Nach diesem so führte sie der Graurock hin an die Stelle, wo sein Rad

stund, das war so groß, daß wie sie alle darauf kamen, jeglicher drei

Klaftern weit ab vom andern saß; eins aber verbot er ihnen: daß ja

keiner den andern ansähe, so lange sie auf dem Rad säßen, wer das nicht

thue, dem bräche er den Hals. Als sie nun ordnungsmäßig aufgesessen,

packte der Meister das Rad mit den Klauen, die er beides an Händen und

Füßen hatte, und hub zu drehen an bis es umgedreht war, zwölf Stunden

nacheinander und alle Stunden einmal. Ihnen aber däuchte, als ob unter

ihnen helles Wasser sey, gleich einem Spiegel, worin sie alles sehen

konnten, was sie vorhatten, gutes oder böses und wen sie von Leuten da

sahen, erkannten sie und wußten ihre Namen zu nennen. Ueber ihnen aber

war es wie Feuer und glühende Zapfen hingen herab.

Wie sie nun zwölf Stunden ausgehalten hatten, rückte der Glücksmeister

einen feinen jungen Menschen vom Rade, der eines Burgermeisters Sohn

aus Meissen war und führte ihn mitten durch die Feuerflamme mit sich

hin. Die elf andern wußten nicht wie ihnen geschehen und sanken betäubt

nieder in tiefen Schlaf, und als sie etliche Stunden lang unter freiem

Himmel gelegen, wachten sie auf, aber ihre Kleider auf dem Leibe und

ihre Hemder die waren ganz mürb geworden und zerfielen beim Angreifen,

von der großen Hitze wegen, die auf dem Rad gewesen war.

Darauf erhoben sie sich und gingen jeder seines Wegs, in der Hoffnung,

ihr Lebtag alles gnug und eitel Glück zu haben, waren aber nach wie vor

arm und mußten das Brot vor anderer Leute Hausthüre suchen.

210.

Der Teufel als Fürsprecher.

~D.~ +Mengering+ Soldaten-Teufel. Cap. 8. S. 153.

+Hilscher+ Zungen-Sünde. S. 189.

+Luther’s+ Tisch-Reden S. 113.

+Prätorius+ Wünschelruthe 101-103.

In der Mark geschah es, daß ein Landsknecht seinem Wirth Geld

aufzuheben gab und als er es wiederforderte, dieser etwas empfangen

zu haben ableugnete. Da der Landsknecht darüber mit ihm uneins ward

und das Haus stürmte, ließ ihn der Wirth gefänglich einziehen und

wollte ihn übertäuben, damit er das Geld behielte. Er klagte daher den

Landsknecht zu Haut und Haar, zu Hals und Bauch an, als einen, der

ihm seinen Haus-Frieden gebrochen hätte. Da kam der Teufel zu ihm ins

Gefängniß und sprach: “Morgen wird man dich vor Gericht führen und dir

den Kopf abschlagen, darum daß du den Haus-Frieden gebrochen hast,

willst du mein seyn mit Leib und Seel, so will ich dir davon helfen.”

Aber der Landsknecht wollte nicht. Da sprach der Teufel: “so thue ihm

also: wann du vor Gericht kommst und man dich hart anklagt, so beruhe

darauf, daß du dem Wirth das Geld gegeben und sprich, du seyest übel

beredt, man wolle dir vergönnen einen Fürsprecher zu haben, der dir

das Wort rede. Alsdann will ich nicht weit stehen in einem blauen Hut

mit weißer Feder und dir deine Sache führen.” Dies geschah also; aber

da der Wirth hartnäckig leugnete, so sagte des Landsknechts Anwalt

im blauen Hut: “lieber Wirth, wie magst du es doch leugnen! das Geld

liegt in deinem Bette unter dem Haupt-Pfühl: Richter und Schöffen,

schicket hin, so werdet ihr es befinden.” Da verschwur sich der Wirth

und sprach: “hab ich das Geld empfangen, so führe mich der Teufel

hinweg!” Als nun das Geld gefunden und gebracht war, sprach der im

blauen Hütlein mit weißer Feder: “ich wußte wohl, ich sollte einen

davon haben, entweder den Wirth oder den Gast;” drehte damit dem Wirth

den Kopf um und führte ihn in der Luft davon.

211.

Traum vom Schatz auf der Brücke.

+Agricola+ Sprichwort 623.

Der ungewissenhafte Apotheker S. 132.

+Prätorius+ Wünschelruthe 372. 373.

Es hat auf ein Zeit einem getraumt, er solle gen Regensburg gehen auf

die Brücken, da sollt er reich werden. Er ist auch hingangen und da er

einen Tag oder vierzehn allda gangen hat, ist ein reicher Kaufmann zu

ihm kommen, der sich wunderte, was er alle Tag auf der Brücke mache und

ihn fragte: was er da suche? Dieser antwortete: “es hat mir getraumt,

ich soll gen Regensburg auf die Brücke gehen, da würde ich reich

werden.” “Ach, sagte der Kaufmann, was redest du von Träumen, Träume

sind Schäume und Lügen; mir hat auch getraumt, daß unter jenem großen

Baume (und zeigte ihm den Baum) ein großer Kessel mit Geld begraben

sey, aber ich acht sein nicht, denn Träume sind Schäume.” Da ging der

andere hin, grub unter dem Baum ein, fand einen großen Schatz, der ihn

reich machte und sein Traum wurde ihm bestätigt.

Agricola fügt hinzu: “das hab ich oftmals von meinem lieben Vater

gehört.” Es wird aber auch von andern Städten erzählt, wie von Lübeck

(Kempen), wo einem Beckerknecht träumt, er werde einen Schatz auf der

Brücke finden. Als er oft darauf hin und hergeht, redet ihn ein Bettler

an und fragt nach der Ursache, und sagt hernach, ihm habe getraumt,

daß auf dem Kirchhof zu Möllen unter einer Linde (zu Dordrecht unter

einem Strauche) ein Schatz liege, aber er wolle den Weg nicht daran

wenden. Der Beckerknecht antwortet: “ja es träumt einem oft närrisch

Ding, ich will mich meines Traums begeben und euch meinen Brückenschatz

vermachen;” geht aber hin und hebt den Schatz unter der Linde.

212.

Der Kessel mit dem Schatz.

Mündlich, aus Bibesheim und aus Wernigerode.

An einem Winterabend saß vor vielen Jahren der Wagnermeister Wolf

zu Großbieberau im Odenwald mit Kindern und Gesinde beim Ofen und

sprach von diesem und jenem. Da ward auf einmal ein verwunderlich

Geräusch vernommen und siehe, es drückte sich unter dem Stubenofen

plötzlich ein großer Kessel voll Geldes hervor. Hätte nun gleich einer

stillschweigends ein wenig Brot oder einen Erdschollen darauf geworfen,

dann wäre es gut gewesen; aber nein, der Böse war dabei und da mußt es

wohl verkehrt gehen. Des Wagners Töchterlein hatte nie so viel Geld

beisammen gesehen und rief laut: “blitz, Vater, was Geld, was Geld!”

Der Vater kehrte sich nicht ans Schreien, weil er besser wußte, was

hier zu thun wäre. Schnell nahm er’s Heft vom großen Naben-Bohrer und

steckt es rasch durch den Kesselring. Doch es war vorbei, der Kessel

versank und nur der Ring blieb zurück. Vor ungefähr zwanzig Jahren

wurde der Kesselring noch gezeigt.

Zu Quedlinburg steht ein Haus, in dessen Grundtiefen sich große

Goldschätze befinden sollen. Vor Jahren wohnte ein Kupferschmidt darin,

dessen Frau den Lehrjungen verschiedenes Handwerksgeräth in Ordnung

bringen hieß, besonders sollte er einen großen Kessel im Hintergebäude

rein machen. Als am Abend der Junge mit der Arbeit zu Ende gekommen war

und jetzt zum großen Kessel trat, fand er diesen bis oben gefüllt mit

glänzenden Goldstücken. Vor Freude erschrocken, griff er einige Stücke

heraus, eilte damit zur Meisterin und erzählte ihr, was er gesehen. Sie

lief mit hin, aber noch waren beide nicht über die Schwelle der Thüre

zum Hintergebäude gekommen, als sie ein plötzliches Krachen, Rauschen

und Klingen hörten; und drinnen sahen sie noch, wie sich der große

Kessel in seiner alten Fuge bewegte und dann still stand. Als sie aber

hinzutraten, war er schon wieder leer und das Gold hinabgesunken.

213.

Der Wärwolf.

Mündlich in Hessen.

vgl. +Bräuner’s+ Curiosit. S. 252. 253.

~+Nic. Remigii+ daemonolatria &c. Francof.~ 1598. ~p.~ 263. 264.

Ein Soldat erzählte folgende Geschichte, die seinem eigenen Großvater

begegnet seyn soll. Dieser, sein Großvater, sey einmal zu Wald

holzhauen gegangen, mit einem Gevatter und noch einem dritten, welchen

dritten man immer im Verdacht gehabt, daß es nicht ganz richtig mit ihm

gewesen; doch so hätte man nichts gewisses davon zu sagen gewußt. Nun

hätten die dreie ihre Arbeit gethan und wären müde geworden, worauf

dieser dritte vorgeschlagen: ob sie nicht ein bischen ausschlafen

wollten. Das sey denn nun so geschehen, jeder hätte sich nieder an den

Boden gelegt; er, der Großvater, aber nur so gethan, als schlief er und

die Augen ein wenig aufgemacht. Da hätte der dritte erst recht um sich

gesehen, ob die andern auch schliefen und als er solches geglaubt, auf

einmal den Gürtel abgeworfen und wäre ein Wärwolf gewesen, doch sehe

ein solcher Wärwolf nicht ganz aus, wie ein natürlicher Wolf, sondern

etwas anders. Darauf wäre er weggelaufen zu einer nahen Wiese, wo

gerade ein jung Füllen gegraset, das hätte er angefallen und gefressen

mit Haut und Haar. Hernach wäre er zurückgekommen, hätte den Gürtel

wieder umgethan und nun, wie vor, in menschlicher Gestalt dagelegen.

Nach einer kleinen Weile, als sie alle zusammen aufgestanden, wären sie

heim nach der Stadt gegangen und wie sie eben am Schlagbaum gewesen,

hätte jener Dritte über Magenweh geklagt. Da hätte ihm der Großvater

heimlich ins Ohr geraunt: “das will ich wohl glauben, wenn man ein

Pferd mit Haut und Haar in den Leib gegessen hat;” -- jener aber

geantwortet: “hättest du mir das im Wald gesagt, so solltest du es

jetzo nicht mehr sagen.”

Ein Weib hatte die Gestalt eines Wärwolfs angenommen und war also

einem Schäfer, den sie gehaßt, in die Heerde gefallen und hatte ihm

großen Schaden gethan. Der Schäfer aber verwundete den Wolf durch einen

Beil-Wurf in die Hüfte, so daß er in ein Gebüsch kroch. Da ging der

Schäfer ihm nach und gedachte ihn ganz zu überwältigen, aber er fand

ein Weib, beschäfftigt, mit einem abgerissenen Stück ihres Kleides das

aus der Wunde strömende Blut zu stillen.

Zu Lüttich wurden im Jahr 1610 zwei Zauberer hingerichtet, weil sie

sich in Wärwölfe verwandelt und viel Kinder getödtet. Sie hatten einen

Knaben bei sich von zwölf Jahren, welchen der Teufel zum Raben machte,

wenn sie Raub zerrissen und gefressen.

214.

Der Wärwolf-Stein.

+Otmar+ S. 270-276.

Bei dem magdeburgischen Dorfe Eggenstedt, unweit Sommerschenburg und

Schöningen, erhebt sich auf dem Anger nach Seehausen zu ein großer

Stein, den das Volk den +Wolf-+ oder +Wärwolfs-Stein+ nennet. Vor

langer, langer Zeit hielt sich an dem brandsleber Holze, das sonst

mit dem Hackel und dem Harz zusammenhing, ein Unbekannter auf, von

dem man nie erfahren hat, wer er sey, noch woher er stamme. Ueberall

bekannt unter dem Namen des +Alten+ kam er öfters ohne Aufsehen

in die Dörfer, bot seine Dienste an und verrichtete sie zu der

Landleute Zufriedenheit. Besonders pflegte er die Hütung der Schafe

zu übernehmen. Es geschah, daß in der Heerde des Schäfers Melle zu

Neindorf ein niedliches, buntes Lamm fiel; der Unbekannte bat den

Schäfer dringend und ohn Ablaß, es ihm zu schenken. Der Schäfer

wollt’ es nicht lassen. Am Tag der Schur brauchte Melle den Alten,

der ihm dabei half; bei seiner Zurückkunft fand er zwar alles in

Ordnung und die Arbeit gethan, aber weder den Alten noch das bunte

Lamm. Niemand wußte geraume Zeitlang von dem Alten. Endlich stand er

einmal unerwartet vor dem Melle, welcher im Kattenthal weidete und

rief höhnisch: “guten Tag, Melle, dein bunt Lamm läßt dich grüßen!”

Ergrimmt griff der Schäfer seinen Krummstab und wollte sich rächen.

Da wandelte plötzlich der Unbekannte die Gestalt und sprang ihm als

Wärwolf entgegen. Der Schäfer erschrack, aber seine Hunde fielen

wüthend auf den Wolf, welcher entfloh; verfolgt rann er durch Wald und

Thal bis in die Nähe von Eggenstadt. Die Hunde umringten ihn da und

der Schäfer rief: “nun sollst du sterben!” Da stand der Alte wieder

in Menschengestalt, flehte bittend um Schonung und erbot sich zu

allem. Aber wüthend stürzte der Schäfer mit seinem Stock auf ihn ein,

-- urplötzlich stand vor ihm ein aufsprießender Dornstrauch. Auch so

schonte der Rachsüchtige nicht, sondern zerhieb grausam die Zweige.

Noch einmal wandelte sich der Unbekannte in einen Menschen und bat um

sein Leben. Allein der hartherzige Melle blieb unerbittlich. Da suchte

er als Wärwolf zu entfliehen, aber ein Streich des Melle streckte

ihn todt zur Erde. Wo er fiel und beigescharrt wurde, bezeichnet ein

Felsstein den Ort und heißt nach ihm auf ewige Zeiten.

215.

Die Wärwölfe ziehen aus.

~+Pucerus+ de divinatione p.~ 170.

+Bräuner’s+ Curiositäten 251. 255.

In Liefland ist folgende Sage. Wann der Christ-Tag verflossen ist,

so geht ein Junge, der mit einem Bein hinkt, herum und fordert alle

dem Bösen ergebene, deren eine große Anzahl ist, zusammen und heißt

sie nachfolgen. Zaudern etliche darunter und sind säumig, so ist

ein anderer großer langer Mann da, der mit einer von Eisen-Drath und

Kettlein geflochtenen Peitsche auf sie haut und mit Zwang forttreibt.

Er soll so grausam auf die Leute peitschen, daß man nach langer Zeit

Flecken und Narben auf ihrem Leib sehen kann, wovon sie viel Schmerzen

empfinden.

Sobald sie anheben, ihm zu folgen, gewinnt es das Ansehen, als ob sie

ihre vorige Gestalt ablegten und in Wölfe verwandelt würden. Da kommen

ihrer ein paar tausende zusammen: der Führer, mit der eisernen Geissel

in der Hand, geht voran. Wenn sie nun aufs Feld geführt sind, fallen

sie das Vieh grausam an und zerreißen, was sie nur ergreifen können,

womit sie großen Schaden thun. Doch Menschen zu verletzen, ist ihnen

nicht vergönnt. Kommen sie an ein Wasser, so schlägt der Führer mit

seiner Ruthe oder Geissel hinein und theilt es voneinander, so daß sie

trockenes Fußes übergehen können. Sind zwölf Tage verflossen, so legen

sie die Wärwolfs-Gestalt ab und werden wieder zu Menschen.

216.

Der Drache fährt aus.

~+Scheuchzer+ itinera per alpinas regiones. III.~ 386. 387. 396.

+Valvassor+ Ehre von Crain III. c. 32.

+Seyfried+ in ~medulla p.~ 629. N. 5.

vgl. ~Gesta rom. c.~ 114.

Das Alpenvolk in der Schweitz hat noch viele Sagen bewahrt von Drachen

und Würmern, die vor alter Zeit auf dem Gebirge hausten und oftmals

verheerend in die Thäler herabkamen. Noch jetzt, wenn ein ungestümer

Waldstrom über die Berge stürzt, Bäume und Felsen mit sich reißt,

pflegt es in einem tiefsinnigen Sprüchwort zu sagen: +“es ist ein Drach

ausgefahren.”+ Folgende Geschichte ist eine der merkwürdigsten:

Ein Binder aus Lucern ging aus, Daubenholz für seine Fässer zu suchen.

Er verirrte sich in eine wüste, einsame Gegend, die Nacht brach ein

und er fiel plötzlich in eine tiefe Grube, die jedoch unten schlammig

war, wie in einen Brunnen hinab. Zu beiden Seiten auf dem Boden waren

Eingänge in große Höhlen; als er diese genauer untersuchen wollte,

stießen ihm zu seinem großen Schrecken zwei scheußliche Drachen

auf. Der Mann betete eifrig, die Drachen umschlangen seinen Leib

verschiedenemal, aber sie thaten ihm kein Leid. Ein Tag verstrich und

mehrere, er mußte vom 6. November bis zum 10. April in Gesellschaft

der Drachen harren. Er nährte sich gleich ihnen von einer salzigten

Feuchtigkeit, die aus den Felsenwänden schwitzte. Als nun die

Drachen witterten, daß die Winterzeit vorüber war, beschlossen sie

auszufliegen. Der eine that es mit großem Rauschen und während der

andere sich gleichfalls dazu bereitete, ergriff der unglückseelige

Faßbinder des Drachen Schwanz, hielt fest daran und kam aus dem

Brunnen mit heraus. Oben ließ er los, wurde frei und begab sich wieder

in die Stadt. Zum Andenken ließ er die ganze Begebenheit auf einen

Priesterschmuck sticken, der noch jetzt in des heil. Leodagars Kirche

zu Lucern zu sehen ist. Nach den Kirchenbüchern hat sich die Geschichte

im Jahr 1420 zugetragen.

217.

Winkelried und der Lindwurm.

+Etterlin’s+ Chronik. Basel 1764. S. 12. 13.

~+Stumpf+ chron. Helvet. VII. cap.~ 2.

+Joh. Müller+ Schweiz. Gesch. I. 514.

~+Scheuchzer+ l. c. p.~ 389. 390.

In Unterwalden beim Dorf Wyler hauste in der uralten Zeit ein

scheußlicher Lindwurm, welcher alles was er ankam, Vieh und Menschen

tödtete und den ganzen Strich verödete, dergestalt, daß der Ort

selbst davon den Namen +Ödwyler+ empfing. Da begab es sich, daß

ein Eingeborener, +Winkelried+ geheißen, als er einer schweren

Mordthat halben landesflüchtig werden müssen, sich erbot, den Drachen

anzugreifen und umzubringen, unter der Bedingung, wenn man ihn nachher

wieder in seine Heimath lassen würde. Da wurden die Leute froh und

erlaubten ihm wieder in das Land; er wagt’ es und überwand das

Ungeheuer, indem er ihm einen Bündel Dörner in den aufgesperrten Rachen

stieß. Während es nun suchte diesen auszuspeien und nicht konnte,

versäumte das Thier seine Vertheidigung, und der Held nutzte die

Blößen. Frohlockend warf er den Arm auf, womit er das bluttriefende

Schwert hielt und zeigte den Einwohnern die Siegesthat, da floß das

giftige Drachenblut auf den Arm und an die bloße Haut und er mußte

alsbald das Leben lassen. Aber das Land war errettet und ausgesöhnt;

noch heutigestags zeigt man des Thieres Wohnung im Felsen und nennt sie

die Drachenhöhle.

218.

Der Lindwurm am Brunnen.

Mündlich von einem Bauer aus Oberbirbach.

Zu Frankenstein, einem alten Schlosse anderthalb Stunden weit von

Darmstadt, hausten vor alten Zeiten drei Brüder zusammen, deren

Grabsteine man noch heutiges Tags in der oberbirbacher Kirche siehet.

Der eine der Brüder hieß Hans und er ist ausgehauen, wie er auf einem

Lindwurm steht. Unten im Dorfe fließt ein Brunnen, in dem sich sowohl

die Leute aus dem Dorf als aus dem Schloß ihr Wasser holen müssen;

dicht neben den Brunnen hatte sich ein gräßlicher Lindwurm gelagert,

und die Leute konnten nicht anders Wasser schöpfen, als dadurch, daß

sie ihm täglich ein Schaf oder ein Rindvieh brachten; so lang der

Drache daran fraß, durften die Einwohner zum Brunnen. Um diesen Unfug

aufzuheben, beschloß Ritter Hans, den Kampf zu wagen; lange stritt

er, endlich gelang es ihm, dem Wurme den Kopf abzuhauen. Nun wollte

er auch den Rumpf des Unthiers, der noch zappelte, mit der Lanze

durchstechen, da kringelte sich der spitzige Schweif um des Ritters

rechtes Bein und stach ihn gerade in die Kniekehle, die einzige Stelle,

welche der Panzer nicht deckte. Der ganze Wurm war giftig und Hans von

Frankenstein mußte sein Leben lassen.

219.

Das Drachenloch.

~+Scheuchzer+ l. c. III. p.~ 383. 384.

~+Cysati+~ Beschr. des IV. Waldstädtersee p. 175. aus ~+Jac. Man.+

hist. Austriae~.

~+Athanas. Kircher+ mund. subt. VIII. p.~ 94. aus +Cysat+.

~+Wagner+ hist. nat. Helvetiae p.~ 246.

+Joh. Müller+ Schweizer-Gesch. II. 440. Not. 692.

Bei Burgdorf im Bernischen liegt eine Höhle, genannt das Drachenloch,

worin man vor alten Zeiten bei Erbauung der Burg zwei ungeheure Drachen

gefunden haben soll. Die Sage berichtet: Als im Jahr 712. zwei Gebrüder

+Syntram+ und +Beltram+ (nach andern Guntram und Waltram genannt),

Herzöge von Lensburg, ausgingen zu jagen, stießen sie in wilder und

wüster Waldung auf einen hohlen Berg. In der Höhlung lag ein ungeheurer

Drache, der das Land weit umher verödete. Als er die Menschen gewahrte,

fuhr er in Sprüngen auf sie los und im Augenblick verschlang er

Bertram, den jüngeren Bruder, lebendig. Syntram aber setzte sich kühn

zur Wehr und bezwang nach heißem Kampf das wilde Gethier, in dessen

gespaltenem Leib sein Bruder noch ganz lebendig lag. Zum Andenken

ließen die Fürsten am Orte selbst eine Capelle der heil. Margaretha

gewidmet bauen und die Geschichte abmahlen, wo sie annoch zu sehen ist.

220.

Die Schlangenkönigin.

+Wyß+ S. 148-184.

Ein Hirtenmädchen fand oben auf dem Fels eine kranke Schlange liegen,

die wollte verschmachten. Da reichte es ihr mitleidig seinen Milchkrug,

die Schlange leckte begierig und kam sichtbar zu Kräften. Das Mädchen

ging weg und bald drauf geschah es, daß ihr Liebhaber um sie warb,

allein ihrem reichen, stolzen Vater zu arm war und spöttisch abgewiesen

wurde, bis er auch einmal so viel Heerden besäße, wie der alte Hirt.

Von der Zeit an hatte der alte Hirt kein Glück mehr, sondern lauter

Unfall; man wollte des Nachts einen feurigen Drachen über seinen Fluren

sehen und sein Gut verdarb. Der arme Jüngling war nun eben so reich und

warb nochmals um seine Geliebte, die wurde ihm jetzt zu Theil. An dem

Hochzeittag trat eine Schlange ins Zimmer, auf deren gewundenem Schweif

eine schöne Jungfrau saß, die sprach, daß sie es wäre, der einstmal die

gute Hirtin in der Hungersnoth ihre Milch gegeben, und aus Dankbarkeit

nahm sie ihre glänzende Krone vom Haupt ab und warf sie der Braut in

den Schooß. Sodann verschwand sie, aber die jungen Leute hatten großen

Segen in ihrer Wirthschaft und wurden bald wohlhabend.

221.

Die Jungfrau im Oselberg.

~+Crusii+ analecta paralipom. c. 17. p. 68.~

Zwischen Dinkelsbühl und Hahnkamm stand auf dem Oselberg vor alten

Zeiten ein Schloß, wo eine einige Jungfrau gelebt, die ihrem Vater

als Wittiber Haus hielt und den Schlüssel zu allen Gemächern in ihrer

Gewalt gehabt. Endlich ist sie mit den Mauern verfallen und umkommen,

und das Geschrei kam aus, daß ihr Geist um das Gemäuer schwebe und

Nachts an den vier Quatembern in Gestalt einer Fräulein, die ein

Schlüsselbund an der Seite trägt, erscheine. Dagegen sagen alte Bauern

dieser Orte aus, von ihren Vätern gehört zu haben, diese Jungfer sey

eines alten Heiden Tochter gewesen und in eine abscheuliche Schlange

verwünscht worden; auch werde sie in Weise einer Schlange, mit

Frauenhaupt und Brust, ein Gebund Schlüssel am Hals, zu jener Zeit

gesehen.

222.

Der Krötenstuhl[12].

Die Brautschau, ein Mährlein von C.F.W. Magdeburg 1796.

Auf Nothweiler, einer elsäßischen Burg im Wasgau, lebte vor alten

Zeiten die schöne Tochter eines Herzogs, die aber so stolz war, daß sie

keinen ihrer vielen Freier gut genug fand und viele umsonst das Leben

verlieren mußten. Zur Strafe wurde sie dafür verwünscht und muß so

lang auf einem öden Felsen hausen, bis sie erlöst wird. Nur einmal die

Woche, nämlich den Freitag, darf sie sichtbar erscheinen, aber einmal

in Gestalt einer Schlange, das zweitemal als Kröte und das drittemal

als Jungfrau in ihrer natürlichen Art. Jeden Freitag wascht sie sich

auf dem Felsen, der noch heutigestags der +Krötenstuhl+ heißt, an einem

Quellborn und sieht sich dabei in die Weite um, ob niemand nahe, der

sie erlöse. Wer das Wagstück unternehmen will, der findet oben auf dem

Krötenstuhl eine Muschel mit drei Wahrzeichen: einer Schlangenschuppe,

einem Stück Krötenhaut und einer gelben Haarlocke. Diese drei Dinge bei

sich tragend, muß er einen Freitag Mittag in die wüste Burg steigen,

warten bis sie sich zu waschen kommt und sie drei Wochen hintereinander

in jeder ihrer Erscheinungen auf den Mund küssen, ohne zu entfliehen.

Wer das aushält, bringt sie zur Ruhe und empfängt alle ihre Schätze.

Mancher hat schon die Merkzeichen gefunden und sich in die Trümmer der

alten Burg gewagt, und viele sind vor Furcht und Greuel umgekommen.

Einmal hatte ein kühner Bursch schon den Mund der Schlange berührt und

wollte auf die andre Erscheinung warten, da ergriff ihn Entsetzen und

er rannte bergab; zornig und raschelnd verfolgte sie ihn als Kröte bis

auf den Krötenstuhl. Sie bleibt übrigens die Länge der Zeit hindurch

wie sie war und altert nimmer. Als Schlange ist sie am gräßlichsten und

nach dem Spruch des Volks “groß wie ein Wieschbaum (Heubaum), als Krott

groß wie ein Bachofen und da spaucht sie Feuer.”

[12] In den gemeinen Mundarten heißt der Waldschwamm: +Kröten+-, oder

+Paddenstuhl+.

223.

Die Wiesenjungfrau.

Mündlich, aus Hessen.

Deutsche Sagen · 第 17 / 26 段