein Stein auf der Erde, in welchem sich

eine von einer Menschenhand eingedrückte Form von mehrern Fingern

zeigt. Vorzeiten, erzählt das Volk, fiel hier eine Mordthat vor; die

Unglückliche suchte sich daran festzuhalten und drückte die Spuren des

gewaltsamen Sterbens dem Stein ein.

357.

Sündliche Liebe.

+Falkenstein+ thüring. Chronik I. 218. 219.

Auf dem Petersberge bei Erfurt ist ein Begräbniß von Bruder und

Schwester, die auf dem etwas erhabenen Leichensteine abgebildet sind.

Die Schwester war so schön, daß der Bruder, als er eine Zeitlang in

der Fremde zugebracht und wiederkam, eine heftige Liebe zu ihr faßte

und mit ihr sündigte. Beiden riß alsbald der Teufel das Haupt ab. Auf

dem Leichensteine wurden ihre Bildnisse ausgehauen, aber die Köpfe

verschwanden auch hier von den Leibern und es blieb nur der Stachel,

woran sie befestiget waren. Man setzte andere von Messing darauf, aber

auch diese kamen fort, ja, wenn man nur mit Kreide Gesichter darüber

zeichnete, so war andern Tags alles wieder ausgelöscht.

358.

Der schweidnitzer Rathsmann.

+Lucä+ schles. Denkwürdigk. Fft. 1689. 4. S. 920. 921.

Es lebte vorzeiten ein Rathsherr zu Schweidnitz, der mehr das Gold

liebte als Gott, und eine Dohle abgerichtet hatte, durch eine

ausgebrochene Glasscheibe des vergitterten Fensters in die seinem

Hause grad gegenüber liegende Rathskämmerei einzufliegen und ihm ein

Stück Geld daraus zu hohlen. Das geschah jeden Abend und sie brachte

ihm eine der goldnen oder silbernen Münzen, die gerade von der

Stadt Einkünften auf dem Tische lagen, mit ihrem Schnabel getragen.

Die andern Rathsbedienten gewahrten endlich der Verminderung des

Schatzes, beschlossen dem Dieb aufzulauern und fanden bald, daß die

Dohle nach Sonnenuntergang geflogen kam und ein Goldstück wegpickte.

Sie zeichneten darauf einige Stücke und legten sie hin, die von der

Dohle nach und nach gleichfalls abgeholt wurden. Nun saß der ganze

Rath zusammen, trug die Sache vor und schloß dahin, falls man den

Dieb herausbringen würde, so sollte er oben auf den Kranz des hohen

Rathhausthurms gesetzt und verurtheilt werden, entweder oben zu

verhungern oder bis auf den Erdboden herabzusteigen. Unterdessen wurde

in des verdächtigen Rathsherrn Wohnung geschickt und nicht nur der

fliegende Bote, sondern auch die gezeichneten Goldstücke gefunden. Der

Missethäter bekannte sein Verbrechen, unterwarf sich willig dem Spruch,

den man, angesehen sein hohes Alter, lindern wollte, welches er nicht

zugab, sondern stieg vor aller Leute Augen mit Angst und Zittern auf

den Kranz des Thurms. Beim Absteigen unterwärts kam er aber bald auf

ein steinern Gelender, konnte weder vor noch hinter sich und mußte

stehen bleiben. Zehn Tage und Nächte stand der alte, arme Greis da zur

Schau, daß es einen erbarmte, ohne Speis und Trank, bis er endlich vor

großem Hunger sein eigen Fleisch von den Händen und Armen abnagte und

reu- und bußfertig durch solchen grausamen, unerhörten Tod sein Leben

endigte. Statt des Leichnams wurde in der Folge sein steinernes Bild

nebst dem der Dohle auf jenes Thurmgelender gesetzt. 1642 wehte es ein

Sturmwind herunter, aber der Kopf davon soll noch auf dem Rathhaus

vorhanden seyn.

359.

Regenbogen über Verurtheilten.

+Westenrieder’s+ histor. Kalender 1803.

Als im Juni 1621. zu Prag sieben und zwanzig angesehene Männer, welche

in den böhmischen Aufruhr verwickelt waren, sollten hingerichtet

werden, rief einer derselben, Joh. Kutnauer, Bürgerhauptmann in der

Altstadt, inständig zum Himmel empor, daß ihm und seinen Mitbürgern

ein Zeichen der Gnade gegeben werde, und mit so viel Vertrauen, daß

er sprach, er zweifle gar nicht, ein solches zu erhalten. Als nun

der Vollzug der Todesstrafen eben beginnen sollte, erschien nach

einem kleinen Regen, über dem sogenannten Lorenz-Berge ein kreuzweis

übereinander gehender Regenbogen, der bei einer Stunde zum Troste der

Verurtheilten stehen blieb.

360.

Gott weint mit dem Unschuldigen.

Mündlich, aus Hessen.

In Hanau ward zu einer Zeit eine Frau wegen eines schweren Verbrechens

angeklagt und zum Tod verurtheilt. Als sie auf den Richtplatz kam,

sprach sie: “wie der Schein auch gegen mich gezeugt hat, ich bin

unschuldig, so gewiß, als Gott jetzt mit mir weinen wird.” Worauf es

von heiterem Himmel zu regnen anfing. Sie ward gerichtet, aber später

kam ihre Unschuld an den Tag.

361.

Gottes Speise.

+Luther’s+ Tisch-Reden S. 90 b. 91 a.

Nicht weit von Zwickau im Voigtlande hat sich in einem Dorf zugetragen,

daß die Eltern ihren Sohn, einen jungen Knaben, in den Wald geschickt,

die Ochsen, so allda an der Weide gegangen, heimzutreiben. Als aber

der Knabe sich etwas gesäumt, hat ihn die Nacht überfallen, ist auch

dieselbe Nacht ein großer tiefer Schnee herabgekommen, der allenthalben

die Berge bedeckt hat, daß der Knabe vor dem Schnee nicht hat können

aus dem Wald gelangen. Und als er auch des folgenden Tags nicht heim

kommen, sind die Eltern nicht so sehr der Ochsen, als des Knaben wegen,

nicht wenig bekümmert gewesen und haben doch vor dem großen Schnee

nicht in den Wald dringen können. Am dritten Tag, nachdem der Schnee

zum Theil abgeflossen, sind sie hinausgegangen, den Knaben zu suchen,

welchen sie endlich gefunden an einem sonnigten Hügel sitzen, an dem

gar kein Schnee gelegen. Der Knab, nachdem er die Eltern gesehen, hat

sie angelacht und als sie ihn gefragt, warum er nicht heimgekommen?

hat er geantwortet, er hätte warten wollen, bis es Abend würde; hat

nicht gewußt, daß schon ein Tag vergangen war, ist ihm auch kein Leid

widerfahren. Da man ihn auch gefragt, ob er etwas gegessen hätte, hat

er berichtet, es sey ein Mann zu ihm kommen, der ihm Käs und Brot

gegeben habe. Ist also dieser Knabe sonder Zweifel durch einen Engel

Gottes gespeist und erhalten worden.

362.

Die drei Alten.

Mitgetheilt von +Schmidt+ aus Lübek, im Freimüthigen 1809. Nr. 1.

Im Herzogthum Schleswig, in der Landschaft Angeln, leben noch Leute,

die sich erinnern, nachstehende Erzählung aus dem Munde des vor einiger

Zeit verstorbenen, durch mehrere gelehrte Arbeiten bekannten Pastor

Oest gehört zu haben; nur weiß man nicht, ob die Sache ihm selbst, oder

einem benachbarten Prediger begegnet sey. Mitten im 18. Jahrhundert

geschah es, daß der neue Prediger die Markung seines Kirchsprengels

umritt, um sich mit seinen Verhältnissen genau bekannt zu machen. In

einer entlegenen Gegend stehet ein einsamer Bauernhof, der Weg führt

hart am Vorhof der Wohnung vorbei. Auf der Bank sitzt ein Greis mit

schneeweißem Haar und weint bitterlich. Der Pfarrer wünscht ihm guten

Abend und fragt: was ihm fehle? “Ach,” gibt der Alte Antwort, “mein

Vater hat mich so geschlagen.” Befremdet bindet der Prediger sein

Pferd an und tritt ins Haus, da begegnet ihm auf der Flur ein Alter,

noch viel greiser als der erste, von erzürnter Gebärde und in heftiger

Bewegung. Der Prediger spricht ihn freundlich an und fragt nach der

Ursache des Zürnens. Der Greis spricht: “ei, der Junge hat meinen Vater

fallen lassen!” Damit öffnet er die Stubenthüre, der Pfarrer verstummt

vor Erstaunen und sieht einen vor Alter ganz zusammengedrückten, aber

noch rührigen Greis im Lehnstuhl hinterm Ofen sitzen.

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+Druckfehler.+

S. 71. Zeile 3. Statt ~Vormius mons.~ lies: ~+Wormius monim+~. S. 137.

-- 10. von unten st. behütet +es+ l. behütet +er+.

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Deutsche Sagen · 第 26 / 26 段