seinem Knecht eines Nachts auf Beute ausgeritten seyn. Da begegnete
ihnen ein Heer schwarzer Reuter; er wich aus, konnte sich aber nicht
enthalten, den letzten im Zug, der ein schön gesattelt, leeres
Handpferd führte, zu fragen: wer diese wären, die da vorübergeritten?
Der Reuter versetzte: “+das wütende Heer+.” Drauf hielt auch der Knecht
an und frug: wem doch das schöne Handpferd wäre? Dem wurde zur Antwort:
“seines Herrn treustem Knecht, welcher übers Jahr todt seyn und auf
diesem Pferd reiten werde.” Dieses +Rechenbergers Knecht+ wollte sich
nun bekehren und dingte sich zu einem Abt als Stallknecht. Binnen
Jahresfrist wurde er mit seinem Nebenknecht uneins, der ihn erstach.
313.
Der getreu Eckhart.
Vorrede des Heldenbuchs, ganz zuletzt.
+Agricola+ Sprichw. 667.
Hanauischer Landcalender a. a. O.
Man sagt von dem treuen Eckhart, daß er vor dem Venusberg oder
Höselberg sitze und alle Leute warne, die hineingehen wollen. Johann
Kennerer, Pfarrherr zu Mansfeld, seines Alters über achtzig Jahr,
erzählte, daß zu Eisleben und im ganzen Lande Mansfeld das +wütend
Heer+ vorübergezogen sey, alle Jahr auf den Faßnacht Dornstag und die
Leute sind zugelaufen und haben darauf gewartet; nicht anders, als
sollte ein großer mächtiger Kaiser oder König vorüberziehen. Vor dem
Haufen ist ein alter Mann hergangen mit einem weißen Stab, hat sich
selbs den +treuen Eckhart+ geheißen. Dieser Mann hat die Leute heißen
aus dem Wege weichen, auch etliche Leute gar heimgehen, sie würden
sonst Schaden nehmen. Nach diesem Mann haben etliche geritten, etliche
gegangen und es sind Leute gesehen worden, die neulich an den Orten
gestorben waren, auch der eins Theils noch lebten. Einer hat geritten
auf einem Pferde mit zwein Füßen. Der ander ist auf einem Rade gebunden
gelegen und das Rad ist von selbs umgelaufen. Der dritte hat einen
Schenkel über die Achsel genommen und hat gleich sehr gelaufen. Ein
ander hat kein Kopf gehabt und der Stück ohn Maßen. In Franken ists
noch neulich geschehen und zu Heidelberg am Neckar hat mans oft im Jahr
gesehen. Das wütende Heer erscheint in Einöden, in der Luft und im
Finstern, mit Hundegebell, Blasen auf Waldhörnern und Brüllen wilder
Thiere; auch siehet man dabei Hasen laufen und höret Schweine grunzen.
314.
Das Fräulein vom Willberg.
Mündlich, aus dem Corvei’schen.
Ein Mann aus Wehren bei Höxter ging nach der Amelungs-Mühle, Korn
zu malen; auf dem Rückweg wollt er sich ein wenig am Teich im Lau
ausruhen. Da kam ein Fräulein von dem Willberg, welcher Godelheim
gegenüber liegt, herab, trat zu ihm und sprach: “bringt mir zwei Eimer
voll Wasser oben auf die Stolle (Spitze) vom Willberg, dann sollt ihr
gute Belohnung haben.” Er trug ihr das Wasser hinauf; oben aber sprach
sie: “Morgen um diese Stunde kommt wieder und bringt den Busch Blumen
mit, welchen der Schäfer vom Osterberge auf seinem Hut trägt.” Der
Mann foderte den andern Tag die Blumen von dem Osterbergs-Schäfer und
erhielt sie, doch erst nach vielem Bitten. Darauf ging er wieder zu
der Stolle des Willbergs, da stand das Fräulein, führte ihn zu einer
eisernen Thüre und sprach: “halte den Blumen-Busch vors Schloß.” Wie er
das that, sprang die Thüre gleich auf und sie traten hinein; da saß in
der Berghöhle ein klein Männlein vor dem Tisch, dessen Bart ganz durch
den steinernen Tisch gewachsen war, ringsherum aber standen große,
übermächtige Schätze. Der Schäfer legte vor Freude seinen Blumen-Busch
auf den Tisch und fing an, sich die Taschen mit Gold zu füllen. Das
Fräulein aber sprach zu ihm: “vergeßt das Beste nicht!” Der Mann sah
sich um und glaubte, damit wäre ein großer Kronleuchter gemeint, wie er
aber darnach griff, kam unter dem Tisch eine Hand hervor und schlug ihm
ins Angesicht. Das Fräulein sprach nochmals: “vergeßt das Beste nicht!”
Er hatte aber nichts, als die Schätze im Sinn und an den Blumen-Busch
dachte er gar nicht. Als er seine Taschen gefüllt hatte, wollte er
wieder fort, kaum aber war er zur Thüre hinaus, so schlug sie mit
entsetzlichem Krachen zu. Nun wollt’ er seine Schätze ausladen, aber er
hatte nichts, als Papier in der Tasche; da fiel ihm der Blumen-Busch
ein und nun sah er, daß dieser das Beste gewesen und ging traurig den
Berg herunter nach Haus.
315.
Der Schäfer und der Alte aus dem Berg.
Mündlich, aus Wernigerode.
Nicht weit von der Stadt Wernigerode befindet sich in einem Thale eine
Vertiefung in steinigem Erdboden, welche das Weinkeller-Loch genannt
wird und worin große Schätze liegen sollen. Vor vielen Jahren weidete
ein armer Schäfer, ein frommer und stiller Mann, dort seine Heerde.
Einmal, als es eben Abend werden wollte, trat ein greiser Mann zu
ihm und sprach: “folge mir, so will ich dir Schätze zeigen, davon du
dir nehmen kannst, so viel du Lust hast.” Der Schäfer überließ dem
Hund die Bewachung der Heerde und folgte dem Alten. In einer kleinen
Entfernung that sich plötzlich der Boden auf, sie traten beide ein
und stiegen in die Tiefe, bis sie zu einem Gemach kamen, in welchem
die größten Schätze von Gold und edlen Steinen aufgethürmt lagen. Der
Schäfer wählte sich einen Goldklumpen und jemand, den er nicht sah,
sprach zu ihm: “bringe das Gold dem Goldschmidt in die Stadt, der
wird dich reichlich bezahlen.” Darauf leitete ihn sein Führer wieder
zum Ausgang und der Schäfer that, wie ihm geheißen war und erhielt von
dem Goldschmidt eine große Menge Geldes. Erfreut brachte er es seinem
Vater, dieser sprach: “versuche noch einmal in die Tiefe zu steigen.”
“Ja, Vater,” antwortete der Schäfer, “ich habe dort meine Handschuhe
liegen lassen, wollt ihr mitgehen, so will ich sie holen.” In der
Nacht machten sich beide auf, fanden die Stelle und den geöffneten
Boden und gelangten zu den unterirdischen Schätzen. Es lag noch alles,
wie das erstemal, auch die Handschuhe des Schäfers waren da; beide
luden so viel in ihre Taschen, als sie tragen konnten und gingen dann
wieder heraus, worauf sich der Eingang mit lautem Krachen hinter ihnen
schloß. Die folgende Nacht wollten sie es zum drittenmal wagen, aber
sie suchten lange hin und her, ohne die Stelle des Eingangs, oder auch
nur eine Spur, zu entdecken. Da trat ihnen der alte Mann entgegen und
sprach zum Schäfer: “hättest du deine Handschuhe nicht mitgenommen,
sondern unten liegen gelassen, so würdest du auch zum drittenmal
den Eingang gefunden haben, denn dreimal sollte er dir zugänglich
und geöffnet seyn; nun aber ist er dir auf immer unsichtbar und
verschlossen.” Geister, heißt es, können das, was in ihrer Wohnung von
den irdischen Menschen zurückgelassen worden, nicht behalten und haben
nicht Ruh, bis es jene wieder zu sich genommen.
316.
Jungfrau Ilse.
+Otmar+ S. 171-174.
Quedlinb. Sammlung. S. 204. 205.
Der +Ilsenstein+ ist einer der größten Felsen des Harzgebirges, liegt
auf der Nordseite in der Grafschaft Wernigerode unweit Ilsenburg am Fuß
des Brockens und wird von der Ilse bespült. Ihm gegenüber ein ähnlicher
Fels, dessen Schichten zu diesem passen und bei einer Erderschütterung
davon getrennt zu seyn scheinen.
Bei der Sündfluth flohen zwei Geliebte dem Brocken zu, um der immer
höher steigenden allgemeinen Ueberschwemmung zu entrinnen. Eh
sie noch denselben erreichten und gerade auf einem andern Felsen
zusammenstanden, spaltete sich solcher und wollte sie trennen. Auf
der linken Seite, dem Brocken zugewandt, stand die Jungfrau; auf der
rechten der Jüngling und miteinander stürzten sie umschlungen in
die Fluten. Die Jungfrau hieß +Ilse+. Noch alle Morgen schließt sie
den Ilsenstein auf, sich in der Ilse zu baden. Nur wenigen ist es
vergönnt, sie zu sehen, aber wer sie kennt, preist sie. Einst fand
sie frühmorgens ein Köhler, grüßte sie freundlich und folgte ihrem
Winken bis vor den Fels; vor dem Fels nahm sie ihm seinen Ranzen ab,
ging hinein damit und brachte ihn gefüllt zurück. Doch befahl sie
dem Köhler, er sollte ihn erst in seiner Hütte öffnen. Die Schwere
fiel ihm auf und als er auf der Ilsenbrücke war, konnt er sich nicht
länger enthalten, machte den Ranzen auf und sah Eicheln und Tannäpfel.
Unwillig schüttelte er sie in den Strom, sobald sie aber die Steine der
Ilse berührten, vernahm er ein Klingeln und sah mit Schrecken, daß er
Gold verschüttet hatte. Der nun sorgfältig aufbewahrte Ueberrest in den
Ecken des Sacks machte ihn aber noch reich genug. -- Nach einer andern
Sage stand auf dem Ilsenstein vorzeiten eines Harzkönigs Schloß, der
eine sehr schöne Tochter Namens Ilse hatte. Nah dabei hauste eine Hexe,
deren Tochter über alle Maßen häßlich aussah. Eine Menge Freier warben
um Ilse, aber niemand begehrte die Hexentochter, da zürnte die Hexe
und wandte durch Zauber das Schloß in einen Felsen, an dessen Fuße sie
eine nur der Königstochter sichtbare Thüre anbrachte. Aus dieser Thüre
schreitet noch jetzo alle Morgen die verzauberte Ilse und badet sich
im Flusse, der nach ihr heißt. Ist ein Mensch so glücklich und sieht
sie im Bade, so führt sie ihn mit ins Schloß, bewirthet ihn köstlich
und entläßt ihn reichlich beschenkt. Aber die neidische Hexe macht, daß
sie nur an einigen Tagen des Jahrs im Bad sichtbar ist. Nur derjenige
vermag sie zu erlösen, der mit ihr zu gleicher Zeit im Flusse badet und
ihr an Schönheit und Tugend gleicht.
317.
Die Heidenjungfrau zu Glatz.
+Aelurius+ glätzische Chronik. Lpzg. 1625. 4. S. 124-128. vgl. S. 86.
Alte und junge Leute zu Glatz erzählten: in der heidnischen Zeit
habe da eine gottlose, zauberhafte Jungfrau das Land beherrscht, die
mit ihrem Ranzenbogen vom Schloß herab bis zur großen eisersdorfer
Linde geschossen, als sie mit ihrem Bruder gewettet: wer den Pfeil
am weitesten schießen könnte. Des Bruders Pfeil reichte kaum auf
den halben Weg, und die Jungfrau gewann. An dieser Linde stehet die
Grenze, und sie soll so alt seyn, wie der Heidenthurm zu Glatz und
wenn sie gleich einmal oder das ander verdorret, so ist sie doch immer
ausgewachsen und stehet noch. Auf der Linde saß einmal die Wahrsagerin
und weissagte von der Stadt viel zukünftige Dinge: der Türk werde bis
nach Glatz dringen, aber wenn er über die steinerne Brücke auf den
Ring einziehe, eine schwere Niederlage erleiden durch die vom Schloß
herab auf ihn ziehenden Christen; solches werde aber nicht geschehen,
bevor ein Haufen Kraniche durch die Brotbänke geflogen. -- Zum Zeichen,
daß die Jungfrau ihren Bruder mit dem Bogen überschossen, setzte man
auf der Meile hinter dem Graben zween spitzige Steine. Weil sie aber
mit ihrem eigenen Bruder unerlaubte Liebe gepflogen, war sie vom Volk
verabscheut und es wurde ihr nach dem Leben getrachtet, allein sie
wußte durch ihre Zauberkunst und Stärke, da sie oftmals aus Kurzweile
ein ganzes Hufeisen zerriß, stets zu entrinnen. Zuletzt jedoch blieb
sie gefangen und in einem großen Saal, welcher bei dem Thor, dadurch
man aus dem Niederschloß ins Oberschloß gehet, vermauert. Da kam sie
ums Leben und zum Andenken stehet ihr Bildniß links deßelben Thors
an der Mauer über den tiefen Graben in Stein ausgehauen und wird bis
auf den heutigen Tag allen fremden Leuten gezeigt. Außerdem hing ihr
Gemählde im grünen Schloßsaal und in der Schloßkirche an einem eisernen
Nagel in der Wand schön gelbes Haar, etlichemal aufgeflochten nach der
Länge. Die Leute nennen es allgemein: das Haar der Heidenjungfrau; es
hanget so hoch, daß es ein großer Mann auf der Erden stehend mit der
Hand erreichen kann, ungefähr drei Schritt von der Thüre weit. Sie soll
in der Gestalt und Kleidung, wie sie abgemalet wird, öfters im Schlosse
erscheinen, beleidiget doch niemanden, außer wer sie höhnt und spottet,
oder ihre Haarflechte aus der Kirche wegzunehmen gedenkt. Zu einem
Soldat, der sie verspottet, kam sie auf die Schildwache und gab ihm mit
kalter Hand einen Backenstreich. Einem andern, der das Haar entwendet,
erschien sie Nachts, kratzte und krengelte ihn bis nahe an den Tod,
wenn er nicht schnell durch seinen Rottgesellen das Haar wieder an den
alten Ort hätte tragen lassen.
318.
Der Roßtrapp und der Cretpfuhl.
+Behrens+ Harzwald S. 121. und 130.
+Seyfried+ ~in medulla p. 428.
+Melissantes+ Orograph. h. v.~
+Otmar+ S. 181-186.
Quedlinburger Samml. S. 125-128. 147. 148.
Den Roßtrapp oder die Roßtrappe nennt man einen Felsen mit einer
eirunden Vertiefung, welche einige Aehnlichkeit mit dem Eindruck eines
riesenmäßigen Pferdehufs hat, in dem hohen Vorgebirge des Nordharzes,
hinter Thale. Davon folgende abweichende Sagen:
1) Eines Hühnenkönigs Tochter stellte vor Zeiten die Wette an, mit
ihrem Pferde über den tiefen Abgrund, Creful genannt, von einem Felsen
zum andern zu springen. Zweimal hatte sie es glücklich verrichtet, beim
drittenmale aber schlug das Roß rückwärts über und stürzte mit ihr in
die Schlucht hinab. Darin befindet sie sich immer noch. Ein Taucher
hatte sie einmal einigen zu Gefallen um ein Trinkgeld so weit außer
Wasser gebracht, daß man etwas von der Krone sehen konnte, die sie
auf dem Haupt getragen. Als er zum drittenmal dran sollte, wagte ers
anfänglich nicht, entschloß sich zuletzt doch und vermeldete dabei:
“wenn aus dem Wasser ein Blutstrahl steigt, so hat mich die Jungfrau
umgebracht; dann eilet alle davon, daß ihr nicht auch in Gefahr
gerathet.” Wie er sagte, geschahs, ein Blutstrahl stieg auf.
2) Vor Alters wohnte ein König auf den herumgelegenen alten Schlössern,
der eine sehr schöne Tochter hatte. Diese wollte ein Prinz, der sich in
sie verliebte, entführen und verband sich dazu mit dem Teufel, durch
dessen schwarze Kunst er ein Pferd aus der Hölle bekam. So entführte
er sie und beim Uebersetzen von Fels zu Felsen schlug das Roß mit dem
Hufeisen dieses Wahrzeichen ein.
3) Eine Königstochter wohnte am Harz und hatte wider den Willen ihres
Vaters eine geheime Liebschaft. Um sich vor seinem Zorn zu retten, floh
sie, nahm die Königskrone mit und wollte sich in den Felsen bergen. Auf
dem Felsen jenseits, gegenüber dem Roßtrapp, sollen noch die Radenägel
ihres Fuhrwerks eingedrückt seyn. Sie wurde verfolgt und umringt. Es
war keine Rettung übrig als einen Sprung ans andre Ufer zu wagen. Die
Jungfrau sah das, da tanzte sie noch einmal zu guter Letzt, als wäre
es ihr Hochzeittag und davon bekam der Fels den Namen +Tanzplatz+.
Dann that sie glücklich den großen Sprung; wo ihr Roß den ersten Fuß
hinsetzte, drückte sich sein Huf ein, fortan hieß dieser Fels der
+Roßtrapp+. In der Luft war ihr aber die unschätzbare Krone vom Haupt
gefallen in einen tiefen Strudel der Bode, davon das +Kronenloch+
benannt. Da liegt sie noch auf den heutigen Tag.
4) Vor tausend und mehr Jahren, ehe noch die Raubritter die Hoymburg,
Leuenburg, Steckelnburg und Winzenburg erbauten, war das Land rings
um den Harz von Riesen bewohnt, die Heiden und Zauberer waren,
Raub, Mord und Gewaltthat übten. Sechzigjährige Eichen rissen sie
sammt den Wurzeln aus und fochten damit. Was sich entgegenstellte,
wurde mit Keulen niedergeschlagen und die Weiber in Gefangenschaft
fortgeschleppt, wo sie Tag und Nacht dienen mußten. In dem Boheimer
Walde hauste dazumal ein Riese, +Bodo+ genannt. Alles war ihm
unterthan, nur +Emma+, die Königstochter vom Riesengebirge, die konnte
er nicht zu seiner Liebe zwingen. Stärke noch List halfen ihm nichts,
denn sie stand mit einem mächtigen Geiste im Bund. Einst aber ersah
sie Bodo jagend auf der Schneekoppe und sattelte sogleich seinen
Zelter, der meilenlange Fluren im Augenblick übersprang, er schwur,
Emma zu fahen oder zu sterben. Fast hätt’ er sie erreicht, als sie
ihn aber zwei Meilen weit von sich erblickte und an den Thorflügeln
eines zerstörten Städtleins, welche er im Schild führte, erkannte, da
schwenkte sie schnell das Roß. Und von ihren Spornen getrieben flog
es über Berge, Klippen und Wälder durch Thüringen in die Gebirge des
Harzes. Oft hörte sie einige Meilen hinter sich das schnaubende Roß
Bodos und jagte dann den nimmermüden Zelter zu neuen Sprüngen auf.
Jetzt stand ihr Roß verschnaufend auf dem furchtbaren Fels, der Teufels
+Tanzplatz+ heißt. Angstvoll blickte Emma in die Tiefe, denn mehr als
tausend Fuß ging senkrecht die Felsenmauer herab zum Abgrund. Tief
rauschte der Strom unten und kreiste in furchtbaren Wirbeln. Der
entgegenstehende Fels schien noch entfernter und kaum Raum zu haben für
einen Vorderfuß des Rosses. Von neuem hörte sie Bodos Roß schnauben, in
der Angst rief sie die Geister ihrer Väter zu Hülfe und ohne Besinnung
drückte sie ihrem Zelter die ellenlangen Spornen in die Seite. Und
das Roß sprang über den Abgrund, glücklich auf die spitze Klippe und
schlug seinen Huf vier Fuß tief in das harte Gestein, daß die Funken
stoben. Das ist jener Roßtrapp. Die Zeit hat die Vertiefung kleiner
gemacht, aber kein Regen kann sie ganz verwischen. Emma war gerettet,
aber die centnerschwere goldne Königskrone fiel während des Sprungs von
ihrem Haupt in die Tiefe. Bodo, in blinder Hitze nachsetzend, stürzte
in den Strudel und gab dem Fluß den Namen. (Die Bode ergießt sich
mit der Emme und Saale in die Elbe.) Hier als schwarzer Hund bewacht
er die goldne Krone der Riesentochter, daß kein Gelddurstiger sie
heraushohle. Ein Taucher wagte es einst unter großen Versprechungen.
Er stieg in die Tiefe, fand die Krone und hob sie in die Höhe, daß das
zahllos versammelte Volk schon die Spitzen golden schimmern sah. Aber
zu schwer, entsank sie zweimal seinen Händen. Das Volk rief ihm zu, das
drittemal hinabzusteigen. Er thats und ein Blutstrahl sprang hoch in
die Höhe. Der Taucher kam nimmer wieder auf. Jetzo deckt tiefe Nacht
und Stille den Ungrund, kein Vogel fliegt darüber. Nur um Mitternacht
hört man oft in der Ferne das dumpfe Hundegeheul des Heiden. Der
Strudel heißt: der +Kreetpfuhl+[15] und der Fels, wo Emma die Hülfe
der Höllengeister erflehte, des Teufels +Tanzplatz+.
5) In Böhmen lebte vorzeiten eine Königstochter, um die ein gewaltiger
Riese warb. Der König, aus Furcht seiner Macht und Stärke, sagte sie
ihm zu. Weil sie aber schon einen andern Liebhaber hatte, der aus dem
Stamm der Menschen war, so widersetzte sie sich dem Bräutigam und dem
Befehl ihres Vaters. Aufgebracht wollte der König Gewalt brauchen und
setzte die Hochzeit gleich auf den nächsten Tag. Mit weinenden Augen
klagte sie das ihrem Geliebten, der zu schneller Flucht rieth und sich
in der finstern Nacht einstellte, die getroffene Verabredung ins Werk
zu setzen. Es hielt aber schwer zu entfliehen, die Marställe des Königs
waren verschlossen und alle Stallmeister ihm treu und ergeben. Zwar
stand des Riesen ungeheurer Rappe in einem für ihn eigends erbauten
Stalle, wie sollte aber eine schwache Frauenhand das mehr denn zehn
Ellen hohe Unthier leiten und lenken? und wie war ihm beizukommen, da
es an einer gewaltig dicken Kette lag, die ihm statt Halfters diente
und dazu mit einem großen Schlosse verwahrt war, dessen Schlüssel
der Riese bei sich trug? Der Geliebte half aber aus, er stellte eine
Leiter ans Pferd und hieß die Königstochter hinaufsteigen; dann that
er einen mächtigen Schwerteshieb auf die Kette, daß sie von einander
sprang, schwang sich selbst hinten auf und in einem Flug gings auf und
davon. Die kluge Jungfrau hatte ihre Kleinode mitgenommen, dazu ihres
Vaters goldne Krone aufs Haupt gesetzt. Während sie nun auf Gerathewohl
forteilten, fiels dem Riesen ein, in dieser Nacht auszureiten. Der
Mond schien hell und er stand auf, sein Roß zu satteln. Erstaunt sah
er den Stall leer, es gab Lärm im ganzen Schlosse und als man die
Königstochter aufwecken wollte, war sie auch verschwunden. Ohne sich
lange zu besinnen, bestieg der Bräutigam das erste beste Pferd und
jagte über Stock und Block. Ein großer Spürhund witterte den Weg,
den die Verliebten genommen hatten; nahe am Harzwalde kam der Riese
hinter sie. Da hatte aber auch die Jungfrau den Verfolger erblickt,
wandte den Rappen flugs und sprengte waldein, bis der Abgrund, in
welchem die Bode fließt, ihren Weg durchschneidet. Der Rappe stutzt
einen Augenblick und die Liebenden sind in großer Gefahr. Sie blickt
hinterwärts und in strengem Gallop nahet der Riese, da stößt sie muthig
dem Rappen in die Rippen. Mit einem gewaltigen Sprung, der den Eindruck
eines Hinterhufes im Felsen läßt, setzt er über und die Liebenden
sind gerettet. Denn die Mähre des nacheilenden Riesen springt seiner
Schwere wegen zu kurz und beide mit gräßlichem Geprassel fallen in den
Abgrund. Auf dem jenseitigen Rand stehet die Königstochter und tanzt
vor Freuden. Davon heißt die Stätte noch jetzt +Tanzplatz+. Doch hat
sie im Taumel des Sprungs die Krone verloren, die in den Kessel der
Bode gefallen ist. Da liegt sie noch heut zu Tag, von einem großen
Hunde mit glühenden Augen bewacht. Schwimmer, die der Gewinn geblendet,
haben sie mit eigner Lebensgefahr aus der Tiefe zu hohlen gesucht, aber
beim Wiederkommen ausgesagt: daß es vergebens sey, der große Hund sinke
immer tiefer, so wie sie ihm nahe kämen und die goldne Krone stehe
nicht mehr zu erlangen.
[15] d. h. Teufelspfuhl, wie die nördlichen Harzbewohner +Kreetkind+
ein Teufelskind nennen.
319.
Der Mägdesprung.
Quedlinburger Sammlung S. 67.
+Otmar+ S. 195-198. vgl. S. 53.
+Behrens+ Harzwald S. 131.
+Seyfried+ in ~medulla p. 428.
+Melissantes+ orograph. h. v.~
Zwischen Ballenstedt und Harzgerode in dem Selkethal zeigt das Volk
auf einen hohen, durch eine Säule ausgezeichneten Felsen, auf eine
Vertiefung im Gestein, die einige Ähnlichkeit mit der Fußtapfe eines
Menschen hat und 80 bis 100 Fuß weiter auf eine zweite Fußtapfe. Die
Sage davon ist aber verschieden.
Eine Hühnin oder Riesentochter erging sich einst auf dem Rücken des
Harzes von dem Petersberge herkommend. Als sie die Felsen erreicht
hatte, die jetzt über den Hüttenwerken stehen, erblickte sie ihre
Gespielin, die ihr winkte, auf der Spitze des Rammberges. Lange stand
sie so zögernd, denn ihren Standort und den nächsten Berggipfel
trennte ein breites Thal. Sie blieb hier so lange, daß sich ihre
Fußtapfe ellentief in den Felsen drückte, wovon heut zu Tag noch die
schwachen Spuren zu sehn sind. Ihres Zögerns lachte höhnisch ein Knecht
des Menschenvolks, das diese Gegend bewohnte, und der bei Harzgerode
pflügte. Die Hühnin merkte das, streckte ihre Hand aus und hob den
Knecht sammt Pflug und Pferden in die Höhe, nahm alles zusammen in ihr
Obergewand und sprang damit über das Thal weg und in einigen Schritten
hatte sie ihre Gespielin erreicht.
Oft hört man erzählen: die Königstochter sey in ihrem Wagen gefahren
kommen und habe auf das jenseitige Gebirg gewollt. Flugs that sie den
Wagen nebst den Pferden in die Schürze und sprang von einem Berg nach
dem andern.
Endlich werden die Fußtritte einer Bauerdirne zugeschrieben, die zu
ihrem Liebhaber, einem Schäfer, jenseits den Sprung gemacht und beim
Ansatz so gewaltig aufgetreten habe, daß sich ihre Spur eindrückte.
Auch ein Ziegenbock scheint hierbei im Spiel gewesen zu seyn.
320.
Der Jungfernsprung.
+Peschek’s+ Oybin bei Zittau. Leipz. 1804. S. 33. 34.
In der Lausitz unfern der böhmischen Grenze ragt ein steiler Felsen,
Oybin genannt, hervor, auf dem man den Jungfernsprung zu zeigen und
davon zu erzählen pflegt: vorzeiten sey eine Jungfrau in das jetzt
zertrümmerte Bergkloster zum Besuch gekommen. Ein Bruder sollte sie
herumführen und ihr die Gänge und Wunder der Felsengegend zeigen; da
weckte ihre Schönheit sündhafte Lust in ihm und sträflich streckte er
seine Arme nach ihr aus. Sie aber floh und flüchtete von dem Mönche
verfolgt den verschlungenen Pfad entlang; plötzlich stand sie vor einer
tiefen Kluft des Berges und sprang keusch und muthig in den Abgrund.
Engel des Herrn faßten und trugen sie sanft ohne einigen Schaden hinab.
Andere behaupten: ein Jäger habe auf dem Oybin ein schönes
Bauernmädchen wandeln sehen und sey auf sie losgeeilt. Wie ein gejagtes
Reh stürzte sie durch die Felsengänge, die Schlucht öffnete sich vor
ihren Augen und sie sprang unversehrt nieder bis auf den Boden.
Noch andere berichten: es habe ein rasches Mädchen mit ihren
Gespielinnen gewettet, über die Kluft wegzuspringen. Im Sprung aber
glischte ihr Fuß aus dem glatten Pantoffel und sie wäre zerschmettert
worden, wo sie nicht glücklicherweise ihr Reifrock allenthalben
geschützt und ganz sanft bis in die Tiefe hinunter gebracht hätte.
321.
Der Harrassprung.
+Körner’s+ Nachlaß 2. 71-74.