wuchs das folgende Jahr, doch trug er taube Ähren. Niemand achtete das
Warnungszeichen, allein die Ruchlosheit von Stavoren nahm von Jahr
zu Jahr überhand, da zog Gott der Herr seine schirmende Hand ab von
der bösen Stadt. Auf eine Zeit schöpfte man Hering und Butt aus den
Ziehbrunnen und in der Nacht öffnete sich die See und verschwalg mehr
als drei Viertel der Stadt in rauschender Flut. Noch beinah jedes Jahr
versinken einige Hütten der Insassen und es ist seit der Zeit kein
Seegen und kein wohlhabender Mann in Stavoren zu finden. Noch immer
wächst jährlich an derselben Stelle ein Gras aus dem Wasser, das kein
Kräuterkenner kennt, das keine Blüte trägt und sonst nirgends mehr auf
Erden gefunden wird. Der Halm treibt lang und hoch, die Ähre gleicht
der Waizenähre, ist aber taub und ohne Körner. Die Sandbank, worauf es
grünt, liegt entlangs der Stadt Stavoren und trägt keinen andern Namen
als den des +Frauensands+.
240.
Brot zu Stein geworden.
~+Melissantes+~ Handb. f. Bürger u. Bauern. Fft. u. Lpg. 1744. S. 128.
+Ernst+ Gemüthsergötzlichkeit S. 946.
Rheinischer Antiquar. S. 864.
Mündliche Sage aus Landshut.
Aus Danzig in +Mart. Zeiller’s+ Handbuch von allerlei nützl. Sachen und
Denkwürdigkeiten. Ulm 1655. S. 27.
Man hat an viel Orten, namentlich in Westphalen, die Sagen, daß zur
Zeit großer Theuerung eine hartherzige Schwester ihre arme Schwester,
die für sich und ihre Kindlein Brot gebeten, mit den Worten abgewiesen:
“und wenn ich Brot hätte, wollte ich, daß es zu Stein würde!” -- worauf
sich ihr Brotvorrath alsbald in Stein verwandelt. Zu Leiden in Holland
hebt man in der großen Peterskirche ein solches Steinbrot auf und zeigt
es den Leuten zur Bewährung der Geschichte.
Im Jahr 1579 hatte ein dortmunder Becker in der Hungersnoth viel Korn
aufgekauft und freute sich, damit recht zu wuchern. Als er aber mitten
in diesem Geschäft war, ist ihm sein Brot im ganzen Hause eines Tages
zu Stein worden und wie er einen Laib ergriffen und mit dem Messer
aufschneiden wollen, Blut daraus geflossen. Darüber hat er sich alsbald
in seiner Kammer erhängt.
In der dem heiligen Kastulus geweihten Hauptkirche zu Landshut hängt
mit silberner Einfassung ein runder Stein in Gestalt eines Brotes,
in dessen Oberfläche sich vier kleine Höhlungen befinden. Davon geht
folgende Sage. Kurz vor seinem Tode kam der heil. Kastulus als ein
armer Mann zu einer Wittwe in der Stadt und bat um ein Almosen. Die
Frau hieß ihre Tochter, das einzige Brot, das sie noch übrig hatten,
dem Dürftigen reichen. Die Tochter, die es ungern weggab, wollte vorher
noch eilig einige Stücke abbrechen, aber in dem Augenblick verwandelte
sich das, dem Heiligen schon eigene, Brot in Stein und man erblickt
noch jetzt darin die eingedrückten Finger deutlich.
Zur Zeit einer großen Theurung ging ein armes Weib, ein Kind auf dem
Arm, eins neben sich herlaufend und nach Brot laut schreiend, durch
eine Straße der Stadt Danzig. Da begegnete ihr ein Mönch aus dem
Kloster Oliva, den sie flehentlich um ein Bischen Brot für ihre Kinder
bat. Der Mönch aber sagte: “ich habe keins.” Die Frau sprach: “ach ich
sehe, daß ihr in euerm Busen Brot stecken habt.” “Ei, das ist nur ein
Stein, die Hunde damit zu werfen,” antwortete der Mönch und ging fort.
Nach einer Weile wollte er sein Brot holen und essen, aber er fand,
daß es sich wirklich in Stein verwandelt hatte. Er erschrack, bekannte
seine Sünde und gab den Stein ab, der noch jetzt in der Klosterkirche
dort hängt.
241.
Der binger Mäusethurm.
+Bange+ thür. Chronik Bl. 35 b.
Zu Bingen ragt mitten aus dem Rhein ein hoher Thurm, von dem
nachstehende Sage umgeht. Im Jahr 974. ward große Theuerung in
Deutschland, daß die Menschen aus Noth Katzen und Hunde aßen und doch
viel Leute Hungers sturben. Da war ein Bischof zu Mainz, der hieß Hatto
der andere, ein Geizhals, dachte nur daran, seinen Schatz zu mehren und
sah zu, wie die armen Leute auf der Gasse niederfielen und bei Haufen
zu den Brotbänken liefen und das Brot nahmen mit Gewalt. Aber kein
Erbarmen kam in den Bischof, sondern er sprach: “lasset alle Arme und
Dürftige sammlen in einer Scheune vor der Stadt, ich will sie speisen.”
Und wie sie in die Scheune gegangen waren, schloß er die Thüre zu,
steckte mit Feuer an und verbrannte die Scheune sammt den armen Leuten.
Als nun die Menschen unter den Flammen wimmerten und jammerten, rief
Bischof Hatto: “hört, hört, wie die Mäuse pfeifen!” Allein Gott der
Herr plagte ihn bald, daß die Mäuse Tag und Nacht über ihn liefen und
an ihm fraßen, und vermochte sich mit aller seiner Gewalt nicht wider
sie behalten und bewahren. Da wußte er endlich keinen andern Rath, als
er ließ einen Thurm bei Bingen mitten in den Rhein bauen, der noch
heutiges Tags zu sehen ist, und meinte sich darin zu fristen, aber die
Mäuse schwummen durch den Strom heran, erklommen den Thurm und fraßen
den Bischof lebendig auf.
242.
Das Bubenried.
Mündlich, aus dem Odenwald.
In der großbieberauer Gemarkung liegt ein Thal gegen Ueberau zu, das
nennen die Leute das Bubenried und gehen nicht bei nächtlicher Weile
dadurch, ohne daß ihnen die Hühnerhaut ankommt. Vor Zeiten, als Krieg
und Hungersnoth im Reich war, gingen zwei Bettelbuben von Ueberau
zurück, die hatten sich immer zu einander gehalten und in dem Thal
pflegten sie immer ihr Almosen zu theilen. Sie hatten heute nur ein
paar Blechpfennige gekriegt, aber dem einen hatte der reiche Schulz ein
Armenlaibchen geschenkt, “das könne er mit seinem Gesellen theilen.”
Wie nun alles andere redlich getheilt war und der Bub das Brot aus dem
Schubfach zog, roch es ihm so lieblich in die Nase, daß er’s für sich
allein behalten und dem andern nichts davon geben wollte. Da nahm der
Friede sein Ende, sie zankten sich und von den Worten kams zum Raufen
und Balgen, und als keiner den andern zwingen konnte, riß sich jeder
einen Pfahl aus dem Pferch. Der böse Feind führte ihnen die Kolben
und jeder Bub schlug den andern todt. Drei Nächte lang nach dem Mord
regte sich kein Blatt und sang kein Vogel im Ried, und seitdem ists da
ungeheuer und man hört die Buben wimmern und winseln.
243.
Kindelbrück.
Mündlich.
Diese thüringische Landstadt soll daher ihren Namen haben: es seyen vor
Zeiten zwei kleine Kinder auf Steckenpferden auf der Brücke, die über
die Wipper führt, geritten und ins Wasser gefallen.
244.
Die Kinder zu Hameln.
+Sam. Erich+ der hamelschen Kinder Ausgang.
+Kirchmayer+ vom unglücklichen Ausgang der hamel. Kinder. Dresd. u.
Lpzg. 1702. 8.
+Joh. Weier+ von Teufels-Gespenstern I. c. 16.
~+Meibom+ SS. RR. GG. III. p. 80.~
~+Hondorf+ prompt. exempl. Tit. de educ. liberor.~
+Becherer+ thüring. Chronik S. 366. 367.
+Seyfried’s+ ~medulla p. 476.~
+Hübner’s+ Geogr. III. Hamb. 1736. S. 611-613.
~+Verstegan+ decayed intelligence. London 1634. p. 85. 86.~
Die hamelsche Chronik u. a. m.
Im Jahr 1284 ließ sich zu Hameln ein wunderlicher Mann sehen. Er hatte
einen Rock von vielfarbigem, buntem Tuch an, weshalben er +Bundting+
soll geheißen haben, und gab sich für einen Rattenfänger aus, indem
er versprach, gegen ein gewisses Geld die Stadt von allen Mäusen und
Ratten zu befreien. Die Bürger wurden mit ihm einig und versicherten
ihm einen bestimmten Lohn. Der Rattenfänger zog demnach ein Pfeifchen
heraus und pfiff, da kamen alsobald die Ratten und Mäuse aus allen
Häusern hervorgekrochen und sammelten sich um ihn herum. Als er nun
meinte, es wäre keine zurück, ging er hinaus und der ganze Haufe
folgte ihm, und so führte er sie an die Weser; dort schürzte er seine
Kleider und trat in das Wasser, worauf ihm alle die Thiere folgten und
hineinstürzend ertranken.
Nachdem die Bürger aber von ihrer Plage befreit waren, reute sie der
versprochene Lohn und sie verweigerten ihn dem Manne unter allerlei
Ausflüchten, so daß er zornig und erbittert wegging. Am 26sten Juni auf
Johannis und Pauli Tag, Morgens früh sieben Uhr, nach andern zu Mittag,
erschien er wieder, jetzt in Gestalt eines Jägers erschrecklichen
Angesichts mit einem rothen, wunderlichen Hut und ließ seine Pfeife in
den Gassen hören. Alsbald kamen diesmal nicht Ratten und Mäuse, sondern
Kinder, Knaben und Mägdlein vom vierten Jahr an, in großer Anzahl
gelaufen, worunter auch die schon erwachsene Tochter des Burgermeisters
war. Der ganze Schwarm folgte ihm nach und er führte sie hinaus in
einen Berg, wo er mit ihnen verschwand. Dies hatte ein Kinder-Mädchen
gesehen, welches mit einem Kind auf dem Arm von fern nachgezogen war,
darnach umkehrte und das Gerücht in die Stadt brachte. Die Eltern
liefen haufenweis vor alle Thore und suchten mit betrübtem Herzen ihre
Kinder; die Mütter erhoben ein jämmerliches Schreien und Weinen. Von
Stund an wurden Boten zu Wasser und Land an alle Orte herumgeschickt,
zu erkundigen, ob man die Kinder, oder auch nur etliche gesehen, aber
alles vergeblich. Es waren im Ganzen hundert und dreißig verloren. Zwei
sollen, wie einige sagen, sich verspätet und zurückgekommen seyn, wovon
aber das eine blind, das andere stumm gewesen, also daß das blinde den
Ort nicht hat zeigen können, aber wohl erzählen, wie sie dem Spielmann
gefolgt wären; das stumme aber den Ort gewiesen, ob es gleich nichts
gehört. Ein Knäblein war im Hemd mitgelaufen und kehrte um, seinen Rock
zu hohlen, wodurch es dem Unglück entgangen; denn als es zurückkam,
waren die andern schon in der Grube eines Hügels, die noch gezeigt
wird, verschwunden.
Die Straße, wodurch die Kinder zum Thor hinausgegangen, hieß noch
in der Mitte des 18. J.H. (wohl noch heute) die +bunge-lose+
(trommel-tonlose, stille), weil kein Tanz darin geschehen, noch
Saiten-Spiel durfte gerührt werden. Ja, wenn eine Braut mit Musik
zur Kirche gebracht ward, mußten die Spiel-Leute über die Gasse hin
stillschweigen. Der Berg bei Hameln, wo die Kinder verschwanden, heißt
der Poppenberg, wo links und rechts zwei Steine in Kreuzform sind
aufgerichtet worden. Einige sagen, die Kinder wären in eine Höhle
geführt worden und in Siebenbürgen wieder herausgekommen.
Die Bürger von Hameln haben die Begebenheit in ihr Stadtbuch
einzeichnen lassen und pflegten in ihren Ausschreiben nach dem Verlust
ihrer Kinder Jahr und Tag zu zählen. Nach Seyfried ist der 22ste statt
des 26sten Juni im Stadtbuch angegeben. An dem Rath-Haus standen
folgende Zeilen:
Im Jahr 1284 na Christi gebort tho Hamel worden uthgevort hundert und
dreißig Kinder dasülvest geborn dorch einen Piper under den Köppen
verlorn.
Und an der neuen Pforte:
~Centum ter denos cum magus ab urbe puellos duxerat ante annos
CCLXXII condita porta fuit.~
Im Jahr 1572 ließ der Burgermeister die Geschichte in die
Kirchenfenster abbilden mit der nöthigen Ueberschrift, welche
größtentheils unleserlich geworden. Auch ist eine Münze darauf geprägt.
245.
Der Rattenfänger.
Mündlich, aus Deutschböhmen.
Der Rattenfänger weiß einen gewissen Ton, pfeift er den neunmal, so
ziehen ihm alle Ratten nach, wohin er sie haben will, in Teich oder
Pfütze.
Einmal konnte man in einem Dorf der Ratten gar nicht los werden und
ließ endlich den Fänger hohlen. Der richtete nun einen Haselstock so
zu, daß alle Ratten dran gebannt waren und wer den Stock ergriff,
dem mußten sie nach; er wartete aber bis Sonntags und legte ihn vor
die Kirchenthür. Als nun die Leute vom Gottesdienst heimkamen, ging
auch ein Müller vorbei und sah gerade den hübschen Stock liegen,
sprach: “das gibt mir einen feinen Spazirstock.” Also nahm er ihn zur
Hand und ging dem Dorf hinaus, seiner Mühle zu. Indem so huben schon
einzelne Ratten an aus ihren Ritzen und Winkeln zu laufen und sprangen
querfeldein immer näher und näher, und wie mein Müller, der von nichts
ahnte und den Stock immer behielt, auf die Wiese kam, liefen sie ihm
aus allen Löchern nach, über Acker und Feld und liefen ihm bald zuvor,
waren eher in seinem Haus als er selbst und blieben nach der Zeit bei
ihm zur unausstehlichen Plage.
246.
Der Schlangenfänger.
+Joh. Weier+ von Teufels-Gespenstern S. 95.
Zu Salzburg rühmte sich ein Zauberer, er wollte alle Schlangen, die
in derselben Gegend auf eine Meil Wegs wären, in eine Grube zusammen
bringen und tödten. Als er es aber versuchen wollte, kam zuletzt
eine große, alte Schlange hervorgekrochen, welche, da er sie mit
Zauber-Worten in die Grube zu zwingen wagte, aufsprang, ihn umringelte,
also, daß sie wie ein Gürtel sich um seine Weiche wand, darnach in die
Grube schleifte und umbrachte.
247.
Das Mäuselein.
+Prätorius+ Weltbeschr. I. 40. 41. vgl. II. 161.
In Thüringen bei Saalfeld auf einem vornehmen Edelsitze zu Wirbach
hat sich Anfangs des 17. Jahrhunderts folgendes begeben. Das Gesinde
schälte Obst in der Stube, einer Magd kam der Schlaf an, sie ging von
den andern weg und legte sich abseits, doch nicht weit davon, auf eine
Bank nieder, um zu ruhen. Wie sie eine Weile still gelegen, kroch ihr
zum offenen Maule heraus ein rothes Mäuselein. Die Leute sahen es
meistentheils und zeigten es sich untereinander. Das Mäuslein lief
eilig nach dem gerade geklefften Fenster, schlich hinaus und blieb eine
Zeitlang aus. Dadurch wurde eine vorwitzige Zofe neugierig gemacht,
so sehr es ihr die andern verboten, ging hin zu der entseelten Magd,
rüttelte und schüttelte an ihr, bewegte sie auch an eine andre Stelle
etwas fürder, ging dann wieder davon. Bald darnach kam das Mäuselein
wieder, lief nach der vorigen bekannten Stelle, da es aus der Magd Maul
gekrochen war, lief hin und her und wie es nicht ankommen konnte,
noch sich zurecht finden, verschwand es. Die Magd aber war todt und
blieb todt. Jene Vorwitzige bereute es vergebens. Im übrigen war auf
demselben Hof ein Knecht vorhermals oft von der Trud gedrückt worden
und konnte keinen Frieden haben, dies hörte mit dem Tod der Magd auf.
248.
Der ausgehende Rauch.
+Prätorius+ Weltbeschr. II. 161.
Zu Hersfeld dienten zwei Mägde in einem Haus, die pflegten jeden
Abend, eh sie zu Bette schlafen gingen, eine Zeitlang in der Stube
stillzusitzen. Den Hausherrn nahm das endlich Wunder, er blieb daher
einmal auf, verbarg sich im Zimmer und wollte die Sache ablauern. Wie
die Mägde nun sich beim Tisch allein sitzen sahen, hob die eine an und
sagte:
“Geist thue dich entzücken
und thue jenen Knecht drücken!”
Drauf stieg ihr und der andern Magd gleichsam ein schwarzer Rauch aus
dem Halse und kroch zum Fenster hinaus; die Mägde fielen zugleich in
tiefen Schlaf. Da ging der Hausvater zu der einen, rief sie mit Namen
und schüttelte sie, aber vergebens, sie blieb unbeweglich. Endlich ging
er davon und ließ sie, des Morgens darauf war diejenige Magd todt, die
er gerüttelt hatte, die andere aber, die er nicht angerührt, blieb
lebendig.
249.
Die Katze aus dem Weidenbaum.
Der ungewissenhafte Apotheker S. 895.
Ein Bauernknecht von Straßleben erzählte, wie daß in ihrem Dorfe eine
gewisse Magd wäre, dieselbe hätte sich zuweilen vom Tanze hinweg
verloren, daß niemand gewußt, wo sie hinkommen, bis sie eine feine
Weile hernach sich wieder eingefunden. Einmal beredete er sich mit
andern Knechten, dieser Magd nachzugehn. Als sie nun Sonntags wieder
zum Tanze kam und sich mit den Knechten erlustigte, ging sie auch
wieder ab. Etliche schlichen ihr nach, sie ging das Wirthshaus hinaus
aufs Feld und lief ohne Umsehen fort, einer hohlen Weide zu, in welche
sie sich versteckte. Die Knechte folgten nach, begierig zu sehen, ob
sie lang in der Weide verharren würde und warteten an einem Ort, wo
sie wohl verborgen standen. Eine kleine Weile drauf merkten sie, daß
eine Katze aus der Weide sprang und immer querfeldein nach Langendorf
lief. Nun traten die Knechte näher zur Weide, da lehnte das Mensch
oder vielmehr ihr Leib ganz erstarret und sie vermochten ihn weder mit
Rütteln noch Schütteln zum Leben bringen. Ihnen kommt ein Grauen an,
sie lassen den Leib stehen und gehen an ihren vorigen Ort. Nach einiger
Zeit spüren sie, daß die Katze den ersten Weg zurückgeht, in die Weide
einschlüpft, die Magd aus der Weide kriecht und nach dem Dorfe zugeht.
250.
Wetter und Hagel machen.
+Godelmann+ von Zauberern übers. von +Nigrin+. V. 1. S. 83.
+Luther’s+ Tisch-Reden. 104.
+Kirchhof’s+ Wendunmuth V. Nr. 261. S. 316.
+Lercheimer+ S. 50 ff.
Im Jahr 1553 sind zu Berlin zwei Zauber-Weiber gefangen worden, welche
sich unterstanden, Eis zu machen, die Frucht damit zu verderben.
Und diese Weiber hatten ihrer Nachbarin ein Kindlein gestolen und
dasselbige zerstückelt gekocht. Ist durch Gottes Schickung geschehen,
daß die Mutter, ihr Kind suchend, dazu kommt und ihres verlorenen
Kindes Gliederlein in ein Töpfchen gelegt siehet. Da nun die beiden
Weiber gefangen und peinlich gefragt worden, haben sie gesagt, wenn ihr
Geköch fortgegangen, so wäre ein großer Frost mit Eis kommen, also daß
alle Frucht verderbt wäre.
Zu einer Zeit waren in einem Wirthshause zwei Zauberinnen zusammen
gekommen, die hatten zwei Gelten oder Kübel mit Wasser an einen
besondern Ort gesetzt und rathschlagten miteinander: ob es dem Korne
oder dem Weine sollt gelten. Der Wirth, der auf einem heimlichen Winkel
stand, hörte das mit an und Abends, als sich die zwei Weiber zu Bett
gelegt, nahm er die Gelten und goß sie über sie hin; da ward das Wasser
zu Eis, so daß beide von Stund an zu Tod froren.
Eine arme Witfrau, die nicht wußte, wie sie ihre Kinder nähren sollte,
ging in den Wald, Holz zu lesen und bedachte ihr Unglück. Da stand der
Böse in eines Försters Gestalt und fragte: warum sie so traurig? ob
ihr der Mann abgestorben? Sie antwortete: “ja.” Er sprach: “willt du
mich nehmen und mir gehorsamen, will ich dir Gelds die Fülle geben.”
Er überredete sie mit vielen Worten, daß sie zuletzt wich, Gott
absagte und mit dem Teufel buhlte. Nach Monatsfrist kam ihr Buhler
wieder und reichte ihr einen Besen zu, darauf sie ritten durch Dick
und Dünn, Trocken und Naß auf den Berg zu einem Tanz. Da waren noch
andre Weiber mehr, deren sie aber nur zwei kannte und die eine gab dem
Spielmann zwölf Pfenning Lohn. Nach dem Tanze wurden die Hexen eins und
thaten zusammen Ähren, Rebenlaub und Eichblätter, damit Korn, Trauben
und Eicheln zu verderben; es gelang aber nicht recht damit, und das
Hagelwetter traf nicht, was es treffen sollte, sondern fuhr nebenbei.
Ihr selbst brachte sie damit ein Schaf um, darum daß es zu spät heimkam.
251.
Der Hexen-Tanz.
~+Nic. Remigii+ daemonolatria p. 109.~
Eine Frau von Hembach hatte ihren kaum sechszehnjährigen Sohn Johannes
mit zu der Hexen-Versammlung geführt und weil er hatte pfeifen lernen,
verlangte sie, er sollte ihnen zu ihrem Tanze pfeifen, und damit man es
besser hören könnte, auf den nächsten Baum steigen. Der Knabe gehorchte
und stieg auf den Baum, indem er nun daher pfiffe und ihrem Tanz mit
Fleiß zusahe, vielleicht weil ihm alles so wunderseltsam däuchte, denn
da geht es auf närrische Weise zu, sprach er: “behüt, lieber Gott,
woher kommt so viel närrisches und unsinniges Gesinde!” Kaum aber hatte
er diese Worte ausgeredet, so fiel er vom Baum herab, verrenkte sich
eine Schulter und rief, sie sollten ihm zu Hilfe kommen, aber da war
niemand, ohn’ er allein.
252.
Die Wein-Reben und Nasen.
+Aug. Lercheimer+ Bedenken von der Zauberei. Bl. 19.
An dem Hofe zu H. war ein Geselle, der seinen Gästen ein seltsam
schimpflich Gaukelwerk machte. Nachdem sie gegessen hatten, begehrten
sie, darum sie vornehmlich kommen waren, daß er ihnen zur Lust ein
Gaukel-Spiel vorbringe. Da ließ er aus dem Tisch eine Rebe wachsen mit
zeitigen Trauben, deren vor jedem eine hing: hieß jeglichen die seinige
mit der Hand angreifen und halten und mit der andern das Messer auf den
Stengel setzen, als wenn er sie abschneiden wollte; aber er sollte bei
Leibe nicht schneiden. Darnach ging er aus der Stube, kam wieder: da
saßen sie alle und hielten sich ein jeglicher selber bei der Nase und
das Messer darauf. Hätten sie geschnitten, hätte ein jeder sich selbst
die Nase verwundet.
253.
Fest hängen.
+Joh. Weier+ von Teufels-Gespenstern S. 105.
Zu Magdeburg war zu einer Zeit ein seltsamer Zauberer, welcher in
Gegenwart einer Menge Zuschauer, von denen er ein großes Geld gehoben,
ein wunderkleines Rößlein, das im Ring herumtanzte, zeigte und, wenn
sich das Spiel dem Ende näherte, klagte, wie er bei der undankbaren
Welt so gar nichts Nutzes schaffen könnte, dieweil jedermann so karg
wäre, daß er sich Bettelns kaum erwehren mögte. Deshalb wollte er
von ihnen Urlaub nehmen und den allernächsten Weg gen Himmel, ob
vielleicht seine Sache daselbst besser würde, fahren. Und als er
diese Worte gesprochen, warf er ein Seil in die Höhe, welchem das
Rößlein ohne allen Verzug stracks nachfuhre, der Zauberer erwischte es
beim Wadel, seine Frau ihn bei den Füßen, die Magd die Frau bei den
Kleidern, also daß sie alle, als wären sie zusammen geschmiedet, nach
einander ob sich dahin fuhren. Als nun das Volk da stand, das Maul
offen hatte und dieser Sache, wie wohl zu gedenken, erstaunt war, kam
ohn alle Gefähr ein Bürger daher, welchem, als er fragte, was sie da
stünden, geantwortet ward, der Gaukler wäre mit dem Rößlein in die
Luft gefahren. Darauf er berichtete, er habe ihn eben zu gegen seiner
Herberge gesehen daher gehn.
254.
Das Noth-Hemd.
+Joh. Weier+ von Teufels-Gespenstern B. 8. Cap. 18.
+Zedler’s+ Universal-Lexicon ~h. v.~
Der ungewissenhafte Apotheker S. 650.
Das Noth-Hemd wird auf folgende Weise zubereitet. In der Christ-Nacht
müssen zwei unschuldige Mägdlein, die noch nicht sieben Jahr alt sind,
linnen Garn spinnen, weben und ein Hemd daraus zusammen nähen. Auf der
Brust hat es zwei Häupter, eins auf der rechten Seite mit einem langen
Barte und einem Helm, eins auf der linken mit einer Krone, wie sie der
Teufel trägt. Zu beiden Seiten wird es mit einem Kreuze bewahrt. Das
Hemd ist so lang, daß es den Menschen vom Hals an bis zum halben Leib
bedeckt.
Wer ein solches Noth-Hemd im Krieg trägt, ist sicher vor Stich, Hieb,
Schuß und anderm Zufall, daher es Kaiser und Fürsten hochhielten.
Auch Gebärende ziehen es an, um schneller und leichter entbunden zu
werden. ~Contra vero tale indusium, viro tamen +mortuo+ ereptum, a
foeminis luxuriosis quaeri ferunt, quo indutae non amplius gravescere
perhibentur.~
255.
Fest gemacht.
+Bräuner’s+ Curiositäten S. 365.
+Luther’s+ Tisch-Reden S. 109.
Ein vornehmer Kriegsmann ging bei einer harten Belagerung mit zwei
andern außerhalb den Laufgräben auf und ab. Von der Festung herab wurde
heftig auf ihn gefeuert, er aber fuhr mit seinem Befehlshaber-Stab
links und rechts umher und hieß die beiden, an ihn halten und nicht
ausweichen; wovon alle Kugeln abseits fuhren und weder ihn noch die
andern beiden treffen oder verwunden konnten.
Ein General, welcher in eine Stadt aus einem Treffen fliehen mußte,
schüttelte die Büchsenkugeln wie Erbsen häufig aus dem Ermel, deren
keine ihn hatte verletzen können.
Meister Peter, Bartscheerer zu Wittenberg, hatte einen Schwiegersohn,
der Landsknecht im Krieg gewesen. Er hatte die Kunst verstanden, sich
sicher und unverwundbar zu machen. Ferner hat er auch seinen Tod vorher
gesehen und gesagt: “mein Schwäher solls thun.” Deßgleichen soll er
denselben Tag zu seinem Weib gesagt haben: “kauf ein, du wirst heute
Gäste bekommen, das ist: Zuseher.” Welches also geschahe, denn da ihn
sein Schwager erstach, lief jedermann in des Bartscheerers Haus und
wollt den todten Menschen sehen.
256.
Der sichere Schuß.
+Aug. Lercheimer+ Bedenken von der Zauberei Bl. 12.
Ein Büchsen-Meister, den ich gekannt, vermaß sich, er wolle alles
treffen, was ihm nur innerhalb Schusses wäre, daß ers erreichen könnte,
ob ers gleich nicht sähe. Der ließ sich brauchen in der Stadt W. bei
der Belagerung. Davor hielt in einem Wäldlein ein vornehmer Oberster
und Herr, den er nicht sahe, erbot sich, er wollte ihn erschießen; aber
es ward ihm gesagt, er sollts nicht thun. Da schoß er durch den Baum,
darunter er hielt auf seinem Roß und zu Morgen aß. Valvassor (Ehre
von Crain I. 676.) gedenkt eines vornehmen Herrn, welcher täglich nur
drei unfehlbare Schüsse hatte, damit aber konnte er, was man ihm nur
nannte, sicher treffen. Ein solcher Schütz kann sich aufgeben lassen,
was er schießen soll, Hirsch, Reh oder Hasen, und braucht dann nur aufs
Gerathewohl die Flinte zum Fenster hinaus abzudrücken, so muß das Wild
fallen.
257.
Der herumziehende Jäger.
Mündlich, aus Paderborn und Münster.