In der Stadt Speier lebte vorzeiten ein Fischer. Als dieser einer Nacht

an den Rhein kam und sein Garn ausstellen wollte, trat ein Mann auf

ihn zu, der trug eine schwarze Kutte in Weise der Mönche und nachdem

ihn der Fischer ehrsam gegrüßt hatte, sprach er: “ich komm ein Bote

fernher und möchte gern über den Rhein.” “Tritt in meinen Nachen ein

zu mir, antwortete der Fischer, ich will dich überfahren.” Da er nun

diesen übergesetzt hatte und zurückkehrte, standen noch fünf andere

Mönche am Gestade, die begehrten auch zu schiffen und der Fischer frug

bescheiden: was sie doch bei so eitler Nacht reisten? “Die Noth treibt

uns, versetzte einer der Mönche, die Welt ist uns feind, so nimm du

dich unser an und Gottes Lohn dafür.” Der Fischer verlangte zu wissen:

was sie ihm geben wollten für seine Arbeit? Sie sagten: “jetzo sind wir

arm, wenn es uns wieder besser geht, sollst du unsere Dankbarkeit schon

spüren.” Also stieß der Schiffer ab, wie aber der Nachen mitten auf den

Rhein kam, hob sich ein fürchterlicher Sturm. Wasserwellen bedeckten

das Schiff und der Fischer erblaßte. “Was ist das,” dachte er bei sich,

“bei Sonnenniedergang war der Himmel klar und lauter und schön schien

der Mond, woher dieses schnelle Unwetter?” Und wie er seine Hände hob,

zu Gott zu beten, rief einer der Mönche: “was liegst du Gott mit Beten

in den Ohren, steuere dein Schiff.” Bei den Worten riß er ihm das

Ruder aus der Hand und fing an den armen Fischer zu schlagen. Halbtodt

lag er im Nachen, der Tag begann zu dämmern und die schwarzen Männer

verschwanden. Der Himmel war klar, wie vorher, der Schiffer ermannte

sich, fuhr zurück und erreichte mit Noth seine Wohnung. Des andern Tags

begegneten dieselben Mönche einem früh aus Speier reisenden Boten in

einem rasselnden, schwarz bedeckten Wagen, der aber nur drei Räder und

einen langnasigten Fuhrmann hatte. Bestürzt stand er still, ließ den

Wagen vorüber und sah bald, daß er sich mit Prasseln und Flammen in

die Lüfte verlor, dabei vernahm man Schwerterklingen, als ob ein Heer

zusammenginge. Der Bote wandte sich, kehrte zur Stadt und zeigte alles

an; man schloß aus diesem Gesicht auf Zwietracht unter den deutschen

Fürsten.

276.

Der Irrwisch.

Mündlich, aus Hänlein.

An der Bergstraße zu Hänlein, auch in der Gegend von Lorsch, nennt

man die Irrlichter: +Heerwische+; sie sollen nur in der Adventszeit

erscheinen und man hat einen Spottreim auf sie: “Heerwisch, ho ho,

brennst wie Haberstroh, schlag mich blitzeblo!” Vor länger als dreißig

Jahren, wird erzählt, sah ein Mädchen Abends einen Heerwisch und rief

ihm den Spottreim entgegen. Aber er lief auf das Mädchen gerade zu und

als es floh und in das Haus zu seinen Eltern flüchtete, folgte er ihr

auf der Ferse nach, trat mit ihr zugleich ins Zimmer hinein und schlug

alle Leute, die darin waren, mit seinen feurigen Flügeln, daß ihnen

Hören und Sehen verging.

277.

Die feurigen Wagen.

Mündlich, aus dem Odenwald.

Conrad Schäfer aus Gammelsbach erzählte: “ich habe vor einigen Jahren

Frucht auf der Hirschhörnerhöhe nicht weit von Freienstein, dem alten

Schloß, gehütet. Nachts um zwölfe begegneten mir zwei feurige Kutschen

mit gräßlichem Gerassel: jede mit vier feurigen Rossen bespannt. Der

Zug kam gerade vom Freienstein. Er ist mir öfter begegnet und hat mich

jedesmal gewaltig erschreckt; denn es saßen Leute in den Kutschen,

denen die Flamme aus Maul und Augen schlug.”

278.

Räderberg.

Mündlich.

Ein Metzger von Nassau ging aus, zu kaufen. Auf der Landstraße stößt er

bald auf eine dahin fahrende Kutsche und geht ihr nach, den Gleisen in

Gedanken folgend. Mit einmal hält sie an und vor einem schönen großen

Landhaus, mitten auf der Heerstraße, das er aber sonst noch niemals

erblickt, so oft er auch dieses Wegs gekommen. Drei Mönche steigen

aus dem Wagen und der erstaunte Metzger folgt ihnen unbemerkt in das

hellerleuchtete Haus. Erst gehen sie in ein Zimmer, einem die Communion

zu reichen, und nachher in einen Saal, wo große Gesellschaft um

einen Tisch sitzt, in lautem Lärmen und Schreien ein Mahl verzehrend.

Plötzlich bemerkt der Obensitzende den fremden Metzger und sogleich

ist alles still und verstummt. Da steht der Oberste auf und bringt

dem Metzger einen Weinbecher mit den Worten: “noch einen Tag!” Der

Metzger erschauert und will nicht trinken. Bald hernach erhebt sich

ein Zweiter, tritt den Metzger mit einem Becher an und spricht wieder:

“noch ein Tag!” Er schlägt ihn wieder aus. Nachdem kommt ein Dritter

mit dem Becher und denselben Worten: “noch ein Tag!” Nunmehr trinkt

der Metzger. Aber kurz darauf nähert sich demselben ein Vierter aus

der Gesellschaft, den Wein nochmals darbietend. Der Metzger erschrickt

heftiglich, und als er ein Kreuz vor sich gemacht, verschwindet

auf einmal die ganze Erscheinung und er befindet sich in dichter

Dunkelheit. Wie endlich der Morgen anbricht, sieht sich der Metzger

auf dem Räderberg, weit weg von der Landstraße, geht einen steinigten,

mühsamen Weg zurück in seine Vaterstadt, entdeckt dem Pfarrer die

Begebenheit und stirbt genau in drei Tagen.

Die Sage war schon lang verbreitet, daß auf jenem Berg ein Kloster

gestanden, dessen Trümmer noch jetzt zu sehen sind, dessen Orden aber

ausgestorben wäre.

279.

Die Lichter auf Hellebarden.

+Happel+ ~relat. curios. II. 771. 772.~

Von dem uralten hanauischen Schloß Lichtenberg auf einem hohen Felsen

im Unterelsaß, eine Stunde von Ingweiler belegen, wird erzählt: so oft

sich Sturm und Ungewitter rege, daß man auf den Dächern und Knöpfen des

Schlosses, ja selbst auf den Spitzen der Hellebarden viele kleine blaue

Lichter erblicke. Dies hat sich seit langen Jahren also befunden und

nach einigen selbst dem alten Schloß den Namen gegeben.

Zwei Bauern gingen aus dem Dorf Langenstein (nah bei Kirchhain in

Oberhessen) nach Embsdorf zu, mit ihren Heugabeln auf den Schultern.

Unterwegs erblickte der eine unversehens ein Lichtlein auf der Partisan

seines Gefährten, der nahm sie herunter und strich lachend den Glanz

mit den Fingern ab, daß er verschwand. Wie sie hundert Schritte weiter

gingen, saß das Lichtlein wieder an der vorigen Stelle und wurde

nochmals abgestrichen. Aber bald darauf stellte es sich zum drittenmal

ein, da stieß der andere Bauer einige harte Worte aus, strich es

jenem nochmals ab und darauf kam es nicht wieder. Acht Tage hernach

zu derselben Stelle, wo der eine dem andern das Licht zum drittenmal

abgestrichen hatte, trafen sich diese beiden Bauern, die sonst alte

gute Freunde gewesen, verunwilligten sich und von den Worten zu

Schlägen kommend erstach der eine den andern.

280.

Das Wafeln.

+Kosegarten+ Rhapsodien. II. 76.

+Zölner’s+ Reise durch Pommern. 1797. I. 316. 516.

An der Ost-See glauben die Leute den Schiffbruch, das Stranden, oftmals

vorherzusehen, indem solche Schiffe vorher spuckten, einige Tage oder

Wochen, an dem Ort, wo sie verunglücken, bei Nachtzeit wie dunkle

Luftgebilde erschienen, alle Theile des Schiffs, Rumpf, Tauwerk, Maste,

Segel in bloßem Feuer vorgestellt. Dies nennen sie +wafeln+.

Es wafeln auch Menschen, die ertrinken, Häuser, die abbrennen werden

und Orte, die untergehen. Sonntags hört man noch unter dem Wasser die

Glocken versunkener Städte klingen.

281.

Weberndes Flammen-Schloß.

Der abentheuerliche Jean Rebhu. 1679. Th. II. S. 8-11.

In Tirol auf einem hohen Berg liegt ein altes Schloß, in welchem alle

Nacht ein Feuer brennt; die Flamme ist so groß, daß sie über die Mauern

hinausschlägt und man sie weit und breit sehen kann. Es trug sich zu,

daß eine arme Frau, der es an Holz mangelte, auf diesem Schloß-Berge

abgefallene Reiser zusammen suchte und endlich zu dem Schloß-Thor

kam, wo sie aus Vorwitz sich umschaute und endlich hineintrat, nicht

ohne Mühe, weil alles zerfallen und nicht leicht weiter zu kommen

war. Als sie in den Hof gelangte, sah sie eine Gesellschaft von Herrn

und Frauen da an einer großen Tafel sitzen und essen. Diener warteten

auf, wechselten Teller, trugen Speisen auf und ab und schenkten Wein

ein. Wie sie so stand, kam einer der Diener und holte sie herbei,

da ward ihr ein Stück Gold in das Schürz-Tuch geworfen, worauf in

einem Augenblick alles verschwunden war und die arme Frau erschreckt

den Rückweg suchte. Als sie aber den Hof hinausgekommen, stand da

ein Kriegsmann mit brennender Lunte, den Kopf hatte er nicht auf dem

Hals sitzen, sondern hielt ihn unter dem Arme. Der hub an zu reden

und verbot der Frau, keinem Menschen was sie gesehen und erfahren zu

offenbaren, es würde ihr sonst übel ergehen. Die Frau kam, noch voller

Angst, nach Haus, brachte das Gold mit, aber sie sagte nicht, woher sie

es empfangen. Als die Obrigkeit davon hörte, ward sie vorgefordert,

aber sie wollte kein Wort sich verlauten lassen und entschuldigte sich

damit, daß wenn sie etwas sagte, ihr großes Uebel daraus zuwachsen

würde. Nachdem man schärfer mit ihr verfuhr, entdeckte sie dennoch

alles, was ihr in dem Flammen-Schloß begegnet war, haarklein. In dem

Augenblick aber, wo sie ihre Aussage beendigt, war sie hinweg entrückt

und niemand hat erfahren können, wo sie hingekommen ist.

Es hatte sich aber an diesem Ort ein junger Edelmann ins zweite Jahr

aufgehalten, ein Ritter und wohlerfahren in allen Dingen. Nachdem

er den Hergang dieser Sache erkündet, machte er sich tief in der

Nacht mit seinem Diener zu Fuß auf den Weg nach dem Berg. Sie stiegen

mit großer Mühe hinauf und wurden sechsmal von einer Stimme davon

abgemahnt: sie würdens sonst mit großem Schaden erfahren müssen. Ohne

aber darauf zu achten, gingen sie immer zu und gelangten endlich vor

das Thor. Da stand jener Kriegsmann wieder als Schildwache und rief,

wie gebräuchlich: “wer da?” Der Edelmann, ein frischer Herr, gab zur

Antwort: “ich bins.” Das Gespenst fragte weiter: “wer bist du?” Der

Edelmann aber gab diesmal keine Antwort, sondern hieß den Diener das

Schwert herlangen. Als dieses geschehen, kam ein schwarzer Reuter aus

dem Schloß geritten, gegen welchen sich der Edelmann wehren wollte;

der Reuter aber schwang ihn auf sein Pferd und ritt mit ihm in den Hof

hinein und der Kriegsmann jagte den Diener den Berg hinab. Der Edelmann

ist nirgends zu finden gewesen.

282.

Der Feuerberg.

Mündlich, aus Wernigerode.

Einige Stunden von Halberstadt liegt ein ehemals kahler, jetzt

mit hohen Tannen und Eichen bewachsener Berg, der von vielen der

+Feuerberg+ genannt wird. In seinen Tiefen soll der Teufel sein Wesen

treiben und alles in hellen Flammen brennen. Vor alten Zeiten wohnte

in der Gegend von Halberstadt ein Graf, der bös und raubgierig war und

die Bewohner des Landes rings herum drückte, wo er nur konnte. Einem

Schäfer war er viel Geld seit langen Jahren schuldig, jedesmal aber,

wenn dieser kam und darum mahnte, gab er ihm schnöde und abweisende

Antworten. Auf einmal verschwand der Graf und es hieß, er wär gestorben

in fernen Landen. Der Schäfer ging betrübt zu Felde und klagte über

seinen Verlust, denn die Erben und Hinterlassenen des Grafen wollten

von seiner Foderung nichts wissen und jagten ihn, als er sich meldete,

die Burg hinab. Da geschah es, daß, als er zu einer Zeit im Walde war,

eine Gestalt zu ihm trat und sprach: “willst du deinen alten Schuldner

sehen, so folge mir nach.” Der Schäfer folgte und ward durch den Wald

geführt bis zu einem hohen, nackten Berg, der sich alsbald vor beiden

mit Getöse öffnete, sie aufnahm und sich wieder schloß. Innen war

alles ein Feuer. Der zitternde Schäfer erblickte den Grafen, sitzend

auf einem Stuhle, um welchen sich, wie an den glühenden Wänden und

auf dem Boden, tausend Flammen wälzten. Der Sünder schrie: “willst du

Geld haben, Schäfer, so nimm dieses Tuch und bringe es den Meinigen;

sage ihnen, wie du mich im Höllenfeuer sitzen gesehen, in dem ich bis

in Ewigkeit leiden muß.” Hierauf riß er ein Tuch von seinem Haupt und

gab es dem Schäfer und aus seinen Augen und Händen sprühten Funken.

Der Schäfer eilte mit schwankenden Füßen, von seinem Führer geleitet,

zurück, der Berg that sich wieder auf und verschloß sich hinter ihm.

Mit dem Tuch ging er dann auf des Grafen Burg, zeigte es und erzählte,

was er gesehen; worauf sie ihm gern sein Geld gaben.

283.

Der feurige Mann.

~+Bothonis+ chronicon brunsvic. pictur.~ bei ~+Leibniz+ SS. RR. BB.

III. 337.~

Mündlich, aus dem Erbachischen.

In düssem Jare (1125) sach me einen furigen Man twischen den Borgen

twen, de de heten Gelichghen (Gleichen), dat was in der rechten

Middernacht. De Man gingk von einer Borch to der anderen unde brande

alse ein Blase, alse ein glonich Für; düt segen de Wechters, und dede

dat in dren Nechten unde nig mer.

Georg Miltenberger, im sogenannten Hoppelrain bei Kailbach Amts

Freienstein wohnhaft, erzählte: “in der ersten Adventssonntagsnacht,

zwischen 11 und 12 Uhr, nicht weit von meinem Hause, sah ich einen

ganz in Feuer brennenden Mann. An seinem Leibe konnte man alle Rippen

zählen. Er hielt seine Straße von einem Marktstein zum andern, bis er

nach Mitternacht plötzlich verschwand. Viel Menschen sind durch ihn

in Furcht und Schrecken gerathen, weil er durch Maul und Nase Feuer

ausspie und in einer fliehenden Schnelligkeit hin und her flog, die

Kreuz und die Quer.”

284.

Die verwünschten Landmesser.

Mündlich, aus Meckelnburg.

Die Irrwische, welche Nachts an den Ufern und Feldrainen hin und her

streifen, sollen ehdem Landmesser gewesen seyn und die Marken trüglich

gemessen haben. Darum sind sie verdammt, nach ihrem Leben umzugehen und

die Grenzen zu hüten.

285.

Der verrückte Grenzstein.

+Erasm. Francisci+ höll. Proteus S. 422.

Auf dem Feld um Eger herum läßt sich nicht selten ein Gespenst in

Gestalt eines Mannsbildes sehen, welches die Leute den Junker Ludwig

nennen. Ehedessen soll einer dieses Namens da gelebt und die Grenz-

und Marksteine des Feldes betrüglich verrückt haben. Bald nach seinem

Tode fing er nun an zu wandern und hat viel Leute durch seine Begegnung

erschreckt. Noch in jüngern Zeiten erfuhr das ein Mädchen aus der

Stadt. Es ging einmal allein vor dem Thore und gerieth von ungefähr

in die berüchtigte Gegend. An der Stätte, wo der Markstein, wie man

sagt, verrückt seyn soll, wandelte ihr ein Mann entgegen, gerade so

aussehend, als man ihr schon mehrmals die Erscheinung des bösen Junkers

beschrieben hatte. Er ging auf sie an, griff ihr mit der Faust an die

Brust und verschwand. In tiefster Entsetzung ging das Mädchen heim zu

den Ihrigen und sprach: “ich hab mein Theil.” Da fand man ihre Brust,

da wo der Geist sie angerührt hatte, schwarz geworden. Sie legte sich

gleich zu Bette und verschied dritten Tags darauf.

286.

Der Grenzstreit.

Mündlich, aus Hessen.

Zu Wilmshausen, einem hessischen Dorf unweit Münden, war vormals

Uneinigkeit zwischen der Gemeinde und einer benachbarten über ihre

Grenze entsprungen. Man wußte sie nicht recht mehr auszumitteln. Also

kam man übereins, einen Krebs zu nehmen und ihn über das streitige

Ackerfeld laufen zu lassen, folgte seinen Spuren und legte die

Marksteine danach. Weil er nun so wunderlich in die Kreuz und Quer

lief, ist daselbst eine sonderbare Grenze mit mancherlei Ecken und

Winkeln bis auf heutigen Tag.

287.

Der Grenzlauf.

+Wyß+ a. a. O. S. 80-100. vgl. 317.

Ueber den Klußpaß und die Bergscheide hinaus vom Schächenthale weg

erstreckt sich das Urner Gebiet am Fletschbache fort und in Glarus

hinüber. Einst stritten die Urner mit den Glarnern bitter um ihre

Landesgrenze, beleidigten und schädigten einander täglich. Da ward

von den Biedermännern der Ausspruch gethan: zur Tag- und Nachtgleiche

solle von jedem Theil frühmorgens, sobald der Hahn krähe, ein

rüstiger, kundiger Felsgänger ausgesandt werden, und jedweder nach dem

jenseitigen Gebiet zulaufen und da, wo sich beide Männer begegneten,

die Grenzscheide festgesetzt bleiben, das kürzere Theil möge nun

fallen dießeits oder jenseits. Die Leute wurden gewählt und man dachte

besonders darauf, einen solchen Hahn zu halten, der sich nicht verkrähe

und die Morgenstunde auf das allerfrühste ansagte. Und die Urner

nahmen einen Hahn, setzten ihn in einen Korb und gaben ihm sparsam zu

essen und saufen, weil sie glaubten, Hunger und Durst werde ihn früher

wecken. Dagegen die Glarner fütterten und mästeten ihren Hahn, daß

er freudig und hoffärtig den Morgen grüßen könne, und dachten damit

am besten zu fahren. Als nun der Herbst kam und der bestimmte Tag

erschien, da geschah es, daß zu Altdorf der schmachtende Hahn zuerst

erkrähte, kaum wie es dämmerte, und froh brach der urner Felsenklimmer

auf, der Marke zu laufend. Allein im Linthal drüben stand schon die

volle Morgenröthe am Himmel, die Sterne waren verblichen und der fette

Hahn schlief noch in guter Ruh. Traurig umgab ihn die ganze Gemeinde,

aber es galt die Redlichkeit und keiner wagte es, ihn aufzuwecken;

endlich schwang er die Flügel und krähte. Aber dem glarner Läufer

wirds schwer seyn, dem urner den Vorsprung wieder abzugewinnen!

Ängstlich sprang er, und schaute gegen das Scheideck, wehe da sah er

oben am Giebel des Grats den Mann schreiten und schon bergabwärts

niederkommen; aber der Glarner schwang die Fersen und wollte seinem

Volke noch vom Lande retten, so viel als möglich. Und bald stießen

die Männer auf einander und der von Uri rief: “hier ist die Grenze!”

“Nachbar,” sprach betrübt der von Glarus, “sey gerecht und gib mir

noch ein Stück von dem Weidland, das du errungen hast!” Doch der Urner

wollte nicht, aber der Glarner ließ ihm nicht Ruh, bis er barmherzig

wurde und sagte: “so viel will ich dir noch gewähren, als du mich an

deinem Hals tragend bergan laufst.” Da faßte ihn der rechtschaffene

Sennhirt von Glarus und klomm noch ein Stück Felsen hinauf, und manche

Tritte gelangen ihm noch, aber plötzlich versiegte ihm der Athem und

todt sank er zu Boden. Und noch heutiges Tags wird das Grenzbächlein

gezeigt, bis zu welchem der einsinkende Glarner den siegreichen Urner

getragen habe. In Uri war große Freude ob ihres Gewinnstes, aber auch

die zu Glarus gaben ihrem Hirten die verdiente Ehre und bewahrten seine

große Treue in steter Erinnerung.

288.

Die Alpschlacht.

+Stalder+ Fragmente über Entlebuch. Zürich 1797. I. S. 81-85.

Die Obwaldner und Entlebucher Hirten stritten sich um einige Weiden,

aber die Obwaldner waren im Besitz und trieben ihr Vieh darauf. Weil

sie etwa von ihren muthigen Gegnern einen Ueberfall besorgten, stellten

sie Wächter zu ihrer Heerde. Die geschwinden und feinen Entlebucher

dachten auf einen Streich; nachdem sie sich eine Zeitlang still und

ruhig verhalten hatten und die treuherzigen Obwaldner wenig Böses

ahnten, sondern statt Wache zu haben, sich die Langeweile mit Spielen

verkürzten, schlichen kühne entlebucher Hirten auf die schlechtbewahrte

Trift, banden dem Vieh ganz leise die klingenden Schellen ab und

führten den Raub eilig zur Seite. Einer aus ihnen mußte zurückbleiben

und so lange mit den Kühglocken läuten, bis die Räuber vor aller Gefahr

sicher wären. Er thats, warf dann all den Klumpen von Schellen auf

den Boden und sprang unter lautem Hohngelächter mit überflügelnden

Schritten fort. Die Obwaldner horchten auf und sahen das Unglück. Sie

wollten sich rächen, sammelten bald einen Haufen Volks und überfielen

jählings die Entlebucher, welche sich aber darauf vorbereitet hatten.

Die Obwaldner wetzten ihren Schimpf nicht aus, sondern wurden noch

dazu geschlagen; das ihnen damals abgewonnene Fähnlein bewahren die

Entlebucher noch heutiges Tags in ihrer Heimlichkeit (einem alten

Thurm im Dorfe Schüpfen) und der Ort, wo das kleine Gefecht sich

ereignete, wird auch diesen Augenblick noch immer die Alpschlacht

genannt.

289.

Der Stein bei Wenthusen.

Quedlinburger Sammlung. S. 150. 154.

Wenthusen im Quedlinburgischen war vorzeiten ein Frauenkloster und kam

nachher an die Grafen von Regenstein, nach deren Absterben an andere

Herrn. Man gibt vor, es läge auf diesem Gut von Klosterzeiten her noch

ein Stein, der stets unberührt und unbeschädigt liegen bleiben müßte,

wo nicht dem Besitzer ein großes Unglück widerfahren sollte. Einer

derselben soll ihn aus Neugierde haben wegnehmen lassen, aber dafür auf

alle mögliche Art und Weise so lange gequält worden seyn, bis der Stein

wieder auf seiner rechten Stelle gelegen habe.

290.

Die altenberger Kirche.

+J.B. Heller’s+ Merkwürdigk. Thüringens. I. 59. 466.

+Falkenstein+ thür. Chronik II. 273. Anm. b. III. 1272.

Oberhalb dem Dorfe Altenberg im Thüringer Wald liegt auf einem hohen

Berg luftig zwischen Bäumen das Kirchlein des Orts, die Johannes-Kirche

genannt. Wegen des beschwerlichen Wegs dahin, besonders im Winter

bei Glatteis und wenn Leichen oder Kinder zur Taufe hinauf zu tragen

waren, wollten, nach der Sage, die Altenberger die Kirche abbrechen und

unten im Dorfe aufrichten, aber sie waren es nicht vermögend. Denn was

sie heute abgetragen und ins Thal herabgebracht hatten, fanden sie am

andern Morgen wieder an seiner Stelle in gehöriger Ordnung oben auf der

Capelle, also daß sie von ihrem Vorhaben abstehen mußten.

Diese Kirche hat der heil. Bonifacius gestiftet und auf dem Berge

öfters geprediget. Einmal als er es dort unter freiem Himmel

that, geschah es, daß eine große Menge Raben, Dohlen und Krähen

herbeigeflogen kamen und ein solches Gekrächz und Geschrei anfingen,

daß die Worte des heil. Bonifacius nicht mehr konnten verstanden

werden. Da bat er Gott, daß er solchen Vögeln in diese Gegend zu kommen

nimmermehr erlaube. Seine Bitte wurde ihm gewährt und man hat sie

hernach nie wieder an diesem Orte gesehen.

291.

Der König im lauenburger Berg.

+Kornmann+ ~mons Veneris~.

+Seyfried’s+ ~medulla p.~ 482.

+Valvassor+ Ehre von Crain I. 247.

Auf einem Berg bei der Lauenburg in Cassuben fand man 1596. eine

ungeheure Kluft. Der Rath hatte zwei Missethäter doch zum Tod

verurtheilt und schenkte ihnen unter der Bedingung das Leben, daß sie

diesen Abgrund besteigen und besichtigen sollten. Als diese hinein

gefahren waren, erblickten sie unten auf dem Grund einen schönen

Garten, darin stand ein Baum mit lieblich-weißer Blüte; doch durften

sie nicht daran rühren. Ein Kind war da, das führte sie über einen

weiten Plan hin zu einem Schloß. Aus dem Schloß ertönte mancherlei

Saitenspiel, wie sie eintraten, saß da ein König auf silbernem Stuhl,

in der einen Hand einen goldnen Scepter, in der andern einen Brief. Das

Kind mußte den Brief den beiden Missethätern überreichen.

292.

Der Schwanberg.

+Agricola+ Sprichw. 389. 390.

Man hat gesagt bei Menschen Gezeiten her und niemand weiß, von wem

es ausgekommen ist: “es soll der +Schwanberg+ noch mitten in Schweiz

liegen,” das ist ganz Deutschland wird Schweiz werden. Diese Sage ist

gemein und ungeachtet.

293.

Der Robbedisser Brunn.

+Letzner+ Dasselische Chronik. B. ~VIII. c.~ 10.

Wenn man von Dassel über die Höhe, Bier genannt, und über den Kirchberg

gehen will, hat man zur linken Hand einen Ort Namens Robbedissen,

wo ein Quellbrunn fließt. Von diesem, von dem schwarzen Grund hinter

dem Gericht und der großen Pappel vor Eilenhausen haben die Leute der

Gegend den festen Glauben: wann der robbedisser Brunn seine Stätte

verrücke, der schwarze Grund der andern Erde gleich werde, und der

große eilenhäuser Pappelbaum verdorre und vergehe, alsdann werde in der

Schöffe, einem Feld zwischen Eilenhausen und Markoldendorf, eine große,

blutige Schlacht gehalten werden.

294.

Bamberger Wage.

~+Manlii+ loc. comm. collect. p. 46.~

Zu Bamberg, auf Kaiser Heinrichs Grab, ist die Gerechtigkeit mit einer

Wagschale in der Hand eingehauen. Die Zunge der Wage steht aber nicht

in der Mitte, sondern neigt etwas auf eine Seite. Es gehet hierüber ein

altes Gerücht, daß, sobald das Zünglein ins Gleiche komme, die Welt

untergehen werde.

295.

Kaiser Friedrich zu Kaiserslautern.

+Georg Draud+ fürstliche Tischreden. I.

vgl. +Fischart+ Gargantua 266~b~.

Deutsche Sagen · 第 21 / 26 段