den Türken befreit worden, gen Kaiserslautern gekommen und daselbst
seine Wohnung lange Zeit gehabt. Er baute dort das Schloß, dabei einen
schönen See oder Weiher, noch jetzt der Kaisersee genannt, darin soll
er einmal einen großen Karpfen gefangen und ihm zum Gedächtniß einen
güldenen Ring von seinem Finger an ein Ohr gehangen haben. Derselbige
Fisch soll, wie man sagt, ungefangen in dem Weiher bleiben, bis auf
Kaiser Friedrichs Zukunft. Auf eine Zeit, als man den Weiher gefischt,
hat man zwei Karpfen gefangen, die mit güldenen Ketten um die Hälse
zusammen verschlossen gewesen, welche noch bei Menschen-Gedächtniß zu
Kaiserslautern an der Metzler-Pforte in Stein gehauen sind. Nicht weit
vom Schloß war ein schöner Thiergarten gebauet, damit der Kaiser alle
wunderbarliche Thier vom Schloß aus sehen konnte, woraus aber seit der
Zeit ein Weiher und Schieß-Graben gemacht worden. Auch hängt in diesem
Schloß des Kaisers Bett an vier eisernen Ketten und, als man sagt,
so man das Bett zu Abend wohl gebettet, war es des Morgens wiederum
zerbrochen, so daß deutlich jemand über Nacht darin gelegen zu haben
schien.
Ferner: zu Kaiserslautern ist ein Felsen, darin eine große Höhle oder
Loch, so wunderbarlich, daß niemand weiß, wo es Grund hat. Doch ist
allenthalben das gemeine Gerücht gewesen, daß Kaiser Friedrich, der
Verlorne, seine Wohnung darin haben sollte. Nun hat man einen an einem
Seil hinabgelassen und oben an das Loch eine Schelle gehangen, wann
er nicht weiter könne, daß er damit läute, so wolle man ihn wieder
heraufziehen. Als er hinab gekommen, hat er den Kaiser Friedrich in
einem güldenen Sessel sitzen sehen, mit einem großen Barte. Der Kaiser
hat ihm zugesprochen und gesagt, er solle mit niemand hier reden, so
werde ihm nichts geschehen, und solle seinem Herrn erzählen, daß er ihn
hier gesehen. Darauf hat er sich weiter umgeschaut und einen schönen
weiten Plan erblickt und viel Leut, die um den Kaiser standen. Endlich
hat er seine Schelle geläutet, ist ohne Schaden wieder hinauf gekommen
und hat seinem Herrn die Botschaft gesagt.
296.
Der Hirt auf dem Kiffhäuser.
+Georg Draud+ fürstliche Tischreden I.
Etliche sprechen, daß bei Frankenhausen in Thüringen ein Berg liege,
darin Kaiser Friedrich seine Wohnung habe und vielmal gesehen worden.
Ein Schafhirt, der auf dem Berge hütete und die Sage gehört hatte,
fing an auf seiner Sackpfeife zu pfeifen und als er meinte, er habe
ein gutes Hofrecht gemacht, rief er überlaut: “Kaiser Friedrich, das
sey dir geschenkt!” Da soll sich der Kaiser hervorgethan, dem Schäfer
offenbart und zu ihm gesprochen haben: “Gott grüß dich, Männlein, wem
zu Ehren hast du gepfiffen?” “Dem Kaiser Friedrich,” antwortete der
Schäfer. Der Kaiser sprach weiter: “hast du das gethan, so komm mit
mir, er soll dir darum lohnen.” Der Hirt sagte: “ich darf nicht von
den Schafen gehen.” Der Kaiser aber antwortete: “folge mir nach,
den Schafen soll kein Schaden geschehen.” Der Hirt folgte ihm und
der Kaiser Friedrich nahm ihn bei der Hand und führte ihn nicht weit
von den Schafen zu einem Loch in den Berg hinein. Sie kamen zu einer
eisernen Thür, die alsbald aufging, nun zeigte sich ein schöner, großer
Saal, darin waren viel Herrn und tapfre Diener, die ihm Ehre erzeigten.
Nachfolgends erwiese sich der Kaiser auch freundlich gegen ihn und
fragte, was er für einen Lohn begehre, daß er ihm gepfiffen? Der Hirt
antwortete: “keinen.” Da sprach aber der Kaiser: “geh hin und nimm von
meinem güldnen Handfaß den einen Fuß zum Lohn.” Das that der Schäfer,
wie ihm befohlen ward, und wollte darauf von dannen scheiden, da
zeigte ihm der Kaiser noch viel seltsame Waffen, Harnische, Schwerter
und Büchsen und sprach, er sollte den Leuten sagen, daß er mit diesen
Waffen das heilige Grab gewinnen werde. Hierauf ließ er den Hirt wieder
hinaus geleiten, der nahm den Fuß mit, brachte ihn den andern Tag zu
einem Goldschmied, der ihn für ächtes Gold anerkannte und ihm abkaufte.
297.
Die drei Telle.
Journal des Luxus und der Moden. Januar 1805. S. 38.
In der wilden Berggegend der Schweitz um den Waldstättersee ist nach
dem Glauben der Leute und Hirten eine Felskluft, worin die drei
Befreier des Landes, die +drei Tellen+ genannt, schlafen. Sie sind mit
ihrer uralten Kleidung angethan, und werden wieder auferstehen und
rettend hervorgehen, wann die Zeit der Noth fürs Vaterland kommt. Aber
der Zugang der Höhle ist nur für den glücklichen Finder.
Ein Hirtenjung erzählte folgendes einem Reisenden: sein Vater, eine
verlaufene Ziege in den Felsenschluchten suchend, sey in diese Höhle
gekommen und gleich, wie er gemerkt, daß die drei drin schlafenden
Männer die drei Tellen seyen, habe auf einmal der alte eigentliche Tell
sich aufgerichtet und gefragt: “welche Zeit ists auf der Welt?” und auf
des Hirten erschrockene Antwort: “es ist hoch am Mittag” gesprochen:
“es ist noch nicht an der Zeit, daß wir kommen,” und sey darauf wieder
eingeschlafen. Der Vater, als er mit seinen Gesellen, die Telle für die
Noth des Vaterlands zu wecken, nachher oft die Höhle gesucht, habe sie
doch nie wieder finden können.
298.
Das Bergmännchen.
+Wyß+ a. a. O. S. 1-12. vgl. 305. 308. aus mündl. Sage.
In der Schweitz hat es im Volk viele Erzählungen von Berggeistern,
nicht blos auf dem Gebirg allein, sondern auch unten am Belp, zu
Gelterfingen und Rümlingen im Bernerland. Diese Bergmänner sind auch
Hirten, aber nicht Ziegen, Schafe und Kühe sind ihr Vieh, sondern
Gemsen und aus der Gemsenmilch machen sie Käse, die so lange wieder
wachsen und ganz werden, wenn man sie angeschnitten oder angebissen,
bis man sie unvorsichtiger Weise völlig und auf einmal, ohne Reste
zu lassen, verzehrt. Still und friedlich wohnt das Zwergvolk in den
innersten Felsklüften und arbeitet emsig fort, selten erscheinen sie
den Menschen, oder ihre Erscheinung bedeutet ein Leid und ein Unglück;
außer wenn man sie auf den Matten tanzen sieht, welches ein gesegnetes
Jahr anzeigt. Verirrte Lämmer führen sie oft den Leuten nach Haus und
arme Kinder, die nach Holz gehen, finden zuweilen Näpfe mit Milch im
Wald stehen, auch Körbchen mit Beeren, die ihnen die Zwerge hinstellen.
Vorzeiten pflügte einmal ein Hirt mit seinem Knechte den Acker, da sah
man neben aus der Felswand dampfen und rauchen. “Da kochen und sieden
die Zwerge, sprach der Knecht, und wir leiden schweren Hunger, hätten
wir doch auch ein Schüsselchen voll davon.” Und wie sie das Pflugsterz
umkehrten, siehe, da lag in der Furche ein weißes Laken gebreitet
und darauf stand ein Teller mit frischgebackenem Kuchen und sie aßen
dankbar und wurden satt. Abends beim Heimgehen war Teller und Messer
verschwunden, blos das Tischtuch lag noch da, das der Bauer mit nach
Haus nahm.
299.
Die Zirbelnüsse.
Mündlich, aus Oberwallis.
Die Frucht der Arven oder Zirbeln, einer auf den Alpen wachsenden
Gattung Tannen (~Pinus cembra~), hat einen röthlichen, wohl und
süßschmeckenden Kern, fast wie Mandelnüsse sind. Allein man kann blos
selten und mit Mühe dazu gelangen, weil die Bäume meistens einzeln
über Felsenhängen und Abgründen, selten im Wald beisammen stehen.
Die Bewohner geben allgemein vor: die Meisterschaft habe diesen Baum
verwünscht und unfruchtbar gemacht, darum weil die Dienerschaft zur
Zeit, wo sie auf dem Feld fleißig arbeiten sollen, sich damit abgegeben
hätte, ihres lieblichen Geschmacks wegen diese Nüsse abzuwerfen und zu
essen, worüber alle nöthige Arbeit versäumt oder schlecht gethan worden
wäre.
300.
Das Paradies der Thiere.
Mündlich, aus Oberwallis im Visperthal.
Oben auf den hohen und unersteiglichen Felsen und Schneerücken des
Mattenbergs soll ein gewisser Bezirk liegen, worin die schönsten Gemsen
und Steinböcke, außerdem aber noch andere wunderbare und seltsame
Thiere, wie im Paradies zusammen hausen und weiden. Nur alle zwanzig
Jahre kann es einem Menschen gelingen, in diesen Ort zu kommen und
wieder unter zwanzig Gemsenjägern nur einem einzigen. Sie dürfen
aber kein Thier mit herunter bringen. Die Jäger wissen manches von
der Herrlichkeit dieses Orts zu erzählen, auch daß daselbst in den
Bäumen die Namen vieler Menschen eingeschnitten ständen, die nach
und nach dort gewesen wären. Einer soll auch einmal eine prächtige
Steinbockshaut mit herausgebracht haben.
301.
Der Gemsjäger.
+Wyß+ a. a. O. S. 43-61. vgl. 312.
Ein Gemsjäger stieg auf und kam zu dem Felsgrat und immer weiter
klimmend, als er je vorher gelangt war, stand plötzlich ein häßlicher
Zwerg vor ihm, der sprach zornig: “warum erlegst du mir lange schon
meine Gemsen und lässest mir nicht meine Heerde? jetzt sollst du’s
mit deinem Blute theuer bezahlen!” Der Jäger erbleichte und wäre
bald hinabgestürzt, doch faßte er sich noch und bat den Zwerg um
Verzeihung, denn er habe nicht gewußt, daß ihm diese Gemsen gehörten.
Der Zwerg sprach: “gut, aber laß dich hier nicht wieder blicken, so
verheiß ich dir, daß du jeden siebenten Tag Morgenfrüh vor deiner
Hütte ein geschlachtetes Gemsthier hangen finden sollst, aber hüte
dich mir und schone die andern.” Der Zwerg verschwand und der Jäger
ging nachdenklich heim und die ruhige Lebensart behagte ihm wenig. Am
siebenten Morgen hing eine fette Gemse in den Aesten eines Baums vor
seiner Hütte, davon zehrte er ganz vergnügt und die nächste Woche gings
eben so und dauerte ein Paar Monate fort. Allein zuletzt verdroß den
Jäger seiner Faulheit und er wollte lieber selber Gemsen jagen, möge
erfolgen, was da werde, als sich den Braten zutragen lassen. Da stieg
er auf und nicht lange, so erblickte er einen stolzen Leitbock, legte
an und zielte. Und als ihm nirgends der böse Zwerg erschien, wollte er
eben losdrücken, da war der Zwerg hinten her geschlichen und riß den
Jäger am Knöchel des Fußes nieder, daß er zerschmettert in den Abgrund
sank.
Andere erzählen: es habe der Zwerg dem Jäger ein Gemskäslein geschenkt,
an dem er wohl sein Lebelang hätte genug haben mögen, er es aber
unvorsichtig einmal aufgegessen oder ein unkundiger Gast ihm den
Rest verschlungen. Aus Armuth habe er demnach wieder die Gemsjagd
unternommen und sey vom Zwerg in die Fluh gestürzt worden.
302.
Die Zwerglöcher.
+Behrens+ curiöser Harzwald S. 37. 75. 76.
Am Harz in der Grafschaft Hohenstein, sodann zwischen Elbingerode und
dem Rübenland, findet man oben in den Felsenhöhlen an der Decke runde
und andere Öffnungen, die der gemeine Mann +Zwerglöcher+ nennt, wo
die Zwerge vor Alters, vermittelst einer Leiter, ein- und ausgestiegen
seyn sollen. Diese Zwerge erzeigten den Einwohnern zu Elbingerode
alle Güte. Fiel eine Hochzeit in der Stadt vor, so gingen die Eltern
oder Anverwandten der Verlobten nach solchen Höhlen und verlangten
von den Zwergen messingne und kupferne Kessel, eherne Töpfe, zinnerne
Schüssel und Teller und ander nöthiges Küchengeschirr mehr. Darauf
traten sie ein wenig abwärts, und gleich hernach stellten die Zwerge
die gefoderten Sachen vor den Eingang der Höhle hin. Die Leute nahmen
sie sodann weg und mit nach Haus; wann aber die Hochzeit vorbei war,
brachten sie alles wieder zur selben Stelle, setzten zur Dankbarkeit
etwas Speise dabei.
303.
Der Zwerg und die Wunderblume.
+Otmar+ S. 145-150.
Ein junger, armer Schäfer aus Sittendorf an der südlichen Seite des
Harzes in der goldnen Aue gelegen, trieb einst am Fuß des Kyffhäusers
und stieg immer trauriger den Berg hinan. Auf der Höhe fand er eine
wunderschöne Blume, dergleichen er noch nie gesehen, pflückte und
steckte sie an den Hut, seiner Braut ein Geschenk damit zu machen.
Wie er so weiter ging, fand er oben auf der alten Burg ein Gewölbe
offenstehen, blos der Eingang war etwas verschüttet. Er trat hinein,
sah viel kleine glänzende Steine auf der Erde liegen und steckte seine
Taschen ganz voll damit. Nun wollte er wieder ins Freie, als eine
dumpfe Stimme erscholl: “vergiß das Beste nicht!” Er wußte aber nicht
wie ihm geschah und wie er herauskam aus dem Gewölbe. Kaum sah er die
Sonne und seine Heerde wieder, schlug die Thür, die er vorher gar nicht
wahrgenommen, hinter ihm zu. Als der Schäfer nach seinem Hut faßte, war
ihm die Blume abgefallen beim Stolpern. Urplötzlich stand ein Zwerg vor
ihm: “wo hast du die Wunderblume, welche du fandest?” “Verloren,” sagte
betrübt der Schäfer. “Dir war sie bestimmt,” sprach der Zwerg, “und sie
ist mehr werth, denn die ganze Rothenburg.” Wie der Schäfer zu Haus in
seine Taschen griff, waren die glimmernden Steine lauter Goldstücke.
Die Blume ist verschwunden und wird von den Bergleuten bis auf heutigen
Tag gesucht, in den Gewölben des Kyffhäusers nicht allein, sondern
auch auf der Questenburg und selbst auf der Nordseite des Harzes, weil
verborgene Schätze rucken.
304.
Der Nix an der Kelle.
+Otmar’s+ Volkssagen. vgl. +Behrens+ S. 82.
An der Kelle, einem kleinen See, unweit Werne im Hohensteinischen,
wohnten sonst Nixen. Einmal hohlte der Nix des Nachts die Hebamme
aus einem Dorfe und brachte sie unter großen Versprechungen zu der
Untiefe hin, wo er mit seinem Weibe wohnte. Er führte sie hinab in
das unterirdische Gemach, wo die Hebamme ihr Amt verrichtete. Der
Nix belohnte sie reichlich. Eh sie aber wegging, winkte ihr die
Kindbetterin und klagte heimlich mit einem Thränenstrom, daß der Nix
das neugeborene Kind bald würgen würde. Und wirklich sah die Hebamme
einige Minuten nachher auf der Oberfläche des Wassers einen blutrothen
Strahl. Das Kind war ermordet.
305.
Schwarzach.
Badische Wochenschrift 1807. St. 17. Sp. 268. und St. 34. Sp. 543.
Von der alten Burg Schwarzach in der Pfalz hat es zweierlei Sagen. Ein
Ritter lebte da vorzeiten, dessen Töchterlein, als sie am See auf der
Wiese spielte, von einer großen Schlange, die aus dem Felsen kam, in
den See gezogen wurde. Der Vater ging tagtäglich ans Ufer und klagte.
Einmal glaubte er eine Stimme aus dem Wasser zu vernehmen und er rief
laut: “gib mir ein Zeichen, mein Töchterlein!” Da schlug ein Glöcklein
an. Fortan hörte er es jeden Tag schallen, und einmal lautete es heller
und der Ritter vernahm die Worte: “ich lebe, mein Vater, bin aber an
die Wasserwelt gebannt; lang hab ich mich gewehrt, aber der erste Trunk
hat mich um die Freiheit gebracht; hüte dich vor diesem Trunk.” Der
Vater blieb traurig stehen, da traten zwei Knaben zu und reichten ihm
aus einem güldenen Becher zu trinken. Er kostete ihn kaum, so stürzte
er in den See und sank unter.
Eine andre Erzählung erwähnt eines alten, blinden Ritters, der mit
seinen neun Töchtern auf Schwarzach lebte. Nah dabei hauste ein Räuber
im Wald, der den Töchtern lange vergeblich nachstellte. Eines Tags kam
er in Pilgrimkleidern und sagte den Jungfrauen: “wenn ihr euren Vater
heilen wollt, so weiß ich drunten in der kalten Klinge ein Kraut dafür,
das muß gebrochen werden, eh die Sonne aufgeht.” Die Töchter baten, daß
er es ihnen zeige. Als sie nun frühmorgens hinab in die kalte Klinge
kamen, mordete sie der Bösewicht alle neun und begrub sie zur Stelle.
Der Vater starb. Dreißig Jahre später trieb den Mörder die Reue, daß er
die Todtengebeine ausgraben und in geweihte Erde legen ließ.
306.
Die drei Jungfern aus dem See.
Badische Wochenschrift 1806. St. 21. Sp. 342.
Zu Epfenbach bei Sinzheim traten seit der Leute Gedenken jeden Abend
drei wunderschöne, weißgekleidete Jungfrauen in die Spinnstube des
Dorfs. Sie brachten immer neue Lieder und Weisen mit, wußten hübsche
Märchen und Spiele, auch ihre Rocken und Spindeln hatten etwas eignes
und keine Spinnerin konnte so fein und behend den Faden drehen. Aber
mit dem Schlag elf standen sie auf, packten ihre Rocken zusammen und
ließen sich durch keine Bitte einen Augenblick länger halten. Man
wußte nicht, woher sie kamen, noch wohin sie gingen; man nannte sie
nur: die Jungfern aus dem See, oder die Schwestern aus dem See. Die
Bursche sahen sie gern und verliebten sich in sie, zu allermeist des
Schulmeisters Sohn. Der konnte nicht satt werden, sie zu hören und mit
ihnen zu sprechen, und nichts that ihm leider, als daß sie jeden Abend
schon so früh aufbrachen. Da verfiel er einmal auf den Gedanken und
stellte die Dorfuhr eine Stunde zurück und Abends im steten Gespräch
und Scherz merkte kein Mensch den Verzug der Stunde. Und als die Glocke
eilf schlug, es aber schon eigentlich zwölf war, standen die drei
Jungfern auf, legten die Rocken zusammen und gingen fort. Den folgenden
Morgen kamen etliche Leute am See vorbei; da hörten sie wimmern und
sahen drei blutige Stellen oben auf der Fläche. Seit der Zeit kamen die
Schwestern nimmermehr zur Stube. Des Schulmeisters Sohn zehrte ab und
starb kurz darnach.
307.
Der todte Bräutigam.
+Prätorius+ Weltbeschr. I. 105-109.
Ein Adlicher verlobte sich zu Magdeburg mit einer schönen Fräulein.
Da geschahs, daß der Bräutigam in die Elbe fiel, wo man ihn drei
Tage suchte und nicht finden konnte. Die ganze Verwandtschaft war in
tiefer Bekümmerniß, endlich kam ein Schwarzkünstler zu der Liebsten
Eltern und sprach: “den ihr suchet, hat die Nixe unterm Wasser und
wird ihn auch lebendig nicht loslassen, es sey dann, daß eure Tochter
und ihr Liebster Leib und Seele der Nixe verschwören, oder daß eure
Tochter sich flugs an seiner Statt von den Nixen das Leben nehmen
lasse, oder auch, daß der Bräutigam sich der Nixe verspreche, welches
er aber jetzund nicht thun will.” Die Braut wollte sich gleich für
ihren Liebsten stellen, allein die Eltern bewilligten es nicht, sondern
drangen in den Zauberer, daß er den Bräutigam schaffen solle, lebendig
oder todt. Bald darauf fand man seinen Leichnam am Ufer liegen, ganz
voll blauer Flecken. -- Ein ähnliches soll sich mit dem Bräutigam einer
Fräulein von Arnheim begeben haben, der auch im Wasser umgekommen war.
Weil man aber die Stelle nicht wußte, brachte ein Zauberer durch seine
Kunst zuwege, daß der Leichnam dreimal aus dem Wasser hervorsprang,
worauf man an dem Ort suchte und den Todten im Grunde des Flusses fand.
308.
Der ewige Jäger.
Nach einem Meistergesang +Michael Beham’s+, ~MS. Vatic.~ 312. Bl. 165.
mitgetheilt in der Sammlung für altd. Lit. u. Kunst von +Hagen+ u. a.
S. 43-45.
Graf Eberhard von Würtenberg ritt eines Tages allein in den grünen Wald
aus und wollte zu seiner Kurzweil jagen. Plötzlich hörte er ein starkes
Brausen und Lärmen, wie wenn ein Weidmann vorüber käme; erschrack
heftig und fragte, nachdem er vom Roß gestanden und auf eines Baumes
Tolde getreten war, den Geist: ob er ihm schaden wolle? “Nein,” sprach
die Gestalt, “ich bin gleich dir ein Mensch und stehe vor dir ganz
allein, war vordem ein Herr. An dem Jagen hatte ich aber solche Lust,
daß ich Gott anflehte, er möge mich jagen lassen, bis zu dem jüngsten
Tag. Mein Wunsch wurde leider erhört und schon fünfthalb hundert Jahre
jage ich an einem und demselben Hirsch. Mein Geschlecht und mein Adel
sind aber noch niemanden offenbart worden.” Graf Eberhard sagte: “zeig
mir dein Angesicht, ob ich dich etwan erkennen möge?” Da entblößte sich
der Geist, sein Antlitz war kaum faustgroß, verdorrt, wie eine Rübe
und gerunzelt, als ein Schwamm. Darauf ritt er dem Hirsch nach und
verschwand, der Graf kehrte heim in sein Land zurück.
309.
Hans Jagenteufel.
Journal von und für Deutschl. 1787. II. Nr. 27.
+Prätorius+ Weltbeschr. II. 69-72.
Man glaubt: wer eine der Enthauptung würdige Unthat verrichte, die bei
seinen Lebzeiten nicht herauskomme, der müsse nach dem Tod mit dem Kopf
unterm Arm umgehen.
Im Jahr 1644. ging ein Weib aus Dresden eines Sonntags früh in einen
nahen Wald, daselbst Eicheln zu lesen. In der Heide an einem Grund
nicht weit von dem Orte, das verlorene Wasser genannt, hörte sie
stark mit dem Jägerhorn blasen, darauf that es einen harten Fall, als
ob ein Baum fiele. Das Weib erschrack und barg ihr Säcklein Eicheln
ins Gestrüpf, bald darauf blies das Horn wieder und als sie umsah,
erblickte sie auf einem Grauschimmel in langem grauen Rock einen Mann
ohne Kopf reiten, er trug Stiefel und Sporn und hatte ein Hifthorn über
dem Rücken hangen. Weil er aber ruhig vorbei ritt, faßte sie wieder
Muth, las ihre Eicheln fort und kehrte Abends ungestört heim. Neun Tage
später kam die Frau in gleicher Absicht in dieselbe Gegend und als
sie am Försterberg niedersaß, einen Apfel zu schälen, rief hinter ihr
eine Stimme: “habt ihr den Sack voll Eicheln und seyd nicht gepfändet
worden?” “Nein,” sprach sie, “die Förster sind fromm und haben mir
nichts gethan, Gott, biß mir Sünder gnädig!” -- mit diesen Worten
drehte sie sich um, da stand derselbe Graurock, aber ohne Pferd, wieder
und hielt den Kopf mit bräunlichem, krausendem Haar unter dem Arm. Die
Frau fuhr zusammen, das Gespenst aber sprach: “hieran thut ihr wohl,
Gott um Vergebung eurer Sünden zu bitten, mir hats nicht so wohl werden
können.” Darauf erzählte es: vor 130 Jahren habe er gelebt und wie sein
Vater Hans Jagenteufel geheißen. Sein Vater habe ihn oft ermahnt, den
armen Leuten nicht zu scharf zu seyn, er aber die Lehre in den Wind
geschlagen und dem Saufen und Trinken obgelegen und Böses genug gethan.
Darum müsse er nun als ein verdammter Geist umwandern.
310.
Des Hackelnberg Traum.
+Otmar+ S. 249. 250.
Hans von Hackelnberg war braunschweigischer Oberjägermeister und ein
gewaltiger Weidmann. Einer Nacht hatte er auf der Harzburg einen
schweren Traum; es däuchte ihm, als ob er mit einem furchtbaren Eber
kämpfe, der ihn nach langem Streit zuletzt besiegte. Diesen Traum
konnte er gar nicht aus den Gedanken wieder los werden. Einige Zeit
darnach stieß er im Vorharz wirklich auf einen Eber, dem im Traum
gesehenen ähnlich. Er griff ihn an; der Kampf blieb lang unentschieden;
endlich gewann Hans und streckte den Feind zu Boden nieder. Froh, als
er ihn so zu seinen Füßen erblickte, stieß er mit dem Fuß nach den
schrecklichen Hauern des Ebers und rief aus: “du sollst es mir noch
nicht thun!” Aber er hatte mit solcher Gewalt gestoßen, daß der scharfe
Zahn den Stiefel durchdrang und den Fuß verwundete. Erst achtete
Hackelnberg der Wunde nicht und setzte die Jagd fort. Bei seiner
Zurückkunft aber war der Fuß schon so geschwollen, daß der Stiefel
vom Bein getrennt werden mußte. Er eilte nach Wolfenbüttel zurück;
die Erschütterung des Wagens wirkte so schädlich, daß er mit genauer
Mühe das Hospital zu Wülperode erreichte und bald daselbst starb. Auf
seinem Grabe liegt ein Stein, der einen geharnischten Ritter auf einem
Maulthier vorstellt.
311.
Die Tut-Osel.
+Otmar+ S. 241 ff.
Mitternachts wann in Sturm und Regen der Hackelnberg “fatscht”[14]
und auf dem Wagen mit Pferd und Hunden durch den Thüringerwald, den
Harz und am liebsten durch den Hackel zieht, pflegt ihm eine Nachteule
voranzufliegen, welche das Volk: die +Tut-Osel+ nennt. Wanderer, denen
sie aufstößt, werfen sich still auf den Bauch und lassen den wilden
Jäger über sich wegfahren; und bald hören sie Hundebellen und den
Waidruf: hu hu! -- In einem fernen Kloster zu Thüringen lebte vorzeiten
eine Nonne, +Ursel+ geheißen, die störte mit ihrem heulenden Gesang
noch bei Lebzeiten den Chor; daher nannte man sie +Tut-Ursel+. Noch
ärger wurde es nach ihrem Tode, denn von elf Uhr Abends steckte sie
den Kopf durch ein Loch des Kirchthurms und tutete kläglich und alle
Morgen um vier Uhr stimmte sie ungerufen in den Gesang der Schwestern.
Einige Tage ertrugen sie es; den dritten Morgen aber sagte eine voll
Angst leise zu ihrer Nachbarin: “das ist gewiß die Ursel!” Da schwieg
plötzlich aller Gesang, ihre Haare sträubten sich zu Berge und die
Nonnen stürzten aus der Kirche, laut schreiend: “Tut-Ursel, Tut-Ursel!”
Und keine Strafe konnte eine Nonne bewegen, die Kirche zu betreten, bis
endlich ein berühmter Teufelsbanner aus einem Capucinerkloster an der
Donau gehohlt wurde. Der bannte Tut-Ursel in Gestalt einer Ohreule in
die Dummburg auf den Harz. Hier traf sie den Hackelnberg und fand an
seinem huhu! so groß Gefallen, als er an ihrem uhu! und so ziehen sie
beide zusammen auf die Luftjagd.
[14] fatschen braucht man, wenn die Füße der Pferde im zähen Koth und
Moor schnalzen.
312.
Die schwarzen Reuter und das Handpferd.
Hanauer Landcalender vom Jahr 1730.
+Hilscher+ vom wüthenden Heer. Dresden 1702. S. 31. 32.