auf der schmalen Thalwiese, von der man das alte Schloß sehen kann.
Da schlug ihn auf einmal von hintenher eine weiche Hand sanft an den
Backen, daß er sich umdrehte, und siehe, eine wunderschöne Jungfrau
stand vor ihm, von Kopf zu den Füßen weiß gekleidet, und wollte eben
den Mund aufthun, ihn anzureden. Aber der Bub erschrack, wie vor dem
Teufel selbst, und nahm das Reißaus ins Dorf hinein. Weil indessen
sein Vater bloß die eine Wiese hatte, mußte er die Kühe immer wieder
zu derselben Weide treiben, er mochte wollen oder nicht. Es währte
lange Zeit, und der Junge hatte die Erscheinung bald vergessen, da
raschelte etwas in den Blättern an einem schwülen Sommertag und er
sah eine kleine Schlange kriechen, die trug eine blaue Blume in ihrem
Mund und fing plötzlich zu sprechen an: “hör, guter Jung, du könntest
mich erlösen, wenn du diese Blume nähmest, die ich trage, und die ein
Schlüssel ist zu meinem Kämmerlein droben im Schloß, da würdest du
Gelds die Fülle finden.” Aber der Hirtenbub erschrack, da er sie reden
hörte, und lief wieder nach Haus. Und an einem der letzten Herbsttage
hütete er wieder auf der Wiese, da zeigte sie sich zum drittenmal
in der Gestalt der ersten weißen Jungfrau und gab ihm wieder einen
Backenstreich, bat auch flehentlich, er möchte sie doch erlösen, wozu
sie ihm alle Mittel und Wege angab. All ihr Bitten war für nichts und
wider nichts, denn die Furcht überwältigte den Buben, daß er sich
kreuzte und segnete und wollte nichts mit dem Gespenst zu thun haben.
Da hohlte die Jungfrau einen tiefen Seufzer und sprach: “weh, daß ich
mein Vertrauen auf dich gesetzt habe; nun muß ich neuerdings harren
und warten, bis auf der Wiese ein Kirschenbaum wachsen und aus des
Kirschenbaums Holz eine Wiege gemacht seyn wird. Nur das Kind, das in
der Wiege zuerst gewiegt werden wird, kann mich dereinst erlösen.”
Darauf verschwand sie und der Bub, heißt es, sey nicht gar alt
geworden; woran er gestorben, weiß man nicht.
224.
Das Niesen im Wasser.
Mündlich, aus Hessen.
An einem Brücklein, das über die Auerbach geht, hörte jemand etwas im
Wasser dreimal niesen, da sprach er dreimal: “Gott helf!” und damit
wurde der Geist eines Knaben erlöst, der schon dreißig Jahre auf diese
Worte gelauert hatte. Oberhalb demselben Brücklein hörte, nach einer
andern Erzählung, ein anderer dreimal aus dem Bach herausniesen.
Zweimal sagte er: “Gott helf!” beim drittenmal aber: “der Teufel hohl
dich!” Da that das Wasser einen Wall, wie wenn sich einer mit Gewalt
darin umdrehte.
225.
Die arme Seele.
Mündlich, aus Paderborn.
Et sit en arme Seele unner de Brügge för Haxthusen-Hove to Paderborn,
de prustet unnerwielen. Wenn nu ter sülvtigen Tiet en Wage der över
färt un de Fohrmann segd nich: “Gott seegen!” so mot de Wage ümfallen.
Un hät oll manig Mann Arm un Bein terbroken.
226.
Die verfluchte Jungfer.
Eisenacher Volks-Sagen II. 179. 180.
Unweit Eisenach in einer Felsenhöhle zeigt sich zuweilen um die
Mittagsstunde ein Fräulein, die nur dadurch erlöst werden kann, daß ihr
jemand auf dreimaliges Niesen dreimal: “helf Gott!” zuruft. Sie war
eine halsstarrige Tochter und wurde vorzeiten von ihrer guten Mutter im
Zorn dahin verwünscht.
227.
Das Fräulein von Staufenberg.
+Otmar’s+ Sammlung.
Auf dem Harz bei Zorge, einem braunschweigischen Dorfe, liegt der
Staufenberg, ehdem mit einer Burg bebaut. Man sieht jetzo eine Klippe
da, auf der ein Menschenfuß eingedrückt stehet. Diese Fußtapfe drückte
einst die Tochter des alten Burgherrn in den Fels, auf dem sie oft
lange stand, weil es ihr Lieblingsplätzchen war. Noch von Zeit zu
Zeit zeigt sich dort das verzauberte Fräulein in ihren goldgelben,
geringelten Haaren.
228.
Der Jungferstein.
~+Melissantes+ Orograph. h. v.~
In Meißen, unweit der Festung Königstein, liegt ein Felsen, genannt
Jungferstein, auch Pfaffenstein. Einst verfluchte eine Mutter ihre
Tochter, welche Sonntags nicht zur Kirche, sondern in die Heidelbeeren
gegangen war. Da wurde die Tochter zu Stein und ist ihr Bild gegen
Mittag noch zu sehen.
Im dreißigjährigen Krieg flüchteten dahin die Leute vor den Soldaten.
229.
Das steinerne Brautbett.
+Spieß+ Biograph. der Wahnsinn. Th. 3. u. 4. aus der Volkssage.
In Deutschböhmen thürmt sich ein Felsen, dessen Spitze in zwei Theile
getheilt gleichsam ein Lager und Bett oben bildet. Davon hört man
sagen: es habe sonst da ein Schloß gestanden, worin eine Edelfrau mit
ihrer einzigen Tochter lebte. Diese liebte wider den Willen der Mutter
einen jungen Herrn aus der Nachbarschaft und die Mutter wollte niemals
leiden, daß sie ihn heirathete. Aber die Tochter übertrat das Gebot und
versprach sich heimlich ihrem Liebhaber, mit der Bedingung, daß sie
auf den Tod der Mutter warten und sich dann vermählen wollten. Allein
die Mutter erfuhr noch vor ihrem Tode das Verlöbniß, sprach einen
strengen Fluch aus und bat Gott inbrünstig, daß er ihn hören und der
Tochter Brautbett in einen Stein verwandeln möge. Die Mutter starb, die
ungehorsame Tochter reichte dem Bräutigam die Hand und die Hochzeit
wurde mit großer Pracht auf dem Felsenschloß gefeiert. Um Mitternacht,
wie sie in die Brautkammer gingen, hörte die Nachbarschaft ringsumher
einen fürchterlichen Donner schlagen. Am Morgen war das Schloß
verschwunden, kein Weg und Steg führte zum Felsen und auf dem Gipfel
saß die Braut in dem steinernen Bette, welches man noch jetzt deutlich
sehen und betrachten kann. Kein Mensch konnte sie erretten, und jeder
der versuchen wollte, die Steile zu erklettern, stürzte herab. So mußte
sie verhungern und verschmachten; ihren todten Leichnam fraßen die
Raben.
230.
Zum Stehen verwünscht.
+Prätorius+ Weltbeschr. I. 659-661.
Im Jahr Christi 1545. begab sichs zu Freiberg in Meißen, daß Lorenz
Richter, ein Weber seines Handwerks, in der Wein-Gasse wohnend,
seinem Sohn, einem Knaben von vierzehn Jahren, befahl, etwas eilend
zu thun; der aber verweilte sich, blieb in der Stube stehen und ging
nicht bald dem Worte nach. Deßwegen der Vater entrüstet wurde und im
Zorn ihm fluchte: “ei stehe, daß du nimmermehr könnst fortgehen!” Auf
diese Verwünschung blieb der Knabe alsbald stehen, konnte von der
Stelle nicht kommen und stand so fort drei ganzer Jahre an dem Ort,
also daß er tiefe Gruben in die Dielen eindrückte, und ward ihm ein
Pult untergesetzt, darauf er mit Haupt und Armen sich lehnen und
ruhen konnte. Weil aber die Stelle, wo er stand, nicht weit von der
Stubenthüre und auch nahe am Ofen war, und deshalb den Leuten, welche
hineinkamen, sehr hinderlich, so haben die Geistlichen der Stadt auf
vorhergehendes fleißiges Gebät ihn von selbem Ort erhoben und gegenüber
in den andern Winkel glücklich und ohne Schaden, wiewohl mit großer
Mühe, fortgebracht. Denn wenn man ihn sonst forttragen wollen, ist er
alsbald mit unsäglichen Schmerzen befallen und wie ganz rasend worden.
An diesem Ort, nachdem er niedergesetzt worden, ist er ferner bis ins
vierte Jahr gestanden und hat die Dielen noch tiefer durchgetreten.
Man hatte nachgehends einen Umhang um ihn geschlagen, damit ihn die
aus- und eingehenden nicht also sehen konnten, welches auf sein Bitten
geschehen, weil er gern allein gewesen ist und vor stäter Traurigkeit
nicht viel geredet. Endlich hat der gütige Gott die Strafe in etwas
gemildert, so daß er das letzte halbe Jahr sitzen und sich in das Bett,
das neben ihn gestellt worden, hat niederlegen können. Fragte ihn
jemand, was er mache, so gab er gemeinlich zur Antwort, er leide Gottes
Züchtigung wegen seiner Sünden, setze alles in dessen Willen und halte
sich an das Verdienst seines Herrn Jesu Christi, worauf er hoffe selig
zu werden. Er hat sonst gar elend ausgesehen, war blaß und bleich von
Angesicht, am Leibe gar schmächtig und abgezehrt, im Essen und Trinken
mäßig, also daß es zur Speise oft Nöthigens bedurfte. Nach Ausgang
des siebten Jahrs ist er dieses seines betrübten Zustandes den elften
September 1552 gnädig entbunden worden, indem er eines vernünftigen
und natürlichen Todes in wahrer Bekenntniß und Glauben an Jesum
Christum selig entschlafen. Die Fußstapfen sieht man auf heutigen Tag
in obgedachter Gasse und Haus, (dessen jetziger Zeit Severin Tränkner
Besitzer ist), in der obern Stube, da sich diese Geschichte begeben,
die erste bei dem Ofen, die andere in der Kammer nächst dabei, weil
nachgehender Zeit die Stuben unterschieden worden.
231.
Die Bauern zu Kolbeck.
+Bange+ thüring. Chronik. Bl. 39.
+Becherer+ thüring. Chronik S. 193. 194.
+Gerstenberg+ bei ~+Schminke+ mon. hass. I.~ 88. 89.
+Spangenberg+ Brautpredigt 45.
Im Jahr 1012. war ein Bauer im Dorf Kolbeke bei Halberstadt, der hieß
Albrecht, der machte in der Christnacht einen Tanz mit andern funfzehn
Bauern, dieweil man Messe hielt, außen auf dem Kirchhof und waren drei
Weibsbilder unter ihnen. Und da der Pfarrherr heraustrat und sie darum
strafte, sprach jener: “mich heißet (man) Albrecht, so heißet dich
Ruprecht; du bist drinne frölich, so laß uns hausen frölich seyn; du
singst drinnen deine Leisen, so laß uns unsern Reihen singen.” Sprach
der Pfarrherr: “so wolle Gott und der Herr S. Magnus, daß ihr ein ganz
Jahr also tanzen müsset!” Das geschah, und Gott gab den Worten Kraft,
so daß weder Regen noch Frost ihre Häupter berührte, noch sie Hitze,
Hunger und Durst empfanden, sondern sie tanzten allum und ihre Schuhe
zerschlissen auch nicht. Da lief einer (der Küster) zu und wollte seine
Schwester aus dem Tanze ziehen, da folgten ihm ihre Arme. Als das Jahr
vorüber war, kam der Bischof von Cöln, Heribert, und erlösete sie aus
dem Bann; da starben ihrer vier sobald, die andern wurden sehr krank,
und man sagt, daß sie sich in die Erde fast an den Mittel (d. h. an
den Gürtel) sollen getanzt haben, und ein tiefer Graben in dem Grund
ausgehöhlt wurde, der noch zu sehen ist. Der Landesherr ließ zum
Zeichen so viel Steine darum setzen, als Menschen mitgetanzt hatten.
232.
Der heilige Sonntag.
+Harsdörfer’s+ Mordgeschichten Nr. 120, 3.
Zu Kindstadt in Franken pflag eine Spinnerin des Sonntags über
zu spinnen und zwang auch ihre Mägde dazu. Einsten dauchte sie
miteinander, es ginge Feuer aus ihren Spinnrocken, thäte ihnen aber
weiter kein Leid. Den folgenden Sonntag kam das Feuer wahrhaftig in den
Rocken, wurde doch wieder gelöscht. Weil sies aber nicht achtete, ging
den dritten Sonntag das ganze Haus an vom Flachs und verbrann die Frau
mit zweien Kindern, aber durch Gottes Gnade wurde ein kleines Kind in
der Wiegen erhalten, daß ihm kein Leid geschahe.
Man sagt auch, einem Bauer, der Sonntags in die Mühle ging, sein
Getreid zu mahlen, sey es zu Aschen geworden, einem andern Scheuer und
Korn abgebrunnen. Einer wollte auf den heiligen Tag pflügen und die
Pflugschaar mit einem Eisen scheuern, das Eisen wuchs ihm an die Hand
und mußte es zwei Jahr in großem Schmerz tragen, bis ihn Gott nach
vielem brünstigen Gebet von der Plage erledigte.
233.
Frau Hütt.
vgl. Morgenblatt. 1811. Nr. 28.
In uralten Zeiten lebte im Tirolerland eine mächtige Riesen-Königin,
+Frau Hütt+ genannt und wohnte auf den Gebürgen über Innsbruck, die
jetzt grau und kahl sind, aber damals voll Wälder, reicher Äcker und
grüner Wiesen waren. Auf eine Zeit kam ihr kleiner Sohn heim, weinte
und jammerte, Schlamm bedeckte ihm Gesicht und Hände, dazu sah sein
Kleid schwarz aus, wie ein Köhlerkittel. Er hatte sich eine Tanne zum
Stecken-Pferd abknicken wollen, weil der Baum aber am Rande eines
Morastes stand, so war das Erdreich unter ihm gewichen und er bis zum
Haupt in den Moder gesunken, doch hatte er sich noch glücklich heraus
geholfen. Frau Hütt tröstete ihn, versprach ihm ein neues schönes
Röcklein und rief einen Diener, der sollte weiche Brosamen nehmen und
ihm damit Gesicht und Hände reinigen. Kaum aber hatte dieser angefangen
mit der heiligen Gottes-Gabe also sündlich umzugehen, so zog ein
schweres, schwarzes Gewitter daher, das den Himmel ganz zudeckte und
ein entsetzlicher Donner schlug ein. Als es wieder sich aufgehellt,
da waren die reichen Kornäcker, grünen Wiesen und Wälder und die
Wohnung der Frau Hütt verschwunden und überall war nur eine Wüste mit
zerstreuten Steinen, wo kein Grashalm mehr wachsen konnte, in der Mitte
aber stand Frau Hütt, die Riesenkönigin, versteinert und wird so stehen
bis zum jüngsten Tag.
In vielen Gegenden Tirols, besonders in der Nähe von Innsbruck, wird
bösen und muthwilligen Kindern die Sage zur Warnung erzählt, wenn sie
sich mit Brot werfen oder sonst Uebermuth damit treiben. “Spart eure
Brosamen, heißt es, für die Armen, damit es euch nicht ergehe, wie der
Frau Hütt.”
234.
Der Kindelsberg.
Stilling’s Leben. II. 24—29.
Hinter dem Geisenberg in Westphalen ragt ein hoher Berg mit dreien
Köpfen hervor, davon heißt der mittelste noch der +Kindelsberg+, da
stand vor alten Zeiten ein Schloß, das gleichen Namen führte, und in
dem Schloß wohnten Ritter, die waren gottlose Leute. Zur Rechten hatten
sie ein sehr schönes Silber-Bergwerk, davon wurden sie stockreich und
von dem Reichthum wurden sie so übermüthig, daß sie sich silberne Kegel
machten, und wenn sie spielten, so warfen sie diese Kegel mit silbernen
Kugeln. Der Uebermuth ging aber noch weiter, denn sie bucken sich
große Kuchen von Semmelmehl, wie Kutschenräder, machten mitten Löcher
darein und steckten sie an die Achsen. Das war eine himmelschreiende
Sünde, denn so viele Menschen hatten kein Brot zu essen. Gott ward es
endlich auch müde. Eines Abends spät kam ein weißes Männchen ins Schloß
und sagte an, daß sie alle binnen dreien Tagen sterben müßten und zum
Wahrzeichen gab er ihnen, daß diese Nacht eine Kuh zwei Lämmer werfen
würde. Das traf auch ein, aber niemand kehrte sich daran, als der
jüngste Sohn, der Ritter Siegmund hieß, und eine Tochter, die eine gar
schöne Jungfrau war. Diese bäteten Tag und Nacht. Die andern starben
an der Pest, aber diese beiden blieben am Leben. Nun war aber auf dem
Geisenberg ein junger kühner Ritter, der ritt beständig ein großes
schwarzes Pferd und hieß darum der Ritter mit dem schwarzen Pferd. Er
war ein gottloser Mensch, der immer raubte und mordete. Dieser Ritter
gewann die schöne Jungfrau auf dem Kindelsberg lieb und wollte sie zur
Ehe haben, sie schlug es ihm aber beständig ab, weil sie einem jungen
Grafen von der Mark verlobt war, der mit ihrem Bruder in den Krieg
gezogen war und dem sie treu bleiben wollte. Als aber der Graf immer
nicht aus dem Krieg zurückkam und der Ritter mit dem schwarzen Pferd
sehr um sie warb, so sagte sie endlich: “wenn die grüne Linde hier
vor meinem Fenster wird dürr seyn, so will ich dir gewogen werden.”
Der Ritter mit dem schwarzen Pferde suchte so lang in dem Lande, bis
er eine dürre Linde fand, so groß wie jene grüne, und in einer Nacht
bei Mondenschein grub er diese aus und setzte die dürre dafür hin. Als
nun die schöne Jungfrau aufwachte, so war’s so hell vor ihrem Fenster,
da lief sie hin und sah erschrocken, daß eine dürre Linde da stand.
Weinend setzte sie sich unter die Linde und als der Ritter nun kam und
ihr Herz verlangte, sprach sie in ihrer Noth: “ich kann dich nimmermehr
lieben.” Da ward der Ritter mit dem schwarzen Pferd zornig und stach
sie todt. Der Bräutigam kam noch denselben Tag zurück, machte ihr ein
Grab und setzte eine Linde dabei und einen großen Stein, der noch zu
sehen ist.
235.
Die Semmel-Schuhe.
Mündlich, aus Deutschböhmen.
Im Klatauer Kreis, eine Viertelstunde vom Dorf Oberkamenz, stand auf
dem Hradekberg ein Schloß, davon noch einige Trümmer bleiben. Vor
alter Zeit ließ der Burgherr eine Brücke bauen, die bis nach Stankau,
welches eine Stunde Wegs weit ist, führte und die Brücke war der Weg,
den sie zur Kirche gehen mußten. Dieser Burgherr hatte eine junge,
hochmüthige Tochter, die war so vom Stolz besessen, daß sie Semmeln
aushöhlen ließ und statt der Schuhe anzog. Als sie nun einmal auf
jener Brücke mit solchen Schuhen zur Kirche ging und eben auf die
letzte Stufe trat, so soll sie und das ganze Schloß versunken seyn.
Ihre Fußstapfe sieht man noch jetzt in einem Stein, welcher eine Stufe
dieser Brücke war, deutlich eingedruckt.
236.
Der Erdfall bei Hochstädt.
+Behrens+ curiöser Harzwald S. 85. 86.
Im brandenburgischen Amt Klettenberg gegen den Unterharz, unfern des
Dorfs Hochstädt, sieht man einen See und einen Erdfall, von dem die
Einwohner folgende Sage haben: in vorigen Zeiten sey an der Stelle des
Sees eine Grasweide gewesen. Da hüteten etliche Pferdejungen ihr Vieh,
und als die andern sahen, daß einer unter ihnen weiß Brot aß, bekamen
sie auch Lust, davon zu genießen und forderten es dem Jungen ab. Dieser
wollte ihnen aber nichts mittheilen, denn er bedürfe es zur Stillung
seines eigenen Hungers. Darüber erzürnten sie, fluchten ihren Herrn,
daß sie ihnen blos gemeines schwarz-Hausbacken-Brot gäben, warfen ihr
Brot frevelhaft zur Erde, tratens mit Füßen und geisseltens mit ihren
Peitschen. Alsbald kam Blut aus dem Brot geflossen, da erschracken die
Knechte, wußten nicht wohin sich wenden; der unschuldige aber (den, wie
einige hinzufügen, ein alter unbekannter, dazu kommender Mann gewarnt
haben soll) schwang sich zu Pferd und entfloh dem Verderben. Zu spät
wollten die andern nachfolgen, sie konnten nicht mehr von der Stelle
und plötzlich ging der ganze Platz unter. Die bösen Buben sammt ihren
Pferden wurden tief in die Erde verschlungen und nichts von ihnen kam
je wieder ans Tageslicht. Andere erzählen anders. Auch sollen aus dem
See Pflanzen mit Blättern, wie Hufeisen, wachsen.
237.
Die Brot-Schuhe.
Mündlich, aus Deutschböhmen.
Einer Bürgersfrau war ihr junges Kind gestorben, das ihr Augapfel war,
und wußte gar nicht genug, was sie ihm noch liebs und guts anthun
sollte, eh es unter die Erde käme und sie’s nimmermehr sehen würde. Und
wie sie’s nun im Sarg auf das beste putzte und kleidete, so däuchten
ihr die Schühlein doch nicht gut genug und nahm das weißeste Mehl,
was sie hatte, machte einen Teig und buck dem Kind welche von Brot. In
diesen Schuhen wurde das Kind begraben, allein es ließ der Mutter nicht
Rast noch Ruh, sondern erschien ihr jammervoll, bis sein Sarg wieder
ausgegraben wurde und die Schühlein aus Brot von den Füßen genommen und
andere ordentliche angezogen waren. Von da an stillte es sich.
238.
Das taube Korn.
Holländ. gemeine Sage. +Grabner+ Reise in die Niederlande. Gotha 1792.
S. 58-60.
+Winsheim+ fries. Chronik. Bl. 147. 148.
Zu Stavoren in Friesland waren die Einwohner durch ihren Reichthum
stolz und übermüthig geworden, daß sie Hausflur und Thüren mit Gold
beschlagen ließen, den ärmeren Städten der Nachbarschaft zum Trotz.
Von diesen wurden sie daher nicht anders genannt, als: “die verwöhnten
Kinder von Stavoren.” Unter ihnen war besonders eine alte geitzhälsige
Witwe, die trug einem Danzigfahrer auf, das beste was er laden könne,
für ihre Rechnung mitzubringen. Der Schiffer wußte nichts bessers, als
er nahm einige tausend Lasten schönes polnisch Getraid, denn zur Zeit
der Abreise hatte die Frucht gar hoch gestanden in Friesland. Unterwegs
aber begegnete ihm nichts wie Sturm und Unwetter und nöthigten ihn zu
Bornholm überwintern, dergestalt daß wie er Frühjahrs endlich daheim
anlangte, das Korn gänzlich im Preise gefallen war und die Witwe
zornig die sämmtliche Ladung vor der Stadt in die See werfen ließ. Was
geschah? An derselben Stelle that sich seit der Zeit eine mächtige
Sandbank empor, geheißen der +Frauensand+, drauf nichts als taubes
Korn (Wunderkorn, Dünenhelm, weil es die Dünen wider die See helmt
[schützt], ~arundo arenaria~) wuchs und die Sandbank lag vor dem Hafen,
den sie sperrte, und der ganze Hafen ging zu Grunde. So wuchs an der
Sünde der alten Frau die Buße für die ganze Stadt auf.
239.
Der Frauensand.
Mündlich aus Holland mitgetheilt.
Westlich im Südersee wachsen mitten aus dem Meer Gräser und Halme
hervor an der Stelle, wo die Kirchthürme und stolzen Häuser der
vormaligen Stadt Stavoren in tiefer Flut begraben liegen. Der Reichthum
hatte ihre Bewohner ruchlos gemacht, und als das Maaß ihrer Uebelthaten
erfüllt war, gingen sie bald zu Grunde. Fischer und Schiffer am Strand
des Südersees haben die Sage von Mund zu Mund fortbewahrt.
Die vermögendste aller Insassen der Stadt Stavoren war eine sichere
Jungfrau, deren Namen man nicht mehr nennt. Stolz auf ihr Geld und Gut,
hart gegen die Menschen, strebte sie blos, ihre Schätze immer noch zu
vermehren. Flüche und gotteslästerliche Reden hörte man viel aus ihrem
Munde. Auch die übrigen Bürger dieser unmäßig reichen Stadt, zu deren
Zeit man Amsterdam noch nicht nannte, und Rotterdam ein kleines Dorf
war, hatten den Weg der Tugend verlassen.
Eines Tags rief diese Jungfrau ihren Schiffmeister und befahl ihm
auszufahren und eine Ladung des edelsten und besten mitzubringen,
was auf der Welt wäre. Vergebens forderte der Seemann, gewohnt an
pünctliche und bestimmte Aufträge, nähere Weisung; die Jungfrau bestand
zornig auf ihrem Wort und hieß ihn alsbald in die See stechen. Der
Schiffmeister fuhr unschlüssig und unsicher ab, er wußte nicht, wie
er dem Geheiß seiner Frau, deren bösen, strengen Sinn er wohl kannte,
nachkommen möchte und überlegte hin und her, was zu thun. Endlich
dachte er: ich will ihr eine Ladung des köstlichsten Weizen bringen,
was ist schöners und edlers zu finden auf Erden, als dieß herrliche
Korn, dessen kein Mensch entbehren kann? Also steuerte er nach Danzig,
befrachtete sein Schiff mit ausgesuchtem Weizen und kehrte alsdann,
immer noch unruhig und furchtsam vor dem Ausgang, wieder in seine
Heimath zurück. “Wie, Schiffmeister, rief ihm die Jungfrau entgegen, du
bist schon hier? ich glaubte dich an der Küste von Africa, um Gold und
Elfenbein zu handeln, laß sehen, was du geladen hast.” Zögernd, denn an
ihren Reden sah er schon, wie wenig sein Einkauf ihr behagen würde,
antwortete er: “meine Frau, ich führe euch zu dem köstlichsten Weizen,
der auf dem ganzen Erdreich mag gefunden werden.” “Weizen, sprach sie,
so elendes Zeug bringst du mir?” -- “ich dachte das wäre so elend
nicht, was uns unser tägliches und gesundes Brot gibt” -- “ich will dir
zeigen, wie verächtlich mir deine Ladung ist; von welcher Seite ist das
Schiff geladen?” -- “von der rechten Seite (Stuurboordszyde),” sprach
der Schiffmeister. -- “Wohlan, so befehl ich dir, daß du zur Stunde die
ganze Ladung auf der linken Seite (Bakboord) in die See schüttest; ich
komme selbst hin und sehe, ob mein Befehl erfüllt worden.”
Der Seemann zauderte einen Befehl auszuführen, der sich so greulich an
der Gabe Gottes versündigte und berief in Eile alle arme und dürftige
Leute aus der Stadt an die Stelle, wo das Schiff lag, durch deren
Anblick er seine Herrin zu bewegen hoffte. Sie kam und frug: “wie ist
mein Befehl ausgerichtet?” Da fiel eine Schaar von Armen auf die Knie
vor ihr und baten, daß sie ihnen das Korn austheilen möchte, lieber als
es vom Meer verschlingen zu lassen. Aber das Herz der Jungfrau war hart
wie Stein und sie erneuerte den Befehl, die ganze Ladung schleunig über
Bord zu werfen. Da bezwang sich der Schiffmeister länger nicht und rief
laut: “nein, diese Bosheit kann Gott nicht ungerächt lassen, wenn es
wahr ist, daß der Himmel das Gute lohnt und das Böse straft; ein Tag
wird kommen, wo ihr gerne die edlen Körner, die ihr so verspielt, eins
nach dem andern auflesen möchtet, euren Hunger damit zu stillen!” “Wie,
rief sie mit höllischem Gelächter, ich soll dürftig werden können? ich
soll in Armuth und Brotmangel fallen? So wahr das geschieht, so wahr
sollen auch meine Augen diesen Ring wieder erblicken, den ich hier in
die Tiefe der See werfe.” Bei diesem Wort zog sie einen kostbaren Ring
vom Finger und warf ihn in die Wellen. Die ganze Ladung des Schiffes
und aller Weizen, der darauf war, wurde also in die See ausgeschüttet.
Was geschieht? Einige Tage darauf ging die Magd dieser Frauen zu Markt,
kaufte einen Schelfisch und wollte ihn in der Küche zurichten; als sie
ihn aufschnitt, fand sie darin einen kostbaren Ring und zeigte ihn
ihrer Frauen. Wie ihn die Meisterin sah, erkannte sie ihn sogleich
für ihren Ring, den sie neulich ins Meer geworfen hatte, erbleichte
und fühlte die Vorboten der Strafe in ihrem Gewissen. Wie groß war
aber ihr Schrecken, als in demselben Augenblick die Botschaft eintraf,
ihre ganze aus Morgenland kommende Flotte wäre gestrandet! Wenige
Tage darauf kam die neue Zeitung von untergegangenen Schiffen, worauf
sie noch reiche Ladungen hatte. Ein anderes Schiff raubten ihr die
Mohren und Türken; der Fall einiger Kaufhäuser, worin sie verwickelt
war, vollendete bald ihr Unglück und kaum war ein Jahr verflossen, so
erfüllte sich die schreckliche Drohung des Schiffmeisters in allen
Stücken. Arm und von keinem betrauert, von vielen verhöhnt, sank sie
je länger je mehr in Noth und Elend, hungrig bettelte sie Brot vor den
Thüren und bekam oft keinen Bissen, endlich verkümmerte sie und starb
verzweifelnd.